Kisses from the Guy next Door - Piper Rayne - E-Book

Kisses from the Guy next Door E-Book

Piper Rayne

0,0
4,99 €

Beschreibung

Was tun, wenn man per Textnachricht vor dem Altar abserviert wird?

Brooklyn Bailey träumt seit dem Tod ihrer Eltern nur von einem: einer eigenen Familie. Doch ihr Traum zerplatzt, als sie von ihrem Verlobten Jeff verlassen wird, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Wyatt Whithmore ist eigentlich nur vorübergehend in Lake Starlight. Niemals hätte er damit gerechnet, in Alaska jemandem wie Brooklyn zu begegnen.

Wyatt ist der Typ Mann, der sich auf nichts Festes einlässt. Brooklyn ist die Art Frau, die sich für immer bindet. Und doch fühlen sie sich unwiderruflich zueinander hingezogen.

Das kann nicht gut gehen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 479

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Kisses from the Guy next Door

Die Autorin

PIPER RAYNE ist das Pseudonym zweier USA Today Bestseller-Autorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Heldinnen, die sie zum Lachen bringen, und viel heiße Action. Und sie hoffen, du liebst das auch!

Das Buch

Was tun, wenn man per Textnachricht vor dem Altar abserviert wird?

Brooklyn Bailey träumt seit dem Tod ihrer Eltern nur von einem: einer eigenen Familie. Doch ihr Traum zerplatzt, als sie von ihrem Verlobten Jeff verlassen wird, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Wyatt Whithmore ist eigentlich nur vorübergehend in Lake Starlight. Niemals hätte er damit gerechnet, in Alaska jemandem wie Brooklyn zu begegnen.

Wyatt ist der Typ Mann, der sich auf nichts Festes einlässt. Brooklyn ist die Art Frau, die sich für immer bindet. Und doch fühlen sie sich unwiderruflich zueinander hingezogen.

Das kann nicht gut gehen …

Piper Rayne

Kisses from the Guy next Door

Roman

Aus dem Amerikanischen von Cherokee Moon Agnew

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Deutsche Erstausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin August 2020 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020Titel der amerikanischen Originalausgabe: Advice from a Jilted Bride© 2019 by Piper Rayne

Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Übersetzung: Cherokee Moon AgnewE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-516-6

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

BROOKLYN

Kapitel 2

WYATT

Kapitel 3

BROOKLYN

Kapitel 4

WYATT

Kapitel 5

BROOKLYN

Kapitel 6

WYATT

Kapitel 7

WYATT

Kapitel 8

BROOKLYN

Kapitel 9

WYATT

Kapitel 10

BROOKLYN

Kapitel 11

WYATT

Kapitel 12

BROOKLYN

Kapitel 13

WYATT

Kapitel 14

BROOKLYN

Kapitel 15

WYATT

Kapitel 16

BROOKLYN

Kapitel 17

WYATT

Kapitel 18

BROOKLYN

Kapitel 19

WYATT

Kapitel 20

WYATT

Kapitel 21

BROOKLYN

Kapitel 22

WYATT

Kapitel 23

BROOKLYN

Kapitel 24

WYATT

Kapitel 25

BROOKLYN

Kapitel 26

BROOKLYN

Kapitel 27

WYATT

Kapitel 28

BROOKLYN

Kapitel 29

WYATT

Kapitel 30

BROOKLYN

Kapitel 31

WYATT

Kapitel 32

BROOKLYN

Kapitel 33

WYATT

Kapitel 34

BROOKLYN

Kapitel 35

BROOKLYN

Kapitel 36

WYATT

Kapitel 37

BROOKLYN

Kapitel 38

WYATT

Kapitel 39

BROOKLYN

Kapitel 40

WYATT

Kapitel 41

BROOKLYN

Kapitel 42

WYATT

Kapitel 43

BROOKLYN

Kapitel 44

BROOKLYN

Kapitel 45

WYATT

Kapitel 46

BROOKLYN

Kapitel 47

WYATT

Kapitel 48

BROOKLYN

Kapitel 49

WYATT

Kapitel 50

WYATT

Kapitel 51

BROOKLYN

Kapitel 52

BROOKLYN

Epilog

BROOKLYN

Und zum Schluss noch ein wenig Einhorn-Geschwafel …

Leseprobe: Flirting with Fire

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 1

BROOKLYN

Einsam.Verlassen.Ungewollt.

Diese drei Wörter gehen mir immer wieder durch den Kopf, als mich meine jüngere Schwester Juno in meinem weißen Prinzessinnenkleid auf den Rücksitz des SUV meiner großen Schwester Savannah stopft.

Es muss doch irgendwelche Anzeichen gegeben haben, dass mein Verlobter Jeff nicht glücklich war. Aber ich kann mich nur an sein Lächeln, seine Küsse, seine Umarmungen und sein Lachen erinnern. Nun ja, sonderlich viel hat er nicht gelacht. Jeff ist nicht gerade der unbeschwerte, lachende Typ. Er ist das genaue Gegenteil von meinen Brüdern. Doch im Moment reißen selbst sie keine Witze.

»Macht bloß keine Dummheiten!«, ruft Juno den Jungs über die Motorhaube zu und klettert neben Savannah auf den Beifahrersitz.

»Er ist ganz offensichtlich lebensmüde«, erwidert Austin und steigt gemeinsam mit meinen drei anderen Brüdern in seinen Jeep. Die Jacketts haben sie mittlerweile ausgezogen, die Krawatten hängen lose um ihre Hälse. Der Jeep fährt aus der Parklücke des kleinen Parkplatzes vor der Kirche, kommt kurz ins Schlingern, brettert auf zwei Rädern um die Kurve und die Main Street hinab.

Meine Brüder besitzen einen starken Beschützerinstinkt, und Austin mochte Jeff von Anfang an nicht.

»Alles wird gut.« Juno streckt die Hand nach hinten und tätschelt mein Knie durch die Millionen Lagen Tüll.

Savannah blickt mich über den Rückspiegel an und lächelt zuversichtlich. Eigentlich wollte sie bleiben und Familie und Freunden Bescheid geben, aber ich glaube, Juno hatte Angst, sich allein um mich zu kümmern. Also haben wir es unserem Onkel Brian überlassen, allen mitzuteilen, dass es keine Hochzeit geben wird. Meine Grandma Dori, meine Zwillingsschwestern Phoenix und Sedona und Austins Freundin Holly sind dortgeblieben, um den Blumenschmuck abzunehmen.

»Alles in Ordnung. Mir geht’s gut.«

Das ist eine Lüge. Ich weiß es – und sie wissen es auch. Aber ich versuche, mich zusammenzureißen. Jetzt vor allen zusammenzubrechen würde alles nur noch schlimmer machen, als es ohnehin schon ist.

Durch das Rückfenster des SUV beobachte ich, wie sich die Kirchentür öffnet, die Leute mit verwirrten Gesichtern herauskommen und die Treppe heruntergehen.

Danke, Onkel Brian.

Juno richtet sich auf dem Beifahrersitz gerade auf und wirft Savannah einen Blick zu. Seit ich die Nachricht von Jeff bekommen habe, verständigen sie sich ohne Worte. Ja, richtig. Das Arschloch hat mich an unserem Hochzeitstag per Textnachricht abserviert.

Dass ich so ruhig bleibe, lässt bei meinen Schwestern anscheinend die Alarmglocken schrillen. Interpretiert meine Gelassenheit nicht falsch. Sie ist kein gutes Zeichen. Am liebsten würde ich jetzt schreien und toben. Und wenn Jeff jetzt vor mir stünde, würde ich mit meinem Brautstrauß auf ihn eindreschen, wie es Carrie bei Big getan hat, als er sie im Sex and the City-Film vor allen bloßgestellt hat.

Aber Jeff ist nicht hier, denn er ist ein Feigling.

Alles, was ich habe, ist die Nachricht, die er mir fünf Minuten vor der Trauung geschickt hat. Und das, nachdem meine Familie einen Arsch voll Geld für eine riesige Hochzeit ausgegeben hat, die ich nicht mal wollte. Ich wollte eine Feier im kleinen Rahmen, aber neeeiiin … Jeff wollte, dass die ganze Stadt Zeuge unserer Vermählung wird – und jetzt meiner Demütigung.

Eine SMS … und das, nachdem ich in aller Herrgottsfrühe aufgestanden bin, um mir die Haare machen zu lassen. Nachdem ich mir einen weißen Seidenslip angezogen und mir vorgestellt habe, wie er ihn mir heute Nacht auszieht. Nachdem mir eine nette belgische Dame ein Brazilian Waxing verpasst hat.

Was für ein Arschloch! Dass ich es nur für ihn getan habe, macht mich noch wütender.

»Wir fahren zurück nach Hause.« Savannah setzt den Blinker, um zu unserem Elternhaus abzubiegen.

