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Als Fikret Catics Vater den ersten Blick auf seinen neugeborenen Jungen wirft, steht für ihn fest: Er sieht aus wie ein echter Bandit. Catic wächst hingegen in einer liebevollen Familie auf und zunächst scheint nichts auf ein bevorstehendes Gangsterleben hinzuweisen, bis ihn im Alter von zwölf Jahren Geld und das schnelle Leben in Verbindung mit einem gemütlichen Lebensstil reizen. Er begeht Einbrüche, feiert das Leben, verliebt sich und muss letztlich ins Gefängnis. Dort holt ihn die Realität ein, er beginnt seinen rasanten Lebensstil zu hinterfragen und sich nach einem geordneten Leben zu sehnen. Mit Esprit und Wortgewandtheit erzählt Fikret Catic humorvoll seine Lebensgeschichte und lässt den Leser diese hautnah miterleben.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Chronologie Eines Gangsterlebens
Prolog
Kindheitserinnerungen
Kapitel I: 1990–1994
Knast Teil I
Kapitel II: 1995–2000
Knast Teil II
Kapitel III: 2000–2006
Knast Teil III
Kapitel IV: 2007–2015
Knast Teil IV
Knast Teil V
Das Leben schreibt bekanntlich die aufregendsten und unglaublichsten Geschichten … diese hier ist meine …
Als ich noch ein kleiner Junge war, erzählte mir meine Mutter einmal davon, dass das Allererste, was mein Vater bei meiner Geburt über mich gesagt haben soll, nachdem ich soeben erst auf die Welt geplumpst war und er mich etwas genauer unter Augenschein genommen hatte, war: „Der sieht aus wie ein Bandit!!!“
Ein bekanntes Sprichwort besagt, dass wenn man etwas nicht gekannt hat, man es auch nicht vermissen kann. Und obwohl das Leben mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin, wünsche ich mir manchmal, ich hätte dieses Leben nie kennengelernt. Ich musste beinahe 40 Jahre alt werden, bevor der Groschen endlich fiel und ich zur Besinnung kam.
Knapp ein Vierteljahrhundert sabotierte ich mein eigenes Leben, indem ich irgendwann einmal bei null losging und seitdem nur noch rückwärtslief. Ständig mit Vollgas auf der Überholspur, ohne dabei wirklich irgendwo anzukommen. Für mich war das Leben nicht mehr als eine berauschende Party, und ich ein Typ, der nach keinerlei Regeln tanzte. Zeitlebens ein ewig währender Ritt auf der Rasierklinge, und das Eis, auf dem ich mich bewegte, war von jeher sehr dünn.
Auf einem schmalen Grat zwischen absoluter Glückseligkeit und totaler Selbstzerstörung bewegte ich mich immer auf Messers Schneide. So hätte ich es zu jener Zeit wohl auch für kaum möglich gehalten, dass als ich mich damals als Kind dazu entschloss, einen Einbruch zu begehen, dies der Startschuss zu einer über vier Jahrzehnte hinweg andauernden Laufbahn als Einbrecher sein würde und mein Leben so schon früh auf den Kopf stellen würde.
Seit meinem 13. Lebensjahr hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, mir meinen Lebensstandard überwiegend dadurch zu finanzieren, nachts loszuziehen, um in xbeliebige Geschäfte einzusteigen. Natürlich immer mit der vorherigen Absicht, fette Beute zu machen, was letztendlich zu mehreren Festnahmen führte und schließlich dazu, dass man mich ins Gefängnis steckte, ich dort in einer kahlen Zelle landete und die massive Stahltür hinter mir verriegelt wurde. So war ich zumindest vor mir selbst sicher. Denn nur auf diese rabiate Weise konnte ich keinen weiteren Schaden mehr anrichten.
Für einen Lebemann wie mich war es schlichtweg eine Katastrophe. Dennoch habe ich es jedes Mal darauf ankommen lassen. Und mit jedes Mal meine ich, dass ich mich nicht nur einmal in einer solch prekären Lage wiedergefunden habe.
Ganze fünf Male kam ich in den „Genuss“, gesiebte Luft in zahlreichen Knästen Deutschlands zu schnuppern – eine mehr als entwürdigende Erfahrung, auf die ich getrost hätte verzichten können. Jedoch war sie bei dieser selbstzerstörerischen Lebensweise unausweichlich. Sie kostete mich über fünf Jahre meines Lebens. Mit Sicherheit wäre mir so einiges erspart geblieben, hätte ich mich als Jungspund nicht dazu entschlossen, krumme Dinger zu drehen. So aber begegnete mir LA DOLCE VITA mit allen seinen Vorzügen, und ich war seitdem nie wieder bereit, darauf zu verzichten.
Getrieben von ständiger Gier und dem Trachten nach den schönen Dingen dieser Welt, schlitterte ich mehr oder weniger durchs Leben. Und wie nicht anders zu erwarten, blieb ein solch brisanter Lifestyle nicht ohne Folgen und vor allem nicht ungestraft. Ich wurde zu einem hundertfachen Einbrecher, der sich in der gesamten Bundesrepublik wie ein Orkan austobte.
Doch sosehr ich dieses Leben auch liebte, bekam ich schon recht bald die Schattenseiten des kriminellen Daseins mit voller Wucht zu spüren. Daher wäre es nur allzu klug gewesen, die Rolle rückwärts zu machen und ganz schnell einen anständigen und vor allem rechtschaffenen Weg einzuschlagen. Ich aber hatte mich längst entschieden.
Wenn ich heute nach einer Erklärung für den bisherigen Verlauf der Geschehnisse suche, mich selbst hinterfrage und dabei mein Verhalten reflektiere, wird mir rückblickend immer mehr bewusst, dass des Übels Wurzel bereits in meiner frühen Kindheit lag und hier alles seinen Anfang nahm …
Ich war das typische Produkt meiner Umgebung. Ich wurde in Neumünster geboren, einer Stadt mit knapp 80.000 Einwohnern, gelegen im Herzen Schleswig-Holsteins. Früher einmal als Industrie-Hochburg verschrien, waren mit der Zeit viele ansässige Firmen in Konkurs gegangen. Sie schlossen ihre Pforten oder verlagerten Produktionen ins Ausland.
Hier war nicht wirklich was los. Gähnende Langeweile und graue Tristesse bestimmten damals das Geschehen. Die Arbeitslosenzahlen waren gleichbleibend auf Rekordniveau und viele Menschen, die hier lebten, hielten sich mit Sozialleistungen über Wasser. Laut Kriminalstatistiken belegte Neumünster regelmäßig einen der bundesweiten Spitzenplätze. Und dies noch vor Großstädten wie München, Berlin oder Hamburg. Auch ich sollte einen erheblichen Anteil daran haben, dass die Stadt ihrem Ruf gerecht wurde und sich über Jahre auf einem der oberen Treppchen der „most criminal cities“ hielt.
