Beschreibung

Ein Weihnachtsgeschenk von Tiffany entpuppt sich als Schlüssel zum Glück

Cassie Fraser wollte eigentlich ihren zehnten Hochzeitstag feiern, als sie herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Hals über Kopf flieht sie aus Schottland und findet Unterschlupf bei ihrer Freundin Kelly, die in der New Yorker Modeszene arbeitet. Dies ist für Cassie die erste Station eines Plans, den sich ihre drei besten Freundinnen für sie ausgedacht haben. Ein Jahr lang soll Cassie bei jeder von ihnen ein paar Monate verbringen: bei Kelly in New York, bei Anoukh in Paris und schließlich bei Suzy in London. Und Suzys Bruder Henry schickt sie auf eine Schnitzeljagd, die Cassie an Weihnachten zu Tiffany‘s führt – und zu einem Geschenk, das ihr Leben verändern wird ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 830

oder

Buch

Cassie Fraser wollte eigentlich ihren zehnten Hochzeitstag feiern, als sie herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Hals über Kopf flieht sie aus Schottland und findet erst einmal Unterschlupf bei ihrer Freundin Kelly, die in der New Yorker Modeszene arbeitet. Nach einer äußerlichen Generalüberholung ist dies für Cassie die erste Station eines Plans, den sich ihre drei besten Freundinnen für sie ausgedacht haben. Um wieder zu sich selbst zu finden, soll Cassie ein Jahr lang reihum bei jeder von ihnen ein paar Monate verbringen: bei Kelly in New York, bei Anouk in Paris und schließlich bei Suzy in London. Auch Suzys Bruder Henry will Cassie helfen und schickt sie auf eine Schnitzeljagd, die Cassie an Weihnachten zu Tiffany’s führt – und zu einem Geschenk, das ihr Leben verändern wird …

Autorin

Karen Swan arbeitete lange als Modejournalistin für Zeitschriften wie Vogue, Tatler und YOU. Sie lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im englischen Sussex. Wenn die Kinder sie lassen, schreibt sie in ihrem Baumhaus Romane.

Karen Swan

Ein Geschenk

von Tiffany

Roman

Übersetzt

von Gertrud Wittich

Die Originalausgabe erschien

unter dem Titel »Christmas at Tiffany’s«

bei Pan Publishing

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2012

Copyright © 2011 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagbild: Daniel Grill/Getty Images

Redaktion: Anita Hirtreiter

LT · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-09081-4

www.goldmann-verlag.de

Für Aason,

der mit solcher Würde wieder neu angefangen hat

Prolog

Kelly Hartford ließ ihren Blick aus dem Taxifenster schweifen. Um sie herum breitete sich die windzerzauste, wildromantische Moorlandschaft von Schottland aus. Doch trotz ihrer Bemühungen konnte sie nichts entdecken, das ihr bekannt vorgekommen wäre und darauf hingewiesen hätte, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand: kein markanter, einzeln stehender Baum, kein Zierbau, der zum beeindruckenden Anwesen ihrer Freundin hätte gehören können. Es war exakt zehn Jahre her, seit sie zum letzten Mal hier gewesen war, und sie hatte ganz vergessen, wie abgelegen ihre Freundin hauste. Sie waren seit dreißig Meilen an keiner menschlichen Siedlung mehr vorbeigekommen. Abgesehen von dem einen oder anderen abgelegenen kleinen Gehöft war die weite Landschaft menschenleer. Keine Ahnung, wie Cassie das aushielt.

Die Sonne knallte blendend durchs Fenster, und Kelly kramte fahrig in ihrer Tasche nach ihrer Sonnenbrille. Noch so etwas, das sie vollkommen vergessen hatte: wie lange die Sommertage hier oben im Norden waren. Es war bereits sieben Uhr abends, aber die Sonne schien immer noch so hell wie am Mittag. Es würde elf werden, bevor sie sich endlich verabschiedete und hinter den schottischen Highlands verschwand.

Der Taxifahrer bog nach links in eine Art Feldweg ein, der inmitten der unendlichen Weite von der gewundenen Landstraße abzweigte. Kelly wedelte knackend mit ihren Daumen, so wie sie es von ihrer Physiotherapeutin eingetrichtert bekommen hatte, ehe sie sich wieder eifrig ans Speed-Texten machte. Allerdings nicht für lange. Die Fahrt wurde ungemütlich holprig, ein Schlagloch jagte das andere, und sie musste sich unwillkürlich an der Kopfstütze festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

»Menschenskind«, brummte sie verärgert, während sie von den überbeanspruchten Stoßdämpfern hin und her geschleudert wurde, »so eine Schaukelei! Da könnte ich mich ja gleich auf ein Kamel setzen!«

Der mürrische Taxifahrer gab dazu keinen Kommentar ab, doch nun wusste sie immerhin, dass sie auf dem richtigen Weg waren: An diese holprige Zufahrtsstraße konnte sie sich nur zu gut erinnern. Tatsächlich tauchten weiter vorne auch schon die von Adlern bekrönten Säulen des Eingangstors nebst Pförtnerhäuschen, das die Zufahrt zu dem umfangreichen Anwesen bildete, auf. Endlich angekommen. Sie war schon fast den ganzen Tag lang unterwegs, hatte vom Heathrow Airport einen Anschlussflug nach Edinburgh genommen. Jetzt wollte sie nur noch duschen und sich ein wenig hinlegen, bevor es mit der Party losging. Sie hätte auch drei Stunden früher von Newark abfliegen, sich den Nachmittag über ausruhen und nachher in Ruhe alles Versäumte mit den Freundinnen bequatschen können, aber sie war nun mal ein JFK Girl – ein anderer Flughafen kam ihr gar nicht in die Tüte. Außerdem stand Bebe am Rande eines Nervenzusammenbruchs: Die Kollektion würde in Kürze auf den Laufsteg gehen. Sie hatte fast einen Herzinfarkt bekommen, als Kelly ihr beibrachte, sie müsse mal eben nach Schottland fliegen, um auf eine Party zu gehen. Erst in letzter Minute abzudüsen war das mindeste, was sie für die gestresste Modedesignerin hatte tun können.

Sie passierten das Eingangstor, und die braunlila Heidelandschaft wich abrupt einer Allee von hoch aufragenden, majestätischen Kiefern, deren Nadeln die Auffahrt wie einen Teppich bedeckten. Das Taxi schlängelte sich an weichen, mit magentafarbenem Klee bewachsenen Rasenhöckern vorbei, unterbrochen von rostrotem Ahorn und purpurnem Rhododendron. Diese rauschende Farbenpracht bildete nur den Auftakt: Hinter einem Torbogen aus zwei mächtigen Eiben tauchte nun das prächtige Herrenhaus auf. Kelly fand es noch beeindruckender als beim letzten Mal. Aus Naturstein gebaut wirkte es im vorherrschenden Regenwetter meist braun und trübe, aber heute hatte die langsam untergehende Sonne einen rosa Hauch auf das altehrwürdige Gemäuer gezaubert. Hoch ragte es auf, mit spitzen Giebeln, sechs an der Zahl, so hoch und schlank wie Hexenhüte. Steinstufen führten hinauf zum Eingangstor, Bleiglasfenster zierten die Fassade, darunter ein prächtiges großes Panoramafenster, das die Eingangshalle mit Licht durchflutete und von der Galerie aus einen herrlichen Ausblick über die Lammermuir Hills bot.

Das Taxi hielt vor der Eingangstreppe an. Kelly schaltete rasch den Klingelton an ihrem iPhone auf die maximale Lautstärke – sie wollte in dem riesigen Haus keinen Anruf verpassen. Anschließend senkte sie die Schultern und nahm ein paar tiefe Atemzüge, so wie sie’s beim Yoga gelernt hatte. Bebe würde schon ohne sie zurechtkommen. Morgen Abend würde sie ohnehin wieder ins Flugzeug steigen und Montag pünktlich zum Lunch im Büro erscheinen. Ein Kinderspiel. Es gab Leute, die länger auf dem Klo zubrachten.

Die Sektkorken knallten, während unten in der Eingangshalle die betuchte Standuhr siebenmal anschlug. Suzy schenkte die Gläser voll.

»Prost!« Cassie strahlte in die Runde. Ihre Augen funkelten. Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett. »Auf uns!«

Anouk legte den Kopf zur Seite. »Das lass deinen Mann besser nicht hören«, sagte sie mit ihrem samtweichen französischen Akzent, »schließlich sind wir doch hergekommen, um auf euch beide anzustoßen!«

Cassie zuckte wegwerfend mit den Schultern und stieß einen seligen Seufzer aus. Anouk hatte natürlich recht. Sie und ihr Mann hielten es schon seit zehn Jahren miteinander aus – und das in einer Zeit, in der es die meisten Paare kaum auf zwei brachten. Um das zu feiern – gewaltig zu feiern, fast noch gewaltiger als ihre Hochzeit vor zehn Jahren –, waren sie hier. Und obwohl Cassie stolz darauf war – nicht zuletzt deswegen, weil sie ihrem Mann die Treue gehalten hatte –, freute sie sich noch mehr darüber, dass ihr dieser Anlass die perfekte Gelegenheit gab, ihre über die ganze Welt verstreuten Freundinnen endlich wieder einmal in ihre Gegend zu locken. Suzy, Kelly und Anouk sahen sich öfter, das wusste Cassie. In der Welt, in der sie lebten, waren London, Paris und New York ja praktisch Vororte einer gigantischen Megastadt – aber ein Ausflug in die schottische Wildnis? Wohl kaum. Dies war das erste Mal seit ihrer Hochzeit, dass sie wieder einmal alle zusammen waren. Wollte heißen, sobald auch Kelly endlich eintraf.

