CyberWorld 7.0: Bunker 7 - Nadine Erdmann - E-Book
Beschreibung

Sommerferien! Was könnte da mehr Spaß machen als ein paar Tage Spannung und Action in einem neuen CyberPark? "Bunker 7" verspricht Endzeit-Nervenkitzel vom Feinsten beim Kampf ums nackte Überleben. Doch schon bald müssen Jemma, Jamie, Zack und ihre Freunde feststellen, dass sie sich diesem Kampf nicht nur im Spiel stellen müssen … Dies ist der abschließende Band der CyberWorld-Reihe von Nadine Erdman. Bisher erschienen: Teil 1: Mind Ripper Teil 2: House of Nightmares Teil 3: Evil Intentions Teil 4: The Secreet Of Yonderwood Teil 5: Burning London Teil 6: Anonymous

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Seitenzahl:408

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Table of Contents

Bunker 7

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

Impressum

CyberWorld 7.0

 

Bunker 7

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

»Okay, eure Homepage ist auf dem neuesten Stand.« Jamie tippte auf den Aktualisierungsbutton und sah zu den elektronischen Retrostyle-Preistafeln, die an der Wand hinter der Theke des Cafés hingen. »Und die Speisekarten hier sollten sich jetzt auch umstellen.«

Die neuen Summer Specials, die Tris sich fürs Sugar & Spice ausgedacht hatte, erschienen auf den Tafeln.

»Wow, du bist ein Genie!« Mac hatte die Aktion beeindruckt mitverfolgt und klopfte Jamie jetzt über die Theke hinweg anerkennend auf die Schulter.

»Also mit Genie hat das wenig zu tun. Ich hab einfach nur eure Homepage mit den Anzeigetafeln verlinkt. Und wie das geht, stand in deren Gebrauchsanweisung.«

»Die sich für Tris und mich anhörte wie Chinesisch. Rückwärts. Also danke.« Mac schob ihm den Teller näher, den er Jamie schon vor einer Viertelstunde hingestellt hatte. »Vielleicht solltest du dann jetzt auch endlich eins der neuen Angebote probieren. Ein Zitronen-Blaubeer-Cupcake mit Frischkäse-Topping. Der fühlt sich nämlich unbeachtet. Genau wie der süße Typ, der sich hier vor zehn Minuten sein Frühstück abgeholt hat und mit dir flirten wollte.«

»Welcher Typ?« Völlig sinnfrei schaute Jamie sich im Café um.

Vor gut sechs Wochen hatte das Sugar & Spice eröffnet und das Café war ein echter Hingucker geworden, auf den alle Beteiligten ziemlich stolz sein konnten. Der Gastraum war in Weiß, Grau und Hellblau gehalten und Einrichtung und Deko – bei der Charlie, Jemma, Cassie und Kate ein gutes Wörtchen mitgeredet hatten – kamen im angesagten shabby Vintagestil daher. Den Rest taten Tris’ fantastische Kochkünste: Das Sugar & Spice hatte sich schnell zu einem neuen Lieblingstreffpunkt der Nachbarschaft entwickelt. Auch die Besucher des McAllister’s, das dem Café gegenüber lag, kamen an den Wochenenden gerne vorbei, um etwas zu essen, bevor es in den Club ging.

Zack kam zu Mac und Jamie an die Theke und reichte Mac das benutzte Frühstücksgeschirr von Tisch sieben über den Tresen.

»Anfang zwanzig, dunkle Haare, lässige Businessklamotten, hübsches Lächeln, netter Hintern.« Grinsend zog Zack Jamie seine Beanie über die Augen.

Der schob sie grummelnd wieder zurück. »Ja, klar. Ihr verarscht mich doch! Falls so ein Typ überhaupt hier war, hätte der todsicher eher versucht, mit einem von euch zu flirten statt mit mir.«

Mac sah ungläubig von ihm zu Zack. »Ernsthaft?«

Da der große Frühstücksansturm vorüber und die wenigen noch verbliebenen Gäste versorgt waren, gönnte Zack sich eine kurze Pause und setzte sich neben Jamie auf einen der Barhocker. »Yep.« Er griff hinter der Theke nach einer Wasserflasche und trank ein paar Schlucke.

Mac schüttelte den Kopf und nahm wieder Jamie ins Visier. »Ihr zwei seid nicht oft in der Szene unterwegs, oder? Sonst wüsstest du, dass es viele Kerle gibt, denen süße Twinks wie du völlig den Kopf verdrehen.«

Mit einer Mischung aus immer noch grummelig und irgendwie trotzdem geschmeichelt strafte Jamie ihn mit einem nur halb ernst gemeinten bösen Blick. »Ich bin nicht süß.«

Mac lachte. »Doch, das bist du. Und sobald du achtzehn bist, nehmen Tris und ich euch mal mit in ein paar Clubs. Dann wirst du schon sehen, wie die Kerle da auf dich abfahren.«

»Ja, sicher«, schnaubte Jamie. »Außerdem sollte sich Clubbing für dich und Tris doch jetzt wohl erledigt haben. Immerhin wollt ihr bald Eltern werden.«

»Nur weil wir Eltern werden wollen, heißt das nicht, dass wir nicht ab und an als Paar auch alleine Spaß haben dürfen. Das hat selbst Ms Etheridge vom Jugendamt in den Vorbereitungskursen für Pflegeeltern gesagt. Außerdem haben wir mit euch und euren Freunden doch jede Menge vertrauenswürdige Babysitter an der Hand, wenn Tris und ich mal eine Auszeit brauchen. Die sind für ein gesundes Familienleben sehr wichtig.«

Zack und Jamie tauschten einen Blick und hatten Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen.

»Sieht so aus, als wärst du ein wahrer Musterschüler in diesem Vorbereitungskurs«, neckte Jamie.

Wieder lachte Mac. »Ja, vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben. Und jetzt spar dir jeden weiteren frechen Kommentar! Iss lieber endlich den Cupcake und dann gehst du in die Küche und sagst Tris, dass du ihn absolut göttlich findest, klar? Also den Cupcake, nicht Tris, sonst müssten wir zwei ein Wörtchen miteinander reden.«

»Keine Sorge, ich steh nicht auf alte Männer«, gab Jamie frech zurück und wich schnell aus, als Mac ihm eine Kopfnuss verpassen wollte. Doch bevor er etwas kontern konnte, klimperten die Glöckchen über der Ladentür.

»Jaaamiiiee!« Ein kleiner blonder Tornado mit Latzhose und Beanie stürmte auf Jamie zu und drückte sich an ihn.

»Hallo Wirbelwind.« Lächelnd strich Jamie Holly über den Kopf, doch die Kleine sprang schon weiter.

»Hallo Zack!« Auch er wurde kurz umarmt, dann hüpfte sie um den Tresen herum zu Mac. »Hallo Mac!«

Der hob sie hoch und nahm sie auf den Arm. »Hallo Sonnenschein.«

»Heute ist der erste Tag der Sommerferien und Cassie hat gesagt, ich darf den ganzen Tag hier sein, wenn ich brav bin. Sie hat gesagt, dass du und Tris heute weg seid, deshalb sind Jamie und Zack auch den ganzen Tag hier und helfen. Und das ist sooo cool! Und ich kann Danke-Karten für die Gäste malen und hast du schon meine Beanie gesehen?« Sie deutete stolz auf die bunte Mütze in Regenbogenringeloptik auf ihrem Kopf. »Die hab ich von Dan und Cassie für mein gutes Zeugnis bekommen!« Sie strahlte über den Tresen hin zu Jamie. »Jetzt hab ich genau so eine Mütze wie du! Ist das nicht toll?«

Jamie grinste. »Himmel ja, die ist fantastisch.« Er hatte keine Ahnung warum, doch seit ihrer ersten Begegnung hatte Holly einen Narren an ihm gefressen und eiferte ihm in vielen Dingen nach – was irgendwie verdammt niedlich war – und er hatte die Kleine fast genauso schnell in sein Herz geschlossen wie sie ihn.