Hier wuchs ich also auf. Dazu noch in einer Gegend, die zu den sozialen Brennpunkten zählte. Polizei und Rettungswagen zählten zum alltäglichen Anblick, da es in der Nachbarschaft immer heiß herging. Der Lärmpegel war dermaßen hoch, dass an einen gesunden Schlaf gar nicht zu denken war. Wir lebten in unmittelbarer Nähe zu einer viel befahrenen Eisenbahnbrücke. Jedes Mal, wenn ein Zug sie überquerte, was praktisch im Minutentakt passierte, wackelte mein Bett dermaßen, als würde ein Erdbeben stattfinden.
Unsere Fenster waren so undicht, dass man jedes Gespräch, das draußen auf der Straße geführt wurde, zwangsläufig mit anhören musste. Ganz zu schweigen von den zahlreichen ansässigen Gaststätten, deren Betreiber sich mit ohrenbetäubender Musik bis in die frühen Morgenstunden gegenseitig zu übertönen versuchten. Es war wirklich nervtötend.
Die rüstige ältere Dame, die mir noch gut in Erinnerung geblieben ist, tauchte jeden Morgen mit ihrer kläffenden Töle von Hund beim Bäcker nebenan auf, um sich mit frischen Brötchen einzudecken. Dabei band sie ihren Vierbeiner an der Leine vor dem Laden fest, während sie ihre Besorgungen machte. Und sobald die Oma auch nur einen Schritt in die Bäckerei tat, begann ihr Pelzknäuel sofort lauthals aus tiefster Kehle die gesamte Nachbarschaft wach zu bellen. Er gab keine Ruhe. Erst als sie wieder heraustrat, verstummte er.
Mein Vater sprang dann jedes Mal völlig entnervt aus seinem Bett, um sich vom Fenster aus bei der alten Dame zu beschweren. Die aber ließ ihn links liegen und zeigte ihm die kalte Schulter. Unbekümmert kam sie weiterhin jeden Morgen, um uns allen den Schlaf zu rauben.
Den Vogel aber schoss definitiv unser humpelnder Nachbar ab. Dieser schaffte es mit Bravour, uns alle aus dem Tiefschlaf zu reißen. Noch im Morgengrauen schob er sein antikes Moped vor die Haustür, startete den Motor und schlich dann im Anschluss zurück in den Hof, um das riesige Tor ordnungsgemäß wieder zu verschließen. Durch seine Behinderung bedingt benötigte er eine gefühlte Ewigkeit, während sein Mofa so unfassbar laut und penetrant vor sich hin knatterte, dass man hätte annehmen können, es stünde direkt neben dem eigenen Bett. Wenn er sich dann endlich auf den Weg machte, gab er zuvor noch einmal richtig schön viel Gas, damit auch ja jeder in der Nachbarschaft wusste, dass er die Biege machte.
Aufgrund des chronischen Schlafmangels hatte meine Mutter ihre Schwierigkeiten, uns Kinder für die Schule wach zu bekommen, da wir uns schlichtweg weigerten, nach der kurzen Nacht aufzustehen, und gleich wieder einschliefen. Doch auf Mutti war Verlass. So entwickelte sie mit der Zeit ihre ganz eigenen Methoden, um uns Kinder aus dem Bett zu jagen.
Nur zu gerne nahm sie den riesigen Wecker in die Hand, zog ihn auf und brachte ihn zum Klingeln. Und während man noch tief und fest vor sich hin schlummerte, drückte meine Mutter dir den Wecker gnadenlos mit voller Wucht gegen dein Ohr, sodass du vor lauter Schreck beinahe aus dem Bett gefallen wärst. Im Winter, wenn es draußen schneite und Minusgrade herrschten, besaß sie keine Skrupel, die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um dir dann deine kuschelig warme Bettdecke zu entreißen. Der sofort einsetzende Schüttelfrost sorgte zwangsläufig dafür, wach zu bleiben.
Mein persönliches Highlight ihrer seelischen Folterskala war rückblickend jedoch die folgende Tortur: Während es noch stockduster war und meine Geschwister und ich noch im Land der Träume schwebten, holte meine Mutter ihren geliebten Staubsauger aus der Kammer hervor. Mit der Lautstärke eines kaputten Rasenmähers saugte sie gezielt um unsere Betten herum und stieß dabei – natürlich völlig unbeabsichtigt! – gleich mehrmals gegen dein Bett. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gab man sich geschlagen und stand freiwillig auf.
Das Resultat ihrer gemeinen, aber durchaus effektiven Weckmethoden war, dass ich am frühen Morgen mit noch halb geschlossenen Augen auf der Couch saß. Lethargisch und fern von jeglicher Aufnahmefähigkeit versuchte ich krampfhaft, wach zu werden. So erging es uns allen. Meine jüngere Schwester war solch ein Morgenmuffel, dass sie die Fähigkeit besaß, sich in ein kleines grünes Monster mit Hörnern zu verwandeln, wenn du es auch nur wagtest, sie in der Frühe etwas zu fragen. Man ließ sie besser in Ruhe.
Und während wir uns zwischenzeitlich für die Schule fertig machten, war es für meine Eltern ein tägliches Ritual, gemeinsam am Tisch zu sitzen, sich zu unterhalten und aus kleinen flachen Mokkatassen ihren Kaffee zu sich zu nehmen, so wie es in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina Brauch war.
Wie gewohnt saß mein Vater mit einer Zigarette im Mundwinkel da, in seinem eingelaufenen Unterhemd und seiner viel zu großen Unterhose. Wir Kids mussten ihn ständig darauf aufmerksam machen, dass seine verschrumpelten Eier wieder einmal an den Seiten herausragten, worauf er sie sichtlich verlegen schnell wieder einzupacken versuchte, indem er hastig die Unterhose zurechtrückte. Wir amüsierten uns jedes Mal darüber.
Um überhaupt in den Tag starten zu können, trank ich als Kind einige Tassen von dem starken Kaffee meiner Eltern. Weil ich im Anschluss wie gewohnt mit leerem Magen zur Schule aufbrach, führte dies regelmäßig dazu, dass der Kaffee durchschlagende Kräfte bewirkte. Ich musste so dermaßen scheißen, dass ich glaubte, mein Darm würde platzen. Ich lief den Schulweg so zügig, als würde ich an einem Speedwalking-Marathon teilnehmen. Sobald ich die Schule erreicht hatte und noch bevor der Unterricht losging, suchte ich immer erst einmal eilig die Toiletten auf, um mich zu erleichtern.
