Beschreibung

Yonderwood – der erste Erlebnispark, der ein LiveAction-Rollenspiel mit Cyberabenteuern verbindet. Klar, dass Jemma, Charlie und die Jungs sich diesen Spaß nicht entgehen lassen, als Will und Ned die Einladung bekommen, gemeinsam mit anderen Spielern die Geheimnisse von Yonderwood zu ergründen. Was ist in dem einsamen Dorf geschehen, dass immer mehr Dorfbewohner die Flucht ergreifen? Warum herrscht über die Vergangenheit eisiges Schweigen? Und was geht in den finsteren Wäldern rund um das Dorf um und verbreitet Angst und Schrecken? Während die sechs auf Spurensuche gehen und versuchen, den verbliebenen Dorfbewohnern zu helfen, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Cyberwelt. Doch der Spielspaß wendet sich jäh, als plötzlich ein alter Bekannter mit neuen Freunden auftaucht – und sie alle haben noch eine Rechnung mit den sechs offen … Dies ist der vierte Band der CyberWorld-Reihe. Teil 1: Mind Ripper Teil 2: House of Nightmares Teil 3: Evil Intentions

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 546

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


Table of Contents

The Secrets of Yonderwood

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Nachwort

Impressum

CyberWorld 4.0

The Secrets of Yonderwood

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Yonderwood ¾ Meilen.

Zack folgte dem windschiefen Hinweisschild durch den Winterwald und lenkte seinen Wagen hinter Wills von der asphaltierten Straße auf eine schmale Schotterpiste, die ins Nirgendwo zu führen schien. Die kahlen Bäume rückten noch enger zusammen, ganz so als wollten sie mit ihren knorrigen Ästen nach den Eindringlingen greifen, die sich einen Weg durch ihre Mitte bahnten. Es war fast halb zehn morgens, doch die graue Wolkendecke am Himmel ließ es kaum hell werden.

Auf dem Beifahrersitz setzte Jamie sich auf und schaute durch die Windschutzscheibe auf die wenig heimelige Umgebung. »Die nehmen es mit dem Einstimmen auf die richtige Atmosphäre ziemlich ernst, was? Wir sind noch gar nicht richtig da und es sieht jetzt schon ganz schön gruselig aus.«

»Stimmt. Aber für das Wetter können sie nichts.« Vorsichtig wich Zack einer vereisten Pfütze aus und wies auf die imposante weiße Kuppel, die durch das kahle Blätterdach vor ihnen über hundert Meter hoch in den Himmel ragte. »Noch nicht.«

Voller Vorfreude rieb Jamie seine kalten Hände. »Ich bin echt gespannt, ob die da drin wirklich ein komplettes Dorf nachgebaut haben, in dem sie alles kontrollieren können.«

»Einiges sicherlich, aber bestimmt nicht alles. Und die wirklich spektakulären Dinge werden sicher nur in der CyberWorld passieren.«

»Ich bin trotzdem gespannt, wie sie die ganzen Übergänge hinkriegen wollen. Und ob auch wirklich schon alles funktioniert.«

»Ich denke schon. Immerhin wollen sie nächste Woche eröffnen. Unser Durchlauf ist bestimmt die letzte Generalprobe, da sollte es keine gravierenden Probleme mehr geben.«

Die Straße machte einen Knick und durch die Bäume war nun ein heruntergekommenes rotes Backsteingebäude zu erkennen. Yonderwood Railway Station prangte auf einem verwitterten Schild über dem Eingang und auf dem Parkplatz vor dem Gebäude standen bereits etliche Fahrzeuge. Zack folgte Will zu zwei leeren Stellplätzen und parkte neben ihm.

»Da wären wir.« Er blickte hinüber zu den anderen Fahrzeugen. »Und offensichtlich sind wir nicht die Ersten.«

Neben ihnen stiegen Will, Ned, Jemma und Charlie aus dem Wagen.

Jamie löste seinen Sicherheitsgurt und kramte eine hellblaue Beanie aus der Tasche seines Anoraks. »Bis zur offiziellen Einführung ist auch nur noch eine halbe Stunde Zeit.« Er zog die Mütze über, schloss umständlich den Reißverschluss seiner Jacke und stellte den Kragen hoch.

Zack verfolgte die gesamte Aktion mit hochgezogener Augenbraue. »Sagst du mir, was du vorhast? Eine private Polarexpedition, von der ich noch nichts weiß?«

»Es ist kalt! Die Pfütze gerade war gefroren und draußen sind Minusgrade.« Jamie deutete auf die Temperaturanzeige am Armaturenbrett.

Zack lachte und zog ihm die Mütze über die Augen. »Ja. Minus zwei, du Weichei! Und es sind keine fünfzig Meter bis zum Haus. Was machst du denn, wenn im Spiel metertief Schnee liegt und minus zwanzig Grad herrschen?«

Grummelnd schob Jamie die Mütze zurück und revanchierte sich mit einem Knuff in Zacks Rippen. »Tut es nicht. Wäre viel zu teuer, die Kuppel so extrem runterzukühlen, geschweige denn den ganzen Innenraum mit Kunstschnee auszustatten. Außerdem stand in der Spielbeschreibung, dass die Geschichte im Herbst spielt.«

»Na, dann hast du ja noch mal Glück gehabt.« Zack stieg schnell aus, bevor Jamie ihm einen weiteren Knuff verpassen konnte.

Die Winterluft war angenehm frisch und roch nach Wald und Erde und der gefrorene Boden knirschte unter ihren Füßen.

»Na, was denkt ihr?« Charlie machte eine ausschweifende Armbewegung, die die komplette Umgebung einschloss. »Die Szenerie kann man kaum besser hinkriegen, oder? Wir sind noch gar nicht im Spiel und ich hab jetzt schon Gänsehaut.« Sie schüttelte sich, grinste dann aber, als ihr Blick an Jamie hängen blieb. »Hey, knuffige Mütze! Ist die neu? Sieht echt süß aus.«

»Süß?« Jamie runzelte die Stirn.

»Ja. Süß. Steht dir.« Charlie nahm die Reisetasche entgegen, die Ned ihr aus dem Kofferraum reichte.

Zweifelnd trat Jamie um den Wagen herum zu Zack und deutete auf seine Beanie. »Süß?«

Zack grinste und zupfte an der Mütze. »Hey, ich hab mit süß kein Problem. Ganz im Gegenteil.« Er gab ihm einen Kuss und holte dann ihre Reisetasche und Jamies Krücken von der Rückbank. »Mit oder ohne?«

Jamie wandte sich um und schätzte kurz die Strecke ab. »Ohne. Bis zum Haus krieg ich es hin.«

»Okay.« Zack schnallte die Krücken auf der Tasche fest und schlang sich den Trageriemen über die Schulter.

»Können wir los?«, fragte Will übers Autodach hinweg. »Habt ihr alles?«

Zack klaute sich von Jamie noch einen Kuss und nahm seine Hand. »Jetzt ja.«

Glücklich schmiegte Jamie sich kurz an ihn und gemeinsam gingen sie auf das alte Bahnhofsgebäude zu.

Jemma lächelte, als sie die beiden zusammen sah. Es tat unheimlich gut, Jamie so unbeschwert und fröhlich zu sehen. Sie hatte keine Ahnung, ob der herannahende Jahreswechsel sie so sentimental machte, aber wenn sie daran zurückdachte, dass ihr Bruder vor einem Jahr noch im Rollstuhl gesessen hatte und jetzt kürzere Strecken ohne Krücken gehen konnte, machte sie das unglaublich froh und dankbar und sie war unfassbar stolz auf ihn. Sie wusste, wie anstrengend es für ihn war, sich seine Beweglichkeit zurück zu erkämpfen, und wie oft er dabei mit Muskelschmerzen und Ungeduld, Zweifeln und Frust ringen musste. Trotzdem hatte er sich nie unterkriegen lassen und ihr war klar, wie viel es ihm bedeutete, jetzt Hand in Hand mit Zack laufen zu können, selbst wenn er längere Strecken noch nicht durchhielt. Noch wurden Rücken und Beine schnell müde und er brauchte eine Schiene, um seinem linken Bein Halt zu geben. Aber es war ein fantastischer Anfang. Genauso fantastisch wie die ersten Schritte, die er vor zwei Jahren an Krücken geschafft hatte. Wer wusste also, was er noch alles hinkriegen würde?

Sie merkte, dass Will sie beobachtete. »Was?«

Lächelnd strich er ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr und gab ihr einen Kuss. »Du siehst wunderschön aus, wenn du glücklich bist«, flüsterte er an ihren Lippen und genoss das herrliche Kribbeln, als sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihre Zunge kurz mit seiner spielte.

»Und ich hab dich wahnsinnig lieb, wenn du solche Sachen sagst«, flüsterte sie zurück und lehnte ihre Stirn an seine.

»Nur dann?«, fragte er grinsend.

Sie versuchte, ihm in die Seite zu zwicken, doch seine dicke Winterjacke war ein äußerst effektiver Schutzschild. »Findest du mich nur hübsch, wenn ich glücklich bin?«

Er lachte und gab ihr noch einen Kuss. »Nein. Aber dann ganz besonders.«

»Hey!« Ned hatte sich zu ihnen umgedreht. »Ich weiß ja, dass wir in den nächsten drei Tagen vermutlich nicht viel Zeit für innige Romantik haben werden, aber wir sollten jetzt trotzdem zusehen, dass wir zur Anmeldung kommen.«

Will schickte seinem Bruder einen ungnädigen Blick. »Wer ist denn heute Morgen nicht aus dem Quark gekommen?«

Charlie zog sich Neds Arm um die Schultern und warf Will einen frechen Blick zu. »Willst du wissen, warum?«

Will verzog das Gesicht, schnappte sich Jemmas Hand und sie schlossen zu den anderen auf. »Nein, bloß nicht!«

»Schade.« Charlie grinste. »Wäre definitiv erzählenswert.«

»Kopfkino …«, stöhnten Zack und Jamie gleichzeitig, doch bevor Charlie etwas erwidern konnte, hörten sie einen Wagen über den Schotterweg preschen. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit peitschte der Fahrer einen protzigen Jeep durch die Kurve auf den Parkplatz und wirbelte trotz Frost Staub und Kies auf. Mit heulendem Motor drehte er eine Runde, bevor er sein Fahrzeug mit einer Vollbremsung in eine Parklücke schlingern ließ.