Aber da will ich bestimmt nicht hin. »Nein, fahr zum Apartment.«

Juno sieht mich unsicher an. »Ich glaube, das ist keine gute Idee. Lass uns lieber zum Haus fahren und dort auf die Jungs warten.«

»Hoffentlich wird keiner verhaftet«, murmelt Savannah. »Das ist das Letzte, was Bailey Timber jetzt gebrauchen kann. Dass wieder einer von uns verhaftet wird.«

»Jetzt, da du nur noch To-go-Becher benutzt, dürfte nichts mehr passieren«, erwidert Juno lachend und erinnert Savannah daran, wie sie ihrem Erzfeind eine Kaffeetasse ins Gesicht geworfen und ein paar Stunden im Knast verbracht hat.

Savannah zeigt ihr den Mittelfinger.

Typisch, dass meine Familie ausgerechnet dann ein weiteres sensibles Thema anschneidet, wenn mein Leben gerade auseinanderfällt. Vielleicht liegt es daran, dass wir schon so viel Tragisches erlebt haben, dass wir alles tun, damit sich eine furchtbare Situation weniger schlimm anfühlt.

Savannah missachtet meine Anweisung und fährt weiter in Richtung Haus.

»Sav, zum Apartment.«

»Ich glaube ni…«

»SOFORT!«

Wieder wirft sie mir über den Rückspiegel einen Blick zu. Sie hatte noch nie Angst vor mir. Und ich bin nicht sicher, ob sie jetzt Angst hat. Seit meine Eltern vor zehn Jahren gestorben sind, musste sie schon oft Mamabär spielen.

»Ich muss wissen, ob er dort ist. Ich will Antworten«, füge ich ein wenig sanfter hinzu. Ich starre auf mein Smartphone, das ich immer noch fest umklammert halte. Eine verdammte Textnachricht. Es überrascht mich nicht, dass er nicht die Eier hatte, es mir ins Gesicht zu sagen. Jeff ist nicht der Typ, der die direkte Konfrontation herausfordert. Trotzdem. Ich dachte, er würde mich lieben. Und das schmerzt mich am meisten. Dass ich offensichtlich so falschlag.

»Scheiß auf den Mistkerl«, sagt Savannah.

Wieder sieht mich Juno mitleidig an. »Falls es dir dann besser geht, fahren wir hin.« Sie drückt meine Hand, dreht sich wieder um und gibt Savannah mit einem Blick zu verstehen, dass sie auf mich hören soll.

Savannah schnaubt. Sie ist zwar ein Kontrollfreak, dreht aber um und fährt in Richtung Wohnung, für die ich erst letzte Woche mit Jeff den Mietvertrag unterschrieben habe.

Warum hat er da nichts gesagt? Zum Beispiel: »Hey, die ganze Sache mit der Hochzeit? Ich weiß nicht, ob ich wirklich dazu bereit bin.«

Es dauert noch ungefähr zehn Minuten, bis wir vor den weißen Wohnhäusern ankommen. Jedes Apartment verfügt über einen Balkon, manche davon mit Blick auf Lake Starlight. Wir haben uns für die teurere Miete und die bessere Aussicht entschieden. Jeff meinte, er würde die App, die er seit über einem Jahr entwickelt, bald verkaufen und wir könnten es uns leisten.

»Ich sag’s noch mal. Ich halte das für keine gute Idee.« Savannah zieht den Zündschlüssel ab. Wir blicken an dem Haus empor, in dem ich meine Zukunft hätte verbringen sollen. Es war unser Start in ein gemeinsames Leben, als wir den Vertrag unterschrieben haben. Ich habe mir vorgestellt, wie wir irgendwann einmal mit unseren Kindern auf dem Rücksitz daran vorbeifahren und ihnen zeigen, wo alles begonnen hat. Sie hätten vor Langeweile die Augen verdreht, und dann wären wir nach Hause gefahren in unser Einfamilienhaus mit dem großen Garten und einem niedlichen Schild an der Haustür mit der Aufschrift »Hier wohnen die Brickles«.

Was für eine Scheiße.

Ich öffne die Autotür. Ich hätte mir mehr Gedanken um die Ausmaße meines Kleids machen sollen, doch schließlich habe ich nicht damit gerechnet, darin den »Walk of Shame« antreten zu müssen.

Mein Blick richtet sich auf den kleinen Balkon seitlich des Gebäudes. Jeff meinte, er wolle einen Grill kaufen und für mich einen Stuhl, damit ich ihm dabei zusehen könne, wie er seine berühmt-berüchtigten Burger grillt.

Meine Schwestern steigen aus dem Wagen und murmeln sich hinter mir etwas zu. Savannah findet immer noch, dass ich das Falsche tue, doch Juno erwidert, ich müsse es früher oder später sowieso tun.

Ich krame in meiner Handtasche nach den Schlüsseln. Zwei Schlüssel an einem Herzanhänger. Wie naiv war ich bitte? Ich verdrehe die Augen, stecke den Hauptschlüssel ins Schloss und drehe den Türknauf.

Als wir letzte Woche eingezogen sind, hat das Foyer nach Blumen und Zukunft geduftet. Jetzt riecht es nur noch nach Einsamkeit und Verzweiflung, während ich die Stufen hochgehe.

»Pass auf dein Kleid auf«, sagt Juno.

»Warum? Wir werden es heute Abend sowieso verbrennen«, erwidert Savannah.

Ich hebe es vorn ein wenig an. Warum habe ich mich noch mal für den Cinderella-Stil entschieden? Was für eine Geldverschwendung.

Als wir den obersten Stock erreichen, mustere ich die Nummer auf unserem Türschild. Ich dachte, es wäre ein Zeichen. Der Hochzeitstag meiner Eltern. Drei zweiundzwanzig. Sie haben am zweiundzwanzigsten März geheiratet. Diese Zahl hatte für sie etwas Magisches. Ich hatte gehofft, mir würde sie auch Glück bringen. Kopfschüttelnd stecke ich den Schlüssel ins Schloss.

Juno legt die Hand auf meine. »Bist du sicher, dass du bereit bist?«

Ich sehe sie an. Keiner würde denken, dass wir Schwestern sind. Sie hat kastanienbraunes Haar, während ich blond bin. Sie hat grüne Augen, ich blaue. Aber wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass wir ähnliche Nasen und das gleiche Lächeln haben. Aber das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Ich nicke. »Ich hab’s euch doch gesagt. Alles gut.«

Juno macht einen Schritt zurück, und ich öffne die Tür zu der Wohnung, die mein zukünftiges Zuhause hätte werden sollen.

Wir betreten das Apartment. Die Tür fällt automatisch ins Schloss.

Hier drin ist es nicht annähernd so hell, wie ich es in Erinnerung hatte. Alles wirkt kleiner und abgewohnter.

»Ich gehe runter und spreche mit dem Vermieter. Ich hole dich aus diesem Vertrag raus«, sagt Savannah. Und weg ist sie.

»Sie ist im Schadensbegrenzungsmodus.« Juno legt die Hand auf meine Schulter. Ich ignoriere das Kribbeln in meiner Nase. »Soll ich uns am Kiosk einen Drink besorgen?«

Mein Blick wandert zum Sofa, das wir uns gegenseitig als Hochzeitsgeschenk gekauft haben.

Ich lächle Juno an. »Das wäre super. Danke.«

»Wird gemacht.« Auf dem Weg zur Tür klackern ihre Absätze übers Parkett. Ein weiterer Grund, warum wir die Wohnung genommen haben. »Bist du sicher? Ich meine, kann ich dich allein lassen?«

Lächelnd drehe ich mich zu ihr um. »Ja. Savannah ist bestimmt gleich zurück.«

Meine Antwort und mein Lächeln scheinen sie zu beruhigen, also geht sie.

Das Schweigen, das den Raum erfüllt, kreischt in mir wie ein Nagel, der über eine Tafel kratzt. Ich lasse den Blick durch das kleine Apartment schweifen. Jeffs Jackett von gestern hängt noch überm Stuhl. Die Tasse, aus der er heute Morgen getrunken hat, steht in der Spüle. Hat er den Kaffee geschlürft, während er mir geschrieben hat? Wieder starre ich ungläubig aufs Handy.

»Feigling«, sage ich, und meine Stimme hallt durch das noch halb leere Apartment.

Ich nehme die Kaffeetasse und überprüfe, ob ich Lippenstift daran finde. Welchen Grund sollte es sonst geben? Es muss eine andere Frau sein.

Die Vorstellung, dass ihm jemand eingeredet hat, mich zu verlassen, ist erträglicher als der Gedanke, dass er die Entscheidung selbst getroffen hat. Gestern Abend hat er mir auf der Veranda meines Elternhauses noch einen Abschiedskuss gegeben. Woher also der plötzliche Sinneswandel?

Aber ich finde nichts, was auf eine andere Frau hindeutet.

Ich lege das Handy auf den Tisch und feuere die Kaffeetasse durchs Zimmer. Das Klirren hebt leicht meine Stimmung. Ein Stück von ihm. Ein Stück von unserer gemeinsamen Zukunft. Weg. Mein Gott, das fühlt sich gut an.