Ich besuchte eine Schule, die dafür berüchtigt war, dass sie von einer ganze Menge Chaoten besucht wurde. Sie genoss nicht gerade den allerbesten Ruf. Die Lehrer quälten sich mehr oder weniger durch ihren Lehrplan. Da alle nur am Scheißemachen waren, ließ sich ein gesitteter Ablauf der Stunden oftmals gar nicht bewerkstelligen.
Durch den Koffeinschock am frühen Morgen war ich meist dermaßen überdreht, dass ich gar nicht fähig war, dem Unterricht aufmerksam zu folgen. Stattdessen alberte ich nur herum und mimte den Klassenclown. Ich hielt meine Mitschüler bei Laune, was bei denen sehr gut ankam. Oder aber man hörte keinen Mucks von mir. Dann nämlich wenn ich mich unsichtbar machte, indem ich während des laufenden Unterrichts den fehlenden Schlaf wieder ausglich.
Eigentlich war es die Regel, dass ich unvorbereitet und oftmals zu spät zum Unterricht kam. Vergessene Hausaufgaben wurden schnell noch während des laufenden Unterrichts erledigt. Mein Schulmaterial vergaß ich andauernd. Für Deutsch oder Mathematik hatte ich noch nie etwas übrig gehabt und ließ bei anstehenden Arbeiten meine Hefte von vornherein geschlossen. Gelernt hatte ich kaum. Kurz gesagt, ich mochte die Schule nicht besonders und empfand sie eher als notwendiges Übel.
Als ich bei der damals noch alljährlich stattfindenden schulärztlichen Untersuchung von einem Arzt auf meine Gesundheit abgecheckt wurde, markierte ich so sehr einen auf sterbenden Schwan, dass dieser mich sofort zu einer vierwöchigen All-inclusive-Erholungskur in die Berge nach Bayern schickte, und das, obwohl mir überhaupt nix fehlte. Während meine Mitschüler allesamt die Schulbank drückten, genoss ich bei strahlend blauem Himmel hoch oben auf einer Berghütte ein herrliches Alpenpanorama. Ich war wirklich ein Schlawiner.
Ich schrieb eigentlich nur in den Fächern gute Noten, in denen mich mein Direktor unterrichtete. In diesen Fächern war ich für meine Verhältnisse ein Musterschüler. Mein Direktor war ein über zwei Meter großer Hüne, der absoluten Wert auf Fleiß und Disziplin legte. Alles, was im Gegensatz dazu stand, duldete er nicht einmal ansatzweise, was er dann auch auf seine ganz unmissverständliche Art zeigte.
Er war ein durch und durch finsterer Typ. Er konnte dich vor allen anderen Mitschülern zur Sau machen, wenn man nur zwei Minuten zu spät zu seinem Unterricht erschien. Ich habe dann immer vorsichtshalber gleich die komplette Stunde ausfallen lassen, wenn ich wusste, dass mein Direktor im Raum war und ich mal wieder zu spät kam. Selbst die coolsten Mitschüler zollten ihm Respekt. Wenn man seinem Unterricht nicht die volle Aufmerksamkeit schenkte und es wagte, auch nur einen Hauch von Desinteresse zu zeigen, war es nur eine Frage der Zeit, bis er plötzlich wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl aufsprang und mit hochrotem Kopf auf einen zumarschiert kam. Dabei trat er mit seinem Gesicht so nah an deines heran, dass seine Nasenspitze beinahe die deine berührte. Der darauf folgende Brüllanfall erschütterte dich bis ins Mark. Er schrie dich so laut an, dass man durchaus hätte annehmen können, dass ihm im nächsten Moment seine Mandeln aus dem Hals schießen könnten. Während man in sich gesunken nur dasaß und seine Schimpftriaden über sich ergehen ließ, wurde es in der gesamten Klasse mucksmäuschenstill und alle saßen wie erstarrt da. Wenn er dann nach einer gefühlten Ewigkeit mit dir fertig war, konnte man noch froh sein, wenn man sich aus Angst nur in die Hose gemacht hatte. Mir kam er vor wie ein Psycho.
Zu den Glücklicheren zählten diejenigen, die er kurzerhand einfach aus dem Unterricht warf. Man kann sich ja nur zu gut vorstellen, wen dies des Öfteren traf. Ich war wohl sein Lieblingsopfer. Aber vollkommen zu Recht!
Als ich eines Tages während des Unterrichts mal wieder nur Blödsinn zum Besten gab, ertönte aus dem Lautsprecher plötzlich eine so was von aggressive Stimme, die mich erschaudern ließ. Nur zu gut war sie mir bekannt. In einem Militärton befahl mir der Direktor, mich unverzüglich in seinem Büro einzufinden.
Ich ahnte Böses, und auch alle meine Klassenkameraden sahen mich daraufhin so an, als müsste ich auf die Schlachtbank. Als mir dann auch noch mein Lehrer beim Verlassen der Klasse viel Glück wünschte, sank mein damals sehr geringes Selbstbewusstsein auf den Nullpunkt.
Als ich völlig eingeschüchtert das Büro meines Direktors betrat, begrüßte dieser mich in einem ungewohnt beinahe freundlichen Ton. Er bat mich, auf einem Stuhl vor ihm Platz zu nehmen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, mich in Sicherheit wiegen zu können, doch zu schnell verfinsterte sich seine Miene. Er kam direkt zur Sache, indem er plötzlich mein Mathematikheft aufschlug und von mir wissen wollte, wer die Zensur „Sechs“ aus der letzten Mathematikarbeit unterschrieben habe. Ich warf einen flüchtigen Blick auf das Heft, um ihm dann scheinheilig die Unterschrift meines Vaters zu bestätigen, wohl wissend, dass ich selbst es gewesen war, der sie nur kurz zuvor in Kinderschrift reingekritzelt hatte.
Wortlos und mit versteinerter Miene musterte mich der Direktor, so als wolle er mir im nächsten Moment an die Gurgel. Seelenruhig stand er daraufhin von seinem Platz auf, um die Tür zum Büro nebenan sperrangelweit zu öffnen. Nichts ahnend blieb mir beinahe das Herz stehen, als ich plötzlich meinen Vater im Raum nebenan erblickte. Gewohnt lässig mit einer Zigarette im Mund machte er nicht gerade den Eindruck, als würde er sich freuen, mich zu sehen. Der Direktor hatte ihn im Vorfeld telefonisch zu sich gebeten, um mir eine Falle zu stellen, in die ich Holzkopf dann auch voll hineingetappt war.