Mit hochgezogener Augenbraue wandte Charlie sich ab. »Wow. Vorsicht vor der geballten Testosteronladung auf Stellplatz 87: Da hat’s einer nötig.«

Die sechs stiegen die Stufen zum Bahnhof hinauf und traten durch einen Rundbogen ins Innere des Gebäudes. Obwohl der Bahnhof nur eine Kulisse war und keine echten Züge von hier abfuhren, hatte man sich Mühe gegeben, mit viel Liebe zum Detail alles möglichst authentisch aussehen zu lassen. Es gab eine elektronische Anzeigetafel mit Ankunfts- und Abfahrzeiten, Werbeplakate und Infoposter, Wartebänke mit Mülleimern und eine alte Bahnhofsuhr mit zwei dazu passenden Laternen. An der hinteren Wand, direkt gegenüber dem Eingang, hing ein Schild, das nach links in einen Gang Zu den Zügen wies.

Das leicht verwahrloste Flair, das das Gebäude von außen ausstrahlte, hatte man auch in seinem Inneren perfekt getroffen. Die Bodenfliesen waren ausgetreten und rissig, die Poster und Plakate vergilbt und halb abgerissen. Die abgenutzten Wartebänke wirkten wenig einladend, die Bahnhofsuhr hatte einen dicken Sprung im Glas des Zifferblatts und die Glühbirnen in den beiden Laternen sirrten und flackerten, als stünden sie kurz vor dem Burn-out. Den einzigen Stilbruch in diesem heruntergekommenen Ambiente stellten die Fahrkartenschalter dar. Wäre die Yonderwood Railway Station echt gewesen, hätte man diese mit Sicherheit längst geschlossen und mit Gittern oder Brettern verbarrikadiert. Tatsächlich waren aber alle vier Schalter geöffnet und Angestellte in Bahnuniformen blickten den Ankömmlingen freundlich entgegen.

»Denkt ihr, wir müssen jetzt schon unsere Rollen spielen?«, fragte Jemma leise.

»Finden wir es heraus!« Zielstrebig steuerte Charlie einen der Schalter an, hinter dem ein dunkelhaariges Mädchen saß, das nicht viel älter war als sie. »Hi, du siehst so aus, als könntest du uns weiterhelfen.«

Das Mädchen lachte. »Na, das hoffe ich doch! BeastyEnterprise heißt euch herzlich willkommen zum Yonderwood Adventure im weltweit ersten CyberEntertainmentPark. Mein Name ist Melissa und ich werde das Einchecken mit euch durchgehen.« Sie tippte etwas in ihren Computer ein und lächelte dann wieder freundlich in die Runde. »Ihr seid die Tough Cookies?«

»Ja«, antwortete Zack. »Kannst du hellsehen?«

Grinsend schüttelte Melissa den Kopf. »Nein. Für diese Spielrunde fehlt nur noch eine Sechsergruppe und ich hab eure Fotos und IDs hier im PC. Mit Hellsehen hat das Ganze also nichts zu tun.« Sie deutete auf ein Gepäckband neben ihrem Schalterhäuschen. »Stellt bitte einzeln eure Taschen auf das Band. Wir müssen sie scannen, danach bekommt ihr sie nebenan zurück. Es ist nicht erlaubt, Speisen und Getränke, Alkohol, Zigaretten, Drogen oder Waffen mit in die Kuppel zu nehmen. Solltet ihr etwas in der Art dabeihaben, nehmt es bitte jetzt aus eurem Gepäck. Nebenan gibt es Spinde, in denen ihr die Sachen bis zum Ende der Spielzeit aufbewahren könnt. Dort schließt ihr bitte gleich auch euer Geld und andere Wertsachen sowie alle elektronischen Geräte ein. Handys, Tablets oder Laptops stören das Funknetz innerhalb der Kuppel und sind deshalb leider nicht erlaubt.«

»Okay.«

»Gib mir die Krücken«, bat Jamie, bevor Zack ihre Tasche auf das Gepäckband legen konnte.

Als alle Rucksäcke und Reisetaschen über das Fließband in einen anderen Gebäudebereich verschwunden waren, holte Melissa eine Box mit breiten Lederarmbändern aus einem Regal im hinteren Teil ihres Schalterhäuschens.

»Diese Armbänder sind das Äquivalent zu den Armschellen, die ihr aus den CyberGames kennt«, erklärte sie. »Wie genau sie funktionieren, erfahrt ihr gleich in der Einführung mit euren anderen Mitspielern.«

Sie nahm eins der Armbänder aus der Box und legte es vor ihnen auf den Tresen. Das Band war gute zehn Zentimeter breit und aus robustem braunem Leder. Zwei silberne Schnallen dienten als Verschluss und an der Oberseite war ein kleiner Touchscreen in das Leder eingelassen. The Secrets of Yonderwood – Tough Cookies Spieler 1 leuchtete in heller Schrift auf dem Display.

»Die Armbänder sind personalisiert.« Melissa warf einen kurzen Blick auf ihren Computer und sah dann zu Jamie. »James Bennett?«

Jamie nickte und trat vor.

»Das ist deins. Aktiviert wird es erst unter der Kuppel, aber leg es am besten jetzt schon an, dann kann es nicht verloren gehen.« Sie reichte ihm sein Armband und schob den anderen die übrigen hin. »Sie sind alphabetisch vorsortiert.« Wieder sah sie kurz auf ihren Computer. »Spieler 2 ist Jemma Bennett. Spieler 6 Zachary Watts.« Sie grinste in die Runde. »Ihr seht so aus, als könntet ihr euch den Rest selbst zusammenreimen.«

»Yep, kriegen wir hin.« Charlie nahm sich Armband Nummer fünf.

Melissa griff erneut ins Regal und holte eine weitere, deutlich größere Box hervor, in der sechs Gürtel lagen. Diese passten optisch perfekt zu den Armbändern und waren mit verschiedenen Schlaufen und einer kleinen Tasche ausgestattet. In einer der Schlaufen befanden sich CyberSpecs. »Diese Art Gürtel kennt ihr auch aus den CyberGames. Ausrüstungsgegenstände wie Waffen und Heilmittel stehen euch im Spiel zwar nur in der Cyberwelt zur Verfügung, aber in der LiveAction helfen die Gürtel euch, die CyberSpecs immer bei euch zu tragen.« Sie öffnete die kleine Tasche und holte ein paar Scheine und Münzen heraus. »Außerdem enthalten sie euer Spielgeld. Fünfzig Pfund für jeden.« Sie steckte das Geld wieder zurück und schob ihnen die Gürtel hin. »Die CyberSpecs synchronisieren sich unter der Kuppel automatisch mit euren Armbändern. Es ist also egal, wer welchen Gürtel bekommt. Ihr braucht sie jetzt auch noch nicht umzulegen. Mit den dicken Winterjacken ist das unpraktisch. Ich hoffe, ihr habt die Hinweise in der Spielbeschreibung beachtet und ein paar warme Pullis oder Trainingsjacken dabei? Unter der Kuppel herrscht zwar keine Eiszeit, aber der Herbst in englischen Wäldern ist trotzdem recht frisch.«

»Wäre schließlich auch verdammt teuer, die komplette Kuppel zu beheizen«, meinte Ned.

Melissa lächelte. »Exakt.«

»Keine Sorge«, sagte Jemma. »Klamottenmäßig sind wir gut ausgerüstet.«

»Prima.« Melissa gab etwas in ihren Computer ein und nickte dann zufrieden. »Von meiner Seite aus war das ein erfolgreiches Einchecken. Ihr habt zwar vermutlich noch jede Menge Fragen, aber die klären sich gleich in der Einführung.« Sie deutete zum Ende der kleinen Bahnhofshalle. »Hinten links geht es nicht Zu den Zügen, sondern zu den anderen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß und hoffe, ihr werdet die vielen kleinen Geheimnisse von Yonderwood lüften – und wieder heil aus der Kuppel herauskommen.« Sie zwinkerte ihnen gutgelaunt zu.

»Danke!«, strahlte Charlie. »Fürs nette Einchecken gibt’s bei der Bewertung jedenfalls schon mal die volle Punktzahl.«

Melissa lachte. »Danke. Freut mich, wenn es euch gefallen hat.«

Die sechs wollten gerade Melissas Anweisungen nachkommen und dem Schild Zu den Zügen folgen, als drei junge Typen in die Eingangshalle einfielen. Sie mochten Anfang zwanzig sein, waren unüberhörbar Amerikaner und brachten eine Wolke aus Zigarettengestank mit sich. Als Zack und Jamie ihnen nicht schnell genug auswichen, rempelte ein großer Blonder sie beiseite, als wäre der Bahnhof sein Alleinbesitz.

»Hey, ihr Nullen, macht gefälligst Platz für die VIPs! Wir sind hier auf besondere Einladung der Geschäftsführung.«

Geistesgegenwärtig hielten Ned und Will Jamie fest, damit er nicht sein Gleichgewicht verlor, während Zack den Rowdy mit einem finsteren Blick durchbohrte.

