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Offen, ehrlich und authentisch erzählt die Autorin von ihrem Weg aus der Krise (Burn-out, Panikattacken, Sinnlosigkeit,..) hin zu einem Leben in Leichtigkeit und Lebensfreude. Ein unterhaltsam geschriebener Erfahrungsbericht, der inspiriert und Mut macht, seine eigenen Talente zu entdecken und zu leben.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Puste dich in den Stein
Was bisher geschah
Im Raum der Erinnerung
Fliegeralarm
Regelschmerzen, aus der Ferne betrachtet
Kleine Dinge – große Wirkung
Soll ich oder soll ich nicht?
Widerstand ist zwecklos
Los geht’s!
Traktor oder Rennwagen?
Ich bin schön
Dancing Queen
Beziehungsweise
Im Bett wird’s so richtig nett
Die Allergien verfliegen
Ich singe!
Das Klavier und ich
Das Glück der Erde
Pferde stärken
Und jetzt?
Nachwort
Mein Dank gilt allen Menschen, die mich auf meinem bisherigen Weg begleitet und unterstützt haben, allen voran meinem Mann Thomas.
Speziellen Dank an alle, die mich bei der Entstehung meines Buches durch Zuhören und Anregungen, mit ihre Begeisterung und ihrem Wissen unterstützt haben: Mareike Aram, Anke Baum, Claudia Burger, Christoph Luger, Andreas Mersa, Maria Mittermayer, Birgit Platzer und Kerstin Wagner.
Und natürlich: Danke, Martin.
„Was ist dein Problem?“
Der Mann, der mir gegenübersitzt, blickt mich ruhig und konzentriert an.
Ich zögere. Es fällt mir schwer, mein Problem auszusprechen. Sanft ruht sein Blick auf mir, als hätten wir alle Zeit der Welt. Tief hole ich Luft und sage: „Mein Zahnfleisch geht zurück.“
„Was macht das mit dir?“
„Es macht mir Angst, riesengroße Angst.“
Ich schäme mich dafür, dass es mich so sehr mitnimmt und beschäftigt. Auch kann ich nicht erklären, warum das so ist.
„Angst wovor?“ ist alles, was er wissen will.
Bevor ich mir der Antwort bewusst bin, höre ich mich sagen: „Angst zu sterben.“
Er hält mir einen Stein hin: „Da, puste die Angst in den Stein.“
Ich tue wie geheißen und fühle mich mit einem Mal geborgen. Alles darf so sein. Ich darf so sein. Meine Angst darf da sein.
Er deutet auf die Liege.
„Schließe die Augen“, sagt er sanft und umfängt meinen Kopf mit seinen Händen. „Du wirst mich rasseln hören. Ich werde manchmal über deinen Körper pusten. Vielleicht siehst du Bilder oder fühlst etwas. Wichtig ist nur, dass du deinen Körper ganz still hältst.“
Dann beginnt er mit dem Rasseln. Dazu pfeift er leise eine Melodie. Ich liege da. Ich warte. Ich fühle nichts und ich sehe auch nichts. Nicht einmal Gedanken sind da. Plötzlich und unerwartet pustet er von rechts über meinen Bauch. Der Stoff meines Sommerkleides fühlt sich feucht an. Ich befinde mich in keiner Trance und bin bei vollem Bewusstsein. Doch was mir jetzt in den Sinn kommt, ist seltsam absurd: Ich bin davon überzeugt, dass ich blute. Wie soll ich so auf die Straße gehen?
Das Rasseln und die Melodie umgeben mich. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Wieder pustet der Mann. Dieses Mal über meinen Brustkorb. Schmerz durchfährt mich, als würde mir etwas aus dem Körper gerissen. Jetzt habe ich zwei Wunden, aus denen ich blute. Unendliche Traurigkeit steigt in mir hoch. Woher dieses Gefühl kommt, weiß ich nicht, ich kann jedoch nicht anders, als den Tränen freien Lauf zu lassen.
„Die Sitzung ist jetzt vorbei. Ich lasse dich kurz allein.“
Behutsam holen mich diese Worte ins Jetzt. Als sich die Türe schließt, öffne ich langsam meine Augen und blicke an mir hinunter. Natürlich ist mein Kleid nicht blutig. Es ist nicht einmal feucht. Ein mir fremder, aber nicht unangenehmer Geruch liegt in der Luft. Neben der Liege auf dem Boden steht eine schmale gelbe Flasche mit buntem Etikett und spanischer Aufschrift. Während ich noch versuche, sie zu entziffern, betritt der Mann wieder den Raum. Was ich gesehen hätte, will er wissen.
