Das Island-Lesebuch - Almut Irmscher - E-Book

Das Island-Lesebuch E-Book

Almut Irmscher

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Beschreibung

Island – sagenumwobene Insel zwischen Feuer und Eis. Endlose Weite im strahlenden Licht des Nordens, fantastische Bergpanoramen, grandiose Fjorde, aktive Vulkane, mächtige Gletscher und die Urgewalt der wandernden Kontinentalplatten – in Island zeigt sich die geballte Kraft und Schönheit der Natur. Seine atemberaubende Wildnis hat es zum Traumziel vieler Reisender gemacht. Begleiten Sie Almut Irmscher auf ihrer faszinierenden Reise durch Island. Lassen Sie sich begeistern von der Pracht des Landes, von den Wundern seiner Natur und den eigenwilligen Menschen, die seit den Zeiten der Wikinger allen Widrigkeiten im hohen Norden trotzen. Ihre alten Geschichten wissen von Göttern, Elfen und Trollen, ihre Küche spiegelt die Herausforderungen der Vergangenheit und den Einfallsreichtum der Isländer von heute. In "Das Island-Lesebuch" präsentiert Almut Irmscher beeindruckende Bilder und mehr als 20 authentische Rezepte, die dazu einladen, die landestypischen Spezialitäten selbst nachzukochen!

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Almut Irmscher

Das Island-Lesebuch

Impressionen und Rezepte aus dem Land der Elfen und Trolle

Einführung

Die Kinder der Wikinger – Gene, Bücher, Schlachtgebrüll

Brúnðar kartöflur – karamellisierte Kartoffeln

Skyr – die isländische Milchspezialität zwischen Joghurt, Quark und Frischkäse

Überleben zwischen Feuer und Eis – was isst man in Island?

Skyrrabarbaraköku – Skyr-Rhabarberkuchen

Die Urkraft unseres Planeten – ein Ausflug in die Geologie

Rúgbrauð – isländisches Roggenbrot

Der Geist des Feuers – Eindrücke von der Halbinsel Reykjanes

Gullkarfi með trönuberjum – Rotbarsch mit Preiselbeeren

Vom Wikingerhof zur Metropole – Reykjavík

Síld salat – isländischer Heringssalat

Die Mission des Leif Eriksson – Amerika muss entdeckt werden!

Rótargrænmeti í stíl víkinga – Wurzelgemüse nach Wikingerart

Kál í stíl víkinga – Kohl nach Wikingerart

Zirkel der Wunder – der Goldene Kreis

Kjötsúpa – isländische Lammsuppe

Im Reich der Mysterien – die Halbinsel Snæfellsnes

Rúgbrauðsís með bláber – Roggenbroteis mit Blaubeeren

Zwischen den Welten – von Elfen, Trollen und sonstigen Gelichtern

Kleinur – isländisches Schmalzgebäck

Schönheit mit sanften Augen – das Islandpferd

Beinlausir fuglar – „knochenlose Vögel”

Rabarbarasulta – Rhabarbermarmelade

Glaube und Unbeständigkeit – ein Torfkirchlein erzählt Geschichte

Fjallagrasasúpa – isländische Moossuppe

Fjallagrasa snafs – isländischer Mooslikör

Vom Gold zum Diamanten – die Pracht des Nordens

Hjónabandssaela – „Eheglück-Kuchen“

Die Giganten von Húsavík – Wale in der Skjálfandi-Bucht

Fiskibollur – isländische Fischbällchen

Intrigen, Mord und Fantasie – die Welt der Sagas

Hafragrautur – Haferbrei zum Frühstück

In der Küche des Höllenfürsten – Krafla

Pönnukökur – isländische Pfannkuchen

Ein Geschenk der Götter – Treibholz an Islands Küsten

Plokkfiskur – ein Stampfgericht aus Fisch und Kartoffeln

Willkommen im Vogelparadies – Islands gefiedertes Volk

Skúffukaka – Lakritz-Schokoladenkuchen

Gletscher der Superlative – am Vatnajökull

Hægeldað lambalæri – langsam gegarter Lammbraten

Schönheit des Südens – schwarze Strände und ein gar nicht so einsames Wrack

Skyrterta– Skyrtorte

Das letzte Wort

Danksagung

Karte

Bilder

Einführung

Island liegt im Trend. Es ist zum erklärten Sehnsuchtsziel der Reisenden aufgestiegen, und Millionen Fußballfans in aller Welt gehen die Herzen auf, wenn isländische Fans ihre Mannschaft mit rhythmischen „Húh“-Rufen anfeuern. Ihre Heimat ist eine recht große Insel, aber nur ein ziemlich kleiner Staat, nämlich ungefähr so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammengenommen. Weil Island zudem nur rund 350.000 Einwohner hat, ist es ausgesprochen dünn besiedelt. Wenn man bedenkt, dass mehr als ein Drittel der Isländer in der Hauptstadt Reykjavík und noch einmal so viele in deren direktem Umland leben, so bekommt man eine Vorstellung davon, wie menschenleer weite Teile dieser Insel sind.

