Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen - Morten A. Strøksnes - E-Book
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Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen E-Book

Morten A. Strøksnes

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Beschreibung

Ein Sehnsuchtsbuch - über die Freiheit und das Glück, die Naturgewalten zu spüren

Zwei Freunde in einem kleinen Boot, die sich einen lang gehegten Traum erfüllen: Aus den Tiefen des Nordatlantiks wollen sie einen Eishai ziehen, jenes sagenumwobene Ungeheuer, das sich nur selten an der Oberfläche zeigt. Während sie warten, branden wie Wellen die Meeresmythen und Legenden an das Boot, und Morten A. Strøksnes erzählt von echten und erfundenen Wesen, von Quallenarten mit dreihundert Mägen, von Seegurken und Teufelsanglern. Von mutigen Polarforschern, Walfängern und Kartografen und natürlich vom harten Leben an arktischen Ufern, vom Skrei, der vielen Generationen das Überleben auf den Lofoten sicherte, von der Farbe und dem Klang des Meeres. Eine salzige Abenteuergeschichte über die Freiheit und das Glück, den Naturgewalten zu trotzen – und ein atemberaubendes Buch, das uns staunen lässt über die unergründlichen Geheimnisse des Meeres.

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Seitenzahl: 440

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Das Buch

Zwei Freunde erfüllen sich einen lang gehegten Traum: Aus den Tiefen des Nordatlantiks wollen sie einen Eishai ziehen, jenes sagenumwobene Ungeheuer, das sich nur selten an der Oberfläche zeigt. Während sie warten, branden wie Wellen die Meeresmythen und Legenden ans Boot, und Morten A. Strøksnes erzählt von echten und erfundenen Wesen, von Quallenarten mit dreihundert Mägen, von Seegurken und Teufelsanglern. Von mutigen Polarforschern, Walfängern und Kartografen und natürlich vom harten Leben an arktischen Ufern, vom Skrei, der vielen Generationen das Überleben auf den Lofoten sicherte, von der Farbe und dem Klang des Meeres.

Autor

Morten A. Strøksnes,1965 in Kirkenes an der Barentssee geboren, hat Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte in Oslo und Cambridge studiert. Er lebt heute als Journalist und Autor in Oslo. Er publiziert in renommierten Medien und hat mehrere vielbeachtete Sachbücher vorgelegt. 2011 bekam Strøksnes den Preis des Sprachrats, der für Sachbücher von herausragender literarischer Qualität vergeben wird. Das Buch vom Meer ist sein neuntes Buch und wurde in Norwegen zum Nr.-1-Bestseller. Es erhielt den Kritiker-Preis und den Brage-Preis, den wichtigsten norwegischen Buchpreis, und erscheint in über 15 Ländern.

Aus dem Norwegischen von

Ina Kronenberger und Sylvia Kall

Deutsche Verlags-Anstalt

»Bist du zu den Quellen des Meeres gekommenund auf dem Grund der Tiefe gewandelt?«

Hiob 38,16

1

Dreieinhalb Milliarden Jahre sollten vergehen von der Entwicklung ersten primitiven Lebens im Meer bis zu dem Anruf von Hugo Aasjord, der mich an einem späten Samstagabend im Juli, während eines lebhaften Abend­essens im Zentrum von Oslo, erreichte.

»Hast du die Wettervorhersage für nächste Woche gesehen?«, fragte er.

Wir warteten schon lange auf eine bestimmte Wetterlage. Nicht auf Sonne oder warme Temperaturen, nicht einmal auf trockenes Wetter. Was wir brauchten, war möglichst wenig Wind im Gebiet zwischen Bodø und den Lofoten, genauer gesagt im Vestfjord. Und wer im Vestfjord auf Windstille wartet, sollte Geduld mitbringen. Wochenlang hatte ich den Wetterbericht verfolgt. Ständig wurde starker oder frischer Wind vorhergesagt, nie nur eine leichte Brise oder gar Windstille. Am Ende schaute ich mir die Prognosen gar nicht mehr an und verfiel in den trägen Osloer Ferienrhythmus aus warmen Tagen und milden Nächten.

Als ich jetzt die Stimme von Hugo hörte, der Telefonieren hasst und nur anruft, um wichtige Nachrichten zu überbringen, wusste ich, dass die Langzeitvorhersage endlich stimmte.

»Ich besorge mir morgen ein Ticket und lande am Montagnachmittag in Bodø«, antwortete ich.

»Gut, bis dann.«

Im Flugzeug nach Bodø sah ich aus dem Fenster auf das hinunter, was ich mir als aufgefalteten Meeresboden vorstellte. Vor ein paar Milliarden Jahren war die ganze Erde von Wasser bedeckt gewesen, vielleicht mit Ausnahme einiger weitverstreuter kleiner Inseln. Noch immer macht das Meer siebzig Prozent der Erdoberfläche aus. Jemand hat einmal geschrieben, unser Planet sollte eigentlich nicht »Erde« heißen, sondern »Meer«.

Unter mir erstreckten sich Gebirge, Wälder und Hochebenen, bis wir schließlich Helgeland erreichten. Dort öffnete sich das Land zum Westen hin in Fjorde und schäumendes Meer, bevor sich die Grenze zwischen Himmel und Wasser am Horizont in einem Grauschimmer auflöste, der an Vogelfedern erinnerte. Jedes Mal, wenn ich Oslo verlasse und in den Norden reise, habe ich das Gefühl von Befreiung – Befreiung vom Leben im Landesinneren, von den Ameisenhaufen, den Tannen, den Flüssen, den Süßwasserseen und dem gurgelnden Moor. Raus aufs Meer, frei und endlos, rhythmisch und wogend wie die alten Seemannslieder aus der Zeit der Segelschiffe. Sie wurden über die Weltmeere hinweg bis in klassische Häfen wie Marseille, Liverpool, Singapur und Montevideo gesungen, während man an Deck die Segel hisste, trimmte oder reffte.