»Alles klar, Prinz Peinlich. Hat dich keiner eingeweiht? Die Einladung von BeastyEnterprise hat jeder hier bekommen, also spiel dich nicht so auf, klar?«

Der Typ hielt inne, musterte Zack abschätzig von oben bis unten und baute sich dann provozierend vor ihm auf. »Kleiner, redest du mit mir?«

Unbeeindruckt bot Zack ihm die Stirn. »Ungern. Ließ sich gerade aber leider nicht vermeiden.« Damit ließ er ihn stehen und ging mit den anderen Zu den Zügen.

 

Der Gang führte sie zu einer hochmodernen Sicherheitsschleuse, die ähnlich wie Melissas Schalterhäuschen nicht wirklich in das leicht schmuddelige und in die Jahre gekommene Ambiente der Yonderwood Railway Station passte. Aber Sicherheit hatte oberste Priorität und niemand wollte riskieren, dass jemand Sprengstoff, Waffen oder Drogen in einen Vergnügungspark schmuggeln konnten.

Nachdem die sechs die Schleuse passiert hatten, bekamen sie einen Spind zugewiesen, in dem sie Handys, Autoschlüssel und Geldbörsen einschließen konnten, und wurden weiter zur Gepäckausgabe geschickt, wo ihre überprüften Taschen bereits auf sie warteten.

»Den Gang runter, rechts die große Tür«, wies ihnen ein Mitarbeiter den weiteren Weg. »Ich wünsche euch eine schaurig schöne Zeit in Yonderwood.«

»Danke!«

Sie folgten dem Gang und traten durch die Tür in einen Raum, der der Eincheckhalle des Bahnhofs sehr ähnlich war: abgenutzte Fliesen auf dem Boden, vergilbte Werbeposter an den Wänden, altertümliche Lampen an der Decke. Im Gegensatz zur Eingangshalle leuchteten diese jedoch ohne zu flackern und in der Mitte der kleinen Halle standen deutlich mehr Wartebänke. Und die waren gut besetzt. An die achtzig überwiegend junge Leute saßen in kleinen Gruppen zusammen, lachten, quatschen und fieberten dem entgegen, was sie in den nächsten drei Tagen erwartete.

»Also ich finde, die haben das hier wirklich cool gemacht.« Beeindruckt sah Charlie sich im Raum um und nahm ihre Mitspieler unter die Lupe, während sie Will und Jemma folgte, die sich zu zwei freien Bänken durchschlängelten. »Ich bin echt gespannt, wie das Ganze ablaufen wird.« Sie kickte ihre Tasche unter die Bank und setzte sich neben Jemma.

»Na, ein bisschen was werden die zwei uns wohl gleich verraten.« Jemma deutete zur Stirnseite der kleinen Halle, wo auf einem Podium zwei weitere Mitarbeiter neben einem Tisch standen, auf dem eins der Armbänder, ein Gürtel und CyberSpecs lagen. Im Gegensatz zu den bisherigen Mitarbeitern trugen diese beiden aber keine Bahnuniformen, sondern schlichte schwarze Jeans. Er mit einem weißen Hemd, sie mit weißer Bluse, beide mit BeastyEnterprise-CyberPark-Logo auf der linken Brusttasche, Tablets in den Händen und Headsets im Ohr. Als die drei Amerikaner, die nach ihnen zum Einchecken gekommen waren, durch den Seiteneingang in die Halle traten, sah Jemma, wie die beiden auf dem Podium etwas auf ihren Tablets überprüften, dann einen Blick tauschten und sich zunickten. Der Mann tippte an sein Headset und aktivierte damit offensichtlich ein Mikrofon, denn Augenblicke später erklang seine Stimme im gesamten Raum und sorgte sofort dafür, dass das Geplauder erstarb und Ruhe eintrat.

»Herzlich willkommen zu BeastyEnterprises weltweit erstem CyberPark Adventure The Secrets of Yonderwood. Ich bin Mark und das ist Tonya und bevor ihr euch gleich in euer Abenteuer stürzt, um die Geheimnisse von Yonderwood zu lüften, geben wir euch ein paar Tipps und Spielregeln mit auf den Weg, damit euer Aufenthalt, sowohl in der LiveAction als auch in der Cyberwelt, ein unvergessliches Erlebnis für euch wird.«

Tonya trat vor und aktivierte mit ihrem Tablet einen Bildschirm, der bisher wie eine kaputte Werbetafel ausgesehen hatte. Ein Film zeigte die riesige weiße Kuppel, die hinter dem Bahnhofsgebäude mitten im Wald lag. »Diese Kuppel dürfte euch bekannt vorkommen – auf dem Weg hierher ist sie schließlich kaum zu übersehen.« Sie zwinkerte ins Publikum und bekam ein paar kleine Lacher. »Sie beherbergt die LiveAction-Spielwelt, in der ihr die nächsten drei Tage verbringt. Ihr werdet dort wohnen, eure Geschichte spielen, vielleicht ein paar neue Freunde finden – und am Ende hoffentlich gemeinsam das große Geheimnis von Yonderwood lösen. Die Kuppel hat eine Größe von knapp achtzigtausend Quadratmetern, so klein wird es euch dort aber nicht vorkommen. Wände und Decke der Kuppel bestehen aus Videowänden, die euch freien Himmel, umliegende Wälder und sogar einen See vorgaukeln werden. Sobald ihr in Yonderwood ankommt, werdet ihr also gar nicht mehr merken, dass ihr unter einer Kuppel seid. Ihr bekommt sogar mit Hilfe von Sprinkleranlagen, Nebel- und Windmaschinen eigenes Wetter.«

Mark übernahm wieder. »Ihr könnt euch in der Spielwelt frei bewegen. Sollte es allerdings besonders lustige Witzbolde unter euch geben, die, statt die Geschichte zu spielen, lieber herausfinden wollen, was passiert, wenn ihr an den Rand der Kuppel kommt, so sei euch gesagt, dass ein solcher Zugang außer am Haupteingang und den Notausgängen versperrt ist. Ihr könnt versuchen, über die Barrikaden zu klettern, aber außer der Verletzungsgefahr droht euch dabei auch ein Ausschluss aus dem Spiel und ein Rauswurf aus der Kuppel, was sicher keiner möchte, also lasst es einfach. Die Kuppel ist komplett videoüberwacht. Wir merken also schnell, wenn jemand etwas Unerlaubtes tut.«

»Was ist mit unseren Unterkünften?«, fragte jemand. »Werden wir da auch überwacht?«

»Nein«, antwortete Tonya. »Dort selbstverständlich nicht. Kameras gibt es nur in allen öffentlichen Bereichen.«

Mark trat an den Tisch, hob das Armband hoch und das Bild auf dem Monitor wechselte von der Kuppel zu einer Großaufnahme der Armschelle. »Jeder von euch hat beim Einchecken solch ein Armband bekommen. Wer es noch nicht angelegt hat, tut das bitte jetzt. Sie sind unser Kommunikationssystem und weisen euch darauf hin, wann ihr von der LiveAction in die Cyberwelt wechseln müsst. Außerdem haben die Armbänder eine Ortungsfunktion. Falls ihr also getrennt unter der Kuppel unterwegs seid, könnt ihr euch anzeigen lassen, wo ihr die anderen Mitglieder eures Teams findet. Momentan heißt ihr noch Spieler 1, 2, 3 und so weiter, aber sobald ihr unter der Kuppel seid, könnt ihr eure eigenen Namen eingeben. Oder Rollennamen, wenn ihr euch im Spiel anders nennen wollt.« Sein Gesicht wurde ernst. »Sollte es während eurer Spielzeit zu einem Notfall, wie beispielsweise einem Brand oder Ähnlichem, kommen – was wir natürlich alle nicht hoffen wollen – zeigen euch die Armbänder auch den nächstgelegenen Notausgang. Begebt euch in so einem Fall bitte direkt dorthin. Versucht nicht erst, Freunde zu finden oder gar in eure Unterkünfte zurückzukehren, um eure Habseligkeiten zu holen. Wenn ihr die Alarmsirenen und entsprechende Durchsagen hört, geht ihr bitte unverzüglich und auf direktem Weg zu dem Notausgang, den eure Armbänder euch anzeigen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass euer Armband nicht funktioniert, bleibt ruhig und wendet euch an einen unserer GameGuides. Das sind unsere Mitarbeiter, die die Rollen der verschiedenen Dorfbewohner in Yonderwood spielen. Wenn ihr bei einem Notfall nicht weiterwisst, helfen sie euch.« Er lächelte zuversichtlich in die Runde. »Ich bin mir aber sicher, dass so ein Fall nicht eintreten wird.«

»Gibt es noch Fragen zu den Armbändern?«, fragte Tonya nach.

»Was ist nachts oder beim Duschen? Dürfen wir sie da abnehmen?«

»Beim Duschen bitte ja, nachts solltet ihr sie umlassen, denn sie wecken euch morgens, damit ihr keine Events verpasst.«

»Nachts gibt es also keine Events?« Es klang enttäuscht.

Tonya lächelte. »Nein, wir scheuchen euch nicht mitten in der Nacht aus euren Betten. Nach allem, was ihr tagsüber und abends zu tun habt, werdet ihr aber dankbar sein, wenn ihr ein paar Stunden Schlaf bekommt.« Sie nahm den Gürtel und die CyberSpecs vom Tisch und hakte die Brille in eine der Schlaufen am Gürtel. »Außer dem Armband hat jeder von euch auch diese beiden Teile bekommen. Der Gürtel dient in erster Linie der Aufbewahrung der CyberSpecs. Die müsst ihr immer bei euch tragen, da ihr nie wisst, wann ihr von der LiveAction in die Cyberwelt wechseln müsst. Entweder weisen eure Armschellen euch darauf hin, dass ein Wechsel stattfinden soll, oder die GameGuides in der LiveAction.«

Das Bild auf dem Monitor wechselte erneut und zeigte jetzt eine Ansammlung von Münzen und Pfundnoten.