Island hat zwar einen hohen Lebensstandard, aber recht wenig aufsehenerregende Merkmale menschlicher Machart. Die Historie des Landes verlief weitestgehend unspektakulär, was der relativen Isolation der Insel im sturmumtosten Nordatlantik geschuldet sein mag. Die isländische Ökonomie wurde jahrhundertelang im Wesentlichen von Bauern bestimmt, wobei man bedenken muss, dass viel Landwirtschaft auf der kargen, von Lavawüsten, Gebirgszügen und polarfrischem Klima geprägten Region gar nicht möglich ist. Wohl gibt es bedeutende kulturelle Errungenschaften wie die Götter- und Heldensaga Edda aus dem 13. Jahrhundert und die zahlreichen anderen Isländersagas, welche die nordeuropäische Literatur und darüber hinaus letztendlich auch die Weltliteratur wesentlich mitgeprägt haben. Auch in jüngerer Zeit machen engagierte Kulturschaffende aus Island auf sich aufmerksam, die Leistungen der Fußballmannschaft sind beachtlich, und nach der Beinahe-Pleite durch die Finanzkrise von 2007 hat sich der Staat erstaunlich schnell wieder erholt. All das vermag allerdings nicht zu erklären, warum die bloße Erwähnung von Island allen Reiselustigen den Schimmer sehnsuchtsvollen Fernwehs in die Augen treibt.

Doch schon beim Anflug auf den Flughafen Keflavik, der 40 Kilometer südwestlich von Reykjavík auf der Halbinsel Reykjanes liegt, bekommt man eine Ahnung für die Ursache dieses Phänomens. Düster und fremdartig erhebt sich die Insel aus dem dämmergrauen Nordmeer, schwarz und bedrohlich ragen Bergkegel aus bleichen Ebenen empor. Weißschäumende Gischt schlägt an die Kanten des Landes, wo sich ein paar wenige Häuser an einem stillen Hafen zusammendrängen und das schwarze Band einer einsamen Straße sich durch die Leere einer blass beigegrauen Weite zieht.

Denn Island ist wild. Nicht menschliche Bewohner, Vulkane beherrschen diese Insel und gestalten sie nach ihrer Fasson. Hier stößt der Mensch an seine Grenzen, unangefochten führt die Natur Regie. Sie zeigt ihre überwältigende Macht, jederzeit unberechenbar, und weist den Menschen in seine Schranken, wo er sich immer wieder aufs Neue staunend umsieht und bemerkt, wie klein und unwichtig er ist. Und gerade dies scheint der Grund dafür zu sein, dass Island so sehr fasziniert.

In unserer immer straffer durchorganisierten Welt, reglementiert, geordnet und vernetzt bis in den letzten Winkel, wirkt Island wie eine Bastion aus einem unbekannten Universum. Menschengemachte Gesetze und Strukturen oder all die Betriebsamkeit und Hektik, die unseren normalen Alltag dominieren, wirken hier völlig deplatziert. Sie sind nichtig angesichts der dramatischen Schönheit steil aufstürmender Bergmassive, die ihre schneebedeckten Gipfel wie stolze Königskronen tragen. Angesichts der endlosen Leere und der Steinwüsten, die bis über den Horizont hinausreichen, oder der ungeheuren Gletscher, die ihre Tentakel durch die Täler walzen und eisblau in Lagunen brechen. Angesichts der mächtigen Wasserfälle, die mit wutschäumenden Fluten in die engen Spalten bodenloser Schluchten stürzen. Und erst recht angesichts der blubbernden und fauchenden Höllenschlote, in denen die Erde kocht und ihr ewigwährendes Lied von der jähen Vergänglichkeit singt, die einzig ihrer Laune unterworfen ist.

