"Darling Jane". Jane Austen – eine Biographie - Christian Grawe - E-Book
Beschreibung

Die Biographie aus der Feder des Literaturwissenschaftlers und Austen-Experten Christian Grawe bietet eine lebendige Darstellung von Jane Austens Leben und entwirft zugleich ein Gesamtbild des sozialen, politischen und literarischen Umfelds um 1800, das den Hintergrund der Romane bildet.

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Seitenzahl:292

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Christian Grawe

»Darling Jane«

Jane Austen – eine Biographie

Reclam

2010, 2017 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung, Hamburg, unter Verwendung des Farbkupferstichs »Rose / Anémone / Clématite« von Victor nach Pierre-Joseph Redouté (1749–1840). akg-images

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen

Made in Germany 2017

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961210-2

Inhalt

ZwischenblattEinleitungErstes KapitelZweites KapitelDrittes KapitelViertes KapitelFünftes KapitelSechstes KapitelSiebtes KapitelAchtes KapitelNeuntes KapitelZum AutorAbbildungsnachweisPersonenregister

Jane Austen. Aquarell von ihrer Schwester Cassandra Austen, um 1810

Einleitung

Jane Austens sechs Romane Verstand und Gefühl, Stolz und Vorurteil, Mansfield Park, Emma, Kloster Northanger und Überredung haben endlich auch in Deutschland eine breitere Leserschaft gefunden. Da steigt das Interesse, die Autorin hinter ihren Büchern zu finden, sich eine Vorstellung von ihrer Stellung in der Literaturgeschichte zu machen und die Gründe für ihre außerordentliche Beliebtheit zu erfahren.

In der englischsprachigen Welt sind ihre Bücher in unzähligen Leinen- und Taschenbuchausgaben mit und ohne Illustrationen verbreitet und fehlen in kaum einem Jahr im Abiturkanon. Sie haben als Filme und Fernsehserien – etwa die sechsteilige Folge nach Mansfield Park – ein weltweites Publikum gefunden. Jane Austens bekannteste Gestalten sind in England sprichwörtlich. Schon Ende des 19. Jahrhunderts nannte man in manchen Familien einen überschwenglichen Dankbrief nach dem überkandidelten Pfarrer in Stolz und Vorurteil einen »Collins«. Ständig werden ihre Romane von der Literaturwissenschaft neu beschrieben, gedeutet, verglichen. Jedes Jahr werden neue Doktorarbeiten über sie angefertigt. Jeder erhaltene Brief, den Jane Austen geschrieben, jedes Dokument, das sich auf sie und ihre Familie ­bezieht, ist veröffentlicht worden. Die Bibliographie über Jane Austen enthält allein für die Jahre 1952 bis 1972 über 800 Einträge. Jane Austen ist einer der am intensivsten erforschten Schriftsteller der englischen Literaturgeschichte und nach dem Verblassen von Walter Scotts Ruhm der einzige wirklich viel gelesene Autor vor der Viktorianischen Zeit. Sie ist konkurrenzlos der beliebteste Klassiker Großbritanniens.

Die Briefmarken von 1975

Aber nicht allein dies: Es gibt eine Jane-Austen-Gesellschaft. Zu Janes 200. Geburtstag 1975 erschien eine Serie Briefmarken in Großbritannien. Ihre drei Romanfragmente sind in den letzten zehn Jahren von modernen Autorinnen zu Ende gesponnen worden. 1984 ist Jane Austen in Barbara Ker Wilsons (leider allzu naivem) Buch Jane Austen in Australia sogar zur Romanheldin auf dem fünften Kontinent geworden. 1986 hat die englische Autorin Judith Terry den Roman Mansfield Park unter dem Titel Abigail’s Part; or Version and Diversion (Abigails Rolle; oder eine unterhaltsame Variante) aus der Perspektive eines Dienstmädchens im Haus von Sir Thomas Bertram neu erzählt. Es gibt Tassen mit Jane Austens Schattenriss und Postkarten mit ihrem Porträt. Das Haus in Chawton, wo sie gelebt und ihre Bücher geschrieben hat, das Haus in Winchester, wo sie gestorben ist, und die Kirche, wo sie begraben liegt, sind literarische Wallfahrtsorte.

Der englische Dichter Alfred Tennyson fuhr 1867 in das südenglische Seebad Lyme Regis, um die Stelle auf der Mole zu sehen, wo Louisa Musgrove in Jane Austens Überredung die Treppe hinunterfällt. William Allingham, der ihn begleitete und das Ereignis in seinem Tagebuch festhielt, las ihm an Ort und Stelle dann das entsprechende zwölfte Kapitel des Romans vor. 1870 berichtete James Edward Austen-Leigh, einer seiner Freunde benutze die Frage, ob jemand Jane Austen mag, als Test für die Einsichtsfähigkeit einer Person. 1926 veröffentlichte Rudyard Kipling, der heute allenfalls noch durch sein Dschungelbuch weiter bekannt ist, eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Janeites (Die Janiten), in der englische Offiziere, die begeisterte Anhänger Jane Austens sind, im Ersten Weltkrieg an der französischen Front einen einfachen Soldaten zur Lektüre ihrer Romane veranlassen. Außer dem Soldaten, der die Geschichte im Rückblick erzählt und dem ihre Gestalten Modelle der Wirklichkeit geworden sind, werden sie alle im Krieg getötet. Seitdem sind die Begriffe »Janeites« und »Anti-Jane­ites« in England für Verehrer und Gegner Jane Austens eingebürgert. Die Erzählung ist nur ein Dokument für die ­besondere und persönliche Beziehung, die sich über das Literarische hinaus immer wieder gerade zwischen dieser Autorin und ihren Lesern herstellt. Jane Austen ist mehr als eine Klassikerin der englischen Literatur. Jane Austen ist eine Kultfigur.