»Das ist euer Spielgeld, das ihr in euren Gürteltaschen findet«, erklärte Mark. »Jeder von euch hat fünfzig Pfund. Davon müsst ihr eure Ausrüstung sowie eure Verpflegung kaufen.« Er grinste. »Lass euch gesagt sein, fünfzig Pfund sind nicht viel. Alles werdet ihr euch davon nicht leisten können. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich Ausrüstung oder Verpflegung zu erspielen, wenn ihr das wollt. Ihr könnt euch auch gegenseitig Geld leihen, wenn ihr einige Spieler eures Teams mit besonders guten Waffen ausstatten wollt. Allerdings bedeutet das dann natürlich auch, dass die restlichen Mitglieder des Teams nur minderwertigere Waffen bekommen können. Solche Dinge müsst ihr untereinander klären.«

»Was ist mit stehlen?« Die Frage kam von einem der Amerikaner und ließ Zack verärgert schnauben. »Kann ich mir fehlende Knete nicht einfach von anderen Spielern – besorgen?«

Tonya beäugte ihn stirnrunzelnd und Zack stellte voller Genugtuung fest, dass der Typ sich etliche böse Blicke von anderen Gruppen einfing. Viele Freunde hatte er sich mit seiner dämlichen Frage gerade garantiert nicht gemacht.

»Natürlich könntest du deine Mitspieler bestehlen«, sagte Tonya. »Aber das ist nicht Sinn des Spiels. The Secrets of Yonderwood ist ein kooperatives Multiplayergame. Jedes Team hat zwar seine eigene kleine Geschichte, doch am Ende ergeben all diese Geschichten Puzzleteile, die das große Ganze zusammensetzen. Es gibt Gemeinschaftsevents, die ihr nur als große Gruppe bewältigen könnt, und jedes Team steuert durch die Erfolge innerhalb seiner eigenen Geschichte dazu bei, wie der gemeinsame Endkampf verlaufen wird. Wenn ihr euch also vorher gegenseitig bestehlt oder sonst wie behindert oder ausstecht, schadet ihr damit am Ende auch euch selbst. Es geht im Spiel um Zusammenarbeit, nicht um Konkurrenz.«

Gemurmel brach aus und der Unsympath fing sich noch mehr böse Blicke ein, doch peinlich berührt war der Typ deswegen nicht. Ganz im Gegenteil. Er schien die Aufmerksamkeit sichtlich zu genießen.

»Ein menschlicher Totalausfall ist offensichtlich in jeder Gruppe dabei«, seufzte Charlie und beschloss dann, dem Kerl keine weitere Beachtung zu schenken. Mark sprach ohnehin schon weiter.

»Von unserer Seite war das die offizielle Einführung. Bevor ihr aber in die Spielwelt gebracht werdet, kommt hier jetzt noch ganz kurz der inoffizielle Teil, denn die Eröffnung des CyberParks findet ja erst im neuen Jahr statt. Ihr seid unser letzter Probedurchgang, unsere Generalprobe, sozusagen. Die Spielabläufe und alles Technische funktionieren mittlerweile eigentlich einwandfrei. Sollte euch dennoch irgendetwas auffallen, das nicht läuft oder bei dem ihr noch Optimierungsbedarf seht, dann sagt uns das bitte. Sobald ihr die Kuppel betretet, solltet ihr zwar in eure Rollen schlüpfen und entsprechend in character bleiben – so wie unsere GameGuides es auch tun werden – aber das hier ist eben offiziell immer noch ein Probedurchlauf, also sprecht die Guides an, falls es irgendwo Probleme gibt. Ansonsten freuen wir uns auf euer Feedback nach eurem Spiel in drei Tagen.« Mark lächelte in die Runde. »Jetzt wünschen wir euch – und uns – einen hoffentlich völlig reibungslosen Durchlauf und grauenvollen Spaß in Yonderwood.«

Das Publikum klatschte und trampelte Beifall und die knisternde Vorfreude darüber, dass es jetzt endlich losging, war im ganzen Raum zu spüren. Mark und Tonya freuten sich sichtlich über die positive Rückmeldung, doch dann wedelte Tonya mit den Armen und bat noch einmal um Ruhe.

»Ihr werdet durch einen GameGuide in die Kuppel gebracht. Das ist dann euer Einstieg ins Spiel: Ihr seid am Bahnhof angekommen, werdet abgeholt und – entsprechend der Geschichte eurer Rollen – in Yonderwood dorthin gebracht, wo für euch das Abenteuer beginnt. Um euch alle so schnell und effektiv wie möglich ins Spiel zu bringen, fahren immer mehrere Teams gemeinsam.« Sie wies auf Mark, der eine Doppeltür öffnete, die gegenüber dem Seiteneingang lag, durch den sie zuvor in die Halle gekommen waren. »Wenn ich eure Gruppe aufrufe, geht ihr bitte zügig durch die Tür und Mark zeigt euch euren Fahrer.«

Allgemeine Unruhe und Aufbruchsstimmung setzte ein, als alle aufstanden und ihr Gepäck unter den Bänken hervorkramten.

»Fireflies, Daredevils und Dark Skies«, las Tonya die ersten drei Gruppen von ihrem Tablet ab. »Bitte begebt euch zum Ausgang und viel Spaß!«

Zack beobachtete die Leute der ersten drei Gruppen, die nach draußen verschwanden. »Wie stehen wohl unsere Chancen, dass wir uns ein Fahrzeug mit diesen Übersee-Kotzbrocken teilen müssen?«

Kapitel 2

 

Das Glück hatte jedoch ein Einsehen: Black Death, die drei Amerikaner, verschwanden mit den Pioneers, während Jemma, Charlie und die Jungs sich mit drei Mädchen, die sich Jinxed Junction nannten, vor einem klapprigen VW-Bus wiederfanden.

»Na, was sind wir froh, dass ihr nicht die Truppe von diesem nervigen Ami seid«, grinste eine große Dunkelhaarige mit Rastalocken und Piercings in Augenbraue, Nase, Ohren und Lippe.

»Danke, gleichfalls«, grinste Jemma zurück und warf ihren Rucksack in den Bus.

»Keine Ahnung, ob ihr auf diesen ganzen Rollenspiel-in-character-Kram steht, aber wir sind Keira, Paige und Shay.« Die Dunkelhaarige wies auf die anderen beiden Mädchen und zuletzt auf sich selbst. »Sowohl im Spiel als auch außerhalb.«

Keira war ebenfalls dunkelhaarig, trug ganz ähnliche Piercings, allerdings keine Rastalocken, sondern nur einige geflochtene Strähnen in den Haaren und schien die jüngste der drei zu sein. Paige war wie Shay recht groß und sportlich und trug ihre blau gefärbten Haare in Cornrows, an deren Enden bunte Perlen klimperten. Beide hoben die Hand zum Gruß.

»Hi.«

»Hi. Wir sind Jemma, Will, Ned, Zack, Jamie und ich bin Charlie. Auch sowohl im Spiel als auch in echt.« Charlie warf ihre Tasche zu Jemmas. Dann wandte sie sich zum Fahrer des VW-Busses. »Und wer sind Sie?«

»Fletcher«, blaffte es ihr durch einen zotteligen Bart, buschige Augenbrauen und ebensolches Haupthaar entgegen. »Und jetzt macht, dass ihr in den Wagen kommt. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, verzogene Rotzgören vom Bahnhof abzuholen und durch die Gegend zu kutschieren!«

»Na, hoppla!« Verdutzt über die schroffe Ansage zog Charlie eine Augenbraue hoch. »Und jetzt noch mal und zwar in freundlich?«

Paige lachte. »Vergiss es. Offensichtlich haben wir das große Los gezogen und dürfen uns vom Dorfmuffel ins Spiel karren lassen.«

»Steigt endlich ein, Mann!«

Sie folgten Fletchers liebenswürdiger Aufforderung und kaum dass Will die Tür zugezogen hatte, trat der alte Griesgram auch schon kräftig aufs Gaspedal.

»Was ist eure Geschichte im Spiel?«, fragte Ned die drei Mädchen, während sie auf einer schmalen Straße durch den Winterwald auf die riesige weiße Kuppel zusteuerten. »Warum seid ihr hier?«

»Wir sind drei fürsorgliche Enkelinnen, die ihrer Grandma zu Hilfe eilen«, erzählte Keira. »Yonderwood stirbt seit Jahren aus. Viele Familien sind schon weggezogen, weil immer wieder seltsame Dinge im Ort und in den umliegenden Wäldern passieren. Bisher wollte Granny ihre Heimat nicht verlassen, aber in letzter Zeit nehmen die Schrecken im Dorf immer mehr zu und jetzt hält sie es einfach nicht mehr aus. Deshalb sind wir gekommen, um ihr beim Umzug zu helfen.«

Paige grinste. »Und natürlich werden wir dabei ganz nebenbei die Geheimnisse dieses gottverlassenen Ortes lüften.«

»Coole Geschichte.« Jemma musterte die drei. »Seid ihr wirklich Schwestern?«

Shay deutete auf Keira. »Halbschwestern.« Sie nahm Paiges Hand und verschränkte ihre Finger ineinander. »Paige ist meine Freundin.«

»Und was ist mit euch?« Paige nickte zu Jemma und Jamie. »Ihr zwei seid auf jeden Fall Geschwister. Ihr seht euch unglaublich ähnlich.«

Jamie nickte. »Zwillinge.«

»Echt? Wie cool!« Shay sah zu Will und Ned. »Und ihr beiden seid sicher Brüder, stimmt’s?«

»Yep.«

»Und was ist eure Geschichte?«, fragte Keira. »Wieso kommt ihr nach Yonderwood?«

»Wir sind Studenten des Okkulten und der Parapsychologie.« Zack gab sich Mühe, todernst und würdevoll zu klingen.

