Das Fräulein vom Gegenteil - Anne Wibbe - E-Book

Das Fräulein vom Gegenteil E-Book

Anne Wibbe

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Beschreibung

Das Fräulein vom Gegenteil, so nennt die Mutter Katja, wenn sie es wieder einmal leid ist, ständig und über alles mit der in ihren Augen störrischen Tochter diskutieren zu müssen. Katja entwickelt innerhalb einer komplizierten Familienstruktur in den 50er und 60er Jahren, in denen die Erziehungsmethoden noch sehr viel mit Gewalt zu tun haben, schon als kleines Mädchen Eigensinn und Durchsetzungsvermögen, hat aber ebenso mit Einsamkeit und Angst zu kämpfen. Ihre körperlichen Defizite treiben den Ehrgeiz der Mutter in eine Hysterie, denn sie ist aufgrund der eigenen, unglücklichen und traumatischen Kindheit psychisch belastet. Katjas Vater schweigt, und er trinkt zu viel, trägt damit weitere Probleme in das Kinderzimmer. Träume, Ideen, Hoffnungen und Vernunft sind für Katja dann im Laufe ihres Lebens nicht mehr in die richtige Balance zu bringen. Als Erwachsene begleiten sie immer die Geister ihrer Kindheit und die Schatten der schwer zu bewältigenden Vergangenheit. Sichtbar werden diese vor allem durch massive Probleme im Laufe von zwei langjährigen, sehr schwierigen Beziehungen. Die Wiederholung von traumatischen Ereignissen bewirkt keinen Schutz vor dem Scheitern. Aber Katja bleibt kämpferisch, neugierig und weigert sich hartnäckig, an dem emotionalen Ballast zu zerbrechen.

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Seitenzahl: 603

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Reise nach Spanien

Kindheit und Jugend in Paderborn

Spanische und andere Studien

Das Schweigen der Mutter

Spanische Liebe, Teil I

Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit

Handeln und Planen

Klara

Spanische Liebe, Teil II

Reise nach Spanien

caminante, no hay camino, se hace camino al andar

Antonio Machado

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht

Katja trat aus dem dunklen Flur in einen unerwartet hellen, lichtdurchfluteten Raum, der den Bewohnern als Salon diente. Die Sonne konnte durch eine große Fensterfront das gesamte Zimmer in ein angenehm warmes Licht tauchen. Ein wenig geblendet und abgespannt von der Reise sowie der leicht angespannten Hoffnung im Gepäck, dass dieser Besuch nach bereits früheren, sehr schwierigen in der Wohnung am Rande der spanischen Mittelmeerstadt Alicante harmonisch verlaufen möge, erblickte sie die beiden Frauen auf dem altrosa Sofa sitzend, so als hätten sie sich stundenlang nicht bewegt. Allein etwas Erwartungsvolles, das nur erahnbar auf ihren Gesichtern lag, war zu erkennen. Katja war es aufgefallen, denn sie hatte schon lange einen scharfen Blick für Menschen, immer auf der Hut, immer bemüht, alles Negative zu antizipieren. Ihre Angst vor Enttäuschung und Trauer war groß geworden im Laufe ihres Lebens.

Da war sie nun also, die neue Muttersitterin, schmalbrüstig, die Beine züchtig und etwas angestrengt geschlossen, die Knie zusammengepresst, so als würde bewusst leichter Druck auf sie ausgeübt werden. So saß sie auf der Coach, als hätte sie einen Stock im Rücken und wirkte viel zu klein für das massive Möbelstück. Bekleidet war sie mit einem dunkelblauen, sehr dezenten Rock, eng geschnitten, gerade noch die untere Hälfte der Kniescheiben frei lassend, darüber eine Bluse, hellblaue Streifen auf weißem Grund, glatt gebügelt bis in die kleinste Ecke, nicht eine Falte war zu entdecken. Auch auf so etwas achtete Katja. Der weiße Kragen stand aufrecht und schmückte ihren etwas zu langen Hals, das Gesicht schmal, ernst, so als hätte sich noch nie ein Lächeln auf die konturlosen Lippen gelegt, große, anerzogen freundliche, aber dunkle und nach innen schauende Augen, ein offensichtlich introvertierter Mensch mit festen und unerschütterlichen Ansichten. In diesem Gesicht spiegelte sich keine Lebendigkeit wider, aber sehr viel Demut und Gehorsam.

Katja konnte es nicht glauben, dass die Person, die jetzt zum Gruß aufstand, Nelly hieß. Es hätte keinen unpassenderen Namen geben können für diese Frau, die so steif wirkte wie eine Puppe. Nelly hatte in einem Buch gelesen, welches sie fast andächtig und elegant auf ihren geschlossenen Beinen gehalten hatte, so als handelte es sich um die Bibel. Jetzt legte sie es sehr langsam und vorsichtig zur Seite, als sie Eligio, den Sohn und Herrn des Hauses, und Katja, die Deutsche, wahrnahm. Man könnte nicht sagen, dass ihre Begrüßung scheu und zurückhaltend gewesen wäre, aber auf eine undurchschaubare Art distanziert, fast stolz, auf jeden Fall emotionslos und mit einer sehr kleinen, fast nicht zu bemerkenden, büßerischen inneren Haltung. Ihr geradliniger Blick durch die dicken Brillengläser verriet gerade genug Freundlichkeit, um nicht als schlecht erzogen dazustehen, und sehr viel Höflichkeit. Vielleicht aber war sie auch nur sehr scheu. Doch sie machte mit ihrer gesamten Körperhaltung unmissverständlich klar, dass sie mit der deutschen Frau und der neuen Situation in diesem Haushalt nichts zu tun haben wollte, dass sich auf keinen Fall so etwas wie Freundschaft entwickeln würde oder etwas Vertrauliches zwischen ihnen entstehen könnte.

Was allerdings das Beste für die alte Dame war, das war relativ. So hatte Camila geglaubt, ihr eine Freude zu bereiten, wenn sie die Mutter ab und zu mitnahm zu den regelmäßigen Treffen und Festen bei ihren vielen bolivianischen Freunden, wo es fast immer sehr vergnügt, allerdings auch laut zuging. Aus Anlässen von Geburtstagen oder anderen familiären Gelegenheiten wurde viel gegessen, getrunken, und Tanz und Musik spielten traditionell, auch in Spanien, eine große Rolle. Camila wäre nicht auf die Idee gekommen, sie hätte sich nicht vorstellen können, dass das schädlich sein könnte für die alte Dame. Und auch die hatte sich nie beschwert über die Exkursionen in die lebendige farbenfrohe Welt. Im Gegenteil, sie schien sich dort sehr gut zu amüsieren. Wohl nur aus Unsicherheit oder Wahrheitseifer erzählte sie nach einigen Wochen ihrem Sohn von diesen Ausflügen zu den häufig feiernden Mitgliedern der bolivianischen Community in Alicante und den vor allem im Sommer stattfindenden nationalen Veranstaltungen, zu denen die zu betreuende Mutter von der lebenslustigen und sich gern amüsierenden Camila mitgenommen wurde, obwohl die Mitte Achtzigjährige bereits ziemlich unsicher auf den Beinen war und die Anzeichen einer Demenz auch bereits offensichtlich. Und erwartungsgemäß fand der strenge Sohn das Ganze dann auch nicht lustig. Was hätte der Mutter alles passieren können in einem derart undurchschaubaren Tumult? Sofort untersagte er rigoros solche Aktionen und verpflichtete Camila, mit seiner Mutter ausschließlich allein im Park spazieren zu gehen.

Camila empfand dieses Dasein als unendlich langweiliges Alltagseinerlei und fühlte sich unterdrückt. Die Unterhaltungen mit der Mutter waren sehr einsilbig, die Hausarbeit schnell erledigt, die kurzen nachmittäglichen Spaziergänge führten täglich an die gleichen Orte, und immer saßen die gleichen älteren Nachbarn auf den Bänken und wiederholten die monotonen Litaneien über das Wetter und die Nachbarschaft. Ein Tag war exakt so wie jeder andere, nach dem Feierverbot ohne Abwechslung im Alltag, und dabei hatte sich Camila so sehr nach Leben gesehnt. Sie wollte raus und hätte gern weiterhin die Mutter mitgenommen, aber sie gehorchte widerwillig, jedenfalls nach einigen Diskussionen, zu sehr war sie auf das Geld angewiesen, welches sie in dem Haushalt verdiente. Somit war sie sehr froh, wann immer es ihr möglich war, die Tür hinter sich schließen zu können, um den Rest des Tages nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und selbstbestimmt wenigstens das Fernsehprogramm auszuwählen, um nicht ununterbrochen vor den täglichen Gameshows sitzen zu müssen, auf die die Mutter nicht verzichten wollte. Und jeder Wunsch der Mutter, konkret oder nur erahnt, wurde zum ungeschriebenen, unhörbaren, aber dennoch universellen Gesetz zwischen den Mauern der Eigentumswohnung in einer der typischen spanischen Wohnburgen, auch wenn das so gar nicht zu dem Äußeren dieser kleinen Person passte. Allerdings war sie auch nicht aus sich heraus autoritär und bestimmend, sie wurde dazu gemacht, von ihrem Sohn.