In Deutschland war sie, soweit ihre Bücher überhaupt verfügbar waren, lange ein Geheimtip. Das hat sich geändert, seit ihre Romane – von 1977 bis 1984 – im Reclam Verlag zum erstenmal vollständig in deutscher Übersetzung erschienen sind. Der Verfasser der Biographie ist seit der zufälligen Lektüre der ersten Seite von Stolz und Vorurteil vor vierzig Jahren ein »Janeite«. Alle Zitate aus Jane Austens Romanen sind den Ausgaben im Reclam Taschenbuch entnommen; die Seitenzahl in Klammern verweist jeweils auf die entsprechende Stelle.

Jede Darstellung von Jane Austen steht vor der Schwierigkeit, dass das biographische Material keineswegs reichhaltig, ja für bestimmte Perioden ihres Lebens geradezu dürftig ist. Das hat mehrere Gründe. Der außerordentlichen Beliebtheit ihrer Bücher heute, ihrem überwältigenden Nachruhm, der sie selbst zweifellos sehr überrascht hätte, steht die Anonymität ihres Daseins als scharfer Kontrast gegenüber. Sie lebte zurückgezogen im Kreis ihrer Familie in der englischen Provinz und kannte keine einzige literarische Persönlichkeit ihrer Zeit. Ihre Bücher erschienen anonym. Nicht einmal ihre weitere Familie wusste, dass sie Schriftstellerin war. Sie ließ die Blätter, auf denen sie ihre Manuskripte schrieb, unter ein Löschblatt gleiten, wenn jemand das Zimmer betrat, und unternahm nichts gegen das Quietschen der Zimmertür, weil es sie rechtzeitig warnte. Eine ihrer Nichten nahm in ihrem Beisein einen ihrer Romane in einer Buchhandlung in die Hand und legte ihn mit einer abfälligen Bemerkung über den Titel wieder auf den Tisch zurück. Ihr ältester Neffe fiel aus allen Wolken, als er drei Jahre vor ihrem Tod erfuhr, dass sie die Romane geschrieben hatte, die er so bewunderte, und er machte ihr sein Kompliment in einem reizenden Scherzgedicht, in dem er seinen Schreck über die Enthüllung ihrer Autorschaft mit dem des Schweins unterm Fleischermesser vergleicht und hofft, der Prinzregent werde sie nun heiraten, falls seine Frau sterben sollte.

Gerade als sie berühmt zu werden begann und der Schleier ihrer Autorschaft sich lüftete, starb sie im Alter von nur 41 Jahren. Es gibt nur ein einziges authentisches Porträt von ihr – eine flüchtige Skizze, die ihre Schwester in Pastell entworfen hat und die nach Aussagen ihrer Verwandten nicht sehr treffend ist. Nach diesem Aquarell wurde dann 1870 der Kupferstich für James Edward Austen-Leighs Biographie seiner Tante (s.u.) im viktorianischen Geschmack angefertigt, die den Umschlag des vorliegenden Bandes schmückt.

Obwohl ihre sieben Geschwister sie zum Teil um Jahrzehnte überlebten, haben auch sie aus dem Leben Janes, deren Zurückhaltung sie kannten, aus Diskretion nichts veröffentlicht. Ja, ihre einzige Schwester hat in der Befürchtung, dass Persönliches doch an die Öffentlichkeit gelangen könnte, einen Teil ihrer Briefe ganz vernichtet und andere von Intimem, Unliebsamem und Indiskretem gereinigt, indem sie einzelne Zeilen mit der Schere daraus entfernte. Die Äußerungen Jane Austens gerade während persönlicher Krisen oder Zeiten besonderer seelischer Belastung sind daher unwiderruflich verloren. Nur der indiskreteste ihrer Brüder, Henry Austen, gab den beiden aus dem Nachlass herausgegebenen Romanen kurz nach dem Tod seiner Schwester eine biographische Notiz von mehreren Seiten bei, die zwar für die Öffentlichkeit stilisiert ist, aber doch aus unmittelbarer Nähe und intimer Kenntnis Jane Austens stammt. Henry war ihr Lieblingsbruder.

Die meisten Augenzeugen starben, ohne der Nachwelt ihr Wissen und ihre Eindrücke von Jane Austen zu hinterlassen. Erst als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Bücher immer beliebter wurden und ihr Ruhm sich immer weiter verbreitete, sammelten die nachfolgenden Generationen der Austens alles, was sich über Jane noch finden und erfahren ließ, und veröffentlichten es zwischen 1870 und 1913 in mehreren die Grundlage der Jane-Austen-Forschung bildenden Bänden. Sie wurden zwar nicht mehr von Familiendiskretion, aber dafür von viktorianischen Vorstellungen der Wohlanständigkeit geleitet. Manches wurde deshalb zurückhaltender behandelt, als dem heutigen Wahrheitsbedürfnis lieb ist, und so liegen das Leben der Schriftstellerin und ihre Ansichten über ihre Kunst zum Teil für immer im dunkeln. Dass sich um sie allerlei Mythen ranken, ist bei dieser Quellenlage nicht verwunderlich. Auf welches Material kann sich eine Biographie Jane Austens stützen?