Während ich augenblicklich in eine Schockstarre verfiel, fand mein Direktor schnell zur üblichen alten Form zurück. In Anwesenheit meines Vaters beschimpfte er mich lauthals minutenlang und warf mir Betrug vor. Und während er mich wie gewohnt verbal zunichtemachte, nahm mein Vater schweigend mein Mathematikheft in die Hand, rollte es zusammen und gab mir damit eine peitschende Schelle auf meinen Hinterkopf, wozu ihn mein Direktor auch noch beglückwünschte, während ich nur dastand und wie ein Häufchen Elend mich nichts zu sagen traute.
Nachdem die beiden mir einen ordentlichen Einlauf verpasst hatten und endlich mit mir fertig waren, freuten sie sich ganz offensichtlich über diesen überaus gelungenen Coup. Lächelnd verabschiedeten sie sich voneinander, insgeheim amüsiert, dass ich aufgeflogen war. Mein Vater verließ daraufhin das Büro des Direktors, jedoch nicht ohne mich vorher noch wissen zu lassen, dass die Sache für mich ein Nachspiel haben würde. Ich war restlos bedient.
Nachdem sich der Direktor kurz darauf auf Normaltemperatur heruntergefahren hatte, forderte er mich auf, ihm doch bitte einmal zu erklären, wie es möglich sein könne, dass zwei meiner Geschwister, die ebenfalls diese Schule besuchten, sich absolut vorbildlich verhielten, am Schulgeschehen interessiert teilnahmen und gute Noten schrieben, während ich seiner Aussage nach, Magengeschwüre bei ihm auslösen würde. Ich konnte ihm keine plausible Erklärung nennen. Stattdessen grinste ich nur blöd und zuckte mit der Schulter, worauf er mich mal wieder aus seinem Büro warf.
Ich war als Kind schon ein Phänomen. Da meine Eltern kaum Geld für Spielzeug übrig hatten, spielte ich nicht wie andere Kinder in ihrer Freizeit Brettspiele oder Verstecken. Stattdessen zog ich es vor, mir gemeinsam mit meinem Bruder Nijo waschechte, messerscharfe Ninja-Wurfsterne zu besorgen, um uns damit gegenseitig wie die Irren zu bewerfen. Man kann von Glück reden, dass wir uns nicht gegenseitig trafen und schwer verletzten.
Ebenso wenig machten wir uns irgendwelche Gedanken, als wir mehrere Karategürtel zu einem langen Band zusammenknoteten und sie am Fenstersims des dritten Stockwerks festbanden, um uns im Anschluss gemeinsam vom Fenster aus die Fassade auf die Straße hinunterzuhangeln. Gott sei Dank rissen die Gürtel erst kurz vor dem Boden, sodass wir wie nasse Säcke auf den harten Asphalt plumpsten. Offensichtlich suchte ich schon immer die Gefahr.
Als ich als kleiner Steppke einmal gemeinsam mit meinen beiden Brüdern in einem abgelegenen Waldstück auf einem alten verrosteten Stahlgerüst in waghalsiger Höhe wie ein Affe herumturnte, wäre mir dies beinahe zum Verhängnis geworden. Ich balancierte auf einem der Stahlträger, als ich plötzlich den Halt verlor und in die Tiefe zu stürzen drohte. Im letzten Moment griff mein ältester Bruder Ziko reflexartig nach meiner Hand, während er sich selbst mit der anderen Hand am Gerüst festhielt.
Ich baumelte in schwindelerregender Höhe vor mich hin. Ein Blick nach unten verhieß nichts Gutes. Ich erkannte massive Stahlträger und Holzpaletten, die übereinandergestapelt waren. Panisch rief ich meinem Bruder zu, er solle mich jetzt bloß nicht loslassen, worauf dieser instinktiv anfing, mich wie ein Pendel in der Luft hin und her zu schwingen, bevor ihn die Kräfte verließen und er meine Hand loslassen musste. Laut schreiend stürzte ich wie ein Stein in die Tiefe. Doch ich muss wohl mehr als nur einen Schutzengel gehabt haben: Mein Fall wurde von dichtem Gestrüpp abgebremst.
Ich landete ziemlich unsanft breitbeinig auf einem von Brennnesseln umgebenen dicken Ast und verfehlte dabei die Stahlträger nur um Haaresbreite. Mit einem gequälten „Alles okay“ gab ich meinen beiden von oben besorgt dreinschauenden Brüdern schließlich Entwarnung, während ich seitlich am Ast hinunterrutschte und wie erschossen liegen blieb, weil mir durch den Aufprall meine kleinen Nüsse ziemlich wehtaten.
Auch war ich immer derjenige, der den Ärger meiner Eltern abbekam. Ganz egal wer was ausgefressen hatte, der Schuldige war immer sofort ausgemacht. Wenn ich mal wieder mit meiner Schwester aneinandergeriet und ihr dabei mit Freude so richtig schön auf die Nerven ging, reichte es schon, meinen Namen laut zu rufen. Man konnte sicher davon ausgehen, dass nur wenige Augenblicke später mein Vater aus dem Zimmer gestürmt kommen würde und gezielt auf mich zumarschieren würde, um mir mal wieder die Ohren langzuziehen.
Die scharfen Rügen, die ich dann abbekam, waren jedoch zugegebenermaßen berechtigt. So probierte ich eines Tages gemeinsam mit meinem Bruder Ziko ein paar sportliche Sit-ups, indem ich meine Beine hinter seinen Kopf einhakte und meinen Oberkörper auf den Boden hinunterhängen ließ, während er aufrecht dastand. Mein Hintern war dabei direkt vor seinem Gesicht platziert.
Ich begann mich nun auf und ab zu bewegen und wiederholte diese Übung mehrere Male, während mein Bruder ganz seriös mitzählte, wie oft ich dies wiederholte. Da machte sich urplötzlich mein Darm bemerkbar. Ohne Vorwarnung furzte ich meinem Bruder volle Kanone eine sekundenlange, nach Knallfröschen klingende, ohrenbetäubende Pupsexplosion ins Gesicht, sodass dieser mich wie gelähmt einfach zu Boden fallen ließ. Während ich vor ihm auf dem Boden kauerte und mich vor Lachen nicht wieder einkriegen konnte, stand mein Bruder völlig perplex mit versteinertem Gesicht wie erstarrt einfach nur da. Er konnte wohl selbst nicht glauben, was da gerade geschehen war. Aus lauter Ärger trat er nach mir, was meinem nicht enden wollenden Lachanfall aber auch nichts anhaben konnte. Und als er sich empört bei unseren Eltern über mein freches Verhalten beschwerte, brachen diese ebenfalls in lautes Gelächter aus.