Keira, Paige und Shay lachten auf.

»Was?! Wie schräg ist das denn bitte? Wer studiert denn so einen Schwachsinn?«

»Wir anscheinend«, gab Zack grinsend zu. »Unser Prof beobachtet die seltsamen Vorkommnisse im Dorf schon eine ganze Weile und jetzt hat er seine sechs begabtesten Lieblingsstudenten zu sich bestellt, damit wir ihm bei seinen Nachforschungen zur Hand gehen.«

»Dann seid ihr also so was wie paranormale Oberstreber?«, stöhnte Paige. »Na, das kann ja heiter werden.«

Alle lachten.

»Wie Studenten seht ihr übrigens noch nicht aus«, befand Shay. »Seid ihr wirklich schon aus der Schule raus?«

»Will geht aufs College«, sagte Jemma. »Der Rest von uns drückt noch die Schulbank.«

»So wie ich«, seufzte Keira. »Macht ihr dieses Schuljahr den Abschluss oder nächstes?«

»Nächstes. Und du?«

»Ich hoffe, ich krieg es dieses Jahr hin.« Sie zog die Nase kraus. »Ich finde, so langsam hab ich mehr als genug Bildung intus.«

»Und wo kommt ihr her? Im echten Leben, meine ich.«

»London«, antwortete Paige.

»Echt? Wir auch!«, meinte Jemma. »Woher genau?«

»Camden. Und ihr?«

»Aus dem Südwesten. Putney, Roehampton und Richmond.«

»Und wie seid ihr an die Einladung zur Generalprobe gekommen?«, fragte Charlie.

Shay nickte zu Keira. »Unsere Mum arbeitet in der Leitung der Marketingabteilung von BeastyEnterprise. Viele Mitarbeiter und ihre Angehörigen haben das Angebot zum Betatesten bekommen.«

»Eigentlich hätten wir schon in einem Testdurchlauf im November dabei sein sollen, aber da konnte ich wegen der blöden Schule nicht«, sagte Keira. »Aber diese toten Tage zwischen Weihnachten und Neujahr passten jetzt perfekt. Also sind wir heute dabei und unser kleiner Bruder hasst uns dafür.« Sie verzog das Gesicht. »Er ist erst fünfzehn und durfte noch nicht mit.«

Shay seufzte und es war ihr anzusehen, dass sie ihren Bruder wohl gern dabeigehabt hätte. »Wenn das Spiel was taugt, bekommt er Yonderwood von Key, Paige und mir zum Geburtstag. Hundertpro versöhnt hat ihn das allerdings nicht und er war trotzdem stocksauer, als wir heute Morgen losgefahren sind.« Sie seufzte erneut.

Tröstend drückte Paige ihre Hand. »Was ist mit euch?«, fragte sie dann an die anderen gewandt und offensichtlich um einen Themenwechsel bemüht, der ihre Freundin wieder auf andere Gedanken bringen sollte. »Wie seid ihr an die Einladung zum Betatesten gekommen?«

»Ehrlich gesagt haben wir uns darüber ziemlich gewundert«, antwortete Will. »Wir gehören nämlich nicht zu BeastyEnterprise, sondern zur Konkurrenz.«

Paige runzelte die Stirn. »VanguardArts?«

»Yep.« Will nickte zu Ned. »Unser Vater ist Edward Dunnington.«

»Wow.« Shay grinste. »Dann hat man euch bestimmt eingeladen, um eurem Dad unter die Nase zu reiben, was BeastyEnterprise im Entertainmentsektor mit dem ersten LiveAction CyberPark auf die Beine gestellt hat, was?«

Unbeeindruckt hob Will die Schultern. »Ja, vielleicht. Allerdings ist das nichts, womit man Dad ärgern könnte. Im Gegenteil. Er freut sich, wenn andere mit seiner Cyberwelt kreativ sind und coole Sachen damit machen.«

»Hey, wir sind da.« Jamie zeigte aus dem Fenster.

Sie waren der weißen Außenhülle der Kuppel nun so nahe gekommen, dass sie schier endlos hinauf in den grauen Himmel zu ragen schien. Direkt vor ihnen führte die Straße durch eine torgroße Öffnung hinein in die Spielwelt. Ihr brummeliger Fahrer lenkte den VW-Bus hindurch und alle sahen sich neugierig um.

»Nicht schlecht«, meinte Ned anerkennend.

»Wow …« Charlie rückte näher an ihn heran, um besser aus dem Fenster sehen zu können.

Direkt hinter dem Eingang der Kuppel sah die Szenerie gar nicht so anders aus als davor: Knorrige Bäume und dichtes Gestrüpp kaschierten den Übergang zwischen Außenwelt und Kuppel. Wie angekündigt gaukelten riesige Videowände eine täuschend echte Umgebung vor und als Charlie sich umwandte und zurückblickte, sah es so aus, als hätte sich der Winterwald draußen plötzlich in einen Spätherbstwald verwandelt. Eine uralte Steinbrücke führte über einen breiten Bachlauf, dahinter teilte sich die Straße: Geradeaus verlief sie weiter zum Dorf, rechts und links war sie nur noch als schmaler Feldweg zu erkennen, der an Bach und Waldrand entlangführte. Fletcher lenkte den Bus nach links und sie rumpelten auf den Feldweg. Sofort blickten alle nach rechts, um einen Blick aufs Dorf zu erhaschen. Keine zwanzig Meter entfernt duckten sich die ersten Hütten aneinander und machten einen ähnlich heruntergekommenen Eindruck wie die Yonderwood Railway Station. Die meisten Häuser sahen aus wie traditionelle Cottages, die man in ländlichen Gegenden Großbritanniens noch oft fand, doch hier wirkten sie nicht niedlich und idyllisch, sondern düster und verlassen. Erst weiter Richtung Dorfkern schien es einige größere Gebäude zu geben und sie erkannten sogar einen Kirchturm, der in den grauen Wolkenhimmel der Kuppel ragte.

»Echt nicht schlecht«, murmelte Ned noch einmal.

Sie rumpelten noch ein Stück weiter den Feldweg entlang, bis plötzlich zwischen den Büschen rechts von ihnen eine Hütte auftauchte und Fletcher den Wagen mit einer unsanften Vollbremsung zum Stehen brachte.

»Tough Cookies, das ist eure Bleibe.« Er nickte zur Hütte und kramte in der Jackentasche seines fleckigen Parkas. »Der Code für die Tür.« Er drückte Zack einen zerknitterten Papierfetzen in die Hand. »Und jetzt los, aussteigen! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Viel Spaß beim Einzug.« Paige schnitt eine Grimasse in Richtung der verwitterten Hütte. »Ist bestimmt wahnsinnig gemütlich bei euch.«

Jemma sprang aus dem Wagen und grinste. »Na, wer weiß, wie es bei eurer Granny aussieht.« Sie nahm Jamies Krücken entgegen und gab ihm Halt beim Aussteigen.

»Hoffentlich sehen wir uns im Spiel bald wieder«, meinte Keira, als alle sechs aus dem Bus geklettert waren.

»Fänd ich auch cool«, stimmte Charlie ihr sofort zu.

»Genug gelabert«, knurrte Fletcher vom Fahrersitz aus. »Wir müssen weiter!«

»Und was passiert jetzt?«, fragte Zack, während Fletcher dem ächzenden Bus ein holpriges Wendemanöver abverlangte.

Fletcher nickte zum Zettel in Zacks Hand. »Ihr zieht ein.«

»Und dann?«

»Abwarten«, brummte Fletcher in seinen Bart und fuhr davon.

»Okaaay. Der Oscar für den griesgrämigsten Dorfgrummel ist ihm auf jeden Fall schon mal sicher.« Zack blickte dem VW-Bus noch kurz hinterher, dann nahm er seine Reisetasche und warf einen Blick auf die alte Hütte, die für die nächsten drei Tage ihre Bleibe sein würde. »Na, dann lasst uns mal sehen, was dieses heimelige Schätzchen zu bieten hat.«

Das Cottage sah von außen nicht sonderlich einladend aus. Gebaut aus groben grauen Natursteinen duckte es sich unter seinem schwarzen Reetdach zwischen dichtes Gestrüpp und halb kahle Herbstbäume. Von den Rahmen der Sprossenfenster blätterte die Farbe und die Fensterläden hingen windschief in rostigen Angeln. Die Eingangstür wirkte ähnlich in die Jahre gekommen, daher war das elektronische Zahlenschloss daran ein echter Stilbruch und in der realen Welt wäre sicherlich kein Mensch auf die Idee gekommen, diese halb verfallene Hütte so topmodern zu sichern. Doch hier, in der Welt von Yonderwood, war ein Zahlenschloss schlichtweg praktischer als alle Gruppenmitglieder mit Schlüsseln auszustatten, die verloren gehen konnten.

»Hm, dann hoffen wir mal, dass es drinnen ein bisschen netter ist als hier draußen«, meinte Will nach der ersten Bestandsaufnahme und trat an die Tür.