(1) Überlebt haben in ihrer kleinen, ungewöhnlich gepflegten und leserlichen Handschrift 153 Briefe, von denen fast hundert an ihre Schwester gerichtet sind. Erst in den letzten drei Lebensjahren ist die Zahl der Adressaten größer und daher der Eindruck von Jane Austens Persönlichkeit weniger einseitig. Die Briefe wurden zum größten Teil in der Lebensbeschreibung Jane Austens von ihrem Neffen James Edward Austen-Leigh (A Memoir of Jane Austen, 1870), in der Briefausgabe ihres Großneffen Edward Lord Brabourne (1884) und in der Biographie ihrer beiden Seeoffiziers-Brüder durch die Nachkommen des einen von ihnen (1906) veröffentlicht. 1932 hat der Philologe R. W. Chapman alle erhaltenen Briefe in einer bis heute nicht überholten kommentierten Ausgabe herausgegeben.

Aber so dankbar man für diese erhaltenen Briefe sein muss, so wenig erschöpfend sind sie auch. Der erste Brief stammt von 1796, also aus Janes 21. Lebensjahr, so dass es aus ihrer Kindheit und Jugend keinerlei eigene Aussagen von ihr gibt. Zudem gibt es zwischen den brieflichen Äußerungen große zeitliche Lücken, einmal weil die beiden Schwestern den größeren Teil ihres Lebens zusammen verbrachten und daher häufig keine Veranlassung bestand, einander zu schreiben; zum anderen weil Cassandra offenbar für einige Lebensabschnitte die Briefe vernichtete. So fehlen etwa Briefe zwischen September 1796 und April 1798, Mai 1801 und September 1804, August 1805 und Januar 1807, Juli 1809 und April 1811, Juni 1811 und ­November 1812, und von 13 der insgesamt 21 Jahre sind nur ein, zwei oder drei Briefe überliefert. Die brieflichen Äußerungen Jane Austens erhellen also ihr Leben nicht gleichmäßig, sondern beleuchten daraus in Abständen nur einzelne Phasen

Obwohl diese Briefe für den Jane-Austen-Biographen außerordentlich reiches Material enthalten, sind manche Leser von ihnen enttäuscht, weil es sich dabei um Familienbriefe handelt und sie selten Themen außerhalb des häuslichen Lebensrahmens der Autorin berühren. Über die großen Begebenheiten der Zeit, über kulturelle Ereignisse, ihre Lektüre und Schriftstellerei spricht Jane Austen nur ganz gelegentlich. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens tauchen in den Briefen an ihren ältesten Neffen James Edward und ihre älteste Nichte Anna, die beide in jungen Jahren literarische Ambitionen hatten, und an den Bibliothekar des Prinzregenten Bemerkungen über das Romanschreiben und ihr Verständnis von Literatur auf. Was die Briefe trotz dieser Einschränkungen zur so erfreulichen Lektüre macht, sind die Menschlichkeit, die aus ihnen spricht, der Einblick in das englische Provinzleben um 1800 und der unverwechselbar heiter-ironische Jane-Austen-Ton.

(2) Die Manuskripte ihrer meisten Romane sind nicht erhalten; Entwürfe, Skizzen und Studien sind außer einem ausgeschiedenen Kapitel von Überredung nicht vorhanden. Wohl aber gibt es die Sammlung ihrer Jugendwerke, die sie selbst säuberlich in drei Hefte abgeschrieben und zum Teil datiert hat. Sie vermitteln einen höchst lebendigen Eindruck von der Entwicklung der Schriftstellerin Jane Austen, die ungefähr in ihrem zwölften Lebensjahr zu schreiben anfing. Diese frühen Versuche sind noch heute zum Teil wegen ihres Humors und parodistischen Geschicks ein Lesevergnügen.

(3) Die Bücher oder Aufzeichnungen ihrer Neffen und Nichten und deren Kinder und Enkel, die ab 1870 unter Verwendung von Familienbriefen und -dokumenten erschienen, haben die Kenntnis von Jane Austens Leben erheblich bereichert. Ihre Verfasser und Verfasserinnen, Nachkommen von dreien ihrer sieben Geschwister, kannten die Schriftstellerin oder doch einige ihrer Geschwister – Cassandra lebte bis 1845, ihr Bruder Francis sogar bis 1865 – noch persönlich oder waren jedenfalls mit den Familientraditionen vertraut. Das heute wichtigste dieser Werke aus dem Familienkreis ist Jane Austen. Her Life and Letters. A Family Record (1913, Jane Austen. Ihr Leben und ihr Werk. Eine Familienchronik) von William und Richard Arthur Austen-Leigh, Sohn und Enkel des ersten Biographen, James Edward Austen-Leigh, einem Sohn von Jane Austens Bruder James. Das Buch verarbeitet die früheren Veröffentlichungen und stellt daher, da später kaum neue Quellen zutage gekommen sind, die an glaubwürdigen Informationen und an Fülle des Materials reichhaltigste Lebensbeschreibung Jane Austens dar. Sie wird allerdings von dem erwähnten früheren Werk A Memoir of Jane Austen. By her Neph­ew (1870, Erinnerungen an Jane Austen. Von ihrem Neffen) an schriftstellerischem Geschick und Atmosphäre weit übertroffen.

R. W. Chapman, der Jane Austens Werke und Briefe zwischen 1923 und 1954 in der heute autoritativen Ausgabe herausgegeben hat, hat in seinem Buch Jane Austen. Facts and Problems (1948, Jane Austen. Tatsachen und Probleme) auch einen kompetenten Abriss der Probleme der Jane-Austen-Forschung gegeben. Auf Englisch ist zudem eine ganze Reihe von neueren Biographien Jane Austens verfügbar. All diesen Büchern verdankt der deutsche Biograph Fakten und Anregungen.

