CyberWorld 3.0: Evil Intentions - Nadine Erdmann - E-Book
Beschreibung

"Bist du okay?" Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es sich gewünscht hätte, als ihr Blick über seine blutige Lippe und die roten Male auf seiner Wange glitt. "Ist nicht so schlimm." Er tupfte das Blut mit dem Ärmel seines Longsleeves ab. "Was ist hier los, Jamie?" Sie hasste, wie klein und hilflos und überfordert sie sich fühlte. "Wer sind diese Kerle? Und was wollen die von Dad?" Nach den turbulenten Sommerferien hat der Alltag Jamie, Jemma, Zack, Ned und Will wieder und Schule, Freunde und Familie halten die fünf in Trab: Jamie meistert die Schule ohne Rollstuhl, Zacks Eltern sind aus New York zu Besuch und Ned hat sich dazu überreden lassen, mit den anderen zur Schule zu gehen – trotz Heidenangst, jemand könnte sein Geheimnis herausfinden. Aber immerhin ist da ja Charlie, Jemmas beste Freundin, die Gefühle in ihm weckt, die er in seinem neuen Biokörper nicht so recht einordnen kann. Eigentlich wäre all das schon Trubel genug, aber das Schicksal hält noch mehr für die fünf bereit. Doch diesmal stellt es die Freunde in keinem CyberGame auf die Probe. Es prüft sie eiskalt in der Wirklichkeit … Dies ist der dritte Band der CyberWorld-Reihe. Teil 1: Mind Ripper Teil 2: House of Nightmares

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Beliebtheit


Table of Contents

Evil Intentions

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Nachwort

CyberWorld 4.0: The Secrets of Yonderwood

Ein MORDs-Team

Heliosphere 2265

Die Chroniken der Seelenwächter

Impressum

CyberWorld 3.0

Evil Intentions

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Ihr Herz wummerte wie ein Presslufthammer.

Das konnte nicht gesund sein, oder? Himmel, sie war einfach nicht für diese gottverdammte Welt gemacht …

Ihre Hände krampften sich um den Griff des Säbels und obwohl ihre Nerven gerade Amok auf Hochtouren liefen, stieß sie mit dem Fuß die Tür der Spelunke auf.

Nur einen kleinen Spalt weit.

Abwarten.

Lauschen.

Doch außer muffiger Luft fiel nichts und niemand über sie her.

Wie erfreulich.

Trotzdem klopfte ihr Herz noch immer viel zu heftig, als sie die Tür langsam weiter aufschob.

Sie wollte da nicht rein.

Wirklich nicht.

Diese düstere Kaschemme schrie geradezu nach Mord und Totschlag.

Mensch, jetzt sei nicht so eine Memme! Säbel hoch und los!

Bevor ihr Fünkchen Mut sich wieder aus dem Staub machen konnte, trat sie über die Schwelle.

Der Gastraum war nur mit ein paar funzeligen Öllampen beleuchtet und das Feuer im Kamin warf flackernde Schatten an die rußgeschwärzten Wände. Leere Tische und Bänke luden nicht gerade zum Verweilen ein. Im Gegenteil. Sie sorgten für eine verdammt finstere Atmosphäre. Aber wenigstens lauerte hier keine blutrünstige Seeräubermeute mit gezogenen Messern und Degen auf sie. Obwohl – die konnte ja noch kommen. Wäre schließlich nicht das erste Mal.

Nervös wandte Charlie sich um. Gott sei Dank, Jem war noch hinter ihr. Die hatte zwar auch ihren Säbel gezogen, wirkte allerdings völlig entspannt.

»Wo sind die Jungs?«, wisperte Charlie wenig begeistert darüber, dass Zack, Ned und Jamie sie offensichtlich allein gelassen hatten.

Sollten die drei nicht eigentlich die Ersten sein, die ein Gasthaus betraten, das geradezu nach Falle schrie? Immerhin hatten sie sich diesen Horror hier ausgedacht, der ihr vermutlich gleich den vierten Herzinfarkt am heutigen Tag bescheren würde!

»Sie wollen nachsehen, ob der Trigger für den Bluthund funktioniert. Der schiebt irgendwo draußen Wache«, antwortete Jemma in ganz normaler Lautstärke und ließ Charlie damit heftig zusammenfahren. »Wir sollen schon mal reingehen und nachsehen, ob die Questabgabe funktioniert.«

Charlie rollte mit den Augen. »Na toll. Wenn man mal ein paar heldenhafte Kerle braucht …«

»… schaffen wir zwei es auch locker alleine.«

Resolut schob Jemma ihre beste Freundin in den dämmrigen Gastraum. Die uralten Bodenplanken knarzten entsetzlich laut unter ihren Füßen und strapazierten unschön Charlies ohnehin schon äußerst angekratzte Nerven.

»Mann, ich hasse Gruselgames …« Noch immer krallte sie ihre Finger um den Säbelgriff.

»Bleib locker. Bisher hast du dich doch richtig gut geschlagen. Und jetzt suchen wir nur den Wirt, um die Quest abzugeben. Dabei wird schon nicht die Hölle losbrechen.«

Charlie bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. »Das Gleiche hast du mir gestern auf dem Geisterschiff versichert. Und vorhin in der Schatzhöhle. Und bei beiden Aktionen hat es dann plötzlich von fiesen Gespenstern, ekelhaften Seemonstern und krawalligen Piraten nur so gewimmelt!«

»Na, das ist ja auch der Spaß an CyberGames!« Jemma trat an ihr vorbei und steuerte die Bar an. »Wäre doch ziemlich langweilig, wenn da nichts passieren würde, oder nicht?«

Charlie schnaubte. »Ihr habt eine verdammt seltsame Vorstellung davon, was Spaß macht. Ich bin jedes Mal halb tot vor Angst, wenn irgendeins eurer Monster auf mich zukommt. Oder wenn ich eine Tür öffnen oder um eine finstere Ecke gehen muss. Das ist doch kein Spaß! Das ist Antrainieren von paranoiden Wahnvorstellungen!«

»Es ist einfach nur cooler Nervenkitzel.« Jemma streifte einen fleckigen Leinensack von ihrer Schulter. »Und sooo schlecht kannst du das alles ja nicht finden, immerhin spielst du heute schon zum dritten Mal Versuchskaninchen.« Sie legte das Bündel mit ihrer Schmuggelware auf einem wackligen Barhocker ab und bimmelte eine Glocke, die neben einem kleinen Holzfass und zwei Flaschen Rum auf dem Tresen stand.

»Ich bin halt leider neugierig.« Da hier anscheinend wirklich keine Piraten aus den Ecken sprangen oder die gequälten Seelen längst verstorbener Gäste dieser zwielichtigen Kaschemme auf die Idee kamen, aus dem Fußboden emporzusteigen, beschloss Charlie ihrer Paranoia eine Auszeit zu gönnen. Sie ließ den Säbel sinken und wies in den Gastraum. »Es ist echt cool, dass so was hier von meinen Freunden ist.« Sie grinste. »Und wenn das Spiel irgendwann fertig ist und auf den Markt kommt, will ich damit gebührend angeben können und das geht ja wohl nur, wenn ich es selbst gespielt hab und auch weiß, wovon ich rede.«

»Überleg dir eine Questaufgabe oder irgendein gruseliges Event, dann kannst du dich hier sogar selbst verewigen. Wenn deine Ideen hier reinpassen, setzen wir sie gerne um.«

»Meinst du echt?«

»Klar, warum nicht? Wir freuen uns aber auch über richtig aktive Hilfe, denn es gibt noch jede Menge Arbeit.« Jemma deutete in den leeren Gastraum. »Hier soll auf jeden Fall ein bisschen mehr los sein, wenn das Spiel mal fertig ist. Und der Trigger für den Wirt scheint auch noch nicht zu funktionieren.« Sie bimmelte noch einmal die Glocke auf dem Tresen, doch kein NPC ließ sich blicken.