»Zwei – null – drei – neun«, las Zack für alle von seinem Zettel vor und Will gab den Code ein. »Das neue Jahr. Kann man sich zumindest leicht merken.« Er knüllte den Zettel zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.

Sie traten ein und fühlten sich wie in eine andere Zeit zurückversetzt. Die Eingangstür führte direkt in den Wohnraum des kleinen Cottages, dessen Decke und Wände weiß gestrichen und mit dunklen Stützbalken durchzogen waren. Der Boden bestand aus ausgetretenen Holzdielen, die unter ihren Füßen knarzten und über die zwei verblichene Flickenteppiche gelegt worden waren. Die linke Hälfte des Wohnraums wurde fast vollständig von einem riesigen Holzfeuerherd und einem alten Spülbecken in Beschlag genommen, während an der Wand daneben eine klobige Anrichte stand, über der Regale hingen, in denen Gläser, Teller, Tassen und kleine Schüsseln gestapelt waren. An Haken hingen zwei Töpfe und eine Pfanne sowie Schöpflöffel, Pfannenwender und ein leicht verbeultes Sieb. Außerdem gab es noch einen Holztisch mit sechs Stühlen, ein abgewetztes Sofa mit einer ausgedienten Obstkiste als Beistelltischchen und neben einem der Fenster thronte ein wuchtiger Ohrensessel mit verblasstem Blümchenmuster.

»Schräg. Aber irgendwie cool«, befand Charlie. »Und definitiv netter als von außen.« Sie öffnete eine Tür und trat ins angrenzende Schlafzimmer. »Oh … okay. Gut, dass wir uns alle so lieb haben.« Das Grinsen in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Die Privatsphäre muss hier nämlich leider draußen bleiben. Für die ist kein Platz mehr.«

Die anderen folgten ihr. Das Zimmer war klein und zweckmäßig. Ähnlich wie im Wohnraum waren Wände und Decke weiß mit dunklen Balken und auf dem Holzboden lagen bunte Flickenteppiche. Drei Etagenbetten waren möglichst platzsparend an drei der Wände aufgestellt worden, dazwischen hatte man zwei schmale Bauernschränke sowie eine Kommode gequetscht, um den Spielern die Möglichkeit zu geben, ihre Kleidung zu verstauen.

»Romantik hat hier wirklich nicht viel Platz«, stellte Will fest. »Hat eher was von Jugendherberge. Aber zum Schlafen reicht es.« Er wandte sich zu Jemma um. »Willst du nach oben oder nach unten?«

»Nach oben.« Sie ging durchs Zimmer, klopfte auf eins der Betten und Will warf seinen Rucksack auf die untere Matratze.

Jemma öffnete die beiden Türen am Ende des Raums. »Badezimmer. Ziemlich klein, aber okay.«

Jamie nahm eins der anderen beiden Betten in Beschlag und setzte sich. Die Matratze fühlte sich neu an und die Bettwäsche war sauber und roch frisch. »Von außen sieht die Hütte völlig heruntergekommen aus, aber hier drin ist es nur auf alt und abgewohnt gemacht.«

Zack trat zu ihm und ließ ihre Tasche zu Boden plumpsen. »Vermutlich müssen sie einen gewissen Standard in den Unterkünften einhalten, weil das durch irgendwelche Gastgewerberegeln so vorgeschrieben ist.« Er wies auf die beiden Türen. »Wenn das hier ein echtes Uralt-Cottage wäre, hätten wir mit Sicherheit keine zwei Badezimmer.«

»Na, dann danke an die Gastgewerberegeln!« Charlie hatte ihre dicke Winterjacke in einen der Kleiderschränke gehängt und zog jetzt ihre Reisetasche auf, um Jeans und Pullis auszupacken. »Hätten wir mit sechs Leuten nur ein Badezimmer, wäre der Stau beim Duschen morgens die Hölle.«

Mit einem herzzerreißenden Seufzen kramte Jemma ihren Kulturbeutel aus ihrem Rucksack. »Okay, ich opfere mich freiwillig und teile mir ein Bad mit Jamie und Zack. Den Kummer bin ich schließlich von zu Hause schon gewöhnt.«

Empört pfefferte Zack sein Kopfkissen nach ihr, verfehlte aber, weil Jemma sich bereits kichernd in eins der Badezimmer geflüchtet hatte.

 

Sie verstauten ihre Klamotten in Schränken, Kommode und Badezimmern, tauschten Anoraks gegen Pullover und Trainingsjacken und legten ihre Ausrüstungsgürtel um.

»Okay, erster Kritikpunkt: Gürtel mit Universalgrößen sind Käse.« Jamie hatte die Schnalle ins letzte Loch gehakt, trotzdem hing sein Gürtel ihm ziemlich lose um die schmalen Hüften.

»Yep. Absolut«, stimmte Jemma zu. Auch bei ihr saß das Ding reichlich locker.

Schnaubend schüttelte Charlie den Kopf. »Euch zwei Hungerhaken kann man aber kaum als Maßstab nehmen.« Sie betrachtete die beiden stirnrunzelnd. »Keine Ahnung, was Mutter Natur sich generell bei Zwillingen gedacht hat, aber aus euch hätte sie mal besser nicht zwei gemacht.«

Mit einem empörten Lachen boxte Jemma ihrer besten Freundin in die Seite. »Und für wen von uns beiden hätte Mutter Natur sich dann entscheiden sollen?«

Charlie verzog das Gesicht und rieb sich die Rippen. »Süße, das fragst du mich ernsthaft, nachdem du mir gerade die Rippen gebrochen hast?«

»Ich glaube, deine Rippen sind gut genug gepolstert, dass wir uns um die keine Sorgen machen müssen«, gab Jemma stichelnd zurück.

»Tja, wer hat, der hat.« Charlie strich über ihre Kurven und streckte Jem die Zunge heraus. »Neidisch?«

Jemma wollte etwas erwidern, doch lautes Klopfen an der Haustür ließ alle zusammenfahren.

»Himmel«, stöhnte Charlie. »Geht ja schon gut los. Wir haben die gruseligen Parts in dieser Geschichte noch nicht mal gestreift und ich hab jetzt schon den ersten Herzinfarkt.«

Mit einem bösen Grinsen knuffte Jamie ihr gegen die Schulter, als sie alle in den Wohnraum hinübergingen. »Weichei!«

Sie revanchierte sich – vorsichtiger, da er ohne Krücken unterwegs war – mit einem Zwicken in seinen Oberarm. »Fiesling!«

Mit einem deutlich hörbar gemurmelten »Kindergarten …« schob Will sich an den beiden vorbei und fing sich dafür zwei Fäuste in den Rücken ein. Grinsend trat er an die Haustür und zog sie auf. »Ja, bitte?«

»Wie gut, dass ihr endlich hier seid!« Ein leicht untersetzter Mann um die vierzig mit braunem Haar und Dreitagebart trat zu ihnen in die Hütte. Er trug Jeans, Hemd und Jackett, die allesamt ein wenig verknittert und mitgenommen aussahen. Unter seinem linken Ärmel guckte das Hightech-Lederarmband hervor und um seine Hüfte lag der Gürtel mit den CyberSpecs und einer Taschenlampe.

»Ehm – Professor Grayson?«, fragte Will.

Ein knappes Nicken, dann spielte ihr GameGuide seine Rolle weiter. »Hattet ihr eine gute Anreise?« Er machte eine Geste zu Sofa und Tisch und alle suchten sich einen Platz.

»Ja, danke der Nachfrage.« Zack setzte sich neben Jamie an den Esstisch. »Fletcher war ein echter Schatz und konnte sich vor Freude kaum halten, als er uns herkutschieren durfte.«

Grayson nahm ihnen gegenüber Platz und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ja, Fletcher ist ein wenig – speziell. Habt ihr euch schon eingerichtet? Ich fürchte, dieses Cottage ist kein Fünf-Sterne-Hotel, aber hier in Yonderwood gibt es nicht viele Fremdenunterkünfte. So abgeschieden, wie das Dorf liegt, verirren sich kaum mal Touristen hierher. In den letzten Jahren schon gar nicht. Nicht sehr anheimelnd, diese Gegend. Selbst viele Bewohner sind mittlerweile weggezogen, weil sie es hier nicht mehr aushalten, deshalb stehen viele Häuser leer. Eins der besseren Cottages habe ich euch als Bleibe organisieren können. Ich hoffe, ihr kommt hier zurecht.«

»Das passt schon«, versicherte Jemma.

»Allerdings gibt es kein heißes Wasser und keinen Strom«, meinte Charlie. Das hatten sie bei der Inspektion ihres Hauses bereits festgestellt. »Aber das ist vermutlich Absicht?«

Grayson lächelte entschuldigend. »Ja, tut mir leid, aber ich war so in meine Nachforschungen vertieft, dass ich versäumt habe, euch mit Vorräten, Holz und Diesel zu versorgen.«

Die sechs tauschten erwartungsfrohe Blicke. Klang ganz so, als würden das ihre ersten Quests im Spiel werden.

»Dann sollen wir uns vermutlich zuerst um diese Dinge kümmern, bevor wir Ihnen bei Ihren Nachforschungen helfen?«, fragte Ned nach.