Ich greife nach seinem Jackett, zerre so fest am Stoff, dass der Ärmel abreißt und werfe das Stück Stoff zu Boden. Ich durchsuche die Taschen nach einer Serviette mit einer Telefonnummer. Doch nichts.

Ich schlüpfe aus meinen High Heels und stürme den Flur hinab ins Schlafzimmer.

Wie ein Puma stürze ich mich aufs Bett, schnappe mir das Kissen und rieche daran. Doch auch hier nichts. Kein Damenparfum. Ich werfe es beiseite, schnappe mir das andere Kissen und schmeiße es ebenfalls zu Boden. Ich öffne alle Schubladen, finde aber nur die Kondompackung, die wir an dem Abend gekauft haben, als wir unsere Möbel hergebracht haben. Ich eile ins Badezimmer und öffne den Medizinschrank. Parfumflakons und Aspirindosen landen klirrend auf den Fliesen. Wie eine Verrückte durchwühle ich den Müll, doch ich finde nur ein blutiges Stück Toilettenpapier. Wahrscheinlich hat er sich beim Rasieren geschnitten. Hat er da entschieden, dass ich nicht die Richtige für ihn bin?

Da ich auch hier keine Beweise dafür finde, dass er eine andere hat, stürme ich ins Ankleidezimmer – dem Hauptgrund, warum ich den Mietvertrag unterschrieben habe. Seine Klamotten hängen auf der einen Seite, meine auf der anderen. Ich habe wie ein Honigkuchenpferd gegrinst, nachdem wir unsere Klamotten aufgehängt hatten. Seit ich sechzehn bin, habe ich von so etwas geträumt.

Ich reiße seine Pullover und die schrecklichen Star Wars-T-Shirts aus dem Regal. Dann öffne ich die Schubladen und befördere seine Socken, Unterhosen und alles, was ihm sonst noch gehört, zu Boden.

»Fick dich, Jeff Brickle!«

Nachdem ich noch immer nichts gefunden habe, sinke ich zu Boden, begutachte zuerst meine ordentlich aufgereihten Klamotten, dann sein Chaos.

Mein Hals und meine Brust ziehen sich so zusammen, dass ich kaum noch atmen kann.

Ich nehme einen Armvoll Klamotten, stapfe aus dem Ankleidezimmer und ins Wohnzimmer. Dann trete ich hinaus auf den Balkon, werfe sie über die Brüstung und stürme wieder hinein, um die nächste Ladung zu entsorgen.

»Ich beseitige dich aus meinem Leben!« Noch mehr von seinen hässlichen Klamotten fliegen über das Geländer.

»Brook!«, schreit Savannah von unten.

Ich ignoriere sie und sammle weiter alles ein, was Jeff gehört. Seine ach so wertvolle Star Wars-Sammlung. Sein dummer Wecker, der immer seine bescheuerte Musik spielt.

Ich bin gerade wieder auf dem Weg hinaus auf den Balkon, als Savannah zur Tür hereinstürmt. Inzwischen ist ihre perfekte Frisur ruiniert. »Brooklyn. Hör auf.«

Der Mann zu ihrer Rechten ist der, mit dem wir den Vertrag unterschrieben haben.

Ich werfe alles, was ich in der Hand habe, über die Balkonbrüstung.

»Bitte, Miss Bailey. Sie müssen aufhören. Sie könnten sonst noch einen anderen Anwohner verletzen.«

Ich atme tief ein. »Wie konnten Sie nur zulassen, dass ich diesen Vertrag unterschreibe? Sie haben doch bestimmt ein Gespür für solche Sachen. Ich meine, er hat unsere Hochzeit abgeblasen! Und Sie haben nichts geahnt, als Sie mit Ihrem Stift auf die gestrichelte Linie gedeutet haben?«

»Tut mir leid«, sagt Savannah zu dem Mann.

»Mir tut es nicht leid.« Ich richte den Zeigefinger auf den Hausverwalter. »Sie sollten mich sofort aus diesem Vertrag rauslassen. Das ist das Mindeste, was Sie tun können!«

Ich schnappe mir den Sci-Fi-Schinken, von dem Jeff behauptet, er sei besser als alle meine Romanzen. Spätestens da hätte ich merken müssen, dass wir nicht zusammenpassen.

Der Hausverwalter spurtet zur Balkontür und verschließt sie.

»Ich bitte Sie.« Mit ängstlichem Blick stellt er sich mir in den Weg. Wenn ich noch einen Schritt mache, wird er bestimmt beiseite gehen. Ich weiß, dass ich mich jetzt beruhigen muss, aber ich kann einfach nicht.

»Was zum Teufel?« Juno kommt herein, in jeder Hand hält sie eine braune Papiertüte.

Auch ihre Strähnen sind inzwischen aus den niedlichen Haarspangen gerutscht, die ich mit Kunstblumen beklebt habe. Was für eine verdammte Zeitverschwendung!

Ich feuere Jeffs Buch zur Wohnungstür hinaus. Juno kann zum Glück rechtzeitig ausweichen. Sie hatte schon immer gute Reflexe.

»FUCK!«, schreit eine männliche Stimme aus dem Korridor. Savannah reißt die Augen auf und dreht sich um. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und hoffe inständig, dass es einer von meinen Brüdern ist. Juno stellt die Papiertüten auf den Tisch und geht Savannah hinterher.

Der Hausverwalter robbt an der Wand entlang, damit er der besessenen Braut nicht zu nahekommt, und eilt dann ebenfalls zur Tür.

»Was zum Teufel soll das?«, fragt eine tiefe Männerstimme.

Der Typ, den ich offenbar getroffen habe, erscheint im Türrahmen. In der einen Hand hält er Jeffs Buch, mit der anderen reibt er sich den Kopf. Eine schmale Blutspur rinnt über seine Finger.

»Oh, es tut uns schrecklich leid!« Savannah übernimmt die Zügel, denn sie ist die Krisenmanagerin unter den Baileys.

»Ach, tatsächlich?« Seine große Gestalt füllt den kompletten Türrahmen aus. Er trägt eine Stoffhose, dazu ein Hemd, das er nicht in den Hosenbund gesteckt hat. Man könnte meinen, er wäre einer der Hochzeitsgäste.

Er hat einen Dreitagebart, und sein Haar ist ordentlich gestylt – bis auf eine Stelle. Da habe ich ihn wahrscheinlich mit dem Buch erwischt.

»Es tut mir leid. Wirklich«, sage ich und mache einen Schritt auf ihn zu.

Sein Blick wandert von Savannah zu mir. Er blinzelt ein paar Mal, als würde er seinen Augen nicht trauen. Dann blickt er leise lachend an sich herab. »Nope. Ich bin weder nackt, noch trage ich einen Anzug. Kurz dachte ich, mein größter Albtraum wäre wahr geworden.«

Ich werfe die Arme in die Luft. »Großartig. Genau das, was ich jetzt brauche. Noch ein Mann mit Bindungsangst!«

»Ich hole dir ein wenig Eis.« Juno eilt in die Küche. »Oh, eine zerbrochene Kaffeetasse.« Sie hebt eine Scherbe auf und hält sie Savannah hin. »Was hat unsere Familie nur gegen Kaffeetassen?«

Doch keiner lacht.

Ich stürme den Flur hinab ins Schlafzimmer und knalle die Tür hinter mir zu. Ich weiß, dass es nur der zweitschlimmste Tag meines Lebens ist. Der schlimmste war der, als ich meine Eltern verloren habe. Doch im Moment fühlt es sich an, als könnte es nicht noch schlimmer kommen.

Kapitel 2

WYATT

Ich passiere das Ortsschild von Lake Starlight und lasse meinen Nacken knacken. Laut Schild ist das hier mein neues Zuhause. Ich weiß es nur noch nicht. Wie auch immer.

Das Kleinstadtleben ist nichts für mich. Das einzig Spannende, was ich gesehen habe, seit ich den Wagen am Flughafen gemietet habe, waren die Ziegen, die auf einem Hügel grasten. Doch ich habe angebissen und – wie ein paar andere auch – am Wegesrand geparkt und eine Babyziege dabei beobachtet, wie sie ihrer Mommy oder ihrem Daddy gefolgt ist. Da war ich nicht ganz sicher. Hat das eine Geschlecht Hörner und das andere nicht?

Seht ihr? Ich bin nicht gemacht für dieses Leben. Aber ich muss zugeben, dass es interessant war. Es war zwar kein Elch, aber allemal besser als die Arschritzen der Straßenverkäufer, die ich in New York jeden Tag zu sehen bekomme.

Mein Handy klingelt über den Bluetooth-Lautsprecher.

»Hey, Mom«, melde ich mich.

»Wyatt. Bist du gut gelandet?«

»Ja, sorry. Alles hier ist, als würde man einen Zahn mit einer Zange und ohne Betäubung ziehen.«

Sie kichert. »Genieß es. Vielleicht gefällt dir ja die Entschleunigung.«

»Unwahrscheinlich.« Kaum habe ich Lake Starlight erreicht, bin ich auch schon direkt in der »Innenstadt«, die mich an Stars Hollow erinnert.