»Ich leih sie dir mal, wenn du willst«, bot Holly sofort großzügig an. »Oder wir können mal tauschen. Hellblau mag ich auch gerne.«

»Oh ja«, meinte Mac sofort. »Ihr solltet unbedingt mal tauschen. Mit der Regenbogen-Beanie würde Jamie sooo süß aussehen.«

Zack lachte und Jamie ignorierte beide geflissentlich. Stattdessen hielt er Holly seine Faust für ein Fistbump hin.

»Unsere Beanies rocken und wir können sehr gerne mal tauschen.«

»Cool!« Dann wandte sie sich wieder an Mac. »Kann ich bitte einen Erdbeer-Shake haben? Mit ein bisschen Banane drin? Und grüner Sahne drauf? Und mit Glitzerstreuseln?«

»Klar.«

»Danke!« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Für die grüne Sahne musst du aber in die Küche zu Tris. Die muss er dir machen.«

»Ich muss ihm eh noch Hallo sagen!« Holly strampelte und Mac ließ sie runter. »Ist Tony auch da?« Sie wartete die Antwort gar nicht ab und flitzte hinter der Theke schon los in Richtung Küche.

»Yep, ist sie.«

Die Glöckchen der Vordertür klingelten erneut und Cassie trat ein. »Guten Morgen zusammen. Und tut mir echt leid.« Sie trat zu den Jungs, legte ihre Umhängetasche auf den Barhocker neben Jamie und band ihre roten Locken im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Wie Zack und Jamie trug sie dunkle Jeans und ein hellblaues T-Shirt mit dem Schriftzug des Sugar & Spice – die offizielle Dienstkleidung des Cafés. »Der erste Ferientag hat Holly völlig aufgedreht. Aber sobald sie alle begrüßt und ihren Shake hat, wird sie ruhiger. Versprochen. Und sie freut sich riesig darauf, neue Danke-Karten zu basteln.«

In einer Ecke des Sugar & Spice hatten Mac und Tris auf Hollys Wunsch eine Spiel- und Bastelecke für die kleinen Besucher des Cafés eingerichtet, und wann immer Cassie sie zu einer ihrer Schichten mitbrachte, spielte Holly dort mit den Besucherkindern oder schrieb kleine Karten mit »Danke, dass du hier warst« und verzierte sie mit Zeichnungen, bunten Stickern und jeder Menge Glitzer. Die verteilte sie mit einem strahlenden »Ich hoffe, ihr kommt bald wieder!« an die Gäste, wenn sie gingen.

»Falls sie doch irgendwann zu anstrengend wird oder sich langweilt, sag ich Glenda Bescheid, dann holt sie sie ab und geht mit ihr in den Park.«

Seit Cassie und ihr älterer Bruder Daniel sich im Frühjahr als Anonymous auf ziemlich kreative Weise bei Edward Dunnington um einem Job für Daniel beworben hatten, hatte sich viel für die drei Geschwister geändert. Statt in einer verlassenen Ruine zu hausen und sich mühsam mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten, arbeitete Daniel nun bei VanguardArts im Team der Cyber-Sicherheit, während Cassie wieder zur Schule ging, um ihr Abitur zu machen. Dunnington hatte ihnen eine Wohnung in Fulham besorgt und mit Glenda einen Hightechroboter zur Seite gestellt, der ihnen im Haushalt half und auf Holly aufpassen konnte. Kate hatte Daniel außerdem mit den Anträgen auf das Sorgerecht für seine beiden jüngeren Geschwister geholfen und mit Edward Dunnington als Leumund waren die kein großes Problem gewesen. Nicht zuletzt, weil die Mutter der drei im Gefängnis saß, nachdem sie versucht hatte, ihre beiden Töchter an Freier zu verkaufen. Damit hatte Jessica Logan das Sorgerecht für ihre Kinder verwirkt.

»Hey, alles gut.« Mac schob Cassie einen Vanilla Latte hin, den sie am liebsten mochte. »Wir haben Holly gerne hier und sie war noch nie ein Problem. Und Tris und ich sind euch total dankbar dafür, dass ihr heute so kurzfristig hier einspringen könnt.« Er sah von einem zum anderen. »An einem ersten Ferientag haben junge Leute vermutlich eher andere Dinge vor, als ein Café zu schmeißen.«

Cassie zuckte bloß mit den Schultern. »Ich halte hier gerne die Stellung. Ich kann das Geld gut gebrauchen.«

»Und wir ziehen erst morgen in den Bunker«, winkte Jamie ab. »Heute hier auszuhelfen ist also überhaupt kein Problem.«

»Außerdem ist das doch wohl selbstverständlich«, meinte Zack. »Immerhin geht es darum, dass du und Tris Eltern werdet.«

Mac lächelte und fuhr sich durch die dunklen Haare. »Ja, wenn alles passt.«

»Habt ihr denn jetzt eigentlich schon mehr Infos zu dem Kind?«, fragte Cassie, während sie sich eine kurze Schürze umband, in deren Tasche sie ein kleines Gerät zum Aufnehmen der Bestellungen und Rechnungen verstaute, das Mac ihr reichte. »Und warum es plötzlich so schnell geht? Hattet ihr nicht erst ab Herbst mit Familienzuwachs gerechnet?«

Mac nickte. »Aber Tris und ich sind bereit, auch Notfälle aufzunehmen, und wir haben alle nötigen Vorbereitungen und Überprüfungen hinter uns. Daher geht es jetzt vielleicht ziemlich schnell – wenn die Chemie zwischen uns und den Kids stimmt.«

»Kids?«, hakte Jamie nach und schob sich eine Gabel voll Cupcake in den Mund. »Es sind mehrere?«

»Ja, zwei.«

»Und warum sind sie Notfälle?«, wollte Zack wissen.

Mac blickte von ihm zu Jamie. »Die beiden haben vor ungefähr einem Jahr ihre Eltern bei einem Autounfall verloren.«

Jamie hielt inne und sah von seinem Cupcake auf. »Shit.« Er schluckt hart. »Waren die Kinder mit im Auto?«

Mac schüttelte den Kopf. »Zum Glück nicht. Aber ihre Verwandten konnten oder wollten die beiden nicht aufnehmen. Es gab da wohl üble Streitigkeiten in der Familie. Deshalb kamen sie in ein Heim und es wurden Pflegeeltern für sie gesucht. Weil die beiden aber keine niedlichen Babys mehr sind und zudem zusammen bleiben sollten, war es nicht einfach, eine Familie zu finden.«

»Wie alt sind die beiden denn?«, fragte Cassie.

»Chloe ist sechs, so alt wie Holly. Und Caspar ist ein Jahr jünger.«

Zack schnaubte ungläubig. »Und das ist manchen Pflegeeltern echt schon zu alt?«

Mac nickte. »Viele wollen lieber Babys und keine Kinder mit Vorgeschichte.«

Verbittert biss Cassie sich auf die Unterlippe. »Aber gerade solche Kinder bräuchten so dringend eine Familie statt einen Heimplatz oder eine Wohngruppe.«

»Das sehen Tris und ich genauso. Deshalb ist uns das Alter unserer potenziellen Kinder völlig egal. Das Geschlecht auch, denn selbst das scheint einigen Pflegeeltern nicht unwichtig zu sein.«

Verständnislos schüttelte Jamie den Kopf. »Aber das könnten sie sich bei leiblichen Kindern doch auch nicht aussuchen.«

»Frag mich nicht«, seufzte Mac. »Das wirklich Schlimme ist, dass Chloe und Caspar eine Pflegefamilie hatten, die Eltern sie aber jetzt nicht mehr wollen, weil sie mit dem auffälligen Verhalten von Caspar nicht klarkommen.«