Camila war im Laufe der Zeit immer aufsässiger geworden, hatte ihren eigenen Willen und gefiel sich darin, eben diesen in einer Art von emanzipatorischem Höhenflug zu demonstrieren. Sie schien noch sehr jung, doch sie hatte bereits vier Kinder in ihrer Heimat Bolivien großgezogen, ihren Mann verlassen, um nicht in einer toten Ehe versauern zu müssen, und sie hatte sich allein auf den Weg gemacht in ein aus der Ferne verheißungsvoll erscheinendes Spanien, um ihr eigenes Geld zu verdienen, sicher mehr noch, ihr eigenes Glück zu suchen, auch bei Männern. Sie war sehr offen und neugierig und bereits die erste Begegnung zwischen ihr und Katja ein Jahr zuvor war völlig anders verlaufen als jetzt die mit Nelly. Zwischen ihnen hatte sich intuitiv und sehr schnell ein gewisses Verständnis füreinander entwickelt. Katja war dankbar gewesen für Camilas Anwesenheit in der ansonsten für sie fremden spanischen Welt eines kleinen hässlichen Dorfes im Norden des Landes, wo die Familie seit Menschengedenken die Sommer verbrachte. Spanier lieben ihr Land und sind stolz auf ihre Immobilien. So ziehen sie je nach Jahreszeit vom Wohn- und Arbeitsort zum Ferienort, nicht selten sind das die Heimatdörfer ihrer Familien, und verbringen wochenlange Sommerurlaube, ohne auch nur ein Mal die Grenze ihres Landes überschritten zu haben.

Auch wenn sich das gegenseitige Verstehen zwischen den beiden Frauen nur auf der untersten Ebene einer weiblichen Solidarität abgespielt hatte, Katja hatte diese gestenreichen Gespräche als etwas menschlich Wärmendes in der ansonsten grauen, sterilen Umgebung empfunden. Natürlich hatte sich die sprachliche Kommunikation zwischen den beiden Frauen, besonders anfänglich, als schwierig erwiesen – Katja war im Allgemeinen bereits froh, wenn sie gerade einmal langsam sprechende Spanier verstand. Die südamerikanische Sprechweise klang sehr ungewohnt, so dass sie schon nach wenigen Worten eigentlich aufgeben musste. Einmal mehr ärgerte sie sich über ihr fast fehlendes Talent für das Erlernen von Fremdsprachen, überflüssig zu sagen, dass Camila kein Wort Deutsch sprechen konnte, warum sollte sie auch. Aber dennoch, die beiden Frauen waren neugierig aufeinander geworden, sie fragten mit wenigen Worten nach ihrem früheren Leben, die Antworten fanden sie mehr in ihren Gesichtern und Gesten, denn beide hatten genügend weibliches Einfühlungsvermögen, um darin zu lesen. Anfänglich hatten sich die Frauen ein bisschen darüber gewundert, wie sie überhaupt an jenen ungastlichen Ort gekommen waren, obwohl die Erklärungen und äußeren Umstände auf der Hand lagen: Sie war die Hausangestellte und Kaja die Geliebte des Hausherrn, Eligio Parrado Perez.

Camila war eine lebenshungrige nicht mehr ganz junge Frau, war vor ihrem Mann nach Spanien geflohen und wollte leben, lieben, aktiv sein. Das hatte leider zur Folge, dass sie ihren Job nicht mit einer solchen Inbrunst, Besessenheit und Hingabe ausübte, wie das von ihr erwartet und konkludent verlangt wurde. Eligio ließ in dem Punkt einer strikten Erfüllung aller Aufgaben im Dienst der Mutter nicht mit sich reden, und noch weniger erlaubte er Lockerungen im Tagesablauf. Er legte größten Wert darauf, dass seine Mutter nicht eine Minute am Tag allein gelassen wurde. Zu sehr plagte ihn die Sorge, ihr könne etwas zustoßen. Sie war auch äußerlich bereits recht betagt, war sehr dünn und ihre körperliche Kraft hatte gerade in den letzten Jahren, insbesondere seit dem Tod ihres Mannes, schnell abgenommen. Sie war so abgemagert, dass ihre Beine kaum noch das Fliegengewicht ihres Körpers tragen konnten, und ihre Schritte waren durch die beginnende Demenz so klein geworden, dass sie nur noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Jeder Gang durch die Wohnung war ein gefährliches Unterfangen, jede auch noch so kleine Unebenheit auf dem Boden hätte die alte Frau zu Fall bringen können. Und jedem, der sie sah, war klar, dass ein Knochenbruch das endgültige Ende dieses Menschen hätte bedeuten müssen, obwohl gleichzeitig etwas sehr Zähes durch ihre Adern floss und ihre Haut sehr widerstandsfähig, ledern schien.

Somit war es für den Sohn normal und selbstverständlich, auf unbedingter Fürsorge und Begleitung in jedem Moment und an allen Aufenthaltsorten zu bestehen. Die Mutter durfte nur am Arm der Betreuerin gehen. Alles musste gemeinsam gemacht werden, die regelmäßigen Einkäufe in dem nahen Einkaufszentrum in Alicante, welche die alte Dame liebte, da sie eine bunte Abwechslung in ihrem altmodischen grauen Alltag bedeuteten, die kurzen Spaziergänge in dem zwar durch Autoabgase vergifteten, aber dennoch angenehm grünen, kühlen Stadtpark, und auch bei dem frühmorgendlichen Kirchgang durfte Camila nicht von ihrer Seite weichen, und während der gesamten Messe musste sie neben der Mutter sitzen bleiben. Camila aber hatte sich eine Diät verordnet, die sie gern mit einigen Sport- und Laufeinheiten untermauert hätte. Eligio, der immer versuchte, höflich zu bleiben, außerdem keine Aussicht auf sofortigen und schnellen Ersatz von Camila hatte, bemühte sich durchaus, diese kleinen Auszeiten zu ignorieren. Sie zu tolerieren, das wäre ein zu großes Ansinnen gewesen, aber die Augen zu verschließen vor dem nachmittäglichen Treiben der Camila war ihm tatsächlich eine Zeit lang gelungen, zumindest an den Tagen, an denen er nachmittags zu Hause sein konnte und nicht bis zum Abend in der Schule bleiben musste – er war Lehrer –, um sich dort mit den Nach- und Vorbereitungen des Unterrichts zu beschäftigen und regelmäßig erbetene Gespräche mit den stets besorgten Eltern zu führen.

Von Anfang an aber arbeitete und brodelte das Unverständnis gegenüber solchen Eigenmächtigkeiten einer Angestellten in ihm, suchte sich den Weg ins Gehirn und dort in die Zentren von Angst und Wut, und so konnte es am Ende nicht gut gehen mit den beiden. Er wollte ihr nun jedoch nicht schon wieder etwas wie ein Oberlehrer verbieten, dieses Mal das Joggen, aber er wollte es auch nicht erlauben. Einige Wochen hatte er bereits über das Problem nachgegrübelt, doch es war nicht leicht, eine Frau zu finden, die keine eigene Familie hatte und bereit war, bei ihm einzuziehen, um die Mutter eventuell auch irgendwann nachts versorgen zu können. Er wollte Camila loswerden, und sobald sich die Gelegenheit bot, die Haushälterin seines besten Freundes Pedro zu übernehmen, die von Kopf bis Fuß eingehüllt war in Vertrauenswürdigkeit und eine gewisse Unterwürfigkeit ausstrahlte, die man schließlich von seinem Personal erwarten durfte, bekam Camila die Kündigung, natürlich nicht ohne Lohnfortzahlung für einen ganzen Monat, dazu Worte des Bedauerns und einen Betroffenheitsblick mit auf ihren zukünftigen Weg, und die traurige Gestalt Nelly übernahm die Regie im Haushalt von Mutter und Sohn.

Das Begrüßungszeremoniell zwischen Nelly und Katja dauerte kaum mehr als zwei Wimpernschläge. Katja ihrerseits hatte kein Interesse an dieser Frau und war auch nicht verpflichtet, mehr Energie und Zeit darauf zu verwenden, denn sie hatte nicht die Stellung in diesem Haushalt, sich nach ihrem Wohlergehen und das ihrer Familie erkundigen zu müssen. Außerdem wartete unmittelbar daneben der zweite Akt des bühnenreifen Begrüßungszeremoniells auf sie, die Mutter. Katja mochte sie nicht besonders. Obwohl sie augenscheinlich ein äußerst gutmütiger Mensch war, hatte sie doch auch etwas Hartes und Resolutes in ihrem Blick. Sie erkannte in ihr sofort eine Person, die das Mittelalter übriggelassen hatte, sie verkörperte und veranschaulichte mit jeder Geste, jedem Gesichtsausdruck, mit jedem Wort die statischen Werte einer christlich, nicht selten inhumanen Weltanschauung, vollgestopft mit religiösen Vorschriften und überängstlichen Wahnvorstellungen. Sie war mit ihrer ganzen Person der Inbegriff einer dienenden Christin par excellence. Wäre ihr als Kind in ihrem dörflichen Umfeld Bildung möglich gewesen und hätte sie sich nicht aus der typisch weiblichen Versorgungsnot heraus am Beginn des 20. Jahrhunderts verheiraten müssen, sie wäre vielleicht Nonne geworden, hätte hinter hohen Mauern Bücher lesen und ihren Geist bilden können, kniend und Gott dienend, und es wäre ihr vielleicht erspart geblieben, auf den Äckern der umliegenden Felder die Früchte des Bodens mühsam zusammenzutragen.