»Wäre schon cool, hier mitzumachen.« Charlie ließ ihren Blick umherwandern, sah dann aber zweifelnd zu Jemma. »Ich kann aber weder Vorlagen zeichnen noch programmieren.«

»Das kann Zack auch nicht. Aber er schreibt echt witzige Dialoge und du bist schließlich auch nicht auf den Mund gefallen. Ich wette, ihr zwei wärt ein absolutes Dreamteam.«

Charlie musste lachen. »Ja, vermutlich. Stammt diese Spelunke hier denn aus deiner Feder?«

Jemma schüttelte den Kopf. »Nein, die basiert auf Fotos vom Jamaica Inn, einem alten Gasthaus in Cornwall, in dem früher wirklich mal Piraten ihre Schmuggelware vertickt haben.«

»Echt? Wie cool ist das denn?!«

»Die Recherchearbeit macht übrigens auch Zack und ich bin mir sicher, dass er sich dabei auch über Hilfe freuen würde. Er hat eine ganze Menge Gruselgeschichten und düstere Legenden gefunden, die sich um das Gasthaus und die kornische Küste ranken. Zack schreibt sie um und macht Hintergrundgeschichten und Questaufgaben daraus.«

»Wow.« Charlie war ehrlich beeindruckt. »Dann gibt’s noch mehr reale Orte?«

»Die komplette Küstenlinie entspricht der Westküste Englands, also alle Buchten, Klippen und so weiter. Ich hab allerdings die Häuser bearbeitet, damit sie alt aussehen und ins achtzehnte Jahrhundert passen. Außerdem ist die Schatzkammer in der Schmugglerhöhle von mir und die Innenräume des Geisterschiffs. Das Äußere hat Jamie gezeichnet, genauso wie alle Geister, Monster und andere NPCs. Figuren sind eher sein Ding. Ich mach lieber die Szenerie.«

»Und Ned programmiert dann alles?«

»Genau. Will hilft ihm, wenn er Zeit hat, und Jamie kriegt die Basics mittlerweile auch schon ganz gut hin.«

Charlie stemmte ihre Hände in die Hüften und betrachtete sich in einem riesigen Spiegel mit schwerem Schnörkelrahmen, der gegenüber dem Tresen an der Holzwand hing. »Und wem hab ich diese schrecklichen Pumphosen zu verdanken, die einen aussehen lassen, als hätte man einen Elefantenhintern?«

Jemma rollte mit den Augen. »Das hier ist ein Piratenabenteuer, keine Modenschau!«

»Trotzdem.« Charlie rümpfte die Nase. »Man weiß schließlich nie, wann man mal jemanden optisch umhauen möchte. Und, Süße, in diesen Hosen? Never ever!«

»Wen sollte ich denn optisch umhauen?«, seufzte Jemma. »Will ist ja kaum mal hier. Seit er auf dem College ist, sehen wir uns fast nur noch am Wochenende.«

Sie betrachtete sich ebenfalls im Spiegel. Eigentlich fand sie diese Hosen gar nicht so schlecht. Sie kaschierten ihre zu schmalen Hüften und gaukelten so zumindest dort ein paar Kurven vor, die sie nicht hatte. Im Gegensatz zu dem Korsett, das das Spiel ihr über einem weißen Hemd mit bauschigen Ärmeln verpasst hatte. Diese Kombi zeigte leider nur allzu deutlich, dass ihre Oberweite nicht sonderlich viel zu bieten hatte.

»Von dir redet ja auch keiner.« Charlie zupfte ihr Hemd zurecht, um das recht eindrucksvolle Dekolleté ihres Avatars noch ein bisschen besser zur Geltung zu bringen.

Überrascht sah Jemma sie an. »Wen willst du denn hier umhauen? Etwa Ned?«

»Na, bei Zack und Jamie wäre es ja wohl vergebliche Liebesmühe, oder nicht?«

»Dann haben du und Colin wirklich endgültig Schluss gemacht?«

»Yep. Dieses ständige On-and-off ist einfach nicht gut für die Band. Also haben wir jetzt einen Schlussstrich gezogen und bleiben einfach nur gute Freunde. Und das klappt echt prima. Es war ja eh nie so was super Ernstes.«

»Und jetzt hast du ein Auge auf Ned geworfen?« Jemma musterte ihre beste Freundin verwundert. Ned entsprach so gar nicht ihrem üblichen Beuteschema.

»Warum denn nicht?« Charlie betrachtete sich erneut kritisch im Spiegel. »Er sieht süß aus, ist clever und kann ziemlich witzig sein, wenn er auftaut.« Sie warf Jemma einen frechen Blick im Spiegel zu. »Hättest du denn was dagegen, wenn ich was mit dem Bruder deines Freunds anfange? Denk nur mal, was das für Potenzial hätte! Wenn er mein Mister Right ist, könnten wir eine richtig coole Doppelhochzeit feiern!«

»Ja, klar«, schnaubte Jemma und zog sich auf einen der Barhocker. »Wann denn? Nächstes Wochenende?«

Charlie lachte. »Ich bin zwar gut, aber ob ich Neds Herz so schnell gewinnen kann, weiß ich nicht. Ich glaub, bei ihm werd ich ein bisschen länger brauchen, um ihn zu knacken.« Sie grinste bedeutungsvoll. »Aber wer weiß, was Will mit dir an deinem Geburtstag vorhat?«

»Du spinnst!«

Charlie zuckte bloß mit den Schultern. »Wenn er nicht total blöde ist, weiß er, was er an dir hat. Und dann wird er sicher nicht riskieren, dass ihm jemand zuvorkommt und dich wegschnappt.«

»Klar! Weil die Verehrer ja auch Schlange bei mir stehen …«

»Oh, es gab am Freitag im McAllister’s schon den ein oder anderen Kandidaten, der interessiert in deine Richtung geguckt hat. Und im Gegensatz zu dir hat Will die auch bemerkt.«

Jemma verzog das Gesicht. »Deshalb macht er mir noch lange keinen Heiratsantrag. Er ist weder eifersüchtig noch besitzergreifend. Gott sei Dank!«

»Und was ist mit dir?«, stichelte Charlie fröhlich weiter. »Er fängt sich schließlich auch immer einige äußerst interessierte Blicke ein. Und er ist jetzt auf dem College. Wer weiß, was für heiße Mädchen er da trifft, die keine Schuluniform mehr tragen müssen?«

Empört kickte Jemma ihr vom Barhocker aus in den Hintern.