Seeleute an Land wirken häufig wie rastlose Gäste. Selbst wenn sie nie wieder zur See fahren werden, erwecken sie in Gesprächen und in ihrem Verhalten den Anschein, als wären sie nur kurz zu Besuch. Die Sehnsucht nach dem Meer werden sie nie ganz los. Das Meer, das nach ihnen ruft, muss sich jedoch mit ausweichenden Antworten begnügen.

Einen solchen geheimnisvollen Drang muss auch mein Ururgroßvater verspürt haben, als er das schwedische Binnenland verließ und durch Täler und über Berge nach Westen wanderte. Wie ein Lachs folgte er den großen Flüssen, zuerst gegen den Strom, dann mit ihm, bis er das Meer erreichte. Als Grund für die Wanderung soll er angegeben haben, er müsse unbedingt das Meer mit eigenen Augen sehen. Er hatte aber ganz sicher nicht die Absicht, jemals wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war. Vielleicht ertrug er den Gedanken nicht, für den Rest seines Lebens mit gebeugtem Haupt über die kargen Äcker einer schwedischen Berglandschaft zu laufen. Er muss ein Mensch gewesen sein, der sich von Stimmungen leiten ließ, ein Träumer mit kräftigen Beinen, denn er schaffte es bis zur norwegischen Küste. Hier gründete er eine Familie und heuerte später auf einem Frachtschiff an. Irgendwo im Pazifik ging sein Schiff dann unter, und alle an Bord ertranken, ganz so, als wäre der Mensch vom Meeresgrund gekommen und müsste auch wieder dahin zurück. Als gehörte er eigentlich dorthin und hätte es die ganze Zeit über gewusst. So stelle ich es mir jedenfalls vor.

Das Meer hat Arthur Rimbauds dichterische Fähigkeiten freigesetzt. Es wurde zum Schlüssel für eine neue Sprache, die ihn selbst und sein dichterisches Werk in die Moderne führte, und zwar mit Le Bateau ivre (Das trunkene Schiff) von 1871. Das lyrische Ich des Gedichts, also das Schiff selbst, ist ein alter Frachter, der die Freiheit des Meeres erleben will und sich steuerlos einen großen Fluss hinabtreiben lässt, bis er die Küste erreicht und in offenes Fahrwasser gelangt. Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm und sinkt auf den Grund, um dort Teil des Meeres zu werden:

»Des Meers Gedicht! Jetzt konnt ich mich frei darin ergehen,

Grünhimmel trank ich, Sterne, taucht ein in milchigen Strahl

und konnt die Wasserleichen zur Tiefe gehen sehen:

ein Treibgut, das versonnen und selig war und fahl.«1

In meinem Flugzeugsitz versuche ich weitere Brocken zu rekonstruieren, die ich von dem trunkenen Schiff noch in Erinnerung habe. »Ich folgt und folgt der Horde von wildgewordnen Kühen …« Und zwischen wogenden Tangbüscheln, die das trunkene Schiff ansaugen und festhalten, verwest auf dem Meeresgrund der Leviathan. Das Schiff hört die Brunstlaute des Pottwals im tiefen Dunkel des Mahlstroms, sieht volltrunkene Schiffswracks, in denen es von Läusen und abscheulichen Schlangen, golden schimmernden singenden Fischen, elektrischen Mondsicheln und schwarzen Seepferdchen nur so wimmelt – von Dingen also, die der Fantasie von Menschen entsprungen sein müssen.

Das Schiff wird von Erscheinungen heimgesucht und erlebt die erschreckende, befreiende Kraft des Meeres, sein Toben und Tosen, bis es kraftlos und gesättigt erscheint. Nun sehnt es sich plötzlich nach dem Festland. Nach den stillen dunklen Tümpeln der Kindheit.

Als Rimbaud das Gedicht als Sechzehnjähriger schrieb, hatte er das Meer noch nie gesehen.

2

Hugo lebt auf der Insel Engeløya, die zur Gemeinde Steigen gehört. Um von Bodø aus dorthin zu gelangen, muss man mit dem Schnellboot Richtung Norden fahren. Es schlängelt sich durch ein Gewirr von Inseln und kleinen sturmzerzausten Dörfern, die sich an die äußersten Zipfel des Festlands klammern. Nach gut zwei Stunden legt das Boot in Bogøy an, einem kleinen Ort an der Brücke nach Engeløya.

Am Kai erwartet mich Hugo mit guten Nachrichten: Wir haben wahrscheinlich schon den Köder. Vor drei Tagen wurde hier ein Schottisches Hochlandrind erlegt. Die Schlachtabfälle liegen noch an Ort und Stelle, wir brauchen sie uns bloß zu holen. Das muss allerdings bis zum nächsten Tag warten, denn es regnet, als wir über die Brücke nach Engeløya zu Hugos großem Einfamilienhaus fahren. Es hat einen Turm auf dem Dach, eine Galerie im Keller und gute Sicht über den Vestfjord.