»Was hat er denn gemacht?«, fragte Zack. »Sie nicht sofort begeistert in sein Herz geschlossen und Mummy und Daddy genannt?« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Nein«, antwortete Mac. »Er eifert seiner großen Schwester nach, will lange Haare haben und steckt sie sich mit Spangen zurück. Außerdem mag er Glitzer und Rosa und spielt lieber mit dem Puppenhaus als mit Autos und Eisenbahn. Die Kinderpsychologin, bei der die beiden seit dem Unfall in Betreuung sind, meint, dass Caspar sich nach dem Verlust seiner Eltern einfach sehr an seine große Schwester klammert und sie deshalb in vielen Dingen kopiert. So was kommt bei jüngeren Geschwistern wohl nicht selten vor, wenn sie einen schlimmen Verlust erleiden.« Mac hob die Schultern und jetzt nahm sein Tonfall eindeutig zynische Züge an. »Aber auf Nachfrage der besorgten Pflegeeltern konnte die Psychologin leider nicht ausschließen, dass nicht auch andere Ursachen hinter dem Verhalten stecken könnten, und damit können die Eltern wohl nicht umgehen.«

Jamie ballte seine Faust um die Gabel. »Sag jetzt bitte nicht, die beiden haben Angst, dass der Kleine schwul sein könnte und sie ihn deshalb nicht mehr haben wollen.«

Mac seufzte. »Doch, genau das. Wobei schwul für sie wohl noch das geringere Übel wäre. Schlimmer fänden sie, wenn er transgender wäre und irgendwann den Wunsch äußern würde, ein Mädchen zu werden. Sie sagen, dass sie sich nicht in der Lage sehen, ihn bei so etwas zu unterstützen. Aber egal, was es ist – sie wollen Caspar weder mit dem einen noch mit dem anderen behalten.«

»Oh Mann!«, schimpfte Jamie empört. »In welchem Jahrhundert leben diese Vollidioten denn? Bitte sag, dass die nie wieder Pflegekinder bekommen werden. Und warum gibt es eigentlich noch keine Zwangskastration? Eigene Kinder sollten die beiden nämlich besser auch nicht bekommen!«

Wieder seufzte Mac. »Ich bin da ganz bei dir, aber leider gibt es zu viele Kinder, die keine leiblichen Eltern mehr haben oder aus triftigen Gründen nicht bei ihnen leben dürfen. Die Jugendämter sind froh um jeden, der sich als Pflegevater oder Pflegemutter bewirbt. Im Fall von Chloe und Caspar hat man sogar überlegt, die beiden zu trennen, denn Chloe hätten die Eltern wohl behalten.«

»Ernsthaft?«, fragte Zack fassungslos.

Cassie schnaubte bloß. »Das überrascht dich wirklich? Das Jugendamt hätte Dan, Holly und mich auch ohne mit der Wimper zu zucken getrennt, nur weil Dan und ich uns keine ausreichend große Wohnung von unseren Aushilfegehältern leisten konnten. Statt uns dabei zu helfen, bessere Jobs und eine bezahlbare Wohnung zu bekommen, gab es nur die schnelle, einfache Lösung, Holly und mich in irgendwelchen Heimen und Wohngruppen unterzubringen. Getrennt voneinander, weil Plätze für Geschwister kaum vorhanden sind.«

Wütend presste Zack die Kiefer aufeinander.

»Du hast hätte gesagt«, meinte Jamie an Mac gewandt. »Das heißt Chloe bleibt nicht alleine da?«

Mac schüttelte den Kopf. »Als sie mitbekommen hat, dass ihre Pflegeeltern ihren Bruder weggeben wollen, sie aber bei ihnen bleiben soll, hat sie so viel Terror gemacht, dass die Eltern sie jetzt auch nicht mehr wollen.«

»Gutes Kind«, grinste Zack anerkennend. »Macht die Kleine sofort sympathisch.«

»Und jetzt sollen die beiden zu euch kommen?«, fragte Cassie.

Mac nickte. »Wenn es zwischen uns passt. Falls Caspar sich aus Verlustängsten heraus so an seine Schwester klammert und ihr deshalb nacheifert, wollen Tris und ich ihm helfen, sich wieder sicherer zu fühlen. Dann kann er auch zu sich selbst finden. Uns ist wichtig, dass er wieder glücklich wird und ein Zuhause bekommt, in dem er sich so, wie er ist, geborgen und geliebt fühlt. Und für Chloe gilt natürlich dasselbe.«

»Na, wenn das nicht passt, dann weiß ich nicht, was diese Typen vom Jugendamt in Pflegeeltern sonst suchen«, meinte Jamie. »Glaubst du echt, dass sie Caspar und Chloe nicht zu euch geben könnten?«

Mac hob die Schultern. »Niemand weiß, wie viel Vertrauen in Pflegeeltern durch diese Aktion bei den beiden kaputtgegangen ist und ob sie sich auf Tris und mich einlassen. Drückt uns also mal die Daumen, dass sie uns eine Chance geben.« Er lächelte und warf einen versonnenen Blick in sein Café. »Ich fänd es nämlich schön, wenn hier ein bisschen Kinderleben reinkäme.«

Wie aufs Stichwort ging die Tür zur Küche auf und Holly hüpfte um Tris herum, der einen riesigen Becher Erdbeershake mit ein bisschen Banane trug, den er wohlweislich nicht Holly in die Hand gegeben hatte.

»Guckt mal, guckt!«, rief die Kleine völlig aufgeregt. »Tris hat mit mir Regenbogensahne gemacht! Weil er meine Beanie so toll findet!« Sie grinste zu ihm auf. »Dir leihe ich sie auch mal aus, wenn du willst.«

Tris lachte. »Auf dieses Angebot komme ich gerne irgendwann zurück.« Er stellte den Becher neben Zack und hob Holly auf den Barhocker. »Jetzt genieß aber erst mal deinen Shake. Mac und ich müssen so langsam los. Hallo Cassie, danke, dass du mit Tony und den Jungs heute hier den Laden rockst.«

»Kein Ding«, winkte sie lächelnd ab und verschwand zum Fenstertisch, an dem zwei Gäste noch eine Bestellung aufgeben wollten.

»Auf der Regenbogensahne fehlen noch die Glitzerstreusel«, merkte Holly an. »Ist aber nicht schlimm, wenn keine mehr da sind.«

Jamie rutschte von seinem Hocker und trat hinter die Theke. »Doch, es sind noch welche da.« Er holte eine Dose mit silbernen und goldfarbenen Streuseln aus einem der Schränke und streute eine ordentliche Portion über Hollys Shake.

Die strahlte ihn mit leuchtenden Augen an. »Danke!«

»Sieht so aus, als hätte das junge Volk unseren Laden ganz gut im Griff.« Mac legte seinen Arm um Tris. »Bereit dafür, unseren potenziellen Familienzuwachs zu treffen?«

»Wenn bereit heißt, ziemlich aufgeregt zu sein, dann ja.« Er gab seinem Mann einen Kuss und sah dann zu Zack, Jamie und Cassie. »Tony schmeißt die Küche und wenn irgendwas ist –«

»– rufen wir euch heute garantiert nicht an, sondern bitten Judy oder Sean aus dem McAllister’s um Hilfe«, würgte Zack ihn ab und machte eine scheuchende Handbewegung zur Tür. »Und jetzt geht und zeigt zwei kleinen Menschen, dass sie keine tolleren Eltern als euch beide bekommen können.«

Kapitel 2

 

Ihr habt euch tief unter der Erde vor Seuche und Gift versteckt, doch jetzt bleibt euch keine andere Wahl: Wollt ihr überleben, müsst ihr zurück an die Oberfläche.