Island ist der Spielplatz des Planeten selbst, und alles, was von Menschenhand geschaffen ist, verblasst vor dessen Impulsivität und Urgewalt. Je nach Lust und Laune lässt er uns sogar außerhalb von Island an seinem dortigen Hasardspiel teilhaben und serviert uns zarte Häppchen seiner Macht und Wankelmütigkeit. So zum Beispiel, wenn er Vulkane mit unaussprechlichen Namen zum Ausbrechen bringt und damit den Flugverkehr in Nord- und Mitteleuropa tagelang zum Erliegen bringt. Wir alle erinnern uns an ebendiese Situation im April 2010, und jener Unaussprechliche hieß Eyjafjallajökull.

Wer einen Feuerberg auf solch einen erstaunlichen Namen tauft, gehört ganz offensichtlich einem fantasiebegabten Volk an. Doch eine so einzigartige Insel wie Island muss wohl zwangsläufig auch ganz besondere Menschen hervorbringen. Nähern wir uns also dem wilden Island zunächst vorsichtig, indem wir uns erst einmal mit den Isländern beschäftigen.

Velkomin á Íslandi – Willkommen in Island!

Die Kinder der Wikinger – Gene, Bücher, Schlachtgebrüll

Iðunn wirft noch einen Blick auf das Papier, dann schiebt sie es stolz lächelnd zu mir herüber. „Bitte“, sagt sie, „das ist meine Abstammungslinie. Sie reicht bis zu den frühen Siedlern zurück, das sind inzwischen zig Generationen!“

Während ich zunächst noch verständnislos auf die vielen Namen auf dem Papier blicke, dämmert mir langsam die Bedeutung dessen, was Iðunn mir da zeigt. Das unscheinbare Blatt ist ein Auszug aus dem Landnámabók, dem großen Stammbuch der Isländer. Es ist einer mittelalterlichen Kopie dieses Buchs entnommen, das ursprünglich im 11. Jahrhundert entstand und die Namen von 400 Wikingern auflistete, die zwischen 870 und 930 nach Island auswanderten. Fein säuberlich und geografisch geordnet sind die Ländereien aufgeführt, die diese jeweils für sich beanspruchten, außerdem werden ihre Ahnen genannt sowie die jeweiligen Eheschließungen und Nachkommen bis ins elfte Jahrhundert.

Damit diese umfangreichen Listen ihre Leser nicht zu knochentrocken und langweilig anstarren, gibt es außerdem Beschreibungen der Charaktere einzelner Personen, Notizen über wichtige Ereignisse in deren Leben und dazu noch eine Menge Anekdoten. Obgleich die erste Niederschrift hauptsächlich auf mündlichen Überlieferungen beruhte, die zum Teil schon seit 200 Jahren von Mund zu Mund getragen wurden, so gilt sie doch als wichtige Quelle für die Genealogie der Isländer.

Außerdem hat Iðunn einen Nachdruck des Íslendingabók zu unserem Treffen mitgebracht. Dieses Werk wurde im Jahr 1125 von einem Mann namens Ari Þorgilsson verfasst, genannt „Ari der Gelehrte“. Das Original ist nicht mehr erhalten, aber im Lauf der Jahrhunderte entstanden etliche Abschriften. Anhand zahlreicher Belege und gründlicher Recherchen zeichnete Ari die Geschichte Islands seit dessen offizieller Entdeckung um das Jahr 870 penibel auf. Auch notierte er, dass schon vor dieser Zeit irische Mönche auf der Insel lebten, für die Wissenschaft noch immer eine ungelöste Frage. Denn nachweisen lässt sich deren damalige Anwesenheit bis zum heutigen Tage nicht.

„Ob Iren auf Island waren oder nicht, spielt letztendlich keine Rolle“, tut Iðunn das kontroverse Thema kurzerhand ab. „Verwandt sind wir mit ihnen jedenfalls nicht.“ Und das weiß Iðunn ganz genau.

Ahnenforschung ist für die Isländer ein überaus wichtiges Thema und gilt als nationales Hobby. Mit dem Íslendingabók und dem Landnámabók verfügen sie über einen bedeutenden historischen Schatz, der ihnen die Suche nach den Vorfahren viel leichter macht als es bei anderen Völkern üblich ist. Doch nicht nur diese Tatsache unterscheidet die Isländer von den anderen.

Aufgrund der geografischen Lage blieben die frühen Siedler und ihre Nachfahren jahrhundertelang unter sich. Während im restlichen Europa ein ständiger Austausch herrschte und geschichtliche Wirren so manchen Menschen aus der Heimat in die Ferne trieben, waren die Isländer auf ihrer Insel isoliert. Deshalb wissen sie alle, dass sie von den Wikingern abstammen, und sie sind stolz darauf. Begegnen sich zwei Isländer, so ist eine der ersten Fragen die nach der Abstammungslinie.