Mein Bruder Nijo wiederum brachte es fertig, mir in nur kürzester Zeit beide Arme zu brechen – und das wohlgemerkt beim Herumtoben. Beim ersten Mal verdrehte er mir beim Spielen den linken Arm so sehr, dass mein Knochen splitterte. Nur kurz darauf schlug mir mein Bruder beim Herumalbern mit solcher Wucht auf den rechten Arm, dass dieser ebenfalls brach. Unser Hausarzt war gerade dabei, mir den einen Gips vom Arm zu entfernen, als er im Anschluss direkt den anderen Arm eingipsen durfte. Er hat sicher geglaubt, dass ich zu Hause misshandelt würde.
Auch wenn solche Dinge nicht nach Spaß klingen, wurde dieser bei uns in der Familie immer großgeschrieben. Wir liebten es, herumzualbern und Späße zu machen. Meine Geschwister und auch meine Eltern waren immer für einen guten Lacher zu haben. Doch ich kannte nie meine Grenzen.
Als ich eines Tages wieder einmal mehr als über die Stränge geschlagen hatte, platzte meinem Vater der Kragen. Wütend befahl er mir, in den Hof hinunterzugehen, um dort lange, dünne, stabile Zweige vom Busch abzubrechen, die ich mit hinaufbringen sollte. Mir war sofort klar, dass ich den Arsch versohlt bekommen würde. Also lief ich zuvor noch schnell ins Bad, um mir meine Hose mit etlichen Handtüchern auszupolstern, die ich mit Gürteln an meinen Beinen festband.
Mit Dackelblick schlich im Anschluss zu meinem Vater, um ihm die eingesammelten Zweige zu übergeben. Durch die vielen Handtücher bedingt stand ich leicht breitbeinig vor ihm, ich muss wie ein Sumo-Ringer ausgesehen haben. Sichtlich verblüfft wunderte sich mein Vater über das Volumen meiner Hose. Um der Sache auf den Grund zu gehen, befahl er mir, diese herunterzulassen. Wie in Zeitlupe öffnete ich daraufhin meine Jeans und ließ diese nur sehr zögerlich zu Boden fallen. Als die vielen Handtücher zum Vorschein kamen, nahm ich an, nun noch mehr Ärger zu bekommen. Doch stattdessen konnte ich an dem Gesicht meines Vaters ablesen, wie seine Wut einem Lächeln wich. Lauthals fing er an zu lachen. Und ich lachte einfach mit, aus „Solidarität“ und um die Situation weiter zu entspannen. Ganz offensichtlich hatte ich es geschafft, meinen Vater mit meiner Aktion milde zu stimmen. Amüsiert befahl er mir daraufhin, mich wieder anzuziehen.
Doch noch bevor ich meine Hose wieder hochziehen konnte, verpasste mir mein Vater ohne Vorwarnung mit einem der dünnen Zweige einen solch festen Hieb auf meine kleine blanke Arschbacke, dass es nur so knallte. Völlig erschrocken machte ich einen Riesensatz und flitzte wie Speedy Gonzalez – wobei ich beinahe über meine Hose gestolpert wäre, die mir aus Schreck in die Kniekehle gerutscht war – in mein Zimmer und verkrümelte mich dort.
Meinem Vater schien es für sinnvoll zu halten, uns Jungs in einem Boxverein anzumelden. Dort konnten wir uns so richtig auspowern. Viele unserer Freunde waren ebenfalls hier und das mehrmals wöchentlich stattfindende Training machte uns dreien riesigen Spaß.
Wir gingen sehr gerne zum Sport. Schon bald hatten wir richtige Kämpfe zu absolvieren, die im Rahmen von Turnieren stattfanden. Während meine beiden Brüder recht ansehnliche Fights lieferten, war ich wohl mehr als Showeinlage gedacht.
Mit gerade einmal zehn Jahren kämpfte ich in der leichtesten Gewichtsklasse. Die Turnhose, die ich im Ring tragen musste, war halb so groß wie ich selbst. Ich war echt ein Winzling im Gegensatz zu den anderen Boxern. Wenn mein Gegner und ich in den Ring traten, lachte sich das anwesende Publikum schon allein beim Anblick von uns zwei Piefkes halb tot.
Ich machte immer einen auf dicken Macker und versuchte im Vorfeld meine Gegner einzuschüchtern, hatte aber vom Boxen keine Ahnung. Schon mein allererster Kampf endete für mich in einem peinlichen Desaster.
Beim ersten Gongschlag rannte mein völlig übermotivierter Gegner wie ein wilder Stier auf mich zu, um mir im vollen Lauf seinen Kopf, den er viel zu tief hielt, in meine Magengrube zu rammen. Begünstigt durch den Mundschutz, den jeder Boxer im Ring tragen muss, bekam ich einen solchen Würgereiz, dass ich mich im Ring beinahe übergeben musste.
Ich würgte und grunzte so laut wie ein Schwein, dass an Boxen gar nicht zu denken war. Noch bevor ich überhaupt den ersten Schlag gemacht hatte, schmiss mein Trainer auch schon das Handtuch und der Kampf war vorbei. Und während sich das zahlreiche Publikum ungemein darüber zu amüsieren schien und sich schlapp lachte, stand ich wie bedröppelt in der Ecke und sah dabei zu, wie mein Gegner derweilen zum Sieger erklärt wurde. Es war echt zum Heulen. Ich war ein wirklich miserabler Boxer. Insgesamt acht Kämpfe bestritt ich in meiner Zeit als Boxer. Und gewann keinen einzigen davon.
Ich will nicht gerade behaupten, dass ich in all die Scheiße, die mir in meinem Leben passiert ist, hineingeboren wurde. Dennoch erscheint es mir heute recht merkwürdig, dass mir bereits im zarten Kindesalter von nur sieben Jahren zwei Menschen begegneten, die später einmal einen maßgeblichen Anteil daran haben sollten, den Pfad des rechtschaffenen Menschen zu verlassen, um auf die kriminelle Schiene aufzuspringen.