Cassie sah zu, wie Suzy eine pastellblaue Schachtel mit schokobraunen Punkten zur Hand nahm, die auf dem Fußende des Betts lag. »Sekt für dich und Gil, aber das hier ist nur für uns!« Sie klappte den Deckel auf: Vier überdimensionale Cupcakes lagen darin, zartgelb glasiert, garniert mit einer weißen Marzipanrose.

»Aaaah! Magnifique«, stöhnte Anouk, beugte sich vor und reichte Cassie einen.

»Gottchen, die sind ja entzückend!«, quietschte Cassie und hielt ihren ans Licht. »Wie kleine Babykaninchen.« Dundee Cake konnte mit derart hochentwickelter Konditorskunst Made in Pimlico, London natürlich nicht mithalten.

»Passionsfrucht?«, stieß Cassie verblüfft hervor und versprühte dabei einen Schauer von Kuchenkrümeln.

Suzy nickte. »Wie findest du’s? Das Rezept hab ich mit meiner Konditorei zusammen entwickelt. Die ersten Versuche waren zu matschig, die zweiten zu lasch. Aber ich glaube, jetzt haben wir’s – was meinst du?«

Cassie wankte hingerissen.

»Und wie führt sich deine derzeitige Braut auf? Geht’s einigermaßen?«, erkundigte sich Anouk. Sie saß kerzengerade auf dem Bett und pickte mit spitzen Fingern an ihrem Cupcake, wie ein Vögelchen an einem Krümel.

Suzy verdrehte die Augen. »Was glaubst du wohl? Andauernd überlegt sie es sich anders. Das Einzige, worüber sie noch nicht ihre Meinung geändert hat, ist der Bräutigam. Aber das kann auch noch kommen. Die Hochzeit ist erst in einem Monat.«

Anouk schüttelte kichernd den Kopf. »Wie hältst du das bloß aus? Dieses ganze Tamtam und der Stress, den dir deine Kundschaft macht.«

Suzy beäugte zerknirscht ihre Hüftpolster. »Ich versteh das einfach nicht – bei dem Stress müsste ich eigentlich abnehmen, statt zunehmen, aber irgendwie schaffe ich das nie. Und muss dazu noch mit ansehen, wie bei meinen Bräuten die Pfunde nur so purzeln. Wie kommt’s, dass ich die Einzige bin, die unter solchen Umständen auch noch zunimmt? Dabei hab ich doch den ganzen Stress – mit den Floristen, mit überbuchten Veranstaltungsorten, unzuverlässigen Musikbands, bekoksten DJs, launischen Pfarrern … ehrlich, ich hab schon alles erlebt. Da müsste man doch annehmen, dass ich nur noch ein Strich in der Landschaft bin. Von wegen!«

Cassie seufzte. Seit sie Suzy kannte – und das war praktisch seit ihrer Geburt –, befand sich diese auf einem Kreuzzug gegen ihre Figur. Mit zwölf bereits eins fünfundsiebzig besaß sie obendrein einen ziemlich kräftigen Körperbau. Sie schämte sich für ihre Größe, hatte immer das Gefühl gehabt, zu viel Platz zu verbrauchen. Selbst jetzt, mit dreißig, war sie den jugendlichen Wunsch, so sein zu wollen wie andere, nicht losgeworden. Was vielleicht auch kein Wunder war, da sie es tagaus, tagein mit magersüchtigen Bräuten zu tun hatte.

Doch was immer Suzy auch von sich hielt, Cassie fand, sie sah besser aus als je zuvor – ihr Alter merkte man ihr jedenfalls nicht an. Sie hatte einen zarten Teint, rosige Wangen, große braune Rehaugen und einen durchgestuften Kurzhaarschnitt, der für ihr feines dunkelblondes Haar ideal war.

Anouk war das glatte Gegenstück: petite, südländischer Typ – und alles andere als naiv. Sie trug ihr dichtes kastanienbraunes Haar in einem schicken Bob, der einen perfekten Rahmen für ihr zartes Gesicht mit den markanten Wangenknochen bildete. Die Sinnlichkeit ihres volllippigen Schmollmündchens wurde noch unterstrichen durch einen fast unmerklichen Überbiss. Verglichen mit Suzy wirkte sie älter, als sie eigentlich war. Was nicht an irgendwelchen Falten lag oder gar an etwas so Ordinärem wie dem Älterwerden – Anouks Kosmetikbatterie stellte die der verwöhntesten Filmdiva in den Schatten, und ihr Schönheitsprogramm hielt selbst einem Vergleich mit Kleopatra stand. Es waren ihre Abgeklärtheit und kosmopolitische Art, die sie älter wirken ließen und die man eigentlich eher bei einer zehn oder zwanzig Jahre älteren Frau erwartet hätte.

»Also, ich finde, ihr Großstädter spinnt doch alle«, sagte Cassie entnervt. »Alles dreht sich ums Äußere. Hier bei uns schert sich keiner drum, ob der andere ein paar Pfunde zu viel drauf hat und wie er sich anzieht.«

»Und wieso nicht?«, fragte Anouk herausfordernd. »Was soll falsch daran sein, wenn man ein wenig auf sich achtet?«

»Aber das ist es ja gerade! Ihr achtet doch nicht auf euch! Ihr verwehrt euch alles, bloß wegen irgendeines lächerlichen Schlankheitsideals. Dauerdiät, nur um ein völlig unvernünftiges Gewicht zu halten, das eigentlich unhaltbar ist. Warum entspannt ihr euch nicht mal und … esst mit Genuss ein Stück Kuchen. Oder einen Cupcake.« Genüsslich schob sie sich den letzten Bissen des besagten Gebäckstücks in den Mund.

»Das hasse ich ja so an dir«, fauchte Suzy. »Du kannst alles in dich reinstopfen, was du willst, ohne dick zu werden. Mein einziger Trost ist, dass wenigstens Kelly und Anouk für ihre Figur leiden müssen.«

»Also, ich leide doch nicht!«, beschwerte sich Anouk schmollend. Leiden, tz, wie unelegant.

»Ach ja? Und wie kommt’s dann, dass du jedes Mal, wenn ich dich sehe, weniger geworden bist?«

»Weil ich Französin bin, chérie, das gehört zu meinem kollektiven Erbgut.«

»Nicht schon wieder diese alte Leier.«

»Was ziehst du heute Abend an?«, fragte Anouk Cassie, an ihrem Cupcake pickend. »Ich will doch stark annehmen, dass du das Familienvermögen für ein umwerfendes Kleid verprasst hast?«

Cassie schüttelte verlegen den Kopf. Sie wusste, was nun kam. »Leider nein. Nächste Woche geht’s mit der Jagdsaison los. Ich steh seit Tagen in der Küche und versuche, so viel wegzumachen wie möglich, damit ich ein bisschen Vorsprung habe. Zu allem Überfluss ist die Pflaumenernte dieses Jahr besonders gut ausgefallen, und das Mus macht sich nicht von selber.«

Anouk ließ gereizt die Hand sinken. »Pflaumenmus? Du hast Mus gekocht, anstatt dir ein anständiges Ballkleid zu besorgen?!«

»Pass auf, jetzt macht sie gleich Mus aus dir«, warf Suzy mit einem warnenden Augenzwinkern ein.

Cassie zuckte trotzig mit den Schultern. »Ich hab’s einfach nicht geschafft, in die Stadt zu fahren. Bin seit gut einem Monat nicht mehr von hier weggekommen.« Sie erhob sich und ging zum Schrank. »Im Übrigen hab ich ja noch das schwarze Samtkleid, das ich mir vor ein paar Jahren in New York gekauft habe. Das mag Gil ganz besonders. Ich hab’s bestimmt nicht mehr als drei, vier Mal getragen, wenn’s hochkommt.« Sie hielt es an ihren Körper – ein knielanges, schulterfreies Kleid mit einer Samtrose am Ausschnitt als Blickfang. »Ist immerhin von Laura Ashley.«

»Laura …« Anouk fehlten die Worte. Hilfesuchend schaute sie zu Suzy.

»So sieht’s nicht nach viel aus, aber wartet nur, wenn ich es anhabe …« Sie fing Suzys skeptischen Blick auf. »Wartet, ich zieh’s gleich mal an. Ihr werdet sehen, es ist gar nicht so schlecht.« Gerade als sie aus ihrem Frotteebademantel geschlüpft war, sprang mit einem Knall die Tür auf.

Kellys Blick fiel auf Cassies einst weißen Playtex-BH und den ausgeleierten weißen Baumwollslip. Sie riss entsetzt den Mund auf. »Du lieber Himmel! Das ist ja schlimmer, als ich dachte.«

Cassie stieß einen Freudenschrei aus und war mit zwei Sprüngen bei Kelly. Sie umarmte die Freundin stürmisch.

Anouk hob das Samtkleid angeekelt vom Boden auf. »Viel schlimmer, Schätzchen, viel schlimmer.« Sie schaute Kelly an, die ihren Blick über Cassies Schulter hinweg erwiderte. Sie warf das Kleid aufs Bett und zündete sich eine Zigarette an.

Suzy schenkte ein weiteres Glas Sekt ein und schlenderte damit zu Kelly, die soeben von Cassie losgelassen wurde. »Kannst dich immer noch nicht durchringen, mal was Farbiges anzuziehen, wie ich sehe«, sagte sie mit einem missbilligenden Zungenschnalzen, reichte Kelly das Glas und gab ihr einen Schmatz. »Hast abgenommen, Schätzchen. Du bist zu dünn!«

»Zu dünn gibt’s nicht«, schnurrte Anouk und küsste Kelly auf beide Wangen, wobei sie den Arm lang machte und ihre Zigarette nach hinten streckte.

