Carmen - Ina Klein - E-Book

Carmen E-Book

Ina Klein

0,0

Beschreibung

Carmen ist gerade einmal fünf Jahre alt, als ihr großer Bruder beginnt, sie an Stellen zu berühren, die tabu sind. Das Mädchen versteht noch nicht, was hier geschieht, instinktiv erkennt sie aber, dass hier irgendetwas nicht stimmt.Über Jahre hinweg missbraucht Hans seine kleine Schwester und sie schämt sich unendlich, wagt es aber nicht, sich jemanden anzuvertrauen.Immer wieder versucht sie, sich das Leben zu nehmen sie kann nicht mehr Schonungslos erzählt die Autorin von den Ängsten, von Schuld und Scham, die Missbrauchsopfer empfinden und die es oft unmöglich machen, Hilfe zu suchen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ina Klein

 

CARMEN

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Verlage, Herausgeber und AutorInnen unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

 

 

Impressum:

 

© Modern Line Publishing, Wien

 

Text: Ina Klein

Textüberarbeitung: Karina Moebius

Layout und Covergestaltung: Karina Moebius

Coverbild: Pixabay/Jerzy Gorecki, Gladis Abril

 

© 2020, Modern Line Publishing, Vienna, Austria

ISBN: 978-3-96917-150-9            

 

 

 

 

 

Vorwort

 

 

In den letzten Jahren ist sexueller Missbrauch fast ein Modewort geworden. In den Medien wird darüber berichtet und es scheint zum Alltag zu gehören, immer wieder von Missbrauchssituationen zu hören oder zu lesen. Wirklich ›aufregend‹ sind inzwischen nur mehr Fälle, die nicht alltäglich sind.

Wie geht es aber den Betroffenen?

Kindern, die mit dieser Erfahrung ein ganzes Menschenleben meistern müssen?

Wo hört man von diesen Menschen, die selber erlebt haben und daher wissen, was Missbrauch wirklich heißt?

Hinter Schlagzeilen und Urteilen versteckt sich die Scham, die die Betroffenen stumm macht.

Wer gibt dieser Scham eine Stimme?

Wer hat Ahnung von den Ängsten, die sich ganz tief in der Seele eingeprägt haben?

 

Meinem Gefühl nach verkriechen sich die Opfer immer mehr, je lauter die Täter angeprangert werden, je mehr Verurteilung geschieht. Was aber bleibt den Opfern auch anderes übrig? Die Gesellschaft verurteilt, ohne von den sensiblen und fragilen Gefügen im Verborgenen, zu wissen. Die Opfer schämen sich nicht nur für sich selbst. Nein, sie schämen sich für die Täter und für ihre Familien. Und wieder schließt sich der Kreis. Schweigen aus Scham.

Ich habe mir über diese Scham viele Gedanken gemacht. Sie ist mir vertraut, ist tief in mein Innerstes eingebrannt. Vor allem wird sie wohl für immer in mir bleiben.

 

Vor ungefähr fünfundvierzig Jahren hat mich mein behandelnder Arzt erstmals dazu ermuntert, diese Scham zu überwinden und das Schweigen zu brechen. Ich weiß, dass er es ehrlich und gut gemeint hat.

In den Medien ist diese Schamgrenze mit den Jahren gefallen und so nach und nach wurde es gestattet, über ein so intimes Thema wie Missbrauch, zu berichten. Die Öffentlichkeit wurde immer öfter damit konfrontiert.

Mein wunderbarer Arzt hat in den letzten fünfundvierzig Jahren nicht locker gelassen. Seine Rolle hat sich vom Arzt zum Mentor und väterlichen Freund gewandelt. Etwas ist aber gleich geblieben: seine Ermunterung, endlich über meine Schamgrenze zu springen und das Schweigen zu brechen.

Lange Zeit lag das Manuskript zu diesem Buch in einer Lade und wartete darauf, veröffentlicht zu werden. Die erste Hürde der Scham hatte ich ja überwunden, indem ich Erlebnisse und Erfahrungen niederschrieb. Die nächste Hürde, die für mein Gefühl noch viel größere, die Veröffentlichung, brauchte eine Extraportion Mut, die ich inzwischen auch aufgebracht habe.