Erstes Kapitel

Steventon 1775–1801
I

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos gestürzt. Die politische Ordnung des europäischen Kontinents wurde erschüttert, die soziale vorübergehend infrage gestellt. Fast ganz Europa wurde nach und nach in blutige und verlustreiche Kriege verwickelt, die in Deutschland zur Besetzung weiter Teile des Landes durch französische Truppen und zu einer tiefempfundenen nationalen Erniedrigung führten.

Jane Austen ist also eine Zeitgenossin von Ludwig van Beethoven (1770–1827), Heinrich von Kleist (1777–1811) und Madame de Staël (1766–1817), von Napoleon (1769–1821) und Königin Luise von Preußen (1776–1810). Aber von den inneren Erschütterungen und künstlerischen Krisen des Komponisten und des Dichters, von den plötzlichen äußeren Lebensumschwüngen des französischen Kaisers und der preußischen Königin ist in ihrem Leben nichts zu spüren, und das Wanderdasein im Rampenlicht der europäischen Öffentlichkeit, das das Lebenselixier der Französin war, die im gleichen Jahr wie sie starb, wäre ihr sicher ein Grauen gewesen. Madame de Staël, über die Rahel Varnhagen gesagt hat, »es ist nichts Stilles in ihr«, ist der genaue Gegentyp zu Jane Austen. Die Familienüberlieferung, nach der sie die Gelegenheit, der berühmten französischen Kollegin in London zu begegnen, ausgeschlagen hat, klingt durchaus glaubhaft.

Karte von Südengland

Zwar war England fast zwanzig Jahre lang in den Kampf gegen die Revolution und dann gegen Napoleons Empire verwickelt, aber die »splendid isolation« des Inselreiches verschonte es davor, den Krieg auf eigenem Boden führen zu müssen, und das funktionierende System der konstitutio­nellen Monarchie – damals trotz solider parlamentarischer Institutionen weit davon entfernt, eine Herrschaft für und durch das Volk zu sein – bewahrte das Land vor schwereren Krisen. Anders als auf dem europäischen Festland gab es deshalb hier keine Umstürze und staatlichen Notsituationen, und die Welt der englischen Provinz veränderte sich während dieser spannungsgeladenen Jahrzehnte nicht wesentlich – jedenfalls nicht in dem ausschließlich landwirtschaftlich bestimmten Süden. Dort verbrachte Jane Austen ihr ganzes Leben – abgesehen von kürzeren Aufenthalten in London – auf dem Land oder in kleinen Städtchen. Nie kam sie nach Norden weit über die Linie London–Bristol hinaus; nie setzte sie nach Süden auf das Festland über. Da es zu ihren künstlerischen Grundsätzen gehörte, in ihren Büchern nur das zu schildern, was sie aus eigener Anschauung kannte, sind der Umkreis Londons und die südenglische Landschaft zwischen Bath und Brighton, zwischen Lyme Regis und Canterbury, zwischen Somerset und Kent auch der Handlungsraum ihrer Romane. Verstand und Gefühl spielt in London und ganz im Südwesten, im Umkreis der Stadt Exeter. In Stolz und Vorurteil ist die Handlung in Hertfordshire, nördlich von London, und in Kent, südöstlich von London, angesiedelt. Das Herrenhaus Mansfield Park, der zentrale Handlungsort des gleichnamigen Romans, steht in Northamptonshire, nordwestlich von London; später zieht die Heldin nach Portsmouth, in die berühmte Hafen- und Marinestadt an der Südküste. High­bury, das Dorf der Woodhouse in Emma, das der Leser nie verlässt, muss man sich in Surrey, südwestlich von Lon­don denken. Catherine Morelands Abenteuer in Kloster Northanger finden in Bath und der näheren und weiteren Umgebung des Kurortes statt. Bath und Somersetshire, die Grafschaft südlich davon, sind die Schauplätze in Überredung, wobei der Ausflug nach Lyme Regis, das kleine Seebad an der Südküste, nicht vergessen werden darf. Und das aufstrebende Seebad Sanditon in dem gleichnamigen Fragment hat sich der Leser ebenfalls an der Küste, allerdings viel weiter östlich, zwischen Hastings und Eastbourne, vorzustellen.

Das Pfarrhaus von Steventon. Zeichnung von Jane Austens Nichte Anna

Jane Austens Elternhaus stand in Hampshire, in der Grafschaft mit den Hafenstädten Southampton und Portsmouth nördlich der Insel Wight. Steventon liegt in hügeliger, leicht bewaldeter Landschaft mit den breiten, hohen Hecken, die im zehnten Kapitel von Überredung ein Handlungselement bilden, und war mit seinem Herrenhaus, seiner Pfarre und seinen bäuerlichen Hütten ein typisches friedliches Dörfchen, in dem es zwar Armut, aber nicht Elend gab. Es hat sich bis heute fast nicht verändert und wirkt wie unberührt von der Zeit. Die Landstädtchen Bas­ingstoke und Winchester waren in der Nähe. Hier war Jane Austens Vater seit 1764 Pastor und neben der Grundbesitzerfamilie der angesehenste Bewohner des Dorfes. Das Pfarrhaus, das in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde – nur die Pumpe der Wasch­küche steht noch heute –, lag ganz im Grünen, umgeben von Wiesen, Gebüsch und Ulmen. An der Rückseite hatte es einen üppigen Gemüse- und Blumengarten. Die zwei Stockwerke enthielten unten die Wohnräume der Familie und oben die zahlreichen Schlafzimmer. Für die beiden Töchter wurde oben zusätzlich ein kleines, an ihr gemeinsames Schlafzimmer angrenzendes »Ankleidezimmer« eingerichtet, wo sie viel Zeit mit Lesen und Handarbeiten verbrachten und wo Jane ihre frühen Manuskripte schrieb. Auch das Klavier – Jane musizierte, ihre Schwester malte in Aquarell – hatte hier seinen Platz.