»Ganz meine Rede«, stimmte ihr Kelly zu. Die beiden waren eingeschworene Fashion-Freaks, beide überzeugte, ja geradezu militante Singles und auf dem Höhepunkt ihrer Verführungskunst. Sogar im Aussehen ähnelten sie sich. Kelly war ebenfalls brünett, mit glänzendem, allerdings glattem Haar, einer charmanten kleinen Himmelfahrtsnase und braunen Mandelaugen.

»Bin anscheinend gerade noch rechtzeitig eingetroffen«, sagte Kelly, packte Cassie bei den Schultern und musterte sie streng. »Wie kannst du das Anouk bloß antun?«

»Was? Wie meinst du das?«

»Sie ist Französin, Cass. Da kannst du nicht in solcher Unterwäsche rumlaufen. Das hält ihre Konstitution einfach nicht aus.«

»Also … ich … äh …«, stammelte Cassie. Sie blickte hilflos zwischen Anouk und ihrem bemitleidenswerten Büstenhalter hin und her. Anouk hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hochgezogen. »Gil macht das nichts aus!«, stieß Cassie defensiv hervor.

»Also weißt du, mir ist es schleierhaft, wir ihr eure Ehe so lange am Leben gehalten habt.« Kelly trank einen Schluck Sekt. »In Manhattan würde man dich des Betts verweisen!«

»In Paris würde man dich einweisen«, warf Anouk ein.

Cassie schaute Suzy an, in banger Erwartung des letzten Nagels für ihren Sarg. »Sorry, Liebes«, sagte diese achselzuckend, »kann dir auch nicht helfen. London is definitely not calling.«

»Aaah! Ihr seid der reinste Alptraum, die ganze Bande!« Cassie hob erbost ihren Bademantel vom Boden auf. »Ich hatte ganz vergessen, was für Modepuppen ihr seid. Wie eure Männer das mit euch aushalten, ist mir schleierhaft.«

Sie hasste es, wenn sie sich alle, so wie jetzt, gegen sie verschworen. Sie mochten ja in verschiedenen Ländern leben und in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sein, aber das Wort »Blasiertheit« schien universell zu sein, ein Band, das ihre glamourösen, urbanen Freundinnen miteinander verband. Und das, obwohl sich ihr Alltags- und Berufsleben sehr voneinander unterschied: Kelly besaß eine Fashion-PR-Firma in Manhattan, Suzy war eine erfolgreiche Hochzeitsplanerin in London und Anouk eine gefragte Schmuckdesignerin in Paris, die ihre Ware niemals bei einem ordinären Juwelier oder gar in einer Boutique zum Kauf angeboten hätte, und die nur dann neue Kunden annahm, wenn diese von mindestens drei alten empfohlen wurden. Trotzdem benutzten die drei unweigerlich denselben neuesten wunderwirkenden Moisturizer, trugen dieselbe Balenciaga-Tasche mit sich herum, lasen die Tageszeitung auf dem iPad und trugen MiH Jeans, weil die angeblich einen kleinen Po machten.

»He, beruhige dich – ich bin, was dich betrifft, ohnehin auf alles vorbereitet.« Kelly zwinkerte ihrer Freundin schelmisch zu und öffnete den Reißverschluss ihrer Reisetasche. »Und deshalb hab ich dir das hier mitgebracht.« Zum Vorschein kam ein weiches, in rosa Seidenpapier eingeschlagenes Päckchen.

Cassie nahm es mit spitzen Fingern und beäugte es misstrauisch. Bei ihren Freundinnen musste man auf alles gefasst sein. Sie schlug das Seidenpapier auf. Darin lag ein mitternachtsblaues Seidenkleid. »Oh! Was für ein wunderschönes Nachthemd!« Entzückt strich sie über den glatten Stoff, ihren Ärger für den Moment vollkommen vergessend.

Die anderen prusteten los.

»Na, soll ich’s heute Nacht anziehen?« Kokett hielt sie sich das Kleidchen an den Körper.

»O ja, das wirst du«, lachte Kelly, »aber nicht ins Bett, sondern zur Party. Das ist kein Nachthemd!«

»Was?«, stieß Cassie erschrocken hervor. »Aber … da ist doch so gut wie nichts dran! Gil würde in den Boden versinken, wenn ich so …«

»Au contraire«, widersprach Anouk, »das wird ihn umhauen! Du wirst alle umhauen, Cassie! Komm, nun schlüpf schon rein.«

Da sie ohnehin keine Wahl hatte, gab Cassie sich geschlagen. Der Stoff fühlte sich herrlich auf der Haut an. Jetzt, wo sie es anhatte, sah sie auch, dass das Kleid zwei kleine, mit Spitze ausgeschlagene halbmondförmige Schlitze über den Hüften hatte. Ein kleines, aber ungeheuer erotisches Detail.

»Wow!«, hauchte Suzy.

»Aus der neuesten Kollektion, nehme ich an?«, fragte Anouk.

Kelly nickte. »Bebe Washington. Gisele wird’s in ein paar Wochen in der Schau vorführen.«

»Das muss ich haben«, schnurrte Anouk.

»Und das sollst du auch. Irgendein besonderer Anlass?«, wollte Kelly wissen.

»O ja.« Und mehr sagte Anouk nicht.

Cassie stand fassungslos vor dem Spiegel. Sie sah so … anders aus. Wie eine Fremde, gar nicht wie sie selbst. Sie war sich ganz und gar nicht sicher, was Gil dazu sagen würde, egal was ihr die Mädchen einredeten. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Schon halb acht. Draußen stimmte ein einsamer Dudelsackpfeifer eine getragene Melodie an: das Signal zum Beginn der Feierlichkeiten. Langsam schritt er auf dem Rasen auf und ab und rief die Gäste zu dem großen Anwesen.

Ob Wiz wie versprochen ein wenig früher kommen würde? Wiz würde ihr sagen können, ob dieses Kleid ein wenig zu viel für den schottischen Landadel war. Oder besser gesagt: zu wenig. Wiz war ihre Freundin, ihre Vertraute, ihr Fels, ihre Ratgeberin in dieser ihr anfangs völlig fremden Welt. Wiz hatte sie unter ihre Fittiche genommen, als sie vor zehn Jahren aus der klimatisierten Enklave der englischen Oberschicht von Hongkong hier angekommen war, ohne einen blassen Schimmer, was beispielsweise die Aufzucht und Pflege von Moorhühnern betraf.

Voller Zuneigung musterte sie ihre drei Freundinnen, die nun mit untergeschlagenen Beinen auf dem Teppich saßen und den Haufen von Schuhen bewunderten, den Anouk aus Paris mitgebracht hatte. Ihre Freundschaft war praktisch von Geburt an vorprogrammiert gewesen. Ihre Väter waren alle Geschäftsführer beim multinationalen Kosmetikkonzern Neroli gewesen – Kellys für Amerika mit Sitz in New York, Anouks für Europa (mit Ausnahme von England) mit Sitz in Paris, Suzys war für Großbritannien von London aus zuständig gewesen und Cassies für den asiatischen Raum mit Hauptsitz in Hongkong. Ihre Mütter, ebenfalls beste Freundinnen, waren sich auf den Konferenzen und Firmenkongressen der Ehemänner begegnet und beim gemeinsamen Shoppen und bei Ausflügen nähergekommen. Und als dann irgendwann die Mädchen geboren worden waren, alle im selben Jahr übrigens (was bestimmt kein Zufall sein konnte), war die Freundschaft automatisch an die nächste Generation weitergereicht worden. Kinderkrippe, Rassel oder Nanny – sie teilten alles miteinander. Und es konnte ihre Eltern wohl kaum überrascht haben, als sie mit dreizehn einen Aufstand anzettelten und verlangten, auf dasselbe Internat geschickt zu werden. Es folgten fünf herrliche Jahre auf einer englischen Privatschule. Sie schliefen zusammen im selben Schlafsaal, spielten in derselben Lacrosse-Mannschaft, schwärmten für die gleichen Jungs, waren buchstäblich unzertrennlich … bis sie, Cassie, alles verdorben hatte.

»Verdorben« war vielleicht ein zu hartes Wort. Aber Cassie hatte das Gefühl, durch ihre frühe Heirat mit Gil die rosa Seifenblase, in der sie lebten, zum Platzen gebracht zu haben. Sie hatte ihn auf dem Grosvenor House Ball kennengelernt, und er hatte sie schlichtweg umgehauen. Was nicht nur an seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein und seiner Intelligenz lag, sondern vor allem an seiner herrlichen Stimme: klangvoll und klar, mit einem ganz leichten schottischen Einschlag. Für diese Stimme war sie bereit, alles zu tun – diese Stimme hatte sie dazu verführt, ihm ihre Jungfräulichkeit zu schenken, ihre Freundinnen zu verlassen und sich ein Kind von ihm zu wünschen, ein Wunsch, auf dessen Erfüllung sie noch immer sehnsüchtig wartete …

Ein lautes Klopfen an der Tür.

»Cassie?« Wenn man vom Teufel spricht.

Cassie geriet in Panik. So durfte er sie nicht sehen – halb nackt, ungeschminkt und obendrein in ihrer ausgeleierten Unterwäsche.

Die Mädchen waren offenbar derselben Ansicht, denn sie sprangen auf und stellten sich schützend vor sie, wie ein Wall von Verteidigern beim Freistoß. Schon streckte Gil seinen Kopf herein. Mit einem Blick erfasste er die Szene: die leere Kuchenschachtel, die halb leeren Sektflaschen, den Haufen von Schuhen auf dem Teppich und die Kleider, die auf dem Bett herumlagen. Und davor die weibliche Abwehrmauer, darunter zwei in identischen weißen Frotteebademänteln und weißen Handtuchturbanen.

