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Der fünfte Band und die Vorgeschichte der grossen Landry-Saga! Bei ihren Streifzügen durch die wilden Sümpfe Louisianas wird die bildhübsche Gabrielle von dem reichen Fabrikanten Oktavius Tate vergewaltigt. Als Gabrielle schwanger wird, machen ihr Tate und seine kinderlose Frau ein Angebot: Sie adoptieren das Baby unter der Voraussetzung, dass Gabrielle es nie mehr sieht. Gabrielle willigt ein. Einige Monate nach der Geburt wird sie erneut schwanger: von dem Millionär Paul Dumas, der jedoch verheiratet ist ... Original-Text Taschenbuch: Der fünfte Band der Landry-Saga Gabrielle Landry ist ein bildschönes, sehr naturverbundenes Mädchen, das in der geheimnisvollen Sumpflandschaft Louisianas aufwächst. Doch eines Tages wird ihre Idylle brutal zerstört… "Karussell der Nacht" erzählt die bewegende Lebensgeschichte von Gabrielle Landry, der Mutter von Ruby, die als Heldin der beliebten Landry-Saga die Herzen der Leser erobert hat. "
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Seitenzahl: 626
Veröffentlichungsjahr: 2015
V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Bei einem ihrer Streifzüge durch die wilden Sümpfe Louisianas wird die bildhübsche Gabrielle von dem reichen Fabrikanten Oktavius Tate vergewaltigt. Als Gabrielle schwanger wird, machen ihr Tate und seine kinderlose Frau ein Angebot: Sie adoptieren das Baby – doch nur unter der Voraussetzung, dass Gabrielle es nie mehr sieht. Gabrielle willigt ein. Einige Monate nach der Geburt wird sie erneut schwanger: von dem Millionär Paul Dumas, der jedoch verheiratet ist ...
Ein fesselnder Roman voller Leidenschaft und dunkler Geheimisse aus dem Herzen der Südstaaten – die spannende Vorgeschichte zu V.C. Andrews´ "Landry-Saga"!
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel “Tarnished Gold” Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © der Originalausgabe 1996 by the Virginia C. Andrews Trust Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1998 by Wilhelm Goldmann Verlag, München.
Ins Deutsche übertragen von Uschi Gnade
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-694-6
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»Du mußt dich von der Unschuld lösen«, hatte Mama früher einmal zu mir gesagt, »denn sonst zieht sie dich herab, wenn sie versinkt wie ein morsches altes Langustenfischerboot auf dem Kanal.«
An einem Frühlingsmorgen war ich die Stufen zur Veranda hinaufgerannt, wo sie saß und die Palmhüte flocht, die sie an die Touristen verkaufte. In den Händen hielt ich behutsam einen winzigen toten Blauhäher. Ich glaubte, er sei aus dem Nest gefallen, aber Mama sagte, höchstwahrscheinlich hätte seine Mutter ihn rausgestoßen.
Ich schüttelte den Kopf. Ich war damals erst sieben. Es war mir unvorstellbar, daß eine Mutter eines ihrer Jungen aus dem Nest werfen könnte.
»Nein, Mama. Er muß versucht haben zu fliegen, und dabei ist er runtergefallen«, beharrte ich.
Sie ließ die Palmwedel auf den Schoß sinken und sah mich mit diesem liebevollen, traurigen Ausdruck in ihren dunklen, onyxfarbenen Augen an, der in meine eigenen Augen Tränen treten ließ. Ihr Blick richtete sich auf das Vogelbaby, und dann schüttelte sie den Kopf.
»Er ist noch zu klein, als daß er versucht haben könnte zu fliegen, Gabrielle. Er war schwächlich und wäre ohnehin gestorben. Die Mutter hat gewußt, was das Beste war.«
Auch ich schaute jetzt auf das winzige Geschöpf herunter. Seine Augen waren fest geschlossen, der kleine Schnabel stand einen Spalt weit offen, und die winzigen Klauen waren gekrümmt.
»Wie kann es das Beste sein, das eigene Baby aus dem Nest zu werfen?« fragte ich zornig.
»Sie mußte auch an ihre anderen Babys denken, Gabrielle, mein Schätzchen, kräftige, gesunde Babys, für die sie sorgen mußte und die die Nahrung brauchten, die sie ihnen gebracht hat. Wenn sie zuviel Zeit darauf vergeudet hätte, sich um eines ihrer Jungen zu sorgen, das ohnehin gestorben wäre, dann wäre eines der gesunden krank geworden und gestorben.«
Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte es nicht glauben.
»Das ist keine Entscheidung, an der sie lange herumgrübelt, Gabrielle. Nein, ihr Instinkt sagt es ihr. Sie weiß ganz einfach, was notwendig ist. So kann sie dafür sorgen, daß ihre kräftigen Babys überleben werden und in dem Dschungel, den du so sehr liebst, eine Chance haben.«
»Ist sie jetzt traurig darüber?« fragte ich hoffnungsvoll.
»Vermutlich schon, aber sie kann nichts daran ändern. Verstehst du das?«
»Nein«, sagte ich. »Wenn sie sich mehr angestrengt hätte, dann hätte vielleicht auch dieses Baby überlebt.«
Mama seufzte tief, und das war der Moment, in dem sie auf die Unschuld zu sprechen kam.
Damals wußte ich nicht, was sie meinte. Ich war noch zu klein, um die Welt am Grad ihrer Unschuld zu messen. Für mich war das Aufwachen jeden Morgen noch so wie das Zerreißen von Einwickelpapier, um an die wunderschönen Geschenke heranzukommen, die mich erwarteten, sowie ich mein Frühstück beendet hatte, durch die Tür mit dem Fliegengitter hinausrannte, die Stufen hinuntersprang, die zu unserer Veranda führten, und um die Hausecke herum in den Sumpf lief, zu den zahllosen Wasserläufen und all meinen Tieren. Krankheit und Tod, Brutalität und Grausamkeit war der Zutritt zu dieser Welt verwehrt. Wenn etwas starb, dann deshalb, weil seine rechte Zeit gekommen war. Die Hoffnung kämpfte in meinem Innern um ihr Überleben.
»Kannst du das kleine Vögelchen nicht wieder zum Leben erwecken, Mama?« fragte ich. »Kannst du ihm nicht mit einer Pipette einen Kräutertrunk einflößen oder es mit einem Zauberpulver bestreuen? Das kannst du doch sicher tun?«
Mama war Traiteur, eine Heilerin, deren Hände magische Dinge vollbringen konnten. Ihre Kenntnisse waren von ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer Urgroßmutter an sie weitergereicht worden. Sie sog das Feuer aus Verbrennungen, blies einem Kind Rauch ins Ohr und vertrieb den Schmerz, legte alten Leuten warme Palmwedel auf und verhalf ihnen dazu, daß sie wieder aufstehen und laufen und die Arme frei bewegen konnten. Böse Geister fürchteten sich vor ihr. Sie konnte die Stufen eines Hauses mit Weihwasser besprengen und den Teufel von dort fernhalten. Gewiß konnte sie einem so kleinen Geschöpf wie dem Vögelchen in meinen Händen neues Leben einflößen.
»Nein, mein Schätzchen, ich kann die Toten nicht zurückholen«, sagte sie zu mir. »Wenn man erst einmal durch diese Tür gegangen ist, schließt sie sich für immer und ewig hinter einem.« Als sie die Enttäuschung in meinem Gesicht sah, fügte sie jedoch noch hinzu: »Aber dieses kleines Vögelchen wird in einer besseren Welt heranwachsen.«
Wie konnte es eine bessere Welt geben? fragte ich mich trotz allem. Meine Welt war voller Farben und voller Sonnenschein, voller wunderschöner Blumen, die wunderbar dufteten, voller prächtiger Vögel, die so leicht und mühelos wie Träume durch die Luft schwebten, voller köstlicher Gerichte, die Mama zubereitete, und sie war auch voller weißer Wolken, die meine Phantasie in Kamele, Wale oder sogar Zuckerwatte verwandelte.
»Was hast du denn da, Gabrielle?« fragte Daddy, als er aus der Hütte kam, die er kurz vor meiner Geburt für uns gebaut hatte. Trotz der frühen Morgenstunde hielt er eine Bierflasche in der Hand. Manchmal war Bier das einzige, was er zum Frühstück zu sich nahm. Sein dunkelbraunes Haar war ungebürstet, und die langen Strähnen, die ihm in die Stirn hingen, waren gerade so weit gescheitelt, daß seine schönen smaragdgrünen Augen hindurchlugen konnten. Er trug nur seine Hose, weder Hemd noch Schuhe. Von seinem Nabel zog sich ein schmaler Streifen krauses braunes Haar bis auf seine Brust und weitete sich dort zu einer dichten V-förmigen Matte aus. Mein Daddy war groß und stark und hatte lange Arme, deren Muskeln spielten, wenn er schwere Dinge zog oder hochhob. Mama hatte mir einmal von seinem Ringkampf mit einem Alligator erzählt, den er unternommen hatte, weil zwei Dollar darauf gewettet worden waren. Sie sagte, daran könnte man gut erkennen, wie dumm er sei, aber ich fand, das hieße nur, er sei der stärkste Daddy auf Erden.
