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Pandemie, Lockdown, Kontrollen! Einem brutalen Serientäter kommen die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus entgegen, denn er gehört zu den Leuten, die sich trotz allen Auflagen in Boston und Umgebung frei bewegen können. Bald steht fest: Der Täter ist ein Insider. Nur welcher Behörde gehört er an, und wann, sowie wo, schlägt er beim nächsten Mal zu? Schnell wird ersichtlich, je näher das Ende des Lockdowns rückt, umso aktiver und grausamer handelt er. Detective Forrest Waterspoon beginnt vom ersten Tag an, in einem Albtraum zu ermitteln, wird er, das Schicksal oder der Zufall den Fall lösen?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor
Zur Person:
Vorwort
1. Teil
Mitwirkende:
Erreger
Infizierung
Symptome
Mutation
Quarantäne
2. Teil
Pandemie
Impressum
Corona-Killer
1
Eine
Tatort-Boston-Trilogie
von
Roman Just
Roman Just ist in der Welt der Literatur in verschiedenen Genres unterwegs. Mit den Thrillern der "Tatort-Boston-Reihe" hat er den Einstieg in die Literaturwelt begonnen, sie anschließend mit den "Gelsenkrimis" fortgesetzt. Neben den Thrillern und Krimis arbeitet er an einer mehrteiligen Dystopie und einer historischen Familiensaga, hinzu kommen Ausflüge in andere Genres.
Der Autor und bekennender Selfpublisher ist Jahrgang 1961, lebt in Gelsenkirchen, leidet mit dem vor Ort ansässigen Fußballclub seit 1971 zu allen Zeiten mit, spielt außerdem gerne mit Mitmenschen Schach und beschäftigt sich leider nur noch gelegentlich mit der Astronomie.
Der Selfpublisher betreibt auf seiner Homepage zu allen seinen veröffentlichten Titeln Leserunden, außerdem bietet er einen Leserkreis, an dem ebenfalls aktiv teilgenommen werden kann.
Mehr über den Autor und seine Titel gibt es hier:
https://www.gelsenkrimi.de
https://www.gelsenkrimi.de/ueber-mich
https://www.gelsenkrimi.de/leserkreis
https://www.gelsenkrimi.de/gelsenshop
https://www.autorromanjust.de
Sternzeichen: Jungfrau
Gewicht: Im Moment viel zu viel
Erlernter Beruf: Kellner
Derzeit tätig als: Autor/Selfpublisher
Charaktereigenschaften: Impulsiv/Hilfsbereit
Laster: Nie zufrieden mit einem Ergebnis
Vorteil: Meistens sehr geduldig
Er mag: Klare Aussagen
Er mag nicht: Gier und Neid
Er kann nicht: Den Mund halten
Er kann: Zuhören
Er hasst: Tyrannen und selbstverliebte Subjekte
Er liebt: Das Leben
Er will: Ziele erreichen
Er will nicht: Unterordnen
Er steht für: Menschlichkeit
Er verurteilt: Hass, Mobbing, Eitelkeit
Er denkt: Auch Einfaches ist nicht einfach zu erledigen
Er meint: Die Achtung und der Respekt vor der Würde eines Menschen werden durch das Gendern nicht gestärkt.
Liebe Thriller-Fans,
der nachfolgende Inhalt besteht in diesem Fall aus drei Bänden. Da meine Geschichten stets aus dem Bauchgefühl entstehen, ich den Ablauf der Geschichte meiner Fantasie und den tippenden Fingern überlasse, vor und während des Schreibens nie selbst weiß, wie der Thriller anfängt und endet, ich dennoch irgendwann erkenne, wie groß der Umfang wird, habe ich mich entschlossen, diesen Titel in eine Trilogie aufzuteilen.
Der Grund dafür mag ungewöhnlich sein, ich erkläre ihn so: Der gesamte Umfang in einem Band lässt sich nicht veröffentlichen, der Preis wäre zwangsweise utopisch. Außerdem passt die Aufteilung des Inhalts perfekt zu der Geschichte, denn der Hauptdarsteller in Form von Detective Forrest Waterspoon jagt nicht nur einem Corona-Killer hinterher.
Ich hoffe, dass der Ermittler, seine Kollegen und Vorgesetzten, die Darsteller, Opfer und Täter auch in diesem Tatort-Boston-Thriller überzeugen, spannend unterhalten können, zudem neugierig auf die Fortsetzung machen.
Ihr Roman Just
Tatort Boston
Corona-Killer
1
Thriller-Trilogie
von
Roman Just
Der Titel enthält eine Trigger-Warnung!