Die inzwischen greise Frau war nie unglücklich gewesen über die vielleicht verpassten Chancen auf einen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg durch Bildung, auch nicht über die zum Teil schwierigen Umstände eines verarmten Lebens, in dem der Hunger fast immer vorherrschte und an Schulbesuche nicht zu denken war. Sie hatte nie einem anderen Leben nachgetrauert, hatte nicht einmal eine vage Vorstellung davon gehabt, dass es vielleicht für sie ein facettenreicheres Leben hätte geben können, denn sie fügte sich jedem von Gott gegebenen Schicksal. »Gott gibt und lenkt, und dafür muss man ihm so oder so ehrfürchtig dankbar sein.« Aus diesen wenigen Prämissen bestand ihr gesamtes Weltbild, und durch die vielen Jahrzehnte hindurch war sie unerschütterlich und schweigend ihren Weg gegangen. Außerdem haderte sie schon deswegen nicht mit den weltlichen Gegebenheiten, weil Gott ihr diesen Sohn geschenkt hatte, nur diesen einen, und immer dann, wenn sie den inzwischen sechzigjährigen Mann ansah, fühlte sie lebendig und mit all ihren Sinnen, wie groß dieses Wunder war.

Eligios Mutter war keine gesunde junge Frau gewesen. Unterernährung, fehlende ärztliche Versorgung und eine angeborene körperliche Schwäche hatten eine gesunde Entwicklung behindert. Am schlimmsten war der Hunger, den alle Menschen in Spanien in den Jahren des Bürgerkriegs erleiden mussten. Sie hatte, wie in dieser Zeit üblich, viele Geschwister, obwohl die Eltern nicht einmal in der Lage gewesen waren, auch nur wenige hungrige Münder mit Essen zu füllen, aber die Kinder wurden als Arbeitskräfte auf den Feldern gebraucht. Das zumindest war nicht nur in Spanien so. Dazu kamen Kälte und Nässe in den langen Wintern, die im Norden Spaniens nicht weniger frostig und ungemütlich sein können als die in Nordeuropa. Im Sommer dagegen herrscht wochenlange Trockenheit und Hitze, und die Bewässerung von Feldern und Gärten war noch bis in die achtziger Jahre bestenfalls eine utopische Vorstellung der mehr oder weniger selbst ernannten Bürgermeister der Dörfer. Man kannte nichts anderes in diesem katholischen, konservativen Land, und ein Aufstand, sogar der Jugend, blieb aus, trotz der verheerenden sozialen Verhältnisse. Das Volk hungerte und betete und betete und hungerte neben der harten Arbeit. Eligios Mutter war das jüngste Mädchen, und da Eltern und ältere Geschwister permanent damit beschäftigt waren, die Großfamilie wenigstens vor dem Hungertod zu bewahren, war sie schon in sehr jungem Alter vollkommen auf sich allein gestellt gewesen und hatte als einzigen Gesprächspartner für ihre Sorgen und Nöte jahrelang kaum jemanden außer Gott gehabt.

Sie war keineswegs dumm, wenn auch ungebildet, und fand schon sehr früh großen Gefallen am Lesen. Da in ihren Entwicklungsjahren für sie kein anderer Lesestoff als die Bibel und christliche Gebetbücher verfügbar gewesen war, stürzte sie sich darauf wie ein an geistiger Nahrung vernachlässigter und verhungernder Mensch. Die Dorfkirche war ihre Heimat, die Gesellschaft der Gleichgesinnten ihr soziales Umfeld. Die harte Arbeit auf den Feldern war ihr aufgrund der körperlichen Schwäche kaum möglich, und tatkräftige Hilfe dort wurde auch nicht regelmäßig von ihr verlangt. Nur die Märchen, Mythen und Geschichten von Wundern, doppelzüngigen Schlangen und anderen gruseligen und rätselhaften Erscheinungen, die die Menschen von Generation zu Generation seit dem Mittelalter weiterreichten, um ihr geistiges Leben anzureichern, ließen sie die Nähe der bodenständigen Dorfbewohner und Bauer suchen. Sie sog alles auf wie ein Schwamm, Gottes Worte, die Biographie eines Mannes namens Jesus und die halbwahren und phantasierten Phänomene, die sich die Leute auf den Feldern erzählten, um sich die Zeit zu verkürzen oder die nie enden wollende Knochenarbeit zu versüßen.

Ihre wahre Erfüllung aber fand sie Jahre später in ihrer aufopfernden Mutterrolle. Eligio war ein sehr begabtes Kind. Der unermüdlich liebevolle Einsatz der Mutter und ihre Unterstützung bei der geistigen Entwicklung des Sohnes trugen schon sehr bald Früchte. Er war besessen von Büchern, sobald er lesen konnte, und er war über die Maßen begierig nach Lernen, Wissen und Verstehen. Auch noch in den sechziger Jahren war eine ernsthafte, schulische Ausbildung im ländlichen Spanien am einfachsten in Klosterschulen möglich gewesen, in denen sowohl die religiöse als auch die klassisch-schulische Disziplinmaxime miteinander verwoben waren. Eligio wechselte als Zehnjähriger nach León ins klösterliche Internat, beendete seine Schulausbildung dort und hatte im Laufe der Schuljahre ein ausgeprägtes intellektuelles Interesse an philosophischen Diskursen und sprachwissenschaftlichen Forschungen entwickelt, denn das Erlernen von Sprachen schien ihm wichtig und fiel ihm sehr leicht. Die Klosterdisziplin würde fortan in seinem gesamten Leben sein Handeln und Denken bestimmen. Insbesondere übertrug er sie später auf seine eigenen Studien und auf sein schulisches Leben als Lehrer. Es fiel ihm zeitlebens schwer, diese Kultur aus disziplinarischen Impulsen hinter sich zu lassen, mehr noch, Disziplin blieb so tief in ihm verankert, dass er sie als sein eigenes kulturelles Erbe verstand. Er hatte die Sakramente der humanistischen Bildung genossen, die darauf angelegt waren, zu missionieren. Er blieb immer der erzogene Mensch.

Seine Familie hatte er in León kaum vermisst, bekam er doch im Internat Ersatz für seine fehlenden Geschwister. Die Allianz zwischen Disziplin und Zwang empfand er für sich nie als etwas Negatives oder Bedrohliches, sie entsprach seinem Temperament. Vielmehr genoss er es, von vielen Schülern seines Alters umgeben zu sein, entwickelte tief empfundene Freundschaften, fühlte sich eingebettet in das Leben und die strikten Tagesabläufe eines Jungeninternats, empfand sich als Teil des Klosterlebens. Bildung war für ihn Freiheit, und mit Bildung köderten die Mönche die wissbegierigen Kinder aus der gesamten Gegend, um aus ihnen gebildete Priester und treue Diener des Herrn zu modellieren. Andere Zugänge zu Büchern und Bildung gab es kaum, und eine Alternative musste auch nicht erwogen werden, denn alles funktionierte perfekt. Das Kind passte in die Klosterwelt, und die Lehrer dort waren glücklich darüber, einen so wissbegierigen und widerstandslosen jungen Menschen nach ihren Vorstellungen und ohne Einmischung von außen formen zu dürfen.

An den Wochenenden und in den Ferien war Eligio bei seinen Eltern, schon früh erkennend, mit welchem uneigennützigen Denken und Handeln sie ihrem Sohn die Welt des Studierens eröffnet hatten. Seiner Mutter wurde erst als erwachsener Frau und im Angesicht ihres Sohnes konkret bewusst, was ihr vorenthalten geblieben war: Bildung. Nun sollte alles ihr Sohn bekommen, der es begierig und dankbar annahm. Das allein machte sie glücklich. Sie selbst brauchte schon längst nichts anderes mehr als die inneren Gespräche mit Gott und die liebevolle Bewunderung ihres Sohnes. Ab und zu vergnügte sie sich mit kleinen Hand- oder Bastelarbeiten, die ihr schlichtes Zuhause verschönern sollten, lebte aber ansonsten mit ihrem Mann zusammen ziemlich zurückgezogen. Auch dieser arbeitete stets im Dienst der Ausbildung des Jungen.

Auf diese Weise vergingen die Jahre, das Kind wurde größer in dem festen Bewusstsein, Priester werden zu wollen, als Mann zu leben, der Gott und den Menschen dienen würde. Nur langsam und im Laufe von einigen Jahren wurde ihm klar, dass sich noch etwas anderes in ihm verbarg, die Stimmen des Zweifels wurden lauter, die kritischen Zwiegespräche aufdringlicher. Es kam nach und nach ein Mensch an die Oberfläche, der mehr von der Welt sehen wollte. Der brave Schüler konnte und wollte sich am Ende der Schulzeit nicht mehr verbieten, auch die vergnüglichen Dinge des Lebens als angenehm und erstrebenswert zu entdecken. Erst spät fing er an, Frauen in seiner Umgebung wahrzunehmen. Es muss ihn in der Pubertät einige innere Kämpfe gekostet haben, sich am Ende gegen das Priestertum zu entscheiden, er musste darin eine gewisse Eigenmächtigkeit und vielleicht sogar Undankbarkeit gegenüber der Klosterschule und mehr noch gegenüber seinen Eltern empfunden haben. Aber sein fehlendes religiöses Sendungsbewusstsein und eine unterentwickelte Spiritualität – er hatte so gar nichts Missionarisches entwickeln können – sowie das Interesse an der Sprachwissenschaft, insbesondere der Entwicklung der romanischen Sprachen und deren Ursprung, dem Lateinischen, ließen langsam und zunächst unmerklich den Wunsch nach einem religiösen und von der Kirche reglementierten Leben verblassen zugunsten freiheitlicher Eigenverantwortung. Er war zu einem Mann der Wissenschaft und Philosophie geworden, wenn auch die Philosophie vor allem in ihren Teilbereichen Ethik und Moralphilosophie, womit er hauptsächlich bei der Auseinandersetzung mit den ethisch-moralischen Werten des menschlichen Tuns und Daseins in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft blieb. Dieser leise Wandel geschah unspektakulär. Seine Eltern unterstützten ihren Sohn weiterhin in allem, was er sich vornahm und entschied, und so war es auch, als er anfing, sich ernsthaft mit anderen Berufsbildern auseinanderzusetzen.