»Ein Buch geht in die Welt und wird positive und negative Reaktionen hervorrufen«, hat mein väterlicher Freund gesagt. Wie so oft wird er wohl auch diesmal recht behalten.

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich mir dies antue und ich habe viel über diese Frage nachgedacht. Es gibt einige Punkte, die ich Ihnen etwas näher erläutern möchte:

Mein Buch soll eine Schilderung von einem Teil meiner Kindheit und Jugend sein – so, wie ich mich daran erinnere. Jedes Mitglied dieser Familie hat eine eigene Erinnerung, eine eigene Geschichte. Ungefähr so, wie ich es geschrieben habe, ist meine eigene, meine ganz subjektive Erinnerung. Personen und Orte habe ich verändert, um meine Familie und auch mich zu schützen. Die Erinnerungen in diesem Buch stammen aus einem Zeitraum von ungefähr zwanzig Jahren und stellen nur einen Teil meines Lebens dar.

 

Ich möchte mit diesem Buch nicht beschuldigen oder verurteilen. Urteile hat es genug gegeben und die Schuldfrage möchte ich gar nicht stellen.

Ich möchte aufzeigen, wie Familienstrukturen und gesellschaftliche Wertvorstellungen wirken können und was bei einer ganz normalen Durchschnittsfamilie ablaufen kann. Ich möchte aufzeigen, dass nicht alles schwarz oder weiß ist, sondern dass es viele, viele Nuancen dazwischen gibt.

 

Weiters möchte ich mit diesem Buch Mut machen. All jenen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben oder erleben. Manchmal ist es recht hilfreich zu sehen oder zu wissen, dass es andere Menschen gibt, die ganz ähnlich fühlen oder leiden. Vielleicht können diese Menschen meine Verbundenheit mit ihnen spüren – ein recht wichtiges Gefühl in solcher Not.

 

Und noch ein mir recht wichtiges Anliegen möchte ich mit diesem Buch vermitteln:

Die Wichtigkeit eines achtsamen Umgangs mit diesem sensiblen Thema seitens der Medien. Sexueller Missbrauch ist wohl das Intimste, das preisgegeben werden kann. Als Opfer steht man sozusagen nackt da, nicht nur der Unschuld, sondern auch der schützenden Anonymität beraubt durch Medien, die mitunter (Vor)urteile schnell zur Hand haben.

Ich möchte damit nicht in die dunkle Zeit des vorigen Jahrhunderts, in dem dieses Thema unaussprechlich war, zurückkehren. Aber ich wünsche mir, dass das Aufzeigen mit großer Sensibilität und Achtung geschieht. Urteilen jedoch sollen die, die dazu bestimmt sind. Möge der Gedanke, dass jede Verurteilung des Täters auch ein Stück weit das Opfer mitverurteilt, nicht ungehört verhallen. Meist leben Täter und Opfer in enger Beziehung.

 

Ich wünsche mir, dass alle, die dieses Buch lesen, für die feinen Vorgänge, die in Systemen wie Familien ablaufen, sensibilisiert werden, und, dass eine wertfreie Auseinandersetzung mit diesem Thema stattfinden kann.

 

Ina Klein

 

 

I.

 

 

Ich schaute zu, wie meine Mutter ein schönes Kleid herauslegte. Dazu eine weiße Strumpfhose. Dann fing sie an, mich anzuziehen. So ein schönes Kleid hatte ich ganz selten an. Mama frisierte mir die Haare und machte mir einen Zopf. Die ganze Zeit schwieg sie und irgendetwas schien in der Luft zu liegen. Nachdem ich schön angezogen und hübsch frisiert war, setzte sie mich auf einen Sessel und steckte meine kleinen Füße in rote Stiefel. Zuletzt stellte sie mich auf den Boden, nahm den Mantel und zog ihn mir über. Dazu Mütze und Fäustlinge. Fertig angezogen stand ich da und wartete. Auch sie nahm ihren Mantel und zog Stiefel an. Sie nahm mich an der Hand, wir gingen hinaus und stapften durch den Schnee. Sie redete kein Wort und irgendetwas veranlasste auch mich zu schweigen. Wir gingen langsam die Straße entlang und plötzlich wusste ich, wohin wir gingen: zum Haus von der Oma. Ich freute mich darauf, denn da gab es immer irgendetwas Gutes. Als wir in die große Küche kamen, waren viele Leute da. Alle redeten nur ganz leise miteinander. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen und neugierig spähte ich hinein. Da kam ein Mann heraus, zu dem die Mama sagte:

»Grüß Gott, Herr Doktor.« Sie reichten einander die Hände und zu mir sagte der Mann:

»Uroma tut schlafen.« Und weg war er.