Denn fast immer, wen wundert es, lassen sich gemeinsame Vorfahren entdecken. Oder man kann zumindest mit einem bedeutenden Ahnen prahlen, zum Beispiel mit Guðríðr Þorbjarnardóttir. Diese bemerkenswerte Frau, die zur Zeit der vorletzten Jahrtausendwende lebte, reiste von Island über Grönland bis nach Kanada, wo sie als allererste Europäerin ein Kind zur Welt brachte. Von Kanada segelte sie ostwärts bis Norwegen und dann wieder zurück nach Island. Später pilgerte sie nach Rom, um danach ihr Leben als Eremitin in der isländischen Heimat zu beschließen. Sie gilt als eine der am weitesten gereisten Frauen des Mittelalters.

„Das ist ja alles schön und gut“, werfe ich ein und schaue Iðunn zweifelnd an. „Aber woher will man denn nach den ganzen Jahrhunderten so genau wissen, dass die Stammbäume tatsächlich stimmen?“

Nun grinst Iðunn verschmitzt, denn sie hat noch einen Trumpf im Ärmel. „Viele von uns wissen es ganz exakt, denn unser Genom ist wissenschaftlich erfasst und untersucht!“

Für uns Skeptiker des offenen Informationsflusses und Verfechter des Datenschutzes hört es sich unglaublich an, aber es ist wahr: Die Isländer sind das genetisch am genauesten erfasste Volk der Welt, und sie haben sich freiwillig für das Projekt zur Verfügung gestellt. Sinn des Ganzen ist es, die genetischen Ursachen von Krankheiten zu entdecken und die betreffenden Gene zu isolieren. Da die Isländer dank der langen Isolation eine genetisch ziemlich gleichförmige Population bilden, drängten sie sich den Molekularbiologen als Forschungsobjekte geradezu auf. Denn in ihrem relativ homogenen Genmaterial lassen sich Mutationen wesentlich leichter identifizieren als in dem Durcheinander, das bei den gründlich durchmischten Genen der Bewohner anderer Länder herrscht.

Nach dem Aufruf im Jahr 1998 lieferten 140.000 Isländer den Forschern Blut- und Gewebeproben ab, hinzu kam die Erlaubnis zur Einsicht in die Krankenakten der Spender. Außerdem ergänzten die Gesundheitsdaten, die in Island von allen Bürgern seit 1915 gesammelt und archiviert werden, das Großprojekt.

Sämtliche Proben wurden analysiert, gut 2.500 davon komplett sequenziert. Die Untersuchungen lieferten wichtige Erkenntnisse über die verschiedensten Krankheitsmarker. So wurde zum Beispiel eine Mutation entdeckt, die das Risiko einer Alzheimererkrankung erhöht. Interessant war aber auch das Ergebnis, dass alle heute existierenden Y-Chromosomen auf einen einzigen gemeinsamen männlichen Vorfahren zurückgehen, der vor etwa 239.000 Jahren lebte.

Die Daten der DNA-Analysen sind in einem gigantischen Rechenzentrum gespeichert. Und so lassen sich nun auch die Verwandtschaften unter den einzelnen Isländern ganz einfach wissenschaftlich belegen.

„Es kommen aber auch kuriose Geschichten dabei heraus“, erzählt Iðunn. „Denn ich weiß nun, dass einer meiner Vorfahren dunkelhäutig war und aus der Karibik kam!“ Ich muss wohl ziemlich verblüfft aussehen, denn sofort hebt sie an und berichtet mir von Hans Jonathan, dem genetischen Exoten. Anhand der Erbgutinformationen seiner Nachfahren wurden die Wissenschaftler auf diesen Mann aufmerksam, recherchierten weiter und konnten seine Geschichte erstaunlich gut rekonstruieren.

Die Ahnen seiner Mutter stammten aus Afrika und wurden von dort als Sklaven auf eine Karibikinsel verschleppt. Sein Vater hingegen – vermutlich Besitzer der bedauernswerten Frau – war hellhäutig. 1792 kam Hans Jonathan nach Kopenhagen, wo er als Sklave dienen sollte. Doch er wehrte sich gegen seine Versklavung und floh schließlich nach Island, wo er endlich als freier Mann leben konnte. Er heiratete die Bauerntochter Katrin Antoniusdottir und lebte mit ihr bis zu seinem Tod 25 Jahre lang bei Djúpivogur an den Ostfjorden. Die beiden bekamen zwei Kinder, deren Abkömmlinge wiederum zu dem Schlüssel wurden, der die Forscher auf Hans Jonathans Spuren führte. Als Mythos kursierte seine Geschichte schon seit Langem in Island, man erzählte von einem geheimnisvollen Fremdling, der nicht nur ein anständiger und intelligenter Mensch gewesen sei, sondern auch mehrere Sprachen beherrschte. Seine dunkle Hautfarbe scheint für die Einheimischen hingegen uninteressant gewesen zu sein, Rassismus lag ihnen fern. Und das gilt auch für Iðunn. Sie ist sichtlich begeistert, dass sie auf die Verwandtschaft mit Hans Jonathan verweisen kann, auch wenn sie von dessen Genom inzwischen natürlich nur noch eine Winzigkeit in sich trägt. Und diese Besonderheit teilt sie mit rund 800 weiteren Isländern.