Lockdown
Detective Forrest Waterspoon
Betty, seine Frau
Molly, seine Adoptivtochter
Jesse Owens, Partner des Detectives
Peter Brandon, Pathologe
Joshua Jason Calbott, Morddezernatsleiter beim BPD
John Shaddock, Kommissar (Polizeipräsident) in Boston
Weitere Darsteller:
Dan Poller, Journalist in Mollys Sender AM-Channel
Cliff Morrison, Leiter CDC,
Gene Barkley, Wissenschaftler bei Moderna
Lewis Sharp, Detective im Drogendezernat
Michael Jennings, Spitzname "Conan"
Nebendarsteller:
Die Cops Murphy und Daniels
Leo Santoni alias "Chicken, Krankenpfleger
Bestattungsunternehmer ohne Namen
Max Stansky, Hausmeister
Außerdem dabei:
Die Opfer
Die Täter
Atlanta, Georgia, 02. Februar 2020
C
liff Morrison sah die Anwesenden an, war sich der Tragweite des Gehörten bewusst, wobei es schien, als ob er den Vortrag des stellvertretenden CIA-Direktors nicht wahrhaben wollte oder nicht wusste, wie er ihn einordnen sollte. Für ihn stellte der mündlich abgegebene Bericht eine Katastrophe dar, schließlich betraf er sein Ressort in der Gesundheitsbehörde, der CDC. Dort hatte er die Leitung inne, die den Auftrag hatte, die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten in den Vereinigten Staaten von Amerika zu verhindern. Wer dachte, dass es sich dabei um eine erstrebenswerte und außergewöhnlich gut bezahlte Position handeln würde, der irrte. In den USA war das "Center for Disease Control and Prevention" hauptsächlich für die Bekämpfung von Epidemien zuständig. Die CDC gehörte somit zu der führenden Institution im Land, die sich mit dem Schutz vor Infektionskrankheiten und der Eindämmung von Epidemien befasste. Ihre Aufgaben waren die Überwachung von Krankheiten, die Entwicklung von Präventionsstrategien und die Bereitstellung von Anleitungen für Gesundheitsbehörden und die Öffentlichkeit. Der amtierende Präsident, Budgetkürzungen, die Impfgegner und Verschwörungstheoretiker machten den Job jedenfalls nicht leichter, bei dem es sich keineswegs nur um bekannte Krankheiten wie Grippe oder Masern drehte. Allein in diesen Fällen waren durch Impfungen enorme Erfolge erzielt worden, ohne ein Serum wären Tausende oder sogar Millionen Menschen gestorben, was von den Uneinsichtigen weiterhin geleugnet wurde. Die Grabenkämpfe zwischen der CDC und der Regierung sowie solchen Leuten belasteten die Arbeit der Gesundheitsbehörde, ließen kaum noch positive Entwicklungen zu. Diverse Kinderkrankheiten traten unerwartet in einigen Bundesstaaten wieder auf, nachdem sie eigentlich als besiegt gegolten hatten. Cliff Morrison kämpfte gegen die arbeitserschwerenden Umstände an, doch es war ein Ringkampf, in dem sich "David gegen Goliath" vergeblich durchzusetzen versuchte.
Schon deshalb besaßen die Ausführungen des CIA-Mitarbeiters für Cliff Morrison eine Wucht, die ihn trübsinnig in die Zukunft blicken ließen, obwohl er in dieser Hinsicht vorausschauend aktiv geworden war. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Gesundheitsbehörde und mit der Regierung hatten ihn dazu veranlasst, seinen Job zur Verfügung zu stellen, aber die vernommenen Sätze schmälerten seine Hoffnung, dass seinem Wunsch trotz aller Diskrepanzen zeitnah entsprochen werden würde. Trotz des Rauchverbots im Zentralgebäude der CDC zündete er sich eine Zigarette an, wandte sich an die Besprechungsteilnehmer: »Wer sich an meiner Zigarette stört, kann sich beim Präsidenten beschweren oder den Raum verlassen«, sagte er, blickte von einer Person zur nächsten. Niemand in dem kleinen Kreis erhob sich, stattdessen folgte der stellvertretende CIA-Direktor seinem Beispiel. Cliff sprach den Leiter der Forschungsabteilung des Unternehmens "Moderna" an, den er schätzte und mit dem ihn eine Art Freundschaft verband. Sie lag über einem Bekanntheitsgrad, der es den beiden Männern bei vorhandener Zeit erlaubte, gegeneinander Tennis und Golf zu spielen oder zusammen mit ihren Ehefrauen zum Essen zu gehen. Dennoch blieb eine Distanz bestehen, die keine gemeinsamen Ausflüge oder Urlaubsreisen gestattete. »Nun, Gene, was du von dem Gesagten hältst, kann ich mir denken. Dennoch: Wie wir gehört haben, wird eine Epidemie auf uns zurollen, die sich vermutlich zu einer Pandemie entwickelt. Meine Frage: Was wissen wir schon jetzt über "SARS", wie lange wird es bis zu einem Impfstoff dauern, falls wir eins brauchen?«
Gene Barkley verschränkte die Hände auf dem Tisch, sah die Forscher zwei anderer Unternehmen an, die in Konkurrenz zu seinem Arbeitgeber standen. »Das schwere akute Atemwegssyndrom, auch Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom, also SARS genannt, ist eine Schwere Akute Atemwegsinfektion. Sollten die Nachrichten der CIA zutreffen, sitzen wir mit Verlaub gesagt in der Scheiße. Die Entwicklung eines Serums könnte Jahre in Anspruch nehmen, mit sehr viel Glück nur ein paar Monate.«
Cliff Morrison zeigte sich unzufrieden. »Wie lange, Gene? Bitte präzisiere die Zeitangabe.«
Der Wissenschaftler zuckte mit den Schultern. »Mindestens ein halbes Jahr, aber nur dann, wenn wir sämtliche Unterstützung seitens der Regierung erhalten und die Chinesen endlich Tacheles reden. Bisher wissen wir so gut wie nichts über die Zusammensetzung des Virus, weshalb wir im Moment zur Tatenlosigkeit verdammt sind«, stellte er klar, erhielt die Zustimmung der Kollegen aus seiner Branche.