»Dachte ich’s mir doch, dass ihr euch alle hier zusammengerottet habt«, bemerkte er amüsiert. »Wäre ja auch zu abwegig, sich in seinem eigenen Zimmer anzuziehen.«

Erleichtert darüber, dass alle halbwegs anständig bedeckt waren, trat er einen Schritt ins Zimmer. Er selbst war bereits umgezogen, trug ein flaschengrünes Samtsakko und eine Anzughose mit dem Schottenmuster seines Familienclans. Auf seinen scharfen, falkenähnlichen Zügen – die in Anwaltsrobe und Perücke immer so einschüchternd wirkten – zeigte sich die Vorfreude auf die Feierlichkeiten.

»Du hast mich ins Feenzimmer gesteckt, Gil«, sagte Suzy vorwurfsvoll, eine Hand in die Hüfte gestemmt. »Hast du geglaubt, ich hätte vergessen, dass es dort spukt? Du bist nicht der Einzige, der in eurer Hochzeitsnacht kein Auge zugetan hat.«

Gil musste beim Gedanken an seine Hochzeitsnacht lachen. Die Mädchen hatten eine Poledance-Stange im Hochzeitsgemach aufgestellt gehabt, eine echte Überraschung. »Schade, dass Archie nicht kommen kann, ich hätte mich gefreut, ihn mal wiederzusehen.«

»Er wäre liebend gerne gekommen, glaub mir. Muss stattdessen mit ein paar Kunden an einem Kamelrennen in Abu Dhabi teilnehmen«, erklärte Suzy das Ausbleiben ihres Gatten. »Du glaubst nicht, wie viel Schiss er hat. Musste ihm ein paar von den Betablockern mitgeben, die ich immer für meine nervösen Bräute zur Seite lege.«

Gil lachte. Sein Blick fiel auf Kelly, ganz in Schwarz, die Einzige, die nicht aussah, als würde sie Kurzurlaub in einem Spa machen. »Wie war dein Flug, Kelly?«

»Ach, das Übliche … in der ersten Klasse hat ein Supermodel randaliert, eine Flugbegleiterin hatte Aggressionsprobleme, und der neben mir hat sich einen Rausch angetrunken und ihn an meiner Schulter ausgeschlafen«, antwortete Kelly trocken.

Gil lachte. Er versuchte in dem Mädchenpulk seine Frau auszumachen, von der nur ein blondgelockter Oberkopf zu erkennen war. »Wieso versucht ihr, meine Frau vor mir zu verstecken?«, fragte er misstrauisch. »Was habt ihr mit ihr angestellt?«

»Nichts. Sie ist bloß noch nicht fertig«, beschwichtigte ihn Suzy rasch.

»Sieht fast so aus, als ob ihr sie betrunken gemacht hättet und sie jetzt kaum mehr stehen kann.«

»Non!«, sagte Anouk entschieden.

»Wir wollen bloß nicht, dass du sie siehst, bevor die Party losgeht. Das bringt Unglück«, erklärte Kelly.

»Es bringt Unglück, die Braut vor der Hochzeit zu sehen, aber nicht vor der Party zum zehnten Hochzeitstag!«

»Ach was! Reine Ansichtssache«, erwiderte Kelly wegwerfend, und er musste grinsen.

»Also gut«, sagte er und hob ergeben die Hände. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf seine Frau zu erhaschen. »Schätzchen, ich wollte dir nur sagen, dass die Gäste bereits eintreffen.«

Cassies Locken wippten, als sie nickte. »Bin in zehn Minuten bei dir.«

»Hmpf«, sagte Gil, »darauf würde ich nicht wetten.«

Kaum hatte er die Tür hinter sich zugezogen, konnte er hören, wie drinnen hektische Betriebsamkeit ausbrach: Reißverschlüsse wurden aufgerissen, Schranktüren zugeschlagen, ein Duschhahn aufgedreht. Eine halbe Stunde, schätzte er. Minimum.

Als Kelly kurz darauf wieder aus der Dusche hervorkam, stand Cassie noch immer vor dem Spiegel. »Da sieht man meinen Slipansatz durch«, zischte sie panisch. Die Mädels würden sie zwingen, das Kleid anzuziehen, das wusste sie. Und Gil würde sauer sein. Das schien den Mädels ebenfalls klar zu sein, denn wieso hätten sie sie sonst vor ihm versteckt?

»Dann zieh halt keinen an«, bemerkte Anouk kühl. Sie stand am anderen Ende des Raums vor einem Wandspiegel und tuschte sich die Wimpern.

Cassie schaute entsetzt zu ihr hin.

»Auch daran habe ich gedacht«, verkündete Kelly voller Genugtuung, trat an ihre Tasche und holte ein Plastikpäckchen hervor, das sie aufs Bett warf. »Nudefarben, natürlich.«

Cassie beäugte das Päckchen. »Spanx. Was soll das denn sein?«

Alle verdrehten die Augen. »Das ist ein Miederhöschen, du Dummerchen«, sagte Suzy. »Formware, du weißt schon? Das beste Mittel gegen Fettwülste. Die gebe ich all meinen etwas fülligeren Bräuten, macht eine glatte, schlanke Figur.«

»Was für Schuhe willst du dazu anziehen?«, erkundigte sich Kelly. Ihr graute schon vor der Antwort. »Sag jetzt nicht, Pumps. Sag nicht …«

»Ich hab ein paar hübsche Pumps. Angenehmer Absatz. Die habe ich letztes Weihnachten beim Schlussverkauf ergattert. Echte L. K. Bennetts.« Drückende Stille. »Was? Das sind meine besten.«

Anouk stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus, ging zu ihrem Schuhberg und begann darin zu wühlen. Triumphierend tauchte sie mit zwei goldenen Riemchensandalen von Louboutin mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen auf. »Probier die mal an. Die müssten dir passen, wir haben ja die gleiche Schuhgröße.«

»Machst du Witze? Ich bin an hohe Absätze nicht mehr gewöhnt. Ich laufe doch fast nur noch in Gummistiefeln rum. Drei Zentimeter, das ist mein Limit. Wie soll ich mit diesen Dingern die Treppe runterkommen? Ich werde mir den Hals brechen. Ich müsste am Geländer runterrutschen, um heil unten anzukommen.«

»Wenn’s nicht anders geht«, sagte Anouk unbarmherzig.

Cassie schlüpfte seufzend in die Sandalen, mit denen sie stattliche eins achtzig groß war. Sie musste allerdings zugeben, dass sie zu dem Kleid fantastisch passten. Außerdem waren sie bequemer, als sie aussahen. Aber sie hatte ja auch noch nicht versucht, damit herumzugehen. Was sie auf einen Gedanken brachte …

»Ich hoffe, ihr habt nicht vergessen, dass schottische Tänze getanzt werden, das ist ein Mordsgehüpfe, da braucht man vernünftiges Schuhwerk.«

»Was, bitte?«, sagten Kelly und Anouk wie aus einem Munde. »Diese zwei Vokabeln existieren nicht in unserem Wortschatz.«

»Schätzchen, ein Tanz, bei dem ich flache Absätze brauche, ist es nicht wert, getanzt zu werden«, verkündete Suzy im Brustton der Überzeugung. »Lieber betrinke ich mich.« Alle prusteten los, selbst Cassie.

Fünfundvierzig Minuten später kamen sie zu viert die Treppe herunter, untergehakt wie eine Gänseblümchenkette. Nicht einmal Cassie konnte die Blicke übersehen, die sie einheimste. Keiner ihrer Bekannten – Gils Bekannten – hatte sie je so gesehen. Sie fühlte sich fantastisch. Anouk hatte ihr das dunkelblonde Haar um den Haaransatz herum in Löckchen gelegt, was fast griechisch anmutete. Hinten fiel es in dichten Wellen über ihre Schultern. Suzy hatte ihre großen blauen Kulleraugen mit goldenem und bronzefarbenem Lidschatten akzentuiert und Mattrot auf ihren großzügigen, immer lächelnden Mund aufgetragen.

Cassie war zuvor von ihren Freundinnen begutachtet worden wie ein soeben geschaffenes Kunstwerk. Diese Frau besaß keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der, die heute Nachmittag um zwei in einer ausgebeulten Latzhose und einem alten, löchrigen Lambswool-Pulli von Gil zwischen den Himbeerbüschen im Garten herumgegraben hatte. Sie wusste zwar, dass sie gut aussah, aber das, was auf einer Modenschau in Paris oder auf einer Cocktailparty in Manhattan Eindruck machte, mochte beim schottischen Landadel total danebengehen. Gil war zehn Jahre älter als sie und seine Bekannten noch älter. War das, was sie anhatte, auch … schicklich? Ängstlich sah sie sich im Saal um, versuchte Wiz’ Blick einzufangen, bevor sie Gil gegenübertrat.

Cassie konnte zwar weder die eine noch den anderen entdecken, dass ihr Kleid ein Hit war, daran bestand allerdings kein Zweifel. Kaum hatte sie den Fuß der Treppe erreicht, strömten die Gäste, eingehüllt in eine Wolke aus Parfüm und Aftershave, auch schon auf sie zu und trennten sie von ihren Freundinnen.

»Hallo … wie schön, Sie zu sehen … ach, wie nett von Ihnen … Hallo … wie geht’s? … Freut mich, dass Sie kommen konnten … Ach, wirklich? … Sie sehen fabelhaft aus … Ja, ich weiß, herrliches Wetter, nicht? … Hallo … schön, dass Sie da sind …«

Doch auch diese kleine Sensation konnte die Party nicht lange erschüttern. Ein Mann mit Vollbart, der aussah, als habe er ein Büschel davon für seinen Sporran verwendet, drückte ihr ein Glas in die Hand, und das Gespräch kehrte auf vertrautes, wenn auch langweiliges Terrain zurück: den hässlichen Windpark auf dem benachbarten Anwesen des Earl of Luss.