Der Professor nickte und schaute ernst von einem zum anderen. »Etwas sehr, sehr Seltsames geht in dieser Gegend vor sich und alle Spuren scheinen hier ins Dorf zu führen. Leider sind die meisten Dorfbewohner ziemlich verschlossen, aber trotzdem habe ich ein paar Dinge entdeckt –« Er brach ab, blickte plötzlich leicht gehetzt auf seine Uhr und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, ich habe jetzt bedauerlicherweise nicht viel Zeit für euch. Ich treffe gleich noch jemandem, der mir hoffentlich ein paar entscheidende Informationen geben kann, die mir noch fehlen.« Wieder schaute er von einem zum anderen. »Ich hoffe, ich kann euch morgen in alles einweihen, was ich herausgefunden habe. Heute solltet ihr euch zunächst um eure Vorräte und alles, was ihr hier im Haus braucht, kümmern. Und um eure Ausrüstung, denn ich fürchte, hier sind dunkle Kräfte am Werk, für die wir mächtige Waffen brauchen werden. Sehr mächtige Waffen.«

»Okay.« Jamie spürte, wie Erwartung und Vorfreude immer heftiger zu kribbeln begannen. »Und wo kriegen wir die her?«

»Von George. Er hat mich hergerufen und um Hilfe gebeten und seit ich hier im Dorf bin, ist er mir ein guter Freund geworden. Er kennt sich in unserem Metier aus und kämpft schon sein ganzes Leben lang gegen die dunklen Mächte, die sein Dorf heimsuchen und immer stärker zu werden scheinen. Ihm könnt ihr hundertprozentig vertrauen und er wird euch mit allen Waffen ausstatten, die ihr beim Kampf gegen das Böse braucht.«

»Und wo finden wir ihn?«, fragte Zack.

»Fragt im Dorfladen neben dem Gasthof nach ihm. Wenn ihr ihm sagt, dass ich euch schicke, wird er euch einen guten Preis machen. Dennoch werden die Waffen nicht billig sein, denn echte Wertarbeit hat nun mal ihren Preis, und ich weiß, dass ihr als Studenten recht knapp bei Kasse seid.« Grayson seufzte bedauernd und deutete zum Holzofen. »Das Holz zum Kochen und Heizen solltet ihr euch deshalb vielleicht lieber im Wald suchen. Ihr könnt es auch im Dorfladen oder bei einem der Bauern kaufen, aber wenn ihr selbst sammeln geht, spart ihr Geld, denn ihr müsst ja auch noch Diesel für den Generator und Verpflegung für euch kaufen.«

»Holz sammeln hört sich prima an«, sagte Will.

Jamie grinste. Es hörte sich auf jeden Fall nach einer Quest im Cybernetz an und die würde todsicher actionreicher ausfallen als eine simple Shoppingtour durch die Dorfläden.

»Gut.« Grayson sah eindringlich in die Runde. »Aber bevor ihr in den Wald geht, solltet ihr euch unbedingt bei George ausrüsten. Die Wälder sind gefährlich und dort gehen Dinge um, denen ihr auf gar keinen Fall unbewaffnet über den Weg laufen solltet.«

»Das heißt dann wohl, das Holzsammeln findet in der CyberWorld statt?«, vergewisserte Jamie sich.

Grayson nickte.

Bingo!

»Und wie funktioniert das dann?« Ned deutete auf den leeren Holzkorb, der vor ihrem Ofen stand. »Füllt er sich von Geisterhand, wenn wir die Quest im Cybernetz abgeschlossen haben, und wir können uns dann ein Feuer anzünden?«

»So ungefähr.«

Ihr Professor trat an den Ofen, öffnete die Feuerklappe und sie erkannten erstaunt, dass dahinter ein Bildschirm erschien und keine Feuerstelle.

»Ihr seid hier in einer Spielwelt«, sagte Grayson und verließ für die weiteren Erklärung seine Rolle als Parapsychologieprofessor. »Wir haben zwar versucht, unter der Kuppel alles so echt und authentisch wie möglich zu gestalten, aber bei manchen Dingen schieben uns Sicherheitsbestimmungen und Brandschutzverordnung leider einen Riegel vor.« Er wies auf den Ofen und den Bildschirm. »Offenes Feuer ist unter der Kuppel nicht erlaubt, daher bleibt das Holz, das ihr virtuell in der Cyberwelt sammelt, auch hier nur virtuell. Wenn ihr die Quest antretet, bekommt jeder von euch einen Korb zum Sammeln. Ihr müsst keine Bäume fällen, nur Äste aufsammeln. Wenn ihr erfolgreich seid, registrieren eure Armschellen das – sowohl die in der CyberWorld als auch die in der LiveAction – und melden es dem Zentralcomputer, von dem aus alles hier im Spiel gesteuert wird.« Grayson zeigte auf den Monitor. »Der Bildschirm wird dann aktiviert und zeigt euch ein Feuer. Solange es brennt, könnt ihr die Herdplatten benutzen, die Hütte wird beheizt und das heiße Wasser wird freigeschaltet.«

»Und wenn das Feuer ausgeht?«, fragte Charlie.

»Dann wird es kalt. Aber keine Sorge, wenn es jeder von euch mit seinem gefüllten Holzkorb aus dem Wald herausschafft, habt ihr ausreichend Holz für euren gesamten Aufenthalt.« Grayson zwinkerte ihr gutgelaunt zu. »Wir haben genug andere Dinge für euch zu tun, um euch nicht jeden Morgen dieselbe Quest spielen zu lassen. Ihr müsst nur den Bildschirm im Ofen im Auge behalten und auf Holz nachlegen klicken, wenn die Flammen heruntergebrannt sind. Vergesst ihr es, wird es kalt. Und falls es nicht jeder von euch mit seinem Holz aus dem Wald herausschafft, werdet ihr euch mit der ein oder anderen kalten Dusche anfreunden müssen.«

Alle verzogen die Gesichter, grinsten aber. Das Wechselspiel zwischen Erfolgen in der CyberWorld und Belohnungen in der LiveAction hörte sich nach coolen Herausforderungen an – legte aber auch eine nicht unwichtige Frage nahe.

»Was passiert, wenn wir in der Cyberwelt sterben?«, fragte Ned.

Grayson sah in die Runde. »Ich hoffe, ihr seid ein so gutes Team, dass das nicht passiert. Ihr könnt im Dorf Heilmittel kaufen, um euch selbst oder einander zu heilen, wenn ihr im Kampf verletzt werdet. Wir setzen hier im Spiel auf Kooperation und Zusammenhalt, und wenn ihr nicht leichtsinnig seid oder euch völlig ungeschickt anstellt und stattdessen auf euch aufpasst und einander helft, dann muss keiner sterben. Sollte es dennoch passieren, scheidet der Spieler aus der Quest aus und euer gesamtes Team hat das Nachsehen.« Er grinste bedeutungsvoll. »Zum Beispiel in Form von kalten Duschen.«

»Okay.« Auch Ned grinste.

Ihr Professor sah erneut von einem zum anderen. »Habt ihr sonst noch Fragen zum Haus? Informationen zum Übergang in die Cyberwelt bekommt ihr später noch, wenn ihr eure Ausrüstung besorgt habt und die ersten Quests für euch freigeschaltet werden.«

»Funktioniert der Stromgenerator genau wie der Ofen?«, erkundigte sich Will. »Auch alles nur gefakt?«

»Ja. Der Generator steht hinter dem Haus. Diesel – das heißt, speziell gefärbtes Wasser – bekommt ihr im Dorf. Sobald ihr den Generator aufgefüllt habt, wird es im System registriert und ihr habt Strom. Und auch der wird für die kompletten drei Tage reichen.«

»Okay, ich denke, dann waren das unsere Fragen.« Will sah zu den anderen und sie nickten. Ihre nächsten Schritte waren klar: Sie mussten ins Dorf gehen, bei diesem George Ausrüstung und Waffen kaufen, Verpflegung und Diesel besorgen und dann zum Holzsammeln in die Cyberwelt.

»Gut, dann bleibt nur noch eins.« Grayson rief eine ID auf seinem Display auf und blickte dann zu Jamie. »Du bist James, nicht wahr?«

Jamie nickte und seufzte innerlich. Er wusste, was jetzt kommen würde.

»Ich weiß, dass du ein Handicap hast.«

Wieder nickte Jamie. Bei seiner Anmeldung zu Yonderwood hatte er seine Behinderung angeben müssen, doch man hatte ihm versichert, dass seine körperliche Beeinträchtigung in der LiveAction kein großartiges Problem darstellen würde. Und in der CyberWorld sowieso nicht.

Grayson schenkte ihm ein Lächeln. »Ich bin mir sicher, du weißt selbst am besten, was und wie viel du dir zutrauen kannst, und du hast deine Freunde bei dir, falls du Hilfe brauchst. Sollte trotzdem mal irgendetwas sein, zögere nicht, uns um Hilfe zu bitten. Unser Team weiß darüber Bescheid, dass wir in dieser Spielrunde jemanden mit einem Handicap haben, und du kannst jederzeit einen der GameGuides ansprechen, falls du bei irgendetwas Hilfe benötigen solltest.«

»Okay, danke.« Jamie rang sich ein freundliches Lächeln ab. Diese Art Aufmerksamkeit war ihm immer unangenehm, doch zum Glück schien Grayson aus dem Ganzen keine allzu große Sache machen zu wollen, denn er nickte bloß und gab dann etwas in das kleine Display seines Armbands ein.