Wer Hugos Grundstück betritt, könnte meinen, in ein Seeräuberlager geraten zu sein. Dinge, die bei einem Raubzug entlang der Küste erbeutet worden sein könnten, liegen in der Garage, während der Weg zur Galerie von Ausstellungsobjekten oder Trophäen gesäumt wird. Vieles davon hat Hugo im Meer gefunden, unter anderem einen alten Schiffsbug und ein paar große, alte Anker. Die Schiffsschraube eines englischen Trawlers, der vor der Inselgruppe Skrova untergegangen ist, hat einen Platz im Garten bekommen. Am Schuppen hängt ein russisches Schild, das Hugo aus dem Meer gefischt hat. Er hatte zunächst angenommen, es käme von einem russischen Schiff, es hat sich jedoch herausgestellt, dass es sich um ein Wahlplakat aus Archangelsk handelt. Neben dem Hauptschuppen hat Hugo weitere Bretterverschläge und einen Stall errichtet, der die beiden Shetlandponys Luna und Veslegloppa beherbergt. Im Schuppen und um ihn herum haben immer schon mehrere Boote gelegen. Den Plattgatter, ein Mahagoniboot, das so aussah, als hätte es Sehnsucht nach der Riviera, hat er verkauft.

Hugo hat in seinem ganzen Leben noch kein Fischstäbchen gegessen. Und er hat auch nicht die Absicht, den Geschmack davon zu ergründen. Nach einer Suppe aus frisch gepflückten Brennnesseln und Liebstöckeltrieben, Linsen und hausgemachter Elchwurst sowie einem Glas Wein gehen wir hinunter in die Galerie. Hugos Ölgemälde sind weitgehend abstrakt, aber die Leute hier im Norden neigen dazu, in ihnen konkrete Landschaftsbilder vom Meer zu sehen, also Motive aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Das ist verständlich, denn die Gemälde zeigen das charakteristische Licht der Küste nördlich des Polarkreises, vor allem im Winter. Hugos Markenzeichen ist der leicht wiedererkennbare arktische Blauton, der an den kalten, klaren Tagen der Polarnacht herrscht. Im Übrigen ist es an solchen Tagen keineswegs vollkommen dunkel. Man kann das gesamte Lichtspektrum finden, auch wenn es heruntergedimmt oder eingeschlossen wirkt. Die Farben des Himmels bekommen etwas von einer tief eingekapselten Glut, und bisweilen flackern ganz ohne Vorwarnung Nordlichter wie psychedelische Improvisationen auf. Ein paar Gemälde, an denen er gerade arbeitet, zeigen die Batterie Dietl an der Fjordseite der Insel. Dort haben die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs Nordeuropas größte und teuerste Festung angelegt. Zehntausend deutsche Soldaten, Zwangsarbeiter aus ganz Europa und russische Kriegsgefangene hielten sich dort auf und erbauten eine der größten nordnorwegischen Städte mit Kinosaal, Krankenhaus, Kasernen, Speisesälen und sogar Bordellen, in die man Frauen aus Deutschland und Polen brachte. In der Umgebung wurden Radaranlagen, Wetterstationen und Kommandozentralen errichtet, in denen neueste technologische Entwicklungen zum Einsatz kamen. Die Kanonenbatterie sollte den gesamten Vestfjord abdecken und hatte eine Reichweite von zig Kilometern. Die Bunker gehen heute noch mehrere Etagen tief in die Erde. Obwohl Hunderte von russischen Gefangenen bei der Zwangsarbeit ums Leben gekommen sind, empfindet Hugo die Gegend als einsam und friedlich. In seinen Gemälden kann man die Batterie nur als kubistische Form erahnen.

Vor einigen Jahren hat Hugo eine Katze ausgestellt, die auf natürliche Weise mumifiziert worden war. Sie hatte sich zum Sterben in die Wand eines alten Stalls zurückgezogen. Nachdem bekannt geworden war, dass er sie bei der Biennale in Florenz ausstellen wollte, konfrontierte die Zeitung Avisa Nordland Hugo mit der Frage: »Ist eine tote Katze Kunst?«

Hugo ist an beiden Ufern des Vestfjords aufgewachsen und hat sich in seinem Leben immer am oder auf dem Meer aufgehalten. Nur ein einziges Mal hat er längere Zeit im Landesinneren verbracht, während seines Studiums in Münster, wo er als jüngster jemals zugelassener Bewerber an der renommierten Kunsthochschule angenommen worden war. In den Straßen sah man zu dieser Zeit noch viele Kriegsversehrte, denen ein Arm fehlte, die an Krücken gingen, im Rollstuhl saßen oder entstellt waren. Seine Kommilitonen waren politisch radikale Deutsche, die sich zwar lautstark zum Vietnamkrieg äußerten, für die der Zweite Weltkrieg aber tabu war. Hugo fuhr gern mit dem Zug nach Hamburg, denn irgendwo auf dieser Fahrt änderte die Luft ihre Konsistenz, sie wurde rauer und schmeckte plötzlich nach Meer.

Bei seiner Rückkehr nach Norwegen hatte er Examensurkunden im Gepäck, die bezeugten, dass er die klassischen Techniken der Malerei, Grafik und Bildhauerei beherrschte. Aber er hatte noch etwas anderes mitgebracht: Dass er einst dem radikalen deutschen Studentenmilieu der 1970er-Jahre angehört hat, hängt ihm bis heute an. Es geht dabei weniger um Politik, denn Hugo war nie besonders radikal. Auch nicht um Stil, trotz der runden Brille, des Schnurrbarts und der langen schwarzen Haare. Es geht vielmehr um eine unkonventionelle Einstellung zu der Frage, was für ein Leben man führt. Außerdem hat er sich eine Unart zugelegt: Er schaut jeden Nachmittag um siebzehn Uhr Derrick. Und Gnade dem, der ihn dabei stört.