So lief mir Sven schon am Tag unserer Einschulung in der Grundschule über den Weg. Für mich war er der Prototyp des typischen Deutschen. Mit seinen raspelkurzen blonden Haaren und seiner quirligen Art wies Sven damals verblüffende Ähnlichkeit mit dem Hollywood-Kinderstar Maucauly Culkin aus „Kevin – Allein zu Haus“ auf. Wir schlossen sofort Freundschaft. Und während ich eher unscheinbar war, fast schon schüchtern, avancierte Sven im Nu zum Liebling und Mädchenschwarm der ganzen Klasse. Ein Vierteljahrhundert später sollte er völlig fertig sein.
Im Laufe des Schuljahres betrat dann Cem unser Klassenzimmer. Und wie es das Schicksal so wollte, setzte man ihn ausgerechnet auf den freien Platz direkt neben mir. Cem war ein Türke wie aus dem Bilderbuch. Unser Aufeinandertreffen sollte für uns beide ungeahnte Folgen haben. Er sollte mein Mentor in Sachen krumme Dinger werden.
Wir drei wurden zu „best friends“. Da beide nur einen Steinwurf von meinem Zuhause lebten, gingen wir fortan gemeinsam zur Schule und durch die unschuldigen Jahre der Grundschulzeit. Auch nachdem Sven und ich Jahre später die Schule verließen und jeweils auf verschiedene Schulen wechselten, tat das unserer Freundschaft keinen Abbruch.
So gab es nur eine kurze Zeit in meinem Leben, in der ich kein schlechtes Gewissen haben musste. Ich war im Kindesalter ein ganz gewöhnlicher Junge, der sich wie alle anderen Jungen auch mit seinen Freunden traf, im Sommer auf dem Fahrrad ins Freibad fuhr oder Federball spielte.
Doch das alles änderte sich schlagartig, als ich eines Tages im Alter von nur zwölf Jahren Sven zu Hause besuchte und ihn zufällig dabei überraschte, wie er und Cem sich ganz ungeniert Diebesgut, das sie nur kurz zuvor aus einem Supermarkt gestohlen hatten, untereinander aufteilten. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie empört ich darüber war und sie anschnauzte, was ihnen einfallen würde, einfach so zu stehlen. Ich wurde richtig wütend dabei. Doch die beiden interessierte meine Meinung herzlich wenig.
Sie nahmen mich gar nicht ernst und lachten mich sogar aus. Cem rief mir zu, dass ich mal runterkommen solle und mich nicht so anstellen solle – um mir praktisch im nächsten Atemzug anzubieten, bei ihrer kommenden Klautour dabei zu sein, die sie bereits planten. Ich aber lehnte kopfschüttelnd ab und ging enttäuscht nach Hause.
Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis ich meine Meinung ändern sollte. Da in der Familienkasse nur sehr wenig Geld vorhanden war und im Portemonnaie meines Vaters meist Ebbe herrschte, fiel mein Taschengeld eher mickrig aus. Im Grunde genommen bekamen wir Kinder nur sporadisch welches.
Klamottentechnisch fühlte ich mich wie Tschernobyls „next top model“. Ich sah aus wie der letzte Bauer. Mein Vater kaufte mir einmal No-Name-Gummiturnschuhe vom Wochenmarkt, wofür er sagenhafte 2 DM hinblätterte. Er freute sich über die Treter vom Grabbeltisch so sehr, als hätte er soeben im Lotto den Hauptgewinn gezogen.
Von meiner Frisur ganz zu schweigen. Als gelernte Frisörin schnitt mir ausschließlich meine Mutter die Haare. Allerdings lag ihre Ausbildung schon Jahrzehnte zurück, sodass ich keinen trendigen Look verpasst bekam, sondern dass es im Nachhinein so aussah, als hätte sie mir einen Kochtopf auf meinen Kopf gepresst und einfach drum herum geschnitten. Hinterher hatte ich verblüffende Ähnlichkeit mit der französischen Chanson-Sängerin Mireille Mathieu. Oder mit einem von den Beatles. Auch wurde ich wegen des akkuraten Schnitts des Öfteren als Prinz Eisenherz betitelt.
Bei den Mädels, für die ich schwärmte, konnte ich so natürlich keinen Blumentopf gewinnen. Sie ließen mich links liegen oder schenkten mir kaum Beachtung. Es war ein echtes Trauerspiel. Da mir aber sehr wohl auffiel, dass sowohl Sven als auch Cem plötzlich deutlich mehr Geld zur Verfügung hatten, was sie durch den Verkauf von gestohlener Ware erzielten, und sich optisch durch entwendete hochwertige Klamotten zum Positiven veränderten, ließ ich mich schon bald umstimmen, gemeinsam mit ihnen auf Diebestour zu gehen.
Allerdings kam für mich zunächst nur Schmierestehen infrage. Viel zu groß war meine Angst, erwischt zu werden. Allein der Gedanke, mit der Polizei nach Hause zu kommen, versetzte mich regelrecht in Panik. Es graute mir davor, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch viel zu großen Respekt vor meinen Eltern besaß. Sie waren der Inbegriff von Ehrlichkeit und hätten es nicht einmal im Ansatz geduldet, wenn eines ihrer Kinder mit dem Gesetz in Konflikt geraten würde. Trotz all dieser Bedenken entschied ich mich dennoch dafür.
Und so liefen wir drei nun in der Stadt umher, um gezielt Bekleidungsgeschäfte aufzusuchen. Dort waren hochwertige Klamotten das Objekt der Begierde. Denn diese konnten wir im Anschluss für gutes Geld an Dritte weiterverkaufen. Mehr als nervös passte ich aus sicherer Entfernung darauf auf, dass uns ja niemand beim Zocken beobachtete.
Aufgeregt sah ich Cem und Sven dabei zu, wie sie blitzschnell Kleidung unter ihren Jacken verschwinden ließen. Besonders Cem ging dreist zur Sache. Er nahm gleich mehrere Teile mit in die Umkleidekabine, zog sie dort einfach unter seine Klamotten, bevor er im Anschluss seelenruhig an der Verkäuferin vorbeilief und das Geschäft wieder verließ. Er nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich das erste Mal selbst in Aktion trat. Als ich eines Tages an einem Geschäft vorbeilief und draußen an der Stange Hemden zum Verkauf hängen sah, nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich schwitzte Blut und Wasser, als ich in einem unbeobachteten Moment ein reduziertes Seidenhemd in Sekundenschnelle unter meiner Jacke verschwinden ließ, bevor ich mich schleunigst aus dem Staub machte.