»Autsch! Hey, ist das der Dank dafür, dass ich mich so um dein Liebesleben sorge?!«

»Kümmere dich mal lieber um das Chaos in deinem eigenen!« Jemma musterte ihre Freundin abschätzend. »Meintest du das gerade eigentlich echt ernst? Du und Ned? Er ist ja nun nicht unbedingt einer der strahlenden Sonnyboys, auf die du sonst so abfährst.«

Charlie hob die Schultern und zog verlegen die Nase kraus. »Ja, hört sich schräg an, oder? Selbst für mich.« Sie wischte sich eine Haarlocke aus der Stirn, die aber sofort wieder zurückfiel. »Sonnyboys sind super, um ein bisschen Spaß zu haben, aber – keine Ahnung. Irgendwie sind die auch alle gleich. Und auf Dauer echt langweilig.« Erneut strich sie sich die widerspenstige Locke zurück. »Ned ist anders. Irgendwie … ich weiß nicht – spannend? Er ist so – nicht unbedingt schüchtern, aber so ruhig und zurückhaltend.« Stirnrunzelnd hielt sie inne und sah zu Jemma. »Eigentlich ist er ein bisschen so wie du. Hey, vielleicht ist das der Grund, warum ich ihn so mag!«

»Ned ist wie ich?«, fragte Jemma irritiert.

»Ja! Total!«, nickte Charlie enthusiastisch. »Ihr seid beide so grüblerische Typen. Beobachtet, wartet ab und die meiste Zeit weiß kein Mensch, was in euren hübschen Köpfchen so vor sich geht.«

Jemma warf ihr einen schiefen Blick zu. »Ich nehm das jetzt einfach mal als Kompliment.«

»Na, stille Wasser sind tief, oder nicht? Ich finde das spannend! Bei dir ist unter der Oberfläche schließlich auch immer eine ganze Menge los. Und ich glaube, ich würde wahnsinnig gern herausfinden, was Ned so alles unter seiner verbirgt.«

Jemma schluckte und nickte bloß stumm.

Charlie hatte keinen blassen Schimmer, was Ned tatsächlich vor der Welt verbarg.

Sie seufzte innerlich. Es war wahnsinnig schwer, ihrer besten Freundin Neds Geheimnis nicht anzuvertrauen – besonders, wenn Charlie wirklich anfing, sich für ihn zu interessieren. Doch Jemma konnte ihr nicht erzählen, dass Ned gestorben wäre, wenn sein Bewusstsein nicht in einen der Biokörper umgezogen wäre, die sein Vater entwickelt hatte. Es war allein Neds Entscheidung, wen er in sein Geheimnis einweihen wollte.

»Du weißt, dass er die letzten drei Jahre krank war und kaum das Haus verlassen konnte«, sagte sie vorsichtig.

Charlie runzelte die Stirn. »Ja, und? Jetzt ist er gesund. Er hat mir erzählt, dass die letzte Therapie erfolgreich war und der Krebs nicht wiederkommen kann.«

»Schon. Aber er geht jetzt seit sieben Wochen mit uns zur Schule und es hat einige Mädchen gegeben, die mehr als deutlich Interesse an ihm gezeigt haben, und er hat sie alle abblitzen lassen.«

Charlie winkte ab. »Das war ja auch nur die übliche Meute Frischfleischfetischistinnen im Piranhabecken der Liongate Academy. Ein gut aussehender neuer Typ an der Schule, der auch noch der Sohn des CyberWorld-Erfinders ist?« Sie schnaubte. »Diese Trophäenjägerinnen hätte ich an seiner Stelle auch alle in den Wind geschossen.« Wieder drehte sie eine ihrer Locken um den Finger und wandte sich zum Spiegel, um ihre Haare testweise hochzudrehen. »Spricht doch nur für ihn, dass er sich von diesen oberflächlichen Schlangen nicht einwickeln lässt.« Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und strich sich über die Augenbrauen.

»Schon. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob er im Moment überhaupt eine Freundin haben will. Ich glaube, er gewöhnt sich immer noch an das ganz normale Leben außerhalb seiner vier Wände.«

»Na, jetzt übertreibst du aber! Ihr wart die halben Sommerferien quer durch Großbritannien unterwegs und er geht seit sieben Wochen mit uns zur Schule. Du tust gerade so, als wäre er ein Einsiedlerkrebs, dem jede Begegnung mit der Zivilisation Gott weiß was abverlangt! Klar, er hat eine schlimme Zeit hinter sich, und dass seine alten Freunde ihn fallen gelassen haben, als er krank war, ist absolut unterirdisch. Aber jetzt hat er ja uns und ich bin mir sicher, er ist clever genug, um zu schnallen, dass wir ihn niemals so mies im Stich lassen würden.«

Dagegen konnte sie nur schlecht etwas sagen, also gab Jemma sich geschlagen. »Dann überfahr ihn aber wenigstens nicht gleich mit einer totalen Powergirloffensive, okay? Ich glaube nämlich, dass du ihn damit ziemlich abschrecken würdest.«

Charlie grinste. »Dann hast du also nichts dagegen, dass ich es bei ihm versuche?«

»Hallo?! Nein, natürlich nicht.«

»Cool!« Charlies Grinsen wurde noch ein bisschen breiter und sie zupfte weiter ihre hochgedrehten Locken zurecht. »Wenn er sich von mir zu einem Date überreden lässt, könnte er damit schließlich auch den bescheuerten Gerüchten ein Ende setzen, die Amber und ihre nervigen Lästerschwestern in die Welt gesetzt haben.«

Jemma stöhnte. »Ned ist nicht schwul.«

»Seine beiden besten Freunde sind es. Für die Intelligenzallergiker reicht das.«

»Klar«, meinte Jemma sarkastisch. »Für die bin ich vermutlich auch eine Lesbe, weil mein Zwillingsbruder ja auf Jungs steht!«

Charlie schüttelte ihre Mähne, bis sie ihr wieder über die Schultern fiel. »Weißt du, dieses Gerücht kam interessanterweise nie auf. Vermutlich weil du jahrelang ein eher verklemmtes Mauerblümchen warst, dir jetzt aber mit William Dunnington gleich mal einen der heißbegehrtesten Heiratskandidaten der nächsten Jahre geangelt hast.«

»Verklemmtes Mauerblümchen?!« Von ihrem Barhocker aus verpasste Jemma ihrer Freundin einen weiteren Tritt in den Hintern und verschränkte empört die Arme vor der Brust. »Danke!«

Charlie lachte. »Hey, ich weiß es doch besser! Ich sag doch: Stille Wasser sind tief.« Sie wollte Jemma im Spiegel frech zuzwinkern, erstarrte aber mitten in der Bewegung.

Jemma war verschwunden.

Stattdessen sah Charlie ein völlig anderes Spiegelbild hinter sich. Ein kleines Mädchen in einem zerschlissenen weißen Kleid. Strähniges dunkles Haar fiel über ihre knochigen Schultern und das bleiche Gesicht. Trotzdem konnte Charlie zwei pechschwarze Augen erkennen, die sie boshaft anfunkelten. Schwarze Lippen kräuselten sich zu einem teuflischen Grinsen und entblößten spitze, faulige Reißzähne.

Zu Tode erschrocken riss Charlie ihren Säbel aus dem Gürtel und wirbelte herum.

Doch hinter ihr war niemand!

Zumindest kein albtraumhaftes Geistermädchen. Nur Jemma, die auf dem Barhocker saß, die Beine baumeln ließ und Charlie mit hochgezogener Augenbraue ansah.