»Ich erscheine ab jetzt als gelber Punkt auf eurer Karte von Yonderwood. So könnt ihr mich schnell und einfach finden. Wenn ihr mit mir sprechen wollt, wählt mich in der Kontaktliste aus. Das Display funktioniert dann wie ein Handy auf Freisprechfunktion. Genauso funktioniert auch der Notruf. Falls sich einer von euch während der LiveAction verletzt, findet ihr für kleinere Blessuren in einem der Badezimmer eine Erste-Hilfe-Box. Sollte euch etwas Schlimmeres zustoßen, wählt in der Kontaktliste den Notruf, dann werdet ihr mit der Überwachungszentrale verbunden. Aber ich bin mir sicher, so was wird nicht passieren«, fügte er dann hinzu und schaute noch einmal zu Jamie. »Ich bin in dieser Spielrunde einer der GameGuides, die die kompletten drei Tage mit euch in der Kuppel sind. Wenn also irgendwas ist, meldet euch. Ich bin Tag und Nacht erreichbar.«

»Danke.« Wieder lächelte Jamie höflich, wollte damit das Thema aber dann auch wirklich abhaken. »Ich bin mir sicher, ich krieg das alles hin.«

Grayson erwiderte sein Lächeln und nickte. »Ja, das denke ich auch.«

Zack nahm Jamies Hand und drückte sie kurz. »Ich schätze, Sie verraten uns nicht schon mal ein kleines bisschen was über die seltsamen Dingen, die hier im Dorf vor sich gehen?«, fragte er an den Professor gewandt, um das Thema zu wechseln und Jamie weitere ungewollte Aufmerksamkeit zu ersparen.

Verschmitzt schüttelte Grayson den Kopf, schlüpfte zurück in seine Rolle und sah plötzlich ganz hektisch auf seine Armschelle. »Oh, du meine Güte! So spät schon?! Ich fürchte, alle weiteren Erklärungen müssen wir leider auf morgen vertagen. Ich darf meinen Informanten nicht verpassen. Kommt morgen Vormittag um elf in die Gemeindebibliothek des Pfarrhauses. Dort weihe ich euch dann in das ein, was ich über Yonderwood und seine düstere Geschichte bereits erfahren habe.« Er ging zur Tür, drehte sich auf der Schwelle jedoch noch einmal um. »Aber, wer weiß? Vielleicht findet ihr bis dahin ja sogar selbst schon das ein oder andere heraus.« Er zwinkerte ihnen zu, wurde dann aber wieder ernst. »Passt aber auf jeden Fall gut auf euch auf. In den Wäldern ist es gefährlich und selbst hier im Dorf ist man nicht immer sicher. Seid also um Himmels willen vorsichtig!«

»Sind wir«, versicherte Jemma.

»Gut. Dann sehen wir uns morgen.«

»Ja. Bis morgen!«

Der Professor zog die Tür hinter sich zu und durchs Fenster sahen sie, wie er in Richtung Dorf verschwand.

»Sieht so aus, als wären wir jetzt endgültig fürs Spiel bereit, oder?« Jamies Augen leuchteten. »Wer hat Lust auf einen kleinen Erkundungsgang ins Dorf?«

Kapitel 3

 

Bei ihrer Ankunft hatte Jemma nur Augen für ihre Unterkunft gehabt, doch als sie jetzt mit den anderen aus dem Cottage trat und sich zum ersten Mal richtig umsah, staunte sie nicht schlecht. Die Illusion, die unter der Kuppel erzeugt wurde, war wirklich beeindruckend. Direkt neben dem Feldweg, an dem ihr Cottage lag, plätscherte ein gut zwei Meter breiter Bach zwischen dichtem Ufergras und Felsgestein und bildete eine Grenze zum Waldrand, der mit buschigen Sträuchern, dunklen Tannen und krumm gewachsenen Laubbäumen den Übergang zu den Videowänden kaschierte. Jemma schätzte, dass ihr Cottage keine zehn Meter von der Kuppelwand entfernt stand, dennoch hatte sie das Gefühl, direkt an einem verwilderten – und ziemlich unheimlichen – Wald zu stehen. Leichter Wind wisperte unheilvoll durch die Äste der Tannen und ließ die Blätter der Laubbäume rascheln. Überrascht stellte Jemma fest, dass sie den Wind sogar auf ihrem Gesicht spüren konnte, was das Gänsehautfeeling noch zusätzlich verstärkte. Die Konstrukteure der Kuppel hatten sich definitiv einiges einfallen lassen, um ihre Spielwelt so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Sie blickte hinauf zur Kuppeldecke und sah hellgraue Wolken, die passend zum Wind über den künstlichen Himmel zogen, und nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man einige der dünnen Verstrebungen ausmachen, die die einzelnen Videowände miteinander verbanden.

»Na, begeistert?« Will trat zu ihr und legte seinen Arm um sie.

Sie nickte und schmiegte sich an ihn. »Absolut. Ich glaube, das hier werden drei richtig coole Tage.«

Sie folgten dem Feldweg zurück zur Straße und brauchten keine fünf Minuten, bis sie den Dorfrand erreicht hatten. Kleine Cottages ähnlich ihrem eigenen kauerten sich aneinander. Bei einigen waren Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, andere standen schon so lange leer, dass sie halb verfallen waren. Bei einem Haus war sogar der komplette Dachstuhl eingestürzt und nur noch wenige morsche Balken ragten wie Krallenfinger in den grauen Himmel.

Charlie schluckte. Selbst jetzt, am hellen Vormittag, sorgte der Anblick der unheimlichen Häuser schon für ein unbehagliches Prickeln in ihrem Nacken. Zur Hölle, wie schlimm würde es dann erst werden, wenn es dunkel wurde? Sie schauderte und beobachtete mulmig eins der zerbrochenen Fenster. Hatten die Vorhangfetzen dahinter sich gerade bewegt? Und dort, in der schmalen Gasse zwischen den beiden Hütten, kauerte da nicht ein seltsamer Schatten? Ihr Herz schlug plötzlich einen deutlich schnelleren Takt an.

Himmel, reiß dich zusammen!Das hier ist nur ein Spiel! Es gibt keine echten Geister, Zombies oder Dämonen. Alles hier ist nur gefakt.

Mental trat sie sich selbst in den Hintern.

Im alltäglichen Leben war sie überhaupt kein Angsthase, und wenn da jemand versuchte, ihr die Butter vom Brot zu nehmen, merkte derjenige in der Regel ganz schnell, was er davon hatte. Sie hatte auch kein grundsätzliches Problem mit Geistern, Monstern und anderen Albtraumwesen. Sie liebte Horrorfilme – mit Popcorn, Chips und Wolldecke, gemütlich eingekuschelt in Neds Armen auf dem Sofa. So gruselte sie sich verdammt gerne. In CyberGames dagegen selbst Auge in Auge gegen Spuk und Grauen anzutreten und nicht bloß zuzusehen – das war eine völlig andere Hausnummer und sie musste zähneknirschend zugeben, dass Jamie recht hatte: Was Horrorgames anging war sie tatsächlich ein schreckliches Weichei. Sie hatte zwar mittlerweile mit den anderen das ein oder andere Gruselgame gespielt – schließlich sollte man sich seinen Ängsten ja stellen. Trotzdem konnte sie immer wieder nur bewundern, wie furchtlos Jemma und die Jungs sich in den Kampf mit irgendwelchen Horrorbiestern stürzten oder wie sie ohne großartig mit den Wimpern zu zucken in finstere Verliese hinabstiegen oder Geisterhäuser erkundeten. Sie selbst war meistens erst mal starr vor Schreck, wenn irgendein Monster sie angriff – und verschenkte dann kostbare Sekunden, die ihr schon mehr als einmal fast ihr virtuelles Leben gekostet hätten, wenn die anderen ihr nicht den Hintern gerettet hätten.

Charlie seufzte. Sie hatte sich tierisch für Ned und Will gefreut, als die beiden Jemma, Jamie, Zack und ihr von ihrer Einladung zu The Secrets of Yonderwood erzählt hatten. Noch mehr gefreut hatte sie sich darüber, dass alle fünf sie sofort dabei haben wollten – obwohl sie so eine Memme und noch keine besonders taugliche Rollenspielerin war. Jetzt hoffte sie nur, dass ihre Freunde die Entscheidung, sie mitzunehmen, in den nächsten Tagen nicht bereuen würden.

»Hey.«

Sie zuckte zusammen.

»Alles klar?«

Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass sie hinter den anderen zurückgeblieben war und immer noch in die düstere Gasse zwischen den verlassenen Hütten starrte.

»Hast du was gesehen?« Ned kam zu ihr zurück, nahm ihre Hand und spähte ebenfalls in die Gasse.

»Nein.« Verlegen verzog sie das Gesicht. »Ich bin gerade einfach nur mal wieder ein fürchterliches Hasenherz.« Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.

Liebevoll schlang er seine Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf die schwarzen Locken. »Aber du bist mein fürchterliches Hasenherz. Und wenn du willst, dann verspreche ich dir, dass ich dein ganz persönlicher Held bin und dich vor allem, was in diesem gruseligen Dorf umgehen mag, beschützen werde.«

»Au ja, bitte! Ich will!« Grinsend sah sie zu ihm auf und forderte einen richtigen Kuss.

Ned zog sie an sich und kam ihrer Forderung nur allzu gerne nach. Niemals würde er genug davon kriegen, dieses unglaubliche Mädchen zu küssen, das seine Seele zum Tanzen brachte und das sich trotz Heidenangst vor Cybergeistern und virtuellen Monstern ohne zu zögern mit ihm auf dieses Abenteuer hier eingelassen hatte.

»Hey, ihr wisst schon, dass hier überall Kameras sind, ja?«

Stöhnend trennten die beiden sich und sahen zurück zu den anderen, die ein Stück die Straße rauf auf sie warteten.

»Wir können im Dorf aber gerne fragen, ob sie für euch zwei irgendwo noch ein nettes Einzelzimmer frei haben«, grinste Zack frech. »Ein Doppelbett werdet ihr ja wohl kaum brauchen, oder?«

Charlie lachte. Sie nahm Neds Hand, zog ihn zurück zu den anderen und Ned verpasste Zack eine Kopfnuss.

»Du bist unmöglich!«

Zacks Grinsen wurde nur noch breiter. »Yep. Und das mit Stil!«