Nachdem mir Hugo seine neuen Arbeiten gezeigt hat, gehen wir nach oben in die Dachstube. Von dort können wir die fruchtbare Engeløya überblicken. Es ist ein milder Sommerabend, Tau hat sich auf das Gras und die schwarzen Äcker im südlichen Teil der Insel gelegt, und eine große Stille liegt über dem schlafenden Land. Selbst ein Flüstern ist jetzt weit zu hören. Um uns herum wachsen jede Menge Laubbäume: Birken, Ebereschen, Salweiden und Espen. Ich trete auf die schiffsbrückenartige Veranda an der Vorderseite des Hauses. Unter den Bäumen ist es alles andere als still. Die Blätter sind von Pollenstaub überzogen und schwitzen Chlorophyll aus. Ich höre Bekassinen, Brachvögel und Waldschnepfen. Im Hintergrund erklingen weitere Vogelstimmen, meine Ohren brauchen etwas Zeit, um sie voneinander unterscheiden zu können. Das Birkhuhn gluckst, die Drossel schlägt, der Kuckuck ruft seinen Namen. Finken, Spatzen und Meisen zwitschern. Die Brachvögel geben oft einen melancholischen einsamen Pfeiflaut von sich, aber sie können auch plötzlich das Tempo wechseln und Töne produzieren, die an die freundliche Version einer Maschinengewehrsalve erinnern. Ein Vogellaut klingt eher trocken, wie eine Geldmünze, die auf einen Tisch fällt.

Eine Sumpfohreule flattert in geringer Höhe vorbei. Der Fjord glänzt weiß. Noch ist der Schnee auf den schwarzen Berggipfeln der Insel nicht geschmolzen. Sie sind so hoch, dass insgesamt drei Jagdflugzeuge an ihnen zerschellt sind. Zwei Starfighter Anfang der 1970er-Jahre und ein deutscher Tornado, der 1999 bei Bøsanda auf den Strand stürzte, nachdem sich die beiden Piloten per Schleudersitz hatten retten können. Sie wurden von kleinen Booten aufgelesen, die zum Seelachsangeln zwischen Engeløya und Lundøya im Skagstadsund unterwegs waren.

Die Vogelwelt von Engeløya ist völlig anders als die auf der Inselgruppe Skrova, die jenseits des Vestfjords liegt und zu den Lofoten gehört. Dort gibt es nur Seevögel. Auf Skrova restaurieren Hugo und Mette gerade eine alte Fisch- und Tranfabrik, das Aasjordbruket. Wie der Name schon sagt, war der Betrieb in der Hand von Hugos Familie, allerdings nur für ein paar Jahrzehnte. In den frühen 1980er-Jahren wurde er stillgelegt und verkauft. Als Hugo und Mette ihn zurückkauften, war er ziemlich verfallen. Heute ist die Anlage in Teilen restauriert. Aber Mette und Hugo haben damit noch allerhand vor: Hier soll das neue kulturelle Zentrum von Skrova entstehen, mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten.

In einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde wie Engeløya ist alles, einschließlich der Mentalität, anders als in einem »salzigen« Außenposten wie dem Fischerdorf Skrova. Gleich hinter der gleichnamigen Inselgruppe ist das Meer mehrere Hundert Meter tief. Das Aasjordbruket auf Skrova soll der Ausgangspunkt für unser Haifangprojekt werden.

In der Stube erzählt Hugo eine seltsame, für ihn aber nicht untypische Geschichte. Wie er eigentlich darauf gekommen ist, weiß ich nicht mehr, aber er hat ohnehin eine besondere Gabe, von einem Punkt zum nächsten zu springen. Diesmal erzählt er, wie er einmal ein Widderjunges adoptiert hat, das erlegt werden sollte, weil der Bauer der Meinung war, mit ihm stimme etwas nicht. Hugo tat der kleine Widder leid, und er nahm ihn mit nach Hause. Der Widder zog in die Küche ein, und sie planten, ihn im Herbst zu schlachten. Als Hugo den Bauern einige Wochen später im Laden traf, ließ er die etwas unbedachte Bemerkung fallen, es sei nur ein wenig schade, dass der Widder so allein sei. Daraufhin brachte der Bauer einen weiteren Widder vorbei.

Über Monate und Jahre wurden die beiden Widder gefüttert, bis sie groß und stark waren – und schwer zu bändigen. Mit der Zeit wurden sie zur Bedrohung für die Kinder, aber auch für die Hunde. Daher lockte Hugo sie in sein Boot und setzte sie auf einer kleinen unbewohnten Insel aus. Dort konnten sie ungestört weiden.

Sie fraßen sich dick und rund, ließen aber jegliche Dankbarkeit vermissen. Wenn Hugo sich der Insel näherte, schwammen sie ihm oft entgegen. Dabei liefen sie Gefahr zu ertrinken, weil sich ihre Wolle voll Wasser sog, und er musste sie retten. Als Hugo an einem schönen Sommertag mit dem Boot anlegte und nichts Böses ahnend an Land ging, fiel ihn einer der beiden Widder an. Als krönenden Abschluss der Geschichte schiebt Hugo den Ärmel seines Pullovers hoch und zeigt mir eine lange, breite Narbe auf dem Oberarm.

Kurz darauf wurden die beiden Widder geschlachtet. Die Sympathie der Familie für die Tiere war nun vollends dahin. Heute hängen die Felle über einem Balken im Schuppen.