Eligio hatte nie viel darüber gesprochen, auch nicht mit Katja. Nachdem er sich entschieden hatte, sein Leben nicht in den Dienst der Kirche zu stellen, begann er mit dem Studium der Sprachwissenschaft und Philosophie an der größten Madrider Universität. Er vertiefte sich in viele Texte, und bei der Lektüre Kants stieß er auf dessen Kategorischen Imperativ, der für ihn zeitlebens eine lebendige Erkenntnis und Verhaltensmaxime zugleich bleiben sollte. Alle philosophischen Schriften waren ihm darüber hinaus unerschöpfliche Quelle von Definitionsversuchen des menschlichen Daseins in der Welt und der Einordnung und Beurteilung von göttlichen Erscheinungs- und menschlichen Glaubensformen. Der im Kopf Priester-Gebliebene beschäftigte sich weiterhin mit im weitesten Sinn religiösen Themen, doch ohne die Selbstaufgabe, die immer auch Teil eines priesterlichen Daseins ist. Eligio war bereit zu lernen und Gutes zu tun, ohne an eigene Vorteile zu denken. Doch die einzig wirkliche Gewissheit in allen seinen Zellen blieb die ewige Dankbarkeit seinen Eltern gegenüber, die auch bei der inzwischen eigenwilligen Planung des nun neuen Lebenswegs sowohl hinter ihm als auch an seiner Seite standen und ihn in jeder Hinsicht, vor allem aber auch immer wieder finanziell, durch eigenen Verzicht auf jedwede Habseligkeit, unterstützten. Sie gaben weiterhin alles her für ihn, auch als er ein paar Monate als Student mit Hilfe eines Stipendiums nach Deutschland ging, um die deutsche Sprache zu erlernen.

In der Madrider Universität fühlte Eligio sich ebenso wohl wie in der Klosterschule, denn nach klösterlichem Vorbild saß er oft tagelang in den dunklen Bibliotheksräumen, zusammen mit den willigen und fleißigen Kommilitonen, bewunderte die mittelalterlichen Bücher, die sie nicht anfassen durften, allein ihre Anwesenheit machte diese Orte zu einem bedeutenden, sakralen. Er las sich durch die kilometerlangen Regale der klassischen Werke, die den Studenten zur Verfügung standen. Und wieder waren es seine männlichen Freunde, die ihm Geborgenheit gaben in einer sich außerhalb der Lehr- und Lesesäle langsam nach den Gesetzen des Kapitalismus verändernden spanischen Gesellschaft. Man hatte sich nach dem verheerenden Bürgerkrieg im Privaten eingerichtet, und kleine Freiheiten, wenn auch in engen Grenzen, ließen dem Einzelnen trotz der Franco-Diktatur einen innerfamiliären, unpolitischen Lebensraum. Die Einnahmen durch den wachsenden Tourismus machten sich in der bürgerlichen Mitte bemerkbar, und die ersten Ansätze des später legendären Baubooms waren zu erkennen. Die streng dreinschauenden Polizisten der Guardia Civil gehörten allerdings noch lange zum normalen Straßenbild und wurden kaum noch als kriminelle Despoten des Diktators wahrgenommen. Eligio war beliebt als Freund, sozial, hilfsbereit, sehr großzügig und tolerant.

Nach dem Studium war er zunächst unschlüssig, wie es mit ihm weitergehen könnte. Er hätte sich eine wissenschaftliche Laufbahn gut vorstellen können, doch seine Ausbildung hatte den Eltern zu viel Geld gekostet. Er wollte, dass das aufhörte und strebte noch während des Studiums an, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Daher schien eine Lehrerausbildung sehr praktisch zu sein. Diese ermöglichte ihm, früh eigene kleine Geldsummen zur Verfügung zu haben und nebenbei das Studium von Literatur und Sprache weiter voranzutreiben. Seinen Referendardienst absolvierte er in Ciudad Real, der so wenig königlichen Stadt, in der es ihm überhaupt nicht gefiel, auch wenn ihn das erste Unterrichten durchaus positiv stimmte. Er war froh und erleichtert, dass die Arbeit mit den Schülern gut funktionierte, und sein Ehrgeiz war groß. Er zeigte sich beglückt darüber, endlich mit einem nun längst entwickelten pädagogischen Sendungsbewusstsein und ein wenig didaktischem Geschick andere junge Menschen an dem Erlernten und Studierten teilhaben lassen zu können. Er entdeckte den Lehrerberuf als gute Möglichkeit zu geben, zu dienen und dabei ein kleines Einkommen für sich zu erwirtschaften. Das passte zu ihm, bescheiden und fleißig im Dienst der Menschen. Die kleinen Dinge des Lebens waren seine Welt. Nichts anderes hatte er bei den Eltern lieben und schätzen gelernt.

Mit dieser Gewissheit und dem Vertrauen, das Richtige zu tun, verbrachte er zwei Jahre doch recht zufrieden in der spanischen Provinz, aus der er jedoch in Richtung Madrid flüchtete, sobald er ein paar Tage frei hatte. Für die Sommermonate hatte er bald eine Stelle an der Internationalen Universität Santander, die Sommerkurse für ausländische Studierende anbot, welche in Gastfamilien untergebracht waren und in festgelegten Unterrichtseinheiten über vier beziehungsweise sechs Wochen in Intensivkursen die spanische Sprache erlernen konnten. Den ganzen Vormittag gab es Unterricht, doch nicht alle Studentinnen und Studenten waren wirklich zum Studium gekommen, manche vielmehr, um sich als Reisende Land und Leute aus der Nähe anzusehen oder auch die Zeit im Ausland, weit weg von Eltern und Verpflichtungen aller Art, ausschließlich mit feuchtfröhlichem Feiern zu genießen. Die Arbeit als Lehrer dieser Sommerkurse war somit nicht leicht. Tag für Tag in die oft übernächtigten und schon allein deswegen völlig desinteressierten Gesichter der jungen Menschen schauen zu müssen, quälte Eligio, denn für ihn war es ziemlich unverständlich, dass sie ein solches Angebot, das Studium einer Sprache kostengünstig und im Land selbst erlernen und gleich vertiefen zu können, schlichtweg ignorierten, weil ihnen feiern wichtiger zu sein schien. Er bemühte sich sehr, wenn auch ganz ohne didaktische Ausbildung, seinen Unterricht lebendig und modern zu gestalten, durch eigenen Fleiß und eigene Energie die Studierenden einzuladen, ihm in die Welt der Sprachen zu folgen, aber weitaus nicht alle waren in der Lage oder bereit dazu, das in dem geforderten Ausmaß zu tun. Nicht wenige setzten ihren fehlenden Schlaf in den morgendlichen Unterrichtsstunden fort, darunter auch Katja. Doch zum Glück gab es auch die anderen.

Das erste, was er von Katja wahrnahm, waren ihre langen blonden Haare, und das wusste sie. Sie hatte großes Vergnügen daran, damit zu kokettieren. Eligio war allerdings kein Mann, der einem solchen Impuls nachgegangen wäre. Er sah wohl ihre noch junge Schönheit, interessierte sich aber nicht besonders für Menschliches allzu Menschliches, sondern eher für die Frage, warum Katja – offenbar nicht besonders dumm – so uninteressiert war und sich während seines Unterrichts geradezu ungnädig und unwillig zeigte. Nicht dass er sich eingebildet hatte, die Kurse seien besonders spannend gewesen, aber für die Lehrer gab es kaum Freiheiten, den Unterricht zu variieren, sie mussten den Vorgaben und dem Rhythmus eines vorgeschriebenen Curriculums folgen. Doch er gab sich alle Mühe, seinen Schülerinnen und Schülern in den wenigen Wochen, für die sie ihren Aufenthalt gebucht hatten, umfassende Sprachkenntnisse möglichst lebendig und lebensnah zu vermitteln und mit auf den Weg zurück in ihre verschiedenen Heimatländer zu geben.

In Katjas Gesicht fand er jedoch nichts als Desinteresse, Provokation und eine Mischung aus einer für ihn noch geheimnisvollen, scheinbar völlig ungenutzten Intelligenz gepaart mit spätpubertärem Trotz in den Augen. Nachdem er jedoch einige Male erfolglos versucht hatte, ihr Interesse durch gewollt lässig eingestreute thematische Fragen während des Unterrichts zu wecken und ihre Anteilnahme am schulischen Geschehen zu locken, gab er schließlich auf, vor allem auch, weil er sie zusammen mit ihrer deutschen Freundin fast täglich und ab und zu sogar schon vor dem Unterricht auf der Terrasse der Cafeteria gesehen hatte, Bier trinkend und übertrieben laut und albern kichernd. Oft waren die beiden Studentinnen auffällig geworden, angetrunken, machten sie sich lustig, wer weiß über wen oder was, sicher aber auch über die Lehrer. Er schüttelte innerlich seinen belesenen Kopf und gab Katja verloren, auch oder weil er nicht verstand, was mit dieser Studentin los war. Und es gab in jeder Klasse genügend aufmerksame und fleißige Schüler, die seinen ganzen Einsatz als Lehrer verdient hatten, und den wirklich willigen jungen Menschen wollte er sich lieber widmen.