»Ein totes Blauhäherjunges«, antwortete Mama an meiner Stelle. »So?« sagte er. »Und was hast du jetzt damit vor, Gabrielle? Willst du es ins Gumbo werfen?«
»Jack!«
Daddy lachte.
»Ich wollte, daß Mama es wieder lebendig macht«, erklärte ich. »Sie hat gesagt, seine Mutter hätte es aus dem Nest gestoßen.«
»Ja, höchstwahrscheinlich«, sagte Daddy. Er saugte am Hals der Bierflasche, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab wie ein winziger Gummiball, als er den Inhalt in seine Kehle schüttete. »Wirf es am besten einfach weg«, sagte Daddy.
Ich sah Mama voller Entsetzen an.
»Warum begräbst du es nicht hinter dem Haus, Gabrielle«, schlug sie behutsam vor.
»Ja. Vielleicht könnten wir sogar einen Gottesdienst abhalten«, sagte Daddy und lachte.
»Könnten wir das tun, Mama?«
Daddy hörte auf zu lachen.
»Hör mal, Kind, das ist doch nur ein toter Vogel. Das ist doch kein Mensch.«
Für mich machte das keinen Unterschied. Etwas Schönes und Liebenswertes war tot.
»Ich werde für dich ein paar Worte am Grab sprechen«, erbot sich Mama.
»Das muß ich sehen«, sagte Daddy.
»Mach dich nicht lustig über das Kind, Jack.«
»Warum denn nicht? Eines Tages muß sie erwachsen werden. Warum also nicht heute?« Er deutete mit seinem langen Zeigefinger auf mich. »Und überhaupt solltest du dort oben sitzen und deiner Mama dabei helfen, diese Hüte zu flechten, damit ihr sie verkaufen könnt, statt deine Zeit damit zu verbringen, durch die Gegend zu laufen«, schalt er mich aus. Dann räumte er ein: »Hier gibt es Schlangen und Insekten, Schnappschildkröten und Alligatoren.«
»Das weiß ich, Daddy«, sagte ich lächelnd. »Heute morgen bin ich schon auf eine Schlange getreten.«
»Was? Wie hat sie ausgesehen?«
Ich beschrieb es ihm.
»Das ist eine verdammte Wassermokassinschlange. Die sind höllisch giftig. Du kannst nicht draufgetreten sein, denn sonst wärest du jetzt so tot wie dieser Vogel in deiner Hand.«
»Doch, Daddy, ich bin draufgetreten, und dann habe ich gesagt: Entschuldigen Sie, bitte, Herr Schlange.«
»Ach, und daraufhin hat die Schlange vermutlich nur genickt und gesagt: Schon gut, Gabrielle, was?«
»Sie hat mich angesehen und ist dann wieder eingeschlafen«, sagte ich.
»Himmel, hörst du, was für Geschichten sie erzählt, Catherine?«
»Ich glaube ihr, Jack. Die Tiere dort draußen mögen sie. Sie haben ein ganz besonderes Verhältnis zu ihr, weil sie wissen, wie es in ihrem Herzen aussieht.«
»Was? Wie kannst du dieses dumme Geschwätz glauben, diesen Voodoozauber der Cajuns, Catherine Landry? Und jetzt hast du das Kind auch schon so weit gebracht, daß es Unsinn plappert.«
»Das ist kein Unsinn«, sagte sie. »Und schon gar kein dummes Geschwätz.« Sie stand auf. »Komm mit, Gabrielle. Ich helfe dir dabei, deinen Vogel zu begraben«, sagte sie. »Vielleicht sollte man das arme Geschöpf lieber bemitleiden«, sagte sie und warf Daddy einen wütenden Blick über die Schulter zu.
»Mach schon. Vergeude deine Zeit damit, dir Sorgen um einen toten Vogel zu machen. Du wirst schon sehen, ob mir das etwas ausmacht«, sagte Daddy und trank wieder einen großen Schluck von seinem Bier. Dann warf er die leere Flasche in die Regentonne. »Ich fahre in die Stadt«, rief er uns nach. »Uns ist schon wieder das Bier ausgegangen.«
»Du bist arbeitslos, Jack Landry. Deshalb ist uns das Bier ausgegangen.«
»Pah«, sagte er und winkte uns nach. Dann ging er wieder in die Hütte.
Mama holte den Spaten und hob für das Vögelchen eine kleine Grube unter einem Pecanobaum aus, weil sie fand, dort hätte es immer einen kühlen und schattigen Platz. Ich legte den kleinen Vogel behutsam hinein, und dann bedeckte ihn Mama mit Erde. Sie sagte mir, ich solle als Grabstein einen kleinen Stock in den Boden stecken. Dann senkte sie den Kopf und nahm mich an der Hand. Auch ich neigte den Kopf.
»Gott, erbarme dich der unschuldigen Seele, die vor dich tritt«, sagte sie und bekreuzigte sich. Ich tat es ihr nach.
Wir sagten beide: »Amen.«
Als wir gerade wieder aufblickten, sah ich, wie ein Blauhäher durch die Zypressen flitzte und in Richtung Graveyard Lake verschwand, ein kleines Brackwasser im Sumpf, das Daddy so getauft hatte, weil dort eine ganze Reihe von moosbewachsenen toten Zypressen auf dem Wasser trieb. Mamas Augen folgten meinem Blick. Sie seufzte. Sie hielt mich immer noch an der Hand, aber wir machten uns noch nicht auf den Rückweg zur Veranda und der Arbeit, die getan werden mußte.
»Es ist sehr schwer, eine Mutter zu sein, Gabrielle. Jede Mutter hat es schwer«, sagte sie. »Man bringt nicht nur ein Baby zur Welt. Gleichzeitig gebiert man Kummer und Sorge, Hoffnung und Freude, Tränen und Gelächter.«
»Ich würde niemals eines meiner Babys verstoßen«, gelobte ich, denn es widerstrebte mir, mich von dieser Unschuld zu lösen, von der Mama fürchtete, sie könne mich mit sich auf den Grund hinabziehen.
»Ich hoffe, du wirst dir über so etwas nie Gedanken machen müssen, mein Schätzchen, aber falls es doch soweit kommen sollte, dann denk an den Blaureiher und triff die Entscheidung, die für dein Kind die beste ist und nicht für dich.«
Ich blickte zu ihr auf und starrte sie an. Mama war ein Quell der Weisheit, doch für den größten Teil ihres Wissens fehlte es mir bei weitem noch an Jahren. Sie hatte jedoch die Augen einer Wahrsagerin. Sie konnte in das Dunkel der Zukunft schauen und manche Dinge sehen, die später einmal eintreffen würden.
Ich erschauerte ein wenig, obwohl es ein warmer Frühlingstag war. Mama blickte tief in den Sumpf hinein und darüber hinaus, und das, was sie sah, brachte sie dazu, meine Hand noch fester zu halten.
Und dann stimmte ein Blauhäher, von dem ich mir einbildete, es sei die Mutter, sein eigenes Klagelied an, als hätte er alles gehört und gesehen. Mama lächelte mich an.
»Deine Freundin bedankt sich bei dir«, sagte sie. »Komm mit. Hilf mir ein wenig beim Flechten.«
Wir wandten uns ab, und nervös, aber doch mit einem Gefühl von Sicherheit an Mamas Seite, lief ich mit kleinen Schritten dem Morgen entgegen.
Das Geräusch, mit dem das Fliegengitter in der Tür unserer Hütte fest zugeschlagen wurde, hallte wie ein Schuß durch die Weiden und die Pappeln, und ich beschleunigte meine Schritte. Ich hatte den Heimweg von der Schule fast geschafft. Einen Teil des Weges hatte ich gemeinsam mit Evelyn Thibodeaux und Yvette Livaudis zurückgelegt, den beiden einzigen Mädchen in meiner Klasse, die überhaupt bereit waren, mit mir zu reden. Die meiste Zeit über hatten wir alle gleichzeitig geredet. Unsere Aufregung kochte über `wie ein Topf mit Milch, den man unbeaufsichtigt auf dem Feuer stehen läßt. Es war unser letztes Schuljahr. Der Schulabschluß, mit all seinen Verheißungen und tödlichen Schrecken behangen wie mit . Unmengen von Louisianamoos, erwartete uns.
Evelyn würde Claude LeJeune heiraten, der ein eigenes Langustenfischerboot besaß, und Yvette würde nach Shreveport ziehen, um dort bei ihrer Tante und ihrem Onkel auf deren Zuckerrohrplantage zu leben. Es wurde allgemein vorausgesetzt, daß sie früher oder später Philippe Jourdain heiraten würde, den Vorarbeiter, mit dem sie das ganze Jahr über einen Briefwechsel geführt hatte. Sie waren einander nur zweimal persönlich begegnet, und er war fast fünfzehn Jahre älter als sie, aber Yvette war überzeugt davon, daß dieses Los ihr bestimmt war. Philippe war Cajun, und Yvette hätte, wie die meisten von uns, niemand anderen geheiratet. Wir waren Abkömmlinge der französischen Arkadier, die nach Louisiana ausgewandert waren, und wir hielten unser Erbe hoch.