»Alles klar?«

Charlie stieß die Luft aus und hoffte, dass ihr rasender Herzschlag sich wieder beruhigte. »Mann! Hier war gerade eine echt zombiemäßige Geistergöre. Ich hab sie im Spiegel gesehen.« Vorwurfsvoll fuchtelte sie mit ihrem Säbel vor Jemmas Nase herum. »Du wusstest, dass die hier auftauchen wird!«

Jemma grinste genauso höllisch wie zuvor das Zombiebalg.

»Du bist absolut unmöglich!«, wetterte Charlie. »Wir führen hier gerade ein tiefgründiges Beste-Freundinnen-Gespräch, bei dem ich dir den bevorstehenden Wandel in meinem Liebesleben offenbare, und du warnst mich nicht mal vor?!«

»Doch, tue ich.« Jemma deutete über ihre Schulter. »Die zombiemäßige Geistergöre kriecht gerade hinter dir aus dem Spiegel.«

»WAS?!«

Entsetzt fuhr Charlie herum.

Shit!

Tatsächlich kroch das Monsterbalg mit zuckenden Bewegungen aus dem Spiegelglas. Die Augen funkelten finster und das Biest streckte fauchend seine Krallenhand aus. Erschrocken stolperte Charlie ein paar Schritte zurück und hackte ihm die Klaue ab. Schwarzes Blut spritzte und das Zombiemädchen zischte wütend, schien sich aber ansonsten nicht weiter am Verlust seiner Gliedmaßen zu stören. Ohne Charlie aus den Augen zu lassen, richtete es sich auf, tappte weiter auf sie zu und grapschte mit seiner anderen Klaue nach ihr.

Okay, jetzt reicht’s!

Entschlossen ging Charlie zum Angriff über. So schnell sie konnte ließ sie ihren Säbel kreuz und quer durch die Luft sausen und richtete im Nullkommanichts ein Blutbad an.

»Nicht schlecht. Im Säbelschwingen bist du echt gut geworden.« Beeindruckt betrachtete Jemma die Sauerei von ihrem Barhocker aus. »Erstklassig filetiert, würde ich sagen. Ich bin echt stolz auf dich! Du wirst noch eine richtig gute Rollenspielerin.«

Sie schwang sich vom Hocker und legte Charlie einen Arm um die Schultern, obwohl die sie mit einem Blick durchbohrte, der in der echten Welt die Milch von ganz London hätte sauer werden lassen.

»Vielen Dank für deine Hilfe, du Biest!«

Jemma zwickte ihr in die Seite. »Das verklemmte Mauerblümchen wusste, dass du mit Evil Edith auch alleine klarkommst.«

»Toll! Hat mich ja nur gefühlte zehn Jahre meines Lebens gekostet!« Angewidert sah Charlie zu, wie das zerstückelte Zombiemädchen noch einmal kurz aufflackerte und dann verschwand, während das dunkle Blut langsam in den alten Holzdielen des Fußbodens versickerte. »Ist das fiese Gör auf deinem Mist gewachsen oder muss ich Jamie dafür in den Hintern treten?«

Jemma grinste. »Nein, die Kleine ist ausnahmsweise von mir.«

»Okay, dreh dich um und mach dich auf den Tritt des Jahrhunderts gefasst!«

Ungerührt blieb Jemma stehen. »Das wäre aber reichlich unfair. Schließlich ist es allein deine Schuld, dass Edi hier aufgetaucht ist. Du hast sie heraufbeschworen, nicht ich.«

»Was?« Verständnislos blickte Charlie von Jemma zum alten Wandspiegel. »Wieso? Ich hab doch gar nichts gemacht.«

»Oh doch, das hast du«, meinte Jemma schadenfroh. »Die kleine Edith hasst eitle Menschen. Wenn also ein Spieler zu viel Zeit damit verbringt, sich im Spiegel zu betrachten, oder sich gar erdreistet, über dieses wunderhübsche Piratenoutfit zu meckern, taucht sie auf, um ihm eine kleine Lektion zu erteilen!«

 

 

Kapitel 2

 

 

Der Oktoberwind pfiff kalt ums Gebäude und klatschte dicke Regentropfen an die Fensterscheiben. Wie immer an solch ungemütlichen Tagen mieden die Schüler den Schulhof und in der Mittagspause drängten alle in die Cafeteria der Liongate Academy. Da noch einen Platz zu ergattern, erforderte entweder Glück oder eine ausgefeilte Strategie – und Zack verließ sich ungern nur auf Ersteres. Eine der letzten freien Tischnischen lag nur noch ungefähr sechs Meter von ihnen entfernt und er hatte nicht vor, sie sich von den vier Mädchen wegschnappen zu lassen, die im Schneckentempo vor ihnen herschlichen und die Ballakrobatik begafften, die einige Fußballer am Tisch der Schulmannschaft angeberisch zum Besten gaben. Zack holte aus, warf seine Lunchtüte in schwungvollem Bogen über ihre Köpfe – und sie landete punktgenau in der Mitte des Tisches.

»Yes!« Triumphierend riss er die Arme hoch. »Basketball ist so viel alltagstauglicher als Fußball!«

»Hey!« Ein Mädchen mit kurzen roten Haaren drehte sich empört zu ihm um. »Das war unser Tisch!«

»Oh, tut mir leid.« Zack setzte sein entwaffnendstes Lächeln auf und strahlte in die Runde, während Ned sich am Rotschopf und ihren Freundinnen vorbeischlängelte und die Tischnische endgültig sicherte. »Ich dachte, ihr seid auf dem Weg zu unseren Fußballstars.«

»Wohl kaum!«

»Echt nicht? Ich dachte, Adrian hätte euch gerade zugewinkt.« Noch immer lächelte Zack gewinnend in die Runde, doch sein Blick machte gleichzeitig unmissverständlich deutlich, dass der Tisch erobert war.

Die Rothaarige schnaubte, verkniff sich aber einen weiteren Kommentar, als Jamie zu ihnen trat. Mit einem kurzen Blick in seine Richtung wandte sie sich an ihre Freundinnen. »Kommt, Leute. Da hinten ist auch noch was frei.« Ohne Zack, Ned oder Jamie noch eines Blickes zu würdigen, zog die kleine Truppe von dannen.

»Na, das lief doch perfekt.« Zufrieden ließ Zack sich Ned gegenüber auf die Sitzbank fallen.

Der zog eine Augenbraue hoch und schüttelte den Kopf. »Irgendwann fängst du dir für so eine Aktion nicht nur böse Blicke, sondern ein paar Ohrfeigen ein, das ist dir klar, ja?«

»Bei dem Charme, den ich versprühe?« Zack schnappte sich seine Lunchtüte und begutachtete das Sandwich, das seinen Wurfgeschosseinsatz erfreulich unlädiert überstanden hatte. »Außerdem such ich mir immer nur Gruppen, die vollbeladene Tabletts mit sich rumschleppen. Das hilft, das Ohrfeigenrisiko in überschaubaren Grenzen zu halten.« Er grinste. »Und Lächeln ist ja bekanntlich immer noch die eleganteste Art, jemandem die Zähne zu zeigen, oder nicht?«

»Du hörst dich an wie ein Glückskeks.« Augenrollend lehnte Jamie seine Krücken gegen den Tisch, streifte seinen Rucksack von den Schultern und rutschte neben Zack auf die Bank. »Beim nächsten Mal darfst du übrigens gerne ein bisschen weniger Charme versprühen. Die Kleine mit den braunen Locken hat ganz weiche Knie bekommen, als du sie angestrahlt hast. Ich glaube, die hat das mit dem Lächeln und Zähnezeigen nicht so ganz geschnallt.«

Lachend zog Zack ihn an sich. »Eifersüchtig? Dafür hast du überhaupt keinen Grund, Kleiner.« Er gab ihm einen Kuss.