Katja aber hatte ihn längst in ihr Visier genommen. Er war ein nicht besonders großer, etwas untersetzter Mann mit dunklen Haaren. Ein dichter, längerer Bart verdeckte die Hälfte seines Gesichts, ließ aber schön geformte Lippen erahnen. Seine Kleidung war seinem Beruf angemessen, gediegen, ordentlich, sehr konservativ. In den siebziger Jahren gab es europaweit wohl kaum einen Lehrer, der als anerkannte und noch nicht durch etliche Krisen in der Erziehungs- und Schulpolitik erschütterte, natürliche Autorität ausstrahlende Person keinen Anzug getragen hätte, das allein war nichts Auffälliges. Aber Eligios Anzüge waren schlechtsitzend, zu groß, die Hosenbeine zu kurz, wie bei jemandem, der sich noch nie in seinem Leben um sein Aussehen gekümmert hatte. Er wirkte wie ein weltfremder Professor, der seine Nase immer nur in Bücher und niemals in die Männerabteilung eines Kaufhauses gesteckt hatte. Man konnte eher den Eindruck gewinnen, dieser Mensch hatte alles versucht, um nicht aufzufallen durch Äußerlichkeiten, um jeden Preis Normalität auszustrahlen, doch nicht einmal das war ihm gelungen. So war er Katja aufgefallen, auch und gerade aufgrund seines unbeholfenen äußeren Erscheinungsbildes. Noch nicht einmal ein offensichtlich großes Maß an Introvertiertheit konnte eigentlich an seinem Äußeren festgemacht werden, doch Katja entdeckte es dennoch an seiner Körperhaltung und der Art und Weise wie er sprach und dabei nie völlig seinen Blick öffnete, ein deutliches Zeichen für einen etwas weltabgewandten, verschlossenen Menschen.

Katja in ihren jungen, energievollen Jahren hatte den Kopf voll mit andauerndem Zweifeln, ständiger Kritik an allem und jedem, harscher Abweisung aller Spielregeln einer regulierten Gesellschaft, was fast ständig einherging mit einer depressiven Grundstimmung. Sie sog gern alles euphorisch und zunächst unreflektiert auf, was nicht Norm war oder Ritual hieß. Ihre Mutter hatte sie kritisch »das Fräulein vom Gegenteil« genannt. Sie kultivierte eine immense Abneigung gegen allzu glatte Lebenswege und hatte einen eigenen Instinkt für deren Vorkommen in bestimmten Gesellschaftsgruppen entwickelt. Diese Menschen konnte sie nur uninteressant finden und darüber hinaus sogar ablehnen, wenn ihnen aus allen Poren die Verkörperung einer mittleren, nicht besonders gebildeten Bürgerschicht strömte. Solch ein Mensch war dieser Lehrer ohne Frage, aber irgendwo versteckte sich noch etwas anderes. Darum konnte sie ihre Augen nicht von ihm lassen, denn Katja war talentiert für den zweiten Blick, den tieferen, den bohrenden, den fragenden. Ständig war sie in einem übernächtigten Zustand, in dem ihr nichts in ihrer Umgebung entging und sie jedes Verhalten und alles Beobachtete Schicht für Schicht durchleuchtete und hinterfragte, so lange, bis Strukturen, Daseinsformen, Eigenschaften sowie vermeintliche Wertigkeiten auf einer imaginierten Skala verstandesmäßig durchdrungen und mit dem eigenen Wertesystem verglichen waren. Sie konnte nicht aufhören, all das, was sie wahrnahm, und war es auch noch so unscheinbar, zu deuten. Und hinter der Fassade dieses Mannes gab es etwas, was interessant sein könnte für ihre Menschenforschungen.

Kindheit und Jugend in Paderborn

Wenn ich es bedenke,

so muß ich sagen, daß mir meine Erziehung

in mancher Hinsicht geschadet hat.

Franz Kafka

Tagebücher 1910

Sie beobachte die Menschen in ihrer nahen Umgebung bereits so lange wie sie denken konnte, ständig und bohrend, neugierig und sehr wachsam. Diese Eigenschaft hatte sich schon in ihrer Kindheit entwickelt, das war der komplizierten familiären Situation geschuldet. Ihre übermächtige, manchmal sogar übergriffige Mutter hatte ihr keine Möglichkeit einer ruhigen, gesunden Entwicklung gelassen. Die Strafen, die es für die kleinsten und normalsten kindlichen Vergehen gab, waren horrend, so dass sich Katja permanent in Acht nehmen musste, sowohl direkt unter den Augen ihrer Mutter als auch bei den schwierigen Versuchen, ihren Blicken zu entkommen. Die Mutter hatte sich, wie viele Mütter vor ihr in allen Jahrhunderten, in den Kopf gesetzt, durch Drill und Disziplin aus ihren Kindern Menschen nach ihrer Vorstellung zu erschaffen, hatte ihre eigenen Frustrationen in die Wiege ihrer Kinder gelegt, in dem Bewusstsein, sie müssten verstehen, dass es ihr, der Mutter, immer schlecht gegangen war, dass sie aber nun für ihre Kinder so oder so ausschließlich das Beste wolle. Trotz ihrer durch familiäre Probleme und die Kriegszeiten sehr traumatisch verlaufenen eigenen Kindheit und Jugend meinte sie dennoch zu wissen, was das Beste für ihre Kinder sei und wie Leben funktionierte. Sie ließ daher keinerlei Kritik an ihrem erzieherischen Verhalten und ebenso keine Zweifel an den auf Unterdrückung ausgerichteten Erziehungsmethoden zu. In erster Linie waren es Konsequenz und Strenge, die es in jeder auch nur erdenklichen Situation durchzusetzen galt. Nach dieser Meinung durfte es keine Momente im Leben eines Kindes geben, in denen diese beiden obersten Erziehungsgebote zu vernachlässigen wären. Daran gab es im Denken der Mutter nicht den geringsten Zweifel.

Schon früh entwickelte Katja durch ihren natürlichen Widerstand gegen alles Restriktive ein ziemliches Geschick und ein für ihr Alter sehr ausgeprägtes Talent, Situationen und Gelegenheiten für kleine alltägliche Fluchten in kürzester Zeit zu erkennen und diese für sich heimlich zu nutzen sowie ganz eigene Schlussfolgerungen zu ziehen und Gegenreaktionen in Windeseile umzusetzen. Immer wieder erkämpfte sie sich damit kleine Freiheiten, sei es, kurz aus dem Haus zu huschen, um mit einer nicht erlaubten, weil von ihrer Mutter nicht als standesgemäß eingestuften, Freundin zu spielen, und erst dann heimzukehren, wenn der Vater sicher und nicht selten betrunken wieder zu Hause war, die zumeist beste Ablenkung ihrer Mutter von den kleinen Eigenmächtigkeiten und Trotzaktionen ihrer ältesten Tochter. Denn wenn es für die Mutter ein noch größeres Problem gab als die in ihren Augen schwierige Tochter, dann war es ihr Mann, den sie manches Mal offen vor ihren Kindern als Versager bezeichnete. Das schlimmste für Katja war dabei aber nicht die Tatsache, dass sie ihren Vater schlecht machte, das Traumatische war vielmehr, dass sie dabei selbst bitterlich weinte und damit offen zeigte, wie unglücklich sie war und wie ausweglos ihr eigenes Leben. Die Ohnmacht der eigenen Mutter sehen zu müssen, löste in ihrer Tochter Katja während der gesamten Kindheit irrationale Ängste aus. Je hilfloser die Mutter gegenüber dem Drama in ihrer Ehe wurde, desto verbissener vergrub sie sich in ihre Erziehungsideale, die wenigstens ihren Kindern ein besseres Leben bescheren sollten.

Allerdings waren die ständigen schweren Krisen ihrer Eltern für Katja nicht grundsätzlich eine begrüßenswerte Ablenkung von den Übergriffen ihrer Mutter auf sie. Manchmal war der Zustand des Vaters auch für die Tochter sehr hart, und sie wäre lieber gehorsam gewesen, als das desolate Verhältnis ihrer Eltern zueinander unmittelbar wahrnehmen und aushalten zu müssen. Zumindest in den Nächten richteten die lautstarken, aggressiven Zerwürfnisse, die fast immer etwas damit zu tun hatten, dass der Vater zu viel trank, die ersten wirklich schwerwiegenden emotionalen Schäden bei dem Kind an. In einigen Nächten konnte sie nicht schlafen, warf sich unruhig und zitternd vor Angst in ihrem Bett hin und her, war zerrissen zwischen Verzweiflung, Traurigkeit und sich aufdrängenden Fluchtgedanken, denn sie musste die ununterbrochenen schreiend vorgetragenen Vorwürfe der Mutter gegen den Vater mit anhören. Diesen existenziellen Streitereien zu entgehen, hatte sie keine Chance. Ihr kleiner Körper war dann ausgekühlt und gelähmt vor Sorge, sie zitterte mit klappernden Zähnen, ihren Kopf versteckte sie unter der Bettdecke, darüber Kissen, so viele wie ihr Zimmer hergaben, hoffend, betend, sie möge nicht mehr jedes Wort verstehen, was von den Erwachsenen gesprochen wurde, die in regelmäßigen zeitlichen Abständen außer Rand und Band waren. Auch, wenn ihr der Sinn der Worte nicht immer klar war, die Vorstellung von deren Bedeutung und der schneidende Ton in der Stimme der Mutter drang in sie hinein wie ein Messer, hindurch durch die Kissenberge und die verschlossenen Türen, durch die Finsternis der Nacht in die Kinderseele. Es gab kein Entrinnen.