 

Zehn Jahre ist es her, seit die Vogelgrippe aus einst harmlosen Vögeln Bestien gemacht hat, die Millionen Menschen den Tod brachten. In der Not wussten die Regierungen sich nicht anders zu helfen und ließen vom Militär ein kaum getestetes Gift einsetzen, um die Tiere zu töten und so die Seuche einzudämmen. Mit Erfolg. Die meisten Vögel starben. Doch die Auswirkungen des Giftes auf Säugetiere, Fische und Insekten waren fatal. Und auch die Menschen wandelten sich …

 

Wenige Glückliche entkamen und verstecken sich seitdem in Bunkern. Doch nach zehn Jahren werden die Bauten marode und Vorräte gehen zur Neige. Wenn eure Gemeinschaft eine Chance auf eine Zukunft haben will, müsst ihr euch hinaus in die Welt wagen.

Doch was wird euch dort erwarten?

 

Willkommen beim Kampf um einen Neubeginn!

Willkommen in Bunker 7!

 

 

Wichtige Informationen für alle Mitspieler:

 

Mit der Buchung euer Spielrunde erhaltet ihr ein elektronisches Ticket. Dieses ist am Anreisetag unbedingt mitzuführen! Das Einchecken in die Spielwelt des Bunkers verläuft automatisiert. Genauere Informationen findet ihr vor Ort.

Der Einzug in den Bunker muss am Anreisetag zwischen 10.00 und 12.00 Uhr erfolgen. Ein späteres Einchecken ist nicht möglich. Die Spielrunde startet um 13.00 Uhr.

Ein Team aus GameGuides übernimmt die Rollen der Bunkerleitung und steht euch jederzeit bei Fragen oder Problemen zur Verfügung. Bleibt in solchen Fällen bitte trotzdem möglichst in euren Rollen als Bunkerbewohner, um anderen Gamern nicht die Atmosphäre des Spiels zu verderben.

Bitte beachtet bei eurer Buchung, dass für Bunker 7 die neuen Richtlinien zur Aufenthaltsdauer im Cybernetz gelten. Manche Spieleinheiten sind auf eine Zeitspanne von drei Stunden ausgelegt, da diese mehrheitlich als unbedenklich nachgewiesen ist. Macht euren Aufenthalt im CyberPark aber bitte abhängig von eurem individuellen Wohlbefinden.

Beachtet bitte ebenfalls, dass die Bunkeranlage nicht barrierefrei ist. Alle Mitspielenden müssen in der Lage sein, Treppen und Leitern eigenständig zu meistern. Festes Schuhwerk und robuste Kleidung sind empfehlenswert. Außerdem empfehlen wir Rucksäcke und Reisetaschen als Gepäck. Von Rollkoffern wird dringend abgeraten.

 

Hinweis:

Alkohol, Zigaretten, Drogen und Waffen jeder Art sind in der Kuppel verboten. Elektronische Geräte wie Smartphones oder Tablets, die zum Einchecken gebraucht werden, müssen vor dem Betreten des Bunkers in Spinden eingeschlossen werden. Eure Spindnummer erhaltet ihr bei der Buchung zusammen mit eurem elektronischen Ticket. Wir empfehlen, auch Wertsachen im Spind einzuschließen.

 

Alle weiteren Informationen erhaltet ihr beim Einchecken und während der ersten Versammlung im Bunker. Solltet ihr vor Spielantritt Fragen haben, kontaktiert uns gerne hier über unsere Homepage.

 

Wir wünschen euch ein spannendes Abenteuer in Bunker 7!

Viel Erfolg beim Kampf um unsere Zukunft!

 

Jamie schloss die Internetseite, öffnete seine Mails und suchte die Buchungsbestätigung von Blood Moon Games. »Also sowohl auf der Seite als auch in der Mail steht bloß, dass wir alles Weitere beim Einchecken erfahren.«

Er schaltete sein Smartphone aus und blickte hinaus in den dichten Wald, der sich schier undurchdringlich rechts und links der schmalen Straße ausbreitete. Auf der Autobahn hatten sie die riesige weiße Kuppel, die die Spielwelt von Bunker 7 beheimatete, schon von Weitem sehen können. Unter den dichten Bäumen hier auf der engen Landstraße war dagegen nichts mehr davon zu sehen.

Ein Hinweisschild erschien am Straßenrand, ziemlich verrostet und halb überwuchert von einem Brombeerstrauch.

Bunker 7.

Es wies nach links in einen Schotterweg.

Will drosselte die Geschwindigkeit und lenkte den SUV auf den holprigen Weg.

»Seht mal da.« Jemma saß neben ihm und deutete nach rechts.

Halb im Straßengraben lag ein rostiges Autowrack.

»Cool!« Voller Vorfreude rieb Jamie seine Hände und zappelte auf seinem Sitz hin und her. »Es geht los. Jetzt sind wir bestimmt bald da.«

»Es ist immer wieder herzallerliebst, wie sehr du dich auf jedes neue Abenteuer freust«, neckte Ned ihn und erntete ein Schnauben.

»Jetzt tut nicht wieder alle so, als wäre ich der Einzige, der sich tierisch auf die nächsten Tage freut!«

»Ach Quatsch«, meinte Charlie mit einer nicht zu überhörenden Portion Ironie in der Stimme. »Wer würde sich denn nicht auf drei Tage Postapokalypse samt dazugehöriger Katastrophen sowie jeder Menge mutierter Pflanzen, Tiere und vermutlich auch Zombies freuen?«

»Siehste! Wir verstehen uns!«, gab Jamie mit einem frechen Grinsen zurück.

Charlie lachte empört auf und wollte nach ihm boxen, doch da Zack zwischen ihnen saß, fing er ihre Faust ab.

»Leider kann ich es dir nicht erlauben, meinen Freund zu schlagen.«

»Seit wann das denn?!«

»Seit –«

»Seit wir jetzt da sind«, fiel Will Zack ins Wort.

Alle sahen hinaus.

Der Schotterweg endete auf einer Lichtung, die zu einem Parkplatz umfunktioniert worden war. Alte, verrostete Autowracks waren halb unter Laub und Gestrüpp begraben. Dazwischen parkten neue Wagen. Es war zehn nach elf, einige ihrer Mitspieler waren offensichtlich schon da. Jenseits der Lichtung erhob sich gut getarnt zwischen Bäumen und verwilderten Büschen ein kleiner Wall mit einer rostigen Tür. Dahinter war in gut fünfzig Metern Entfernung die weiße Außenhülle der Spielweltkuppel durch die Bäume zu erkennen.

Will ließ ihren Wagen ausrollen und parkte am Rand der Lichtung neben einem der Wracks und einem neuen VW.

»Jetzt sagt nicht, dass das hier nicht genial aussieht.« Ohne eine Antwort seiner Freunde abzuwarten, öffnete Jamie die Autotür und stieg aus. »Das wird richtig cool!« Er sah sich um, während die anderen ebenfalls aus dem Wagen kletterten. »Bin gespannt, ob es im Spiel vor dem Bunker genauso aussieht wie hier.«

»Mit ein bisschen Glück werden wir das in ein paar Stunden schon herausgefunden haben.« Ned öffnete den Kofferraum und die sechs holten ihre Rucksäcke heraus. Für drei Tage brauchten sie zum Glück nicht viel Gepäck.

Will verschloss den Wagen und sie liefen quer über die Lichtung hin zum Waldrand. Die Sonne schien warm auf sie herab und Charlie reckte ihr Gesicht zum wolkenlosen Himmel, um ein paar letzte Strahlen einzufangen, bevor sie in die künstliche Untertagewelt abtauchen musste.

Ned legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. »Sag jetzt bloß nicht so was wie: Eine Schande, dass wir bei dem tollen Wetter in den Bunker ziehen müssen. Dann killt Jamie dich nämlich.«

Charlie lachte. »Keine Sorge. Ich freue mich auf unser Endzeit-Abenteuer. Aber genauso sehr freue ich mich danach auf die beiden Wochen Strandurlaub bei Jems Großeltern. Und ich hoffe sehr, dass wir dann genauso geniales Wetter haben wie heute.«

Lächelnd hakte Jemma sich bei ihr unter. »Geht mir exakt genauso.«

»Na, dann hofft mal, dass es während unserer Spielrunde keine bösen Wasserquests gibt«, meinte Jamie mit einem fiesen Grinsen. »Nicht, dass euch irgendwas die Freude aufs Baden im Meer kaputtmacht …« Er geriet ins Stolpern, als sein linker Fuß an einer Baumwurzel hängen blieb, schaffte es aber, sich abzufangen und nicht zu fallen.