Mama hielt mich ganz fest an der Hand und langsam gingen wir ins Schlafzimmer. In einem großen Bett lag die Uroma. Sie hatte eine große dicke Decke, die gar nicht verknittert war. Über der Brust waren ihre Hände gefaltet. Gleichzeitig hielt sie damit einen Rosenkranz fest. Am Bettrand standen große Kerzenständer mit großen Kerzen darauf, die alle angezündet waren. Auch ein paar Blumen standen da. Das Gesicht der Uroma war ganz weiß. Fast wie die Tuchent. Aber sie schaute so schön aus. Immer wieder blickte ich auf dieses Gesicht. Und wie ruhig sie dalag. Ich frage Mama:

»Darf ich zur Uroma ins Bett? Ich möchte bei ihr schlafen.«

Mama schaute so seltsam aus, irgendwie so anders. Die anderen Leute blickten mich böse an, weil ich das gesagt hatte. Nur die Mama nicht. Sie hob mich hoch und sagte leise zu mir:

»Das geht nicht, die Uroma tut schlafen.«

Da sah ich eine Träne über die Wange rollen. Das hatte ich bei Mama noch nie gesehen. Ich legte meinen Kopf auf ihre Schulter und streichelte mit meiner Hand über ihre Wange. Ihre Haut war weich und warm. Ziemlich abrupt stellte sie mich wieder auf den Boden. Sie drehte sich um, ging und ließ mich einfach alleine stehen. Vorsichtig schaute ich mich um. So viele fremde Leute standen herum; flüsterten oder schwiegen.

Leise schlich ich mich zum Bett der Uroma. Ich wollte unter ihre Bettdecke schlüpfen. Gerade als ich die Decke ein bisschen anhob, packten mich große starke Hände und trugen mich in die Küche hinaus.

»Du bleibst jetzt da«, wurde streng gesagt. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Innen drinnen tat es so weh. Ich durfte nicht zu meiner Uroma. Ich wollte zu ihr, mich unter ihrer Decke verkriechen und ganz bei ihr sein. Aber ich getraute mich nicht mehr, ins Schlafzimmer zu gehen. Neben dem Ofen sah ich die Katze schlafen. Ich ging hin, setzte mich ganz nahe zu ihr und wartete. Tränen rollten lautlos über meine Wangen, doch die Katze ließ sich streicheln, immer wieder, immer wieder.

Zu dieser Zeit war mir vom ganzen Tag der Abend am liebsten, weil dann Papa heimkam. Immer wenn er jausnete, durfte ich auf seinem Schoß sitzen. Meistens aß er Speck und Topfenaufstrich. Auch ich liebte den Speck, aber nur das magere Fleisch. Papa aß bereitwillig immer das Fette. Wenn ich auf seinem Schoß saß, fühlte ich mich so groß und sicher. Ich liebte Papa sehr. Er war mein Papa und in den Augenblicken auf seinen Knien spürte ich diese Liebe ganz stark. Ich glaubte, auch mein Papa war sehr glücklich darüber. Nur ich durfte das tun, niemals meine Brüder. Manchmal überlegte ich, ihn zu umarmen, ganz fest zu drücken, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn hatte. Aber irgendetwas hielt mich davon ab.