Wir schrieben das Jahr 1944. Der Zweite Weltkrieg wütete noch, und Heiratskandidaten unter den jungen Cajunmännern waren nach wie vor rar, obwohl die meisten Bauern und Fischer freigestellt worden waren. Evelyn und Yvette schalten mich ständig dafür aus, daß ich Nicolas Paxton keine Beachtung schenkte, der eines Tages das Kaufhaus seines Vaters erben würde. Er hatte Übergewicht und Plattfüße, und daher würde er niemals eingezogen werden.
»Er hat dich schon immer sehr gern gehabt«, sagte Yvette, »und er wird dir ganz bestimmt einen Heiratsantrag machen, wenn du ihn auch nur eines Blickes würdigst. Er ist nicht arm, soviel steht fest, nʼest-ce pas?« sagte sie und zwinkerte mir zu. »Ich weiß nicht, was ich scheußlicher fände«, erwiderte ich. »Morgens wach zu werden und Nicolas neben mir zu sehen oder den ganzen Tag lang in diesem Kaufhaus eingesperrt zu sein und immer wieder zu sagen: ›Kann ich Ihnen behilflich sein, Monsieur? Kann ich Ihnen behilflich sein, Madame?‹«
»Jeden anderen Freier, der in Frage kommt, hast du bereits abgewiesen. Was willst du nach dem Schulabschluß tun, Gabrielle? Willst du etwa für immer und ewig mit deiner Mutter Eichenkörbe und Palmhüte flechten und Gumbo an die Touristen verkaufen?« fragte Evelyn geringschätzig.
»Ich weiß es nicht. Vielleicht ja«, sagte ich und lächelte, was meine beiden einzigen Freundinnen nur noch mehr erboste.
Es war ein sehr warmer Frühlingstag. Der Himmel war nahezu wolkenlos und hatte die Farbe von ausgebleichten Bluejeans. Graue Eichhörnchen mit Federn in den kleinen Beinchen sprangen von einem Ast zum anderen, und in den seltenen Augenblicken, in denen wir alle gleichzeitig verstummten, konnte ich hören, wie Spechte auf die Eichen und Pecanobäume trommelten. Der Tag war einfach zu schön, um sich über irgend etwas zu ärgern, was andere zu mir sagten.
»Aber willst du denn nicht heiraten und Kinder haben und deinen eigenen Haushalt führen?« erkundigte sich Yvette, als stellte es eine Beleidigung für die beiden dar, daß ich nicht verlobt war und niemandem die Ehe versprochen hatte.
»Oui. Ich kann mir gut vorstellen, daß ich mir das eines Tages wünsche.«
»Du kannst es dir gut vorstellen? Du weißt es nicht?« Ihre Lippen verzogen sich. »Sie kann es sich gut vorstellen,« sagte sie spöttisch.
»Vermutlich will ich es«, sagte ich und machte damit das größtmögliche Zugeständnis. Meine Freundinnen, aber auch alle anderen Mitschüler, die mich kannten, glaubten, ich sei schon von Geburt an ein wenig seltsam gewesen, weil meine Mutter eine spirituelle Heilerin war. Es stimmte schon, daß Dinge, über die sich die anderen ärgerten, mir nichts ausmachten. Sie waren ständig aufgebracht und kochten, brüteten über Dinge, die irgendein Junge gesagt hatte oder die irgendein Mädchen getan hatte. Es entsprach der Wahrheit, daß mir diese Dinge meistens gar nicht auffielen. Ich wußte, daß sie mir den Spitznamen La Fille au Naturel gegeben hatten, das Naturmädchen, und daß viele Geschichten über mich die Runde machten. Sie erzählten einander, ich schliefe bei den Alligatoren, ritte auf dem Rücken von Schnappschildkröten und würde niemals von Moskitos gestochen. Ich wurde selten von Insekten gestochen, das stimmte schon, aber das lag an der Lotion, die Mama angerührt hatte, und es war keineswegs auf irgendeinen Zauber zurückzuführen.
Als ich ein kleines Mädchen war, hatten die Jungen versucht, mich damit zu erschrecken, daß sie mir Schlangen ins Pult legten. Die Mädchen um mich herum wichen kreischend zurück, während ich seelenruhig die Schlangen in die Hand nahm und sie im Freien wieder aussetzte. Sogar meine Lehrer weigerten sich, diese Tiere zu berühren. Die meisten Schlangen waren neugierig und sanftmütig, und selbst die Giftschlangen taten einem nichts Böses, wenn man sie in Ruhe ließ. Mir schien das die simpelste Regel zu sein, an die man sich halten konnte: leben und leben lassen. So versuchte ich beispielsweise nicht, Yvette die Hochzeit mit einem wesentlich älteren Mann auszureden. Wenn sie es so haben wollte, dann freute ich mich für sie. Aber weder sie noch Evelyn brachten es fertig, mich so zu behandeln, wie ich sie behandelte. Da ich nicht so dachte, wie die beiden dachten, und da ich nicht die Dinge tat, die sie gern tun wollten, war ich in ihren Augen albern oder stur, manchmal sogar dumm.
Abgesehen von dem einen Mal, als Nicolas Paxton mich zu einem Fais do-do im Ballsaal der Stadt eingeladen hatte, war ich nie zu einer offiziellen Party eingeladen worden. Andere Jungen hatten sich mit mir verabreden wollen, aber ich hatte immer abgelehnt. Ich hatte kein Interesse daran, meine Zeit mit ihnen zu verbringen, und ich war noch nicht einmal neugierig auf sie. Ich sah sie mir an, ich hörte ihnen zu, und mir wurde schnell klar, daß es mir keinen Spaß machen würde, etwas mit ihnen zu unternehmen. Und ich war immer höflich, wenn ich ihre Einladungen ablehnte. Manche waren beharrlich und verlangten eine Erklärung dafür, daß ich ihnen einen Korb gab. Ich sagte es ihnen. »Ich glaube nicht, daß es mir Spaß machen würde, etwas mit dir zu unternehmen. Trotzdem vielen Dank für die Einladung.«
Die Wahrheit war ein Schuh, der sich an einem Klumpfuß nie elegant ausnahm. Die Jungen wurden daraufhin nur noch wütender, und schon bald erzählten sie Geschichten über mich, von denen die schlimmste die war, ich ließe mich im Sumpf von Tieren lieben und machte mir nichts aus Männern. Mehr als einmal ließ sich Daddy in einer der Zydecobars auf eine Schlägerei ein, weil jemand eine Bemerkung über mich hatte fallen lassen. Im allgemeinen gewann er bei diesen Handgreiflichkeiten, aber er war trotzdem wütend, wenn er nach Hause kam, und er tobte und wütete in der Hütte und beschimpfte Mama dafür, daß sie mir hochtrabende Vorstellungen von Liebe und Romantik in den Kopf gesetzt hatte.
»Und du«, schrie er dann und deutete mit dem langen Zeigefinger auf mich, dessen Nagel schwarz und von Dreck verkrustet war, »solltest nicht mit Vögeln und Schildkröten spielen, sondern statt dessen einem reichen Geck schöne Augen machen und ihn dir anlachen. Dieses hübsche Gesicht und der Körper, mit dem du gesegnet bist, das ist der Käse in der Mausefalle!«
Allein schon die Vorstellung zu flirten, mich kokett zu geben und die Annäherungsversuche eines Mannes stillschweigend zu dulden, führte dazu, daß sich mir der Magen umdrehte. Weshalb sollte man jemanden glauben machen, man wolle etwas, was man in Wirklichkeit gar nicht wollte? Das war einem Mann gegenüber nicht fair, und mir selbst gegenüber war es schon gar nicht fair.
Dennoch machte ich mir viele Gedanken über die Liebe und über die Romantik, obwohl ich nie mit meinen zwei Freundinnen und noch nicht einmal mit Mama darüber redete; und wenn meine feste Überzeugung, daß sich zwischen mir und einem Mann etwas Magisches abspielen müßte, überspannt war, dann hatte Daddy recht. Ich wollte nicht für einen Snob gehalten werden, aber wenn das der Preis war, den ich dafür zahlen mußte, an das zu glauben, woran ich glaubte, dann würde ich ihn mit Freuden zahlen.
In der Natur erschien mir alles vollkommen. Den Geschöpfen, die sich miteinander paarten und gemeinsam ihren Nachwuchs aufzogen und ihn beschützten, war es bestimmt, zusammen zu sein. Dort stimmte etwas ganz Entscheidendes. Gewiß mußte es sich bei den Menschen genauso verhalten, dachte ich.
»Das kann ich nicht tun, Daddy«, jammerte ich.