Charlie bedachte ihn mit einem zuckersüßen Lächeln. »Tja, karma is a bitch, was? Also hör besser auf, so gemein zu uns zu sein.«

Total erwachsen streckte Jamie ihr die Zunge heraus. Er ignorierte Zacks Arm, als Zack ihm Hilfe anbot, nahm aber seine Hand. Der Wall mit dem Eingang zum Bunker lag ein Stück im Wald und es gab keinen befestigten Weg, der dort hinführte.

Jamie seufzte innerlich und merkte, wie er plötzlich ein bisschen Schiss vor der eigenen Courage bekam. Schon der Eingang zum Bunker machte deutlich, dass der Hinweis in der Spielbeschreibung ernst gemeint war. Bunker 7 war nicht ausgelegt auf Spieler mit Handicaps. Treppen waren für ihn aber kein Problem mehr, solange es ein Geländer oder eine Wand gab, an der er sich festhalten konnte, oder einer seiner Freunde ihm Halt gab. Leitern klettern hatte er mit Jon in der Physio üben müssen, doch mit der richtigen Technik bekam er auch das hin – obwohl es ziemlich in die Arme ging. Er hoffte nur, dass Treppen und Leitern wirklich die einzigen Hindernisse waren, die im Bunker auf ihn warteten.

Zack drückte seine Hand. »Hey, keine Sorge«, sagte er leise, weil er sich denken konnte, was Jamie gerade durch den Kopf ging. »Egal, was da drin auf uns wartet, zusammen kriegen wir das schon hin.«

Jamie lächelte dankbar und schmiegte sich kurz an seinen Freund.

Will und Jemma erreichten den Bunker als Erste.

»Hat ein bisschen was von einem postapokalyptischen Hobbitbau, oder?«, meinte Jemma, als sie die Eingangsseite genauer in Augenschein nahm. Eine bemooste Betonwand ragte ungefähr zweieinhalb Meter aus dem Hügel. Auf der rostigen Stahltür in der Mitte waren aus der Nähe verwitterte schwarze Buchstaben zu erkennen: Bunker 7.

»Also falls jemand noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollte – hier sind wir richtig.« Will zog sein Handy aus der Hosentasche.

Neben der Tür war ein Monitor in die Betonwand eingelassen. Will tippte darauf und der Bildschirm erwachte zum Leben.

WILLKOMMEN IM BUNKER 7. BITTE HALTET ZUM EINCHECKEN NACHEINANDER EURE ELEKTRONISCHEN TICKETS VOR DEN SCANNER.

Die Bildschirmanzeige teilte sich in zwei Hälften: links erschien eine Spalte mit GRUPPENNAME, rechts ein flackerndes Scannerfeld. Will rief sein Ticket auf seinem Smartphone auf und hielt es vor den Scanner. Einen Augenblick später tauchte neben GRUPPENNAME >TOUGH COOKIES< auf. Darunter erschien Wills Name. Nacheinander hielten auch die anderen fünf ihre Tickets vor den Scanner. Als Zacks Name als letzter in der Spielerliste erschien, klackte es und die Stahltür sprang einen Spalt weit auf. Will öffnete sie ganz und alle drängten sich um den Eingang, um hineinspähen zu können.

Hinter der Tür lag ein kurzer Tunnel. Röhrenlampen im Steampunkdesign sprangen an der kuppelförmigen Decke an und beleuchteten eine Treppe, die tief hinab unter die Erde führte.

»Okay, das ist es dann jetzt.« Will grinste in die Runde. »Noch irgendwelche melodramatischen letzten Worte, bevor wir uns hineinwagen?«

»Auf Wiedersehen du wunderschöne zombie-, mutanten- und monsterfreie Welt. Wir werden dich schrecklich vermissen«, antwortete Charlie prompt.

Jamie knuffte ihr in die Seite. »Sprich lieber nur für dich.«

»Vorsicht, mein Lieber.« Mit einer bedeutungsvoll hochgezogenen Augenbraue wandte Charlie sich zu ihm um. »Karma, du weißt schon. Und da vorne wartet eine verdammt lange Treppe auf dich. Wäre schade, wenn du runterpurzelst.« Schwungvoll drehte sie sich wieder um und stolperte prompt über die Türschwelle, als sie in den Bunker trat.

Alle lachten.

»Yep«, prustete Jamie und hielt Charlie seine Hand für ein High-five hin. »Karma ist definitiv eine Bitch.«

Kapitel 3

 

Die Treppe führte hinab in einen gewölbten Tunnel. Lampen in messingfarbenen Drahtgehäusen beleuchteten den Gang und Stromleitungen sowie Kupferrohre verliefen an Decke und Boden, immer wieder unterbrochen von Zuleitungen und Ventilrädern. Ein seltsames Stampfen und Schnaufen wie von altersschwachen Maschinen rumorte in den Rohren und aus einigen der Ventile trat zischend Dampf aus.

»Hat was.« Beeindruckt versuchte Jamie eins der dampfenden Zuleitungsventile zu schließen, doch das Rad ließ sich nicht drehen.

»Ist aber nichts für Leute mit Klaustrophobie«, meinte Charlie.

Der Gang war gerade breit genug, um zu zweit nebeneinander laufen zu können, und in der Höhe hatte er auch nicht viel zu bieten. Wenn Will den Arm ausstreckte, konnte er die Kupferrohre unter der Decke berühren.

»Die Warnung stand ja in der Anmeldung«, sagte Zack. »Und ich wage mal zu bezweifeln, dass Leute mit stark ausgeprägter Klaustrophobie überhaupt Interesse an einem Bunkerabenteuer hätten.«

Nach gut dreißig Metern mündete der Tunnel in einen großen Raum, in dem sich die Sicherheitsschleusen für Gepäck und Spieler befanden. Auch hier hatte man das Steampunkambiente umgesetzt. Es gab noch mehr Kupferrohre und Kabel sowie seltsame mannshohe Apparaturen, in denen Leuchtdioden flackerten, Zahnräder klickten und Kolben stampften. An einer Wand standen alt aussehende nummerierte Metallspinde mit Tastenfeldern. Vergilbte Hinweisschilder in altertümlicher Schrift wiesen sie an, ihre Wertsachen, elektronischen Geräte und alle Gegenstände, die im Bunker nicht gestattet waren, in ihren zugewiesenen Spind einzuschließen, dann ihr übriges Gepäck zum Scannen auf ein Fließband zu legen und selbst nacheinander durch die Sicherheitsschleuse zu treten.

Ned trat an den Spind mit der Nummer 42 und gab den Code ins Tastenfeld ein, den sie bei der Buchungsbestätigung für ihre Gruppe erhalten hatten. Die Tür sprang auf und im Inneren des kleinen Schrankes wartete ein Zettel auf sie.

EBENE 3, QUARTIER 318

TÜRCODE: 9427

Die sechs schlossen ihre Handys, Autoschlüssel und Geldbörsen ein und folgten dann den weiteren Anweisungen auf den Hinweistafeln.