Manchmal war ich verwirrt: Immer dann, wenn meine ältere Schwester da war, durfte sie auf seinem Schoß sitzen. Da war Papa auch ganz anders als sonst. Er lachte und scherzte mit Edith, wie er es mit mir nie tat. Dabei war es mit Edith ohnehin ganz seltsam. Sie sagte zwar, sie sei meine Schwester, aber sie war fast nie da. Sie hatte nämlich auch noch andere Eltern. Meine Tante Karin und Onkel Kurt waren ihre Pflegeeltern. Zu denen sagte sie Mutti und Vati. Aber zu meinen Eltern sagte sie Mama und Papa. Wer auch immer ihre richtigen Eltern waren, wenn sie bei uns zu Hause war, drehte sich alles um sie. Edith hin und Edith her. Um mich wurde nie so ein Griss gemacht, aber sie war ja etwas Besonderes. Ganz besonders wütend war ich, weil sie mir Papa wegnahm. Zudem durfte sie so vieles tun und sagen, das ich niemals gedurft oder mich auch nur annähernd getraut hätte. So sagte sie einmal zu Papa, er sei dick und fett. Als ich das hörte, fing ich an zu zittern und wartete, dass Papa zu schreien anfing oder Edith schlug. Aber nichts geschah. Er tat so, als hätte er es gar nicht gehört, und sagte zu ihr, sie sei seine besondere Tochter. Ich wünschte mir, dass sie bald wieder zu ihrer Mutti und ihrem Vati verschwand. Dort war sie das einzige Kind. Da musste sie mir wirklich meinen Papa nicht wegnehmen. Und ich musste ohnehin meine Eltern schon mit vier Brüdern teilen. Das war doch wahrlich genug. Sie passte auch gar nicht in unsere Familie.

Wenn es Streit gab zwischen Edith und mir, so bekam ohnehin immer ich die Schuld. Ganz besonders schlimm erlebte ich, wenn sie etwas angestellt oder irgendwelche Bauwerke von meinen Brüdern kaputtgemacht hatte, sie sich zu Mutti und Vati vertschüsste.

»Ich muss jetzt heim«, sagte sie nur und war weg. Ich musste dann ausbaden, was sie angestellt hatte. Das war wirklich voll unfair. So, als könnte ich etwas dafür. Aber ich hatte ja keine Mutti und keinen Vati, wo ich hingehen konnte. Bei Mama oder Papa brauchte ich mich gar nicht beklagen, denn die standen ohnehin immer auf ihrer Seite.

Schwester zu sein und so etwas Besonderes, das passte für mich nicht zusammen. Oft fragte ich mich, wie Edith es schaffte, etwas so Besonderes zu sein. Sie ging schon zur Schule und hatte lauter Einser. Vielleicht war es das, was sie so viel besser machte als mich. Aber ich konnte noch keine Einser haben, denn ich ging noch nicht zur Schule. Oder war es vielleicht, weil sie so zierlich und zart war? Ich war pummelig und schwerer als sie. War es das vielleicht? Ja, ich war einfach ein hässliches und fettes Kind. Aber wenn ich versuchte, so zu werden wie sie, vielleicht war ich dann auch so beliebt? Da beschloss ich, nichts mehr zu essen. Doch der Hunger kam ganz schnell wieder und dann musste ich einfach essen, es ging nicht anders. Aber vielleicht konnte ich so klug werden wie sie?

Ich beschloss, Edith und auch meine älteren Brüder zu bitten, mir zu zeigen, was sie in der Schule lernten. Meine älteren Brüder lachten mich nur aus und meinten, ich verstünde das noch nicht. Edith schrieb mir Rechnungen auf einen Zettel und sagte mir, ich solle sie rechnen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie das ging. Dann sagte sie mir, ich sei zu blöd, um es zu lernen, und ich solle weiterhin mit meiner Puppe spielen. Wenn alle sagten, dass ich zu blöd sei, dann würde es wohl auch stimmen. Ich, das blöde, hässlich Mädchen, das Papa nur dann bei sich haben wollte, wenn er sein kluges, schönes Mädchen nicht hatte, weil sie ja bei Mutti und Vati war.

Edith lebte dort ganz gut. Sie hatte ein eigenes Zimmer und so viele schöne Kleider und Schuhe. Viele Paare in den schönsten Farben. Ich durfte sie nur anschauen, denn mir passten sie angeblich nicht. Für Edith gab es dort sogar eine Frau, die den Haushalt besorgte, die ihr kochte, Wäsche wusch und für sie sorgte. Auch wenn Edith mir oft erklärte, sie sei meine Schwester, so konnte das nicht sein. Nein, ihre Welt war eine ganz andere als meine. Nie und nimmer konnte es das geben.