Jane Austens Vater, Rev. ­George Austen

Janes Vater, George Austen, entstammte einer bürgerlichen Familie aus Kent und war schon mit sechs Jahren Waise. Glücklicherweise fand sich ein Onkel, Francis Austen, ein reicher Rechtsanwalt, bereit, seine Erziehung zu finanzieren. George durchlief seine Universitätsausbildung in Oxford, wo er 1761 als Geistlicher ordiniert wurde. Ein anderer reicher Verwandter, Thomas Knight auf Godmersham in Kent, übertrug ihm die Pfarre von Steventon. Die Kirche, nur einen kurzen Fußweg vom Pfarrhaus entfernt, hat noch ganz das Aussehen von Jane Austens Zeit. 1773 kaufte ihm Onkel Francis die Pfarre von Deane ganz in der Nähe dazu, um sein Einkommen aufzubessern. George hatte nur eine Schwester, deren einzige Tochter, Eliza Hancock, mit der Familie in Steventon eng verbunden war.

Silhouette von Jane Austens Mutter Cassandra geb. Leigh

Janes Mutter, Cassandra Leigh, war eine resolute und humorvolle Frau, die gern heitere Verse schrieb, aber mit zunehmendem Alter hypochondrische Züge bekam. Ihre schwache Gesundheit ist ein ständiges Thema in der Korrespondenz ihrer Töchter. Trotzdem wurde sie 88 Jahre alt und überlebte ihre jüngere Tochter um zehn Jahre. Sie entstammte einer angesehenen Familie aus Gloucestershire, die wohlhabend war und hocharistokratische Verbindungen hatte. Ihr Vorname Cassandra wurde in Erinnerung an eine Vorfahrin, die Herzogin von Chandos, in der Familie tradiert. Ihr kinderloser Bruder James lebte mit seiner Frau als reicher Gentleman abwechselnd in Bath und auf seinem Gut Scarletts in Berkshire, nicht weit von Steventon. Ihre einzige Schwester lebte als Frau des Pastors Dr. Edward Cooper dicht bei Bath; mit deren beiden Kindern Jane und Edward waren die Austen-Kinder befreundet.

Das Pfarrerehepaar von Steventon wurde in den ersten fünfzehn Jahren seiner Ehe mit sechs Söhnen und zwei Töchtern gesegnet: James (1765), George (1766), Edward (1768), Henry (1771), Cassandra (1773), Francis (1774), Jane (1775) und Charles (1779). Da fast alle Geschwister in Jane Austens Leben eine wichtige Rolle spielen, empfiehlt es sich, sie gleich etwas genauer vorzustellen. Was ist aus ihnen geworden? Dass sie alle überlebt haben, ist in einer Zeit hoher Geburtensterblichkeit wie dem 18. Jahrhundert erstaunlich.

James Austen

James wurde nach seinem Studium in Oxford Geistlicher und übernahm 1805 nach Vikarstellen in unmittelbarer Nähe die Nachfolge seines Vaters in Steventon, wo er 1819 starb. Er vermählte sich 1792 mit der sechs Jahre älteren Anne Mathew, einer Enkelin der Herzogs von Ancaster, und hatte eine Tochter mit ihr (Anna, geb. 1793). Seine Frau starb schon 1795, und James ­heiratete dann Cassandras und Janes Freundin Mary Lloyd, mit der er einen Sohn (James Edward, geb. 1798) und eine Tochter (Caroline, geb. 1805) hatte. Alle drei Kinder haben wichtige Aufzeichnungen über ihre Tante Jane hinterlassen; James Edward war ihr schon erwähnter erster Biograph. Mit James’ zweiter Frau, Mary Lloyd, verstanden sich die Austen-Schwestern, obwohl bereits lange mit ihr befreundet, nicht so gut (»Sie ist alles in allem keine sehr hochherzige Frau«), und James ist der einzige Bruder, den Jane in ihren Briefen wiederholt kritisiert. Sie schreibt über ihn im Fe­bruar 1807:

Es tut mir leid und macht mich wütend, dass seine Besuche einem nicht mehr Freude machen; die Gesellschaft eines so guten und klugen Mannes müsste einem wohltun, aber seine Unterhaltung ist forciert und seine Urteile sind in vieler Hinsicht nur von seiner Frau übernommen; und er bringt seine Zeit hier, scheint mir, nur damit zu, im Haus herumzulaufen und mit den Türen zu schlagen oder nach einem Glas Wasser zu klingeln.

James ging es finanziell nicht besonders gut, denn sein Schwiegervater war 1805 gestorben und das erwartete Erbe seiner Tochter fiel ohne sein Verschulden dem Staat zu. War James auch auf das literarische Talent seiner Schwester neidisch? Er schrieb Gedichte und hielt nicht viel von Romanen. Von früh an galt er als der Dichter der Familie und gab zusammen mit seinem Bruder Henry während ihrer gemeinsamen Studentenzeit in Oxford von Januar 1789 bis März 1790 eine Zeitschrift heraus, The Loiterer (Der Bummler), die es auf 60 Nummern brachte. James war auch die treibende Kraft bei den Theateraufführungen der Austen-Kinder in der väterlichen Scheune zwischen 1782 und 1788, bei denen manchmal auch Vettern, Cousinen und Freunde mitwirkten. Nach seinem Studium hatte er eine Europareise unternommen, aber sein wenig aufregendes späteres Leben als Landpfarrer erfüllte ihn offenbar nicht. Da er zehn Jahre älter und von ihren Brüdern der »akademischste« war, verdankte sie ihm nach Aussage seines Sohnes viel im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Bildung und ihres literarischen Geschmacks.