»Warum sieht es hier eigentlich so alt aus?«, überlegte Charlie, als sie auf der anderen Seite der Sicherheitsschleuse ihren gescannten Rucksack vom Fließband nahm. »Die Apokalypse ist hier im Spiel doch angeblich vor zehn Jahren passiert. Hier drinnen sieht es aber eher aus wie vor hundert. Plus Steampunk.«

»Also ich finde das Setting hier ziemlich cool«, antwortete Jemma. »Wäre es dir lieber, wir würden in einem Hightech-Bunker aus dem Jahr 2029 spielen?«

Charlie schüttelte den Kopf. »Nee, Steampunk ist da definitiv cooler.«

»Außerdem sagt ja niemand, dass wir hier wirklich in unserer Welt spielen.« Ned schlang sich seinen Rucksack über die Schulter. »Es ist sicher eher so was wie eine Parallelwelt. Wenn so eine Vogelgrippeseuche vor zehn Jahren bei uns aufgetreten wäre, wären die Regierungen sicher nicht so leichtsinnig gewesen, die Vögel mit einem Gift zu töten, das sie nicht ausreichend auf Nebenwirkungen für Menschen und den Rest des Tierreiches getestet haben.«

Zack schnaubte und trat nach Jamie in die Schleuse, um sich scannen zu lassen. »Da hast du aber eine deutlich optimistischere Meinung zu den Regierungen unserer Welt als ich.«

Will folgte ihm als Letzter durch die Schleuse und als sein Scann abgeschlossen war, öffnete sich eine doppelflügelige Tür an der gegenüberliegenden Wand. Ein kurzer Gang ähnlich dem, durch den sie zuvor gelaufen waren, brachte die sechs zu einer Treppe, die zu einer weiteren Tür führte.

»Zwanzig Stufen drüben runter, zwanzig Stufen hier rauf.« Jamie stützte sich aufs Geländer und stemmte sich die letzte Stufe hoch. »Wir müssten uns also wieder auf Oberflächenlevel befinden.«

»Ist das nicht die Art von Kommentaren, die dieses ganze Wir-sitzen-seit-einer-Ewigkeit-unter-der-Erde-und-können-nicht-raus-Feeling kaputt machen und die wir uns deshalb in den nächsten drei Tagen verkneifen sollen?«, fragte Charlie stirnrunzelnd.

»Okay, sorry. Ich bin schon still.« Jamie schob sich an ihr vorbei und stieß die Tür auf. »Wow.« Völlig überwältigt hielt er einen Moment inne, bevor er über die Schwelle trat. »Das hier ist definitiv um Lichtjahre cooler als irgendein Hightech-Bunker.«

Sie befanden sich ohne Zweifel im Hauptraum der Anlage, einem kreisrunden Atrium mit einer Decke aus messingfarbenen Metallplatten, die sich in gut vierzig Metern Höhe wie eine Kuppel über ihnen wölbte. Ringsum an den Außenwänden führten Wendeltreppen, Stiegen und Leitern zu den Galerien der einzelnen Stockwerke hinauf. Zudem gab es silberne Rutschstangen wie bei der Feuerwehr, die die Ebenen miteinander verbanden. Auf der untersten führten Rundbögen in verschiedene öffentliche Bereiche. Hinweisschilder neben den Durchgängen verrieten, dass sich dahinter Kantine, Versammlungsraum, Club, Krankenstation, Forschungsabteilung und Gemeinschaftsraum finden ließen.

Treppen, Wände und Rundbögen – alles war aus Metall und mit grauen, kupfernen und messingfarbenen Metallplatten in unterschiedlichen Größen verkleidet. Viele wirkten angelaufen und leicht rostig. Dicke Nieten hielten sie zusammen, konnten aber nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass hier alles ziemlich in die Jahre gekommen war.

Wie schon in den Tunneln und im Schleusenraum führten auch hier Kupferrohre entlang der Treppen in die oberen Stockwerke hinauf. Auch sie hatten zischende Ventile, aus denen hier und da Dampf aufstieg. In den Wänden gab es Nischen und Aussparungen, in denen hinter dicken Glasscheiben sonderbare Apparate Kolben stampfen ließen. Unzählige Zahnräder tickten und in altmodischen Glühbirnen glommen Glühdrähte matt vor sich hin. In der Wand zwischen den Durchgängen zu Kantine und Versammlungsraum war hinter Glas ein mannshohes Ziffernblatt eingelassen, das genauso aussah wie das Ziffernblatt der Uhr, hinter der sich in London Big Ben verbarg. Quer durch das Glas zog sich ein dicker Riss, trotzdem lief die Uhr und zeigte kurz nach halb zwölf an, während rund um das riesige Ziffernblatt ein Kranz aus unterschiedlich großen Zahnrädern einen hypnotisierenden Reigen im Takt der Sekunden tanzte.

Doch nicht nur die untere Ebene war faszinierend, auch die oberen hatten einiges zu bieten. Hier befanden sich laut Hinweisschildern die Quartiere der Bunkerbewohner sowie die Büros der Bunkerleitung. All diese Räume bestanden aus verschieden großen Metallwürfeln, die – mal rechteckig, mal quadratisch – nebeneinander an den Außenwänden zu hängen schienen. Als Jamie aus dem Atrium hinauf sah, wirkte es auf ihn wie ein riesiger Bienenstock, den man aus verschiedenen Metallwaben zusammengenietet hatte. Ein Gewirr aus Treppen, Leitern, Rutschstangen und Kupferrohren verband die einzelnen Stockwerke miteinander, während jede Ebene zum Innenraum hin mit einer Galerie aus Gitterböden und Hängebrücken aufwartete. Dicke Stromkabel in schwarzen Ummantelungen zogen sich durch die Stockwerke und ließen altertümliche Laternen leuchten, von denen kaum mal zwei gleich aussahen. Wie das Untergeschoss machte auch oben alles einen improvisierten, zusammengeflickten und abgewohnten Eindruck, sah aber trotzdem einfach nur cool aus.

»Wow«, schloss sich Charlie Jamies Urteil an und wusste nicht, wo sie ihre Augen zuerst hinschauen lassen sollte, um bloß keine Details zu verpassen. »Yep, das hier ist auf jeden Fall genialer als jeder Hightech-Bunker.«

»Es sieht aus wie ein riesiges Klettergerüst.« Auch Ned war beeindruckt weiter in den Innenraum getreten und ließ seinen Blick umherwandern. Dann sah er zu Jamie. »Gut, dass du das geübt hast.«

Jamie verzog das Gesicht. »Hängebrücken standen leider nicht auf meinem Trainingsplan. Die werden also spaßig.«

»Das klappt schon«, meinte Zack zuversichtlich. »Du musst ja nicht alleine da rüber.«

Aus dem Durchgang zum Gemeinschaftsraum drang Lachen zu ihnen herüber und auf der Galerie von Ebene 2 erschien eine Gruppe junger Leute, die über die Rutschstangen ins Atrium hinunter kamen.

»Hi!«, grüßte sie eine junge Frau Anfang zwanzig mit wilden roten Locken. »Gerade angekommen und vom Setting völlig erschlagen?« Sie grinste. »Ging uns vor einer halben Stunde genauso.«

Ein Mann in ihrem Alter trat neben sie und nahm ihre Hand. »Wartet, bis ihr oben seid und eure Unterkunft seht. Die haut euch auch noch mal um. Man sieht sich!« Er hob die Hand zum Gruß und folgte mit seiner Freundin dem Rest seiner Gruppe, der durch den Bogen mit der Aufschrift Club verschwunden war.

»Na, dann lasst uns mal unser Quartier suchen.« Will ging zu der Wendeltreppe, die ihnen am nächsten lag und bis ins vierte Stockwerk hochführte. Schnörkelig geschmiedeter schwarzer Stahl diente als Geländer und Gitterroste als Stufen. Sie knarzten altersschwach, als die sechs nach oben kletterten. Auf jeder Ebene mündete die Treppe auf eine kleine Plattform, die auf die Galerien führte. Der Boden bestand überall aus den gleichen schwarzen Stahlgittern, durch die man hinunter zur nächsten Ebene oder sogar bis ins Atrium hinab schauen konnte.