Cassie ließ diskret den Blick umherschweifen. Von der Galerie floss perlend die Musik eines Streichquartetts herab. Die männlichen Gäste trugen entweder trews (enganliegende Beinkleider im Schottenkaro) oder den traditionellen Kilt, geschmückt mit dem obligatorischen sporran, dessen seidiger Pferdehaarschweif in einigen Fällen bis zum Saum des Kilts fiel. Mehrere Herren hatten überdies Schärpen angelegt. Die Frauen waren nicht weniger prächtig in langen Abendroben und funkelndem Familienschmuck erschienen. Dennoch musste Cassie zugeben, während ihr Blick zu ihren drei mondänen Freundinnen huschte – Anouk in einem muschelrosa Traum aus Plissee, Suzy in einem mit Goldperlen bestickten Kleid und Kelly in bestickter Seide –, dass ihre Gäste nicht anders aussahen als sonst bei solchen Anlässen.

Wie dieses Haus, dachte sie. Eingeengt, beschwert von der Last der Jahre, von uralten Traditionen. Die große Eingangshalle war überaus beeindruckend – aber das war sie immer. Selbst ein Strauß Gänseblümchen in einer Teekanne hätte hier beeindruckend gewirkt. Genauso beeindruckend wie jede Party, die in den letzten zweihundert Jahren hier gefeiert worden war. An der Decke hingen funkelnde Kristalllüster; die alten Familienporträts waren mit frischen grünen Efeuranken behängt; an den Wänden steckten in Bronzehaltern bleiche, leicht ausgefranste Flaggen mit alten Familienwappen. Im riesigen offenen Steinkamin hatte man Blumenbuketts aufgestellt, in denen die traditionelle schottische Distel natürlich nicht fehlen durfte – für ein Feuer war es derzeit zu warm. Nur die leuchtend roten Luftballons, die in regelmäßigen Abständen am Treppengeländer hingen, verkündeten mit ihrer Aufschrift »Wir sind zehn!«, dass Cassie hier die Herrin des Hauses war und nicht ihre respekteinflößende Schwiegermutter oder eine der anderen Damen, die grimmig aus ihren Porträts auf die Feiernden herabstarrten.

Cassie sah, dass ihre Freundinnen – die wie Kletten aneinanderzukleben schienen – Wiz bereits gefunden und mit Beschlag belegt hatten. Wiz, deren richtiger Name Lady Louisa Arbuthnott lautete, war die hochgeschätzte Tochter eines der ältesten Anwälte des Landes, Lord Valentine, und verfügte über die besten Beziehungen in Edinburgh. Anlässe wie diesen hier absolvierte sie im Schlaf. Ob es um Windparks ging, um den schwindenden Rebhuhnbestand, den beklagenswerten Rückgang der Moore im Zentralgürtel – Wiz kannte sich aus und hatte zu allem und jedem etwas Unterhaltsames zu sagen. Nichts konnte sie einschüchtern. Oder langweilen. Jeder, der sie kannte, mochte und bewunderte sie.

Heute trug sie ein eng anliegendes olivgrünes Seidenkleid, dazu eine schwarze Perlenkette. Ihr rotbraunes Haar hatte sie zu einem eleganten Knoten hochgesteckt. Wiz war die einzige Frau hier, die es in Stil und Auftreten mit ihren Freundinnen aufnehmen konnte. Sie war in der Großstadt ebenso zuhause wie auf dem Lande. Als Seniorpartner in der wichtigsten Scheidungskanzlei von Edinburgh, McMaster & Mathieson, verfügte sie über einen eigenen Agenten bei Harvey Nicks, der ihr immer die besten Stücke aus der neuesten Designerkollektion reservierte.

Die Gruppe stand am anderen Ende der großen Halle. Cassie sah, wie Wiz den Kopf zurückwarf und schallend über etwas lachte, das Kelly gesagt hatte. Die Gruppe wirkte gut gelaunt und sorglos – und dennoch krampfte sich Cassies Magen nervös zusammen. Sie kannte die Körpersprache ihrer Freundinnen zu gut, um die Zeichen zu übersehen: Anouks Augen waren eine Winzigkeit verengt, Suzys Lächeln wirkte aufgesetzt, und Kelly hatte das Kinn ein wenig zu weit gesenkt. Die Mädchen hatten zwar nie etwas gesagt, aber Cassie wusste, dass sie Wiz nicht besonders leiden konnten. Eifersucht, vermutete sie.

Sie taten ihr Bestes, um sie, Cassie, auf dem Laufenden zu halten, das wusste sie. Sie telefonierten regelmäßig und tauschten E-Mails aus; sie hatten sie sogar dazu überredet, einen Status-Update auf Facebook einzurichten. Vierzehn Tage lang hatte sie ihre Freundinnen mit Botschaften wie Cassie Fraser … trinkt gerade eine Tasse Tee/sitzt gerade an ihrem Computer/langweilt sich zu Tode versorgt, bis sie sie aus reiner Verzweiflung baten, damit wieder aufzuhören. Die Tatsache, dass sie noch nie etwas von Miederhöschen gehört hatte und annahm, dass Gladiatorensandalen zuletzt von den Römern getragen worden seien, bewies wieder einmal schmerzhaft, wie himmelweit sie sich vom Orbit ihrer Freundinnen entfernt hatte. Sie waren alte Freundinnen, das schon, doch die Dinge hatten sich geändert. In Wahrheit war es nun Wiz, die mehr über sie wusste, als die anderen drei.

Vor vier Jahren hatte Cassie ihren geliebten Vater verloren, und es war Wiz gewesen, die ihr die Flugtickets besorgte und sich um alles kümmerte, damit sie zwei Monate lang bei ihrer Mutter in Hongkong bleiben konnte. Aber das Ganze war keineswegs einseitig: Als Wiz, im fünften Monat schwanger, von ihrem Mann Sholto schmählich verlassen worden war, hatte sie, Cassie, sie auf allen Schwangerschaftskursen begleitet, hatte während der Geburt ihre Hand gehalten und war nun die hingebungsvolle Taufpatin von Wiz’ kleinem Sohn Rory.

Zehn Jahre lang hatte das reibungslos geklappt, ihre Freundschaft mit Wiz und ihre Freundschaft mit den Mädels – weil sich diese Freundschaften nie überlappt hatten. Bis jetzt. Der heutige Abend war also für alle etwas ungewohnt.

Sich bei ihren Gästen entschuldigend versuchte sie zu den Mädchen vorzudringen, wurde aber derart häufig mit Komplimenten über ihre fabelhafte Erscheinung aufgehalten – auf die es eine höfliche Antwort zu geben galt –, dass ihr Vorwärtskommen so zäh war, als müsse sie durch Schlamm waten. Als sie endlich bei dem Grüppchen eintraf und Suzys Arm ergriff, war Wiz schon wieder weg.

»Wo ist sie hin?«, fragte sie enttäuscht. Sie musste unbedingt wissen, was Wiz von ihrem Kleid hielt. Gil steckte irgendwo außer Sichtweite in einer Gästegruppe fest.

»Sie hatte einen Anruf. Eine Martha?«

Cassie nickte. »Das ist ihr Kindermädchen.«

»Ach so. Also, ich glaube, sie ist ins Arbeitszimmer gegangen.«

Cassie strich nervös ihr Kleid glatt. »Danke. Bin gleich wieder da!«

Sie drängte sich durch die Menge, den Blick absichtlich gesenkt. »Verzeihung, darf ich mal … ein dringender Anruf … bin gleich wieder da …«

Die Tür des Arbeitszimmers war nur angelehnt, und Cassie konnte hören, wie Wiz mit beruhigender Stimme auf Rory einredete, ihm Gute Nacht sagte. »Ich hab dich auch lieb, mein Schatz«, hörte Cassie sie sagen, »sei schön brav und mach Martha keine Schwierigkeiten, hörst du?«

Cassie blieb lächelnd vor der Tür stehen, sie wollte nicht stören. Rory war vor Kurzem drei geworden und ging nun in den Kindergarten. Schon jetzt hatte er einen Terminkalender, der Cassies in den Schatten stellte. Cassie machte immer Witze darüber, dass es leichter sei, einen Termin beim Papst zu bekommen, als mal mit Rory spielen zu dürfen. Wenn er nicht im Kindergarten war, war er bei der Baby-Gymnastik, beim Yoga, Französischunterricht, Kleinkinderfußball oder hielt sein Mittagsschläfchen. Cassie wusste aus einschlägigen Zeitschriften, dass eins der Probleme moderner Eltern darin bestand, ihr Kind mit zu vielen Aktivitäten zu überfrachten. Ein anderes Problem dagegen fand in keinem Erziehungsratgeber Erwähnung: Was tun, wenn dein Patenkind einfach keine Zeit für dich hat?

Sie lehnte sich an die Wand und zeichnete das marineblau-flaschengrüne Schottenmuster der Tapete mit dem Finger nach.

»Und vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen. Martha hat erzählt, dass es Eis zum Nachtisch gab …«

Cassie warf einen Blick zurück zur Eingangshalle. Kellner gingen mit Tabletts zwischen den Gästen umher und servierten diverse Getränke. Betrinken würde sich heute Abend allerdings sicher keiner, so etwas tat man einfach nicht.

»Okay, Daddy ist jetzt da und will dir auch Gute Nacht sagen …«

Was?

Cassie richtete sich mit einem Ruck auf. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sholto war hier?

Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Aber Wiz hatte doch keinen Kontakt mehr zu ihm, seit er sie vor jetzt fast vier Jahren sitzen gelassen hatte. Außerdem hätte Gil ihn niemals eingeladen. Er wusste ebenso gut wie sie, was für ein Verrat, was für eine Demütigung das damals für Wiz gewesen war.

»Na, wie ist es meinem kleinen Mann denn heute so ergangen?«

Das Rauschen in ihren Ohren nahm zu, ihr Herz hämmerte wie wild.