Am späten Abend landete Cliff Morrison in Washington D.C., um dort vorzusprechen, zu warnen und zu bitten. Seinem zu dieser Stunde unerwähnten Begehren, die CDC verlassen zu können, wurde aufgrund der sich anbahnenden Gefahr trotz der Tatsache nicht nachgekommen, dass ihn einige Personen in der Regierung für einen wichtigtuenden "Spinner" hielten.
Die Zeit blieb nicht stehen, Covid-19 begann sich weltweit auszubreiten, sorgte für Schlagzeilen und Horrornachrichten. Unbelehrbare fingen an, skurrile Geschichten zu erfinden, während gierige Menschen und machtbesessene Politiker durch das Virus persönliche Vorteile erringen wollten. Unter Berücksichtigung dieser verachtenden menschlichen Eigenschaften hätte es niemanden überraschen dürfen, dass der Virus einen todbringenden Zuwachs erhalten würde. Er schlug gleich am ersten Tag des Lockdowns zu.
Boston, 24. März 2020
A
drian und Lukas konnten nicht unterschiedlicher sein, dennoch waren sie die besten Freunde. Sie waren der lebende Beweis für den Spruch, dass sich Gegensätze oder unterschiedliche Lebensauffassungen und Werdegänge oft magisch anzogen. Adrian war neumodern gesagt eher ein Looser, trotzdem ein Lebenskünstler, der auch in einem Haifischbecken überlebt hätte. Im Gegensatz dazu konnte sich Lukas einen Swimmingpool leisten, in dem auch Wale locker Platz gefunden hätten. Dabei handelte es sich nur um einen von vielen Unterschieden, der die Freundschaft der beiden für Außenstehende merkwürdig hätte erscheinen lassen. Der eine, also Adrian, war rigoros und dauerhaft pleite, der andere, somit Lukas, warf das Geld mehr oder weniger häufig unbedacht und sinnlos zum Fenster raus. Während Adrian an manchen Tagen überlegen musste, wie er dem Hungertod entkommen sollte, saß Lukas in noblen Restaurants, schlug sich den Bauch voll und gab ein Trinkgeld, mit dem sein Kumpel eine Woche keine Sorgen gehabt hätte. Seltsamerweise besaßen die voneinander abweichenden Lebensstandards der Zwei keinen Einfluss auf ihre langjährige Freundschaft.
Adrian und Lukas kannten sich schon Jahrzehnte. Sie waren in den gleichen Jahrgängen auf dem College, hatten sich danach nie aus den Augen verloren. In ihrer ungewöhnlichen Beziehung spielte Geld niemals eine Rolle, stattdessen fanden sie sich vom ersten Moment an sympathisch. Zwischen ihnen lag ein unsichtbares Band, vergleichbar mit einem Sicherheitsseil beim Bergsteigen, das niemand hätte durchschneiden können, außer sie selbst. Wie wertvoll und ehrlich die Freundschaft war, zeigte sich unter anderem daran, dass Adrian seinen wohlhabenden Kumpel noch nie um ein Darlehen angepumpt hatte, auch dann nicht, wenn es ihm richtig dreckig ging.
Jedenfalls pflegten die beiden ein Ritual: An jedem ersten Dienstag im Monat trafen sie sich, gingen aus, hatten nicht vor, diese Tradition aufzugeben. Oft genug endeten die Treffen in einem Saufgelage. Lukas war die finanzielle Lage seines Freundes klar, ohne sie je direkt angesprochen zu haben. Als Gegenleistung für das nicht angepumpt werden, den Männerabend trotz seiner Lage nicht abzusagen, übernahm er an diesen Abenden die Rechnung für Adrian, auch dann, wenn dieser imstande gewesen wäre, selbst zu bezahlen oder sogar ihn einladen könnte. Als Lebensjongleur, nicht anders konnte Adrian bezeichnet werden, kamen solche Dienstage vor, allerdings und allerhöchstens nur zwei- bis dreimal im Jahr. Das Problem an der Sache diesmal, es gab kein Treffen. Der Lockdown hatte Boston fest im Griff, die Corona-Pandemie war nicht nur hier zum Teil außer Kontrolle geraten, sondern fast überall an der Ostküste. In New York begannen sich die Särge zu stapeln, in fast allen Städten waren die Bestattungsunternehmer überfordert, die Kliniken befanden sich im Ausnahmezustand und wären Patienten nicht fortlaufend gestorben, hätten sie wegen Überfüllung schließen müssen. Einkauf, Arztbesuche und ähnliches war gestattet, ansonsten galt die strikte Order, zu Hause bleiben zu müssen. Die Auflage zu umgehen ergab keinen Sinn, erübrigte sich schon deshalb, da Restaurants, Bars und Kinos ihre Türen geschlossen hielten. Öffentliche Plätze und Parks waren nahezu menschenleer, wo Leute mit Mundschutz herumliefen, fühlte man sich in das Szenario eines Katastrophenfilms versetzt.