Manchmal blieb sie lange bei ihrer Mutti, bis sie wieder einmal zu uns kam. Es war seltsam: Wenn sie nicht da war, ging sie mir irgendwie ab. Die Brüder waren oft unausstehlich und ich stellte mir vor, wie schön ich mit einer Schwester spielen könnte. Doch wenn Edith da war, dann hasste ich sie. Wenn sie mit mir spielte, nahm sie sich immer, was sie wollte. Wenn ich mich wehrte, sage sie mir:

»Gut, ich gehe nach Hause.« Deshalb gab ich halt nach und sie hatte wieder die schönsten Sachen zum Spielen, während mir nur der Rest übrig blieb. Aber noch wütender machte mich die Art, wie sie mit Mama umging. Sie schaffte an und Mama tat. So, als wäre Edith eine Königin und Mama die Dienerin. Da konnte doch etwas nicht stimmen. Sobald Edith bemerkte, dass sie den Bogen überspannt hatte, sagte sie nur: »Ich muss jetzt heim«, und schon war sie weg. Oft blieb ich ganz verwirrt zurück. Mama war sauer auf mich, schrie mich an, ich solle mich ordentlich benehmen oder meine Sachen wegräumen oder sonst irgendetwas. Wieder musste ich für Edith die Zeche bezahlen. Wie sehr ich sie doch hasste, bewunderte und beneidete.

Manchmal, wenn ich bei Papa auf dem Schoss saß, fing er an, mich zu ›bartln‹. Da fuhr er mit seinem Gesicht über mein Gesicht. Seine Bartstoppeln kratzten über meine Wangen, Lippen und Nase. Er machte das gerne und sagte dabei immer:

»Komm, Papa tut dich bartln, das ist gut, ganz viel bartln.« Dabei kratzte er immer wieder ganz fest über mein Gesicht. Ich mochte das überhaupt nicht und sagte immer wieder: »Nein, nein!«. Aber gleichzeitig kitzelte dieses Kratzen so sehr, dass ich dabei lachen musste. Es machte Papa mehr und mehr Spaß, wenn ich nein sagte und lachte. Nach einiger Zeit wurde das Kitzeln immer mehr ein Brennen auf der Haut. Aber so viel ich auch »Nein, nein« oder »Aua« rief, Papa hörte nicht auf. Er war in sein Spiel vertieft und konnte wohl nicht stoppen. Erst wenn mir die Tränen über die Wangen liefen, ließ er von mir ab. Meine Haut war dann stark gerötet, stellenweise sogar ein bisschen blutig. Er kannte sich dann meist nicht so recht aus und fragte:

»Blödes Mensch, warum plärrst du jetzt?« Danach war er wieder grantig und sauer. Manchmal schrie er dann einen von meinen Brüdern zusammen, manchmal schlug er auch einen.

Ich ging Papa vorsichtshalber aus dem Weg, denn ich wollte keine Tracht Prügel abbekommen. Auch meine Brüder verrollten sich in ihr gemeinsames Zimmer und überlegten, wie sie mir wohl diese Ungerechtigkeit zurückzahlen könnten.

»Des blede Mensch ist schuld, dass da Papa so spinnt«, stellten sie dann einig fest.

Mama hielt sich bei solchen Situationen stets im Hintergrund. Sie war immer mit viel Arbeit beschäftigt und oft wirkte sie, als würde sie gleich zusammenbrechen. Immer wieder stöhnte sie vor sich hin und vergrub sich in ihre Gedanken. Wenn Papa sein ›Bartlspiel‹ mit mir spielte, ging sie meist weg. Sie hängte Wäsche auf oder musste woanders etwas tun. Anfangs suchten meine Blicke oft nach ihr, aber sie war nicht da. Es war auch egal, denn sie hätte ohnehin nie ein Wort gegen Papa gesagt. Sie hatte wohl andere Sorgen. So musste sie jeden Tag Papa um Geld anbetteln, damit sie einkaufen gehen konnte. Im Voraus musste sie ihm immer schon sagen, was sie alles einkaufen wollte. Wenn diese alltäglichen Dinge wie Brot, Milch, Zucker oder Mehl seinen Prüfungen standhielten, dann gab er ihr je nachdem Zwanzig- oder Fünfzigschillingscheine. Dieses Spiel wiederholte sich beinahe täglich und steigerte sich am Freitagabend zu seinem Höhepunkt. Da Mama für das Wochenende mehr einkaufen musste, musste sie besonders unterwürfig bitten. Großmütig ließ Papa sich dann herab, ihr etwas mehr Geld zu geben. Jeden Tag legte sie ihm die Rechnungen vor, damit er kontrollieren konnte, ob alles seine Richtigkeit hatte. Er trug es dann in sein Kassabuch ein und war sehr stolz, wie sparsam er wirtschaften konnte.