»Die Burg? … Brav, brav … und jetzt tu, was Mummy sagt, und putz dir schön die Zähne … noch zweimal schlafen, dann komme ich wieder, okay? … Du fehlst mir, Rory. Schlaf schön …«, sagte die Stimme, diese einprägsame Stimme, in die sie sich als Erstes verliebt hatte.

New York

1. Kapitel

Cassie sah die Wolkenkratzer am Horizont auftauchen, wie riesige aus Stahl und Glas gehauene Zähne. Sie verstand das Getue nicht, das um diese Stadt veranstaltet wurde, aber das war auch nicht leicht, aus zehntausend Fuß Höhe. New York gehörte zu den Städten, von denen es hieß, man müsse sie unbedingt einmal im Leben gesehen haben. Cassie hatte nie den Wunsch verspürt hierherzukommen – was sie natürlich auf keinen Fall laut zugegeben hätte. Das wäre, als würde man sagen, Nelson Mandela sei nicht der absolute Wunsch-Dinnergast, oder eingestehen, dass der absolute Lieblingsfilm Pretty Woman sei. (Was bei ihr der Fall war.)

Trotzdem war sie jetzt hier – die erste Entscheidung war gefallen. Der letzte Ort, an den sie kommen wollte, war der erste, den sie aufsuchte. Das glatte Gegenteil von dem, was sie gewohnt war: ein lauter, greller, schneller Ort, eine brodelnde Menschenmasse, die zumindest eins bewerkstelligen würde: Es würde sie von dem Scherbenhaufen ablenken, der ihr Leben war.

Das Flugzeug flog um die Freiheitsstatue herum – hoch aufragend und stolz und grün wie ein Pfefferminzbonbon. Sogar zweimal, wie um mit dem Finger darauf zu zeigen und zu sagen: Freiheit, siehst du? Freiheit und Unabhängigkeit. Hier ist es gut. Doch so leicht ließ sie sich nicht täuschen. Was war schon gut daran, frei und unabhängig zu sein? In ihren Augen war das nur eine Verdrehung der eigentlichen Wortbedeutung, die da lautete »Isolation« und »Einsamkeit«.

Sie schüttelte den Kopf und leerte ihren Drink. Ja, sie war betrunken. Und depressiv. Beides würde vorübergehen, das eine schneller als das andere. Unwillkürlich fragte sie sich, ob Gil wohl das eine oder andere davon war, ob ihn ihre überstürzte Flucht zur Besinnung gebracht, ob ihm plötzlich klar geworden war, was für einen schweren Fehler er gemacht, wie falsch er sich verhalten hatte.

Aber noch während sie das dachte, erkannte sie, dass er nur eins empfinden würde: Erleichterung. Wiz und er passten in so vieler Hinsicht besser zusammen – nun konnte er endlich aufhören, ihr weiterhin was vorzuspielen, und sich ganz seiner zweiten Familie widmen.

Erschrocken hielt sie in ihren Überlegungen inne.

War es wirklich seine zweite Familie gewesen – oder nicht eher seine erste? War sie vielleicht nur das Anhängsel? Wiz hatte schließlich ein Kind mit ihm. Blutsbande. Sie dagegen hatte bloß einen goldenen Ring und eine rechtskräftige Urkunde. Andererseits war sie als Erste da gewesen … oder? Sie versuchte das alles rational zu durchdenken, aber sechs Gin Tonics machten es einem nicht gerade leichter. Ah! Moment! Sie hatte ihren Eheschwur nicht nur vor dem Standesbeamten geschworen, sondern auch vor Gott und einem Priester. Sie hatte also Gott auf ihrer Seite. Und die Mädels.

Sie ließ ihren Kopf zurücksinken und schloss die Augen. Gott und die Mädchen. Wer kam dagegen an? Gil jedenfalls nicht. Hatte es gar nicht erst versucht.

Gil und Wiz hatten stumm zugesehen, wie Suzy, Kelly und Anouk handelten. Wie sie Cassie, gelähmt vor Schock, nach oben verfrachteten, ihr das Kleid auszogen, ihre Koffer packten, ihren Reisepass für sie raussuchten, ihre Füße in die verdreckten Gartenstiefel, die vor der Hintertür standen, zwängten und sie schließlich in ein Auto verfrachteten. Sie hatten ihr den Sicherheitsgurt angelegt, wie einem Kind. Cassie wollte nur eins: weg. Weg von ihrem alten Leben, auf zu einem neuen, wo immer das auch sein mochte. Hier vielleicht, in New York? Dort unten? Abermals schaute sie aus dem Fenster.

Oder in London? In Paris? Sie machte die Augen zu und versuchte, es sich so auszumalen, wie es ihr die Mädchen beschrieben hatten: sie selbst, ihr neues Ich, selbstbewusst, eigenständig, urban, mit klappernden Absätzen über die Pflaster der Metropolen der Welt schreitend, an Männern vorbei, die sich die Hälse nach ihr verrenkten. Es gelang ihr nicht. Sie konnte es sich nicht mal vorstellen. In den letzten zehn Jahren waren die Einzigen, die sich die Hälse nach ihr verrenkt hatten, die Hühner gewesen, wenn sie sie fütterte. Aber noch während sie über die holprige Straße gefahren waren, die von dem Anwesen fortführte, hatte ein Plan Gestalt angenommen. Heftig hatten sich ihre drei Freundinnen darüber gestritten, wo Cassie am besten aufgehoben wäre. Suzy war natürlich für London eingetreten, das am leichtesten zu erreichen war und am einfachsten für eine junge Frau, die noch nie in einer Großstadt gelebt hatte. Kelly hatte eingewendet, dass Cassie eine Schocktherapie brauche, den kalten Guss sozusagen, und New York wäre die Stadt für einen Kulturschock. Anouk dagegen fand, das ruhigere, elegantere, gepflegtere Paris wäre für Cassies Natur besser geeignet und die Sprache beherrsche sie sowieso schon.

Den ganzen Weg bis zum Flughafen hatten sie sich gestritten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Denn, um ehrlich zu sein, wusste keine so recht, was für ein Leben Cassie eigentlich leben sollte (und wo). Nicht einmal Cassie selbst. Am Ende hatten sie sich, so wie ihre Mütter sie früher immer gedrängt hatten, darauf geeinigt zu teilen.

Cassie zu teilen. Sie würde jede von ihnen besuchen und vier Monate lang bei ihr wohnen. Anouk und Suzy hatten Gästezimmer, Kelly ein Klappbett. Eine Wohnung zu mieten hätte keinen Sinn gehabt – nicht nur deshalb, weil die Mindestmietzeit sechs Monate betrug, sondern vor allem, weil sich Cassie keine eigene Wohnung leisten konnte. Sie besaß kein eigenes Vermögen, nur eine gemeinsame Kreditkarte mit Gil, die dieser jederzeit sperren lassen konnte. Das Einzige, was sie besaß, war eine bescheidene Hinterlassenschaft ihres Vaters, die sie, nach Meinung der Mädchen, jedoch keinesfalls antasten durfte, bevor sie wusste, was sie mit sich anfangen wollte. Es würde Monate dauern, bis die Scheidung rechtskräftig wäre, aber auch in diesem Fall konnten die Mädchen helfen. Kelly und Suzy waren selbständig und würden sie, zumindest auf Teilzeitbasis, irgendwo bei sich unterbringen können. Anouks Handwerk war zu spezifisch, um jemand Ungelernten einstellen zu können, doch hatte sie genügend Kontakte, um, wie sie sagte, etwas für Cassie besorgen zu können, wenn sie im nächsten Jahr zu ihr käme.

Das war also der Plan: drei Städte, drei Freundinnen, drei Betten zum Schlafen und drei Zeitjobs. Sie würde ganz von vorne anfangen, und jedes der Mädchen würde die Gelegenheit bekommen, Cassie unter seine Fittiche zu nehmen, Einfluss auf sie auszuüben. Cassie erklärte sich im Gegenzug bereit, sich ganz in die Hände der jeweiligen Freundin zu begeben, nicht zu meckern oder neue Ideen zurückzuweisen. Nach Ablauf dieses Jahres würde sie wissen, wer die wahre Cassie war und wie sie leben wollte. Danach wäre ihr Leben wieder das ihre, aber dann wäre sie eine neue Cassie – selbstbewusst, sexy, mondän und zielstrebig.

Damit anzufangen, das war der schwierige Teil. Sie hatte um einen Tag Bedenkzeit gebeten, bevor es mit dem neuen Leben losgehen sollte. Die Mädchen hatten sie nicht eine Minute allein lassen wollen, doch sie hatte darauf bestanden, wenigstens ein paar Stunden für sich zu sein, ehe sie dieses neue Kapitel in ihrem Leben aufschlug. Nur widerwillig hatten sie ihr ein Zimmer in einem schäbigen Airport-Hotel besorgt, mit einem harten Bett und einer gut bestückten Minibar. Kelly war noch in derselben Nacht weitergeflogen, Anouk und Suzy waren gemeinsam in einen Zug nach London gestiegen. Und um Mitternacht, an ihrem zehnten Hochzeitstag, war Cassie allein in ihrem Hotelzimmer gehockt, wo niemand sie weinen sehen konnte. Und als zwölf Stunden später, im Flugzeug, die Tränen noch immer nicht versiegen wollten, konnte sie sich zumindest damit trösten, dass es nicht ganz so beschämend war, sich in der Öffentlichkeit auszuheulen, wenn einen keiner kannte.

Mit verheulten Augen blickte sie auf die näher kommenden Wolkenkratzer herab, auf den weiten Himmel, der nun wieder schrumpfte, während das Flugzeug auf der Landepiste aufsetzte. Sie hätte ebenso gut auf dem Mond landen können, so fremd war ihr Manhattan. Cassie erschauerte, als dieses Stückchen Realität in sie einsickerte.