Adrian und Lukas waren jedoch nicht bereit, auf ihr monatliches Treffen zu verzichten, ohnehin sah man sich zu selten. Merkwürdigerweise hatte keiner der beiden wirklich Lust, die langjährige Tradition in irgendeiner Form zu brechen und sie damit zu verändern. Aufgrund dessen waren die zwei übereingekommen, ausnahmsweise bei Lukas eine kleine Fete zu feiern. Die Ordnungshüter und Kontrolleure zu umgehen, davon war Adrian überzeugt, sollte für ihn kein Problem darstellen. Tatsächlich gelang es ihm von Roxbury, ein früher berüchtigter Stadtteil Bostons, in das nicht weit entfernte Viertel Dorchester zu gelangen, das von den Bostonern liebevoll "Dot" genannt wurde. Niemand hielt ihn auf, keiner kümmerte sich um ihn, obwohl er zu Fuß unterwegs war. Ein Auto konnte sich Adrian nicht leisten. Während er seine Bleibe, die das Niveau einer billigen Absteige besaß, wegen ihrer Lage nicht als seine Wohnung bezeichnen wollte, erkannte er absolut neidlos an, in welchem Prachtbau Lukas residierte. Adrians Kumpel hatte das Gebäude vor Jahren erworben, modernisieren und mit allem möglichen Schnickschnack ausstatten lassen. Einen Blickfang stellte der Swimmingpool hinter dem Haus dar, denn gerade in dieser Gegend konnte sich kaum jemand einen solchen Luxus leisten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, lebten in "Dot" normale Menschen. Rentner, Familien und Berufstätige waren hier zuhause, denn es war eine der wenigen Gegenden in Boston, wo der Wohnraum sich noch bezahlen ließ und als einigermaßen fair bezeichnet werden konnte. Die Villa von Lukas lag nur wenige Schritte von der "Neponset Avenue" entfernt, über die sich mit einem Wagen Fahrtrichtungen nach Süden, Westen und in den Norden einschlagen ließen. Im Osten lag der Atlantik, ab und zu kam es einem vor, als ob man ihn hören und riechen würde.
Adrian war kein Mensch, der sich mit solchen Dingen befasste, er war im Stadtteil Roxbury auf eine unerklärliche Art gefangen, wollte diesen Zustand nicht ändern, obwohl ihm Lukas immer wieder seine Hilfe angeboten hatte. Roxbury! Ein Viertel Bostons, welches es in sich hatte: Im frühen 20. Jahrhundert entstand in der Gegend um Grove Hall an der Blue Hill Avenue eine jüdische Gemeinde. Roxbury wurde auch zum Mittelpunkt einer Gemeinde afroamerikanischer Einwohner in Boston, die in den 1940er und 1950er Jahren durch Migration aus den südlichen in die nördlichen Staaten entstand. Soziale Spannungen und die Stadterneuerung während der 1960er und 1970er Jahre trugen zum Verfall des Stadtviertels bei. Besonders die Unruhen infolge der Ermordung von Martin Luther King Jr. führten zur Plünderung und Brandstiftung in Geschäften entlang der Blue Hill Avenue und hinterließen eine zerstörte und weitgehend verlassene Gegend. In den 1970er Jahren trug auch fortgesetzte Brandstiftung in der Gegend um die Dudley Street zum Niedergang des Stadtviertels bei. Übrig blieben verlassene, ausgebrannte und vermüllte Ruinen. Das Aufkommen des Rauschgifts "Crack" in den 1980er Jahren machte Roxbury zu einem der gefährlichsten Viertel von Boston. Die Gewaltverbrechen konnten bis Ende der 1990er Jahre nicht entscheidend eingedämmt werden. Im April des Jahres 1987 wurde die Orange Line der MBTA von der Washington Street in den "Southwest Corridor" verlegt, wo der Southwest "Expressway" einige Jahre zuvor verlaufen sollte. Durch Bemühungen von Bürgern, die sich organisiert hatten, konnten die historischen Gebiete wiederbelebt und der Roxbury Heritage State Park eingerichtet werden. Aus einer Überprüfung des Verkehrskonzepts von Boston ergab sich der Vorschlag, die Orange Line wieder zurückzuverlegen. Bei der Entwicklung des Southwest Corridor Park wurden auch größere Investitionen umgesetzt, darunter das Roxbury Community College und das Ruggles Center. In den Wohngebieten Fort Hill und Mission Hill hatte sich die Bevölkerungsstruktur in den 1990er Jahren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts durch den Zuzug von Studenten der Northeastern University und des Wentworth Institute of Technology sowie von Künstlern und jungen Familien stark verbessert. Bald danach wurde der Stadtteil durch Erneuerung von Wohn- und Geschäftsgebieten geprägt, aber Gewaltverbrechen, insbesondere Bandenkriege und Drogenmissbrauch, blieben beständige Probleme in bestimmten Ecken von Roxbury.
Genau in einer solchen hauste Adrian, der sich wunderte, dass im Haus von Lukas hinter jedem Fenster Licht brannte, nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch in der Etage darüber. Adrian fragte sich still und leise, ob Lukas weitere Gäste eingeladen hatte, womöglich auf diese Weise der Corona-Pandemie zumindest für ein paar Stunden vollkommen entfliehen wollte. Vielleicht war es ihm in den Sinn gekommen, ihn als seinen besten Freund zu überraschen, indem er aus dem gewohnten Saufgelage eine Sauforgie mit zusätzlichen Gästen zu veranstalten gedachte. Von Neugier getrieben schritt er deshalb der Tür entgegen, vernahm Musik aus dem Wohnzimmer, läutete vergeblich, weswegen er die Türklinke betätigte und das Haus betrat.