Ja, ich kenne die Gilmore Girls und Stars Hollow. Ich habe eine Schwester, die mich früher ausspioniert und mich dann erpresst hat, damit ich ihr die Kontrolle über den Fernseher überlasse. Mom hatte diese absurde Ein-Fernseher-Regel – und das in einer Villa mit zehn Schlafzimmern. Mom hat schon immer lieber gelesen. Jetzt, da ich erwachsen bin, kann ich sie ein bisschen besser verstehen. Zum Glück muss sich jetzt Bradley, Haylees Verlobter, mit ihr herumschlagen.

»Kommst du zur Hochzeit?«, fragt Mom.

Im Moment dreht sich ihr Leben um nur zwei Dinge – die Vermählung meiner Schwester und wer mich zu dem großen Event begleiten wird.

»Ja. Darüber haben wir doch schon gesprochen.« Ich halte an einer roten Ampel.

»Und?«

»Und ich komme wahrscheinlich allein.«

»Es sei denn, du lernst in dieser niedlichen Stadt jemanden kennen.« Eifer erfüllt ihre Stimme.

»Unwahrscheinlich.«

Sie atmet laut und lange aus. »Wyatt, ich habe keine Ahnung, warum du so auf dieses Junggesellendasein bestehst. Sind wir denn kein gutes Vorbild dafür gewesen, wie wertvoll eine feste Beziehung sein kann? Ich weiß. Dad und ich streiten uns auch manchmal. Aber wir lieben uns. Deine Schwester macht es richtig.«

Ich verdrehe die Augen und trete aufs Gas, als die Ampel auf Grün umspringt. »Ich schließe es ja nicht komplett aus. Aber ich habe noch einiges auf meiner Liste, bevor ich mich in Connecticut häuslich niederlassen will.«

»Für die meisten bedeutet eine Ehe nicht das Ende, Wyatt.«

»Ich bin aber nicht wie die meisten, Mom. Ich bin eben anders. Schon vergessen?«

Sie kichert erneut. Darin bin ich gut. Sie zum Lachen zu bringen.

»Das warst du schon immer. Nach der Hochzeit kommen wir dich besuchen. Ich bin schon auf deine neue Bleibe gespannt.«

Ich verdrehe die Augen und biege rechts ab zum neuesten Hotel, das mein Vater seinem Imperium hinzugefügt hat.

»Mom. Es ist ein kleines, hinterwäldlerisches Hotel. Vielleicht drei Sterne.«

»Ich habe dich zu sehr verwöhnt. Als ich noch jünger war …«

»Ja, du warst ein armes Mädchen, das um jede Brotkrume betteln musste.«

»Wyatt Whitmore. Ich verbitte mir diesen Ton. Ich meine es ernst. Du musst eine Frau finden. Dich verlieben. Nicht immer nur für dich leben. Du tust nur, was dir gefällt. Ohne Rücksicht auf andere.«

»Darum geht’s doch, wenn man Single ist.« Ich atme genervt aus. Solche Stimmungsschwankungen müssen echt anstrengend sein. Ich weiß nicht, warum meine Mom so versessen darauf ist, dass ich heirate. Und falls ich heiraten sollte, lasse ich mich bestimmt einen Monat später wieder scheiden, weil dann die Lustphase vorbei ist.

Ich erreiche das Glacier Point Resort. »Resort« ist hier ein dehnbarer Begriff. Wahrscheinlich wäre es besser, es abzureißen und neu zu bauen, doch mein Vater hat es gekauft, um der Erste in Alaska zu sein. Er will die kleinen, unabhängigen Hotels aufkaufen, bevor es einer seiner Konkurrenten tut. Er denkt, es wäre das nächste große Ausflugsziel. Das hier wird allerdings keine ein- oder zweijährige Mission. Sechs Monate. Da hat er sich ganz klar ausgedrückt. Dann startet die Skisaison.

»Du gibst mir das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein.«

Die Menopause ist für niemanden spaßig. Weder für meine Mom noch für mich.

»Bist du nicht. Aber ich bin noch keine Dreißig.«

»Aber in ein paar Monaten«, murmelt sie. Ich höre, dass sie weint.

»Ein paar Monate? Mom, bitte kauf mir noch keinen Rollator. Ich werde erst in zehn Monaten dreißig.«

Sie kichert.

Zum Glück hat sie jetzt wieder gute Laune. Ich war schon kurz davor, ihr zu versprechen, das erstbeste Mädchen zu heiraten, das ich finde. Könnt ihr euch das vorstellen? Meine Gedanken schweifen ab vom Hotel und zu der Frage, mit wem ich hier meine Nächte verbringen werde. Sechs Monate in Alaska – und in der Zwischenzeit nur ein Wochenende in New York. Vielleicht sollte ich das nächste halbe Jahr enthaltsam leben, um mich besser konzentrieren zu können. Dann könnte ich vielleicht schon in vier Monaten wieder abhauen.

»Was hat Dad gesagt? Womit sollst du anfangen?«, fragt Mom.

»Als Hotelpage. Fühlt sich an, als wäre ich Teil einer Realityshow.«

»Er will nur, dass du zu schätzen weißt, was du hast. Er hatte es nicht immer leicht im Leben, weißt du? Als er das erste Hotel gekauft hat, hatte er fünf Investoren.«

»Ich weiß, Mom. Du und Dad hattet eine schreckliche Kindheit. Schon verstanden.«

Seht euch diese ganzen Pick-ups an. Ich glaube, mein Mietwagen ist die einzige Limousine auf dem Parkplatz.

»Ich will nur, dass du glücklich bist.«

»Ich bin glücklich. Nun ja, ich werde glücklich sein, sobald ich hier fertig bin und Dad mir endlich das gibt, was er mir versprochen hat.«

Sie schweigt. Wir wissen beide, dass mein Dad seine Meinung noch ändern könnte. Er hat mir geschworen, dass – falls ich mich beweisen würde – er mir eine seiner zahlreichen Hotelketten vermachen würde. Nicht, dass ich die Kette haben wollen würde, zu der das Hotel hier in Alaska gehören wird. Teure Wolkenkratzer im Theaterviertel wären aber in Ordnung.

»Ich weiß. Aber dann kannst du ja noch mal darüber nachdenken, dir eine Frau zu suchen.«

Ich lache leise. »Sollte Liebe nicht etwas sein, das einen überraschend trifft? Ich glaube nicht, dass ich in meinem Terminkalender notieren will, wann ich die Liebe meines Lebens kennenlerne.«

Sie lacht wieder. Als ich noch klein war, habe ich immer versucht, sie mit albernen Zaubertricks oder Grimassen zum Lachen zu bringen. Das Ziel ist immer noch dasselbe, nur die Taktik hat sich inzwischen geändert.

»Wahrscheinlich nicht. Aber heutzutage laufen die Dinge anders.«

Ich verlasse den Parkplatz des Resorts, auch wenn ich es kaum erwarten kann, dass es endlich schwarze Zahlen schreibt. Ab Montag werde ich also der neue Hotelpage sein. Gibt es hier überhaupt einen Pagen? Eher nicht. Mein Vater hatte die Idee, dass ich alle Bereiche durchlaufen soll, während ich ihm berichte, was getan werden muss, wer bleiben und wer gehen soll. Ich bin sozusagen der Undercover Boss, nur dass ich nicht im Fernsehen ausgestrahlt werde.

»Okay, Mom. Ich verspreche dir, mir mit der Partnersuche ein bisschen mehr Mühe zu geben, sobald mir Dad ein paar seiner Immobilien überschrieben hat.«

Ich erwähne nicht, dass ich viele Gespräche werde führen müssen. Und mit »Gesprächen« meine ich in meinem Bett.

»Das ist der Junge, den ich so sehr liebe. Du hast ein viel zu großes Herz, Wyatt. Du musst jemanden finden, der es zu schätzen weiß.«

»Alles klar. Ich werde mich jetzt erst mal einleben. Ich muss meinen Vermieter finden. Ich hoffe, er hat die Wohnung so möbliert, wie er es versprochen hat.«

»Okay. Und halte die Augen offen. Deine zukünftige Braut könnte jederzeit und überall auftauchen.«

»Tschüss, Mom. Hab dich lieb.«

»Hab dich auch lieb.«

Ich schalte Bluetooth aus und fahre auf den Parkplatz des Gebäudekomplexes, in dem ich für ein Jahr eine Wohnung gemietet habe, obwohl ich nur sechs Monate bleiben werde. Was den Mietzeitraum angeht, war der Vermieter sehr pingelig. Als ich ihn dann auch noch um eine möblierte Wohnung gebeten habe, hat er geschnauft. Also habe ich ihm noch ein paar Tausender mehr zugeschoben.

Ich drücke auf den Funkschlüssel, um den Wagen abzuschließen. So hoch im Norden gibt es keinen Schnickschnack. Auf Stoffsitzen habe ich schon seit … vielleicht noch nie gesessen.