»Das kann ich nicht tun, Daddy«, äffte er mich nach. Der Schnaps löste seine Zunge. Wenn er aus den Zydecobars zurückkam, die nichts weiter als schäbige Hütten am Wasserrand waren, war er meistens bösartiger als ein Waschbär, der in einer Falle sitzt. Ich war noch nie in einer Zydecobar gewesen, aber ich wußte, daß das Wort Gemüse bedeutete, alle Arten von Gemüse. Oft hörte ich die afrikanische Cajunmusik im Radio, aber ich wußte, daß sich an diesen Orten mehr abspielte und daß dort nicht nur Musik gehört wurde.
Natürlich brach ich in Tränen aus, wenn Daddy mich verhöhnte, und das brachte Mama gegen ihn auf. Dann stand blanke Wut in ihren Augen. Daddy riß die Arme hoch, als erwartete er, daß ihn aus diesen glänzenden schwarzen Pupillen Blitze trafen. Das ernüchterte ihn schnell wieder, und er floh entweder nach oben oder aus dem Haus und verkroch sich in seiner Fischerhütte im Sumpf.
Mein größtes Problem bestand darin, zu verstehen, warum Mama und Daddy geheiratet und mich bekommen hatten. Sie waren wunderschöne Menschen. Wenn Daddy sich wusch und sich fein anzog, dann war er eine umwerfende Erscheinung, vielleicht sogar der schönste Mann, den ich je gesehen hatte. Sein Teint wies immer die Farbe von Karamel auf, weil er so viel Zeit in der Sonne verbrachte, und diese Bräune betonte die Pracht seiner strahlenden smaragdgrünen Augen. Wenn er nicht gerade in Bier oder Whiskey ertrank, dann ragte er so groß und so kräftig wie eine Eiche auf. Seine Schultern wirkten stark genug, um ein Haus zu tragen, und es waren Geschichten darüber im Umlauf, wie er das hintere Ende eines Automobils hochgehoben hatte, das in einer tiefen Furche festsaß.
Mama war nicht groß, aber sie besaß eine enorme Ausstrahlung. Das Haar trug sie im allgemeinen aufgesteckt, doch wenn sie es offen trug und es um ihre Schultern wehte, sah sie wie ein Engel aus. Ihr Haar hatte die Farbe von Heu, und ihr Teint war hell. Ihre Augen waren nicht übermäßig groß, aber wenn sie sie wütend auf Daddy richtete, schienen sie größer und intensiver zu werden, wie zwei Leuchtfeuer, die näher und immer näher zusammenrückten. Daddy konnte ihr nicht ins Gesicht sehen, wenn sie ihn zur Rede stellte, um ihn auszufragen, was er mit unserem Geld angefangen hatte. Dann hob er die Hand und flehte: »Sieh mich nicht so an, Catherine.« Es war, als könnten ihre Augen wie Flammen den Panzer seiner Lügen durchdringen und sein Herz versengen. Er gestand immer alles und gelobte Reue. Schließlich erbarmte sie sich seiner und ließ ihn auf seinem fliegenden Teppich der Versprechungen auf ein besseres Morgen entwischen.
Je älter ich wurde, desto mehr lebten sich Mama und Daddy auseinander. Sie stritten sich immer häufiger, und ihre Auseinandersetzungen nahmen an Erbitterung zu. Ihre Feindseligkeit steigerte sich, und die Bemerkungen, die sie austauschten, wurden immer spitzer und gemeiner. Es tat weh mit anzusehen, wie wütend sie aufeinander waren. Ich konnte mich noch daran erinnern, daß sie abends zusammen auf der Veranda gesessen hatten, als ich ein Kind war. Daddy hatte sie in den Armen gehalten, und Mama hatte eine Cajunmelodie gesummt. Mir war auch im Gedächtnis haftengeblieben, wie sehr ihn Mama mit ihren Blicken angebetet hatte.
Damals schien unsere Welt vollkommen zu sein. Daddy hatte das Haus für uns gebaut, und mit seiner Austernfischerei und seinen häufigen Gelegenheitsarbeiten als Schreiner verdiente er gutes Geld. Damals verdingte er sich noch nicht als Führer für reiche kreolische Jäger, und daher gab es keinen Streit über das Abschlachten von schönen Tieren. In diesen frühen Zeiten schienen wir immer mehr zu haben, als wir brauchten. Wir bekamen auch Geschenke von den Leuten, die Mama für ihre Heilkünste und die Rituale entschädigen wollten, die sie durchführte.
Ich wußte, daß Daddy glaubte, Mamas Kräfte seien für ihn ein Segen und gäben ihm Schutz. Er erzählte mir einmal, nachdem er sie geheiratet hatte, hätte sich sein Los gewendet. Mit der Zeit begann er jedoch zu glauben, daß eben dieser spirituelle Schutz sich auch dann auf ihn übertrug, wenn er in Hinterzimmern dem Glücksspiel frönte, und das war nach Mamas Angaben der erste Schritt zu seinem Untergang.
Was ich mich jetzt fragte, war, wie zwei Menschen, die so sehr ineinander verliebt gewesen waren, sich so schnell hatten entlieben können. Ich wollte Mama nicht danach fragen, weil ich wußte, daß meine Fragen sie traurig gemacht hätten, aber ich konnte diese Frage nicht ewig in meinem Innern verschließen. Nach einem besonders üblen Zwischenfall – Daddy war so betrunken nach Hause gekommen, daß er von der Veranda gefallen war und sich den Kopf auf einem großen Stein aufgeschlagen hatte – setzte ich mich zu Mama, die vor Wut schäumte, und ich fragte sie danach.
»Wenn es in deiner Macht steht, für andere durch das Dunkel zu schauen, warum konntest du es dann nicht für dich selbst tun, Mama?«
Sie sah mich lange Zeit an, ehe sie etwas darauf erwiderte.
»Es gibt nicht zufällig einen jungen Mann, den du angesehen hast, und etwas in deinem Innern hat begonnen zu prickeln?«
»Nein, Mama«, sagte ich.
Sie dachte wieder lange Zeit nach und nickte dann.
»Vielleicht ist das gut so.« Dann seufzte sie tief und schaute in die Dunkelheit, die die Eichen und Zypressen auf der anderen Seite des Pfades umgab. »Die Gabe des spirituellen Heilens ist an mich weitergegeben worden, und so bin ich Traiteur geworden, aber das heißt noch lange nicht, daß ich nicht in allererster Linie eine Frau bin«, sagte sie. »Als mir Jack Landry das erste Mal unter die Augen gekommen ist, habe ich geglaubt, ich hätte einen -jungen Gott gesehen, der aus dem Sumpf spaziert ist. Er hat ausgesehen wie jemand, für dessen Erschaffung sich die Natur besonders viel Zeit gelassen hat.
Was sich in mir breitgemacht hat, war nicht etwa ein Prickeln, nein, in mir hat eine Sturmflut der Leidenschaft aufgewogt, die so stark war, daß ich geglaubt habe, mein Herz würde in Stücke springen. Ich habe gespürt, daß ich ihm gefallen habe, als er mich angesehen hat, und das hat mich noch mehr erregt. Es passiert etwas, wenn die Frau in dir die Oberhand gewinnt, Gabrielle. Du hörst auf zu denken; du verläßt dich nur noch auf deine Gefühle, wenn du Entscheidungen triffst.
Du erinnerst dich noch an die Geschichte, die ich dir von dem Schuster erzählt habe, der so hart für alle anderen gearbeitet hat, daß er selbst keine Schuhe hatte?«
»Ja, Mama. Ich kann mich gut daran erinnern.«
»Tja, das war ich. Ich konnte nicht voraussehen, was mir innerhalb der nächsten Stunde zustoßen würde, von den nächsten zehn Jahren ganz zu schweigen. Jack Landry war das einzige, was ich sehen wollte, und er war ...« Sie lächelte und lehnte sich zurück. »Auf seine einfache Art war er sehr charmant. Er war gut darin, Geschichten zu erfinden und Versprechungen abzugeben. Und er hat sich immer vor mir aufgespielt. Ich erinnere mich noch an das Richtfest bei den Daisys. Nachdem das Dach gedeckt war, ist ein Picknick veranstaltet worden, und alle haben Spiele gespielt. Dein Vater hat sich auf einen Ringkampf mit drei Männern gleichzeitig eingelassen, und er hat sie alle besiegt, und das nur, weil ich zugesehen habe. Das war allen klar. Sie haben gesagt: ›Du hast diesem Mann Leben eingehaucht, Catherine.‹ Dann hat er sich angewöhnt, das ebenfalls zu sagen, und mit der Zeit habe ich selbst daran geglaubt.«
»Du bist inzwischen alt genug, und daher kann ich dir erzählen, daß dein Vater ein wunderbarer Liebhaber war. Wir haben ein paar gute und wunderschöne Jahre miteinander verbracht, ehe es mit uns bergab gegangen ist.« Wieder stieß sie einen tiefen Seufzer aus. »Hüte dich vor Versprechungen, Gabrielle, sogar vor denen, die du selbst abgibst. Versprechungen sind wie Spinnennetze, die wir weben, um unsere eigenen Träume in ihnen einzufangen, aber es liegt in der Natur von Träumen, daß sie verblassen, bis einem nichts anders mehr bleibt als das Spinnennetz.«
Ich hörte aufmerksam zu, verstand jedoch nicht alles, denn ich dachte mir, wenn Mama mit all ihrer Weisheit in der Liebe Fehler machen konnte, wie stand es dann erst um mich?