Es war ein Abend wie dieser vor zwei Jahren, als Hugo zum ersten Mal auf Eishaie zu sprechen kam. Hugos Vater war seit seinem achten Lebensjahr mit auf Walfang gefahren und hatte beobachtet, wie Eishaie aus der Tiefe heraufkamen und große Stücke Walspeck fraßen, während die Mannschaft neben dem Boot das erlegte Tier abspeckte. Hugos Vater hatte erzählt, wie sie einmal einen aufdringlichen Eishai harpuniert hatten und ihn am Schwanz aus dem Wasser zogen. Selbst halb tot und mit einer Walharpune quer durch den Rücken, verschlang er noch ein großes Stück frisches Walfleisch, das an Deck lag.

Es dauert Ewigkeiten, bis ein Eishai stirbt. Bisweilen lag er stundenlang an Deck und blickte allen hinterher, die dort herumliefen, was selbst vielen hartgesottenen Fischern unheimlich war. Hugos Vater erzählte, wie sie an einem warmen Sommertag mit einem Fischerboot namens »Hurtig« über den Vestfjord geschippert waren. Einer der Fischer wollte sich zwischendurch abkühlen und sprang ins Meer. Zur großen Belustigung der restlichen Mannschaft kam er jedoch blitzschnell zurück ins Boot, als nur wenige Meter entfernt ein Eishai an der Wasseroberfläche auftauchte.

Solche Geschichten nährten Hugos Fantasie und gärten schon seit vierzig Jahren in ihm. Wenn er vom Eishai erzählte, begannen seine Augen zu glänzen, und seine Stimme nahm einen besonderen Klang an. Die Geschichten, die er als Kind gehört hatte, ließen ihn nicht mehr los. Hugo hat in seinem Leben fast alle Meerestiere schon einmal in natura gesehen, doch noch nie einen Eishai.

Dasselbe gilt für mich. Hugo musste sich nicht groß ins Zeug legen, um mich zu überreden. Ich schluckte den Köder sofort. Auch ich bin am Meer aufgewachsen und habe schon als Kind geangelt. Wenn etwas anbiss, hatte ich immer das Gefühl, alles Mögliche aus der Tiefe fischen zu können. Dort unten gab es eine eigene Welt mit unzähligen Geschöpfen, über die ich so gut wie nichts wusste. In Büchern hatte ich Abbildungen aller bekannten Meereslebewesen gesehen, und schon das waren ziemlich viele. Das Leben dort unten kam mir jedenfalls vielfältiger und spannender vor als das Leben an Land. Sonderbare Kreaturen schwammen fast direkt unter unserer Nase herum, aber wir konnten sie nicht sehen und nicht berühren, wir konnten nur ahnen, was in der Tiefe vor sich ging.

Seitdem hat das Meer für mich nichts an Anziehungskraft eingebüßt. Vieles von dem, was wir als Kind rätselhaft und spannend finden, verliert bereits in der Jugend seine Faszination. Aber das Meer wurde für mich nur noch größer, tiefer und fantastischer. Vielleicht war dabei eine Art Atavismus im Spiel, eine Eigenschaft, die mehrere Generationen übersprungen hatte und von meinem Ururgroßvater, der seine Tage auf dem Meeresgrund beschlossen hatte, auf mich übertragen worden war.

Hugos Pläne übten auch noch einen anderen Reiz auf mich aus – etwas, das ich damals nicht erkannt habe und vielleicht bis heute nicht klar sehen kann, höchstens als Aufflackern am Rand meines Blickfelds, wie das rotierende Licht eines Leuchtturms, das mit seinen Blitzen die Dunkelheit zerreißt.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwar viel zu tun, aber trotzdem antwortete ich, ohne zu zögern: »Ja, lass uns rausfahren und einen Eishai fangen.«

3

Wir Menschen haben die Erde kartiert und füllen die weißen Flecken auf der Landkarte nicht mehr mit sonderbaren, unserer Fantasie entsprungenen Monstern und Fabelwesen. Doch das sollten wir vielleicht tun, denn das Leben auf diesem Planeten ist bei Weitem noch nicht vollständig erforscht. Bis jetzt wurden von der Wissenschaft knapp zwei Millionen Tierarten beschrieben, aber Biologen schätzen, dass es insgesamt rund zehn Millionen mehrzellige Organismen auf der Welt gibt.2 Die größten Entdeckungen warten im Meer. Dort tauchen ständig Lebensformen auf, von deren Existenz wir bis vor Kurzem noch keine Ahnung hatten. Selbst über große Lebewesen, die nahe der Küste vorkommen, wissen wir oft nur wenig. Auf der Erde gibt es möglicherweise genauso viele Haie wie Menschen.3 Und wem ist schon bewusst – mal abgesehen von Hugo –, dass in den tiefen Gräben und Rinnen des Vestfjords Eishaie schwimmen – eine Haiart, die sieben bis acht Meter lang und zwölfhundert Kilo schwer werden kann?

Der Eishai ist ein Urzeitwesen, das am Grund tiefer norwegischer Fjorde bis hinauf zum Nordpol schwimmt. Tiefseehaie sind normalerweise viel kleiner als Haie in flacheren Gewässern. Der Eishai bildet eine Ausnahme. Er kann größer werden als der Weiße Hai und ist damit der größte fleischfressende Vertreter seiner Art (Riesenhai und Walhai werden größer, ernähren sich aber von Plankton). Meeresbiologen haben vor Kurzem festgestellt, dass ein Eishai fünfhundert Jahre alt werden kann. Theoretisch könnte der Eishai, den wir fangen wollen, also zu Zeiten Martin Luthers geboren worden sein.

Anders als beispielsweise der Heringshai steht der Eishai nicht unter Naturschutz und darf gejagt werden, nur interessiert sich keiner für das Fleisch des massigen Haikörpers.