»Blödmann.« Jamie boxte ihm in die Rippen. »Und nenn mich nicht Kleiner! Als ob du selbst ein Riese wärst!«

Zack strubbelte ihm durch die Haare. »Aber immerhin bin ich locker größer als du!«

»Na ja, das ist aber auch echt keine Kunst.« Ned gab sich nicht mal Mühe, sein unverschämtes Grinsen zu verstecken.

Zack warf ihm einen vernichtenden Blick zu und wandte sich dann wieder an Jamie. »Warum genau haben wir gedacht, es wäre eine gute Idee, wenn der da mit uns zur Schule geht?«

»Keine Ahnung. Vermutlich als Gegengewicht, um deine Charmeoffensiven auszugleichen!«

Ned lachte empört auf und kickte unter dem Tisch nach einem Schienbein. »Egal, wen ich getroffen hab, es war bestimmt der Richtige!«

»Es war definitiv der Richtige«, grinste Zack, als Jamie das Gesicht verzog und sich das Knie rieb.

»Danke!«

Zack gab ihm noch einen Kuss und spähte dann an ihm vorbei in die Cafeteria. »Ist Jem schon irgendwo zu sehen? Ich brauch echt dringend eine Cola.« Stöhnend ließ er sich zurück auf die Bank sinken und nahm wieder sein Sandwich. »Ich wär in Sheppards Stunde gerade fast eingeschlafen. Ganz ehrlich, der Zweite Weltkrieg war mit Sicherheit alles andere als langweilig, wie kann man da eine Geschichtsstunde nur so dermaßen grottenöde abhalten?«

»Dafür mussten die großen Meister hier vermutlich jahrelang studieren.« Auch Ned sah sich nach den anderen um, aber in der Menge ihrer Mitschüler war das aussichtslos. »Ein Ameisenhaufen ist nichts gegen diese Schulcafeteria bei miesem Wetter.«

»Yep. Und es hilft nicht gerade, dass sich unsere bombastischen Fußball-All-Stars mal wieder wie die Kings vom Campus aufführen.« Kopfschüttelnd sah Jamie zu, wie der Großteil der Fußballer sich an ihrem Mannschaftstisch von einem Pulk kichernder Mittelstufenmädchen anschmachten ließ, während der Rest des Teams durch die Cafeteria stolzierte und dabei offensichtlich erwartete, dass sich die Menge vor ihnen genauso teilte, wie einst das legendäre Meer vor Moses. »Keine Ahnung, warum die sich so beweihräuchern lassen. Die haben letzten Samstag nur ein Match gegen die Gurkentruppe aus Hampstead gewonnen, nicht die Fußballweltmeisterschaft.«

Zack und Ned lachten. Jamie kramte sein Lunchpaket aus seinem Rucksack und wollte gerade in sein Sandwich beißen, als Mike, einer der Ersatzspieler, plötzlich an ihrem Tisch Halt machte und sich mit verschränkten Armen neben ihm aufbaute.

Stirnrunzelnd sah Jamie zu ihm auf. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Deine Krüppelstützen stehen mir im Weg.«

Jamie zog eine Augenbraue hoch. Seine Krücken lehnten so am Tisch, dass sie mit Sicherheit für niemanden ein Hindernis darstellten. Nicht mal für einen Plattfußindianer wie Mike.

»Ernsthaft?«

»Seh ich so aus, als würde ich Witze machen?«, blaffte Mike.

Jamie atmete tief durch und legte sein Sandwich weg. »Nein, du siehst so aus, als würdest du Frust schieben, weil du letzten Samstag mal wieder nur auf der Ersatzbank sitzen durftest und deshalb jetzt nicht wie der Rest des Teams angehimmelt wirst, obwohl du eure tolle Sportjacke so demonstrativ über deiner Schuluniform spazieren trägst. Das ist aber nicht meine Schuld, okay? Also lass deine Scheißlaune nicht an mir aus.«

Mikes Gesicht nahm einen hässlichen Rotton an, als er sich ruckartig zu ihm hinabbeugte. »Du mieser kleiner Scheißer hast echt Glück, dass es unter meinem Niveau ist, einen Krüppel zu schlagen.«

»Halt die Klappe, Mike, und verschwinde!« Zacks Stimme war eisig, doch Mike ignorierte ihn und bohrte seinen Blick weiter in Jamie.

»Bitte, tu mir und dem Rest der Welt ganz schnell den Gefallen und lass dich in einen von diesen neuen Robo-Freaks verwandeln, ja? Dann würdest du nämlich endlich keinem mehr mit deinem Gekrüppel auf den Sack gehen und ich könnte dir mal so richtig die Fresse polieren.« Er nickte zu Ned. »Den richtigen Freund hast du dir dafür ja schon gekrallt, kaum dass er einen Fuß in unsere Schule gesetzt hatte. Wenn du es ihm ordentlich besorgst, schlägt er bei seinem Daddy doch sicherlich ein spektakuläres Sonderangebot für dich heraus. Und falls er doch nicht auf Schwuchteln steht, hast du ja immer noch ein ganz nettes Schwesterchen. Die würde für dich doch bestimmt ein bisschen Körpereinsatz übernehmen, oder nicht?« Er lachte dreckig.

Jamies Wut kochte so unvermittelt hoch, dass er sie diesem Mistkerl beinahe vor die Füße gekotzt hätte. Doch bevor er etwas sagen konnte, ergriff Ned das Wort. Er ignorierte Mike allerdings und sah stattdessen Jamie und Zack über den Tisch hinweg an.

»Ich weiß, ich war ein paar Jahre aus der Schule raus und kenn mich deshalb sicher nicht mehr ganz so gut mit all den Umgangsregeln aus, aber gibt es irgendeinen Grund, warum wir hier irgendwas ausdiskutieren müssten – mit so einem Vollhonk?« Mit dem Daumen wies er auf Mike, noch immer ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Oder gilt bei so was einfach: >Don’t feed the troll!< und wir können weiteressen, ohne seinem Bullshit Beachtung zu schenken? Für manche Menschen ist mir meine Aufmerksamkeit nämlich echt zu schade.«

Mike fuhr zu ihm herum und funkelte ihn an. »Pass bloß auf, was du sagst! Wenn du Ärger willst –«

»Hi Jungs! Störe ich gerade bei irgendeinem tiefgründigen Männergespräch?« Charlie trat mit ihrem Essenstablett neben Mike, drängelte ihn galant ein Stück vom Tisch weg und schenkte dem Hünen gleichzeitig ein völlig übertriebenes Lächeln. »Sorry, Großer, darf ich mal? Ich würde meine Lasagne nämlich gern essen, bevor sie kalt wird und du offiziell zum Verkehrshindernis erklärt wirst.«

Ned musste grinsen. Charlie hatte das Zähnezeigenlächeln genauso gut drauf wie Zack.