Darüber hatte ich mir viele Gedanken gemacht, nachdem ich mich auf dem Heimweg von Evelyn und Yvette getrennt hatte. Ihre Fragen hatten die altbekannten Fragen wieder an die Oberfläche gebracht, die ich mir zu meiner eigenen Person stellte.
Dann hörte ich, wie das Fliegengitter ein zweites Mal zugeschlagen wurde, und diesmal folgte Mamas wütendes Geschrei auf den Knall.
»Du wirst mir nicht mehr unter die Augen kommen, ehe du dieses Geld zurückbringst, Jack Landry, hast du mich gehört? Das war das Geld für Gabrielles Aussteuer, und das hast du genau gewußt, Jack. Ich will jeden einzelnen Penny ersetzt haben! Hast du mich gehört? Jack?«
Ich fiel in einen Laufschritt und kam gerade noch rechtzeitig um die Wegbiegung, um zu sehen, wie Daddy durch das hohe Gras stampfte. Seine Wasserstiefel schimmerten in der Nachmittagssonne, sein Haar war zerzaust, und er fuchtelte mit den Armen. Mama stand auf der Veranda, hatte die Arme vor dem Busen verschränkt und sah finster hinter ihm her. Sie sah mich nicht kommen und machte wütend auf dem Absatz kehrt, um wieder in die Hütte zu eilen.
Daddy begann, auf unserem kleinen Anlegesteg auf und ab zu laufen, und dabei schrie er in den Wind und fuchtelte wild mit den Armen. Ich zögerte und entschloß mich dann, erst einmal mit ihm zu reden. Er hörte auf zu toben und zu wüten, als er mich näherkommen sah.
»Sie hat dich zu mir rausgeschickt? So ist es doch?« fragte er barsch.
»Nein, Daddy. Ich bin gerade erst von der Schule zurückgekommen und habe den Aufruhr gehört. Ich habe noch nicht mit Mama gesprochen. Was ist denn jetzt schon wieder passiert?«
»Pah«, sagte er, winkte mir zu und wandte sich dann ab. Er stemmte die Arme in die Hüften, kehrte mir den Rücken zu und blieb stehen. Seine Schultern sanken herunter, als trüge er den Stamm einer Zypresse darauf.
»Ich habe gehört, daß es um Geld gegangen ist, als sie dich angeschrien hat«, sagte ich.
Er wirbelte herum. Sein Gesicht war rot angelaufen, doch seine Mundwinkel waren weiß vor Wut.
»Ich hatte eine Chance, einen Haufen Geld für uns zu verdienen«, erklärte er. »Sogar eine sehr gute Chance. Da kommt dieser Kerl aus der Stadt und verkauft sein Wundermittel, verstehst du? Es kommt aus New York City! Aus New York City!« hob er noch einmal hervor und breitete die Arme aus.
»Was soll es bewirken, Daddy?«
»Es macht einen jünger, es heilt alle Wehwehchen und nimmt jeden Schmerz, und man bekommt keine grauen Haare mehr. Vor allem Frauen können sich ein paar Tropfen ins Gesicht und in die Hände reiben, und Falten verschwinden. Wenn Zähne wackeln, sitzen sie gleich wieder fest. Ich habe selbst die Frau gesehen, die bei ihm war. Sie hat gesagt, sie sei schon weit über sechzig, aber sie hat nicht älter ausgesehen als fünfundzwanzig. Also renne ich zurück zur Hütte und bringe das Geld an mich, das deine Mutter vor mir versteckt hat. Sie glaubt, ich weiß nicht, was sie mit all diesen Münzen anfängt ... Jedenfalls gehe ich wieder hin und kaufe dem Mann seinen gesamten Vorrat von dem Wundermittel ab. Dann komme ich wieder nach Hause und sage deiner Mutter, sie braucht nichts weiter zu tun, als ihren Kunden zu erzählen, was dieses Mittel bewirkt, und sie werden es ihr für das Zweifache des Preises aus der Hand reißen. Schließlich glaubt jeder alles, was sie sagt, oder etwa nicht? Wir verdoppeln das Geld, und zwar schnell!«
»Was ist passiert?«
»Pah.« Er fuchtelte mit einem Arm durch die Luft und wies auf die Hütte. Dann biß er sich auf die Unterlippe. »Sie geht einfach nur her und kostet es, und dann sagt sie, das ist nichts weiter als Ingwer, Zimt und eine Menge Salz. Sie sagt, es ist nicht mal die Flasche wert, in die es abgefüllt ist. Sie kann es niemandem empfehlen, ganz gleich, zu welchem Zweck. Ich schwöre ...«
»Warum hast du nicht für den Anfang eine einzige Flasche gekauft, sie nach Hause gebracht und ihr gesagt, sie soll sich das Mittel einmal näher ansehen, ehe du den gesamten Vorrat aufgekauft hast, Daddy?«
Er sah mich finster an.
»Wenn ihr nicht beide vom selben Schlag seid. Genau das hat sie auch zu mir gesagt. Und dann hat sie angefangen zu toben und zu wüten. Ich bin natürlich noch einmal zurückgegangen und habe mich auf die Suche nach dem Mann gemacht, aber da waren er und diese Dame längst verschwunden. Und ich wollte doch nur eine Menge Geld für uns verdienen«, jammerte er.
»Ich weiß, daß du es gut gemeint hast, Daddy. Du würdest unser Geld nicht einfach zum Fenster rauswerfen.«
»Siehst du? Wie kommt es, daß du mich verstehst und sie nicht?«
»Vielleicht kommt es daher, daß du solche Dinge schon sehr oft getan hast, Daddy«, sagte ich mit ruhiger Stimme.
Er zog die Augenbrauen hoch.
»Maria und Josef. Ein Mann kann nicht mit zwei Frauen zusammenleben, die endlos und ewig an ihm rumnörgeln. Er braucht Raum zum Atmen, damit er in Ruhe nachdenken und auf gute Ideen kommen kann.« Er sah sich nach der Hütte um.
»Hast du noch Geld?«
»Ich habe zwei Dollar«, sagte ich.
Gib sie mir, und ich versuche, sie beim Bourre zu verdoppeln«, sagte er. Das war ein Kartenspiel, eine Mischung aus Poker und Bridge. Mama sagte, sie hätte weniger Haare auf dem Kopf als die Anzahl der Male, die Daddy bei diesem Spiel verloren hatte.
»Mama haßt es, wenn du unser Geld verspielst, Daddy. Wir müssen Rechnungen bezahlen und ungebleichte Baumwolle zum Weben kaufen und ...«
»Jetzt gib mir schon das Geld, ja?«
Daddy streifte Probleme immer ab wie Fusseln, die keinerlei Beachtung wert waren.
Ich kramte die zwei Dollar aus meiner Handtasche und hielt sie ihm hin. Er nahm sie, stopfte sie in die Hosentasche und stieg dann in die Piragua.
»Ich habe nur noch zwei Schultage vor mir, Daddy«, sagte ich. »Am Sonntag ist die Abschlußfeier. Vergiß das nicht.«
»Wie könnte ich das je vergessen? Deine Mutter schwätzt den ganzen Tag über nichts anderes mehr.« Er sah sich wieder nach der Hütte um. »Ich weiß auch nicht, warum sie sich wegen der Aussteuer solche Sorgen macht. Auf dich wartet sowieso kein Heiratskandidat. Wenn du weiterhin auf diese Frau hörst, wirst du noch als alte Jungfer enden, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, Hüte zu flechten und Decken zu weben. Hast du mich gehört?«
Ich nickte und lächelte ihn an.
»Pah«, sagte er und stieß sich vom Anlegesteg ab. »Wozu rede ich überhaupt? Mir hört ja doch niemand zu«, sagte er und schaute finster auf das Haus. Ich beobachtete, wie er die Piragua durch die dunklen Schatten stakte. Ehe ich mich abwandte, sah ich noch, wie er eine Hand in die Hüfttasche steckte und eine kleine Flasche Whiskey herauszog. Er leerte die Flasche und warf sie dann im hohen Bogen weg. Wasser spritzte auf, als sie landete, und einen Moment lang funkelte sie, ehe sie unterging und aus meiner Sicht verschwand wie Daddy, der um eine Biegung stakte, die von blühendem Geißblatt gesäumt wurde.
Mama saß am Küchentisch und hatte sich die Hände vor die Augen geschlagen, als ich das Haus betrat. Ich legte eilig meine Bücher hin und ging zu ihr.
»Es wird alles wieder gut werden, Mama. Ich brauche dieses Geld im Moment ohnehin nicht.«
Sie blickte auf, und in ihrem Gesicht stand eine solche Müdigkeit, daß sie um Jahre gealtert wirkte. Ich hatte das Gefühl, auch ich könnte einen Blick in die Zukunft erhaschen, aber mir gefiel nicht, was ich sah. Es war, als hätte sich eine kalte Hand um mein Herz geschlossen.