Eines Tages musste Mama irgendwohin fahren. Ich glaube, sie fuhr mit Thomas zu einem Arzt. Mein großer Bruder Hans, der bereits im letzten Lehrjahr und gerade im Krankenstand war, sollte auf mich aufpassen. Die anderen Brüder waren nicht zu Hause. Ich saß beim Küchentisch und malte. Ich hatte ein wunderschönes Malbuch vom Osterhasen bekommen und Farbstifte dazu. Nach einiger Zeit hörte ich meinen Bauch knurren. Ich fragte Hans, wann es denn etwas zu essen gäbe. Er meinte nur mürrisch:

»Später irgendwann.« Aber so einfach gab ich mich nicht zufrieden. Also bohrte ich nach:

»Aber ich will es genau wissen, Hans!«

Er brummte: »Gib Ruhe und mal weiter.«

»Aber ich habe Hunger und mag was zu essen. Gib mir was!«, jammerte ich. Er aber hörte nicht mehr auf mich. Na gut, dann male ich halt weiter, dachte ich mir.

Hans setzte sich auch zum Tisch und las in einem Heftchen.

»Was liest du da?«, fragte ich neugierig.

»Verschwind und gib Ruh’«, knurrte er mich wieder an.

»Nur wenn du mir sagst, was das für ein Heft ist«, wehrte ich mich.

»Ein Sexheft und jetzt hau ab, sonst knall’ ich dir eine!«

Diesen Ton kannte ich. Der war gefährlich. Still räumte ich meine Malsachen zusammen und schlich aus dem Zimmer. In meinem Bett im Wohnzimmer lag meine Puppe. Ich nahm sie in den Arm und erzählte ihr von dem gemeinen Bruder. Sie aber sollte es besser haben als ich und deshalb kochte ich ihr in der Puppenküche ein leckeres Essen. Während ich die Puppe fütterte, knurrte mein Magen immer lauter. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Wieder schlich ich in die Küche. Hans stand an der ›Abwasch‹ und wusch Geschirr. Da kam mir ein Gedanke. Ich kletterte auf die Bank, stellte mich ganz groß hin und sagte ganz laut:

»Hans, ich mag was zu essen.« Er drehte sich um und ich war endlich einmal auf einer Höhe mit ihm. Ich war so groß wie er. Er lachte und wollte mich nehmen. Ich aber stieß ihn zurück und schrie: »Gib mir sofort was zu essen!«

Einen Augenblick war er überrascht, dann aber nahm er mich und stellte mich wieder auf den Boden. Da war ich wieder die kleine Carmen mit ihren fünf Jahren und funkelte wütend zum großen Bruder auf. Er aber schaute mich so böse an, dass ich wieder zu meiner Puppe verschwand. Dieser erzählte ich mein frustrierendes Erlebnis. Sie hörte mir geduldig zu. Auf einmal rief mein Bruder:

»Carmen, komm, ich habe einen Vorschlag!« Schnell lief ich in die Küche. Er hob mich auf die Bank. Jetzt war ich wieder so groß wie vorhin. Er stand ganz nahe vor mir, irgendwie zu nahe. Dann sagte er: »Wenn du mich lieb hast, dann mache ich dir Palatschinken.«

»Natürlich habe ich dich lieb«, sagte ich und umarmte ihn ganz fest.

Er aber schob mich wieder zurück und schaute mich ganz komisch an. Dann griff er mit seiner Hand zwischen meine Beine. Langsam machte ich einen Schritt zurück. Als ich bemerkte, wie er seine Hand noch weiter nach oben schob, lief ich zurück in die Ecke der Bank. Hans schaute mich ganz böse an und befahl mir, ich solle zu ihm kommen. Aber ich wollte nicht. Ganz stur blieb ich in der Ecke. Sobald er sich mir von einer Seite der Bank näherte, lief ich auf die andere. Er konnte mich nicht erwischen. Irgendwie war dieses Spiel lustig, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Ich überlegte, wie ich wohl entkommen könnte. Da kam Hans auf eine Idee und rückte einfach den Tisch weg. Jetzt war ich in meinem Eck nicht mehr geschützt. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf mich zu. Ich hatte keine Chance zu entkommen. Ich verkroch mich in die Ecke, zog die Beine an, schlang meine Arme darum und versteckte mein Gesicht auf den Knien.