An jenem Abend vor zwei Jahren fiel die Entscheidung: Koste es, was es wolle, wir würden ein solches gefräßiges Monster fangen, das viele Hundert Millionen Jahre Evolution auf dem Buckel hat, potenziell tödliche Giftstoffe im Blut, Parasiten in den Augen und Zähne wie an einem überdimensionierten Fangeisen, nur wesentlich mehr.

Der Sommernachtshimmel verfärbt sich orange. Wir sitzen da und tauschen »Eishaineuigkeiten« aus, denn seit unserem letzten Treffen haben wir beide einiges aufgeschnappt. In den meisten schriftlichen Quellen heißt es, der Eishai sei träge und schlaff. Die schnellsten Haiarten können eine unglaubliche Spitzengeschwindigkeit von etwa siebzig Stundenkilometern erreichen. Hugo will es nicht in den Kopf, dass der Eishai angeblich so weit hinter ihnen zurückbleibt.

»Wie kommt es dann, dass man im Magen von Eishaien Überreste von Eisbären sowie extrem schnelle Seefische wie den Heilbutt oder große Lachse gefunden hat? So träge können sie also gar nicht sein«, meint Hugo.

»Eine Theorie besagt ja, dass Eishaie ihre Beute mit den Augen hypnotisieren, die im Dunkeln grün leuchten. Die meisten Eishaie haben nämlich einen Parasiten, der die Hornhaut angreift und die Tiere halb blind macht. Auf einigen Abbildungen sieht es aus, als würden dem Eishai kleine Würmer aus den Augen hängen. Vielleicht lässt dieser Parasit ihre Augen grün leuchten. Aber das ist noch nicht umfassend erforscht«, sage ich, äußerst zufrieden darüber, dass ich Hugo etwas über das Meer erzählen kann, was er vielleicht noch nicht weiß.

Die Freude währt nicht lange. Hugo ist keineswegs beeindruckt.

»Und wie schafft der Eishai es dann, in Alaska Rentiere zu fangen? Und wie gelingt es ihm, Seevögel zu erbeuten? Hypnotisiert er die vielleicht auch?«

Hugo hält mir einen kleinen Vortrag über den Sinnesapparat des Eishais: »Wie viele andere Haie auch nimmt er Spannungen von einem Milliardstel Volt wahr, und zwar mithilfe eines besonderen Sinnesorgans, der sogenannten Lorenzinischen Ampullen. Das sind gallertgefüllte Kanäle in seinem Maul. Auch wenn er blind oder halb blind ist, stellt das für ihn kein großes Handicap dar, weil es in der Tiefe ohnehin dunkel ist. Der Eishai spürt die winzigen Veränderungen in der elektromagnetischen Spannung, die von seiner Beute verursacht werden. So nähert er sich vermutlich auch den Robben, die auf dem Meeresboden schlafen, und schlägt dann zu.«

Ich versuche zu verbergen, dass diese Information neu für mich ist.

»Wusstest du etwa nicht, dass Robben auf dem Meeresboden schlafen?«, fragt er fast hämisch und fährt fort: »Vielleicht fängt der Eishai auf diese Weise Tiere, die viel schneller sind als er. Womöglich spürt er Fische auf, die verletzt oder geschwächt sind oder sich im Sand eingegraben haben. Vielleicht bewegt er sich für gewöhnlich langsam und lautlos, perfekt getarnt und schnappt dann zu … Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch zu schnellen Spurts in der Lage ist. Das ist die einzige logische Erklärung«, stellt er abschließend klar.

Einige Details haben wir noch nicht diskutiert: Was machen wir, wenn wir tatsächlich einen Eishai an die Oberfläche bekommen? Vielleicht sollten wir versuchen, ein Seil um seinen Schwanz zu binden und das Tier rückwärts hinter uns herzuziehen, damit es das Bewusstsein verliert, schlage ich vor. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fischen müssen Haie ununterbrochen schwimmen, um genug Sauerstoff zu bekommen. Das gilt auch für Makrelen.

Hugo schüttelt den Kopf und meint, wir würden dann Gefahr laufen, dass der Hai sinkt. Vielleicht sollten wir lieber versuchen, ihn an die Küste zu lenken, wie es die Inuit machen? Die Schwachstelle an diesem Plan ist, dass wir den Hai überreden müssten, genau in die von uns gewünschte Richtung zu schwimmen. Die Inuit nutzen zwei kleine Kajaks, zwischen denen sie den Eishai bugsieren, während wir nur ein Boot haben. Nebenbei bemerkt sehen die Inuit im Eishai ein Tier, das den Schamanen hilft.

»Vielleicht können wir ihn auf eine kleine Insel ziehen, wenn er in der richtigen Position ist?«

Diesen Vorschlag ignoriert Hugo glattweg, wahrscheinlich weil er einfach idiotisch ist.

»Wie wäre es, wenn wir ihn an einen Strand schleppen? Angenommen, wir haben Zeit genug, das Seil um einen Baum zu legen, dann könnten wir in die entgegengesetzte Richtung davonfahren und den Hai so an Land ziehen«, sage ich.

»Schon besser. Ich habe auch darüber nachgedacht, und mir ist eine Idee gekommen, wie wir es anstellen könnten. Wenn wir den Eishai hochgezogen haben, hängen wir ihn an einen weiteren Haken und binden diesen mit einem kurzen Seil an einer Netzboje fest. Dann können wir mit ihm machen, was wir wollen.«

Falls es uns gelingen sollte, den Hai – rückwärts oder vorwärts – zu einem der Anlegeplätze oder Strände auf Skrova zu schaffen, will Hugo die Leber haben. Daraus könnte er ein Fass Tran gewinnen und diesen zur Herstellung von Malerfarbe nutzen, mit der er dann das Aasjordbruket streichen würde. Außerdem denkt Hugo über verschiedene Kunstprojekte nach, für die er den Hai gebrauchen könnte.