»Es ist weg«, stöhnte sie. »Wie alles andere, was dieser Mann berührt.« Sie lächelte und strich mir ein paar lose Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Ich will doch nur, daß du es einmal besser hast«, sagte sie.
»Mir fehlt es an nichts, Mama. Wirklich nicht.«
Sie lachte und schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, das meinst du tatsächlich ernst«, sagte sie und seufzte so tief, daß ich glaubte, sie hätte den letzten Eimer Kraft aus dem tiefen Brunnen ihrer Seele geschöpft. »Wie dem auch sei, ich nehme an, jeder wirklich brave Mann, der sich in dich verliebt und der dich zur Frau haben will, wird sich nicht daran stören, daß du keine Aussteuer mitbringst. Er wird dich selbst als die Aussteuer ansehen, deine gütige Art und deine große Schönheit. Das ist ohnehin schon mehr, als irgendein Mann verdient.«
»Ich bin nicht schöner als andere Mädchen, Mama.«
»Oh, doch, das bist du, Gabrielle. Es ist ein Wunder, daß dir das nicht selbst auffällt und daß du nicht vor Arroganz vergehst.« Sie sah sich um und erweckte dabei den Anschein eines Menschen, der einen Moment lang die Orientierung verloren hat, der vollständig vergessen hat, wer er ist und wo er sich gerade aufhält. »Ich habe noch nicht einmal angefangen, mich an die Roux für das Abendessen zu machen, so sehr hat mich dieser Mann in Wut versetzt.«
»Das macht nichts, Mama. Das übernehme ich schon«, sagte ich. Jede Frau im Bayou hatte ihr eigenes kleines Geheimnis, wenn es darum ging, die Sauce zuzubereiten. Mamas Spezialität, die sie mir beigebracht hatte, war Gumbo mit Filé, einem Pulver, von dem sie sagte, es käme von den Choctaw-Indianern und würde aus den zerstoßenen Blättern des Sassafras hergestellt. Dieses Pulver sorgte garantiert für freie Nebenhöhlen. »Du gehst jetzt auf die Veranda und setzt dich ein Weilchen hin. Mach schon«, beharrte ich.
»Dieser Mann«, sagte sie, »versetzt mich immer wieder in eine heillose Wut.«
Schließlich gab sie nach und ging nach draußen, um sich auf ihren Schaukelstuhl zu setzen. Da der Sommer schon nahte, stand die Sonne am späten Nachmittag noch hoch am Himmel. Manchmal wehte eine kühle Brise vom Golf zu uns herauf, und um diese Tageszeit war genug Schatten auf der Veranda. Man konnte es gut dort aushalten. Trotzdem beschloß ich, schwimmen zu gehen, nachdem ich die Roux zubereitet hatte und es auf kleiner Flamme kochte.
»Das riecht gut«, sagte Mama, als ich zu ihr hinauskam. »Dieser Mann hat heute abend keine leckere Mahlzeit verdient, und wahrscheinlich bekommt er auch keine. Was hat er gesagt, wohin er geht?« fragte sie, und ihre Augen kniffen sich argwöhnisch zusammen. Sie machte sich Sorgen darüber, was er als nächstes anstellen würde. Ich wollte ihr nicht erzählen, daß er mir meine zwei Dollar abgenommen hatte und auf dem Weg zu einem Kartentisch in irgendeiner Zydecobar war, in der er ohne weiteres in eine Schlägerei geraten konnte. Anstelle einer Lüge ließ ich lediglich die Information unter den Tisch fallen.
»Er ist stromabwärts gestakt, Mama.«
»Pah«, sagte sie und schaukelte energischer. »Er wird sturzbetrunken nach Hause kommen, das kann ich dir jetzt schon sagen. Wahrscheinlich wird er die ganze Nacht auf der Veranda auf dem Boden schlafen. Das wäre nicht das erste Mal.«
»Mach dir keine Sorgen, Mama. Wir schaffen das schon«, sagte ich und drückte ihre Hand.
»Nur noch ein paar Tage bis zu deinem Schulabschluß«, sagte sie. »Denk immer daran. Zur Abwechslung mal etwas Schönes, was wir feiern können«, fügte sie hinzu. Dann beugte sie sich vor, um mich auf die Wange zu küssen, ehe sie sich wieder zurücklehnte und endlich das Handtuch in meiner Hand bemerkte.
»Was hast du vor, Gabrielle?«
»Ich gehe nur kurz im Teich schwimmen, Mama«, sagte ich.
»Paß gut auf, hörst du?«
»Ja, Mama.«
Ich sprang die Stufen hinunter und lief an den Anlegesteg, an dem meine Piragua vertäut war. Daddy hatte sie für mich gebaut, als ich erst acht Jahre alt gewesen war. Mit acht war ich bereits eine gute Schwimmerin, und schon bald darauf konnte ich auch schon recht gut durch die Wasserläufe staken. Anfangs fand Daddy das amüsant. Er prahlte ständig mit seiner noch so jungen Tochter, die sich besser als die meisten modernen Fischer um die verzwicktesten Krümmungen und durch die schmalsten Wasserläufe winden konnte.
Als ich noch kleiner war, entfernte ich mich nie zu weit vom Haus, doch als ich älter und kräftiger wurde, wagte ich mich weiter und immer weiter in die Sümpfe hinein, bis ich sie so gut wie Daddy kannte und sogar Orte fand, die er noch nicht gesehen hatte. Mein liebster Platz war ein kleiner Teich etwa eine Viertelmeile östlich von unserem Haus. Ich war darauf gestoßen, als ich mich durch überwucherte Zypressen gearbeitet hatte. Urplötzlich hatte der Teich vor mir gelegen, still, friedlich und abgeschieden und mit einem großen Felsen in der Mitte, auf dem ich mich sonnen konnte. Um diese Tageszeit durchdrang die Sonne das dichte Moos, das Eichenlaub und die Zypressennadeln und zauberte einen Schleier aus zartem Sonnenschein über das teefarbene Wasser, das an jenem Nachmittag auffallend klar war. Ich konnte kleine Steine und Pflanzen sehen, Schildkröten und Brassen. Die Frösche stimmten einen lauten Chor an, als die Sonne hinter den hohen Bäumen versank, und mit ihrem Quaken brachten sie mir ein Ständchen. Nutrias huschten umher, kamen aus ihren Bauten am Ufer des Teichs und verschwanden wieder darin, und ein Silberreiherpärchen spazierte auf dem großen Felsen herum. Sie flogen noch nicht einmal auf, als ich näherkam.
Die Herrin des Teiches war ein dunkelblauer Reiher, der sein Nest in einer knorrigen Eiche am Nordufer gebaut hatte.
Wir beide hatten enge Bekanntschaft miteinander gemacht, und es war mir sogar gelungen, das Vogelweibchen dazu zu bringen, daß es auf dem Felsen landete, während ich dort saß. Anfangs war es auf Distanz bedacht, stolzierte vorsichtig über die Ränder des Felsens und behielt jede meiner Bewegungen im Auge. Ich sprach leise mit ihm, bewegte mich jedoch kaum, und mit der Zeit kam es so nah an mich heran, daß ich die Hand hätte ausstrecken und es berühren können, wenn ich es gewollt hätte. Ich tat es jedoch nie, da ich wußte, daß ich es damit nur erschreckt hätte. Diese ungeschriebene Abmachung bestand zwischen uns. Der Vogel vertraute mir, solange ich keinen Vertrauensbruch beging. Mir genügte es, ihn aus der Nähe zu sehen und zu beobachten, wie er aus dem Nest herabtauchte und anmutig über das Wasser des Teichs glitt, den wir friedlich miteinander teilten.
Als ich an jenem Nachmittag zu dem Teich stakte, sah ich, daß das Vogelweibchen es sich in seinem Nest behaglich gemacht hatte. Ein Schwarm Brassen veranstaltete ein Freßgelage zwischen den Rohrkolben und den Seerosenplacken. Eine sanfte, aber beständige Brise wehte durch den Sumpf und ließ das Moos auf den toten Zypressen flattern. Die Sonne hatte genau den Stand erreicht, von dem aus ihre Strahlen auf den großen Felsen fielen. Hier wurden Kummer und Sorgen und jede Angst und jeder trübsinnige Gedanke aus meinem Herzen verscheucht. Niemand schrie hier, niemand weinte. Keine Drohungen und keine Klagen waren zu vernehmen, abgesehen von den Beschwerden der Reiher, wenn die Sumpffalken den Eiern in ihren Nestern zu nahe kamen.