Hans nahm mich so als Paket und trug mich ins Wohnzimmer. Dort legte er mich auf mein Bett und irgendwie schaffte er es wieder, zwischen meine Beine zu greifen. Ich hatte keine Ahnung, wie er dort hingekommen war, aber er war dort. Nach einer Weile nahm er die Hand wieder weg und sagte zu mir.

»Weil du so brav warst, bekommst du jetzt Palatschinken«. Dann ging er in die Küche. Ich lag auf dem Bett und verstand gar nichts mehr. Warum war ich brav? Was habe ich getan? Was hat er getan und warum? Ich nahm meine Puppe, zog sie aus und griff ihr zwischen die Beine. Die Puppe ließ es sich gefallen, sie tat gar nichts dagegen. Ich zog die Puppe wieder an und legte sie schlafen.

Ein köstlicher Duft von Palatschinken stieg in meine Nase. Schnell lief ich in die Küche. Ich hatte so großen Hunger. Hans sagte zu mir:

»Wenn du magst, kannst du Palatschinken haben oder auch Schlecker oder Kaugummi«. Ich schaute ihn nur an und verstand die Welt nicht mehr. Hans wollte mir solche Köstlichkeiten geben? Er hatte wohl meinen Blick bemerkt. »Na ja, wenn du mich hingreifen lässt oder auch einmal anschauen, dann kriegst du das.« Irgendwie blieb mir der Mund offen und die Gabel auf dem Weg zum Mund stehen. Er wollte nur hingreifen und mir dafür einen Kaugummi geben? Er lachte und sagte: »Iss weiter, sonst wird alles kalt!«

Ich aß eine Palatschinke, aber eigentlich hatte ich keinen Hunger mehr. Ich musste es unbedingt meiner Puppe erzählen. Gerade als ich meiner Puppe davon erzählte, kam Hans herein. Er schaute mich streng an und sagte dann zu mir:

»Du darfst das niemanden erzählen, das ist nur unser Geheimnis.«

»Nicht einmal meiner Puppe?«, fragte ich verunsichert zurück.

»Nein, gar niemanden, auch nicht deiner Puppe, sonst läuft sie dir davon oder irgendwer nimmt sie dir weg«, sagte er mir in beschwörendem Ton.

Ich drückte die Puppe ganz fest an mich. Sie war doch die Einzige, der ich alles erzählen konnte, die mir zuhörte. Nein, niemals würde ich meine Puppe in Gefahr bringen. So sagte ich nur zu ihr:

»Es tut mir leid, aber darüber darf ich dir nichts erzählen. Nie darf ich dir darüber erzählen. Das musst du einfach verstehen. Dieses Geheimnis ist so wichtig, dass nur Hans und ich es wissen dürfen. Aber ich habe dich ganz, ganz viel lieb.« Dann legte ich die Puppe schlafen und kuschelte mich zu ihr. Ich war so müde. Vorsichtig griff ich mir zwischen die Beine. Da war wieder dieses komische Gefühl. Ich drückte die Beine wieder fest zusammen und rollte mich wie eine Kugel zusammen. So schlief ich ein.

Als ich aufwachte, war Mama wieder zu Hause. Draußen war es schon dunkel und ich hatte wohl lange geschlafen. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass meine Puppe noch schlief, stand ich auf und ging in die Küche.

Thomas baute mit Bauklötzen einen Turm. Ich ging hin und trat dagegen. Der Turm fiel um und Thomas begann zu weinen.

»Mama, Mama«, schrie er, aber die Mama hörte nicht. Sie war nicht in der Küche. Nur Hans saß am Tisch und las in einem Buch. Er schaute mich böse an, sagte aber kein Wort. Thomas versuchte noch einmal, einen Turm zu bauen. Sobald er ein paar Steine übereinander hatte, stieß ich ihn wieder um. Wieder schrie er wie am Spieß und da kam gerade Mama zur Tür herein. Sie schaute mich kurz an und fragte mich, ob ich denn krank werden würde, weil ich fast den ganzen Nachmittag geschlafen hätte. Ich dachte daran, was mit Hans geschehen war, und war stocksauer auf Mama.