»Lukas!«, rief Adrian nach seinem Busenfreund, erreichte den Wohnraum, bemerkte nicht, dass sich die von ihm offen gelassene Haustür in seinem Rücken schloss. Im Wohnzimmer war niemand, aber die Glasschiebetür auf die Terrasse und in den Garten samt Swimmingpool war in voller Breite aufgeschoben. Adrian begab sich hinaus, wiederholt entkam ihm mit laut erhobener Stimme der Vorname seines Freundes und nun auch im ungeduldigen Ton. Unter der Markise stehend, nahm Adrian kurz von dem Prunk Notiz, den sich Lukas auch in diesem Bereich geleistet hatte. Der rund zehn Meter entfernte rechteckige Swimmingpool leuchtete wie eine blaue Sonne, da auf dem Grund des Beckens Lampen installiert worden waren. Rund um den Pool leuchteten elektrisch betriebene Fackeln, die den Rasen des Gartens zu sanft wogenden Wellen verwandelten. Plötzlich gingen die Lichter aus, sowohl draußen als auch im Innenbereich. Adrian drehte sich dem Gebäude zu, spürte einen Stich in den Hals, fing zu röcheln an, gleich danach spritzte Blut aus seiner Kehle, auch sein nach Luft schnappender Mund färbte sich rot, schließlich fiel er auf die Knie, wankte, kippte leblos zur Seite.
Ω
D
etective Forrest Waterspoon hätte sich beileibe einen ruhigeren Feierabend gewünscht, nur hatte er Bereitschaft, da die Hälfte der Kollegen wegen "Covid-19" ausgefallen war, zum Glück den Virus überwiegend jedoch zu Hause und nicht im Krankenhaus auskurieren konnten. Er war mit seinem alten "Vehikel" zum Tatort gefahren, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, noch nie hatte er es in Boston erlebt, dermaßen ungehindert durch die Stadt zu kommen.
Der Code 140 hatte ihn zum Tatort beordert, wesentlich mehr wusste Forrest nicht. Aus diesem Grund blieb er am Hauseingang stehen, wandte sich an den dort postierten Police-Officer. »Was haben wir?«
»Zwei Tote, Detective. Sehen übel aus.«
»Wer hat uns verständigt?«, erkundigte sich Forrest, ließ seine Augen über die Umgebung gleiten.
»Ein Nachbar, er hatte sich mehrfach über zu laute Musik beschwert. Als Kollegen abkömmlich waren und hier eintrafen, entdeckten sie die Leichen. Die beiden sind drin«
Waterspoon bedankte sich, betrat das Haus, in dem wieder Licht brannte. Er durchquerte den Eingangsbereich, da er schon aus dieser Position eine der Leichen sehen konnte. Im pompösen Wohnraum angekommen, sah er sich um, entdeckte außer dem Toten niemanden, vernahm jedoch Stimmen von der Terrasse. Vorsichtig ging er an dem Ermordeten vorbei, nicht um dessen Totenruhe zu stören, sondern um keine Spuren zu vernichten. Nach einem großen Schritt ins Freie, erblickte er die bereits erwähnten Cops, die beide eine Zigarette rauchten, ihn wohl deshalb verlegen begrüßten. »Weitermachen!«, erwiderte der Detective verständnisvoll, sah zu dem Leichnam zu seiner Linken, zündete sich eine Zigarre an, trat deshalb, um keine Spuren zu kontaminieren vorsichtshalber einen Schritt von der Schiebetür weg, sprach schließlich die Cops an. »Okay, nur einer von Ihnen erzählt mir den Ablauf, der andere ergreift nur das Wort, wenn er seinen Partner berichtigen muss. Wer will, wer hat noch nicht?«
Der scheinbar etwas ältere Police-Officer hob die Hand, ergriff das Wort. »Der Nachbar von genau gegenüber hat dreimal in der Zentrale angerufen und sich über laute Musik beschwert. Als wir hier ankamen, hörten wir keine Musik, läuteten trotzdem, aber umsonst. Wir begaben uns zum Nachbarn genau gegenüber, stellten ihn zur Rede, fühlten uns verschaukelt. Er aber blieb bei seiner Geschichte.«
»Die lautete?«, warf Waterspoon ein.
»Er schwor, dass bis ein paar Minuten vor unserem Eintreffen laute Musik zu hören war, zudem soll in jedem Fenster Licht zu sehen gewesen sein. Schließlich meinte er, dass etwas nicht stimmen würde, da sowohl die Musik als auch das Licht kurz zuvor ausgeschaltet beziehungsweise ausgemacht wurden. Er meinte sogar, unser Eintreffen wäre schuld daran. Der Mann machte einen glaubwürdigen Eindruck, weswegen wir uns entschlossen, der Sache nachzugehen. Wir stellten fest, dass die Haustür nicht verschlossen war, fanden den ersten Toten, nahmen zur Kenntnis, dass sich jemand am Verteilerkasten zu schaffen gemacht hatte. Als die Sicherung wieder funktioniert, ein Unbekannter hat die Hauptsicherung herausgedreht, sah es genauso aus wie jetzt. Überall brannte Licht. Zunächst nahmen wir an, dass es sich bei der Leiche um den Hausbesitzer handeln könnte, aber der uns bis zur Haustür begleitende Nachbar verneinte es, bevor er in sein Haus davonlief. Keine Sorge, wir haben darauf geachtet, dass er keine Spuren zerstört. Jedenfalls kamen wir zu dem Schluss, dass der Tote hier im Erdgeschoss ein Einbrecher sein könnte, weiter umgesehen hätten wir uns so oder so. Wir fanden dann die zweite Leiche, sie liegt in der ersten Etage. Nebenbei, besser gesagt, währenddessen, haben wir die Zentrale über unseren Fund verständigt.«
Der Detective blickte den Kollegen an, der sofort reagierte und sagte: »Dem kann nichts hinzugefügt werden, stimmt alles bis ins Detail.«
»Sind die Gerichtsmedizin und Spurensicherung angefordert?«, erkundigte sich Forrest, registrierte, dass sich die Cops ansahen. »Was nun, ja oder nein?«
»Ja, schon, aber das wollte die Zentrale übernehmen, keine Ahnung, ob es bereits geschehen ist«, sagte diesmal der jüngere Streifenpolizist.