Sie hatte ihren Mann und ihr Zuhause verlassen, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Ihr Leben war jetzt in Kellys schönen, gepflegten Händen. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Freundin eine bessere Idee hatte, was damit anzufangen war, als sie.

Das Taxi fuhr mit quietschenden Reifen los und reihte sich in die endlose Schlange anderer gelber Taxis ein, die sich die Lexington Avenue nach Süden quälten. Cassie warf zum x-ten Mal einen Blick auf den zerknitterten Zettel in ihrer Hand, sorgsamer gehütet als selbst ihr Reisepass. Die Schrift hatte auf ihre Handfläche abgefärbt. Abwesend rieb sie sich mit schmierigen Händen die geschwollenen Lider. Apt 116, 119 East 63rd Street, zwischen Lex und Park, 10022, stand darauf. Für sie war das reinstes Chinesisch, es sagte ihr überhaupt nichts. Sie fand sich besser in den weiten, unwegsamen schottischen Mooren um Gils Anwesen zurecht als im Straßengewirr von Manhattan.

Als sie an einer Kreuzung anhielten, sah sie sich um und entdeckte zu ihrer Linken ein Schild, auf dem East 53rd Street stand. Links und rechts von ihr ragten mittelhohe rußgraue Steinbauten auf. Cassie fand die Gegend, ehrlich gesagt, etwas schäbig, obwohl Kelly ihr versichert hatte, dass die Upper East Side von Manhattan das exklusivste Wohnviertel war. Wer war sie schon, dem widersprechen zu können? Sie hatte die letzten zehn Jahre in der Wildnis verbracht.

Es ging vorbei an flaschengrünen, weinroten und marineblauen Markisen, die sich wie Arme über den Gehsteig reckten. Türsteher in gepflegten grauen, mit Goldlitze verzierten Uniformen standen darunter vor Drehtüren und sprangen gelegentlich nach vorne, um einem ältlichen Hausbewohner aus dem Taxi oder der Limousine zu helfen. Schoßhündchen wurden wie Taschen herumgetragen, wahrscheinlich, um sie vor den Beinen der Passanten zu schützen, die sich wie in einem perfekt synchronisierten Tanz die Gehsteige entlangbewegten, den Blick stur geradeaus gerichtet.

Die Gebäude waren, zugegeben, recht stattlich. Zu ihrer Freude bemerkte sie, dass Kellys Block brandneue rote Markisen hatte. Die würden es ihr leichter machen, die Wohnung wiederzufinden. Der Türsteher, ein schlanker, silberhaariger Mann um die fünfzig, begrüßte sie wie eine lang verschollene Bekannte. Aber Cassie war der Blick nicht entgangen, mit dem er sie gemustert hatte, als sie aus dem Taxi stieg. Sie konnte sich vorstellen, wie sie aussah: An ihren Gartenschuhen klebten zähe Erdbrocken, und ihr alter Woolworth-Anorak, der mit seinen grauen und rosa Applikationen im schottischen Regenwetter immer so fröhlich ausgesehen hatte, wirkte hier auf einmal billig und peinlich.

Der Doorman nahm ihr das Gepäck ab und hielt die Tür für sie auf. Sie betrat eine beeindruckende Lobby mit holzgetäfelten Wänden und blank polierten Steinfliesen. Alles neu, blitzsauber und glänzend – das Gegenteil von ihr also. Der Türsteher übergab ihr einen Umschlag, den Kelly für sie hinterlassen hatte. Darin befanden sich der Wohnungsschlüssel und eine kurze Nachricht.

»Bitte zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden, wenn Sie irgendetwas brauchen«, sagte er mit einem zuvorkommenden Lächeln und drückte für sie auf den Liftknopf für ihre Etage. »Fragen Sie nach Bill.«

»Danke«, stammelte Cassie mit einem undamenhaften Hickser, der den unvorteilhaften Eindruck, den er ohnehin schon von ihr hatte, noch bestärkte.

Nicht ohne eine gewisse Erleichterung sah sie sein höfliches Lächeln hinter den zusurrenden Lifttüren verschwinden. Sie entfaltete Kellys Zettel und las.

Hallo! Herzlich willkommen in New York! Mach’s dir bequem, ich komme so gegen neunzehn Uhr nach Hause.

Küsschen,Kelly

Na toll, dachte sie, während sie den Zettel zusammenfaltete und in ihre Jeanstasche schob. Die Lifttüren öffneten sich lautlos, und Cassie trat in einen kleinen Flur hinaus. Es war halb sieben. Ihr blieb eine halbe Stunde, um eine Dusche zu nehmen und sich einigermaßen präsentabel zu machen (sprich, nüchtern zu werden), bevor Kelly auftauchte.

Vor der Nummer 116 blieb sie stehen und schloss die Tür auf. Beim Eintreten schnappte sie nach Luft. Die Lobby war so beeindruckend gewesen, aber das hier – es war winzig! Die Diele hatte die Größe eines Handtuchs und ließ sich als solche nur mithilfe der Fußmatte identifizieren, auf der stand: Ich bin kein Fußabtreter.

»Was du nicht sagst«, murmelte Cassie.

Zu ihrer Rechten befand sich das Badezimmer, das typisch urban wirkte, mit beigen Steinfliesen, Plastik-Duschvorhang und Glasablage, die sich unter der Last der Toilettenartikel förmlich durchbog. Daneben lag das Schlafzimmer. Sie warf einen Blick hinein. Es gab gerade noch genug Platz, damit man um das breite weiße Prinzessinnenbett mit der flauschigen nerzbraunen Tagesdecke herumgehen konnte. Eine Flut von Zierkissen brandete fast bis zum Fuß des Betts. Ein zierlicher weißgrauer Gingan-Stuhl war neben dem Nachtkästchen das einzige zusätzliche Möbelstück. Klamotten, meist schwarze, lagen über Sitz und Lehne. Eine Wand war vollkommen mit Regalbrettern verkleidet, in denen sich – Cassie traute ihren Augen kaum – ausschließlich Schuhe stapelten. Endlose Reihen ordentlich platzierter Schuhe. Cassie klappte der Unterkiefer herunter. Hier sah’s ja aus wie in Gils Waffenkammer!

Das Wohnzimmer war kaum größer als das Schlafzimmer, gerade genug Platz für ein Sofa und zwei Sessel. Einen Fernseher gab’s nicht, wie Cassie bemerkte. Eingeklemmt zwischen diesen beiden Zimmern befand sich, wie ein Raumteiler, eine schmale Küche.

Bei näherem Hinsehen befand Cassie, dass diese den Namen kaum verdiente. Sie besaß Badetücher, die größer waren. Immerhin war sie tipptopp sauber, aber das war das einzig Gute, was sich darüber sagen ließ: zwei blanke schwarze Hängeschränke und ein Bodenschrank, mit einer Anrichte von kaum einem Meter Länge. Kein Fingerabdruck, kein Schmierer, kein Stäubchen, ja nicht einmal ein Brotkrümel unter dem Toaster.

Was daran lag, dass es gar keinen Toaster gab.

Okay, sie wusste, was Kelly von Weißmehlprodukten hielt. Dass sie keinen Toaster besaß, sollte daher nicht überraschen. Und dennoch – wie sie ihr Frühstück ohne den geliebten Toast mit Marmelade bestreiten sollte, war ihr schleierhaft, ja eine derart gruselige Vorstellung, dass sie beinahe in Panik geriet.

Wie aufs Stichwort begann bei diesem Gedanken ihr Magen zu knurren, und ihr fiel ein, dass sie in den letzten vierundzwanzig Stunden außer Alkohol nichts zu sich genommen hatte. Sie kramte in ihrer Handtasche und fand zum Glück den Schokoladenmuffin, den sie sich vor dem Abflug noch gekauft hatte. Nervös kauend sah sie sich um – und bemerkte prompt noch etwas, das fehlte: ein Wasserkocher. Wie sollte sie Tee machen? Sie machte einen Hängeschrank auf – und fand darin einen Stapel Jeanshosen. Vorgewarnt machte sie den anderen auf und war daher nicht übermäßig überrascht, einen wilden Haufen Unterwäsche und Büstenhalter vorzufinden. Keine einzige Tasse.

Misstrauisch senkte sie den Blick und musterte den erbärmlichen Herd-plus-Backofen, ein verhungertes Ding mit nur einem einzigen Gasring. Kaum zu hoffen, dass sich darin der Wasserkocher befinden würde.

Sie machte gerade die Ofenklappe auf – und fand, wie sollte es anders sein, einen Stapel farblich geordneter Kaschmirpullis –, als sie hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde und die Haustür aufging.

Grinsend drehte sie sich zu Kelly um und deutete auf die offene Ofenklappe. »Es ist besser, sie in den Kühlschrank zu legen, wenn man die Motten loswerden will«, bemerkte sie trocken.

Kelly ließ ihre Tasche auf den Teppich plumpsen und umarmte Cassie stürmisch. »Da bist du ja! Du hast’s tatsächlich geschafft!«

Cassie nickte, selbst ein wenig verblüfft. »Scheint so.«

»Und, wie findest du’s? Toll, was?« Sie nahm Cassie den halb aufgegessenen Muffin aus der Hand. »Keine Kohlenhydrate!«

Cassie musste zusehen, wie ihr Muffin im Mülleimer landete. »Es ist … gemütlich.«

»Ich weiß genau, was du denkst«, rief Kelly ihr über die Schulter zu. Die Kuchenkrümel von ihren Händen wischend verschwand sie im Schlafzimmer. Sie setzte sich aufs Bett, zog ihre Schuhe aus und stellte sie liebevoll auf einen freien Platz im überdimensionalen Schuhregal. »Es ist klein. Nicht das, was du so gewöhnt bist.« Cassie hörte das Geräusch von aufgehenden Reißverschlüssen und das Klappern herabfallender Gürtelschnallen.