Leise gestehe ich, dass ich gar nichts gesehen habe. Mir ist es unerklärlich. Sonst sehe ich alles in Bildern und kann ganze Filme im Kopf ablaufen lassen. Hier hat mich hingegen nur Schwärze umgeben.
Er lächelt. Das sei ganz in Ordnung so. Denn die Geschichte wäre zu heftig gewesen, um sie mir sozusagen noch einmal zu zeigen. Dann sagt er fast beiläufig, er habe die Energie meines Großvaters aus meiner Energie entfernt. Ich blicke ihn sprachlos an.
Was er nicht wissen kann: Drei Jahre zuvor habe ich eine Familienaufstellung zum Thema Angst gemacht und dabei bin ich auf meinen Großvater gekommen. Die Aufstellung war berührend, aufschlussreich und anstrengend. Die Angst ist geblieben.
„Es war nicht leicht, deinen Großvater zu überreden. Er hat dich sehr geliebt und wollte dich einfach nicht verlassen“, erzählt er mir. „Aber letzten Endes hat er sich doch ans Licht führen lassen.“
„Ich habe auf einmal so viel Traurigkeit verspürt.“
„Das war seine Traurigkeit“, erklärt er mir. „So manches in deinem Leben kann sich jetzt verändern, denn dein Großvater hat viele deiner Handlungen mitbestimmt.“
Damit ist meine erste Sitzung bei Martin Brune zu Ende.
Ein paar Jahre vor dieser ersten Sitzung hatte mich ein Burnout aus meinem damaligen Leben katapultiert. Als gelernte Grafik Designerin hatte ich diesen Beruf zehn Jahre lang ausgeübt, teils angestellt, dann wieder freiberuflich. Zuletzt hatte ich die Grafikabteilung einer großen Weinhandelskette geleitet. Lange Zeit hatte mir meine Arbeit Freude bereitet. Mit Begeisterung hatte ich mich in die Arbeit gestürzt und oft bis spät in die Nacht gearbeitet, war sonntags gerne allein in der Abteilung gewesen, wo ich in Ruhe gestalten und entwerfen konnte. Ich arbeitete sehr viel. Ich war meine Arbeit.
Über die Jahre hatte es genug Zeichen geben, die mir zu verstehen geben wollten, dass mir die Art und Weise, wie ich mein Leben lebte, nicht wirklich guttat. Mein Körper reagierte darauf. Aber ich verstand die Botschaften nicht. Meine körperlichen Beschwerden (Verdauungsprobleme, Akne, Regelschmerzen, Nervosität, Allergien …) versuchte ich über Akupunktur, TCM und Kinesiologie in den Griff zu bekommen. Mal ging es besser, dann wieder schlechter. Es war immer irgendwo etwas nicht in Ordnung.
Das Abhandenkommen der Lebensfreude geschah unbemerkt. Meine Arbeit erfüllte mich irgendwann nicht mehr. Allein die Anforderungen an mich stiegen. Es galt immer mehr zu produzieren. Schließlich konnte ich nicht mehr abschalten und dachte vor dem Einschlafen darüber nach, was ich am nächsten Tag alles zu erledigen hatte. In manchen Wochen war ich so angespannt, dass ich gleich nach dem Aufwachen zu schwitzen anfing. Das blieb dann den gesamten Tag so. Nur am Wochenende, wenn ich Zeit hatte, im Garten zu arbeiten, wurde es ruhiger in mir. Montag in der Früh war es damit wieder vorbei.