Mikes Gesichtsausdruck wandelte sich ebenfalls in Sekundenbruchteilen und überraschenderweise machte er ihr sofort anstandslos Platz, als sie ihr Tablett abstellte und sich neben Ned setzte.

»Oh, Charlie, tut mir leid. Ich hab dich gar nicht gesehen.« Er lächelte sie an, runzelte dann aber die Stirn. »Willst du echt hier bei den Losern sitzen? Komm doch mit rüber. Ich nehm dich mit an den Mannschaftstisch.«

Charlie zeigte ihm weiter zuckersüß die Zähne, allerdings änderte sich ihr Tonfall, als würde sie mit einem unterbelichteten Dreijährigen sprechen. »Süßer, glaubst du wirklich, dass du jemals bei mir landen kannst, wenn du meine Freunde bedrohst und beleidigst? Ich weiß, das ist eine schwierige Frage, aber nimm dir einfach alle Zeit, die du brauchst, auf der Suche nach einer Antwort. Nur such bitte nicht hier, ja? Dieser Tisch ist eine trollfreie Zone.« Mit einem letzten ironischen Lächeln in seine Richtung machte sie eine Handbewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen, und widmete sich dann ihrer Lasagne.

Mike schäumte vor Wut, sparte sich aber jeden weiteren Kommentar. Stattdessen kickte er gegen Jamies Krücken und zog mit einem schadenfrohen Grinsen davon, als sie mit lautem Klappern zu Boden fielen.

»Was für ein armseliges Arschloch.« Augenrollend hob Charlie die Krücken auf.

Jamie starrte ihm zornig nach, sagte aber nichts, sondern rutschte nur mies gelaunt auf, als Jemma ein Tablett voll Teetassen und Getränkeflaschen neben ihm auf dem Tisch abstellte.

»Was war denn hier los? Hat Mike dich schon wieder angebaggert?«, fragte sie in Richtung Charlie, während sie sich zu ihrem Zwilling setzte und ihr Lunchpaket aus ihrer Messenger-Bag kramte.

»Yep. Nachdem er die Jungs als Loser bezeichnet hat. Ach ja, und er meinte, falls Ned nicht auf Jungs steht, könntest du ja statt Jamie mit ihm rummachen, damit Ned bei seinem Dad einen dieser neuen Robokörper für ihn rausschlägt. Dann muss Jamie der Gesellschaft nämlich nicht mehr mit seinem Handicap auf den Geist gehen.«

Jemma warf Mike einen giftigen Blick hinterher. »Der Typ ist echt pure Sauerstoffverschwendung auf diesem Planeten. Dem sollte man das Sprachzentrum im Gehirn lahmlegen. Damit würde man der Gesellschaft wirklich einen Gefallen tun.«

»Yep.« Charlie schob sich eine Gabel voll Lasagne in den Mund. »Ein süßer Hintern ist echt nicht alles. Ich schwöre: Den Mistkerl könntet ihr mir nackt auf den Bauch binden und es würde nichts passieren.«

Zack verschluckte sich an seinem Sandwichbissen und würgte ihn hustend mit einem Schluck Cola hinunter. »Danke, Charlie! Kopfkino!«

»Echt? Wegen mir oder wegen Mike?«

Jemma lachte. »Oh-oh! Pass jetzt bloß auf, was du sagst!«

Zack verzog das Gesicht. »Ich glaube, ich mach von meinem Recht zu schweigen Gebrauch.«

Empört knuffte Jamie ihm in die Seite. »Hey, jetzt hab ich Kopfkino!«

Alle lachten.

»Haben wir irgendwas verpasst?«, fragte Sam und die fünf rückten noch ein bisschen enger zusammen, als er und Meg sich mit ihren Tabletts zu ihnen setzten.

»Habt ihr schon gehört, dass die Dubois schwanger sein soll?« Meg nahm sich einen Tee von Jemmas Tablett. »Jetzt haben wir endlich mal eine coole Französischlehrerin, hätte die da nicht warten können, bis wir den Abschluss haben?«

Zack nickte todernst. »Ja, echt. Total egoistisch, dass die ihre Familienplanung nicht vorher mit uns abspricht.«

Meg warf ein Zuckerpäckchen nach ihm. »Blödmann!«

Grinsend lehnte Ned sich zurück, kaute zufrieden sein Sandwich und sah aus dem Fenster hinaus in den Regen. Der Wind zerrte unerbittlich die Blätter von den Bäumen und ließ keinen Zweifel daran: Der Herbst war da.

Unglaublich, wie schnell die letzten Wochen vergangen waren.

Er war froh, dass er sich von Zack, Jamie und Jemma hatte überreden lassen, zu ihnen an die Schule zu kommen. Auch wenn Mike das beste Beispiel dafür war, dass die Liongate Academy ganz sicher keine idiotenfreie Zone war – Ned war gern hier. Es war bedeutend lustiger, gemeinsam zu lernen und öden Unterrichtsstoff zu ertragen, als ihn alleine am Computer durcharbeiten zu müssen. Und anders als befürchtet, kam er trotz seiner langen Krankheit in den meisten Fächern sogar gut mit. Nur in Chemie und Physik musste Jamie ihm noch helfen, fehlenden Stoff aufzuholen. Doch das war es wert. Es war witzig mit den anderen in den Pausen herumzublödeln. Es war schön Freunde zu haben, einfach normal zu sein – und manchmal sogar zu vergessen, dass er es nicht mehr war. Es tat gut, hier zu sein, auch wenn er gleichzeitig eine Heidenangst davor hatte, jemand könnte herausfinden, dass sein Bewusstsein in einem Bioroboter steckte, weil sein menschlicher Körper den Kampf gegen den Krebs verloren hatte.

Seit sein Vater vor gut drei Monaten mit den Biorobotern an die Öffentlichkeit gegangen war, tobten wilde Diskussionen auf allen möglichen Ebenen: Medizin, Ethik, selbst Regierungen und Religionsvertreter hatten sich eingeschaltet. Wochenlang hatte die Presse seinen Dad und Angus McLean belagert, der als erster Mensch galt, der einen Übergang in die künstliche Roboterhülle gewagt hatte. Nur eine Handvoll Leute wusste, dass eigentlich Ned der Erste gewesen war. Und streng genommen stimmte nicht einmal das. Doch welche Experimente mit den Biorobotern schiefgegangen waren und dass Jamie den Übergang als Erster geschafft hatte, wussten nur sechs Menschen und Ned betete, dass das auch so blieb.

Genauso wie er hoffte, dass er weiter vor der Welt verborgen halten konnte, dass sein Körper nicht mehr menschlich war. Er war weder scharf darauf, den Presserummel ertragen zu müssen, noch sich von Vollidioten wie Mike Robo-Freak schimpfen zu lassen. Doch das Interesse seiner Mitschüler an den Biorobotern war zum Glück erfreulich gering. Es hatte zwar die ein oder andere Frage dazu gegeben, doch die meisten Schüler interessierte deutlich mehr, welche CyberGames die Firma seines Vaters gerade in Arbeit hatte, und ob er ihnen nicht ein paar Demoversionen davon besorgen konnte.