»Scheiße! Jungs, die in der Zentrale sind restlos überlastet, holt es nach, auf der Stelle. Ach was«, berichtigte sich Forrest. »Raucht erst in Ruhe auf, auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an«, zeigte er sich ungewohnt großzügig, sah zum Swimmingpool. »Schon rausgefunden, wem das Haus gehört?«
»Der Besitzer liegt oben«, antwortete nun wieder der ältere Officer. Er nannte dem Detective den Vor- und Zunamen des Hauseigentümers und wies darauf hin, dass er keine Vorstrafen besaß.
»Was macht Sie so sicher, dass es sich um den Hausbesitzer handelt, nicht um einen Komplizen des hier liegenden vermeintlichen Einbrechers?«, stellte Forrest eine Frage, die er als Streifenpolizist für eine Frechheit gehalten hätte, schließlich kam es laut Statistik so gut wie nie vor, dass sich Diebe während ihres Beutezugs gegenseitig an den Hals gingen.
»Wir haben in der Küche auf dem Esstisch eine Geldbörse samt Kreditkarten und Führerschein entdeckt. Kein Zweifel, dem Opfer oben gehört das Gebäude«, erklärte der erfahrenere Streifenpolizist. Er heißt Lukas Marron.«
»Forrest deutete auf den Toten im Wohnzimmer. »Was ist mit ihm?«
Der jüngere Cop ergriff das Wort. »Wir haben ihn nicht bewegt und angefasst, Keine Ahnung wie er heißt, müssen wir noch rausfinden. Allerdings schwer vorstellbar, dass er nicht aktenkundig ist.«
»Wieso?«, bohrte Forrest nach.
»Naja, ich will nicht klingen, als ob ich Vorurteile hätte, nur ist mir sein Äußeres ins Auge gestochen. Zugegeben, ungepflegt wirkt er nicht, aber seine Aufmachung sieht nicht danach aus, als wäre er einer geregelten Arbeit nachgegangen. Sorry, Sir, aber das sind Erfahrungen, die man auf der Straße sammelt.«
»Ich weiß, wovon Sie sprechen«, erwiderte Forrest, sah an sich herab. »Sehen Sie mich an, ich trage einen Mantel, den noch nicht einmal "Columbo" anziehen würde, der Schal um meinen Hals ist fast so alt wie ich, die aus Leinen bestehende Flatterhose zog ich wegen der gebotenen Eile an. Trotzdem ist meine Wenigkeit beim "BPD". Nehmen Sie es mir nicht übel junger Mann, aber der Spruch, dass Kleider Leute machen, trifft nicht immer zu. Schauen Sie sich unseren Präsidenten an«, erklärte er dem Kollegen, ohne ihn zu sehr zu tadeln. Im Anschluss ließ sich der Detective die Namen der Kollegen geben, deutete auf den Toten. »Lag er so da als Sie das Haus betraten?«
Die Streifenpolizisten nickten, bedankten sich für die gewährte Raucherpause, machten sich auf, um zu gewährleisten, dass Gerichtsmedizin und Spurensicherung bald eintreffen würden. Der Ermittler schluckte sichtbar schwer, wandte sich von der Leiche ab, umkurvte im legeren Gang den Swimmingpool. Erst nach dem kurzen Spaziergang drückte er seine Zigarre aus, betrat das Wohnzimmer und ging vor dem Toten in die Knie. Das Loch in dessen Hals war offensichtlich die Todesursache, er sah sich um, die Tatwaffe war nirgendwo zu entdecken. Angewidert blickte er auf die Hände des Ermordeten, ihm waren sämtliche Fingerkuppen abgeschnitten worden. Eindeutig war diese Handlung des Mörders dem Versuch zuzuschreiben, die Suche nach der Identität des Getöteten zu erschweren.
Behäbig begab er sich nach oben zum toten Hausbesitzer, am obersten Treppenabsatz staunte er nicht schlecht. Mit einem mal stand er in einem Raum, in dem er von einer äußeren Seitenwand des Gebäudes zur anderen blicken konnte. Forrest stieß einen leisen Pfiff aus. So eine Räumlichkeit hatte er noch nicht gesehen, selbst dort nicht, wo eine Million in Bar als Peanuts bezeichnet wurde. Er überlegte wie er das Zimmer seiner Frau, Betty, beschreiben könnte, doch ihm fielen keine Worte ein. Ein Billardtisch, Geldspielautomaten, ebenso einige Fitnessgeräte, zudem eine Tischtennisplatte, ein Roulettetisch, zwei edle Sitzecken und eine riesige Bar füllten die Etage aus. Ersichtlich war nur eines: Hier oben zählte nicht die Realität des Lebens, stattdessen waren Spaß, Sport, Spiel, Freizeit und Unterhaltung angesagt.