George hatte als kleines Kind »Anfälle« (»fits«) und kehrte nach dem üblichen ersten Jahr, das alle Austen-Kinder bei einer Amme im Dorf verbrachten, nie mehr in sein Elternhaus zurück. Woran er litt, ist nicht bekannt, aber da auch ein Bruder von Mrs. Austen an einer ähnlichen Krankheit gelitten hat, scheint es sich um ein erbliches Leiden gehandelt zu haben. Er lebte bis 1838, wird aber von den Quellen nach dem vierten Lebensjahr kaum mehr erwähnt und in den Berichten über Jane Austen von den Nachkommen der Familie in typisch viktorianischer Manier einfach totgeschwiegen. Als Mrs. Austen 1827 starb, erbte jedes ihrer Kinder außer George 437 Pfund. Aber Edward überließ seinen Anteil »meinem Bruder George zu dessen Nutzen«. Einige Forscher vermuten, dass George taubstumm war, weil aus einer brieflichen Bemerkung Janes hervorzugehen scheint, dass sie die Taubstummensprache beherrschte. Aber der Hinweis ist keineswegs eindeutig. Hätte diese Behinderung genügt, um den Sohn von Anfang an aus dem Familienleben auszuschließen? Man hat auch auf eine erbliche Geisteskrankheit geschlossen, weil ein Onkel Mrs. Austens geisteskrank war.

Edward, nicht gerade lernbegierig, aber liebenswürdig und kinderlieb, war das Glückskind der Familie. Er wurde von dem kinderlosen Sohn des schon erwähnten Thomas Knight adoptiert und erbte sein Vermögen und seine beiden Herrensitze Godmersham (Kent) und Chawton (Hampshire), hielt aber zeit seines Lebens weiterhin engsten Kontakt mit seiner Familie. Als künftiger wohlhabender Gentleman wurde er nicht zum Studieren nach Oxford, sondern von 1786–1788 auf eine zweijährige europäische Bildungsreise, die »Grand Tour«, geschickt, um sich Weltkenntnis und gesellschaftlichen Schliff anzueignen. 1794 starb Mr. Knight, und da seine Witwe 1797 nach Canterbury zog, kam Edward in den Besitz seines reichen Erbes und lebte meist auf dem großzügigen Landsitz Godmersham, einem 1737 errichteten stattlichen Bau. Nach dem Tod seiner Adoptivmutter 1812 nahm er mit seiner unterdessen zahlreichen Familie den Namen Knight an. Er hatte 1791 die hübsche, reiche und liebenswürdige Elizabeth Bridges geheiratet, deren Eltern Jane und Cassandra öfter auf ihrem Landsitz Goodnestone (Kent) besuchten und dann auch abwechselnd einen Abstecher nach Godmersham machten. Eliza­beth gebar in 17 Ehejahren elf Kinder und starb 1808 bei der Geburt des letzten. Vor allem Cassandra hielt sich nun noch öfter in seiner Familie auf, um ihrem Bruder und seinen Kindern behilflich zu sein. Auch ein Teil von Janes Briefen an Cassandra ist in Godmersham geschrieben. Edwards älteste Tochter Fanny (geb. 1793) war Janes Lieblingsnichte, »fast wie eine zweite Schwester«. Edward lebte bis 1852.

Henry, Janes Lieblingsbruder, dem sie angeblich am ähnlichsten sah, war der heiterste, aber auch unbeständigste der Brüder. Er ging nach seinem Studium – wie in der Familie Austen üblich in Oxford – als Offizier zur Militia, der Armee, die den Heimatdienst tat und aus der die reguläre Truppe im Kriegsfall verstärkt wurde. Er trat 1791 als Leutnant ein und brachte es bis zum Obersten. Ende 1797 heiratete er seine zehn Jahre ältere Cousine Eliza Hancock, die man wohl hinter seiner Entscheidung vermuten darf, den Soldatenberuf aufzugeben und sich in London niederzulassen. Dort gründete er mit einem Partner ein Bankhaus, das 1807 durch einen dritten Partner vergrößert wurde und ihm in den nächsten Jahren zur Freude seiner gesellschaftlich versierten Frau ein elegantes Leben in London erlaubte. Jane war öfter bei ihm zu Besuch und genoss das kulturelle Leben in der Hauptstadt. Als sie sich 1811 bei ihm aufhielt, fand in seinem Haus gerade eine große Abendgesellschaft mit fast 70 Gästen statt, die sogar in der Gesellschaftsspalte der Times erwähnt wurde. Mit seinen geschäftlichen Erfahrungen war er Jane bei der Publikation ihrer Romane behilflich. 1813 wurde er auf den ehren­vollen Posten des Steuereinnehmers der Grafschaft Oxfordshire berufen. Aber dieses Leben auf großem Fuß hörte unvermittelt auf, als das Bankhaus ohne eigenes Verschulden bankrott ging und auch einige Familienmitglieder Geld verloren. Sie scheinen es mit Gleichmut getragen zu haben, denn Verstimmungen hat es darum anscheinend nicht gegeben. Henry heiratete nach dem Tod seiner Frau (1813) 1820 noch einmal, hatte jedoch keine Kinder. Er zahlte nach und nach gewissenhaft seine Schulden ab und musste deshalb ein anspruchsloses Leben führen. Er lebte bis 1850.