Jamie war es, der deutlich mehr wegen der neuen Biokörper über sich ergehen lassen musste. Als er nach den Ferien statt im Rollstuhl an Krücken zur Schule gekommen war, hatten etliche Mitschüler ihn verständnislos gefragt, warum er sich noch weiter damit herumquälte, seinem kaputten Körper das Laufen wieder beizubringen, wenn er sich doch jetzt stattdessen einfach einen perfekt funktionierenden neuen anschaffen konnte. Und Mike war auch nicht der Erste, der Jamie unterstellte, dass er sich nur mit dem Sohn des Bioroboterentwicklers angefreundet hatte, weil er hoffte, so möglichst schnell einen vorderen Platz auf den Wartelisten zu bekommen. Zwar war kaum einer so dreist wie Mike und sagte es Jamie offen ins Gesicht, aber Getuschel gab es mehr als genug.

Ned seufzte. Er wusste, wie unfair diese Unterstellungen waren und sie machten ihm ein verdammt schlechtes Gewissen. Und Angst. Jamie war sein bester Freund und bisher ignorierte er mehr oder weniger stoisch all die dämlichen Kommentare. Doch was, wenn es ihm irgendwann zu viel wurde? Was, wenn er seine Ruhe wollte und auf Distanz zu ihm ging, um dem Gerede ein Ende zu machen?

Jamie womöglich als Freund zu verlieren – auf einmal klebte Ned sein Käsesandwichbissen ziemlich pappig im Mund. Er beugte sich vor, um einen Schluck Tee zu trinken, als Charlies Lachen ihn abrupt aus seinen düsteren Gedanken riss. Irgendwas in seinem Inneren begann zu kribbeln, als ihm plötzlich bewusst wurde, wie nah sie bei ihm saß, weil Sam und Meg sich zu ihnen auf die Bank gequetscht hatten.

Wow …

Rasch würgte er den Sandwichbissen hinunter und horchte in sich hinein. Er spürte dieses seltsame Kribbeln in Charlies Nähe nicht zum ersten Mal und er hatte keinen Schimmer, was das zu bedeuten hatte … Was er da fühlte …

Er mochte Charlie. Sehr sogar. Sie war witzig und schlagfertig, hilfsbereit und immer irgendwie in Action. Wenn es etwas zu regeln gab, nahm sie es in die Hand, und alles schien plötzlich einfach und unkompliziert. Außerdem lachte sie gern und er hatte sie noch nie wirklich schlecht gelaunt erlebt. Sie war so völlig anders als er und das faszinierte ihn maßlos.

Und sie war hübsch. Ziemlich klein, kaum größer als Jemma, dafür aber nicht so schmal. Eher im Gegenteil. Ein paar magersüchtige Zicken hatten bei Charlies letztem Auftritt im McAllister’s rumgelästert, wie fett sie sei, doch da sprach offensichtlich nur die pure Missgunst. Fett war Charlie sicher nicht. Ein bisschen pummelig vielleicht, aber gerade das sah doch süß aus! Ned gefielen ihre Kurven jedenfalls ziemlich gut und Charlie wusste definitiv, wie sie die am besten in Szene setzte.

War dieses Kribbeln in seinem Inneren also vielleicht so was wie die berühmten Schmetterlinge, die angeblich auftauchten, wenn man dabei war, sich in jemanden zu verlieben?

Verstohlen musterte er Charlie von der Seite.

Er war noch nie verliebt gewesen. Der jahrelange Kampf gegen den Krebs, die Angst zu sterben – das alles hatte äußerst effektiv als Liebestöter gewirkt. Mal ganz davon abgesehen, dass er die meiste Zeit wegen seines kaputten Immunsystems praktisch im Haus eingesperrt gewesen war und sich damit potenzielle Chancen zum Verlieben einfach nicht ergeben hatten. Er kannte die typischen Anzeichen also nur aus Büchern und Filmen.

Schmetterlinge im Bauch.

Herzklopfen.

Schwitzige Hände.

In seinem Roboterkörper bekam er keine schwitzigen Hände und sein künstliches Herz schlug niemals schneller, sondern hielt sich unbeeindruckt an seinen vorprogrammierten Takt, um die Nährstoffe durch seinen Körper zu pumpen, die seine Biozellen zum Leben brauchten. Und das Ding unterhalb seiner Gürtellinie war auch nur dazu da, unnötige Reststoffe aus seinem Körper zu entfernen, daher kamen aus dieser Region auch nicht die Signale, die anderen Jungs mehr als deutlich gezeigt hätten, dass sie ein Mädchen toll fanden.

Und trotzdem kribbelte da irgendwie irgendwo irgendwas.

Besonders, wenn Charlie wie jetzt gerade lachte und er dieses freche Funkeln in ihren dunklen Knopfaugen sah.

Waren das also diese Schmetterlinge, die er da fühlte? Die gab es schließlich in normalen menschlichen Körpern auch nicht wirklich …

Himmel, egal, was es war, es fühlte sich gut an! So verdammt gut, dass er liebend gern eine von Charlies schwarzen Locken um seinen Finger gewickelt oder ihre wunderschöne dunkle Haut berührt hätte – nur um herauszufinden, ob dieses unglaubliche Kribbeln dann womöglich noch viel, viel stärker werden würde …

»Hey, ich rede mit dir!«

Er fuhr heftig zusammen, als das Einwickelpapier von Jamies Schokoriegel ihn an der Stirn traf.

»Was? Sorry, war in Gedanken.«

»Ja, das hab ich gemerkt!«

»Sorry«, murmelte Ned noch einmal und wich Jamies Blick aus. »Ich hab über ein paar neue Ideen für unser CyberGame nachgedacht.« Er war froh, dass er nicht rot werden konnte, als Jamie ihn jetzt durchdringend musterte.

»Spar dir das für Bio auf. Wenn die Foster uns heute nicht endlich mikroskopieren lässt, wird ihre Stunde gleich nämlich genauso spannend wie der Geschichtsvortrag von Sheppard.«

Ned verzog das Gesicht. »Okay. Ich verspreche, du hast für den Rest der Mittagspause meine ungeteilte Aufmerksamkeit.«

»Danke. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es dabei bleibt, dass du nach der Schule noch mit zu mir kommst, um Chemie zu lernen.«

Ned stöhnte, nickte aber schicksalsergeben. »Klar, ich kann mir an einem verregneten Nachmittag nichts Schöneres vorstellen als die geheimnisvolle Welt des Periodensystems …«

 

 

Kapitel 3

 

»Möchtet ihr Tee?«, fragte Max, als Jamie und Ned den Esstisch im Wohnzimmer ansteuerten, um Hausaufgaben zu machen und Chemie zu lernen.

»Gerne. Und ein paar Kekse wären cool.«

»Kein Problem. Kommt Zack nach der Fahrstunde mit Jemma hierher oder isst er mit seinen Eltern zu Abend?«

Jamie ließ seinen Rucksack von den Schultern rutschen. »Plan ihn lieber mal mit ein.«

»Sehr gern.« Max verschwand in die Küche.

»Glaubst du echt, seine Eltern versetzen ihn schon wieder?« Ned setzte sich an den Tisch und holte seinen Laptop aus der Schultasche.