»Stand im Kleingedruckten eigentlich auch eine Warnung für Leute mit Höhenangst?«, fragte Charlie, als sie die dritte Ebene erreichten. »Dieser durchsichtige Boden ist nämlich mit Sicherheit nicht jedermanns Sache.«

Jemma trat an ihr vorbei und suchte die Zimmernummern an den beiden Wohncontainern neben der Treppe. Links lag 307, rechts 308. Sie wandten sich nach rechts und folgten der Galerie. Wohneinheiten in verschiedenen Größen quetschten sich aneinander. Größere und kleinere, alle verkleidet mit den allgegenwärtigen Metallplatten, die mit dicken Nieten aneinandergeheftet waren. Manche der Container hatten sogar Fenster.

Zwischen Wohnwürfel 311 und 312 gab es einen Durchgang, der zu einer schweren Eisentür führte. Notausgang stand darüber, gut sichtbar beschienen von grünen Leuchtstoffröhren.

»Ich wette, zwischen der Außenwand des Bunkers und der Außenwand der Spielweltkuppel liegt ein stinknormales Treppenhaus«, meinte Ned, als sie daran vorbeigingen.

Will nickte. »Mit Sicherheit. Sonst wäre der Bunker niemals durch die Brandschutzprüfung gekommen. Wendeltreppen, Leitern und Rutschstangen sind als Fluchtwege nicht zugelassen.«

Was das anging, war er mittlerweile Experte. Der Abriss der alten Atkinson-Klinik ging gut voran und Will hatte sich mit seinem Vater erste Entwürfe für die Anlage der Zuflucht anfertigen lassen, die er dort für Kinder und Jugendliche aufbauen wollte, die nicht bei ihren Familien leben konnten oder wollten. Die Sicherheitsauflagen bei solchen Bauprojekten waren enorm.

»Okay, jetzt wird es spannend.« Jamie biss sich auf die Unterlippe.

Container 315 war ein XXL-Exemplar und gute acht Meter lang – und fast die Hälfte davon galt es auf der Galerie als Hängebrücke zu überqueren, um zu den dahinterliegenden Wohnwürfeln zu gelangen.

»Gib mir deinen Rucksack«, bot Ned an. »Ist für dich sicher leichter, das Gleichgewicht zu halten, wenn du keinen zusätzlichen Ballast mitschleppen musst, oder?«

Jamie streifte seinen Rucksack von den Schultern und reichte ihn Ned. »Danke.«

»Kein Thema.«

»Willst du es alleine versuchen?«, fragte Zack.

Jamie nickte. Dicke Seile und ein Kettennetz sicherten die Brücke an den Seiten. Wenn er sich daran festhielt, sollte er es eigentlich hinbekommen. »Aber kannst du vorgehen? Für alle Fälle?«

»Na klar.«

Zack betrat die wacklige Brücke und drehte sich nach ein paar Schritten zu Jamie um. Der griff die Haltetaue und trat vorsichtig mit seinem stärkeren Bein auf die erste Metallplatte. Sie schwankte ziemlich und es kostete ihn einige Überwindung, sein linkes Bein nachzuziehen. Unsicher brauchte er einen Moment, um das Gewackel auszubalancieren, dann wagte er den Schritt auf die nächste Metallplatte. Sie waren so groß wie Gehwegplatten, was es einfacher machte, da sie genug Platz boten, um seine Füße komplett draufstellen zu können, und schon nach dem zweiten Schritt fühlte Jamie sich sicherer. Platte für Platte näherte er sich dem Ende der Brücke und freute sich tierisch, als er ohne Probleme den letzten Schritt auf den stabilen Gitterboden der Galerie machte.

Lächelnd schloss Zack ihn in seine Arme, als er das freudige Funkeln in Jamies Augen sah. »Na, das ging ja wohl ziemlich easy, was?«

Jamie grinste stolz und stahl sich einen Kuss. »Yep.« Dann schnappte er sich Zacks Hand und zog ihn mit sich zum Wohncontainer mit der Nummer 318. »Hey, wie cool! Wir haben Fenster!«

Auch ihre Wohneinheit war ein XXL-Exemplar und wie alle anderen Türen, an denen sie auf der Galerie vorbeigekommen waren, war auch die von 318 mit einem elektronischen Tastenfeld gesichert. Jamie tippte ihren Code ein und die Tür sprang auf.

»Na dann, Hängebrückenbezwinger first.« Grinsend stieß Zack die Tür für Jamie ganz auf und machte eine einladende Handbewegung in den Container hinein.

»Danke, aber die Hängebrücke haben wir ja eigentlich alle bezwungen, oder nicht?« Er knuffte Zack liebevoll in den Bauch, als er an ihm vorbei in ihre Unterkunft trat.

Der Container war ein bisschen größer als das Zimmer, das Jamie sich daheim mit Zack teilte, hätte aber nicht unterschiedlicher aussehen können. Statt weiß gestrichenen Wänden und hellem Teppichboden gab es hier an Wänden, Boden und Decke die obligatorische Metallverkleidung. Auf dem Boden zum Glück aber ohne dicke Nieten, die böse Stolperfallen gewesen wären. Dort waren die Platten zusammengeschweißt worden. An der Wand, die der Eingangstür gegenüberlag, ließen zwei braune Metalltüren auf kleinen Schildern wissen, dass sich hinter ihnen die Badezimmer befanden. Zwischen den beiden Türen stand eine Holzkommode, die irgendwann in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vielleicht mal der letzte Schrei gewesen war. Davor quetschte sich ein abgewetztes Sofa mit zwei Sesseln und einem Couchtisch, der aus der gleichen Epoche stammen musste wie die Kommode. An der rechten Wand neben dem Eingang standen zwei Etagenbetten mit schwarzen Eisengestellen, ein drittes stand neben einem verkratzten Metallschrank an der linken Wand. Ein ausgeblichener Perserteppich lag quer im Raum und bedeckte einen Großteil des Bodens, während an der Decke kupferfarbene Rohre entlangliefen. Zwei hübsche Messinglampen hingen rechts und links an den Wänden, eine weitere stand mit einem Wasserkocher, einer Obstschale, einem Korb mit Besteck, Gläsern, Tassen und mehreren verbeulten Vorratsdosen auf der Kommode und spendete dort Licht.

»Home, sweet Home.« Charlie trat als Letzte ein und kickte die Tür hinter sich zu. »Nicht unbedingt so, wie ich mein Zuhause einrichten würde, aber hier in diesen Steampunkbunker passt es perfekt. Und das Bild da drüben ist cool. Oder soll das ein Fenster sein?«

Über der Kommode hing ein ein mal ein Meter großer Rahmen, der einen täuschend echt aussehenden Blick auf eine idyllische Waldlichtung lieferte. Sonnenstrahlen brachen durch die dichten Baumkronen, die sich in sachtem Wind bewegten, und zeichneten helle Muster auf den Waldboden.

Ned hob die Schultern. »Keine Ahnung. Vermutlich soll es wohl vor allem dazu dienen, dass man hier in der Bude keinen Koller wegen fehlendem Tageslicht bekommt.«

»Clever. Wer nimmt welches Bett?«

Die Verteilung der Schlafplätze war schnell erledigt, genauso wie die Inspektion der Badezimmer, die beide winzig waren, aber zwei Duschen boten und optisch perfekt ins Ambiente passten. Sie schauten in Schrank und Kommode, fanden sie aber bis auf zwei Taschenlampen leer vor. Im Obstkorb auf der Kommode türmten sich dafür frische Äpfel und Birnen und in den Vorratsdosen entdeckten sie Kekse, Kräcker, Teebeutel und Portionspäckchen mit Milch und Zucker.

Das Wichtigste befand sich aber in zwei Metallboxen, die auf dem Couchtisch standen. In der blauen lagen sechs CyberSpecs, in der roten sechs lederne Armbänder, in die kleine Displays eingelassen waren.

Jemma nahm eins heraus und aktivierte den Bildschirm.

WILLKOMMEN TOUGH COOKIES.

DIESES ARMBAND IST FÜR DIE DAUER EURES AUFENTHALTS DAS EIGENTUM VON ZACHARY WATTS.