In einem Urlaub in Irland hatte ich meine erste Panikattacke. Aber die Angst blieb nicht auf der grünen Insel, wie ich gehofft hatte. Der Heimflug, den ich mit Mühe schaffte, sollte für acht Jahre der letzte Flug sein. Die nächste Panikattacke hatte ich tags darauf im Büro, als mir der Firmenbesitzer aufzählte, was er sich so in nächster Zeit alles von der Grafikabteilung wünschte. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, hielt geheim, was mit mir passierte. Anfangs kam die Angst nur, wenn ich allein in unbekannten Gegenden war. Später konnte sie überall auftreten, wenn niemand in meiner Nähe war, dem ich vertrauen konnte, also auch in der U-Bahn, mitten unter anderen Menschen. Die Angst schränkte mich ein. Es kam auch immer mehr die Angst vor der Angst. Mir dämmerte, dass ich in eine Sackgasse geraten war. So fing ich an zu überlegen. Es musste sich etwas ändern, aber ich wusste nicht wie und was. Mehr Grafikerinnen in der Abteilung? Zusätzliche freie Mitarbeiter? Schnellere Computer? Weniger Stunden oder Teilzeit? Aber wie sollte das gehen? Oder vielleicht doch ein Kind? In meinem Kopf arbeitete es unaufhörlich.
Dann kam der 11. September 2001. Die schrecklichen Ereignisse in New York ließen mich zu dem Schluss kommen, dass es mir trotz allem sehr gut gehe und ich keinen Grund zur Klage hätte. Ich befahl mir, dankbar zu sein und mit dem Grübeln aufzuhören.
Ein paar Monate später fuhr ich mit meinem Mann Thomas in den Winterurlaub – ohne Schi, denn ich hatte einfach keine Kraft, den von mir so geliebten Sport auszuüben. Auf der Hinfahrt saß ich heulend auf dem Beifahrersitz. Es war nur Schwere in mir und ich wusste nicht mehr weiter.
„Warum hörst du nicht einfach auf zu arbeiten und machst eine Zeit lang nichts?“
Dieser Satz aus Thomas’ Mund brachte die Wendung, die unser beider Leben schließlich zur Energiearbeit bringen sollte. Damals saßen wir nicht weit von einer Almhütte auf einem Baumstamm. Das Tal war tief verschneit und still, der Himmel strahlend blau und etwas von dieser Helligkeit konnte ich auf einmal auch wieder in mir fühlen. In diesem kostbaren Moment konnte ich spüren, dass Thomas recht hatte. Es war Zeit, mit meinem Job aufzuhören. Auch wenn ich damals überhaupt keine Idee hatte, wie es weitergehen könnte. Wir ahnten beide nicht, dass wir Jahre später genau an diesem Platz, in dieser Almhütte, unsere erste Visionsreise anbieten würden.
Aus dem Urlaub zurück kündigte ich. Einen Monat später war ich frei und dachte, dass ich nach ein paar Tagen wieder lustig und munter sein würde. Dem war nicht so. Denn jetzt kam erst alles nach oben: Müdigkeit, Traurigkeit, Ängste … Ich wusste auch nicht, wohin mit mir, schämte mich, fühlte mich wie eine Versagerin. Keine Karriere, keine Kinder, keine Ahnung, wo es hingehen sollte, keine Lebenskraft – und das mit 33 Jahren.
Was mir damals überhaupt nicht bewusst war: Mein Körper, meine Energie war angefüllt mit Schwere. Wie ein Gefäß, das nichts mehr fassen kann, war ich am Überlaufen.
Man kann sich den Menschen als Gefäß vorstellen – „vessel“ ist der englische Begriff für Gefäß, davon leitet sich auch der Begriff „Vesseling“ ab. Unser Gefäß ist am Anfang des Lebens leer. Es gibt also viel Raum für Leichtigkeit und Lebensfreude. Im Laufe des Lebens füllt es sich mit Schwere an. Ist es bis zur Hälfte voll, gibt es immerhin noch die andere leere Hälfte, in der Leichtigkeit, Freude, Liebe und Kreativität Raum haben.
Allerdings ist bei vielen Menschen das Gefäß fast bis an den Rand gefüllt. Dieses volle Gefäß lässt einen kaum noch Leichtigkeit empfinden. Meist hat die Schwere das Sagen. Sie speist uns mit sorgenvollen Gedanken, um die sich den ganzen Tag alles dreht. Die Welt, durch ein volles Gefäß gesehen, kommt manchem nur mehr böse, unsicher, hässlich und bedrohlich vor. Die Schwere legt sich auf das Gemüt und schließlich auch auf den Körper. Krankheiten beginnen sich zu manifestieren. Quillt das Gefäß über, dann geht einfach nichts mehr.