Obwohl sich die Isländer äußerlich stark voneinander unterscheiden, so zeigt doch allein die Tatsache, dass dieser einzelne Mann unter ihnen so heraussticht, wie einheitlich sie zumindest in genetischer Hinsicht sind. Und als große Einheit und Gemeinschaft empfinden sie sich auch. Sie sind stolz darauf, die einzigen reinblütigen Nachfahren der Wikinger zu sein, und bewahren dieses Erbe wie einen kostbaren Schatz.

Es waren vornehmlich Siedler aus Norwegen, die Island ab dem ausgehenden 9. Jahrhundert zu ihrer neuen Heimat auserkoren. Einige kamen aber auch aus den anderen skandinavischen Ländern und aus dem keltischen Raum. Obwohl der schwedische Wikinger Gardar Svavarsson offiziell als Entdecker von Island gilt, gab es vermutlich schon vor ihm skandinavische Siedler auf den Westmännerinseln vor Islands Küste, denn man fand dort die Reste eines typischen Langhauses aus dem 7. Jahrhundert. Das Haus liegt unter Lava begraben, vielleicht wurden seine unbekannten Bewohner zu den Opfern eines Vulkanausbruchs.

Auch soll der norwegische Wikinger Naddoddur bereits einige Jahre vor seinem schwedischen Kollegen bei den Färöer-Inseln vom Kurs abgekommen sein und Island erreicht haben. Doch wenig später, ungefähr im Jahr 870, war Gardar Svavarsson der erste, der die ganze Insel umsegelte, einen Winter in der Gegend des heutigen Húsavík verbrachte und seinen Landsleuten später davon berichtete.

Als Nächster wagte sich der Norweger Flóki Vilgerðarson auf die gefährliche Fahrt durch den Nordatlantik und nahm gleich seine ganze Familie mit. Der Legende nach fand er die Insel mithilfe von drei Raben, was ihm den Beinamen Raben-Flóki eintrug. Er gründete einen Hof an einem der Westfjorde, doch nach einem sehr angenehmen Sommer war er auf den Winter schlecht vorbereitet. Die meisten seiner mitgebrachten Tiere verhungerten. Frustriert kehrte Flóki nach Norwegen zurück und erzählte dort von der unwirtlichen Insel, die nichts sei als ein „Ísland“– ein Eisland. Damit hatte die Insel endlich einen Namen, und obwohl Flókis Schilderungen nicht gerade einladend gewesen sein mögen, bewirkten sie doch einen Ausreiseboom in Richtung Island. Immer mehr Wikingerfamilien packten ihr Hab und Gut zusammen, nahmen Holz für den Hausbau mit und luden außerdem Pferde, Schafe, Rinder, Hühner und Hunde auf ihre Schiffe. Denn in ihrer Heimat ging es zu jener Zeit nicht gerade friedlich zu.

Die neuen Siedler lebten als Bauern und Handwerker 300 Jahre lang abgeschieden und in Frieden auf Island, bis Norwegen sich das Land im 13. Jahrhundert unterwarf. Während der nächsten Jahrhunderte gehörte die Insel mal zu Norwegen, mal zu Dänemark, blieb im Wesentlichen aber isoliert. Erst 1918 erreichte Island die teilweise Unabhängigkeit, wobei der dänische König Christian X. in Personalunion König von Island wurde. 26 Jahre später folgte schließlich die vollständige Souveränität als Republik Island. Das Land gehört als Gründungsmitglied zur Nato, trat 1994 dem Europäischen Wirtschaftsraum bei und 2001 dem Schengener Abkommen.