»Blöde Mama«, sagte ich so halblaut vor mich hin. Aber Mama hatte es gehört und war jetzt sauer auf mich. Ziemlich grantig fragte sie mich:

»Was hast du denn, du Grantscherm?« Wütend gab ich dem Turm einen weiteren Stoß und die Steine purzelten auf Thomas. Der brüllte wieder. Mama nahm mich und schickte mich ins Wohnzimmer. Dort saß ich alleine. Ich nahm meine Puppe und warf sie auf den Boden. Ich schimpfte mit ihr und drohte ihr eine Tracht Prügel an, sollte sie sich nicht ordentlich benehmen. Dann setzte ich mich in eine Ecke und weinte. Alle durften beisammen sein, nur ich musste da alleine bleiben. Nach einiger Zeit kam Mama und sah mich in der Ecke sitzen. Sie meinte nur kurz.

»Plärrst du über deine eigene Dummheit?«, und ging weiter ins Schlafzimmer. Nach einiger Zeit kam sie wieder heraus und sagte mir, wenn ich brav sei, dürfe ich wieder in die Küche kommen. Zögernd stand ich auf und folgte ihr. Inzwischen waren auch Günther und Erwin nach Hause gekommen. Sie saßen alle am Tisch und aßen. Ich dachte daran, wie lange ich auf die Palatschinken hatte warten müssen, die Hans mir gemacht hatte. Da war so ein komisches Gefühl im Bauch. Ich setzte mich in eine Ecke und beobachtete jeden Einzelnen.

Hans, der da saß und las, Günther, der gerade ein Stück Brot abschnitt, Erwin, der sich ein Stück Speck in den Mund steckte und Thomas, der ebenfalls am Tisch saß. Vor ihm ein Teller mit ›Vogelfutter‹. Das war klein geschnittene Wurst mit Brot. Mama war beim Ofen und heizte nach. Irgendwie war alles friedlich und ruhig. Da ging die Tür auf und Edith kam herein.

Plötzlich war alles anders. Mama setzte sich mit Edith zum Tisch und fragte sie über Schule und Mutti und Vati. Aber auch Hans, Erwin und Günther wollten mit ihr reden. Thomas lachte und klatschte in die Hände, als er Edith sah. Nur ich saß wieder alleine in der Ecke. Ich war für niemanden wichtig. Keiner kümmerte sich um mich, alle nur um Edith. Wenn sie doch nur für immer bei Mutti und Vati bleiben würde. Aber nein, immer wieder kam sie vorbei. Vor allem aber hatte Mama dann Zeit für sie.

Kurze Zeit später kam Papa heim. Mama richtete ihm schnell eine Jause und schon saß Edith auf seinem Schoß. Plötzlich spürte ich, wie es in meiner Hose nass wurde. Das war mir total peinlich. So etwas war mir schon lange nicht mehr passiert. Ich wollte schnell ein Tuch nehmen und den Boden aufwischen, aber Mama hatte es schon bemerkt. Sie schrie mich an:

»Spinnst du, einfach so in die Hose luln, du bist doch kein Baby mehr!«. Und während sie dies schrie, klatschte sie mir eine auf den Hintern. Die anderen Kinder lachten alle und schrien:

»Hosenbrunzer, Hosenbrunzer!«

Mama nahm mich und ging mit mir ins Schlafzimmer. Sie war noch immer stinksauer. Nachdem sie mir die Hose ausgezogen hatte, schlug sie mir mit der Hand noch einmal aufs Hinterteil, dass es klatschte und schimpfte:

»Ich hab’ eh schon genug Wäsche, da musst du nicht auch noch so was tun!«

Ich saß da und heulte. Verzweifelt versuchte ich nun, zu retten, was zu retten war. Ich schluchzte:

»Mama, ich habe dich lieb!«

Mama aber sagte nur:

»Wenn du mich lieb hättest, würdest du so etwas nicht tun und jetzt schau, dass du ins Bett kommst, ich will dich nicht mehr sehen.«