Ergänzt wurde das Stockwerk von einer Sauna, einem Bad, welches über eine ovale Badewanne verfügte, in der mehrere Leute Platz gefunden hätten. Hier fand der Detective den ermordeten Hausherrn. Er lag in der Wanne, war vollkommen durchnässt, wies die gleiche Verletzung wie der Leichnam im Erdgeschoss auf, doch es gab einen brutalen Unterschied: Dem Leichnam war unterhalb des Haaransatzes, so ziemlich am Ende der Oberstirn eine tiefe Schnittwunde zugefügt worden. Weshalb? War es vor dem Tötungsdelikt bei einem Kampf oder "post mortem" geschehen? Der Detective ging in die Hocke, bückte sich nach vorn, betrachtete die Verletzung genauer, beugte sich weiter über den Wannenrand. Mit einem Schlag zuckte Forrest zusammen, fiel nach hinten auf seinen Allerwertesten, gleichzeitig löste sich bei dem Opfer die Schädeldecke vom Kopf, wie der Ermittler kippte sie um und rutschte nach unten auf den Wannenboden.
Waterspoon stieß einen Fluch aus, spürte, dass ihm übel wurde, er kroch in eine Ecke und übergab sich. Am Waschbecken spülte er sich den Mund aus, wischte sich die Lippen mit einem Taschentuch ab, welches er fast immer bei sich trug. Noch einmal ließ er seine Augen durch das Badezimmer wandern, aber Kampfspuren konnte er keine ausmachen. Ein Blick auf seine Armbanduhr ließ ihn erneut ein Schimpfwort ausstoßen, noch immer war niemand von der Spurensicherung und Gerichtsmedizin eingetroffen. Er begab sich vor das Haus, zündete sich den zuvor ausgedrückten Zigarrenstummel an, schritt durch den Vorgarten an den nach wie vor anwesenden Cops vorbei, blickte nach links und rechts die Straße entlang. Er winkte die Police-Officers zu sich, mit denen er im Gebäude gesprochen hatte, erteilte ihnen den Auftrag, die Nachbarn zu befragen, obwohl er sich nichts davon versprach. Gleich danach begab er sich zu dem Cop, der vor der Haustür festgewachsen zu sein schien. »Warum sind Sie ohne Kollegen da?«, fragte er ihn.
Der Streifenpolizist verzog das Gesicht. »Sorry, Detective, mein Partner wird jeden Moment auftauchen. Er holt uns von einer Tankstelle etwas zum Essen, wir sind schon den ganzen Tag unterwegs, schieben die ganze Woche eine Überstunde nach der anderen. So wie es aussieht, wird es auch heute eine lange Nacht.«
Waterspoon nickte verstehend, ließ ein verständnisvolles Lächeln folgen. »Schon in Ordnung, ich war nicht immer Detective, weiß, wie es auf der Straße zugeht. Sie und Ihr Partner können Feierabend machen, sobald die Kollegen mit der Befragung der Nachbarn fertig sind.«
»Danke, Detective.«
Es verging noch etwas Zeit, dann war es endlich soweit: Gerichtsmedizin und Spurensicherung trafen nacheinander im Abstand von wenigen Minuten am Tatort ein.
Ω
Boston, 25. März 2020
P
eter Brandon, Pathologe beim "Bostoner Police Department", zugleich, nach anfänglich mehreren diversen Annäherungsschwierigkeiten, inzwischen ein Freund des Ermittlers, betrat das Büro des Detectives ohne anzuklopfen. Es hatte seine Gründe: Zum einen schob der Facharzt den im Rollstuhl sitzenden Partner Forrests in den Raum, zum anderen waren er und Jesse Owens immer früher zugegen als es der Detective zu tun pflegte.
»Sie schon hier?«, staunte Peter.
»Guten Morgen, Boss«, begrüßte Jesse seinen Mentor, dem er zu verdanken hatte, dass er trotz seiner Behinderung im Polizeidienst bleiben konnte.
Forrest hob seine Hand, streifte mit ihr wie ein gelangweilter General an seiner Schläfe vorbei. »Morgen, Jungs«, erwiderte er den Gruß Jesses, wandte sich sogleich an Peter: »Na, am Tatort eine lange Nacht gehabt?«
Der Pathologe schob Jesse neben seinen Arbeitsplatz, der sich gleich darauf aus dem Rollstuhl auf seinen Bürostuhl hievte, während sich Peter einen Stuhl heranzog, dabei gierig auf die fast noch volle Kaffeekanne sah. Er goss für Jesse und sich einen Pott ein, Forrest hatte sich bereits bedient, kam mit den Getränken zurück an den Schreibtisch und nahm Platz. »Gar nicht mal«, ging er auf die Frage des Detectives ein, schob eines der Getränke Jesse zu.
»Was kannst du mir schon sagen?«, hoffte Forrest auf erste Details, die ihn in der Folge zu weiteren Ermittlungsergebnissen führen könnten.
»Tut mir leid, ich habe praktisch noch nichts, kann nur Vermutungen anstellen«, erwiderte Peter.