Doch je mehr sich das Land gegenüber dem Rest der Welt öffnet, desto wichtiger wird den Isländern die Bewahrung ihrer Traditionen und ihrer familiären Identität. Das zeigt nicht nur die leidenschaftliche Ahnenforschung, sondern auch das beharrliche Festhalten an der uralten nordgermanischen Sitte, die eigene Abstammung schon im Namen zu demonstrieren. Tatsächlich gibt es in Island fast keine Familiennamen, neben dem eigentlichen Rufnamen benennt man sich mit dem Vornamen des Vaters, dem je nach Geschlecht des Kindes ein „-son“ für „Sohn“, oder ein „-dóttir“ für „Tochter“ angehängt wird. Als Anrede der jeweiligen Person gilt dabei lediglich deren Vorname.

Wenn der Isländer Ragnar und seine Frau Jördis also Eltern vom Knaben Frode und vom Mädchen Freya werden, so heißen die beiden Kinder Frode Ragnarsson und Freya Ragnarsdóttir. Richtig kompliziert macht das Ganze die Tatsache, dass Ragnar und Jördis selbst eigene Vatersnamen tragen, und diese wiederum jeweils ganz anders lauten. Erklären Sie mal einem ausländischen Passkontrolleur, dass trotzdem alle der gleichen Familie angehören!

In den dünn besiedelten Regionen von Island ist das natürlich alles überhaupt kein Problem, da ohnehin jeder jeden kennt. Kompliziert wird es allerdings gegenüber den Anforderungen der modernen Zeit. Personenverzeichnisse sind nach dem Vornamen geordnet und enthalten dementsprechend oft spaltenweise gleiche Namen, die sich nur durch den Vatersnamen unterscheiden. Weil sich aber besonders beliebte Namen häufig in beiden Generationen wiederholen, kommt es oft zu Verwechslungen durch Namensgleichheit. Deshalb wird im Zweifelsfall noch zusätzlich der Beruf der betreffenden Person mit angeführt.

Die Besonderheit der Namensgebung führt uns zu einem anderen essenziellen Eckpfeiler der isländischen Identität, nämlich der Sprache. Sie geht auf das Altnorwegische zurück und blieb die Jahrhunderte hindurch genauso unvermischt wie das Genom der Isländer. Lediglich die Laute haben sich im Laufe der Zeit verändert. Um ihnen gerecht zu werden, gibt es neben den 32 Buchstaben des isländischen Alphabets zusätzlich von den Vokalen jeweils noch eine zweite Form mit Akzent. Im Isländischen haben sich uralte Buchstaben wie das ð und das þ erhalten, die im Rest von Europa längst verschwunden sind.

Lokale Dialekte gibt es nicht, den Einzug von Fremdwörtern verhindert seit 1964 ein Komitee, das für alle Neuerungen isländische Bezeichnungen ausklügelt. Die besondere Grammatik und die uns oft so aberwitzig erscheinende Buchstabenfolge haben die Jahrhunderte überdauert. Isländer betrachten ihre Sprache deshalb als echte Wikingersprache, und tatsächlich können sie die alten Sagatexte im Original der altnordischen Sprache lesen. Vielleicht ist das Lesen deshalb neben der Ahnenforschung eine ihrer weiteren großen Leidenschaften, sie verlegen pro Kopf mehr Bücher als jede andere Nation auf der Welt. „Die eine Hälfte von uns liest, die andere Hälfte schreibt“, behauptet Iðunn augenzwinkernd.

„Und alle gemeinsam rufen ‚Húh!‘, wenn die Nationalmannschaft spielt“, erwidere ich und füge neunmalklug hinzu: „Denn das ist ja der Schlachtruf der Wikinger.“

Doch da belehrt mich Iðunn eines Besseren. Obwohl sich allen Ernstes ein Isländer die Markenrechte am „Húh“ sicherte, um exklusiv mit bedruckten T-Shirts und dergleichen Reibach machen zu können, und infolgedessen in Island ein erbitterter Streit um die Grenze zwischen Eigentum und Gemeingut tobte, hat das von rhythmischem Klatschen untermalte Kampfgebrüll mit den Wikingern gar nichts zu tun.

Die Wirklichkeit ist viel profaner: Der Hollywood-Blockbuster „300“ aus dem Jahr 2006 zeigt Krieger, die sich mit „Ahu!“-Geschrei in Kampfstimmung bringen. Das inspirierte zunächst Hooligans und rechtslastige Demonstranten, schwappte aber bald darauf als Klatschgesang auch in deutsche, französische und griechische Fußballstadien über. Unter den Fans des schottischen Klubs Motherwell mutierte es schließlich erstmals zum „Huh!“ und trug den Verein zu den größten Erfolgen in seiner Geschichte. Das wiederum begeisterte den Vorstand des größten isländischen Fußballfanklubs und brachte ihn auf die Idee, den Schlachtruf bei Spielen der isländischen Nationalmannschaft einzuführen.