Während ich die Apartmentnummer suche, die mir der Vermieter genannt hat, krame ich in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Immerhin war er so freundlich, ihn per Express zu schicken. Anscheinend sind sie hier oben in den Bergen noch nicht so weit, dass man einfach einen Code eingibt.

»Was zum …?« Ein Stück Stoff landet auf meinem Kopf. Ein Männerslip, um genau zu sein. »Was zur Hölle ist das hier?« Auf dem Rasen liegen überall Männerklamotten.

»Brooklyn«, höre ich eine Frauenstimme rufen, kurz bevor die Haustür zufällt.

Großartig. Im dritten Stock steht ein Kerl mit ausgebreiteten Armen vor einer Balkontür. Ich blicke auf die Schlüssel in meiner Hand. Drei dreiundzwanzig. Ich bin also auf demselben Stockwerk. Hoffentlich gibt es in dieser Stadt mehr als nur einen Polizisten.

Ich schließe die Haustür auf und gehe die Treppen hoch. Der Teppich ist fleckig, doch das lässt sich bei dem Wetter hier wahrscheinlich nicht vermeiden.

Ich bin noch nicht mal im zweiten Stock. Hätte ich doch bloß gleich meinen Koffer mitgenommen. Wo ist hier der Aufzug?

Je höher ich komme, desto lauter wird das Geschrei, was nicht wirklich verwunderlich ist.

Im dritten Stock angekommen, muss ich erst mal nach Luft schnappen. Eine der Wohnungstüren steht offen. Eine kleine Rothaarige steht im Türrahmen. Keiner beachtet mich, als ich die Tür zu meinem Apartment aufschließe.

Gott sei Dank. Ich habe nämlich keine Lust, Zeuge von was auch immer zu werden und dann bei der Polizei aussagen zu müssen. Ab jetzt bin ich in dieser Stadt inkognito unterwegs.

»AHH!«, höre ich eine Frau schreien.

Unweigerlich drehe ich mich um. Es ist ein Reflex, obwohl mich die Angelegenheit eigentlich nicht kümmern sollte. Etwas trifft mich mit Wucht und einem dumpfen Knall am Kopf.

»FUCK!«, fluche ich.

Was habe ich mir da bloß eingebrockt?

Ich bücke mich, um die Tatwaffe aufzuheben. Ein Buch mit einer Alieninvasion auf dem Cover. »Was zum Teufel soll das?« Ich stapfe über den Flur.

In der Wohnung sind drei Frauen und ein Mann. Der Mann ängstigt sich zu Tode und robbt panisch an der Wand entlang.

Eine große Blondine stellt sich mir in den Weg, bevor ich das Apartment betreten kann. Die Rothaarige sieht zuerst mich an und senkt dann den Blick auf ihre Schuhe.

»Oh, es tut uns schrecklich leid!«, sagt die Blondine.

Ich blinzle ein paar Mal. Wahrscheinlich wirkt es, als hätte ich irgendeinen Tick. »Ach, tatsächlich?«

Mein Blick wandert zwischen der Blondine und der Rothaarigen hin und her, und ich frage mich, wer von den beiden die Profi-Baseballspielerin werden sollte.

»Es tut mir leid.« Eine sanfte Stimme erinnert mich daran, dass noch weitere Personen im Raum sind.

Ich wende den Blick von den beiden Frauen ab, die versuchen, nonverbal mit mir zu kommunizieren, und muss ein paar Mal blinzeln.

Und noch mal.

Und noch mal, denn die Worte meiner Mutter eben scheinen mich zu verfolgen wie der Geist der Weihnacht.

»Deine zukünftige Braut könnte jederzeit und überall auftauchen.«

Die blonde Braut ist verdammt süß. Wären da nicht das rote, wütende Gesicht und die heraushängenden Strähnen, würde ich fast sagen, sie ist die schönste Braut, die ich je gesehen habe. Streicht das. Irgendwie gefällt mir ihr Look. Als wäre sie aus der Kirche geflohen.

Ich blicke an mir herab und frage mich, ob ich vielleicht ohnmächtig bin und nur träume. Dann atme ich laut aus.

»Nope. Ich bin weder nackt, noch trage ich einen Anzug. Gott sei Dank. Ich dachte schon, mein schlimmster Albtraum wäre wahr geworden.« Und das ist die Wahrheit. Doch im Nachhinein hätte ich es besser für mich behalten sollen.

»Großartig. Genau das, was ich jetzt brauche. Noch ein Mann mit Bindungsangst.« Die Braut reißt die Arme nach oben, stürmt dann den Flur hinab und knallt eine Tür hinter sich zu.

»Ich hole dir ein wenig Eis.« Die Rothaarige eilt an mir vorbei in Richtung Küche.

»Setz dich doch.« Die Blondine zieht einen Stuhl zurück. Ich steige über ein zerrissenes Sakko und setze mich.

»Sollte ich mich jetzt jedes Mal, wenn ich mein Apartment verlasse, vor fliegenden Büchern in Acht nehmen?«, frage ich.

Die Rothaarige legt eine Tüte voller Eis auf den Tisch.

»Ich bin Juno Bailey. Und das ist meine Schwester Savannah.« Dann deutet sie den Flur hinab. »Und das ist Brooklyn. Sie hat, ähm, heute keinen besonders guten Tag.«

Die kleine Frau setzt sich neben mich und betupft meine Wunde mit einem nassen Papiertuch. »Es ist nur oberflächlich. Das wird schon wieder.«

»Bist du die Ärztin der Stadt?«, frage ich trocken.

Lachend wirft sie ihrer Schwester einen Blick zu. »Ich bin die Kupplerin der Stadt.«

»Wie bitte?« Anscheinend beeinträchtigt der Schlag mein Hörvermögen.

»Ist das der Bräutigam?«, fragt der Mann, der endlich wieder Farbe im Gesicht hat, und kommt auf uns zu.

»Ich bin ganz sicher kein Bräutigam.«

Er lacht. »Ich mache nur Spaß.«

Juno verdreht die Augen, und Savannah macht ein zustimmendes Geräusch. Wenn ich noch ein bisschen bleibe, lerne ich vielleicht ihre Sprache.

»Wer bist du?«, fragt Savannah.

»Ich bin Wyatt Wh… Moore. Der Nachbar für ein Jahr.«

Wieder sieht Juno Savannah an, doch diesmal lächelt sie. Breit und herzlich. Doch Savannah knurrt erneut. Jetzt sind sie nicht mehr einer Meinung.

Seht ihr? Ich habe schon kapiert, wie man hier oben im Norden miteinander kommuniziert.

»Und wer von euch wohnt hier?«, frage ich.

Der Typ deutet mit dem Daumen den Flur hinab. »Die sitzen gelassene Braut.«

»Das müssen wir noch verhandeln«, widerspricht Savannah.

»Ich hab’s Ihnen gesagt. Ich werde sie nicht aus dem Vertrag lassen.« Er streckt mir die Hand entgegen. »Ich bin Joel, Ihr Vermieter. Schön, Sie endlich kennenzulernen.«

Ich gebe ihm meine freie Hand, während ich mit der anderen die Eispackung an meine Stirn drücke.

»Können Sie gehen? Dann zeige ich Ihnen das Apartment, und wir besprechen alles.«

Joel will hier weg – und ich bin seine Ausrede. Nicht, dass ich Interesse hätte, länger in der Gegenwart von drei Frauen zu sein, die drauf und dran sind, ihre Mistgabeln herauszuholen und jeden Mann aufzuspießen, der ihnen über den Weg läuft.

»Danke für die Kopfwunde und das Eis.« Ich nicke den Damen zu und gehe zur Tür.

»Gern geschehen. Und es tut uns wirklich leid. Schlechter Tag«, sagt Juno beschwichtigend.

Savannah schweigt.

»Wir bestellen nachher Pizza, falls du dazukommen willst.« Juno folgt uns zur Tür.

»Juno, hör auf«, sagt Savannah.

Juno wirft einen Blick über die Schulter, und ihre Schwester verdreht die Augen. »Brooklyn ist ein wirklich nettes Mädchen. Du wirst schon sehen. Sie wird eine großartige Nachbarin sein.« Sie lächelt so breit, dass ich das Gefühl habe, mitten in einer Neuverfilmung von Die Frauen von Stepford zu stecken.

»Klar. Wenn du meinst.«

»Auf Wiedersehen, die Damen«, sagt Joel und schließt die Tür. »Können Sie das fassen? Am Altar stehen gelassen. Obwohl sie eine Bailey ist. Was für ein Vollidiot«, erklärt er, als würde ich verstehen, was er meint.

Was zur Hölle hat die Tatsache, dass sie eine Bailey ist, damit zu tun?

Er steckt den Schlüssel ins Schloss und öffnet die Tür zu meinem Apartment.

»Den Baileys gehört die große Holzfirma in der Stadt.« Mit dem Daumen deutet er auf die andere Wohnung. »Das sind drei von ihnen. Und es gibt noch sechs weitere.«

Ich nicke und begutachte die Möbel. Nicht gerade die schönsten, aber es könnte schlimmer sein. Flüchtig inspiziere ich das Apartment und sehe, dass er den Briefkastenschlüssel auf die Küchentheke gelegt hat, zusammen mit einer Anweisung für die Mülltrennung.