So saß ich mit meinem vollen Gefäß zu Hause. Die ersten Wochen waren für mich sehr dunkel. Ich verkroch mich, wurde von Gedanken gequält und versuchte ständig zu verstehen, was mit mir passiert war. Nichts lenkte mich mehr von meiner Schwere ab – weder konnte ich in diesem Zustand Filme oder Serien sehen, noch interessierte mich Essen. Offenbar hatte ich einen Punkt erreicht, wo etwas in mir wollte, dass ich endlich damit begann, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich begann Bücher zu lesen, die Hilfe versprachen. Manche gaben mir in dem Moment Hoffnung und Kraft. Leider konnte ich mir nichts davon ins Leben holen. Dann fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände, in dem ein Mann über seine Erfahrungen mit Yoga berichtete. Es schien ihm ähnlich ergangen zu sein wie mir. Als ich Tage später „zufällig“ an einem Yogastudio vorbeikam, meldete ich mich für Ashtanga-Yoga an. Ein Strohhalm, nach dem ich griff.
Diese zwei Stunden forderten mich auf allen Ebenen so sehr, dass ich zum ersten Mal seit ewiger Zeit keine Möglichkeit hatte, an etwas anderes zu denken, als an das, was jetzt gerade zu tun war. Danach war für einen ganzen Abend Stille in mir. Ich hatte sogar wieder Appetit.
Da ich nichts anderes zu tun hatte und auch nicht wusste, wie ich meinen Ängsten und meinen schweren Gedanken entgehen konnte, gab ich mich voll und ganz dem Ashtanga-Yoga hin. Anfangs dreimal, bald schon sechsmal pro Woche rollte ich meine Matte aus und hoffte jedes Mal von Neuem, dadurch inneren Frieden finden.
Beim Yoga wurde ich mir zum ersten Mal meiner Gedanken wirklich bewusst. Ständig haderte ich mit meinem Aussehen, meinem Können, mit dem, was ich in der Vergangenheit getan oder nicht getan hatte. Immer wieder verglich ich mich mit anderen Frauen, die um mich herum ihre Asanas praktizierten und natürlich alles besser konnten – und dabei auch noch schöner aussahen. Mir gingen nur negative Gedanken durch den Kopf. Ich quälte und bestrafte mich quasi ständig. Auch erkannte ich, dass ich mich bereits am Anfang der Stunde vor schwierigen Übungen fürchtete, die noch gar nicht an der Reihe waren und manchmal auch gar nicht angesagt wurden. Genauso lebte ich. Ständig in Angst vor Dingen oder Ereignissen, die nicht da waren und vielleicht auch nie kommen würden.
Auch auf der körperlichen Ebene entpuppte sich Yoga für mich als große Herausforderung. Mein Körper war steif, die Sehnen verkürzt, nicht weich und dehnbar wie sonst bei anscheinend allen Frauen im Raum. Muskeln und Kraft hatte ich auch nicht wirklich. So gab es kaum eine Übung, die mir leicht fiel. Gerade weil ich auf allen Ebenen so gefordert war, schaffte ich es nicht mehr, mich mit meinen schweren Gedanken zu identifizieren. Darum war ich nach einer Yoga-Einheit wirklich in meinem Körper und somit im Hier und Jetzt. Mit der Zeit erholte sich meine Seele. Mein Körper wurde kräftiger. Die Lebensfreude kam langsam zurück. Ich konnte wieder lachen und traute mich mehr in die Welt hinaus.
Die Umwelt nahm meine Veränderung wahr und bekam vor allem meine Begeisterung für Yoga mit. Als mich mein Yoga-Lehrer fragte, ob ich bei ihm in der Klasse assistieren wollte, sagte ich freudig zu, hatte ich mir doch genau das bereits heimlich gewünscht. Allerdings hatte ich auf diese Art noch nie mit Menschen gearbeitet und wusste nicht, ob ich das überhaupt konnte. Zu meinem Erstaunen fühlte es sich gleich in der ersten Stunde vertraut an. Meine Hände wussten vor meinem Kopf Bescheid, was zu tun war.