»Wundern würde es mich nicht«, grollte Jamie. »Sie sind letzte Woche aus New York gekommen und haben sich nicht mal das Wochenende für ihn freigehalten, sondern waren auf irgendeiner Dinnerparty, auf einer Vernissage mit Promiauflauf und bei einem Brunch mit Freunden. Es gibt einfach so wahnsinnig viele megawichtige Geschäftstermine und gesellschaftliche Verpflichtungen, die sie alle in ihre drei Wochen hier reinstopfen müssen, dass es fürchterlich schwierig ist, auch noch Zeit für den eigenen Sohn aufzubringen.« Seine Stimme triefte vor Zynismus. »Und wenn, dann muss er praktisch auf Kommando springen.«

Ned runzelte die Stirn. »Und das lässt Zack mit sich machen?«

Seufzend holte Jamie ebenfalls seinen Laptop hervor. »Sie sind halt seine Eltern. Und egal, wie nervig und frustrierend sie auch sind, er hofft schon, dass er ein bisschen Zeit mit ihnen verbringen kann.« Er verzog das Gesicht. »Aber so langsam verliert er die Geduld mit ihnen. Wenn sie ihm also heute wieder blöd kommen, kann es durchaus sein, dass er genug hat und wieder hier schläft statt bei ihnen.«

»Waren sie überhaupt schon mal in London, seit sie im April nach New York gezogen sind?«

»Nein. Das hier ist ihr erster Besuch.«

»Wow.« Ned war gespannt, ob er die Watts kennenlernen würde, wenn er sich übermorgen mit Will und Charlie bei Zack traf, um Jamies und Jems Geburtstag zu planen, der in knapp zwei Wochen anstand.

Jamie hatte seinen Laptop hochgefahren und den Chemieordner geöffnet. »Sollen wir einfach noch mal die letzte Stunde durchgehen? Denkst du, du kannst mir die Redoxreaktion erklären?«

Lustlos zwang Ned seine Aufmerksamkeit auf die Cluster von Buchstaben und Zahlen. »Keine Ahnung.«

»Versuch es.«

Eine halbe Stunde später hatte Ned zu seiner eigenen Überraschung wirklich kapiert, wie die Reaktion ablief und warum, und sie erledigten den Rest ihrer Hausaufgaben.

»Genug Bildung für heute«, befand Ned schließlich und speicherte den Kommentar ab, den er für Französisch geschrieben hatte. Er schloss den Schulordner und klickte stattdessen auf die Dateien, die Jamie ihm am Abend zuvor zugeschickt hatte. »Die sind echt cool geworden.« Beeindruckt betrachtete er die Vorlagen für den Riesenkraken, den Jamie aus verschiedenen Perspektiven für ihr CyberGame gezeichnet hatte.

Zweifelnd sah Jamie auf den Bildschirm. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob wir das Ding wirklich mit reinnehmen sollen. Ist doch ein totales Klischee.«

»Nein, es ist ein Klassiker!«, grinste Ned. »Charlie wird die Krise kriegen, wenn dieses Biest unser Schiff in Stücke reißt und wir von ihm in die Unterwasserwelt gezogen werden. Denkst du, sie ist am Samstag wieder mit an Bord?«

Jamie hob die Schultern. »Kann schon sein. Ich glaube, so langsam haben wir sie mit unserem Spiel richtig angefixt. Wenn sie also keine Bandprobe hat, ist sie bestimmt wieder dabei.«

Ned schaltete seinen Laptop aus und stopfte ihn in die Tasche. »Ist sie jetzt eigentlich wirklich nicht mehr mit Colin zusammen?«

Jamie hielt inne, seufzte und sah Ned dann ungewöhnlich ernst an. »Ich hab gesehen, wie du sie angeschaut hast. Heute in der Cafeteria.«

Mist!

Verlegen wich Ned Jamies Blick aus.

War es so offensichtlich gewesen?

Shit, etwa auch für Charlie?!

Himmel, er wusste doch noch gar nicht, ob er wirklich was von ihr wollte! Außer vielleicht mal ausprobieren, ob dieses seltsame Kribbeln in seinem Inneren noch stärker werden konnte, wenn er – na ja, wenn er sich ein bisschen näher mit ihr befasste …

Das Problem war nur, er hatte überhaupt keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Flirten oder gar Dates – das war komplettes Neuland für ihn und er hatte keinen Plan, wie man sich dabei nicht total lächerlich machte.

»Lass es, Ned.«

Irritiert sah Ned zu Jamie an. »Was denn?«

»Charlie. Lass die Finger von ihr.«

Der Satz wirkte wie ein Schlag in die Magengrube.

»Ich weiß, sie ist cool und witzig und sie hat dich in letzter Zeit öfter angeflirtet, aber das macht sie mit jedem.« Jamie grinste halbherzig. »Manchmal sogar mit Zack oder mir. Es ist für sie nur Spaß. Ein Spiel. Nichts davon meint sie ernst. Und wenn sie sich einen Kerl schnappt, dann läuft es immer nur auf oberflächliche kleine Nummern raus, die meist nicht länger als ein paar Wochen dauern – bis es ihr zu langweilig wird und sie sich einen Neuen sucht.«

Krampfhaft versuchte Ned das miese Gefühl zu ignorieren, das sich in seinem Inneren auszubreiten begann. »Kann es sein, dass du gerade ziemlich übertreibst?«, fragte er verärgert. »Warum machst du sie so runter? Seit ich sie kenne, war sie nur on-and-off mit Colin zusammen und ich hatte nicht das Gefühl, dass sie im Off noch mit zig anderen Typen rumgemacht hat. Und selbst wenn! Ist doch okay, wenn sie Spaß haben will! Oder ausprobiert. Nicht jeder steht auf feste Beziehungen. Und nicht jeder trifft die große Liebe gleich beim ersten Date! Deshalb kannst du sie doch nicht gleich als nymphomanische Schlampe hinstellen!«

Er war ziemlich pampig geworden. Mehr als er gewollt hatte. Mehr als gut war. Zumindest, wenn er nach dem Blick ging, mit dem Jamie ihn gerade bedachte.

»Spinnst du? Das hab ich doch gar nicht! Ich mag Charlie! Sie ist toll! Und wenn es ihr Ding ist, mit jedem dritten Kerl auf diesem Planeten Spaß zu haben – wunderbar! Ich gönn es ihr von Herzen, wenn sie damit glücklich ist. Aber für dich ist sie nicht die Richtige.«

Empört schnappte Ned nach Luft. »Hallo?! Woher willst du wissen, was das Richtige für mich ist? Vielleicht will ich ja auch einfach nur was ausprobieren und ein bisschen Spaß haben!«

»Na ja.« Jamies Tonfall klang jetzt deutlich sarkastisch. »Du bist aber nun mal ein bisschen anders. Was glaubst du, wie lange du dein kleines Geheimnis vor Charlie verstecken könntest? Sie sucht ihre Typen nicht, um mit denen nur Händchen zu halten, das ist dir klar, ja? Wenn du also weiter vor aller Welt geheim halten willst, dass du in einem Biokörper lebst, kannst du dir ausprobieren undein bisschen Spaß haben wohl nicht so einfach leisten, oder?«

Ned spürte einen scharfen Stich und irgendwas in seinem Inneren fühlte sich an, als würde es zu Eis.