Meine zuvor angebrachten Zweifel warf ich fortan über Bord. Immer öfter trafen wir uns nun mit der Absicht, in irgendwelchen Geschäften etwas mitgehen zu lassen. So waren unsere Augen auf alles fokussiert, was wir im Anschluss wieder gut loswerden konnten. Klamotten, Parfüm oder elektronische Artikel – für all diese Ware gab es Geld. Wir machten durch den Weiterverkauf so einige Hundert DM, womit wir uns „noch“ zufriedengaben.
In der Regel verscheuerten wir die Sachen gleich weiter und teilten das Geld gerecht auf. Gefielen sie uns aber, behielten wir sie einfach. Meinen Eltern, die sich über mitgebrachte neuwertige Bekleidung wunderten, erzählte ich, dass die Sachen von Cem geliehen wären. Der wiederum machte seinen Eltern dasselbe weis. Verdacht schöpften sie da jedenfalls noch nicht, da wir uns gegenseitig Alibis gaben.
Sven und ich sorgten in den Geschäften bewusst für Verwirrung, um so die Verkäufer abzulenken, während Cem lange Finger machte. Doch einmal hätten sie uns beinahe am Arsch gekriegt. Als ich eines Tages gemeinsam mit Cem eine noble Boutique in der Innenstadt betrat, fiel uns sofort auf, dass sich außer uns beiden scheinbar niemand sonst im Geschäft befand. Der Laden schien menschenleer.
Sofort nutzten Cem und ich die Gunst der Stunde, um nach hochwertigen, in Regalen liegenden Pullovern zu greifen. Dabei kicherten wir leise vor uns hin, weil wir nicht glauben konnten, dass man es uns so einfach machte. Doch was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten, war, dass der Besitzer der Boutique unser Vorgehen von seinem Büro aus über eine im Laden angebrachte und von uns nicht ausgemachte Kamera auf seinem Monitor verfolgte.
Cem und ich machten uns auf, das Geschäft wieder zu verlassen, und glaubten die Beute schon sicher zu haben, als wie aus dem Nichts eine Person aus den hinteren Räumen das Geschäft betrat und laut schreiend auf uns zukam. Zu Tode erschrocken rissen wir die Ladentür auf und liefen auf die Straße, der Geschäftsinhaber stürzend hinter uns her. Laut brüllend befahl er uns, stehen zu bleiben.
Zu allem Überfluss lief mir ausgerechnet in diesem Moment der beste Freund meines Vaters vor die Füße, der mich nur verdutzt ansah, als ich ihn im Sprint nur flüchtig grüßte, während ich den Typen laut schreiend im Nacken spürte. Erst als Cem und ich verschiedene Laufwege einschlugen und ich ihm letztendlich die Pullover vor die Füße schmiss, ließ er von der Verfolgung ab.
Nüchtern betrachtet kann ich meine kriminelle Vergangenheit wohl kaum auf mangelnde Liebe oder Zuneigung zurückführen. Davon bekam ich im Leben immer reichlich. Meine Eltern waren die aufopferungsvollsten Menschen, die ich kenne, immer darauf bedacht, dass es uns Kindern gut geht. Dafür taten sie alles, was in ihrer Macht stand. Menschen, zu denen ich immer voller Stolz und Hochachtung aufgesehen habe. Besonders meine Mutter ein auf Erden wandelnder Engel. Mit meinen drei Geschwistern hatte ich ebenfalls von jeher ein prima Verhältnis. Auch wenn es gelegentlich zu den unter Geschwistern üblichen Reibereien kam, so waren wir immer füreinander da.
Gewalt, Alkohol oder Drogen waren niemals ein Thema, dass es ich dadurch auf die schiefe Bahn geraten wäre. Nie hatte ich einen Bezug dazu. Ein paar Joints und das einmalige Ausprobieren von Kokain auf einer Party waren alles, was ich an Drogenerfahrung vorzuweisen hatte. Es gab mir nix und passte auch nicht zu meiner Persönlichkeit. Zeitlebens hatte ich eine ablehnende Haltung dazu. Leute, die sich in diesen Kreisen bewegten, habe ich immer bewusst gemieden.
Auch bin ich so „anständig“, dass ich von jeher als überzeugter Nichtraucher durchs Leben gehe. Und was den Alkohol anbelangt, vertrage ich gerade mal so viel, dass ich nach einer Weinschorle praktisch schon einen im Tee habe. Und während in der heutigen Zeit, wo Tattoos zum alltäglichen Anblick gehören und augenscheinlich beinahe jeder sich eines hat stechen lassen, wurde auf meiner Haut keines verewigt. Und das wohlgemerkt als mehrmaliger Knacki.
So erfülle ich tatsächlich nur wenig das Klischee eines Straftäters – und wer mich nicht kennen würde, optisch überhaupt nicht. Da ich schon immer sehr viel Wert auf gute Manieren, Mode und Körperpflege gelegt habe, würde man mir niemals ansehen, dass ich jemand bin, der Jahre hinter Gittern verbrachte. Doch an einem mangelte es von früher Kindheit an: AN DEM VERDAMMTEN GELD!!! Dies mich so sehr geprägt hat, dass es mich, wie mir heute klar ist, schließlich zu einem Gangster werden ließ …
Ich war durch die finanzielle Situation in der Familie echt gefrustet. Mein Vater als Einzelverdiener war chronisch pleite und ständig genervt, weil nie genug Geld vorhanden war. Er verhielt sich oftmals so gereizt, dass wir ihm den Spitznamen Louis de Funès verpassten.
Mein Vater verdiente gerade mal so viel, um die Rechnungen bezahlen zu können. Wir kamen gerade so über die Runden. Unser Kühlschrank war wohl mehr als modisches Accessoire gedacht, es herrschte eher gähnende Leere darin. Es kam vor, dass meine Mutter einfach den Stecker aus der Steckdose zog, um Strom zu sparen. Man fand dann einen Topf mit der Spezialität des Tages auf dem Herd stehen vor. Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung gab es praktisch nicht. Meine Mutter variierte das Essen zwischen drei Speisen. So haben mich hauptsächlich überbackene Eierbrote, Kartoffeln und Bohnensuppe groß und stark gemacht. Es war wirklich deprimierend.
Wenn meine Eltern dann mal groß einkaufen gewesen sind, schlichen wir wie eine Meute hungriger Wölfe um die Einkaufstüten herum, um sie augenblicklich zu plündern. Vor allem ich schaufelte alles schnell wild durcheinander in mich hinein, so als würde es kein Morgen mehr geben. Wie ein Zombie auf Fleischjagd. Hinterher war mir jedes Mal kotzübel.