Dazu kamen eigene körperliche Schwächen und Probleme. Nichts von all dem, was sich ein Kind in den ersten Lebensjahren an Krankheiten holen konnte, ließ sie aus. Sie war noch nicht ein Jahr alt, da erschütterte ein erster operativer Eingriff den kleinen Körper – und damit auch ihre hilflose Mutter –. Es hatte sich ein Knoten auf ihrer Kopfhaut gebildet, der entfernt werden musste. Bei der histologischen Analyse im Labor wurden Tuberkulose-Bakterien gefunden, eine schwerwiegende Diagnose, der eine sorgenvolle Zeit und unendlich viele Arztbesuche folgten. Doch der kleine Körper erkrankte nicht weiter an Tuberkulose, allerdings – und sie hatte immer noch nicht ihren ersten Geburtstag erreicht – folgten ein schwerer Keuchhusten und in den darauffolgenden Jahren dann etliche Lungenentzündungen. Sie war ein anfälliges, blasses, fast immer kränkliches Kind. Sie bekam Bestrahlungen, täglich eine Dosis warme Milch mit Honig, die sie nie mochte und die etwas später eine ausgeprägte Aversion sowohl gegen Milch als auch gegen Honig zur Folge hatte, und musste literweise Lebertran hinunterwürgen. Jedes Mal schüttelte der Ekel Geist und Körper, aber es gab kein Pardon, verständlicherweise aus späterer Sicht.

Mit zwei Jahren saß sie zum ersten Mal beim Augenarzt. Sie schielte stark, ihrem linken Auge fehlte fast völlig die Sehkraft. Sie bekam ihre erste Brille, und das süße Kindergesicht schaute nun ernst und traurig in die elterliche Kamera. Ihre Mutter war verunsichert und beunruhigt. Nach und nach wurde sie übervorsichtig mit Katja, und während andere Kinder im Frühjahr bei den ersten wärmenden Sonnenstrahlen Kniestrümpfe und Sommerröcke trugen, lief Katja immer noch in Wollstrumpfhosen zum Kindergarten und später zur Schule. Es galt jahrelang die Devise, dass die Temperaturen erst tagelang stabil die zwanzig Grad-Marke überschreiten mussten, dann erst wurde auch Katja erlöst von den schweren und durch das ständige Schwitzen kratzenden Wintersachen. Jahr für Jahr litt sie darunter, die einzige zu sein, die noch im Mai die verhassten und durch das Waschen hart gewordenen Strumpfhosen tragen musste, es war ihr peinlich, auch äußerlich anders auszusehen, wie eine Verrückte, wie sie meinte. Jedes Jahr kämpfte sie darum, früher befreit zu werden, jedes Jahr verlor sie gegen die aus Angst längst in völlige Starrheit umgeschlagene Prinzipienliebe der Mutter.

Der Arzt riet, kurz bevor sie in die Schule kam, zu einer sechswöchigen Kur am Meer. Es war bekannt, dass die salzhaltige Luft bei den für Lungenerkrankungen anfälligen Kindern gut und gesund ist, und deshalb zögerte Katjas Mutter kein bisschen und willigte einer solchen Kur ein. Also kam sie für sechs Wochen in ein Kinderheim an der Nordsee. Gerade war ihr kleiner Bruder geboren, und alles drehte sich nun um den Familienzuwachs. Daher schien die Zeit günstig. Katja hatte sich zunächst durchaus gefreut, auch wenn ihr die erste Fahrt im Zug ohne ihre Eltern etwas Angst machte. Am Tag der Abfahrt war der Paderborner Bahnhof voller Kinder, Mütter und Großmütter. Alle waren sehr aufgeregt. Die Mütter zupften ein letztes Mal an der Kleidung ihrer Söhne und Töchter und wollten nicht aufhören, die Zöpfe und Ponys zu richten, die Kleinen aber konnten es nicht erwarten, endlich einsteigen zu dürfen. Nur ein kleines Mädchen stand traurig am Rande, neben sich nur die ernst und streng dreinschauende Großmutter, die das Kind nie besonders gemocht hat, weil sie immer sehr hart und schroff mit ihrer Enkelin umging. Ihre Mutter war zum Abschied nicht erschienen. Katja glaubte, sicherlich das einzige Mädchen zu sein, das ohne ein Winken der Mutter in den Zug einsteigen musste. Das bedrückte die kleine Kinderseele sehr und trübte ihren Aufenthalt in dem Kinderheim von vornherein, wo sie dann auch entsetzlich unter Heimweh litt.

Tatsächlich stabilisierte sich ihr Körper und verstärkte die Abwehrkräfte gegen sämtliche Erkältungskrankheiten. Doch dafür hatte sie im Laufe der wochenlangen Kur mit anderen Dämonen zu kämpfen. Das Kinderheim wurde von Nonnen geleitet, die über das Wohl und Wehe der ihnen anvertrauen Zöglinge wachten. Sie waren sehr strenge und einige von ihnen geradezu herrische Erzieherinnen. Sie hatten die Regie über den täglichen Tagesablauf sowie die Nachtwachen übernommen. Die ständig verordnete Bettruhe in einem riesigen Schlafsaal war für Katja eine schwere Bürde in diesen Wochen am Meer. Sie weinte fast jede Nacht. Das quälende Heimweh war ihr unbegreiflich, weil das Leben mit ihrer Mutter überaus schwierig war und sie in ihrer kindlichen Naivität eigentlich gehofft hatte, die örtliche Entfernung von ihrem unbarmherzigen erzieherischen Blick genießen zu können.

Aber die Macht hat einen langen Arm, und darum war sie ständig beklommen und dachte sehnsuchts- und angstvoll an ihre Eltern. Fast die gesamten sechs Wochen war sie wie gefangen in sich selbst und beteiligte sich tagsüber kaum an den angebotenen Spiel- und Bastelaktivitäten, wenn sie nicht gezwungen wurde, und nachts nie an den üblichen Tuscheleien und dem leisen Toben in den Kinderbetten. Fast immer war sie damit beschäftigt, ihre Weingeräusche unter der Bettdecke zu verbergen, und dieses leise Glucksen mochte ihr eines Nachts zum Verhängnis geworden sein. Denn plötzlich spürte sie in der Dunkelheit den Windhauch einer heranrauschenden Nonne, und wie ein düsteres Gespenst stand diese in ihrem schwarzen Sackkleid auf einmal vor Katja, sprach kein Wort, aber schlug ihr eine klatschende Ohrfeige mitten ins Gesicht. Katja erstarrte sprachlos vor Schreck und Entsetzen, als ihr diese unendliche Demütigung bewusst wurde. Die Frau war, ebenso lautlos wie sie erschienen war, auch gleich wieder verschwunden, kein Wort, keine Erklärung, keine mögliche Rechtfertigung. Es war geschehen und lag noch Stunden später in der Luft. Man hatte einfach die Geräusche verwechselt, denn Weinen kann wie Lachen klingen. Sie kannte ihre schlagende Mutter und hatte sich irgendwie an das Schlagen als Strafe gewöhnt, aber ein wort- und grundlos schlagender fremder Mensch ist etwas völlig anderes. Das war wie ein Peitschenhieb, und sogar Katjas Weinen verstummte.

Körperlich hatte sie sich trotz allem gut erholt. Mit roten Wangen und ein paar Pfunden mehr auf den Rippen kam sie aus der Kur zurück. Auch ihre Mutter war glücklich darüber, ihr Kind wieder in den Armen halten zu können. Sichtlich hatte sie die ganze Zeit unter der Abwesenheit ihrer Tochter gelitten. Ihre neue körperliche Stärke half Katja allerdings nichts gegen die vielen bis dahin etablierten Vorsichtsmaßnahmen der Mutter, die auch nach der Kur weiterhin aufrecht erhalten wurden, aber wenigstens musste sie nicht ständig und quasi wochenlang im Bett oder auf der Wohnzimmercoach ihrer Genesung entgegenfiebern und gegen die entsetzliche Langeweile ankämpfen, die jede Lungenentzündung mit sich gebracht hatte, denn spielen oder aufstehen durfte sie dann bis zu zwei Wochen lang nicht, lesen konnte sie noch nicht, und ihre Mutter beschäftigte sich zwar permanent mit ihrem Körper, aber für eine liebevolle Freizeitbeschäftigung mit ihrem kranken Kind hatte sie nichts übrig, für die Langeweile eines Kindes fand sie sich nicht zuständig.

Nachdem später auch die restlichen Kinderkrankheiten wie Masern und Windpocken überstanden waren, konnte das Augenmerk auf die diversen körperlichen Fehlstellungen des Kindes gelegt werden. Nachdem die schielenden Augen so einigermaßen gerichtet waren, kamen die Zähne an die Reihe. Bei diesem Kind entwickelte sich nichts wie von selbst und wie es sollte, sondern überall musste nachgebessert und neu gerichtet werden. In den Jahren ihrer Grundschulzeit wurde der Zahnarzt zu ihrem persönlichen Angstfeind. Sie bekam eine Zahnspange, musste zur wöchentlichen Kontrolle, und da Zahnpflege in den fünfziger und sechziger Jahren noch ein Fremdwort war, hatte sie auch schon bald Karies, und zwischen der Anpassung der Zahnspange sowie der Kontrolle des viel zu engen Kiefers, wurde auch noch recht fleißig gebohrt, natürlich ohne Betäubung oder auch nur vorsichtige Rücksichtnahme. Die Hände des Zahnarztes glichen denen eines Metzgers, wenn er in dem kleinen Kindermund herumfuchtelte, aber die Mutter war begeistert von ihm, denn er war ein gründlicher Mann, und das Motto dieser Jahre hielt sich eisern in allen Köpfen: Wenn es nicht weh tut, dann ist es auch nicht gut. Katja hatte Angst, wieder und wieder, das Haus des Zahnarztes, gegenüber ihrem Elternhaus, ständig vor Augen, und sie wusste, eine Befreiung von dieser verhassten Praxis war, solange ihre vorderen Schneidezähne wie ein X geformt waren, nicht in Sicht. Noch viele Jahre später als erwachsene Frau hatte sie ein exaktes Bild dieses Wartezimmers vor ihren inneren Augen, ihr persönlicher Ort der Folter, so groß war die Angst vor dem grobschlächtigen Arzt.

Die Zahnspange trug sie mit Geduld. Sie tat nicht weh, ihre Eitelkeit verdrängte sie sehr schnell, sie lebte damit ohne Widerspruch. Tag und Nacht musste sie sie tragen, ihr Kiefer war so eng, dass die beiden Schneidezähne fast komplett übereinander gewachsen waren, und nur sehr langsam wurde durch ständiges Erweitern der Spange eine Dehnung des Oberkiefers erreicht. Sie war nach recht kurzer Zeit sehr geschickt damit, auch beim Essen und Sprechen. Fast problemlos konnte man sie verstehen, sie vergaß sogar oft, dass sie etwas im Mund trug. Auch beim Spielen und Toben störte sie das Ding nicht. Endlich einmal funktionierte etwas ohne Probleme, konnte eine ärztliche Anweisung ohne ständige Aufsicht und Kontrolle der Mutter, auch ohne Ablehnung und Niedergeschlagenheit der Tochter, durchgeführt werden. Alles verlief glatt, jedenfalls was die falsche Zahnstellung betraf, ohne Druck und nach Plan, bis zu einem Tag als die Paderborner Welt im Schnee versank.

Katja liebte den Schnee, sie liebte es, wenn die Geräusche der Welt durch die Schneedecke wie gedämpft klangen, sie liebte die Reinheit der Schneeflocken, sie mochte den Geruch, sie genoss das Schlittenfahren, obwohl sie sich immer vorstellte, den Schnee durch ihre Fußtritte lieber nicht zerstören zu wollen. In Paderborn gab es genügend Möglichkeiten, mit dem Schlitten große und kleine Abhänge hinunterzukommen, und Katja war, sobald die weiße Schicht den grünen Rasen unter sich bedeckt hatte, sofort mit ihrem schönen Holzschlitten unterwegs. Das war auch etwas, was ihrer Mutter Spaß machte, und daher musste sie niemals um diese Schneeausflüge betteln. Sie durfte im Stadtgraben bleiben, solange sie wollte und bis es dunkel wurde, und das machte sie. Sie liebte die Geschwindigkeit, mit der man an guten Tagen den Abhang hinuntersausen konnte, sie fühlte sich frei von allen Belastungen ihres noch so jungen Lebens, die in Schnee verpackte Heimatstadt verlor ihre Enge und Düsterkeit. Der Schnee und das Meer, die hatten für Kaja ersehntes Weites, etwas Großzügiges, Befreiendes, nichts hielt den Blick auf, er konnte wandern, hinaus aus ihrer engen Kindheit. Zu beidem hatte sie so etwas wie ein inneres Verhältnis, die Geräuschlosigkeit der weiten zugeschneiten Ebenen rund um die Stadt oder das sich kaum sichtbar bewegende Meer am Horizont waren Katjas innere Sprache in einer ganz eigenen Lebenswelt.

Gern nahm sie ihren kleinen Bruder mit. Er war sechs Jahre jünger als Katja, ein ruhiges, problemloses, immer gesundes und hungriges Kind, leicht zufrieden zu stellen und gern mit seiner großen Schwester unterwegs. Mit ihm war sie nicht ganz allein und hatte eine Aufgabe. Sie mochte sich gern um ihn kümmern, fürsorglich wie eine gute Mutter und liebevoll und stolz wie eine große Schwester. Er war viel zurückhaltender im Schnee als Katja, hasste es, kalte Füße und Hände zu haben, schrie dann schrecklich, weil er mit seinen zwei Jahren sein Unglück noch nicht in Worte fassen konnte. Aber wenn es ihm warm genug war, tobte er sehr gern mit ihr in den weißen Schneebergen. Sie nahm ihn später, als er etwas größer war und sich sicherer bewegen konnte, auf ihren Rücken, während sie auf dem Schlitten lag, jeden Abhang mit hinunter. Dann jauchzte er vor Vergnügen, und sie nutzte den Vorteil seines Gewichts, um noch schneller und weiter gleiten zu können. Am Ende des Stadtgrabens gab es eine Mauer, die konnten sie normalerweise nicht erreichen, und doch war es ihr Ehrgeiz. Eines Tages schaffte sie es dann mit dem Bruder zusammen. Sie war so überrascht davon, dass sie sogar vergaß zu bremsen. Und tatsächlich stieß sie mit der Stirn gegen einen spitzen Stein, der aus der Mauer herausragte. Zurück blieb später eine kleine, aber tiefe Narbe mitten auf der Stirn. Diese Narbe trug sie fortan als Erinnerung an einen kleinen Glücksmoment ihrer Kindheit.

Dann kam der Tag, als sie mit ihrem kleinen Bruder, aber ohne ihre Zahnspange nach Hause zurückkam. Sie musste sie wohl beim Schlittenfahren verloren haben. Was für eine Aufregung! Mit dem wenigen Geld, das der Vater in diesen Jahren nach Hause brachte, musste nicht nur die Familie mit den mittlerweile zwei Kindern, durchgebracht, sondern auch noch die Zahnspange für die Tochter monatlich abbezahlt werden, denn die Zeit, da die Krankenkassen eine solche Behandlung übernahmen, war noch nicht gekommen. Die Mutter schrie und zeterte vor Entsetzen, als sie hörte, dass das wertvolle Teil weg war.

Nachdem sie sich langsam von dem ersten Schreck erholt hatte, gab es für sie nur eins: Die Zahnspange konnte nicht vom Erdboden verschluckt sein, vielmehr musste sie genau dort gesucht werden, wo sie verlorengegangen war, auf dem Boden des Stadtgrabens musste sie ja irgendwo liegen. Und was vorhanden war, wenn auch dem oberflächlichen Blick verborgen, musste gefunden werden können. Der Schnee hatte die Spange vermutlich irgendwo unter sich begraben, aber ihre Mutter war sicher, dem Problem sei mit Hilfe einer kleinen Sandkastenharke sicher leicht beizukommen. Allerdings war Eile geboten, und es konnte auf keinen Fall bis zum nächsten Morgen gewartet werden. Also bekam Katja die kleine bunte Plastikharke in die Hand gedrückt und wurde rausgeschickt in die winterliche frühe Dunkelheit. Denn wieder einmal gab es kein Erbarmen, obwohl sich Katja ängstlich und entsetzt zeigte. Ihre Mutter hatte ihr tatsächlich aufgetragen, den Schnee Zentimeter für Zentimeter durchzuharken und nicht ohne Zahnspange wieder nach Hause zu kommen. Sie selbst musste mit dem kleinen Bruder zu Hause bleiben, konnte also Katja nicht begleiten und ihr in der ausweglosen Situation helfen.

Katja war verzweifelt. Sie sollte allein – und das empfand sie natürlich als Strafe für ihre Leichtsinnigkeit – deutlich nach Anbruch der Dämmerung auf ihren Knien die gesamte Fläche des Stadtgrabens auf der Suche nach der Zahnspange durchkämmen? Sie weinte bitterlich, aber es gab wie immer kein Pardon: »Du hast sie verloren, du wirst sie finden, und los jetzt, sonst wird es bald vollkommen dunkel sein.« Die Tränen liefen und liefen, sie glaubte nicht daran, dass es möglich war, so ein kleines Ding auf einer so großen Fläche zu entdecken, sie war hoffnungslos, dachte wieder einmal daran, wie schon so oft vorher, einfach nicht mehr nach Hause zurückzukehren, wusste aber auch wie jedes Mal nicht, wohin sie sich hätte wenden können, wer ihr hätte helfen können, was sie hätte machen sollen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als genau das zu tun, was ihre Mutter von ihr verlangt und erwartet hatte. Sie ging mit dem Sandkastenspielzeug los und machte sich, immer noch blind von dem Tränenschleier vor ihren Augen, an die Arbeit. Sie wusste später nicht mehr, wie lange es gedauert hatte, aber sie fand die Zahnspange. Es war für sie wie ein Wunder, doch entgegen allen Erwartungen empfand sie auch darüber keine Erleichterung, denn die schwere Traurigkeit über das, was geschehen war, blieb auf dem gesamten Heimweg bestehen wie ein dunkler Umhang, obwohl sie das, was überhaupt nicht realistisch erschienen war, geschafft hatte. Zu Hause angekommen, mit dem Erfolgserlebnis in der Hand, nahm ihre Mutter zwar erleichtert zur Kenntnis, dass das Verlorene gefunden wurde, aber für sie war das sowieso selbstverständlich gewesen, denn die Zahnspange konnte ja nicht fort sein. Ein weiterer schwerer Schlag für das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter.

Kurze Zeit später, weniger als ein Jahr, wurde die nächste körperliche Deformation gerichtet, der Rücken war dran. Man war nicht sicher, ob es von den vielen Lungenentzündungen kam, es Veranlagung oder eine falsche nachlässige Körperhaltung war, Katja jedenfalls hatte einen sehr ausgeprägten Rundrücken. Ihre Schultern waren auffällig nach vorne verschoben, der ganze Rücken sah schief aus. Der nächste Arztbesuch galt also einem Orthopäden, dem einzigen in der damals noch kleinen Stadt Paderborn, Dr. Much. Dieser machte sofort ein ernstes Gesicht, als er sich den Rücken aus seiner fachärztlichen Perspektive und auch mit Hilfe seiner höchst beweglichen Finger anschaute. Es musste sofort etwas getan werden, noch waren die Knochen weich und formbar, das würde mit der Pubertät vorbei sein, und man müsse das Wachstum der Wirbelsäule schon deswegen korrigieren, weil Katja sonst als erwachsener Mensch schwere Rückenschmerzen bevorstünden. So wurde ein Gipsbett verordnet für die Nacht und für den Tag ein Korsett, den sogenannten Geradehalter. Der nächste Termin wurde direkt dazu genutzt, einen Abdruck für die der Körperform anzupassende Gipsschale herzustellen, in der Katja in den nächsten Jahren schlafen sollte. Kalter flüssiger Gips trocknete langsam auf der Haut ihres Rückens, und Katja ahnte wieder einmal nichts Gutes. Und sie sollte Recht behalten.

Schnell kam der Abend, an dem sie zum ersten Mal in dem Gipsbett schlafen sollte. Die harte Schale reichte ihr vom Nacken bis zu den Hüften und war härter als ein Holzbrett. Sie wurde mit Gurten darin angeschnallt, so dass sie sich praktisch nicht rühren konnte. Es sah aus wie ein Folterinstrument aus dem Mittelalter. Obwohl es ihrer Körperform angepasst war, schien es ihr absolut unmöglich zu sein, darin zu schlafen. Doch die Warnungen des Orthopäden, zeitlebens an Rückenschmerzen leiden zu müssen, wenn sie jetzt nicht mit der Behandlung beginnen würde, geisterten penetrant und unaufhörlich in ihrem inneren Ohr herum. Darüber hinaus hatte sie Angst vor ihrer Mutter, sowohl vor der vorstellbaren Strafe, für den Fall, dass sie sich dem Schlafen, besser gesagt, den Qualen im Gipsbett verweigern würde, als auch vor der Verzweiflung der Mutter, die getrieben war von dem Eifer, alles richtig zu machen und überzeugt davon, dass ihre Tochter ihr sicher später als erwachsene Frau ewig dankbar wäre. Doch es ging nicht, Katja schlief nicht eine Minute. Sie war sogar guten Willens, wollte keinen neuen Stress verursachen, versuchte es die zweite Nacht, saß völlig übermüdet im Schulunterricht, und in der dritten Nacht blieb ihr nichts anderes übrig, als das Gipsbett zu verlassen. Sie schob das Folterinstrument einfach zur Seite, legte sich daneben auf die weiche Matratze und schlief sofort in ihrer gewohnten Position auf der Seite ein.

Ihre Mutter entdeckte diese kleine, menschlich verständliche Mogelei sofort und sann auf Abhilfe. Alle Probleme mit der Tochter waren für sie vor allem eine Herausforderung, sich ständig neue und phantasievolle Lösungen auszudenken, und sie gab nie auf oder nach. In diesem Fall hatte die Mutter jedenfalls ständig das bedrohliche Szenario vor Augen, welches Dr. Much so anschaulich und eindringend geschildert hatte, und sie wollte nicht verantwortlich sein für solche Folgen. Ihr Kind musste in Anbetracht dieser Notlage eben gequält werden, der gute Zweck heiligt die Mittel. So war es auch in diesem Fall, und resolut band sie am nächsten Abend die Gipsschale mit einer Kordel am Bett fest, so dass Katja sie nicht mehr zur Seite schieben konnte. Irgendwann würde sie schon schlafen, glaubte die Mutter. Aber Katja war durch das enorme Schlafdefizit so erledigt, dass ihr die kleinste Fläche ausreichte, um das Gipsbett zu verlassen. Inzwischen öffnete sie im Halbschlaf die Gurte – sie selbst hatte am nächsten Morgen keine Erinnerung mehr daran, es war also kein Sabotageakt – und kauerte sich in die kleinste übrig gebliebene Ritze. Es war ein hartnäckiger Kampf gegen die nächtlichen Dämonen, die eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten, die Strenge der Mutter und den zu früh geweckten Trotz und Eigensinn.

Hatte sie die Nächte irgendwie überstanden, dann folgte am frühen Morgen die verordnete Gymnastik, die sie ebenso hasste wie den Schulsport, und dann ging es in den Geradehalter, der die Schultern nach hinten ziehen sollte. Saß oder stand sie sehr gerade und aufrecht, dann konnte man nichts sehen von der Apparatur, beugte sie sich aber aufgrund von Müdigkeit und Erschöpfung ein wenig nach vorne, so stand die Stange unter den Blusen und Pullovern vor, als ob die Wirbelsäule wie ein Stock aus dem Rücken hervorgesprungen wäre, und ihre leichte Körperdeformation wurde so erst richtig auffällig. Jeder konnte sie nun sehen und als Behinderung einstufen. Die Mitschüler im Unterricht glotzten sie nicht selten mit geöffnetem Mund an, meistens zu scheu, um zu fragen, was sie denn da habe, aber nicht scheu genug, um hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln. Katja versuchte zwar stundenlang während des Unterrichts sehr gerade zu sitzen, was ein Hervorstehen der Stange verhinderte, aber irgendwann fiel sie immer wieder in sich zusammen und ließ Arme und Schultern für eine kurze Erholungsphase hängen. Das reichte schon für die Erregung der Aufmerksamkeit der gelangweilten Meute.

Für Katja war es ein Spießrutenlauf. Nach Nächten, in denen es ihr möglich gewesen war, ihren Gipskäfig zu verlassen und ein paar Stunden zu schlafen, hatte sie etwas Selbstbewusstsein angesammelt, um dem Kichern ihrer Mitschülerinnen einen bösen trotzigen Blick entgegenzusetzen, aber an vielen Tagen war sie schwach und weinte innerlich, wieder einmal mit Gedanken an Flucht, gar Selbstmord und düsteren Zukunftsvisionen beschäftigt. Dazu kam, dass ihre Schulleistungen immer schlechter wurden und alles mehr und mehr zur psychischen Belastung heranwuchs. Auch ließ ihre Mutter lange Zeit im Kampf um ihren nächtlichen Verbleib im Gipsbett nicht nach. Sie war sicher, dass es für die Tochter irgendwann zur Gewohnheit werden würde, so wie die Zahnspange, und gab nicht auf, sie immer wieder in die Schale zurückzuholen, wenn sich Katja bereits am frühen Abend wieder einmal danebengelegt hatte.

Katjas Mutter war eine praktische, schlaue Frau und so scheute sie auch vor dem allerletzten Schritt nicht zurück, denn das Verlassen des Gipsbettes wäre dann unmöglich, wenn man die Tochter darin einschließen könnte. Und das brachte die Mutter tatsächlich fertig. Sie kaufte zwei kleine Vorhängeschlösser und befestigte diese zusammen mit dem Gurt in der dafür vorgesehenen Schnalle, sie drehte die kleinen Schlüssel Abend für Abend in den Schlössern um, und Katja war nun endgültig gefesselt, da nutzte kein Jammern, kein Weinen, keine Wut. Katja blieb nichts anderes übrig, als mit größter Geduld zu warten, bis der Morgen kam und der Albtraum vorbei war. Schon tagsüber musste sie bereits versuchen, die mittlerweile tiefe Angst vor dem Zubettgehen zu verdrängen, aber auch das schaffte sie immer weniger. Ihre Mutter hatte kein Erbarmen, obwohl sie merken musste und sicher auch gemerkt hat, wie sehr ihre Tochter litt, wie müde und blass sie geworden war, wie erschöpft und ausgezehrt. Und da Katjas Vater sich nicht um die Kindererziehung kümmerte – er war allein für den Broterwerb zuständig – hatte sie die alleinige Erziehungsgewalt. In der Überzeugung, dass nur Geduld und Hartnäckigkeit zum Erfolgt führen konnten, war sie in keiner Weise kompromiss- oder gesprächsbereit, zumindest so lange nicht, bis sie zum Klassenlehrer in die Schule zitiert wurde. Katja war im Unterricht vollkommen abgesackt, ihre Versetzung war gefährdet, sie war inzwischen unfähig, überhaupt nur dem Unterricht zu folgen. Was denn los sei, fragte der Lehrer, man kannte das Kind als ehrgeiziges und fleißiges Mädchen.

Katja schaffte in diesem Jahr die Versetzung nicht, auch die Wiederholung des Schuljahres brachte nicht das erhoffte schulische Fortkommen, sie war psychisch und durch die überbordende Müdigkeit auch geistig nicht mehr in der Lage, den Anforderungen gerecht zu werden, in den Schulstunden auch nur eines einzigen Schulfachs konzentriert zu bleiben, und ihr sonst so wacher Verstand war dermaßen matt, dass eine aktive Teilnahme am Unterricht nicht mehr möglich war. Dazu kam ihre sehr ausgeprägte Schwäche für alle naturwissenschaftlichen Fächer, und schnell war klar, sie musste die Realschule verlassen und zurück in die Hauptschule, für Mutter und Tochter die größte denkbare Niederlage. Dieser Schock hatte jedoch etwas Gutes für Katja, denn ihre Mutter gab endlich nach, sah ein, dass die Behandlung des Rundrückens gescheitert und in Anbetracht der neuerlichen Schwierigkeiten auch nicht mehr wichtig war, warf die kleinen Vorhängeschlösser in den Müll, überließ Katja die Entscheidung innerhalb oder außerhalb des Gipsbettes zu schlafen, erlaubte ihr auch, den Geradehalter an den Haken zu hängen, und Katja erholte sich, wenn auch sehr langsam.