Cassandra war zeit ihres Lebens Janes Vertraute. Die Schwestern wuchsen zusammen auf und teilten bis zu Janes Tod ein Schlafzimmer. Dass Cassandras Briefe an Jane nicht erhalten sind, ist ein großer Verlust, denn Jane hielt ihre Schwester für eine glänzende, witzige Korrespondentin. Cassandra verlobte sich 1795 mit dem Geistlichen Thomas Fowle, der eine Pfarrstelle in Aussicht hatte und die Zeit bis zu ihrem Freiwerden dadurch überbrückte, dass er mit seinem Gönner Lord Craven als Kaplan in dessen Regiment nach St. Domingo in die Karibik segelte. Dort bekam er Gelbfieber und starb 1797. Cassandra hat nie geheiratet. Sie lebte weiter mit Mutter und Schwester und starb als letzte der drei 1845.

Francis Austen

Francis machte von den Brüdern die steilste Karriere: Er starb hochbetagt 1865 als Flottenadmiral Sir Francis Austen. Wie damals bei der Ausbildung der Marineof­fiziere üblich, ging er 1786 schon als Zwölfjähriger auf die Marineakademie in Portsmouth, diente als Vierzehnjähriger auf verschiedenen Schiffen im Orient und war mit achtzehn Leutnant. Mit kurzen Unterbrechungen an Land war er erst als Offizier und dann als Kapitän auf den Weltmeeren unterwegs, denn der Krieg gegen Napoleon erforderte den ständigen Einsatz der britischen Flotte im Mittelmeer, im Atlantik, im Indischen Ozean und in der Nord- und Ostsee. Nur knapp verpasste Francis mit seinem Schiff 1805 die Seeschlacht von Trafalgar, nahm aber an der siegreichen Seeschlacht von St. Domingo in der Karibik am 6. Februar 1806 teil, wohin die englische Flotte die französische verfolgt hatte – auch Kapitän Wentworth in Überredung kämpft 1806 in der Karibik. 1806 heiratete er Mary Gibson, die eine von den Austen-Schwestern besonders geschätzte Schwägerin wurde, und mietete ein Haus in Southampton, das für Jane wichtig werden sollte. Francis hatte elf Kinder, bevor seine erste Frau 1823 starb. Drei seiner sechs Söhne folgten ihm in die Marine. Später heiratete er noch einmal, und zwar eine alte Freundin der Austen-Mädchen, Martha Lloyd, die sie ihm schon Jahrzehnte früher zugedacht hatten und deren Schwester Mary in zweiter Ehe mit James Austen verheiratet war. In der Marine war Francis bekannt als »der Offizier, der in der Kirche kniet«. Seine Genauigkeit, Ordnungsliebe und Ernsthaftigkeit sind durch allerlei Familienanekdoten belegt, so durch die folgende: Als Francis nach fünfjähriger Abwesenheit zum Uhrmacher ging, sah dieser sich seine Taschenuhr an und sagte: »Sie ist in ausgezeichneter Verfassung. Sie geht anscheinend überhaupt noch nicht falsch.« »Doch«, antwortete Francis, »sie geht falsch – um zehn Sekunden.« Francis wurde von Admiral Nelson sehr geschätzt. Im Seekrieg gegen die französische Flotte war er äußerst erfolgreich. 1801 besiegte er ohne Verlust eines einzigen Matrosen innerhalb von zwölf Stunden drei feindliche Schiffe, so dass sein eigenes Schiff voller Kriegsgefangener war. Park Honan hat 1988 in seiner Jane-Austen-Biographie zum erstenmal enthüllt, dass Francis in etwas dubiose Geschäfte mit der East India Company verwickelt war. Er transportierte auf seinem Schiff Ladungen von Silber. Da die Company Einfluss innerhalb der Marineführung hatte, war das nicht nur finanziell, sondern auch karrieremäßig vorteilhaft für Francis.

Obwohl das von den Schwestern besonders geliebte Nesthäkchen Charles mit seinem spontanen, lebhaften Naturell das Gegenteil seines Bruders war, folgte er ihm in den Fußstapfen. Auch er ging früh zur Marineakademie und wurde 1797 Leutnant. Er diente dann vor allem im Mittelmeer und vor der amerikanischen Küste. 1807 heiratete er die siebzehnjährige Tochter Fanny des Justizministers der Bermudainseln, mit der er vier Töchter hatte. Als sie 1814 auf dem Schiff ihres Mannes starb, heiratete er ihre ältere Schwester Harriet, die bei den Austens als gewöhnlich galt und nicht beliebt war. Mit ihr hatte er vier Kinder. Zwei seiner drei Söhne folgten ihm in die Marine. 1816 war seine Karriere in Gefahr. Sein Schiff Phoenix war im östlichen Mittelmeer, wo er die Aktivität von Piraten bekämpfen sollte, in einem Sturm untergegangen, aber das eingesetzte Kriegsgericht sprach ihn von aller Schuld daran frei. Er starb 1852 als Konteradmiral ebenfalls auf seinem Schiff in Burma. Nach allen Berichten war er nicht nur in der Familie, sondern auch im Beruf ein außerordentlich fürsorglicher und beliebter Mann.