Ich band meine Piragua an einem Ast fest, der dicht neben dem Felsen aus dem Wasser ragte, und dann zog ich mein Kleid aus, öffnete den Verschluß meines BHs und stieg aus meinem Höschen. Ich ließ meine Kleidungsstücke ordentlich gefaltet im Kanu liegen, nahm mein Handtuch und stieg auf den Felsen, um es dort auszubreiten und mich hinzulegen. In der Natur war alles unbekleidet; es erschien mir richtig, ebenfalls meine Kleider abzulegen, wenn ich mich in der Natur befand. Die Nacktheit vermittelte mir ein Gefühl von Freiheit, und ich liebte es, die Sonne überall auf meinem ganzen Körper zu spüren. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und sah lächelnd in die Sonnenstrahlen, die meine Wangen küßten und meine Brüste streichelten. Als es mir zu warm wurde, tauchte ich in den Teich ein und schwamm im Kreis um den Felsen herum. Dann kehrte ich klatschnaß, aber kühl und erfrischt auf den Felsen zurück, um noch ein Weilchen dort zu liegen, ehe ich mich wieder auf den Weg nach Hause machte, wo mich vermutlich ein Abendessen erwartete, das Mama und ich allein miteinander einnehmen würden. Daran wollte ich im Moment nicht denken.
Ich war beinah eingeschlafen, als ich unverkennbare plätschernde Geräusche hörte und die Augen aufschlug. Zuerst sah ich nichts, und dann war er plötzlich da, blickte von seiner Piragua aus zu mir auf und lächelte strahlend. Ich erkannte ihn sofort. Es war Monsieur Tate, der Besitzer der größten Konservenfabrik in Houma. Er war ein Mann von Ende zwanzig und kinderlos verheiratet, jedenfalls bisher. Bei zwei Gelegenheiten hatte es sich ergeben, daß Daddy für ihn gearbeitet hatte. Er war ein gutaussehender Mann, groß und schlank und mit Haar von der Farbe, die wir Cajuns chatlin nannten, eine Mischung aus Blond und Braun. Ich hatte ihn nie anders als mit Jackett und Krawatte gesehen.
Mr. Tate war Fischen gewesen und trug im Moment nur ein T-Shirt und eine robuste Arbeitshose.
Ich schnappte nach Luft und zog das Handtuch unter mir heraus, um mich hineinzuhüllen. Mein Herz pochte dreimal so schnell wie sonst, und ich hielt den Atem an. Eine nahezu lähmende Taubheit ergriff Besitz von mir.
»Du bist so ziemlich das hübscheste Geschöpf, das ich je in diesem Sumpf gesehen habe«, sagte er. Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg und mein Hals sich rötete. Ich zog die Beine an und rollte mich zu einer Kugel zusammen, doch er schaute mich weiterhin an. »Ich hätte nicht gedacht, daß außer mir noch jemand diesen Teich kennt. Hier habe ich den größten Sac-au-lait aller Zeiten gefangen.«
»Ich habe auch nicht gewußt, daß außer mir noch jemand etwas von diesem Teich weiß«, sagte ich und stand kurz vor den Tränen.
»Das macht doch nichts. Nacktbaden ist nichts Böses. Ich habe es schon lange nicht mehr getan, aber dieses Wasser lädt wahrhaft dazu ein.«
Ich wartete und rechnete damit, er würde einfach umkehren und wieder durch die Zypressen staken, doch er stand da und lächelte.
»Oui, oui«, sagte er, »das scheint mir eine ganz ausgezeichnete Idee zu sein.« Er zog sich das T-Shirt über den Kopf und begann, seine Hose aufzuknöpfen. Ich starrte ihn ungläubig an. Im nächsten Moment war er nackt und schämte sich seiner überhaupt nicht. Er lachte und sprang in den Teich.
»Es ist einfach wunderbar!« rief er mir zu. »Komm doch auch ins Wasser.«
»Nein, Monsieur. Ich muß mich auf den Heimweg machen«, sagte ich.
»So ein Unsinn. Komm rein. Ich beiße nicht.«
Mein blauer Reiher, den Monsieur Tates Gegenwart aufgescheucht hatte, glitt über das Wasser und flog dann über die Bäume fort, ein Omen, dem ich größere Beachtung hätte schenken sollen.
»Nein«, sagte ich und begann, mich zentimeterweise an den Rand des Felsens und zu meiner Piragua vorzuarbeiten. Als er sah, was ich vorhatte, schwamm er zu meinem Kanu und erreichte es eher als ich. Er band es los und schwamm zu seinem eigenen Boot zurück.
»Monsieur!« rief ich aus. »Was tun Sie da?« Er lachte und band mein Kanu an seines.
»Jetzt mußt du schwimmen«, sagte er. »Komm schon. Spring rein.«
Ich schüttelte den Kopf. »Bringen Sie sofort mein Piragua zurück.«
Er benahm sich, als könnte er mich nicht hören, schwamm um die Kanus herum und kam dann wieder zu dem Felsen. Ich wich zurück, als er sich aus dem Wasser und auf den Stein schwang.
»Es ist ein schönes Gefühl, mit der Natur im Einklang zu sein, au naturel zu sein, n’est-ce pas, Gabrielle?«
»Bitte, Monsieur«, sagte ich.
»Hab keine Angst«, sagte er und kauerte sich neben mich, Dann ließ er sich auf den Felsen sinken, legte sich auf den Rücken und faltete die Hände hinter dem Kopf, wie auch ich es getan hatte. Mein Herz pochte heftig. Hier lag er jetzt, ein verheirateter Mann, der sich nackt neben mir ausgestreckt hatte. »Oh, tut das gut«, sagte er. »Seit wann kommst du schon hierher?«
Ich saß mit angezogenen Knien da und hatte mir das Handtuch eng um die Schultern geschlungen. Konnte er denn nicht sehen, in welche Verlegenheit er mich gebracht hatte? Er benahm sich, als unterhielten wir uns seelenruhig miteinander auf einem Picknick, das die Sonntagsschule veranstaltet hatte, doch mein Unterleib fühlte sich ausgehöhlt an, als hätte jemand eine tiefe Furche hineingemeißelt.
»Schon lange«, sagte ich.
»Sehr gut. Ich kann das gut verstehen. Du hast ein kleines Stück vom Paradies gefunden. Ein wunderschönes Fleckchen Erde. Ich lasse zu gern den Lärm und die Geschäftigkeit meines Betriebs hinter mir zurück und flüchte mich an einen Ort wie diesen, an dem man ungestört seinen Gedanken nachhängen und mit der Natur in Einklang kommen kann. Genau das tust du doch, nicht wahr, Gabrielle? Alle nennen dich La Fille au Naturel. Jetzt verstehe ich, warum sie dich so nennen«, sagte er lächelnd. Ich errötete wieder und wandte eilig den Blick ab.
»Bitte, Monsieur.«
»Was ist denn? Ein so schönes Mädchen wie du muß doch schon mit einem Mann zusammen gewesen sein, oder etwa nicht?«
»Nein, Monsieur. Nicht in dieser Form.«
»Wirklich nicht?« Er drehte sich auf die Seite und streckte eine Hand aus, um sie auf meinen Schenkel zu legen. Fast wäre ich von dem Felsen gesprungen. »Schon gut. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Das ist ebenso natürlich wie ... wie deine Fische und Vögel.«
»Aber Sie sind verheiratet, Monsieur.«
»Verheiratet«, sagte er, als sei es ihm abscheulich, dieses Wort auch nur in den Mund zu nehmen. »Ich habe überstürzt geheiratet, und noch dazu aus den falschen Gründen«, fügte er hinzu.
Ich warf einen Blick auf ihn. War denn niemand glücklich verheiratet? Ließen sich alle zum Narren halten?
»Welche Gründe?« fragte ich. Er berührte mich wieder und ließ einen Finger über meinen Oberschenkel gleiten wie durch Sand an einem Strand.
»Geld, Reichtum, Einfluß. Die Konservenfabrik hat Gladys’ Vater gehört.«
»Sie waren nicht verliebt?«
Er lachte und drehte sich wieder auf den Rücken.
»Liebe«, brachte er mit verkniffenen Lippen heraus. Er sagte es ganz so, als hinterließe dieses Wort einen ekelhaften Nachgeschmack auf seiner Zunge. »Ich habe von Liebe gesprochen, und sie hat von Liebe gesprochen, aber keiner von uns beiden hat daran geglaubt. Wir haben unsere Lügen wie Rizinusöl geschluckt und uns vor dem Geistlichen das Jawort gegeben. Selbst er hatte seine Zweifel, als er uns zu Mann und Frau erklärt hat. Das konnte ich in seinen Augen sehen. Mon Dieu. Liebe. Gibt es so etwas tatsächlich?«
»Ja«, sagte ich mit fester Stimme.
»Deine Mutter und dein Vater, sind die beiden etwa wirklich ineinander verliebt?« fragte er herausfordernd, und seine Augen lachten.
»Sie waren es früher einmal«, erwiderte ich. Er starrte mich einen Moment lang an und lächelte dann.
»In jemanden wie dich könnte ich mich im Handumdrehen verlieben.«
»Monsieur Tate!«
»So alt bin ich nun auch wieder nicht«, wandte er ein. »Yvette Livaudis, ein Mädchen in deiner Klasse, wird einen Mann heiraten, der älter ist als ich, stimmt’s?« Im Bayou war jeder über die Angelegenheiten aller anderen informiert. Daher wunderte es mich nicht, daß er über Yvette Bescheid wußte. »Du solltest mich nicht für zu alt halten.«
»Sie sind nicht alt, Monsieur«, gestand ich ihm zu.