»Na ja … es stimmt, ist schon ein bisschen ungewohnt«, gab Cassie zu, »aber ich finde es … entzückend.«

»Mit anderen Worten: winzig«, sagte Kelly grinsend. In einem einteiligen Jumpsuit aus weizenfarbener Wolle tauchte sie aus dem Schlafzimmer auf.

»Du trägst lange Unterwäsche?«, quiekte Cassie überrascht. »Du siehst aus wie Jennifer Lopez’ Baby!«

Kelly ließ den Ellbogen ausfahren und versetzte ihrer Freundin einen gutmütigen Rippenstoß, doch auch sie musste lachen. »Wart’s ab! Wenn’s hier Winter wird, wirst du mich anflehen, dir auch so was zu besorgen!«

»O ja, ich im Babystrampler.« Cassie kriegte sich kaum noch ein. »Stell dir nur mal Gils Gesicht vor, wenn er mich in so einem Ding sähe!«

Kelly stellte sich das eine Sekunde lang vor, dann überkam auch sie das Kichern. In der Schule waren die beiden berühmt-berüchtigt dafür gewesen, sich gegenseitig in einen Lachanfall hineinzusteigern, und das hatte ihnen etliche Strafarbeiten eingebracht. Kelly hielt jedoch abrupt inne, als sie sah, dass Cassie nicht mehr Tränen lachte, sondern nur noch Tränen weinte. Sie legte einen Arm um sie, und beide ließen sich, mit dem Rücken zur Wand, auf den Boden sinken. Cassie barg ihren Kopf an Kellys Schulter, und Kelly streichelte behutsam ihr Haar, so wie früher, wenn eine von ihnen traurig gewesen war.

So blieben sie eine ganze Weile sitzen.

»O weh, so hatte ich mir unseren Anfang nicht vorgestellt. Ich wollte mindestens eine halbe Stunde durchhalten, bevor ich die Schleusen öffne«, stieß Cassie schließlich schniefend hervor.

»Da kann man nichts machen, Cass, so wird das erst mal sein«, sagte Kelly leise. »Es muss ja irgendwie raus. Wie ist’s dir auf dem Flug ergangen?«

»Gott, das war vielleicht peinlich – ich war lauter als die Babys, die an Bord waren. Sei froh, dass du nicht dabei warst. Du wärst mit dem Fallschirm abgesprungen, das garantiere ich dir.«

»Das glaub ich gern«, sagte Kelly liebevoll. Sie stemmte sich hoch. »So, und jetzt nimmst du erst mal ein heißes Bad. Zur Entspannung. Ich besorg uns derweil rasch was zum Essen.«

»Ach nein, das geht schon. Ich komme mit.«

»Außerdem, my dear, riechst du gewaltig«, sagte Kelly streng. Sie ging ins Bad, wo sie den Wannenhahn aufdrehte. »So, siehst du. Ich geb dir sogar was von meinem geliebten Jo Malone dazu. Das ist mein absoluter Lieblingsbadezusatz.« Kelly schlüpfte in ein Paar UGG Boots und in eine ärmellose Steppjacke. »Zieh nachher gleich deinen Schlafanzug an. Bis gleich, Süße.«

Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss, und Cassie stieg seufzend in die Badewanne. Langsam ließ sie die Wanne um sich herum volllaufen. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie sich in dem Airport-Hotel weder gewaschen noch geduscht hatte. Nachdem sie die Minibar durchgearbeitet hatte, war sie einfach angezogen aufs Bett gefallen und weggeschnarcht. Nach dem bestellten Weckruf am nächsten Morgen hatte sie nur schnell ihre Koffer genommen und war, so wie sie war, zum Abfluggate gestolpert. Sie rieb sich ein Auge und bemerkte den goldenen Lidschatten an ihrem Finger. Mein Gott, sie hatte noch immer die Party drauf – Make-up, Parfüm und den ganzen Schock und das Entsetzen dieser Nacht …

Sie holte tief Luft und ließ sich unter die schaumgekrönte Wasseroberfläche sinken, um den Gestank und die Verzweiflung loszuwerden. Es war zwar nicht ihr Badeduft, es war der Duft einer anderen, aber das war ihr nur recht. Genau das brauchte sie. Alles, bloß nicht sie selbst sein.

Als Kelly wieder auftauchte, hatte Cassie bereits einen Schlafanzug an. Es war ein grünkarierter Flanellschlafanzug, einer von Gils alten. Gut für kalte, einsame Nächte vor dem Kamin, wenn Gil, wie gewöhnlich während der Woche, in Edinburgh weilte. Vor ihr auf dem Sofatisch stand eine eisgekühlte Flasche Sauvignon blanc aus dem Duty Free, dazu zwei farbige Wassergläser.

»Du hast gar keine Weingläser«, bemerkte Cassie missbilligend, während Kelly das Gedeck misstrauisch beäugte.

»Weil ich keinen Wein trinke«, antwortete diese prompt. Sie nahm die Flasche zur Hand und las den Aufkleber, als handele es sich um eine Wäsche-Gebrauchsanweisung. »Aber ich denke, heute mach ich mal ’ne Ausnahme. Das ist ein teures Tröpfchen, und es ist schließlich deine erste Nacht in Manhattan.«

»Wieso trinkst du keinen Wein?«

»Die Kalorien, Cass! Diese Flasche hat mindestens so viel Kalorien wie unser ganzes Dinner hier.« Sie hielt zwei Papiertüten hoch, die auf der Unterseite ein wenig durchgeweicht waren. »Wir könnten ebenso gut zweimal essen! Ah, nicht weiter schlimm.« Sie lächelte nachsichtig. »Das laufen wir morgen früh wieder runter.«

»Wie meinst du das?«

»Na, wie ich’s sage. Jogging. Jeden Morgen, im Central Park. Punkt sieben geht’s los.«

»Um sieben!? Bist du wahnsinnig? Da lieg ich doch noch im Koma.«

Kelly klaubte kichernd die Bleifolie vom Flaschenhals weg. »Stimmt ja, du bist ein Langschläfer, hätte ich fast vergessen. Weißt du noch, wie du beinahe die Matheprüfung verpennt hättest und im Nachthemd angerannt kamst?«

Cassie verdrehte die Augen. Es stimmte. Ein Frühaufsteher war sie nie gewesen.

Kelly trat ans Bücherregal und holte zwei Teller vom obersten Bord herunter. Erst jetzt bemerkte Cassie, dass da auch ein paar Schüsseln und ein großes Glas voll Besteck standen. Also da versteckte sich das Geschirr. Die Küche wurde offenbar als Ankleidezimmer missbraucht. Gekocht wurde da jedenfalls nicht.

»Was gibt’s zum Abendessen?«, erkundigte sich Cassie hungrig. Sie schenkte zwei Gläser ein und reichte eins davon Kelly, die sich vor den Sofatisch gekniet hatte (ein Esszimmer gab’s nicht, nicht mal einen Esstisch) und behutsam diverse Plastikschalen aus den Papiertüten nahm.

»Sushi. Das kennst du doch?« Kelly schaute ihre Freundin fragend an.

»Eigentlich nicht. Und mit Essstäbchen kann ich erst recht nicht umgehen. Die werden in meinen Händen zu tödlichen Waffen.«

»In Anouks zu Modeaccessoires«, erwiderte Kelly. »Hast du je die antiken Jadestäbchen gesehen, die sie bei Christie’s ersteigert hat?« Sie seufzte hingerissen. »Einfach himmlisch.«

»So ist sie eben, sie kann gar nicht anders«, meinte Cassie und warf einen kritischen Blick auf ihre Schlafanzughose. Anouk hätte kein Verständnis für ihren Aufzug gehabt. Anouk verströmte Chic wie andere Schweißgeruch. Cassie fragte sich unwillkürlich, wie es wohl bei ihr in Paris werden würde. Die Schulzeit war lange her, als sie unzertrennlich gewesen waren, immer untergehakt, tuschelnd, die Köpfe lachend zurückgeworfen. Ob Anouk wohl für ihr ungebrochenes Bedürfnis nach ausreichend Schlaf, Nahrung und Bettsocken Verständnis haben würde? Anouk war diejenige unter ihnen, die ihr am fremdesten erschien, am weitesten weg von ihren, Cassies, Gewohnheiten.

Kelly dagegen war trotz ihrer Hyperaktivität und ihrer ein wenig brüsken Art im Grunde ein Kätzchen – was sie aber sorgfältig verbarg und nie zeigte, außer bei ihren allerengsten Freunden. Denn Cassie war nicht die Einzige, die früh geheiratet hatte. Kaum zwei Jahre nach Cassies Heirat hatte Kelly sich in einen Versicherungsmakler verliebt, den sie auf St. Lucia, wo sie Urlaub machte, kennengelernt hatte. Vier Wochen später waren sie verheiratet gewesen. Als das Finanzamt mit einer 2-Millionen-Dollar-Nachzahlung an die Tür geklopft hatte, hatte er sich – mit all ihren Ersparnissen – aus dem Staub gemacht. Sie hatte ihn nie wiedergesehen. Seine Lügen – und sein sang- und klangloses Verschwinden – übten eine verheerende Wirkung auf Kelly aus. Sie veränderte sich. Sie verlor jedes Vertrauen in Männer und vor allem ihren naiven Glauben an die eine große Liebe. Seitdem überdauerten ihre Männerbeziehungen nie mehr als sechs Monate, und manchmal hatte sie sogar zwei oder drei Dates an einem Abend. Sie wechselte ihre Männer wie ihre Handtaschen. Tatsächlich habe sie sich, wie sie Cassie gestand, während sie das Essen auf Teller verteilte, noch mit einem Typen auf einen Cocktail verabredet. Sie würde um elf gehen, wenn Cassie längst im Bett läge und ihren Jetlag ausschliefe.