Wenn mein Vater sein Gehalt bekam und meine Mutter auch nur ankündigte, mit ihm einkaufen gehen zu wollen, liefen ihm sofort Schweißperlen über der Stirn. Sie kannte dabei kein Limit. Wortlos lief sie im Supermarkt vorneweg und füllte den Einkaufswagen randvoll mit Ware, bis nichts mehr hineinpasste, während mein armer Vater stillschweigend hinter ihr herlief und nervös mit dem Daumen und dem Zeigefinger über seine Augenbraue strich, weil er ahnte, dass an der Kasse gleich sein halbes Gehalt flöten gehen würde.
Trotzdem haben die Einkäufe nicht lange angehalten. Wenn das Geld mal wieder spürbar knapp wurde, wurden wir regelmäßig beim Kaufmann um die Ecke vorstellig, um Lebensmittel anschreiben zu lassen. Dieser war in unserer Gegend eine lebende Legende, den jeder mochte, weil er nahezu der gesamten Nachbarschaft Ware auf Kredit gewährte. Nur beklauten sie ihn auch alle.
Die Trinker von der Straße suchten ihn täglich auf, um sich ihren alkoholischen Nachschub zu stibitzen. Mein Kumpel Cem klaute die halben Regale leer, ohne dass jener Kaufmann etwas davon bemerkte. Mein Bruder Nijo wiederum war so abgebrüht, dass er sich direkt vor sein Geschäft stellte und wie selbstverständlich vom Obststand aß, den der Kaufmann draußen auf einer Ablage aufgebaut hatte.
Ein Kumpel war sogar so skrupellos, dass als er einmal in sein Geschäft kam und bemerkte, dass sich der Kaufmann gerade zum Etikettieren von Ware im Lager befand, er wie selbstverständlich dessen Kasse öffnete und sich mal eben um ein paar Scheine bereicherte. Als ob nichts gewesen wäre, verließ er das Geschäft wieder seelenruhig pfeifend.
Nicht zu vergessen die vielen Kleinkinder aus der gesamten Nachbarschaft, die sich zum Klauen zu mehreren Gruppen formierten. In einer Horde stürmten sie den Laden und verteilten sich drinnen so blitzschnell in alle Ecken, dass der völlig überrumpelte Kaufmann keinerlei Überblick mehr hatte. Wie die Gremlins klauten sie alles, was sie in die Finger bekamen, sodass der Kaufmann gar nicht mehr wusste, wie ihm geschah. Und so überfallartig wie sie ihn heimgesucht hatten, so schnell lösten sie sich auch wieder in Luft auf. Der arme Kaufmann hatte immer das Nachsehen. Er konnte einem richtig leidtun. Heute weiß ich aber, dass die Zeiten ohne ihn damals wohl noch schwieriger gewesen wären.
Es gibt nur sehr wenige Momente in meinem Leben, die sich so fest in meine Erinnerung eingegraben haben wie jener, als mir mein Vater mitteilte, dass er herzkrank sei. Irgendwie ist dieser Augenblick unauslöschlich in meinem Gedächtnis verankert.
Ich weiß noch, dass ich damals gerade von der Schule nach Hause kam und meine Eltern ziemlich geknickt auf der Couch sitzend vorfand. Ich ahnte gleich, dass etwas nicht stimmte, und fragte auch direkt nach, ob etwas passiert sei. Als mein Vater daraufhin aufstand, um mir mit feuchten Augen und brüchiger Stimme mitzuteilen, dass er am Herzen erkrankt sei, entgegnete ich ihm ziemlich lapidar, dass alles wieder gut werde. Ich war noch ein Kind und verstand damals den Ernst der Lage nicht. Ich hatte in diesem Moment keinen blassen Schimmer, was noch auf uns zukommen sollte.
Mein Vater klagte schon seit Längerem über Atemnot und Schmerzen in seiner Brust. Nach intensiven medizinischen Checks durch seinen Hausarzt diagnostizierte man ihm verengte Arterien, offensichtlich hervorgerufen durch Stress und übermäßiges Rauchen. Doch von Letzterem wollte er nichts hören. Obwohl man ihm das Rauchen strengstens untersagt hatte und wir ihn als Familie geschlossen dazu aufforderten, es doch der Gesundheit wegen bitte zu unterlassen, ließ er sich niemals umstimmen. Er legte dann eine für Raucher typische Ausrede an den Tag. Obwohl medizinisch nachweislich bewiesen, hatte das viele Nikotin in seinem Körper natürlich nichts zu seiner Erkrankung beigetragen. Niemals hätte er sich das eingestanden. Uns brachte er damit regelrecht auf die Palme.
Mein Vater konnte hinsichtlich dessen ein richtiger Dickkopf sein. Ungeachtet aller gut gemeinten Ratschläge zündete er sich trotzig eine Zigarette an, wenn er sich durch uns bedrängt fühlte. Es kam des Öfteren vor, dass mein Bruder Nijo wütend seine Glimmstängel in den Mülleimer warf, wenn mein Vater erneut über Brustschmerzen klagte. Dieser aber ließ sich nicht beirren. Sobald es ihm auch nur ein wenig besser ging, machte er sich ganz unauffällig zum nächsten Zigarettenautomaten auf, um sich neue Kippen zu kaufen.
Oft kam es vor, dass ich nachts erschrocken aufhorchte, weil mein Vater im Zimmer nebenan laut nach Luft schnappte. Ich sprang dann schnell aus meinem Bett, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Wenn ich mich dann im Dunkeln über ihn beugte, um zu horchen, dass er noch atmete, und mein Vater aus dem Schlaf heraus verschreckt seine Augen aufriss und mich anschnauzte, ich solle wieder ins Bett gehen, war ich beruhigt. Doch die Nacht war dann meist für mich gelaufen. Zu sehr gab mir die Situation zu denken.
In der darauffolgenden Zeit häuften sich seine Beschwerden so sehr, dass er Dauergast beim Arzt wurde. Man verschrieb ihm ein Goldspray, das er ständig bei sich tragen musste. Ein hochwertiges Nitrospray, das man sich bei akuter Atemnot in den Rachen sprüht, um eine schnelle Besserung zu erlangen.
Und so kam es nicht ganz unerwartet, als er eines Tages plötzlich im Wohnzimmer zusammensackte und sich vor Schmerzen krümmte. Ein schnell herbeigerufener Notarzt ließ ihn umgehend ins Krankenhaus bringen, wo man ihm seinen ersten Herzinfarkt diagnostizierte. Man brachte ihn auf die Intensivstation, wo er rund um die Uhr beobachtet wurde. Für mich und meine Familie war das natürlich ein Schock. Mehrere Wochen verbrachte er im Krankenhaus, bevor er nach Hause entlassen wurde.