»Vielen Dank, Joel. Ich gebe Bescheid, falls ich noch irgendwas brauche.«

»Alles klar. Freut mich, dass es geklappt hat. Normalerweise ist das hier ein sehr ruhiges Wohnhaus. Ich weiß nicht, warum der Idiot Brooklyn Bailey den Laufpass gegeben hat.«

Ich schnaube. Joel denkt wohl, es würde mich ernsthaft interessieren, was der Braut passiert ist. Aber an Kleinstadt-Getratsche habe ich keinerlei Interesse. Ich habe hier einen Job zu erledigen. Rein. Raus.

Nicht, dass ich nicht seiner Meinung wäre. Brooklyn ist umwerfend. Aber vor einer Frau mit einem so starken Arm sollte man sich hüten. Ich weiß nicht, wie es sich hier verhält, aber in New York ist nichts so gut, wie es auf den ersten Blick wirkt. Vielleicht trifft das auch auf meine neue Nachbarin zu.

Kapitel 3

BROOKLYN

»Wie meinst du das, er lässt mich nicht aus dem Vertrag?«, frage ich Savannah. Eigentlich gehört Nein nicht zu ihrem Wortschatz, aber sie hat gerade akzeptiert, dass der Vermieter ihre Bitte abgelehnt hat.

Ich sitze vor dem Couchtisch auf dem Fußboden und zerschneide mein Brautkleid Lage um Lage.

»Können wir es bitte einfach zerreißen?«, fragt Savannah und greift bereits danach.

Ich funkle sie böse an, und sie verdreht die Augen.

»Ich finde, wir sollten uns über den heißen Typen mit der Kopfwunde unterhalten. Ich habe da diese unglaubliche Energie gespürt, als er hereingekommen ist.« Juno legt die Füße auf den Couchtisch, den Holly für uns als Hochzeitsgeschenk restauriert hat. Die arme Holly hat sich ganz umsonst so viel Mühe gegeben.

»Juno. Konzentration.« Savannah wirft ihr einen tödlichen Blick zu.

»Wäre ich keine verschmähte Braut, die es der gesamten Männerwelt heimzahlen will, würde ich mich sofort an ihn ranschmeißen.« Ich kann nicht leugnen, dass man bei seinem Anblick Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch bekommt. Ich will vielleicht nicht unbedingt sofort mit ihm in die Kiste hüpfen, aber er hat was. Ihr wisst schon, was ich meine. Er wirkt, als könnte er es einem dreimal in einer Nacht besorgen.

»Wie bitte?«, fragt Savannah schockiert, und ihre Augenbrauen springen ihr fast bis zum Haaransatz. Anscheinend hatte sie einen anderen Eindruck von ihm.

»Dann los, Juno«, erwidere ich. »Es sei denn, du und Colton …«

Sie verengt die Augen zu Schlitzen. »Wie oft muss ich es noch sagen? Wir sind nur Freunde. Beste Freunde.«

Savannah sieht mich an und verdreht belustigt die Augen.

Juno bewirft sie mit einem Kissen.

»Hey!«, ruft sie und wirft es zurück, doch Juno fängt es auf. Ich hab’s euch ja gesagt. Sie hat die Reflexe einer Katze. Würde man sie von einem Gebäude schubsen, würde sie mit Sicherheit auf den Füßen landen.

»Zurück zum Apartment. Joel meinte, dass …«

»Wer ist Joel?«, frage ich und schneide immer weiter. Die reinste Therapie.

»Dein Vermieter. Komm schon, Brooklyn.« Wie immer tut Savannah, als würde ich spinnen.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ihr gerade eine Schwester gegenübersitzt, die denkt, sie wäre mit der Gabe geboren worden, Leute zu verkuppeln. Aber ich spinne, weil ich Wehwehchen mit ätherischen Ölen heile.

»Keine Ahnung, wie er heißt.« Ich zucke mit den Schultern.

Ratsch. Ratsch. Ratsch.

Ich atme einmal tief durch.

»Na ja, jedenfalls meinte er, ihr hättet den Vertrag unterschrieben. Und da Jeff auf und davon ist, bist du diejenige, die dafür geradestehen muss.«

»Jedenfalls …« Juno wirft Savannah einen Blick zu. »Der heiße Typ ist dein neuer Nachbar.« Sie wackelt mit den Augenbrauen.

Ich habe keine Ahnung, was mit dem Kerl passiert ist, denn sein Kommentar war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich habe mich ins Schlafzimmer eingesperrt und meinen Tränen endlich freien Lauf gelassen.

»Echt?«

»Ja.« Savannah nippt an ihrem Wein.

»Ich habe da so ein Gefühl.« Kurz schweift Junos Blick in die Ferne.

Ich sag’s euch, meine Schwester. Sie behauptet, sie habe es letztes Jahr vorhergesehen, dass mein ältester Bruder und Holly zusammenkommen. Doch das war nicht ihr Verdienst. Es sei denn, sie hätte ihnen Alkohol eingeflößt und sie hinterm Lucky’s in Austins Jeep gestopft. Sie waren das Ereignis der Stadt. Na ja, das sind sie immer noch. Seit Monaten sind sie auf der lokalen Tratschseite Thema Nummer eins.

»O Gott.« Ich senke die Schere. »Buzz Wheel!« Meine Stirn landet auf dem Couchtisch.

Savannah streichelt meinen Rücken. »Es wird bestimmt nicht so schlimm.«

Juno schnaubt. »Eine Bailey, die am Altar stehen gelassen wurde?«

Bestimmt funkelt Savannah sie gerade böse an.

»Aber vielleicht solltest du die nächsten Tage besser nicht nachsehen«, sagt Savannah.

Ich habe die Seite immer geliebt. Lake Starlight Buzz Wheel ist so etwas wie meine heimliche Obsession. Ich weiß gar nicht genau, wann es angefangen hat. Aber Juno hat recht. Ich sollte die nächsten ein, zwei Tage nicht auf die Seite gehen. Zum Glück verschwinden die Nachrichten jeden Tag Punkt Mitternacht. Was sie wohl über mich berichten werden?

»Meint ihr, sie haben ein Foto von Jeff?«, frage ich und stütze die Hände auf den Tisch, um mich hochzudrücken.

»Nein. Lies es nicht, Brooklyn.« Savannah legt die Hand auf meinen Arm, um mich davon abzuhalten.

»Früher oder später muss ich mich dem Ganzen sowieso stellen.«

Juno zückt ihr Smartphone. »Ich sehe nach.« Ihre Daumen huschen über das Display.

Ich will mein Handy holen, doch Savannah lässt mich nicht los. »Lass Juno nachsehen«, bittet sie.

Nickend plumpse ich wieder zu Boden, greife nach der Schere und mache mich daran, das Oberteil vom Rock zu trennen.

Lachend dreht Juno das Handy so, dass wir es sehen können. »Ein Fahndungsplakat mit einem Wiesel drauf.«

Mir wird ganz flau im Magen, als ich realisiere, dass es meine geplatzte Hochzeit tatsächlich auf Buzz Wheel geschafft hat. Keine Ahnung, warum ich gehofft hatte, ich könnte verschont bleiben.

»Bereit?«, fragt Juno und sieht mich an.

Savannah setzt sich zu mir und nimmt meine Hand.

»Los.« Ich nicke.

Juno beginnt zu lesen. »Jeder weiß bereits, dass Brooklyn Bailey vorm Altar stehen gelassen wurde. Nach zwei Jahren der Vorbereitung war der Bailey-Clan – inklusive des Neuzugangs Holly Radcliffe – bereit, ihre Schwester einem Mann zu übergeben. Doch am Altar stand keiner, der sie entgegengenommen hätte. Die Gerüchte besagen, dass sie darüber nachdenkt, die Flitterwochen allein anzutreten. Der älteste Bruder, Austin, sagte angeblich, der Kerl sei ›lebensmüde‹. Er und die drei anderen Brüder sind aus der Kirche gestürmt, um den geflohenen Bräutigam ausfindig zu machen. Bestimmt hat er sich irgendwo versteckt. Ja, es ist traurig. Aber die Männer stehen bereits Schlange und wollen wissen, wann sie Brooklyn um ein Date bitten dürfen.«

Juno scrollt weiter nach unten, und ich warte auf mehr.

»Oh, und wieder was über Austin und Holly im Jeep hinterm Lucky’s. Jetzt mal im Ernst. Warum müssen sie es immer auf dem Rücksitz treiben?« Sie schaltet das Display aus und legt das Handy in ihren Schoß.

»Sie sind eben noch in der heißen Phase«, erwidere ich mürrisch.

Savannah schüttelt den Kopf. »Ich glaube, die zwei werden ewig in dieser Phase bleiben.«

Ich lache.

Tatsächlich. Ich lache.