DIE CYBERSPECS SYNCHRONISIEREN SICH AUTOMATISCH MIT DEM TRÄGER EINES ARMBANDS.

»Hier, für dich.« Sie reichte das Armband an Zack weiter, nahm ein zweites und erwischte Wills. Das dritte war ihr eigenes.

Jamie hatte auch eins der Armbänder aus der Kiste gefischt und gleich auf Anhieb sein eigenes gefunden. »Hm. Viel passiert hier noch nicht.«

Das Display war ein Touchscreen, doch egal wie oft er drauftippte oder drüberwischte, außer der Begrüßung, dem Hinweis auf den Eigentümer und die aktuelle Uhrzeit zeigte sich nichts.

»Vermutlich aktiviert es sich erst, wenn das Spiel offiziell startet«, meinte Ned.

»Macht Sinn.« Jamie legte das Armband an.

Auch Will schnallte seines um und deutete dann auf eine große, leicht vergilbte Konstruktionszeichnung, die an der Wand neben den beiden Etagenbetten hing. »Habt ihr das hier schon gesehen? Das ist ein Bauplan vom Bunker.«

Ned stieß ein schnaubendes Lachen aus und klopfte seinem großen Bruder neckend auf die Schulter. »Ich weiß ja, dass du im Moment total auf solche Pläne abfährst, aber wie wäre es, wenn wir einfach rausgehen und uns den Bunker in echt ansehen?«

»Au ja!« Jamie hatte seinen Kulturbeutel in eins der Bäder gebracht und befand spontan, dass der Rest seiner Klamotten perfekt im Rucksack aufgehoben war und nicht ausgeräumt werden musste. »Es ist erst kurz nach zwölf. Lasst uns vor der offiziellen Einführungsversammlung noch ein bisschen auf Entdeckungstour gehen!«

Kapitel 4

 

Da es auf den oberen Ebenen nichts außer Wohncontainern gab, stiegen die sechs wieder hinunter zum Atrium und bis auf Jamie gönnten sich alle den Spaß, das letzte Stockwerk an der Feuerwehrstange hinunterzurutschen.

»Willst du es auch versuchen?«, fragte Zack. »Will und ich können dich unten abfangen, damit du nicht zu hart aufkommst.«

Jamie schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Wenn ich mich nicht richtig halten kann oder mir die Kräfte ausgehen, fall ich vier Meter tief. Wenn euch das passiert, verstaucht ihr euch vermutlich nur den Knöchel. Bei mir …« Er ließ den Satz unbeendet, zuckte aber bloß leichthin die Schultern und wandte sich der Treppe zu. »Aber so wichtig ist mir das Runterrutschen auch nicht.« Er grinste herausfordernd. »Und bis ihr alle nacheinander gerutscht seid, bin ich locker vor euch unten, wetten?«

Jamie gewann tatsächlich.

»Wollen wir uns als Erstes den Gemeinschaftsraum ansehen?«, schlug Charlie vor. »Vielleicht sind Keira, Shay und Paige schon da.«

Sie liefen zu dem Torbogen, durch den Gelächter und Stimmengewirr hinaus in den Innenraum drangen. Hinter dem Durchgang befand sich ein Raum, der gut die doppelte Größe eines Klassenzimmers maß und genau wie die anderen Räume mit viel Metall, Rohren und Zahnrädern dekoriert worden war. Es gab abgewetzte Sofas und Sessel, in Form und Mustern wild zusammengewürfelt, die in kleinen Sitzgruppen beieinanderstanden, außerdem boten ein Kicker sowie ein Billard- und ein Airhockey-Tisch Möglichkeiten zum Zeitvertreib. In einer Ecke rumpelte und schnaufte eine seltsame Maschine mit zig verschiedenen Hebeln und Knöpfen und spendete sowohl Kaffee und Tee als auch diverse kalte Getränke.

Der Gemeinschaftsraum war schon gut gefüllt. An die fünfzig Leute saßen in kleinen Gruppen zusammen oder hatten die Spieltische in Beschlag genommen. Shay, Paige oder Keira sahen die sechs allerdings nicht. Sie hatten die drei während ihres Aufenthalts in Yonderwood, dem ersten je eröffneten CyberPark, kennengelernt. Seitdem waren sie gut befreundet und die neun hatten sich für diese Spieleinheit gemeinsam angemeldet.

Ned überprüfte seine Armschelle. »Funktioniert noch immer nicht. Schade, sonst hätten wir versuchen können, sie zu kontaktieren.«

»Na, spätestens bei der ersten Versammlung sehen wir sie ja.« Jemma steuerte den Rundbogen mit Club an. »Erkunden wir einfach weiter, was es hier unten so alles gibt.«

Beim Club kamen sie allerdings nicht weit. Der Durchgang führte in einen kleinen Vorraum, dann versperrte ihnen eine mit Nieten besetzte Doppeltür den Weg. Geöffnet ab 20.00 Uhr verkündete ein leicht angelaufenes Messingschild, das mit einer Kette an einem rostigen Haken neben der Tür hing.

»Okay, bei einem Club macht es Sinn, dass der nur abends auf ist.« Will wandte sich um und steuerte den Durchgang zur Kantine an, doch auch hier versperrte ihnen eine Doppeltür den Weg. Daneben hing eine Tafel, die wissen ließ, wann es Frühstück, Lunchsnacks und Abendessen gab.

»Heute fallen die Snacks wohl noch aus«, meinte Zack mit einem Blick auf seine Uhr.

Sie liefen zurück in den Hauptraum.

»Bleiben noch der Versammlungsraum, die Krankenstation und die Forschungsabteilung. Wohin als Nächstes?«, fragte Charlie.

»In den Versammlungsraum müssen wir ja eh gleich und die Krankenstation ist vermutlich nur als Anlaufstelle für Erste Hilfe gedacht, falls sich hier jemand verletzt.« Jamie lief zum Torbogen, über dem Forschungsabteilung stand. »Lasst uns da mal nachsehen.«

Doch auch hier endete die Entdeckungstour in einem Vorraum mit verschlossenen Türen. Zugang nur für wissenschaftliches Personal stand in schwarzen Buchstaben darauf geschrieben.

»Okay, wirklich viel haben wir jetzt noch nicht entdecken können«, seufzte Jamie enttäuscht.

»Na, offiziell hat die Spielrunde ja auch noch nicht angefangen«, gab Ned zu bedenken. »So richtig los geht es sicher erst nach der ersten Versammlung.«

Sie traten zurück ins Atrium.

»Wollen wir dann doch schon mal in den Versammlungsraum gehen?«, schlug Jemma vor. »Es ist zwanzig vor eins. Wir könnten Plätze für Keira, Shay und Paige freihalten.«

»Nicht nötig, wir sind selbst hier. Live und in Farbe.« Shay kam von einer der Rutschstangen zu ihnen herübergelaufen und schloss Jemma in ihre Arme. »Aber lieb, dass du an uns gedacht hast. Hi Charlie. Hi Jungs.«

Es folgte das übliche Begrüßungshallo, als auch Paige und Keira bei ihnen ankamen.

»Warum seid ihr so spät?«, erkundigte sich Charlie, während die neun gemeinsam zum Versammlungsraum hinüberschlenderten.

»Frag nicht«, stöhnte Paige. Sie hatte ihre Finger mit Shays verschränkt und strich sich eine Strähne ihrer dunkelgrün gefärbten Haare hinters Ohr. »Der Verkehr aus London raus war heute Horror pur. Ein Stau nach dem anderen. Wir haben es gerade noch rechtzeitig zum Einchecken geschafft.«

»Aber jetzt sind wir da und freuen uns riesig auf die drei Tage mit euch.« Keira hatte sich bei Charlie und Jemma untergehakt und betrachtete beeindruckt die riesige Uhr in der Wand zwischen Kantine und Versammlungsraum. »Das Setting ist jedenfalls schon mal ziemlich perfekt. Ich liebe diesen ganzen Steampunkkram.«