„Mit großem Erfolg, wie man sieht. Inzwischen ist alle Welt davon überzeugt, dass es sich um einen uralten Wikingerbrauch handelt“, schmunzelt Iðunn. „Wenn wir Isländer etwas machen, dann machen wir es hundertprozentig! Das liegt eben daran, dass wir zu 100 Prozent Wikinger sind!“

Iðunn lebt bei Húsavík im Norden von Island. Sie ist – bei allem Stolz auf ihre Wikingerherkunft – doch ein lebendiges Beispiel dafür, dass sich Island verändert. Denn Iðunn ist mit einem Deutschen verheiratet. Die DNA ihrer Kinder würde die Datenbank der isländischen Gensammler ganz schön durcheinanderbringen. Und würde die Globalisierung zukünftig nicht auch in Island für eine weitere Bevölkerungsdurchmischung sorgen, dann könnten die Genetiker wohl eines Tages die wunderliche Geschichte von dem Mann aus Deutschland erzählen.

Brúnðar kartöflur – karamellisierte Kartoffeln

Zutaten für vier Personen:

600 g kleine Kartoffeln (festkochend)

80 g Butter

100 g brauner Zucker

Salz

Zubereitung:

Die Kartoffeln unter fließendem Wasser gründlich bürsten. Sehr großzügig gesalzenes Wasser in einem Topf zum Kochen bringen und die Kartoffeln 20 Minuten darin garen, dann abschütten.

Den Zucker in eine große, nicht beschichtete Pfanne geben und unter Rühren zum Schmelzen bringen, dann die Butter hinzugeben, rühren und weiter erhitzen, bis die Masse goldbraun ist. Nun vom Herd nehmen, die Kartoffeln hinzugeben und so lange schwenken, bis sie ringsum vom Karamell überzogen sind.

Die karamellisierten Kartoffeln eignen sich als Beilage zu vielen isländischen Hauptgerichten.

Skyr – die isländische Milchspezialität zwischen Joghurt, Quark und Frischkäse

Zutaten:

2 l fettarme Milch (aufgekocht und abgekühlt)

500 ml saure Sahne

½ Labtablette (Apotheke)

Zubereitung:

Die Labtablette in 100 ml Milch auflösen. Die saure Sahne mit 300 ml Milch cremig aufschlagen und danach zusammen mit der Lab-Milch unter die restliche Milch rühren, bis alles gut vermischt ist. Abdecken und bei Raumtemperatur 24 Stunden ruhen lassen. Anschließend in ein Käsetuch (oder ein mit Küchenkrepp ausgelegtes Sieb) geben und die Molke ablaufen lassen.

Den fertigen Skyr gut kühlen, mit Früchten und/oder flüssiger Sahne genießen oder für andere Rezepte weiterverwenden.

Überleben zwischen Feuer und Eis – was isst man in Island?

In meinen Büchern widme ich mich stets auch der Küche des Landes oder der Region, mit der ich mich befasse. Denn ich denke, dass die jeweiligen Essgewohnheiten und die Lieblingsrezepte auf ihre Art eine Menge über die Kultur und die Menschen erzählen können.

Nähern wir uns nun Island, so scheint die Landesküche erst einmal ein schwieriges Thema zu sein. Was man darüber hört, klingt für uns meist alles andere als verführerisch, denn es kursieren Geschichten über fermentierten Hai und sauer eingelegte Robbenflossen. Diese Gerichte gibt es tatsächlich, doch bevor wir uns näher damit beschäftigen, sollten wir einen Blick auf die in Island herrschenden Bedingungen werfen. Das wird uns dabei helfen, die zunächst abschreckend wirkenden Rezeptideen besser zu verstehen. Sie entsprangen nämlich nichts anderem als der Notwendigkeit, in einer unwirtlichen Umwelt zu überleben. Und Not macht bekanntlich erfinderisch.

Aufgrund seiner geografischen Lage sind die Winter in Island sehr lang, die Sommer kurz, regnerisch und kühl. Dass sie zu allem Überfluss nicht auch noch eisig kalt sind, verdankt Island dem Irmingerstrom, einem Ausläufer des Golfstroms, der auch im Winter den allerschlimmsten Frost verhindert. Solchen würde man nämlich ansonsten in diesen Breiten knapp unterhalb des Polarkreises antreffen. So erreicht die Luft im Hochsommer immerhin maximale Durchschnittstemperaturen von um die 13 Grad, im Winter wird der Gefrierpunkt nur minimal unterschritten. Dafür ist es dann dunkel, die Nächte werden lang und länger, bis es Ende Dezember schließlich nur noch für vier Stunden hell ist. Im Gegenzug währt das sommerliche Licht ausdauernd, im Juni und Juli wird es gar nicht mehr richtig dunkel, auch wenn die Sonne für kurze Zeit hinterm Horizont verschwindet.