II

Die Austens waren eine ausgesprochen gut aussehende Familie. Der Vater wurde während seiner Universitätszeit »der schöne Proktor« genannt und galt noch im Alter mit seinem vollen grauen Haarschopf als anziehende Erscheinung. Nur Henry und Jane hatten von ihrem Vater die ausdrucksvollen braunen Augen geerbt. Die Mutter war besonders stolz auf ihre »aristokratische Nase«. Die Bilder der erwachsenen Kinder zeigen mit dem kleinen Mund, der schmalen, leicht gebogenen Nase, den braunen Augen und dem gelockten Haar eine auffällige Familienähnlichkeit. Obwohl es von Jane nur einen möglicherweise nicht einmal echten Schattenriss und das von ihrer Schwester gemalte Aquarell gibt, kann man von ihrem genaueren Aussehen durchaus einen Eindruck gewinnen, wenn man die Bilder ihrer Brüder betrachtet. Besonders aufschlussreich ist die späte Daguerreotypie von Francis – das einzige Foto von einem der Austen-Geschwister. Das Aquarell von Jane, das Cassandra etwa 1804 malte, ist leider nur eine Rückenansicht, auf der das Gesicht nicht zu sehen ist. Von Cassandra gibt es leider nur zwei Schattenrisse. Vor allem Henry und Charles galten als ausgesprochen attraktiv. Die beiden Mädchen ­waren schlank und von überdurchschnittlich großer, ele­ganter Erscheinung. Die we­nigen überlieferten Urteile über das ­äußere Bild und den Charakter des Mädchens Jane lassen ­keine eindeutige Vor­stellung zu; sie sind spontane oder ­spätere Eindrücke, die mehr über die Augenzeugen als über die Beurteilte aussagen. 1788 schrieb die Cousine Philadelphia Walter an die Cousine Eliza Hancock nach ihrer ersten Begegnung mit den Austen-Schwestern, die damals 16 und 13 waren, sie habe Cassandra lieber. Jane sei »durchaus nicht hübsch, aber geziert, gar nicht wie ein Mädchen von zwölf«; sie sei »launisch und affektiert«. Der heutige Leser spürt aus dieser Charakterisierung das Befremden, welches das geistig frühreife und offenbar befangene Mädchen hervorrief, das gerade angefangen hatte, literarische Parodien zu schreiben, und daher ihre Umwelt distanziert und kritisch betrachtete. Die angeschriebene Eliza berichtete ihrerseits drei Jahre später Philadelphia, was sie aus Steventon gehört hatte: Cassandra und Jane, nun 19 und 16, seien »vollkommene Schönheiten und erobern Herzen dutzendweise«; sie seien »zwei der hübschesten Mädchen in ganz England«. Bei diesem Urteil nun wieder ist die übersprudelnde Persönlichkeit Elizas zu berücksichtigen. Der Wahrheit näher kommt wohl die abgewogene spätere Erinnerung des Schriftstellers Sir Egerton Brydges, des Bruders ihrer mütterlichen Freundin Anne Lefroy, der von 1788 bis 1790 in der Nähe von Steventon wohnte und mit den Austens viel umging:

Als ich Jane Austen kannte, hatte ich keine Ahnung, dass sie schriftstellerisch tätig war, aber meine Augen sagten mir, dass sie ansprechend und hübsch, schmal und elegant war, aber etwas zu volle Wangen hatte.

Dieser letzte Zug, ein Erbteil ihres Vaters, wie dessen einziges existierendes Altersbildnis deutlich erkennen lässt, wird durch Cassandras Aquarell von Jane bestätigt. Eliza äußerte sich 1792 noch einmal brieflich über ihre Cousinen:

Cassandra und Jane sind beide sehr gewachsen (die letztere ist nun größer als ich) und haben sich in ihren ­Umgangsformen und ihrer Erscheinung sehr herausgemacht […]. Sie sind beide, glaube ich, gleich zartfühlend und beide in einem Grad, wie ich es selten erlebt habe, aber ich ziehe im Herzen Jane vor, deren freundliche Zuneigung zu mir ebenso erwidert zu werden verdient.

Beide Mädchen zeichneten sich durch ihr ausgeglichenes Temperament aus. Aber ihre Mutter machte einen Unterschied. Sie sagte, Cassandra habe »das Verdienst, ihr Temperament immer unter Kontrolle zu haben, aber Jane habe das Glück, dass sie ihr Temperament nie unter Kontrolle zu haben brauche«. Trotz diesem mütterlichen Urteil war Cassandra offenbar die kühlere, weniger emotionale der Schwestern.

Bei den Jungen nahm der Vater die schulische Erziehung ganz in die eigene Hand; die Mädchen schickte er auf eine private Schule, vielleicht vor allem, damit er im Haus mehr Platz für seine zusätzlichen Schüler hatte. Als Cassandra und die Cousine Jane Cooper 1783 zu Mrs. Crawleys Pen­,sionat in Oxford geschickt wurden, durfte Jane, obwohl sie eigentlich noch zu klein war, auch mitgehen, da sie von ihrer Schwester unzertrennlich war. Wenn Cassandra sich hätte enthaupten lassen, sagte Mrs. Austen, hätte Jane darauf bestanden, ihr Schicksal zu teilen. Die Schule siedelte bald nach Southampton über, und mit ihr die drei Mädchen; doch als dort die Diphtherie ausbrach, holten ihre Mütter sie unverzüglich nach Hause. Die tragische Folge dieser Episode war, dass Mrs. Cooper sich ansteckte und starb. Trotzdem wurde ein zweiter Versuch gemacht, und zwar mit Mrs. Latournelles Pensionat in Reading. Das Haus war malerisch in den Resten eines alten Klosters gelegen, und die Leiterin hatte interessanterweise ein künstliches Bein aus Kork, aber sehr akademisch scheint es dort nicht zugegangen zu sein. Bei beiden Institutionen handelte es sich zweifellos nicht um Schulen im heutigen Sinn, die man für Mädchen ja gar nicht für nötig oder auch nur empfehlenswert hielt, sondern um den Typ von harmlosem Pensionat, in das Harriet Smith in Emma geht: