Das Funkeln einer Winternacht - Karen Swan - E-Book

Das Funkeln einer Winternacht E-Book

Karen Swan

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Beschreibung

Eine Reise ins verschneite Norwegen zeigt Bo: Zu Hause ist kein Ort – sondern ein Gefühl.

Bo und ihr Freund Zac führen ein Leben, von dem andere nur träumen können: Als Social-Media-Stars reisen sie um die Welt und teilen ihre Abenteuer mit Millionen von Fans. Für Weihnachten haben sie sich ein spektakuläres Ziel ausgesucht: eine abgelegene Farm in den norwegischen Fjorden, die dem faszinierenden Bergführer Anders und seiner Großmutter Signy gehört. Doch umgeben von schneebedeckten Gipfeln und gefrorenen Wasserfällen spürt Bo ein wachsendes Unbehagen über die permanente Inszenierung ihres Lebens. Und Anders ist der Einzige, der ihr zuhört …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 722




Buch

Social-Media-Star Bo und ihr Freund Zac führen auf den ersten Blick ein beneidenswertes Leben: Sie reisen um die Welt und teilen ihre Abenteuer mit Millionen von Followern. Für die Weihnachtszeit haben sie sich ein besonders spektakuläres Ziel ausgesucht: eine abgelegene Farm in Norwegen, hoch über einem Fjord gelegen. Schneebedeckte Gipfel und gefrorene Wasserfälle bieten das perfekte Setting für atemberaubende Weihnachtsfotos. Doch Bilder können lügen, und insgeheim fühlt sich Bo schon lange nicht mehr wohl dabei, ihr Leben zu inszenieren. Der faszinierende Bergführer Anders ist der Einzige, der ihr zuhört …

Weitere Informationen zu Karen Swan sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Karen Swan

Das Funkeln

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Christmas Lights« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, London. Nachweis Gedicht S. 7: Atticus, Love-Her-Wild. Gedichte und Notizen, aus dem Amerikanischen von Kilian Unger, dtv bold, München 2019. Mit freundlicher Genehmigung von dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung November 2019 Copyright © der Originalausgabe 2018 by Karen Swan Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: Frau: Matt Champlin/Getty Images Landschaft: Jan Greune/Alamy Fjord und alle weiteren Bilder: shutterstock Redaktion: Ann-Catherine Geuder LS · Herstellung: kw Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-23964-0V001 www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Cousine Alice und für all das, was sie für Mally getan hat.

Verspricht die Sonne, dass sie scheint?Nein, aber sie wird es tun –sogar hinter den dunkelsten Wolken,und kein Versprechenbringt sie dazu, heller oder länger zu scheinen.Es ist einfach ihre Bestimmung zu brennen,bis sie nicht mehr kann.Ich verspreche dir auch nicht, dich zu lieben,aber es ist meine Bestimmung,für dich zu brennen,bis ich nicht mehr kann.

Atticus (@atticuspoetry)Love-Her-Wild

Prolog

Lodalen, Norwegen, 13. September 1936, 06:35 Uhr

Das Pferd stolperte zwischen den rauchenden Trümmern des zerstörten Dorfes umher. Der Blick der Mädchen wurde immer wieder die steilen Hänge des Fjordes hinaufgezogen – das Ausmaß der Zerstörung war unfassbar.

Es war nichts mehr übrig. Sämtliche Häuser waren zerstört, selbst das Gras war umgepflügt worden, überall lagen umgestürzte Bäume, deren Wurzelstöcke wie Krallen in den Himmel ragten. Das, was von Möbeln und Einrichtung noch übrig war, ließ sich nur noch als Feuerholz verwenden. Unter einem großen Felsbrocken schauten die steif in den Himmel ragenden Beine einer toten Kuh hervor. Weiter oben am Hang hing ein Fischerboot mit nach unten weisendem Bug in der Krone eines großen Baums. Ein bizarrer Anblick. Und überall lagen Leichen, mit zerschmetterten Gliedern, noch in Nachthemd oder Schlafanzug.

Einige wenige Überlebende kletterten auf den Trümmern umher und versuchten ganze Häuser anzuheben, auf der Suche nach vermissten Familienmitgliedern, nach dem Ehemann, der Ehefrau, den Kindern. Ihr lautes Wehklagen durchbrach immer wieder die Stille des Morgens. Signy wollte es schier das Herz zerreißen. Sie wusste ja, dass dort irgendwo Vater und Mutter und Geschwister begraben lagen, ihr Haus befand sich schließlich in vorderster Reihe, das konnte keiner von ihnen überlebt haben – und dennoch suchten ihre Augen die Trümmerlandschaft ab, auf der Suche nach irgendeinem Anzeichen, das verriet, wo sich ihr Hof befunden hatte. Wo man anfangen sollte.

Hinter ihr ertönte ein Ächzen. Sie drehte sich um. Margit zog und zerrte und schob den schweren Leichnam aus dem Sattel. Die anderen wollten helfen, aber der Wutschrei, mit dem sie ihn vom Pferd riss, hielt sie davon ab. Der Körper fiel blutig und zerschunden zwischen die anderen, ebenso zerschundenen Körper. Margit starrte ihn noch einen Augenblick lang schwer atmend an, dann ergriff sie das Pferd beim Zügel und ließ den Körper, ohne ihn noch eines einzigen Blickes zu würdigen, hinter sich in den Trümmern und führte die anderen tiefer ins zerstörte Dorf hinein.

1. Kapitel

Insel Upolu, Samoa, 4. Dezember 2018

Die Morgensonne war nichts als eine Verheißung am Horizont, das Meer schwappte mit einem trägen Geräusch wie ein großes schlummerndes Tier hinter ihnen an die Felsen. Das Tosen in der Nacht, das sie erregt, geängstigt und wach gehalten, das sie barfuß von der Veranda aus beobachtet hatte, hatte sich glücklicherweise wieder gelegt. Die See hatte sich beruhigt, war wieder zahm, wenn auch nicht zähmbar geworden.

Die Wellen brachen sich nicht länger mit brüllender Gewalt an den Felsen. Nur gelegentlich spritzte ein wenig Gischt an ihre Beine, sodass sie eine Gänsehaut bekam, und eine kühle Morgenbrise strich um ihren Körper. Mit einem Schaudern fasste sie ihr langes Haar zusammen und band es mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz, dann zog sie den Riemen ihrer Taucherbrille fest. Neben ihr auf dem Felsen saß Zac und überprüfte noch einmal den Fotoapparat. Seine Muskeln wirkten im grauen Morgenlicht wie aus Marmor gemeißelt. Man konnte seine Erregung, seine nervöse Anspannung spüren, man sah es in seinen ruckartigen, hellwachen Bewegungen. Er hatte wie immer tief und selig geschlafen, hatte nichts mitbekommen von der Sinfonie aus zuckenden Blitzen und krachendem Donner, die sie wach hielt.

Bo unterdrückte ein Gähnen. Was gäbe sie nicht darum, jetzt noch im Bett liegen zu dürfen, unter dem sich träge drehenden Deckenventilator, zusammen mit Zac in ihrem breiten Mahagonibett, eingehüllt in das Moskitonetz wie in einen romantischen Kokon, der nicht nur die Insekten fernhielt, sondern auch die Welt da draußen. Die Müdigkeit steckte ihr noch in den Knochen, ihre Glieder waren bleischwer. Sie hätte alles gegeben, was sie besaß – den ganzen Rucksack voll –, wenn sie nur noch ein paar Stündchen zwischen den Baumwolllaken hätte verbringen dürfen.

Der Sprung ins kalte Wasser würde hart werden, das wusste sie schon jetzt, auch wenn ihr die Routine mittlerweile fast wie im Schlaf vertraut war – das Aufkeuchen, wenn das Wasser über ihr zusammenschlug, das Zusammenziehen der Muskeln und dann der Endorphinrausch, das Hochgefühl. Sie würde sich wacher, lebendiger fühlen als je zuvor. Und darum ging es schließlich, um diesen Rausch. Immer ging es darum.

»Bist du bereit?« Zac blickte sie an; die Taucherbrille mit Schnorchel hatte er auf die Stirn geschoben, die Flossen bereits an. Die Kamera hielt er, an den Selfie-Stick montiert, in der rechten Hand.

Bo grinste mit mehr Begeisterung, als sie tatsächlich fühlte. Sie nickte. »Let’s do this.« Das war ihr Motto, das Letzte, was sie immer zueinander sagten, ehe sie den Atem anhielten und sprangen, sich fallen ließen oder losrannten.

Sie erhob sich vorsichtig, zog ihr Bikinihöschen am Po zurecht – sie trug den roten, der kam bei Videoaufnahmen unter Wasser am besten zur Geltung – und starrte hinab. Das Wasser der Lagune schwappte mit kleinen weißen Schaumkrönchen an die Felsen, ansonsten war alles ruhig. Sie holte ein paarmal tief Luft und machte sich mit dem Rhythmus der Wellen vertraut. Sie durfte weder zu früh noch zu spät abspringen – zu früh, und die Wellen würden sie gegen die Felsen schmettern, zu spät, und das abebbende Wasser wäre zu seicht und sie würde am Grund aufprallen.

Mit einem letzten tiefen Atemzug hob sie die Arme über den Kopf und sprang, begleitet vom hektischen Klicken der Kamera, kopfüber ins Meer. Sie tauchte ins Wasser, und das Platschen füllte ihre Ohren, ihre Muskeln krampften sich jäh zusammen, Luftblasen schwebten an ihr vorbei, während sie sank. Und dann stieg sie wieder nach oben, die Luft in ihrer Lunge wirkte wie eine Boje, ihr Kopf durchbrach die Oberfläche. Und da fühlte sie es wieder – diese Euphorie. Die grenzenlose Freiheit. Das absolute Glück, am Leben zu sein.

Zac tauchte nur wenige Sekunden später neben ihr ein – er konnte nie lange warten. Zusammen traten sie mit kräftigen Flossenstößen das Wasser, denn hier herrschte, wie man sie vorgewarnt hatte, eine starke Unterströmung. Sie setzten ihre Brillen auf.

»Kannslosgehen?«, nuschelte Zac mit dem Schnorchel im Mund. Sie nickte und gab ihm das verabredete Zeichen, das sie auch unter Wasser benutzten, wenn sie einander das Okay gaben. Sie holte tief Luft, und dann tauchten sie ab.

Sofort wurde das Geräusch der Brandung durch ein dumpfes Wogen ersetzt. Es war nicht vollkommen still, dafür gab es hier unten zu viel Energie und Aktivität. Sie stieß sich ab und tauchte unter der tonnenschweren Last der Felsen hindurch. Dabei spürte sie deutlich die Vergänglichkeit des Lebens, ihre Verwundbarkeit in dieser Unterwasserwelt: Ihr Überleben hing buchstäblich am seidenen Faden, ein Atemzug, und es wäre vorbei, vierzig Sekunden waren alles, was sie vom Tod trennten – vierzig Sekunden Luftvorrat in der Lunge. Die Sauerstoffmoleküle, die sie vor dem Abtauchen eingesogen hatte, waren alles, was sie jetzt noch am Leben hielt, und mit ihnen sämtliche Erinnerungen und Erfahrungen eines Lebens: der Anblick ihrer Mutter, die sie lächelnd am Schultor erwartete; ihre kleine Hand in der großen warmen ihres Vaters, wenn sie im Winter einen Spaziergang unternahmen; ihr Bruder, der mit diebisch funkelnden Augen beim Kartenspielen zu schummeln versuchte und überzeugt war, damit durchzukommen; wie das Leben allmählich aus seinen kälter werdenden Fingern wich …

Aber das Wasser glitt seidig an ihr ab. Sie war trotz des Sogs, der sie zurück ins Meer ziehen wollte, eine gute Schwimmerin, sie wusste, dass das Unterwasserstück bald zu Ende sein und sich der Tunnel ein wenig öffnen würde. Sie hatten sich zuvor gründlich informiert, sie wussten, was zu erwarten, was zu tun war. Wie Zac immer sagte: Sie waren zwar abenteuerlustig, aber deswegen noch lange nicht leichtsinnig. Und wirklich, schon wurde das Wasser ein wenig heller und seichter, und die Felsendecke öffnete sich. Den Arm vorsichtig nach oben streckend, tauchte sie auf und blies das Wasser aus ihrem Schnorchel, ehe sie ein paar dankbare Atemzüge tat.

Zac war dicht hinter ihr, das rote Licht an der Kamera blinkte noch immer.

»Nett hier«, meinte er und blickte sich mit einem anerkennenden Grinsen um. Sie befanden sich in einem schlauchartigen Tunnel. Er war etwa fünfzehn Meter lang, und die Decke wölbte sich nur dreißig Zentimeter über ihnen. Man musste den Kopf ein wenig schief halten, bekam aber ausreichend Luft.

Bo legte sich auf den Rücken und ließ sich von den Wellen schaukeln. Sie breitete Arme und Beine aus, um nicht an die Wände zu stoßen.

»Hallo!«, rief Zac und musste lächeln, als das Echo durch den Tunnel hallte wie eine Flipperkugel. … allo … llo … lo … o …

»Ich liebe dich!«, rief Bo. … Liebe dich … be dich … dich …

»Ich dich noch mehr!«, antwortete Zac. … ich noch mehr … noch mehr … mehr …

»Das glaub ich gern«, neckte sie ihn. Er startete eine Kitzelattacke, und sie wand sich quiekend.

»Ich werde dich immer lieben.«

»Freut mich sehr, das zu hören«, erwiderte sie grinsend.

»Du musst es jetzt auch sagen.«

»Ach ja?«, meinte sie spöttisch und wand sich dann unter einer erneuten Kitzelattacke. Ihr Gelächter hallte durch den Schlauchtunnel. »Bild dir bloß nichts ein!« Sie zog ihre sommersprossige Stupsnase kraus. »Dich sollte man besser kurzhalten.«

Zac musterte sie einen Moment lang, dann hob er jäh die Arme und stemmte sie gegen die Decke, wie Atlas, der die Weltkugel trägt. Sein Bizeps wölbte sich nass und glänzend in der Düsternis, während er Wasser trat. »Willst du mich heiraten?«, rief er.

… ich heiraten … heiraten … eiraten …

Bo klappte der Unterkiefer herunter. »Was hast du gesagt?«, keuchte sie, aber so leise, dass es kein Echo gab.

Zac grinste sie an, die Arme hoch an der Decke. »Ich sagte: WILLSTDUMICHHEIRATEN, BOLOXLEY?«

… heiraten, Bo Loxley … raten, Bo Loxley … Bo Loxley … Loxley … ley …

Bo rang nach Luft, sie lachte auf, rang wieder nach Luft. Machte er Witze? Oder hatte er sich spontan hinreißen lassen? Heftig wassertretend versuchte sie sich einen Reim auf die Situation zu machen. »Du willst mich heiraten? Im Ernst?« Ihre Stimme war zu leise für ein Echo, nur ein Windhauch in diesem wässrigen Kanal.

»Ja, klar, was glaubst du denn?« Seine Augen hinter der Taucherbrille bohrten sich förmlich in die ihren, dann stieß er mit zugeschnürter Kehle hervor: »Du bist meine Seelenverwandte. Wir beide, wir gehören zusammen, Baby. Für immer. Du bist meine Familie.«

»Ach, Zac.«

Seine Augen leuchteten auf, ein freches kleines Grinsen umspielte seine Lippen. »… soll das ›Ja‹ heißen?«

»Na klar soll das ›Ja‹ heißen!« Sie lachte und schluchzte gleichzeitig. »JA!«

… Ja … Ja … aa …

»Juhuu!«, jauchzte er und ließ sich rücklings ins Wasser fallen, dass es spritzte. Dann schwamm er zu ihr und packte sie um die Taille. Er versuchte sie zu küssen, aber ihre Taucherbrillen standen zu weit vor, sodass ihre gespitzten Lippen sich kaum berührten.

»Los, raus hier. Ich möchte dich richtig küssen.«

»Ja«, stimmte sie zu und schaute sich um. An beiden Enden des Tunnels schimmerte schwaches Licht, aber in welche Richtung mussten sie? »Wohin?«

»Äh …« Zac blickte sich ratlos um. »Hm …«

Sogleich spürte sie, wie sich der erstickende Vorhang der Klaustrophobie über sie zu senken drohte. »Zac …«, flüsterte sie. Aufkeimende Panik hüllte sie ein wie ein schwarzer Schleier.

»Keine Angst, Bo, es geht da lang.« Zac deutete hinter sie, wo sich in der Ferne Licht abzeichnete. »Wir müssen gegen den Strom, okay?«

»Ach ja, stimmt.« Aber das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

»Geht’s?« Er musterte sie besorgt.

»Ja, klar. Let’s do this.« Sie musste raus hier, so schnell wie möglich. Jetzt gleich.

»Bo …«

Sie nahm wieder den Schnorchel in den Mund und tauchte ab. Sofort spürte sie Druck in den Ohren, denn sie war in ihrer Hast ein wenig zu tief getaucht, ein dumpfes Dröhnen, das sie bis in den letzten Winkel ausfüllte. Durchströmt von Adrenalin, stieß sie sich mit aller Kraft ab und schob das Wasser mit den Armen hinter sich, als wolle sie die Fluten teilen. Sie schoss vorwärts, aber schon nach wenigen Schwimmzügen wurde ihr klar, dass sie für einen einzigen Atemzug zu schnell schwamm – je mehr Anstrengung, desto mehr Herzschläge und desto größer der Sauerstoffverbrauch. Der Lichtschein weiter vorne kam näher, öffnete sich vor ihren Augen wie eine weiße Blüte, und auch die Farbintensität nahm zu: Akzente von Aquamarin und Seladon. Kleine silberne Fische huschten in täuschender Nähe an den Felsen vorbei, befanden sich in Wahrheit aber noch viel weiter weg.

Sie hatte das Gefühl, dass ihr mit jedem Schwimmzug die Lunge zu platzen drohte, und ihr wurde klar, dass sie erst bis ans Ende der Überwasserzone hätte schwimmen sollen, ehe sie abtauchte. Es war haarsträubender Leichtsinn von ihr gewesen, bereits fünfzehn Meter vorher abzutauchen. Sie blickte nach oben, aber es war zu spät, sie befand sich bereits wieder unter den Felsen; hier war kein Auftauchen möglich, und der Tunnel war zu schmal zum Wenden, ganz abgesehen davon, dass sie dann ja mit Zac zusammengestoßen wäre, der ihr, wie immer, mit der Kamera folgte wie ein Schatten.

Sie schwamm weiter. Der Lichtschein kam zwar immer näher, war aber dennoch zu weit weg. Der Drang, die Luft aus der Lunge zu stoßen und erneut Atem zu schöpfen, wurde so stark, dass sie es kaum noch aushielt. Mit verzweifelten Schwimmzügen stieß sie sich vorwärts. Sie war fast da, nur noch fünf oder sechs Längen, aber genau konnte sie es nicht sagen, denn jetzt verschwamm auf einmal alles vor ihren Augen, ihr Körper war kurz davor, aufzugeben. Sie konnte nicht mehr, sie brauchte Sauerstoff, sie musste …

Verschwommen spürte sie, wie ein kräftiger Arm sich wie ein Metallband um ihre Taille schloss und wie das Wasser stärker an ihrer Haut vorbeiströmte. Und dann war sie plötzlich wieder an der frischen Luft. Es war wie eine Ohrfeige, die sie wieder zur Besinnung brachte. Würgend und hustend rang sie nach Atem.

»Bo?« Zac hielt sie umklammert. Sie konnte nicht aufhören zu husten. »Bo, alles in Ordnung mit dir?« Seine Stimme klang ganz zittrig, er musste sich große Sorgen gemacht haben.

»Was ist passiert?«, stieß sie mühsam hervor und klammerte sich an ihn. Sie spürte die starke Strömung an den Beinen, die sie in den Unterwassertunnel, aus dem sie gerade gekommen waren, zurückziehen wollte.

»Du bist plötzlich ganz schlaff geworden. Schätze, du hast das Bewusstsein verloren.«

»Oh.« Jetzt sah sie, dass er sich mit einer Hand an einem Seil festhielt, das am Klippenrand befestigt war. Man hatte ihnen erklärt, dass wegen der starken Unterströmung dort Seile gespannt seien, damit man nicht in den Tunnel hineingesaugt wurde, in Richtung Meer. »Tut mir leid.«

»Nein, nicht doch.« Er runzelte die Stirn, sein attraktives, jungenhaftes Gesicht wirkte zutiefst besorgt, und sie konnte sehen, dass sie ihm einen Riesenschrecken eingejagt hatte. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und gab ihr einen behutsamen Kuss. »Warum bist du so überstürzt losgeschwommen?«

Was sollte sie sagen? Dass sie Panik bekommen hatte? Dass sie nur einen Moment lang unachtsam gewesen war und sofort von den alten Schrecken heimgesucht worden war? Dass es nie ganz vorbei sein würde, egal wie weit sie reiste oder wie tapfer sie vorgab zu sein?

»Ich konnte einfach nicht länger auf den versprochenen Kuss warten«, flüsterte sie stattdessen.

Mit einer einzigen Bewegung riss Zac ihnen beiden die Taucherbrillen vom Gesicht und küsste sie leidenschaftlich. Sein Körper presste sich warm an den ihren, ihm konnte offenbar selbst die morgendliche Kühle des Wassers nichts anhaben. »Sag noch mal, dass du mich heiraten wirst.«

»Ich werde dich heiraten, Zac Austen.«

Seine Lippen, die sich auf die ihren pressten, verzogen sich zu einem Lächeln. Er hielt sich mit einer Hand am Seil fest, mit dem anderen Arm hielt er Bos Taille umklammert. »Eigentlich wollte ich dich ja hier draußen fragen«, gestand er und wies mit einem Blick auf ihre Umgebung. »Aber ich konnte nicht länger warten.«

Beide schauten sich nun zum ersten Mal richtig um. Sie befanden sich in einem dreißig Meter tiefen Krater, über dem sich, wie in einem Schlot, der Morgenhimmel abzeichnete. Die Sonne ging gerade auf. Rote Schlieren zogen sich wie die Schwingen eines Phönix über einen indigoblauen, heller werdenden Himmel. Ein fantastischer Anblick.

»Mein Gott«, flüsterte Zac, und sein Kiwi-Akzent kam stärker hervor, was immer dann der Fall war, wenn ihn etwas besonders bewegte oder erregte. »Das ist ja sogar noch besser, als ich gedacht hätte.«

»Ja«, pflichtete ihm Bo leise bei. Sie hatte sich mittlerweile wieder ein wenig erholt und konnte sich nun selbst am Seil festhalten. Sie legte sich auf den Rücken und ließ sich von den Wellen schaukeln. Von den Kraterwänden hingen dicke grüne Ranken und Kriechgewächse herab, und oben führte eine wackelige Sprossenleiter ohne Geländer zu einer hölzernen Plattform herab. Das war der Weg, den die meisten Touristen nahmen, wenn sie hierherkamen. Und genau deshalb hatten sie und Zac sich für den schwierigen Weg durch die Unterwassertunnel entschieden. Die vielen Touristen waren auch der Grund, warum sie noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen waren. Sie wollten diesen Ort, wenigstens für kurze Zeit, für sich allein haben. Abgeschiedenheit war ihre Form von Luxus.

Zac setzte seine Brille wieder auf und tauchte den Kopf ins Wasser, um das Unterwasserleben zu studieren. Dann blickte er noch einmal hoch und schwärmte mit kindlicher Begeisterung: »So viele unterschiedliche Fische!«

Sie sah lächelnd zu, wie er ganz abtauchte und sich mit kräftigen Bewegungen nach unten arbeitete. Seine Arme wirkten wie Schaufelräder, und seine Rückenmuskeln traten hervor. Bei ihm erschien das alles vollkommen mühelos, als wäre er als tahitianischer Perlentaucher zur Welt gekommen und nicht als Sohn eines Versicherungsvertreters aus Christchurch. Obwohl eine starke Ebbströmung herrschte, erreichte er mühelos den Meeresgrund, wo er eine Zeit lang herumdümpelte, ehe er sich auf den Rücken drehte und begeistert zu ihr heraufwinkte.

Selbst in drei Metern Tiefe besaß er noch alle Eigenschaften, die sie magnetisch anzogen: Energie, Optimismus, einen jungenhaften Charme, Abenteuerlust, Neugier und einen schlicht umwerfenden Body.

Sie winkte zurück. Diesen umwerfenden, dynamischen Mann würde sie nun bald heiraten. Er würde ihr Ehemann, ihre Familie und ihr Zuhause sein, und ihr gemeinsames Leben würde immer so bleiben, wie es jetzt war: unvorhersehbar, aufregend und exotisch.

Auch wenn eine Tragödie sie auf diesen Weg gebracht hatte – jetzt schwebte sie auf Wolken, schwamm in einem Regenbogen. Das Leben meinte es wieder gut mit ihr. Sie wurde geliebt, sie war glücklich. Sie war aufgehoben und in Sicherheit.

»Wieso habt ihr nicht auf mich gewartet?«, beschwerte sich Lenny, der mit einer Bierflasche in der Hand am Verandageländer lehnte, hinter ihm wie ein Sinfoniekonzert das stetige Rauschen des Meeres. Seine hagere Gestalt, die vom Sonnenuntergang eingerahmt wurde, wirkte knorrig wie die Hölzer, aus denen ihre Strandhütte gebaut war. Sein dunkles, welliges Haar war in den letzten Monaten ein ganzes Stück gewachsen und reichte ihm nun bis zu den Schultern, was ihm noch mehr den Anstrich eines sonnenverbrannten Hippies gab. Aber er war nicht der Einzige, der hier ein wenig dürr und räudig geworden war und so braun wie Teakholz, was die hellen Augen in ihren Gesichtern seltsam hervorhob.

»Konnte einfach nicht«, erwiderte Zac grinsend. Er hatte den Arm um Bos Schultern gelegt und zog sie nun fester an sich, sodass die Hängematte, in der sie eng aneinandergeschmiegt lagen, ein wenig ins Schaukeln geriet. Sie war mit dem einen Ende an der Veranda festgemacht, das andere hing an einem Baum, und wenn die Flut kam, schaukelten sie direkt über dem Wasser. »Es ist einfach aus mir herausgeschossen, ich konnte keine Sekunde länger warten. Der Augenblick hat mich überwältigt, Bro.« Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss.

Bo bettete strahlend ihren Kopf an seine Schulter und blickte glücklich aufs Meer hinaus. Sie waren in der Lagune herumgeschwommen und geschnorchelt, bis die ersten Tagesausflügler eintrafen. Wie immer hatte Lenny alles von den Klippen aus mit seiner Fotokamera aufgenommen. Dann jedoch hatten sie das Tagesprogramm kurzerhand gekippt und sich heimlich aus der Lagune gestohlen, um ganz allein ein bisschen zu feiern. Bo wusste nicht, wie lange Lenny gebraucht hatte, ehe er merkte, dass sie ihn sitzen gelassen hatten, aber als er irgendwann wieder zur Strandhütte zurückkehrte, hatte er alle paar Stunden hartnäckig an ihre Tür geklopft, während sie sich kichernd unter der Bettdecke versteckten, bis er wieder ging. Ein schlechtes Gewissen hatten sie deswegen nicht – Lenny blieb gewöhnlich nie lang allein, die Frauen flogen auf ihn.

»Das mag ja echt toll sein, Leute – und ihr seid ein paar verrückte, freiheitsliebende und sehr fotogene Hühner. Aber jetzt haben wir deswegen ein echtes Problem.« Als ihr offizieller Fotograf kreisten Lennys Gedanken ständig um »Footage« und »Klicks« und »Engagement Rates«. Er war es, der diese vollkommen natürlich wirkenden Fotos von ihrer romantischen »Zweisamkeit« machte, wenn Bo, wie jetzt, mit Zac in der Hängematte lag, den Sonnenuntergang oder auch einen Regenbogen bewunderte oder sich von ihm auf irgendeinem Bergrücken oder einem rosafarbenen Sandstrand huckepack nehmen ließ.

»Wie meinst du das?« Bo schlang ihr Bein träge um eins von Zacs Beinen. Ihre Oberschenkel waren mit Sommersprossen gesprenkelt, denn sie reisten jetzt bereits seit vier Monaten durch den Pazifik. Die nördliche Hemisphäre mit Schnee, dicken Wintermänteln und Kaminfeuern war für sie inzwischen fast unvorstellbar.

»Ein Heiratsantrag in einem Unterwassertunnel mag ja voll romantisch sein, aber ich nehme nicht an, dass du das Ganze auch auf Film gebannt hast?«, wollte er von Zac wissen.

Zac machte eine zerknirschte Miene. »Sorry, nee, Dude. Ich hab die Kamera beim Auftauchen automatisch abgeschaltet. Wie gesagt, ich wusste ja nicht, dass ich es gleich an Ort und Stelle machen würde. Ich wollte sie auf der Plattform fragen, so wie wir’s geplant hatten.«

Bo drehte sich seitwärts und musterte Zac. Er und Lenny hatten das geplant?

Lenny stieß einen ungehaltenen Seufzer aus, zuckte dann jedoch mit den Schultern. Er war an Zacs spontane Manöver gewöhnt. »Na gut, macht nichts, dann müssen wir uns halt was einfallen lassen. Aber schnell, denn morgen ist unser letzter Tag.«

Bo runzelte die Stirn. »Was soll das heißen? Was einfallen lassen?«

»Ist ja nicht weiter schlimm. Zac kann dich ja noch mal fragen, nicht wahr, Zac?«

»Klar.«

»Wie jetzt? Du meinst, wir sollen es spielen?« Sie konnte es kaum glauben.

»Ja, so ungefähr. Zac kann’s ja noch mal machen, so wie wir’s geplant hatten – dass ich das Ganze nämlich filme –, aber du musst natürlich überrascht wirken.«

»Ich soll so tun als ob? Im Ernst? Eine geheuchelte Verlobung?« Bo war empört.

»Hey, entspann dich, geheuchelt ist sie ja gar nicht. Ihr seid doch schon verlobt. Wir brauchen nur ein paar Aufnahmen für die Follower.«

»Aber das ist ein ganz privater Moment, Lenny. Einer von ganz wenigen. Den will ich mit niemandem teilen.«

»Musst du aber, wir haben nicht umsonst 9,4 Millionen Follower. Das sind alles Leute, die ein Interesse an eurem Leben haben, die sich emotional engagieren«, bemerkte Lenny mit einem Schulterzucken. »Die werden sich betrogen fühlen, wenn sie erfahren, dass ihr euch verlobt habt, sie aber von dem eigentlichen Event nichts mitbekommen haben.«

Bo musterte Zac. »Bist du etwa auch dieser Meinung?«

»Nee, das nicht, aber …«

»Es gibt so wenig, das nur uns gehört, Zac. Wir teilen fast unser ganzes Leben mit der Öffentlichkeit. Wenigstens dieser eine Moment sollte nur uns allein gehören.«

»Finde ich ja auch, Babe, ganz ehrlich.« Zac küsste sie. »Es war ja auch unser Moment.«

War er das wirklich? Schließlich hatte er zuvor bereits alles mit Lenny abgesprochen, wie es schien – für das perfekte Foto. »Ich bin davon ausgegangen, dass du mich in dem Tunnel gefragt hast, weil es so gut wie der einzige Ort war, an den Lenny uns nicht folgen konnte …«, brummelte sie verstimmt. Sie bettete ihren Kopf auf Zacs Brust und schaute zu ihm auf.

»… mag sein …«, meinte Zac.

»Na danke!«, schnaubte Lenny gleichzeitig.

»Du weißt, wie ich’s meine, Len«, sagte Bo bittend. »Aber du musst es mal von unserer Warte aus sehen. Wann sind Zac und ich denn schon mal allein? Wirklich allein? Es gibt Momente im Leben, die sollten privat bleiben, die sind nicht für den Rest der Welt bestimmt. Auch wenn sie noch so viele Likes einbringen.«

»Jetzt sei nicht so naiv«, schimpfte Lenny und nahm einen Schluck aus der Bierflasche. »Ich kapier ja, dass du das lieber für dich behalten möchtest, Bo, aber die Realität ist, dass dein ganzes Leben einen Bilderrahmen hat. Dass einem dermaßen viele Menschen zuschauen, geschieht nicht zufällig. Das ist harte Arbeit. Deshalb habt ihr mich ja schließlich angeheuert … es sei denn, ihr braucht mich jetzt nicht mehr?«

»He, immer langsam, Len, so hat Bo das doch nicht gemeint«, intervenierte Zac rasch. »Wir wissen beide, wie viel du für die Marke erreicht hast, seit wir dich an Bord genommen haben. Ich schätze …« Er seufzte. »Ich schätze, ich kann beide Positionen verstehen. Bo möchte, dass unsere Verlobung Privatsache bleibt – und ich ja auch. Aber Lenny hat recht, wenn er meint, dass die Follower sauer sein werden, wenn sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt werden.« Er nahm den Arm von Bos Schulter und richtete sich auf, saß nun im Schneidersitz neben ihr in der Hängematte. Seine dunklen Augen hatten sich nachdenklich verengt, und er fuhr sich mit der Hand durch seinen kurzen Bürstenschnitt. Dann leuchteten seine schwarzen Augen plötzlich auf wie Kohlestücke – ihm war eine Idee gekommen. »Weißt du was? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich der Ansicht, dass Lenny auf der richtigen Spur ist.«

»Zac!«

»Moment, lass mich erst ausreden!« Er hob beschwichtigend die Hände. »Du willst, dass das unser ganz besonderer Moment bleibt, ja? Aber wenn wir’s noch mal machen, wird er das doch bleiben, oder? Alle werden glauben, sie wären dabei gewesen – aber nur wir beide, Baby, du und ich, kennen die Wahrheit: wann es wirklich passiert ist, wo und wie … Das wird kein anderer erfahren, und auf diese Weise wird es immer unser ganz besonderer Moment bleiben.«

Bo starrte ihn an. Das war eine ziemlich verdrehte Art von Logik.

»Ganz genau!« Lenny wirkte erleichtert, dass Zac ihn unterstützte – obwohl der letztendlich eigentlich sowieso immer seiner Meinung war. »Und ich kann euch eine massive Interessenszunahme garantieren. Wenn wir das Video als Story posten, kriegen wir bestimmt drei Millionen Klicks, easy. Und die Fotos posten wir dann über die nächsten Tage, und das wird uns bestimmt fünf Millionen Likes einbringen, was meint ihr?«

»Toll«, sagte Zac achselzuckend. »Was machen wir also?«

»Wir könnten morgen früh noch mal hin und alles …«, schlug Lenny vor.

»Nein!«, warf Bo fast ein wenig zu heftig ein. »Ich …« Sie wollte nicht wieder durch diesen Tunnel müssen. »Nicht wieder derselbe Ort! Wenn wir’s schon so machen, dann an einem ganz anderen Ort, der keinerlei Ähnlichkeit mit der Lagune hat. Diese ›falsche‹ Verlobung darf keine Gemeinsamkeiten mit dem echten Moment haben.«

»Das ist einfach«, meinte Zac mit seinem typischen unbekümmerten Lächeln und einem zärtlichen Ausdruck in den Augen. »Dann machen wir’s halt an unserem nächsten Zielort, in Norwegen. Unterschiedlicher geht’s nicht.«

Bo überlegte kurz. Er hatte recht – Samoa und Norwegen konnten unterschiedlicher kaum sein. Hitze – Kälte. Strand – Berge. Sommer – Winter. Diese gestellte Verlobung würde keine Ähnlichkeit mit der richtigen haben. Und dennoch … Sie biss sich bekümmert auf die Lippe. »Ich weiß nicht. Das alles kommt mir trotzdem irgendwie nicht richtig vor.«

»Doch, Babe. Das ist die ideale Lösung! Die Follower kriegen, was sie wollen, aber wir behalten den eigentlichen Moment ganz für uns. Kapische?«

Sie bemerkte den intimen Ausdruck in seinen Augen und schmunzelte. »Kapische.«

Es knisterte zwischen ihnen, auf diese unausgesprochene Weise. Sie krochen über die Maschen des Netzes aufeinander zu.

»He! Moment mal, wartet!«, rief Lenny, der genau wusste, was jetzt kam. »Bevor ihr … Hört zu, wir müssen noch über morgen reden«, drängte er. »Das ist unser letzter Tag vor der Abreise, und wir wollten doch zu den Papaseea Sliding Rocks. Ich habe einen Fahrer angeheuert, der wird uns um vier Uhr früh abholen … Leute? He, Leute!«

2. Kapitel

Ålesund, Norwegen, drei Tage später

Ach du Scheiße«, zischte Zac und rieb sich schlotternd die Arme. Sie folgten der Rezeptionistin die Stufen zu ihrer Suite hinauf – Lenny hatte mit einem Hinweis auf die Millionenzahl ihrer Follower wieder einmal ein Upgrade herausgeschunden, und sie hatten ein besseres Zimmer bekommen, mit Fjordblick, Himmelbett und Balkon. Leider befanden sich die Luxussuiten in einem separaten Gebäude, und in diesem Moment war ihnen selbst ein zweiminütiger Fußmarsch durch die klirrende Kälte Norwegens zu viel, vor allem in Shorts und T-Shirt.

»Sie kommen wohl von weit her?«, erkundigte sich die Empfangsdame und schob den Schlüssel ins Türschloss.

»Vom Südpazifik«, erklärte Bo erschöpft.

»Ach du meine Güte!« Die Frau war überrascht. »Das ist aber wirklich weit.«

»Ja. Wir sind seit dreißig Stunden unterwegs.«

Sie betraten eine weitläufige Kiefernholzdiele. An einem Haken hing ein Regenschirm, daneben stand ein wuchtiger Garderobenschrank, der sich aber dennoch relativ unauffällig in den geräumigen Eingangsbereich einfügte. Ein langer, bunter Flickenteppich zog sich den Flur entlang, von dem links eine Tür zu einem Badezimmer abzweigte. Sie folgten der Frau ins Schlafzimmer, und Bo glaubte, beim Anblick des riesigen Himmelbetts vor Freude fast in Ohnmacht fallen zu müssen. Ein mattschwarzes Gestell mit duftigen, weißen Vorhängen, einem warmen, weiß bezogenen Federbett, dazu mehrere flauschige Wolldecken und eine Flut von Kissen. Einen willkommeneren Anblick gab es kaum.

»Ihr Gepäck ist auch schon da.« Die Empfangsdame deutete auf zwei große Reisetaschen, die auf der Gepäckablage standen. Auch das hatten sie Lenny zu verdanken. Selbst wenn es oft Krach und Auseinandersetzungen gab, weil er sich weigerte, Grenzen zu respektieren – den Betrieb hielt er fabelhaft am Laufen. Er kümmerte sich um die nötigen Visa und Reisearrangements und handelte in fast jedem Hotel ein Upgrade für sie aus – und veranlasste, dass die benötigte Kleidung rechtzeitig am Zielort eintraf, in diesem Fall ihre »Winter-Grundausstattung«: Jeans, Unterwäsche, Unterhemden, T-Shirts, Thermowäsche und Winterschuhwerk. Den Großteil ihrer Sommerkleidung hatte Lenny vor dem Abflug an diverse Wohltätigkeitsorganisationen gespendet – Strandbekleidung und Badesachen –, alles Übrige ging nach London an ihre Lageradresse. Zac und sie mochten keinen unnötigen Ballast, weder physisch noch mental, und achteten darauf, nicht mehr zu besitzen als das, was sie tragen konnten – also weder Haus noch Hund noch Auto. Und wenn von einem ihrer Abenteuer noch Geld übrig war, landete es umgehend auf einem gemeinschaftlichen Konto.

»Hoffentlich hat er an die Klettereisen gedacht.« Zac riss den Reißverschluss der voluminösen gelben North-Face-Reisetaschen auf, treue Begleiter auf ihren Winterabenteuern. Bo musste lächeln, als sie die Taschen und die daran hängenden Kletterseile sah.

»Und es ist außerdem eine Lieferung für Sie eingetroffen.« Die Rezeptionistin zeigte auf ein paar große Schachteln neben dem Kleiderschrank.

»Ah, gut«, sagte Bo. Das waren die Sachen von ihrem neuen Sponsor. Ridge Riders waren eine kleine norwegische Ausrüsterfirma, die sich den Sprung ins Sport- und Freizeitmodesegment vorgenommen hatte. Sie wollten Nike, North Face, Napapijri & Co. nacheifern und hofften, dies mit tatkräftiger Unterstützung von Zac und Bo zu erreichen.

»Haben Sie sonst noch Wünsche?«, erkundigte sich die Empfangsdame höflich.

»Nein, vielen Dank, das ist alles echt toll hier«, antwortete Bo.

»Dinner gibt es bis neun Uhr dreißig. Sie können gerne vorher in unserem großen Gemeinschaftsraum einen Aperitif einnehmen.«

Bo nickte. »Okay.« Sie warf einen sehnsüchtigen Blick aufs Bett. Sie hatten in den letzten dreißig Stunden in vier Flugzeugen gesessen – zunächst von Samoa nach Sydney, von dort nach Katar und schließlich nach Oslo, von wo sie einen Anschlussflug nach Ålesund genommen hatten. Ihr war jetzt schon klar, dass sie um zwei Uhr morgens hellwach sein würde, selbst wenn sie dem Rat der Ärzte und Vielreisenden folgte und so lange wie möglich aufblieb, um sich an die neue Zeitzone zu gewöhnen.

Die Frau ging und zog die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich zu. Zac machte sich sogleich daran, in die Schachteln hineinzusehen. Er ritzte sie mit einem Flaschenöffner auf, der neben dem Wasserkocher und diversen anderen Kleinigkeiten bereitlag. »Wie viel bezahlen sie uns noch mal dafür?«, witzelte er und blickte auf die in Klarsichthüllen eingeschweißten nagelneuen Klamotten, die ihnen in knalligen Grundfarben entgegenleuchteten. Bo kamen die Farben etwas zu grell vor; sie war noch an die gedämpften Pastelltöne ihrer Leinenhosen und – blusen gewöhnt, die sie auf Samoa getragen hatte. Auch wirkten die gepolsterten und gefütterten Kleidungsstücke geradezu grotesk oversized.

Sie sah zu, wie Zac eine orangefarbene Thermoweste über sein T-Shirt anprobierte und den Reißverschluss hochzog. Und schon hatte sich ihr sonnenverbrannter, immer mit nacktem Oberkörper herumlaufender Freediver in einen Bergwanderer verwandelt. Aber das war er ja auch, er war ein Kind beider Klimazonen. »Sieht gut aus«, meinte sie schmunzelnd.

»Und das hier sollte dir großartig stehen.« Er hielt einen wasserdichten, buttergelben Kapuzenanorak mit Pelzbesatz hoch. »Macht sich auf Fotos sicher prima.«

»Mhm.« Bo ließ sich aufs Bett fallen und schloss die Augen. Im Augenblick war ihr egal, was gut auf einem Foto aussah und was nicht.

»Oh nein, du wirst jetzt nicht einschlafen!« Zac warf den Anorak in die Schachtel zurück und sprang grinsend zu ihr aufs Bett, setzte sich rittlings auf sie. »Vor zehn sollten wir auf keinen Fall schlafen gehen, das weißt du ganz genau.«

»Zac, ich bin hundemüde«, nuschelte sie, während er begann, an ihrem Hals zu knabbern.

»Nein, bist du nicht. Ich werde schon mal die Dusche für dich anwerfen. Dann wirst du wieder fit. Anschließend checken wir ein bisschen die Gegend hier aus, und erst danach kommen wir wieder hierher und machen da weiter, wo wir aufgehört haben …« Er gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze und schwang sich von ihr herunter. Mit kindlicher Energie hüpfte er ins Bad. Sie stöhnte. Woher er seine Reserven nahm, war ihr ein Rätsel. Ihr Tag war der gleiche wie seiner, sie machten dasselbe, aber abends fiel sie immer vollkommen erschöpft ins Bett, während er noch munter hätte weitermachen können.

Es klopfte. Bo kniff frustriert die Augen zu. »Komm rein, Lenny«, rief sie laut. Wer sollte es auch sonst sein. Ständig war er da, es gab kaum noch Augenblicke ohne ihn. Aus Zac und ihr war ein Trio geworden, sie waren nicht länger ein Pärchen. Er war bei jeder Mahlzeit anwesend, auf jeder Unternehmung und schlief immer im Nebenzimmer. Sein Klopfen war ihr so vertraut wie Zacs Schritte.

Natürlich war er ihr Freund – das ging gar nicht anders, wenn man so viel Zeit miteinander verbrachte wie sie. Aber seine ständige Anwesenheit änderte die Dinge. Sie hatten ihn vor drei Jahren ursprünglich als Fotograf angestellt, einfach weil die zunehmende Zahl ihrer Follower es notwendig machte, aber im Lauf der Zeit entwickelte er sich mehr und mehr zu einer Art Manager. Was als persönlicher Lebensstil und Reiselust begonnen hatte, war, seit sie und Zac sich zusammengetan hatten, zu einem gewaltigen Apparat geworden, dem ihr Privatleben zum Opfer fiel. Jungverheiratete und Pärchen holten sich aus ihrem Blog Tipps für romantische, abgelegene Flitterwochenziele; Adrenalinjunkies fanden in Zacs gewagten Unternehmungen den nächsten Fix; und immer mehr Mode- und Sportbekleidungsfirmen wollten mit ihrem freien, ungebundenen Lebensstil assoziiert werden. Jetzt, wo die kritische Masse überschritten war, wurden sie dafür bezahlt, die Orte aufzusuchen und die Klamotten zu tragen, die sie ohnehin aufgesucht oder getragen hätten. Im Grunde wurden sie dafür bezahlt, so weiterzumachen wie bisher und ihr ungebundenes, freies Leben zu führen. Ihr war klar, wie glücklich sie sich schätzen konnte, so viel erreicht zu haben. Aber seit einiger Zeit hatte sie mehr und mehr das Gefühl, dass die Dinge aus dem Gleichgewicht gerieten und der Verlust des Privatlebens absolut war. Sie versuchte ständig, gewisse Bereiche abzugrenzen, die sie nicht mit der Öffentlichkeit teilen wollte, und doch schienen ihnen die Follower von Tag zu Tag näher auf die Pelle zu rücken.

Es war nicht Lennys Schuld, das wusste sie natürlich. Er war kein schlechter Kerl, er machte nur seinen Job – ein Job, für den er selbst große Opfer brachte. Immerhin ordnete er sein Leben dem ihren unter, und dazu wären wahrscheinlich nicht viele Menschen bereit gewesen. Er wurde zwar großzügig entlohnt und kam überall auf der Welt herum; weil er aber elf von zwölf Monaten im Jahr mit ihnen zusammen war, musste er auf ein Zuhause und eine eigene Beziehung verzichten. Und Zac war froh, dass sie ihn hatten und er als Fotograf auch seine extremen Stunts mitmachte, das wusste sie.

Sie schlug die Augen auf und sah Lenny neben dem Bett stehen. Er hatte sein schwarzes Metallica-Tour-T-Shirt durch eins von Pink Floyd (Dark Side of the Moon) ersetzt. Bo sagte gelegentlich spaßeshalber, dass er mit seiner Sammlung von Vintage-Rock-T-Shirts sein eigenes Instagram-Gefolge verdiente. »Müde?«

»Ja.« Sie richtete sich seufzend auf und stützte den Kopf in die Hände. »Ich möchte einfach nur schlafen, aber Zac will unbedingt, dass wir uns erst mal hier umsehen.«

»Er hat recht.« Lenny wandte sich ab und trat ans Getränketablett. Er warf mit einer Zange ein paar Eiswürfel in ein Glas, dann fügte er Mineralwasser hinzu. »Da, trink, es hilft, wenn man ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt.«

»Danke.« Er war manchmal auch ihr Mädchen für alles, nicht nur ihr Fotograf oder Logistik- und Routenmanager. Sie nahm das Glas und trank gehorsam einen Schluck. Zac tauchte mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Badezimmer auf, seine gebräunte Haut dampfte noch.

»Len, wie ist dein Zimmer?«

»Hab ’ne tolle Aussicht auf einen Baum«, bemerkte er trocken. Lenny hatte immer eine schlagfertige Bemerkung parat, fast wie der Esel I-Aah aus Puh der Bär.

Zac lachte. »Bestimmt ein richtig schöner Baum, oder?«

»Klar.«

»Babe, das Wasser ist heiß«, sagte er zu ihr.

»Danke. Dann gehe ich jetzt und wasche mir die Haare.« Sie zog seufzend den Gummi von ihrem langen, geflochtenen Zopf und schüttelte ihr Haar aus. Dann erhob sie sich vom Bett und ging ins Bad, streifte aber im Vorbeigehen mit den Fingern über Zacs feuchte Bauchmuskeln. Er fing ihre Hand ein und küsste ihren Puls, dann gab er sie mit einem Augenzwinkern frei.

»Wir sehen uns dann im Haupthaus, okay?«, rief er ihr nach. Er konnte nie gut warten, ständig musste er etwas tun.

»Sicher.« Sie verschwand in den Dampfschwaden des Badezimmers.

Erst eine gute Stunde später war auch sie fertig. Zwanzig Minuten lang hatte sie lediglich unter der heißen Dusche gestanden und ihre vom Flug ganz verkrampften Muskeln aufgewärmt. Zurückklappbare Sitze in Flugzeugen waren gut und schön, aber wer konnte schon schlafen, wenn das Flugpersonal in der Küche herumschepperte oder mit den Türen knallte?

Sie begutachtete ihre Erscheinung im bodenlangen Flurspiegel: langes blondes Haar zu einem lässigen Knoten aufgesteckt, der Rest fiel wellig über den Rücken. An den Ohren trug sie große, mit Türkisperlen besetzte Kreolen, die sie auf einem balinesischen Straßenmarkt erstanden hatte. Dazu schwarze Skinny-Jeans mit dekorativem Riss im Knie, klassische Vans und ein weiter schwarzer Kaschmirrolli von Gucci, den sie sich während ihres Zwischenaufenthalts auf dem Doha-Airport in Kuwait gegönnt hatte. Mit ihrer sonnenverbrannten Haut wirkte sie in den Winterklamotten allerdings ein wenig seltsam: eine Besucherin, eine Durchreisende …

Sie schlüpfte in den gelben Anorak und eilte dann hinaus zur Main Lodge. Die kalte, klare Luft traf sie wie eine Ohrfeige. Sie hatte sich an die schwere, salzige, warme Luft der Karibik gewöhnt, an das Rauschen des Meeres als ständige Hintergrundmelodie, die einen nachts in den Schlaf wiegte … Hier jedoch war es die Abwesenheit von Geräuschen, die absolute Stille, die sämtliche Sinne weckte. Das Knirschen ihrer Schritte auf der dünnen Schneedecke wirkte überlaut, und sie blieb einen Moment stehen, um die Winterstille auf sich wirken zu lassen, die Nase schnuppernd wie ein Hase in die Luft gereckt, die Wangen von der Kälte gerötet. Auf dem Gras an den Wegrändern hatten sich Eiskristalle gebildet, die die Halme im Mondlicht wie Diamantbänder glitzern ließen.

Sie kam an den Fenstern des Hotelgebäudes vorbei, die das Innenleben einrahmten wie ein Gemälde: ein goldener Lichtschein, Menschen, die in Grüppchen zusammensaßen und schwatzten. Einige spielten Backgammon, andere tranken Cocktails oder bedienten sich von einer Kuchenplatte, die auf einer breiten Ottomane stand. Gelächter- und Geräuschfetzen drangen zu ihr heraus, wann immer die Eingangstüre aufging und Gäste, die zu ihren Zimmern zurückkehrten, ausspie oder solche einließ, die ebenfalls auf dem Weg zum Dinner waren. Alles war bereits adventlich geschmückt: Weiße Lichterketten an den Dachraufen und Giebeln, in den Fenstern flackerten Kerzen, und an den Türen hingen mit roten Bändern geschmückte Eukalyptuskränze.

Bo trat ein und wurde von einem wohligen Schauder erfasst. In der geräumigen Diele befand sich ein großer Kamin, in dem ein munteres Feuer brannte. In zwei Ohrenbackensesseln mit Schottenkaromuster saß ein altes Pärchen und las Zeitung. Es roch nach Tannenzapfen und Zimtstangen.

Sie durchquerte das Speisezimmer, in dessen Mitte eine lange Tafel aufgebaut war, wahrscheinlich für eine Gästegruppe, und betrat den Gemeinschaftsraum, durch dessen Fenster sie zuvor hineingeblickt hatte. Eine Wand wurde von einem Bücherregal eingenommen, gegenüber befand sich ein Kamin. Die Sofas in der Mitte wurden von einer aufgekratzten Schar junger Leute aus Oslo in Beschlag genommen, die immer wieder in lautes Gelächter ausbrachen. Zac und Lenny saßen ein wenig abseits in zwei Clubsesseln und hörten aufmerksam einer Frau zu, die auf einem Polsterhocker im Schottenkaro vor ihnen saß.

Bo konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie ihr den Rücken zukehrte, aber ihr langes karamellbraunes Haar glänzte vorteilhaft im Kaminschein. Aus den hingerissenen Mienen der Jungs war zu schließen, dass sie attraktiv sein musste.

»Hallo«, sagte sie und blieb unschlüssig, wo sie sich hinsetzen sollte, neben Zacs Sessel stehen. Alle Plätze waren besetzt.

»Hallo!« Zac richtete sich erfreut auf, als er sie sah, und zog sie sogleich auf seinen Schoß. »Ich wollte gerade losgehen und nach dir sehen. Ich hatte schon Angst, du wärst vielleicht doch ins Bett gegangen.«

»Nein, hab mir nur die Haare gewaschen.«

»Mmm …« Er vergrub seufzend seine Nase in ihrem Haar – er liebte es, an ihrem frisch gewaschenen Haar zu schnuppern, und es war ihm egal, wer ihm dabei zusah, selbst mitten in einer Unterhaltung, so wie jetzt. Bo hatte längst gelernt, dass es so gut wie nichts gab, was Zac in Verlegenheit brachte.

»Hallo, ich bin Bo«, sagte sie zu der Frau, die das Ganze mit einem gutmütigen Schmunzeln verfolgte. Sie war tatsächlich ungewöhnlich attraktiv, aber ob sie schön war, hätte Bo nicht entscheiden können. Sie schien sehr groß zu sein und auch schlank und sportlich. Ihr Gesicht besaß eine ausgeprägte, fast maskuline Knochenstruktur, mit einem tiefen Haaransatz und scharf gezeichneten Augenbrauen – mildernd wirkten der volle Schmollmund und die runden, lebhaften, haselnussbraunen Augen.

»Bo, ich freue mich ja so, dich endlich persönlich kennenzulernen. Ich bin Anna Rem – ich bin bei Ridge Riders fürs Marketing verantwortlich«, erklärte sie und erhob sich halb von ihrem Hocker und reichte Bo ihre Hand. »Ich konnte es kaum erwarten, euch alle endlich zu treffen; ich habe buchstäblich die Tage gezählt. Wir sind ja so aufgeregt, dass wir mit euch zusammenarbeiten dürfen.«

»Ach, das ist nett, danke«, antwortete Bo ein wenig perplex. Ihres Wissens war kein Treffen mit Ridge Riders geplant gewesen. »Das Vergnügen ist ganz unsererseits. Eure Sachen gefallen uns sehr.« Sie zupfte an ihrem Anorak, wie um ihre Aussage zu unterstreichen.

»Ja, der steht dir fabelhaft«, bestätigte Anna. »Wir haben uns gleich gedacht, dass diese Farbe gut zu deinem Haar passen würde. Wusstest du, dass das Designteam bei dem Entwurf dich vor Augen hatte?«

»Nö, das wusste ich wirklich nicht.« Bo lächelte geschmeichelt. Sie schlüpfte aus dem Anorak und hängte ihn über eins der »Ohren« des Großvatersessels.

»Doch. Ihr zwei seid unser Traumpaar.« Ihr Blick schloss auch Zac ein. »Ihr verkörpert alles, wofür wir stehen: natürliche Schönheit, Abenteuerlust, Mut, Ausdauer und Integrität.«

»Hör auf, Zac platzt gleich«, scherzte Bo, der diese Lobeshymnen ein wenig peinlich waren. »Er ist schon eingebildet genug.«

»Autsch.« Lenny sog die Luft mit den Zähnen ein und lachte. Die Kamera hing wie immer um seinen Hals, wie der Backstage-Pass an einem Roadie. Bo war überzeugt davon, dass er mit einer Rockband durch die Welt ziehen würde, wenn er nicht ihr Fotograf wäre.

»Dann seid ihr auch hier im Hotel?«, erkundigte sich Bo.

»Ach nein, unser Firmensitz ist in Ålesund, wo ihr gerade hergekommen seid. Ich bin nur für heute Abend hergefahren, um euch zu begrüßen und um zu sehen, ob alles gut angekommen ist.«

»Ja, absolut, wir haben uns die Sachen bereits angesehen und finden sie großartig. Passt alles«, sagte Bo. »Und das Hotel hier ist einfach toll. Ich fühle mich schon ganz weihnachtlich.« Ihr Blick fiel auf die riesige Norwegertanne in einer Ecke. »An Sandstränden fällt es mir immer schwer, in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen.«

»Du vielleicht«, widersprach Zac. »Aber ich bin ein Kiwi; für uns muss es Weihnachten heiß und sonnig sein.«

»Das ist das Einzige, worin Zac und ich uns nie einigen werden«, meinte Bo schmunzelnd zu Anna. »Aber es ist ein großartiger Start in unser norwegisches Abenteuer. Ich wünschte allerdings, wir könnten länger als nur eine Nacht bleiben.«

»Oh nein!« Zac wippte Bo ein wenig auf seinen Knien auf und ab. »Das wäre gegen die Regeln.«

»Regeln, die wir selbst aufgestellt haben, Zac.« Sie tippte mit dem Finger auf seine Nasenspitze. »Also können wir sie auch selbst brechen, wenn wir wollen. Ein paar Tage Erholung, ehe es weitergeht, wäre doch nicht der Weltuntergang.«

»Was für Regeln?«, wollte Anna wissen.

»Wir halten uns nur für die Transfers in Hotels auf, und wir machen auch nie für sie Werbung«, erklärte Zac. »Den Fans gefällt es, dass wir uns ans Leben am jeweiligen Ort anpassen wollen. In Hotels ist man immer Tourist, und genau das wollen wir nicht sein. Uns geht’s um Authentizität. Das ist unser Vibe. Zu leben wie Einheimische.«

»Ah ja, deshalb auch diese Farm.« Sie lächelte zustimmend. »Die Fans werden es lieben, garantiert.«

Bo unterdrückte ein Stöhnen. Von wegen »wie Einheimische leben« – so lebte seit fast hundert Jahren kein Mensch mehr. Sie hatte die Fotos gesehen: zwei kleine Almhütten, die sich auf einer Felskante an einen steilen Fjordhang klammerten. Kaltes Wasser, vier Wände und ein Dach über dem Kopf, das war alles.

»Ich finde trotzdem, dass es keine Todsünde wäre, wenn man sich mal ein paar Tage verwöhnen ließe«, murrte sie. »Dieser Flug war brutal. Was gäbe ich nicht für eine schöne Massage.«

»Ach ja? Und was genau gäbst du dafür?« Zac küsste sie auf die Wange.

Sie verdrehte die Augen und schlug seine Hand weg. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Lenny alles fotografierte. Die Arbeit hatte offenbar begonnen – kaum hier, und schon erfüllten sie ihre Verpflichtungen (für die sie immerhin 200.000 Dollar bekamen): sie, auf Zacs Schoß sitzend, auf einer Seite der Lehne ihre Jacke, auf der anderen seine … Sie konnte fast vorhersagen, welchen Filter er benutzen würde.

»Komisch, euch wieder in richtigen Klamotten zu sehen«, bemerkte Lenny und ging, den Kopf über die Kamera gesenkt, die soeben gemachten Fotos durch.

»Ich weiß.« Bo musterte Zac, seine grauschwarze Jeans, die Winterschuhe und den kitschigen Norwegerpulli, der von Lenny als Witz gemeint gewesen war, in dem Zac aber trotzdem fabelhaft aussah. »Aber mit unserer Bräune fallen wir doch ein bisschen auf, finde ich. Wir sind einfach zu braun.«

»Ach wo, gar nicht. Ihr seht richtig glamourös aus«, meinte Anna.

Bo beugte sich vor und nahm Zacs Glas, nippte daran. »Mm, das schmeckt gut. Was ist das?«

»Bjørk, Gin und Tonic.«

»Bjørk?« Sie runzelte die Stirn. »Was ist das?«

»Birkenessenz.« Anna hatte sofort die Übersetzung parat.

»Das ist gut … richtig aromatisch.« Sie nahm erneut einen Schluck.

»Ja, oder?«, fand auch Zac. »Das schmeckt sogar Lenny.«

»Besser als Aperol«, meinte der achselzuckend. »Aber mit einem schönen kühlen Bier kann dieser Saft nicht mithalten.«

Anna lachte, und Lenny schien es zu freuen, dass sein Witzchen ankam. Sein Blick hing einen Moment an Anna, als sei auch er sich nicht schlüssig darüber, ob er sie schön fand oder lediglich anziehend.

Bo lehnte sich an Zac und wippte mit einem Bein. In der großen Gruppe auf den Sofas war inzwischen Ruhe eingekehrt, die meisten beschäftigten sich mit ihren Handys. »Also, gehen wir rein zum Essen? Ich hab einen Mordshunger.«

»Gleich. Wir wollten bloß noch ein paar letzte Dinge besprechen.« Zac drückte tröstend ihr Knie.

Die Weiterreise, ach ja. Sie wollte gar nicht dran denken. Ihr Blick richtete sich auf Lenny, den Routenplaner.

»Morgen brechen wir zum Fjord auf.« Sein Blick richtete sich auf Anna. »Zum Storfjord – spricht man das so aus?«

»Sehr gut.« Anna nickte. Ja, es funkte zwischen den beiden, dachte Bo.

»Wir fahren also zum Fjord runter und werden in Geiranger unser Basislager aufschlagen. Auf der Fahrt mit dem Auto werden wir allerdings nicht viel vom Fjord zu sehen kriegen. Anna sagt, es geht überwiegend durch Tunnels …«

»Das stimmt. Das ist eine schwierige Strecke, zwischen Bergen und Seen. Züge verkehren dort nicht, man muss über Brücken fahren oder auch eine Fähre nehmen.«

»Aber es gibt unterwegs trotzdem ein paar tolle Aussichtspunkte, sagt Anna. Sie wollte sie uns gerade auf der Karte einzeichnen«, ergänzte Lenny. »Und die Täler auf der anderen Seite des Fjords sollen auch ganz schön beeindruckend sein, die können wir dann vielleicht als Hintergrund nehmen, wenn wir hoch genug raufkommen. Warm anziehen, das ist das Allerwichtigste. Wir werden sicher oft anhalten und aussteigen.«

»Das wird bestimmt kein Problem.« Bo lächelte Anna an. »Wirklich nett von dir, dass du extra vorbeigeschaut hast, das hat uns sehr geholfen. Wir werden sehen, dass wir ein paar besonders tolle Fotos für euch machen.«

200.000 Dollar für zwei Wochen Arbeit, so lautete die Vereinbarung. Sie würden jeder mindestens ein Foto täglich auf ihren Instagram-Seiten posten und zusätzlich einige Minuten Videoaufnahmen für die Story-Seite und ein paar gemeinsame Bilder für ihren Blog. Nichts zu Plakatives, die Werbung sollte subtil bleiben, aber das Logo sollte schon, so oft es auf natürliche Weise möglich war, im Bild erscheinen.

»Ich kann euch hoffentlich noch mehr helfen, wenn ich übermorgen dazustoße.«

Bos Augenbrauen zuckten hoch. »Wie bitte?«

»Auf der Alm. Ich werde auch dort wohnen.« Als sie Bos Miene sah, zögerte sie. »Wusstest du das nicht?«

Bo blickte Zac fragend an. Sie war davon ausgegangen, dass die Firma lediglich die Klamotten schicken und den Rest ihnen überlassen würde, so wie sonst auch. Sie waren sich immer einig gewesen, dass Unabhängigkeit das Allerwichtigste sei, wenn sie ihre Integrität wahren wollten. »Nein, das …«

»Doch, klar.« Zac tätschelte ihren Oberschenkel. »Weißt du nicht mehr? Ridge Riders wird den Aufenthalt auf der Alm bezahlen, wenn Anna uns dafür bis Weihnachten begleiten darf.«

Bo blinzelte verdattert. Bis Weihnachten? Das waren vierzehn Tage. Und sie hörte das jetzt zum ersten Mal. Zac und Lenny waren zwar gewöhnlich für die Verhandlungen und für das Kleingedruckte zuständig, aber wieso jetzt auf einmal ihre Prinzipien ändern? Den Aufenthalt auf der Farm konnten sie sich locker leisten. Wieso dafür die alleinige Kontrolle aufgeben?

»Die kommenden zwei Wochen sind für uns die wichtigsten im Jahr, deshalb wollten wir einfach sichergehen, dass wir unsere Zeit mit euch möglichst intensiv nutzen«, meinte Anna entschuldigend. »Aber keine Sorge, ich will mich nicht einmischen. Ich bin nur als Beobachterin dabei, mehr nicht. Uns ist klar, dass ihr am besten wisst, wie ihr mit euren Followern kommuniziert.«

»… okay«, sagte Bo gutmütig. Aber ärgern tat sie das Ganze schon ein wenig. Sehr sogar. Jetzt wurde aus dem Trio also schon ein Quartett. Noch eine Person, von der sie auf Schritt und Tritt beobachtet wurden, mit der sie die Erfahrungen teilen mussten, die eigentlich ihnen als Paar vorbehalten sein sollten? Schon ironisch, dass sie für ihr »einfaches Leben in der Natur« jetzt auf einmal ein ganzes Gefolge mitschleppten, um es in Szene zu setzen.

Anna tauschte einen unbehaglichen Blick mit Lenny, als wären die beiden bereits Verbündete.

Bo wandte den Blick ab und stellte zu ihrem Schrecken fest, dass sie beobachtet wurden. Am Nachbartisch hatten ein paar Mädchen die Handys gezückt und filmten sie. Bo zuckte unwillkürlich zusammen.

Die Mädchen merkten, dass sie aufgeflogen waren, und ließen schuldbewusst die Handys sinken. Aber es war zu spät. Sie hatten bereits die Ohren gespitzt, um alles mitzubekommen, was sich an ihrem Tisch abspielte.

Ein dunkelhaariges Mädchen, das Bos Schrecken bemerkte, erhob sich und kam zu ihnen. »Entschuldigt, wir wollten nicht stören, echt. Wir … Also, ihr seid doch Zac und Bo, oder?«

»Ja, stimmt.« Lenny grinste ihr aus seinem Lehnsessel zu. »Ihr kennt die Wanderlusters?«

»Machst du Witze? Wer kennt euch nicht?« Das Mädchen lachte laut auf und schaute Bo bewundernd an. »Wir sind total verrückt nach euch. Ich lebe für eure Storys. Mein Gott! Ich kann’s nicht fassen, dass ihr hier seid! Bist du’s wirklich?« Bo fürchtete kurz, dass das Mädchen sie in die Wange kneifen würde, nur um sicherzugehen. »Dürfte ich … dürfte ich vielleicht ein Selfie mit dir machen?«

Da war es wieder, das S-Wort. Schon ironisch: Das, was Zac und ihr Instagram-Ruhm eingebracht hatte, mied sie jetzt wie den Teufel. Sie hatte aus bitterer Erfahrung gelernt, dass es nie bei dem einen Selfie blieb: Sobald einer um ein Foto bat, strömten auch andere herbei, und dann brach Chaos aus. Vor zwei Jahren waren sie in Tokio gewesen, um einen Flagship-Store für eine Firma, mit der sie einen Werbevertrag hatten, zu eröffnen. Sie waren beim Bummel in einer Seitenstraße erkannt worden, und aus einem Fan wurden zehn, dann Hunderte. Die Polizei musste die Straße abriegeln, um die Menge wieder unter Kontrolle zu bekommen. Zac war ganz begeistert gewesen, auf der Rückfahrt im Polizeiauto, das sie in ihr Hotel brachte. Ihr dagegen saß der Schreck noch immer in den Knochen.

Aber das ließ sich nicht mit hier vergleichen. Alles war ruhig, und niemand sonst schien sie erkannt zu haben. Oder falls doch, kümmerte es keinen. »Klar darfst du das.« Zac schubste Bo von seinem Schoß. »Komm schon, Babe.«

Bo strich sich das Haar zurück, und das Mädchen stellte sich neben sie. Sie hielt die Handykamera mit ausgestrecktem Arm vor sich, aber Bo schob den Arm automatisch ein wenig höher. »Aus der Perspektive ist es schmeichelhafter«, sagte sie, und das Mädchen himmelte sie an, als habe sie gerade die Weisheit des Jahrhunderts von sich gegeben.

»Und noch eins mit Zac?«, bat sie hoffnungsvoll, sobald es klick gemacht hatte.

Bo holte gereizt Luft und blickte sich nach ihrem Verlobten um. War es nicht immer so? Aus einem Foto wurden zwei, und schon scharte sich die ganze Gruppe um sie.

»Klar.« Er sprang strahlend auf und stellte sich zu ihnen, den Arm lässig um die Schulter des Mädchens geschlungen. Die wurde fast ohnmächtig, als er seine stoppelige Wange an ihre legte und »Cheese« sagte.

»Danke«, sagte das Mädchen.

»Kein Problem.« Bo richtete sich auf, sie wollte jetzt endlich was essen. »War nett, euch kennenzulernen, alles Gute und …«

»He, wollt ihr alle ein Foto?« Lenny setzte sein Glas ab und streckte bereits die Hand nach den Smartphones der Mädchen aus.

Bo musterte ihn entsetzt.

»Ach Gott, ja, im Ernst?«, quiekten sie.

»Klar. Ich bin schließlich ihr offizieller Fotograf, das ist mein Job. Das geht doch, oder, Leute?«

3. Kapitel

Lodalen, Juni 1936

Der Weg war vom Regen der letzten Tage aufgeweicht, und überall hatten sich Pfützen gebildet. Die Pferde kamen gelegentlich ins Stolpern, und dann schlugen die Milchkannen mit einem glockenhellen Geräusch aneinander. Signys Kleidersaum war schlammverspritzt, denn sie tanzte hin und her, um die Herde zusammenzuhalten. Mit einem »Hei« und einem Sprung und einem leichten Stockhieb holte sie die Ausreißer immer wieder auf den Weg zurück. Aber ihr ging’s wie ihnen: Auch sie konnte es kaum abwarten loszurennen. Die Tiere waren vor drei Wochen zum ersten Mal aus den Ställen wieder ins Freie gelassen worden, um sich vor dem Auftrieb ein wenig an die offene Weide zu gewöhnen. Und nun war es so weit: das Ereignis, auf das alle sehnsüchtig gewartet hatten, das buføring, der Almauftrieb. Er war der eigentliche Startschuss für den Sommer. Für Signy war es ihr erster Sommer auf der Alm, und sie hatte ihr ganzes Leben darauf gewartet. Eigentlich hätte sie schon letztes Jahr – da war sie dreizehn geworden – mitmachen sollen, aber sie hatte sich beim Sprung vom Heuschober ein Bein gebrochen und musste zuschauen, wie Margit und die anderen Mädchen unter Geschepper und Geläut mit den Tieren zur Alm aufbrachen.

Von klein auf hatte sie atemlos den Erzählungen der älteren Mädchen von ihren Almaufenthalten gelauscht, von der Arbeit als Sennerinnen, den langen, arbeitsreichen Tagen, die sie mit Kühemelken zubrachten, mit dem Butterstampfen, der Herstellung von Sahne und Käse und Moltebeeren-Gelee, der Heumahd und dem Trocknen und Einbringen des Heus. Harte Arbeit war der Preis, den man für diese Freiheit bezahlen musste, aber dazu war Signy gerne bereit: Nächte unterm Sternenhimmel, Abende am Lagerfeuer, baden im Fluss, Mittagsschläfchen auf sonnenwarmen Felsen. Und kein Erwachsener, der einem Vorschriften machte! Keine Mutter, die einen zum Sockenwaschen verdonnerte, kein Vater, der einen zum Holzholen schickte. Nun gut, einmal pro Woche kamen ein paar Knechte aus dem Dorf herauf, um die Sennprodukte abzuholen und ins Tal zu bringen, wo sie in Vorratshäusern, den stabbur, über den Winter eingelagert wurden. Sie schauten nach, ob alles in Ordnung war, ob es den Mädchen gut ging, und sie brachten die neuesten Nachrichten aus dem Dorf und manchmal auch ein paar Leckerbissen: Fladenbrote oder frischen Hering. Aber abgesehen davon gehörte der Sommer ihnen. Ihr und ihrer Schwester und ihren Freundinnen und den Tieren.

Die lange, gewundene Prozession kam stetig voran, alles bewegte sich mit frischer Tatkraft und Freude, endlich ging’s wieder hinauf in die Berge, die ihnen den ganzen langen Winter über verwehrt gewesen waren! Auf den Gipfeln waren vereinzelte Schneereste zu erkennen, aber selbst die wirkten harsch und schmutzig.

Sie waren seit über einer Stunde unterwegs, und Signy drehte sich um, weil sie einen letzten Blick auf das Dorf werfen wollte, ihr Zuhause, das sie nun zum ersten Mal für längere Zeit verließ. Erst im Herbst, wenn sich die Blätter rot färbten und die Luft blau und kalt wurde, würde sie zurückkehren. Aber aus dieser Höhe waren kaum noch Einzelheiten zu erkennen. In 1.850 Metern Höhe verschmolzen die buschigen Grassodendächer der geduckten Häuser mit ihrer Umgebung, nur die hellgrauen Rauchfahnen verrieten, dass dort Menschen wohnten, und auch die weiße Wäsche, die an Mamas Leinen flatterte.

Ein lauer Wind fuhr ihr in den modisch kurzen Bob, und sie schaute mit ausgebreiteten Armen zum Himmel. Endlich waren sie unterwegs. Wochenlang Nieselregen und feuchter Nebel, der sich hartnäckig in den Tälern festsetzte. Doch nun hatte sich die Wolkenbank geöffnet und den Blick auf den blauen Himmel und die Berge freigegeben. Sie bemerkte über sich den bleichen, gefleckten Bauch eines Jagdfalkens, der auf der Suche nach Lemmingen, Wühlmäusen und Spitzmäusen am Himmel kreiste.