Zu den nicht überaus wachstumsfreundlichen klimatischen Voraussetzungen kommt die größtenteils unwirtliche Beschaffenheit der Böden. Die vulkanische Aktivität beschert der Insel Aschewüsten und Lavafelder, ausgedehnte Gletscher und karge Tundren bedecken riesige Gebiete. Nur etwa 2,3 Prozent der Fläche lassen sich landwirtschaftlich überhaupt nutzen. Und dort wachsen nicht viel mehr Nutzpflanzen als Kohl und Rüben, dazu Rhabarber und ein paar Beeren. In den allerletzten Jahrhunderten sind auch noch Kartoffeln hinzugekommen.

Eine umso größere Rolle spielte stets die Nutztierhaltung. In erster Linie gibt es Schafe, aber auch Pferde, Rinder und Geflügel. Milchprodukte, Eier und Fleisch sind deshalb wesentliche Zutaten der heimischen Küche. Rund ein Drittel der Isländer betrieb seit jeher zusätzlich Fischfang, hinzu kam die Jagd auf Wale und Robben. Außerdem bereicherten stets Seevögel und deren Eier den Speiseplan.

Getreide gedeiht auf isländischen Böden so gut wie gar nicht, Brot war deshalb jahrhundertelang unbekannt. Was es hingegen im Überfluss gibt, ist Isländisches Moos, das eigentlich gar kein Moos, sondern eine Flechtenart ist und auf der Insel den Namen Fjallagrös trägt („Gräser des Berges“). Schon früh entdeckten die Isländer die heilende Wirkung dieses Gewächses. Dessen Inhaltsstoffe bilden beim Zerkauen einen Film, der sich schützend über gereizte Schleimhäute legt, weshalb Isländisches Moos zum bewährten Hausmittel gegen Erkältungssymptome avancierte. Zudem ist es belebend und appetitanregend, es hemmt das Wachstum von Bakterien und wirkt dadurch leicht antibiotisch. Diese Vorteile des Krautes haben die Isländer vermutlich zufällig entdeckt, denn in ihrer Not zermahlten sie die getrockneten Pflanzen und verwendeten das recht bitter schmeckende Pulver als Mehlersatz. Auch kochten sie die nahrhaften Triebe mit Milch, Wasser sowie etwas Honig und Salz zu einer einfachen Suppe.

Gewürze kannte die ursprüngliche Küche so gut wie nicht. Lediglich ein wenig Thymian, ein paar Wacholderbeeren, Kerbel und Kümmel fanden ihren Weg in die Kochtöpfe. Aufgrund des spärlichen Angebots musste alles verwendet werden, was irgendwie essbar war, und jedweder Überfluss wurde sorgsam konserviert, um das Überleben in den endlosen Wintern möglich zu machen. Die Milch verarbeitete man zu Skyr, den wir im letzten Rezept schon kennengelernt haben. Bis zum heutigen Tag erfreut er sich großer Beliebtheit, mehr und mehr auch außerhalb von Island. Er ist nämlich nicht nur wohlschmeckend und cremig, sondern dazu auch noch ausgesprochen fettarm. Seine Molke durfte in früheren Zeiten natürlich nicht einfach so abtropfen, sie wurde aufgefangen und getrunken oder zum milchsauren Einlegen von Fleisch verwendet.

Die Gewinnung und das Haltbarmachen von Lebensmitteln waren also überaus wichtige Themen, und dies führte zu Methoden, die uns verwöhnten Mitteleuropäern in ihrer Exotik oft einen Schauer des Gruselns über den Rücken jagen. Werfen wir also kurz einen neugierigen Blick auf den Erfindungsreichtum der Isländer vergangener Zeiten.

Da ist zunächst der Hákarl, jener bereits erwähnte fermentierte Hai. Das Fleisch von Haien ist für Menschen eigentlich ungenießbar, denn die Tiere reichern giftigen Harnstoff in ihrem Blut an. Der Abbau dieses Harnstoffs beansprucht mehrere Monate, während derer Massen von übelriechendem Ammoniak freigesetzt werden.