Erschrocken halte ich inne und sehe mich um.

Meine Schwestern haben es nicht gemerkt, aber eigentlich sollte ich gerade nicht lachen. Wie kann ich nur? Ich sollte überhaupt nichts witzig finden.

»Weißt du, was du machen solltest?« Juno schenkt sich noch ein Glas Wein ein. »Du solltest wirklich allein Flitterwochen machen. Du hast dir sowieso Urlaub genommen.« Sie lehnt sich zurück.

Savannah greift nach der Flasche und füllt unsere Gläser ebenfalls nach. »Sie hat recht. Dann kriegst du den Kopf frei.«

»Genau. Ich gehe allein am Strand entlang, obwohl ich eigentlich mit meinem Ehemann dort sein sollte. So kriege ich ganz sicher den Kopf frei. Tolle Idee, Mädels.«

Ratsch. Ratsch. Ratsch.

Ahhh.

»Ich meine es ernst, Brookie.« So hat mich Juno immer genannt, als wir noch klein waren. »Ich glaube, es ist genau das, was du jetzt brauchst. Für zwei Wochen hier raus. Und in der Zwischenzeit klären wir das mit dem Apartment. Ich ziehe bei dir ein. Kingston ist sowieso nie zu Hause.«

Ich höre auf zu schneiden. »Nein. Ich will nicht allein Flitterwochen machen. Und ich will auch nicht, dass meine Schwester aus Mitleid bei mir einzieht. Dann müsste Kingston wieder zu Hause einziehen. Austin und Holly haben das Haus erst seit Kurzem für sich.«

»Stimmt nicht. Rome wohnt immer noch da«, widerspricht Savannah.

Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt – wir sind neun Bailey-Geschwister. Keine Sorge. Bald habt ihr’s drauf.

»Aber nicht mehr lange. Er meinte, über dem Restaurant gäbe es eine Wohnung, in die er ziehen will.«

Savannah sagt nichts mehr, denn sie weiß, dass ich recht habe. Aus irgendeinem Grund tut keiner von uns auch nur irgendwas, ohne es vorher mit Savannah oder Austin zu besprechen. Wahrscheinlich, weil sie nach dem Tod unserer Eltern die Familie zusammengehalten haben. Sie haben die Elternrolle übernommen.

»Okay, wie auch immer. Aber bitte geh in die Flitterwochen«, sagt Juno. »Und du solltest dir diesen heißen Typen schnappen.« Sie deutet auf die Wohnungstür.

»Lebst du überhaupt auf dem Planeten Erde?«, fragt Savannah sie.

»Ich sag’s euch. Da ist etwas.« Kurz kaut sie auf der Innenseite ihrer Wange herum. »Wäre er noch ein bisschen länger geblieben, hätte ich ein besseres Gespür für ihn bekommen, aber er wirkte ein wenig gereizt.«

»Vielleicht, weil er von einem dicken Wälzer am Kopf getroffen wurde. Kein besonders netter Empfang«, erwidere ich.

»Genau, Juno. Er dachte, er wäre bei seiner eigenen Hochzeit, als er Brooklyn gesehen hat. Hast du gesehen, wie schockiert er war? So einen Kerl braucht Brooklyn nicht.« Savannah ist von dem Typen überhaupt nicht beeindruckt, aber es ist sowieso schwer, ihr zu imponieren.

Juno nippt an ihrem Wein. »Ich sage euch nur, was ich fühle. Und da ich diejenige bin, die die Gabe geerbt hat, solltet ihr mir lieber glauben, wenn ich sage, dass da was ist.«

Kopfschüttelnd schenkt sich Savannah noch mehr Wein ein.

»Wenn ihr mich einfach machen lassen würdet, würdet ihr nicht mehr an meinen Fähigkeiten zweifeln.« Juno sieht Savannah fragend an.

»Auf keinen Fall.« Savannah stößt mich mit der Schulter an. »Mach die Reise. Komm schon. Du hast sowieso schon gepackt.« Sie will unbedingt das Thema wechseln.

Aber es stimmt. Mein einsamer Flitterwochenkoffer ist der einzige, der noch im Ankleidezimmer steht.

Ratsch. Ratsch. Ratsch.

Ahhh.

Ich würde den mitleidigen Blicken entkommen. Wahrscheinlich würden mich die Bewohner von Lake Starlight immer noch so ansehen, wenn ich zurückkomme, aber ich habe auch keine Lust, die nächsten zwei Wochen arbeiten zu gehen oder in meiner neuen Wohnung abzuhängen, die ich mir nicht leisten kann.

»Okay«, erwidere ich leise, lege die Schere beiseite und reiße das Kleid in zwei Teile. »Das hat sich gut angefühlt.«

»JUHU!« Juno springt auf. »Lass uns nachsehen, ob du auch an alles gedacht hast.«

Es ist zwar verrückt, aber ich brauche jetzt ein wenig Zeit für mich, um zu verarbeiten, was Jeff mir angetan hat. Ich muss ihn vergessen. Ich dachte, ich würde schon bald Mutter werden. Aber da dieser Plan jetzt zunichtegemacht wurde, muss ich mir etwas Neues einfallen lassen. Und das geht nicht hier. Ständig wird jemand von meiner Familie hier aufkreuzen, um nach mir zu sehen. Das würde mich nur in den Wahnsinn treiben.

Es klingelt an der Tür, und Juno geht zur Sprechanlage.

»Wer ist da?«, fragt sie. Jetzt, da ich zugestimmt habe, wirkt sie zufrieden.

»Lass uns rein«, erwidert Rome genervt.

Sie drückt auf den Knopf. Die Wände hier sind so dünn, dass man das Getrampel von mehreren Füßen hört.

Juno öffnet die Tür. Nach und nach betritt der Rest meiner Familie das Apartment. Alle Blicke wandern zu mir.

»Pizza und Bier.« Rome legt zwei Pizzen auf den Tisch und stellt den Bierkasten auf die Küchentheke.

»Noch mehr Pizza und Bier.« Denver legt noch zwei Pizzen dazu und stellt einen weiteren Kasten auf die Theke.

Dann kommen sie auf mich zu.

»Steh auf«, sagen sie wie aus einem Mund und fuchteln mit den Händen.

Als ich stehe, ziehen sie mich zu sich. »Sobald ich ihn finde, bringe ich ihn um«, flüstert Rome.

»Nicht, wenn ich ihn zuerst finde«, fügt Denver hinzu.

»Ich will auch mitmachen.« Kingston schmiegt sich ebenfalls an uns.

»Was ist eine brüderliche Umarmung ohne den Ältesten?« Auch Austin gesellt sich zu uns. Sie stinken so nach Alkohol, dass ich fast ersticke.

»So früh trinkt ihr schon?«, murmle ich gegen irgendeine Brust.

Lachend verteilen sie sich im Raum und deuten auf die jeweils anderen. Austin hebt die Hände. »Ich bin gefahren.«

Die anderen drei zucken mit den Schultern.

»Er war sowieso ein Vollidiot.« Austin geht in die Küche, um Holly dabei zu helfen, das Bier in den Kühlschrank zu legen.

»Tut mir leid, Brooklyn.« Sedona nimmt mich in den Arm. Als Nächstes ist Phoenix dran, die nichts sagt. Sie ist keine, die ihre Gefühle zeigt. Nun ja, nur die zickigen. Dann setzen sich beide aufs Sofa und spielen sofort an ihren Handys herum.

Wir feiern mit Pizza, Bier und Wein und tun so, als wäre die geplatzte Hochzeit das Beste, was mir passieren konnte. Wahrscheinlich denken das die meisten auch. Aber erklärt das mal meinem Herzen.

»Ratet mal«, sagt Juno und stellt sich auf einen Stuhl, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Und überraschenderweise funktioniert es tatsächlich.

»Brooklyn wird die Flitterwochen allein antreten.«

»Ich nehme das andere Ticket.« Denver hebt die Hand.

»Auf keinen Fall. Mich liebt sie viel mehr.« Rome drängt sich vor ihn.

»Kannst du dich noch daran erinnern, als ich dir kostenlos dein Auto repariert habe?«, mischt sich jetzt auch noch Kingston ein.

Ich muss lachen, denn ich werde ganz sicher keinen meiner Brüder mitnehmen. Ich schäme mich auch so schon genug.

»Ich werde allein reisen. Aber danke.«

Wieder klingelt es an der Tür. Juno sprintet los.

»Es ist nicht der heiße Feger! Entspann dich, Juno«, ruft ihr Savannah mit vollem Mund hinterher.

Mein Magen isst sich mittlerweile selbst auf. Der Joghurt heute Morgen hat nicht gereicht, um mich bis abends satt zu machen. Aber eigentlich sollte ich gerade keinen Hunger haben.

»Sorry, geschlossene Gesellschaft. Es sei denn, du bist der heiße Typ von nebenan«, sagt Juno in den Hörer. Offensichtlich hatte sie schon zu viel Wein. »Das käme auch gut als Songtext! Ich bin Rapperin.«

Austin hebt die Augenbrauen. »Kingston, du bringst sie später nach Hause.«

»Lass mich rein, Juno!«, schreit Grandma Dori in die Gegensprechanlage.