Nachdem es zwischen uns ein paar Stunden lang hin- und hergegangen ist, fällt uns nichts mehr ein. Es ist zwar nicht die Zeit der Mitternachtssonne, doch draußen ist es richtig hell. Ich setze mich auf die Veranda und blicke in die Natur. Die Nacht ist lau und es ist fast windstill. Vom Sund dringt ein Hauch von Salz und verrottetem Tang herüber.

Unsere Ausrüstung ist vollständig und liegt im Aasjordbruket auf Skrova bereit. Wir haben eine Kette und mehr als vierhundert Meter Nylonschnur von bester Qualität. Wir haben zwanzig Zentimeter lange Haihaken aus Edelstahl und Grundbleie, die die Schnur zum Sinken bringen. Wir haben zwei große Netzbojen, um den Ruck abzufangen, wenn der Hai anbeißt, aber auch damit wir ihn nötigenfalls in sicherer Entfernung zu unserem kleinen Schlauchboot halten können, wenn er bis zur völligen Erschöpfung kämpft.

Jetzt fehlt nur noch der Köder. Auch wenn der Eishai nicht gut sieht, ist sein Geruchssinn umso besser. Wir brauchen Aas als Lockmittel für die großen, glänzenden Haken. Und es ist meine Aufgabe, die Überreste des Schottischen Hochlandrinds einzusammeln, die irgendwo in der Natur liegen. Hugos Magen ist dafür nicht geeignet. Seit einer missglückten Operation wird ihm schnell übel, doch er kann sich nicht übergeben, dafür fehlen ihm die physischen Voraussetzungen.

Zum Glück liegen sie bei mir vor.

4

Das Leben ist ohne den Tod nicht zu haben, und Abfallverwertung hält den Planeten am Leben. Dieser philosophische Gedanke tröstet mich, als ich am frühen Nachmittag des nächsten Tages allein durch den Wald irre und anhand einer vagen Wegbeschreibung ein verwesendes Schlachttier suche. Das Schottische Hochlandrind ist eine robuste Rasse, die den ganzen Winter über draußen bleibt und an einen Moschusochsen mit langen Stirnfransen erinnert. Es handelt sich beim Schottischen Hochlandrind um Herdentiere mit einer klaren hierarchischen Struktur. Man sollte ihnen nicht zu nahe kommen, wenn sie ihre Kälber zur Welt bringen, denn bei diesen Tieren sind die natürlichen Instinkte noch intakt. Hochlandrinder jagen Beerensammlern nicht selten einen gewaltigen Schrecken ein. Mit ihren langen, spitzen Hörnern und ihrer enormen Kraft können diese archaischen Lebewesen erheblich mehr Schaden anrichten als ein streitsüchtiger Widder.

Der Bauer hält die Rinder schon seit ein paar Jahren. Als er zum ersten Mal eins der Tiere schlachten wollte, verwendete er eine Schlachtmaske, die normale Rinder auf der Stelle tötet. Das Schottische Hochlandrind hat jedoch einen sieben Zentimeter dicken Stirnknochen, und die Kugel hatte das Tier, wie sich herausstellen sollte, nur kurzzeitig betäubt. Nachdem der Bauer die Hauptschlagader durchtrennt hatte, sprang das Rind panisch über den Hof und verspritzte dabei sein Blut auf den Bauern und dessen Kinder, die sich gerade noch in Sicherheit bringen konnten.

Auch auf das Rind, das nun zu Haifischfutter werden soll, musste mehrmals mit einem Gewehr von einem Kaliber geschossen werden, mit dem man aus hundert Metern Entfernung einen Elch erlegen könnte. Erst nach dem dritten Schuss kippte das Tier um.

Nur wo liegt der Kadaver jetzt?

Ich folge der Wegbeschreibung und komme zu einem Feld. Zwischen den Bäumen auf der anderen Seite sollen sich die Überreste des Rinds befinden. Es ist ein außergewöhnlich schöner Sommertag, warm, mild und angenehm, wie man ihn so weit nördlich selten erlebt. Singvögel trällern, als hätten sie zum Frühstück Champagner getrunken, Hummeln schwirren träge zwischen allerlei Blumen herum. Hier findet man Rotklee, Wiesenmargerite, Storchschnabel und gelben Hornklee, der in Norwegen viele Namen hat: Katzenklaue, Teufelsklaue, Frauenzahn, Jungfrauenblume und Jungfrau Marias Goldschuh. Der charakteristische Geruch der Blume hat ihr im Volksmund weitere höchst profane Namen eingebracht: Stinkeblume, Teufelsschiss und die vielleicht am wenigsten schmeichelhafte Bezeichnung, die einer Blume jemals zuteilgeworden ist: Arschputzerkraut. Es wäre ein perfekter Tag für ein Picknick auf Engeløya, das quasi eine Miniaturausgabe von Norwegen ist: Zum Festland hin ist die Insel von einer Fjordlandschaft geprägt, auf der anderen, dem Meer zugewandten Seite gibt es weiße Strände mit vorgelagerten Schären. Der Landgürtel unten an der Küste besteht aus fruchtbarem Ackerboden, dann folgt ein Waldstreifen, in dem Elche und anderes Wild leben. Und schließlich gibt es Täler und Berge, von denen der Trohornet mit 649 Metern der höchste ist. Das alles findet man auf dieser Insel, die man in ein paar Stunden mit dem Fahrrad umrunden kann. Es hat also seinen Grund, dass hier seit vermutlich sechstausend Jahren Menschen leben.