»Richtig. Ich bin nicht alt.« Er warf einen Blick auf unsere Kanus und sah dann mich wieder an. »Ich werde jetzt zurückschwimmen und dein Kanu holen«, erbot er sich.
»Danke, Monsieur.«
»Für einen Kuß«, fügte er lächelnd hinzu.
»Nein, Monsieur!« Ich zuckte zusammen.
»Und warum nicht? Das ist doch wirklich harmlos. Nichts weiter als ein Kuß, und du hast deine Freiheit wieder.« Er setzte sich auf und beugte sich zu mir vor. Ich wandte mich ab, bis ich seine Lippen erst auf meiner Schulter und dann auf meinem Nacken spürte. Ich begann, Einwände zu erheben, als er die Hände hinter meinen Kopf legte und meine Lippen näher an seine zog. Dann küßte er mich. Ich versuchte, mich von ihm loszureißen, aber er hielt mich fest. Ich spürte seine Zunge zwischen meinen Lippen, und dann glitt seine Hand seitlich an meinem Körper hinauf, bis die Handfläche meine Brust gefunden hatte. Ich wich zurück, und er lachte.
»Hat dir das etwa nicht gefallen?«
Ich schüttelte den Kopf und preßte das Handtuch an meinen Busen.
»Zum Kanu«, rief er und sprang vom Felsen. Er schwamm zügig und stieg in mein Kanu. »Hab keine Angst, holde Maid. Ich eile zu deiner Rettung herbei.«
Er begann, mein Kanu zum Felsen zu staken, und dabei benahm er sich, als seien wir zwei spielende Kinder. Nachdem er den Felsen erreicht hatte, blieb er im Kanu stehen und streckte seine Hand aus.
»Komm schon. Ich helfe dir beim Einsteigen.«
»Ich kann allein einsteigen. Das habe ich schon oft genug getan.« Während ich mit ihm sprach, bemühte ich mich, ihn nicht anzusehen, wie er splitternackt dastand.
»Gewiß, Mademoiselle, daran zweifle ich nicht, aber wir sind von Alligatoren umzingelt.«
»Sind wir nicht«, sagte ich.
»Du kannst sie nicht so deutlich sehen wie ich. Komm schon«, sagte er einschmeichelnd. Da ich keine andere Möglichkeit sah, ihn endlich loszuwerden, reichte ich ihm die Hand und schlug dabei die Augen nieder. Als ich jedoch in das Kanu stieg, umarmte er mich und preßte seinen Körper an meinen. Das Boot geriet ins Wanken, als ich darum rang, mich von ihm loszureißen.
»Du wirst noch ins Wasser fallen«, sagte er.
»Bitte, lassen Sie mich los«, flehte ich. Und dann fielen wir tatsächlich in den Teich. Er schrie auf, als wir unter Wasser sanken. Als ich wieder an die Oberfläche kam, hatte ich mein Handtuch verloren, und er kletterte bereits wieder in mein Kanu.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Ja, mir fehlt nichts«, sagte ich. »Und jetzt verschwinden Sie.«
»Vorher muß ich mich wie ein Gentleman benehmen und dich in Sicherheit bringen«, beharrte er. »Jetzt komm schon.« Er streckte eine Hand aus und umklammerte mein Handgelenk. Ich kletterte über den Bootsrand, und er ließ sich nach hinten sinken, während er mich hochzog. Diesmal landete ich auf ihm, und er schlang mir die Arme um die Taille. Sein Mund lag wieder auf meinem, und dann glitten seine Lippen schnell über meinen Hals und zu meinen Brüsten hinunter, und er begleitete seine Küsse mit Gelächter. Ich versuchte, mich zu wehren und mich von ihm loszureißen, aber er war zu kräftig, und daher konnte er sich mit mir umdrehen, so daß ich unter ihm lag. Dann zog er sich auf die Ellbogen und lächelte.
»Eine gewaltige Versuchung, wie du daliegst und auf einen Mann wie mich wartest.«
»Bitte, Monsieur. Ich warte auf niemanden.«
»Du hast keinen Freund, der jeden Moment kommen könnte?« fragte er mit einem skeptischen Blick.
»Nein. Bitte.«
»Hör bloß auf. Du erwartest doch nicht etwa von mir, daß ich glaube, die Tochter eines Mannes wie Jack Landry sei nicht auf Abenteuer aus? Weshalb willst du dich mit einem jungen Knaben begnügen, wenn dir ein echter Mann zur Verfügung steht?« beharrte er.
Ehe ich noch weitere Einwände erheben konnte, ließ er sich auf mich sinken und zwängte sich zwischen meine Beine. Ich spürte, wie der harte Gegenstand, der sich zwischen seinen Beinen aufgerichtet hatte, mich berührte, und dann stieß er fester zu und ließ sein gesamtes Körpergewicht auf meine Arme sinken und hielt mich damit auf dem Boden fest, während er immer näherkam, bis ...
Im ersten Moment war ich betäubt vor Schock, aber je mehr ich mich wand, desto größeren Genuß bereitete ihm, was er tat und desto fester hielt er mich. Ich war unter ihm eingezwängt und spürte seinen heißen Atem auf meinem Gesicht. Er murmelte und flehte und stieß sich tiefer und immer tiefer in mich hinein, und seine Stöße wurden immer schneller, immer brutaler, bis ich endlich spürte, wie er erschauerte. Ich stieß einen winzigen Schrei aus und hörte auf, mich zu wehren, als er mich mit der Glut seiner Lust und seiner Leidenschaft füllte. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und abzuwarten, bis es vorbei war.
Nachdem es dazu gekommen war, lagen wir beide stumm da. Ich rührte mich nicht, aber ich konnte spüren, wie er sich. hochzog. Ich hielt die Augen weiterhin geschlossen und hoffte nur, ich könnte die Erinnerung an das, was geschehen war, aus meinem Leib und meiner Seele auslöschen, wenn ich ihn bloß nicht ansah.
»Es tut mir leid«, sagte er. »Ich konnte mich ... einfach nicht zusammenreißen. Du bist so wunderschön, und meine Frau und ich ... wir ... Es ist schon eine ganze Weile her. Es tut mir leid. Dir ist nichts passiert. Das ist nichts weiter. Wirklich. Dir fehlt nichts.«
Ich wartete. Dann hörte ich, wie er in das Wasser eintauchte und zu seiner eigenen Piragua zurückschwamm. Ich öffnete die Augen, als er sich gerade in sein Kanu zog. Ich setzte mich auf und holte tief Atem. Alles Blut war aus meinem Gesicht gewichen. Ich glaubte, ich würde in Ohnmacht fallen. Er zog sich so schnell wie möglich an und warf dabei immer wieder einen Blick auf mich. Dann griff er nach seiner Stange.
»Es ist alles in Ordnung. Du kannst es getrost vergessen«, sagte er und begann dabei, sich abzustoßen. »Ich werde nie mehr hierher zurückkommen. Das verspreche ich dir. Dieser Ort wird wieder ganz allein dir gehören. Bonjour«, fügte er hinzu, als hätten wir gerade eine Tasse Tee miteinander getrunken. Wenige Momente später war er verschwunden.
Die Piragua schaukelte im Wasser. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Um mich herum herrschte Totenstille. Sogar die Frösche hatten aufgehört zu quaken. Nur die Insekten kreisten wie verrückt über dem Wasser, doch die Brassen, die der Tumult auf dem Wasser erschreckt hatte, waren tiefer in den Sumpf hineingeschwommen und warteten in der Kühle der Schatten, bis sie sicher sein konnten, daß keine Gefahr mehr bestand.
Ich fing an zu weinen, hörte jedoch gleich wieder damit auf. Das würde mir nichts nutzen, sondern nur dazu dienen, daß ich einen noch gräßlicheren Anblick bot, wenn ich Mama unter die Augen kam. Davor graute mir. Da ich mich beschmutzt fühlte und mir vorkam, als sei mir Gewalt angetan worden, glitt ich über den Rand der Piragua und schrubbte energisch meinen Körper. Dann stieg ich wieder in das Kanu und zog mich schnell an. Die ganze Zeit über kämpfte ich gegen die Tränen an.
Mir graute bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn alle herausfanden, was Mr. Tate getan hatte. Der Skandal würde schlimmer wüten als ein Orkan. Haßerfüllte Gerüchte würden in Umlauf kommen, und ich war sicher, daß man einen Weg finden würde, mir die Schuld zuzuschieben. Wie kam ich dazu, mich im Sumpf nackt auszuziehen? Diejenigen, die die phantastischen Geschichten darüber erfunden hatten, daß ich mich hemmungslos mit den Tieren im Bayou herumtrieb, würden darin nur eine Bestätigung ihrer abscheulichen Lügen sehen. Und die arme Mama, sie würde die Hauptlast zu tragen haben, wenn dieses Unwetter hereinbrach. Daddy würde nur noch mehr trinken und sich auf noch mehr Schlägereien einlassen.