Ich war überglücklich, als mir ein paar Monate später angeboten wurde, eine Yogaklasse zu übernehmen – und das ausgerechnet an meinem Geburtstag. Dabei hatte ich keinerlei Ausbildung, nur meine Selbsterfahrung und meine Begeisterung. Mit der Zeit kamen weitere Klassen dazu. Das Leben hatte mich zur Yoga-Lehrerin gemacht, sehr zu meinem eigenen Erstaunen. Damals dachte ich, jetzt wäre ich angekommen. Es war jedoch nur ein weiterer Schritt in jene Richtung, in die es für mich offenbar gehen sollte. Denn ein paar Jahre später wählte ein gewisser Martin Brune für seinen Vortrag ausgerechnet einen der beiden Räume aus, in denen ich Yoga unterrichtete. Der Vermieter bat mich, dem „Schamanen“1, wie Martin sich damals noch nannte, aufzusperren. Ich entschied mich, den Vortrag anzuhören. Zwar war ich neugierig, aber auch mit einem gewissen Misstrauen ausgestattet. Schamanismus erschien mir zu mystisch und unheimlich.
1Die Bezeichnung für die Absolventen der Energieschule hat sich über die Jahre gewandelt von Schamane zu Energieseher und schließlich zu Vesseling Practitioner. Diese drei Begriffe sind demnach auf den folgenden Seiten als gleichwertig anzusehen.
Ich eile die Straße zum Yogastudio hinauf. Mein Hund Wodka hat alle Zeit der Welt und will nur stehen bleiben. Ungeduldig zerre ich ihn weiter, denn wir sind schon spät dran. Wie der Schamane wohl aussieht? Lange Haare? Ungepflegt? Eingeraucht? Als ich in die Seitengasse einbiege, steht Herr Brune bereits vor dem Haustor, in deutscher Pünktlichkeit, Jeans und T-Shirt und mit gepflegtem Kurzhaarschnitt.
Der soll also Schamane sein? Ich habe nicht viel Zeit, mich zu wundern. Martin Brune streckt mir seine Hand entgegen. Als ich in seine Augen sehe, passiert etwas Unerwartetes. Mit einem Mal habe ich das Gefühl, so wahrgenommen zu werden, wie ich wirklich bin. Es spürt sich gut an: wie geborgen sein, wie angekommen. Das alles dauert nur so lange, wie es eben braucht, einander die Hand zu geben. Schon geht es hinauf in den Seminarraum.
Thomas kommt nach und wir richten gemeinsam den Raum her. Da wir beide nur mit einigen wenigen Menschen rechnen, die sich für Martin Brune interessieren, haben wir in unserem Bekanntenkreis Werbung gemacht und versucht, Publikum für den extra aus Köln angereisten „Schamanen“ zu akquirieren. Irgendwie wollten wir nicht, dass er nur fünf Zuhörer hat. Es kennt ihn ja keiner. Der Seminarraum ist neu und noch nicht sehr bekannt. Wer soll also zu diesem Vortrag finden?
Zu unserer Überraschung beginnt sich der Raum zu füllen. Freie Sessel gibt es schon lange nicht mehr. Auch der Boden ist belegt. Erstaunt und gespannt quetschen Thomas und ich uns auf die letzten freien Plätze auf den Fensterbänken. Dann beginnt Martin zu erzählen, aus seinem Leben, von seinen früheren Problemen und von seinem Weg aus der Krise. Seine Worte sind packend, seine Erklärungen einfach. Alles ist so logisch. Ich bekomme Antworten, nach denen ich schon lange gesucht habe. Sehnsucht und Hoffnung sind in mir. In der Pause melde ich mich, ohne viel nachzudenken, für eine Sitzung bei Martin am kommenden Tag an.
Es beginnt der zweite Teil des Abends: Martin wird jetzt eine Energiereise anleiten. Er erklärt, das sei eine geführte Meditation, bei der sich Blockaden lösen können. Wir würden mit geschlossenen Augen regungslos daliegen und einfach nur zuhören. Ob wir dabei seinen Worten wirklich aufmerksam folgen, ob wir Bilder sehen oder nicht, ob wir gedanklich ganz wo anders sind, das alles sei nicht wichtig. Die Auflösung der Schwere passiere im Energiekörper selbst, sagt Martin. Unser Kopf oder unser Wissen sei dafür nicht zuständig. Wesentlich sei nur das absolute Stillhalten des Körpers.
Wir alle haben ein Thema, mit dem wir uns auf diese Reise begeben wollen. Ganz egal, ob dieses Problem unseren Körper betrifft oder unsere Seele, ob man eine Partnerin sucht oder unglücklich in der Arbeit ist, und auch ganz egal, ob man dieses Problem in Worte fassen kann.
„Was macht es mit dir, dass du dieses Problem hast?“