»Alles klar, G’ma.« Sie drückt den Knopf, und Rome eilt nach unten, um Grandma die drei Stockwerke hoch zu helfen.

Phoenix verbindet ihr Handy mit der Bluetooth-Box und macht Musik an. Vielleicht schmeißen sie mich raus, wenn ich hier eine wilde Party veranstalte.

»Dreh lauter, Phoenix«, rufe ich ihr zu.

Sie nickt. Endlich hört sie mal auf mich.

Nach gefühlten Ewigkeiten kommt Rome zurück, doch von Grandma Dori keine Spur.

»Wo ist sie?«, frage ich.

Grinsend deutet er mit dem Daumen hinter sich. »Sie hat einen Besseren gefunden, der ihr die Treppen hinaufhilft.«

Und da entdecke ich sie. Zusammen mit meinem neuen heißen Nachbarn.

Kapitel 4

WYATT

Als wir den zweiten Stock erreichen, blickt der Kerl vor uns über die Schulter und grinst, als wollte ich die Dame, die er G’ma D nennt, abschleppen.

»Das ist sehr nett von dir. Wie heißt du?« Sie tätschelt meine Hand und bleibt stehen. Nur noch ein halbes Stockwerk, doch ich kann es ihr nicht verübeln, dass sie nach Luft schnappen muss. Ich gehe jeden Morgen joggen, doch nachdem ich die Treppen heute dreimal hochgestiegen bin, ist mir klar geworden, dass ich nicht so fit bin, wie ich dachte.

»Wyatt, Ma’am.«

»Nenn mich nicht Ma’am.«

Der Typ, der sie unten abgeholt hat, blickt vom dritten Stock auf uns herunter.

»Sie heißt Dori«, sagt er und hebt die Augenbrauen.

»Ja, aber vergleich mich bloß nicht mit was Blauem. Wie diesem dummen Fisch«, erwidert die alte Dame schnippisch.

Ich sehe sie an.

Der Kerl oben kichert.

»Es sei denn, du willst mir für meine Augen Komplimente machen.« Sie reißt sie auf und klimpert mit den Wimpern.

»Sehr blau und sehr schön.« Ich sage nicht dazu, dass ihre Haarfarbe das Blau ihrer Augen noch mehr betont.

»Danke. Meine Enkelin, Brooklyn, hat die gleiche Augenfarbe.«

Ah. Die sitzengelassene Braut ist ihre Enkelin. Da hätte ich auch gleich draufkommen können.

»Ja, aber sie hat allen Idioten abgeschworen«, sagt der Typ.

Ich beäuge ihn. Er hat mich schnell in eine Schublade gesteckt. Nicht, dass ich mit ihm nicht das Gleiche getan hätte. Ich wette, wir denken ähnlich, was eine feste Beziehung angeht.

»Ich bin nicht auf der Suche«, versichere ich ihm.

»Brook ist auch nicht auf der Suche.« Er sagt es so deutlich, dass es eine ganz klare Warnung an mich ist, dass ich mich gefälligst von ihr fernhalten soll.

Als würde ich mich auf eine abservierte Braut einlassen. Ich bin doch kein Idiot.

Ich nicke. Alles klar. Verstanden.

»Hör jetzt auf, Rome«, schimpft die Dame und wendet sich dann mir zu. »Er führt sich auf wie der große Bruder, obwohl er in Wirklichkeit der kleine Bruder ist.«

Ich grinse ihn an, und er verdreht die Augen.

»Um ehrlich zu sein, mochten wir den Bräutigam alle nicht besonders. Er war ein netter Junge, aber kein Bailey«, flüstert sie.

Rome lacht leise. »Bitte keine Bewerbung schicken. Können wir jetzt reingehen? Die Pizza wird kalt.«

Doch Dori winkt ab. »Geh ruhig rein. Wyatt macht das schon. Nicht wahr, mein Lieber?«

Rome durchbohrt mich mit seinem Blick. »Cool. Er ist sowieso nicht auf der Suche, nicht wahr?«

Lachend dreht er sich um. Man hört, wie sich eine Tür öffnet und wieder schließt.

»Okay, dann wollen wir mal.« Dori nimmt die erste Stufe. »Ich weiß nicht, ob ich meine Enkelin oft besuchen werde.«

»Vielleicht kommt sie ja zu Ihnen.«

»Du wirst doch auf sie aufpassen, oder?«, fragt sie.

Am liebsten würde ich sie ansehen, als wäre sie verrückt. Ist so das Leben in einer Kleinstadt? In New York fährt man drei Jahre lang mit derselben Person Aufzug und hat kein Problem damit, nie ein Wort zu wechseln.

»Na ja …«

Sie tätschelt meine Hand. »Danke. Ihr Ex-Verlobter ist ein Arsch. Aber das Gefühl, nicht gewollt zu sein, schmerzt sie bestimmt. Sie wird gute Miene zum bösen Spiel machen, weil die Familie hier ist. Meine Brookie denkt eben immer an andere. So war sie schon immer.«

Ihr besorgter Blick und ihr aufrichtiger Ton beraubt mich sofort des New Yorkers, der ich eigentlich bin.

»Klar. Kann ich machen.«

Endlich sind wir oben angekommen. In der Zwischenzeit hätte ich zehnmal hoch- und runterrennen können.

»Du bist ein wahrer Lebensretter. Muss Schicksal sein, dass du hier eingezogen bist.« Sie lächelt mich an, und ich führe sie zum Apartment, in dem ihre Enkelin lebt. »Und jetzt kriegst du ein Stück Pizza.«

Sie klammert sich noch fester an meinen Arm. Ich habe keine Chance zu entkommen. Bevor ich etwas tun kann, stehen wir bereits in der Wohnung. Ungefähr eine Million Augenpaare starren uns an.

Ich muss genauer hinsehen, denn es gibt zwei Zwillingspärchen.

Und die zwei Frauen von vorhin sind auch da.

Meine Wangen fangen an zu glühen. Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen, bis er an Brooklyn hängen bleibt. Sie ist frisch geduscht, das viel zu schwere Make-up ist inzwischen verschwunden. Das Haar hat sie zu einem unordentlichen Dutt zusammengefasst. Als sie mich, den Fremden, erneut in ihrem Apartment entdeckt, wird sie rot. Oder vielleicht ist es ihr immer noch peinlich, dass sie mich mit dem Buch erwischt hat.

»Das ist Wyatt«, verkündet Dori und lehnt sich zu mir. »Tut mir leid. Wie ist dein Nachname?«

»Wh… Sorry. Wyatt Moore.«

Fast wäre er mir herausgerutscht, denn meistens stelle ich mich mit Vor- und Nachnamen vor. Früher hat mein Dad mit Haylee und mir geschimpft, wenn wir unseren Nachnamen nicht dazugesagt haben. Er hat uns eingetrichtert, ihn mit Stolz und gerecktem Kinn zu tragen. Man muss die Leute wissen lassen, dass man wichtig ist.

»Er war so nett, mir die Treppe hinaufzuhelfen.« Dori lässt mich nicht los und führt mich stattdessen zu dem Stapel Pizzakartons.

Alle starren mich an und versuchen, sich aus der Situation einen Reim zu machen.

»Warum heißen wir Wyatt nicht Bailey-typisch willkommen?«, schlägt Dori vor.

Das beendet ihre Trance.

»Hey, ich bin Holly.« Eine Frau mit kastanienbraunem Haar ist die Erste, die auf mich zukommt, dicht gefolgt von einem Kerl, der die Hand auf ihre Hüfte legt und mir die andere entgegenstreckt.

»Und ich bin Austin.«

Ich schüttle seine Hand.

Dann ist es, als wollten mir alle zur Hochzeit gratulieren.

»Kingston.«

Händeschütteln.

»Denver.«

Händeschütteln.

Moment mal. War das nicht Rome? Stirnrunzelnd lasse ich den Blick durchs Zimmer schweifen. Der Typ vor mir fängt an zu lachen.

»Zwillinge«, erklärt er.

Ich nicke. Jetzt erinnere ich mich wieder.

»Juno. Aber das weißt du ja schon.« Sie macht einen kleinen Knicks.

»Savannah. Wir haben uns bereits kennengelernt.« Der Händeruck der Blondine ist kräftiger als meiner.

»Phoenix.«

»Sedona.«

Sie stehen direkt nebeneinander, als ich ihnen die Hände schüttle.

»Zwillinge«, erklären sie – für den Fall, dass ich ein Idiot bin.

»Und dann ist da noch Brookie.« Endlich lässt mich Dori los und schlingt ihrer Enkelin die Arme um die Schultern.

»Einen Mann mit zusammenpassenden Kaffeetassen kann man nicht lieben«, sagt Dori zu ihr. Alle, die es mitbekommen, verdrehen die Augen.

»Ich weiß. Ich weiß.« Brooklyn umarmt ihre Großmutter.