In Sandvågan, nicht weit von der Stelle, an der ich den Kadaver suche, gibt es einen Steinaltar, eine alte Opferstätte. Mein Interesse für diesen Opferstein hat Hugo geweckt. Er hat ihn selbst in einem Bild verewigt. Povl Simonsen von der Universität Tromsø hat etwas über diesen Stein geschrieben, in seinem Buch Fortidsminner nord for Polarsirkelen4 von 1970. Dort behauptet er, es gebe in Nordnorwegen nur zwei Opfersteine dieser Art. Der eine steht auf der Insel Sørøya im Westen der Finnmark, der andere auf Engeløya. Simonsen datiert den Stein auf eine Zeit zwischen 1000 v. Chr. und 1000 n. Chr.

Diese Angabe ist erstaunlich ungenau, das hieße nämlich, der Stein könnte genauso gut aus der Bronzezeit wie aus der Eisenzeit stammen. Die Texttafel, die das Amt für Denkmalschutz erst kürzlich neben dem Stein hat aufstellen lassen, hilft auch nicht weiter. Dort heißt es, der Stein stamme aus der Zeit zwischen 1500 v. Chr. und 1000 n. Chr. Der Stein kann mit anderen Worten dreitausendfünfhundert Jahre alt sein oder tausend. Man weiß also überhaupt nicht, wer ihn genutzt hat und wann beziehungsweise wie er zum Einsatz kam. Das ist ein bisschen so, als stünde in der Zeitung, dass der neue Weltrekord im Hundertmeterlauf bei unter einer Stunde liege und von einem Mann oder einer Frau im Alter zwischen einem und hundert Jahren aufgestellt worden sei.

Aufgrund der schalenähnlichen Vertiefungen in der Oberfläche liegt es nahe, dass der Stein für Opferhandlungen verwendet wurde. Die Mulden sollten vermutlich Blut oder Fett von Menschen oder Tieren auffangen. Da der Stein nach Westen ausgerichtet ist, ließe sich darüber spekulieren, ob er etwas mit einem Sonnenanbetungskult zu tun hat. Vielleicht wurden hier Jungfrauen oder Haustiere geopfert, vielleicht auch nur Milch, Butter oder Korn. Womöglich wurde einmal im Jahr ein Opferfest veranstaltet, das dazu diente, den Zusammenhalt der Menschen zu stärken. Bestimmt spielten dabei Musik, Tanz, Essen, Rauschmittel und ein gewisser Blutdurst eine Rolle, so stelle ich es mir jedenfalls vor. Vermutlich erinnerte man sich an die Gewalt, die die eigenen Vorfahren zusammengeschweißt hatte, und durchlebte sie noch einmal.5

Während ich weitergehe und dabei über Tiere und Opferrituale sinniere, weht ein leiser Windhauch über das Feld in meine Richtung. Der Geruch sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Der Gestank löst einen Brechreiz in mir aus, der mir die Tränen in die Augen treibt. Prompt stolpere ich über eine Unebenheit im Boden und trete in einen Kuhfladen. Nach dem Rotweingelage mit Hugo vergangene Nacht bin ich für diese Aufgabe noch nicht in der richtigen Verfassung. Schon in der Mitte des Feldes höre ich die Fliegen. Hugo hat mir etwas mitgegeben, das ich für eine Gasmaske gehalten habe, de facto ist es aber eine Staubmaske, und die hilft nicht im Geringsten gegen Leichengeruch. In unserem Teil der Welt haben die meisten Menschen vergessen, wie der Tod riecht. Der Geruch verbreitet sich, kaum dass der Mensch gestorben ist, aber erst nach drei Tagen, wenn die Bakterien im Magen sich durch den Leichnam fressen, um ihren Wirt zu verzehren, wird es richtig schlimm. Bei diesem Prozess entstehen Fäulnisgase und stark toxische Flüssigkeiten. Unser Sinnesapparat fordert uns entschieden auf, einen großen Bogen um diese Giftstoffe zu machen und ihnen auf keinen Fall so nahe zu kommen, wie ich es jetzt plane.

Ein bekannter Evolutionsbiologe hat den Menschen einmal – ganz unabhängig davon, wie entwickelt und gebildet wir sein mögen – als ein zehn Meter langes Rohr beschrieben, durch das die Nahrung transportiert wird. Alles andere, was wir uns der Evolution sei Dank zugelegt haben, wie unser Gehirn, Drüsen, Organe, Muskeln, das Skelett und so weiter, sei nichts als »Sonderausstattung«, die um dieses Rohr herum gebaut wurde.

ENDE DER LESEPROBE

Impressum

Originaltitel: Havboka eller Kunsten å fange en kjempehai fra en gummibåt på et stort hav gjennom fire årstider

Originalverlag: Forlaget Oktober, Oslo

Die Deutsche Verlags-Anstalt dankt NORLA, Norwegian Literature Abroad, für die finanzielle Unterstützung der Übersetzung.

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Copyright © 2015 by Morten A. Strøksnes und Forlaget Oktober, Oslo

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Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Lübbecke Naumann Thoben, Köln,

unter Verwendung von Illustrationen von istockimages/jpig und istockimages/Sylverarts

Gestaltung und Satz: DVA/Andrea Mogwitz

Gesetzt aus der Apollo

ISBN 978-3-641-19882-4V003

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