Forrest verzog missbilligend das Gesicht, aber dafür war er auf dem Revier bekannt. Er ließ einen tiefen Seufzer los, entspannte sich, fing in von ihm gewohnter Manier laut zu denken an: »Ich zähle jetzt nicht auf, könnte es gar nicht, wie viele Leichen in welchem Zustand ich schon gesehen habe. Das einer die Kopfdecke wegfällt, ist allerdings auch für mich neu gewesen. Deshalb die Frage: Wie lange dauert so eine Prozedur?«
»Sie meinen auf diese Art einen Kopf zu öffnen?«, fragte Peter, erhielte eine zustimmende Geste. »Es gibt mehrere medizinische Geräte, überwiegend wird ein Schädelbohrer verwendet. In unserem Fall kam ähnliches wie ein Trennschleifer zum Einsatz. Ich schätze zehn Minuten wird es gedauert haben. In diesem Zusammenhang kann ich etwas sagen, allerdings weiß ich nicht, ob Sie damit etwas bei Ihren Ermittlungen anfangen können. Die Schädeldecke wurde zum Teil professionell geöffnet, stellenweise wiederum amateurhaft durchgeführt. Die Gehirnmasse ist unauffindbar, könnte sich bis zu einem gewissen Grad im Abfluss befinden. Komplett niemals!«
»Der Täter hat das Gehirn des Opfers mitgenommen?«, erkundigte sich Peter erstaunt.
»Sieht so aus«, bestätigte der Pathologe. »Die Spurensicherung konnte diesbezüglich nichts finden.«
»Als ich den Toten sah, habe ich mich sofort gefragt, weshalb er durchnässt war, die Antwort darauf ist nun klar: Der Täter hat Blut und Gehirnmasse mit dem Duschkopf weggespült«, beantwortete sich Forrest eine seiner unerwähnten Fragen vom Vortag. Er dachte kurz nach, äußerte zwangsläufig die Frage, die im Raum stand: »Was zum Teufel will jemand mit einem Gehirn? Ist das ein Ritual einer Sekte, soll es eine moderne Form von Kannibalismus darstellen?«
»Vielleicht will jemand eine andere Art von Hirnforschung betreiben«, warf Jesse ein.
Peter Brandon trank seinen Kaffee leer, erhob sich. »Das sind Fragen, die von euch beantwortet werden müssen. Ich für meinen Teil begebe mich in mein Reich, damit ich Antworten zu den Todeszeitpunkten geben kann. Wer weiß, was ich bei den Autopsien noch in Erfahrung bringe«, sagte er, wünschte Jesse und Forrest einen schönen Tag und verschwand.
»Peter hat dir erzählt, wie es am Tatort aussah?«, fragte Forrest seinen Partner, erhielt ein Nicken. »Jede Wette, der Hausherr, dem der Schädel aufgeschnitten wurde, starb früher als der Mann im Erdgeschoss«, meine der Detective im Brustton der Überzeugung.
»Wie kommst du darauf, Boss?«, erkundigte sich Jesse.
Der Ermittler erklärte prompt: »Wenn der Tote im Erdgeschoß als erster umgebracht worden wäre, hätte der Hausherr entweder zu fliehen beziehungsweise die Notfallzentrale anzurufen versucht oder um sein Leben gekämpft. Es gab keine Kampfspuren, was die Frage aufwirft, ob Opfer und Mörder sich kannten.«
»Womit mein Job feststeht: Alles über den Ermordeten und sein Umfeld herauszufinden.«
»So sieht es aus«, stimmte Forrest zu.
Haben wir Zeugen, die etwas ungewöhnliches bemerkt haben«, stellte Jesse eine weitere Frage.
»Ich war dort, bis die Streifenpolizisten die Befragung abgeschlossen hatten. Die Hälfte der Anwohner in der Straße befindet sich in der Klinik, die Hälfte der anderen Hälfte lag krank im Bett, der Rest hat nichts mitbekommen«, antwortete Waterspoon.
Jesse fuhr den Computer hoch, der Detective stellte sich ans Fenster, öffnete es, sah kurz in den Hinterhof und zündete sich traditionell eine Zigarre an. Meistens fing er in solchen Augenblicken wie zuvor laut zu denken an, doch diesmal sagte er kein Wort, sondern dachte über die Verbrechen nach. Was um Himmelswillen trieb jemanden an, falls es das Motiv des Mörders war, an ein menschliches Hirn heranzukommen, fragte er sich. Klinische Studien, Kannibalismus und Sektenkult kamen zwar durchaus in Frage, aber Forrest kamen diese Beweggründe zu unrealistisch vor, da die Kapitalverbrechen ansonsten mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht im Gebäude des Hausbesitzers begangen worden wären. Nun hätte man durchaus die Meinung vertreten dürfen, die Corona-Pandemie und der Lockdown würden dazu beitragen, den Fall schneller aufklären zu können als andere Tötungsdelikte im normalen Alltag, doch das Gefühl des Detectives weigerte sich, diese positive Aussicht zu teilen.
Forrest hatte Zweifel, wusste jedoch schon jetzt, dass der Morddezernatsleiter, Joshua Jason Calbott, ihn genau mit diesem Argument bald konfrontieren könnte, wenn Erfolge bei den Ermittlungen ausbleiben sollten. Eine Frage seines jüngeren Kollegen riss ihn aus den Gedanken.
»Boss, wieso wurden dem Hausherr nicht die Fingerkuppen abgeschnitten? Ergibt das einen Sinn?«
