V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Die vier jungen Mädchen Misty, Star, Jade und Cat haben eines gemeinsam: Sie kommen aus zerrütteten Familien und konnten bisher mit niemandem ihre schmerzlichen Kindheitserinnerungen teilen. Doch in der Therapiegruppe von Dr. Marlowe lernen die vier, sich einander zu öffnen – und machen zum ersten Mal in ihrem Leben eine wundervolle Erfahrung: Es gibt Menschen, die für ihre Gefühle, vermeintlich, großes Verständnis zeigen ...
Dies hier ist Mistys Geschichte.
Noch nie zuvor als Einzelband erschienen! Ein spannender Roman voller Liebe, Hass und dunkler Geheimnisse – V.C. Andrews´ bewegende Wildflower-Saga!
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Misty"
Edel eBooks
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH
Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright der Originalausgabe © 1999 by the Vanda General Partnership
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.“
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München.
Ins Deutsche übertragen von Susanne Althoetmar-Smarczyk
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Jouve
Inhaltsverzeichnis
KurzbeschreibungTiteleiImpressumPROLOGKAPITEL EINSKAPITEL ZWEIKAPITEL DREIKAPITEL VIERKAPITEL FÜNFKAPITEL SECHSKAPITEL SIEBENKAPITEL ACHT
PROLOG
Wir wurden getrennt zu Dr. Marlowes Haus gebracht. Meine Mutter fuhr mich selbst hin, denn sie war auf dem Weg zu ihrem wöchentlichen Schaufensterbummel mit ihrer Freundin Tammy, der gekrönt wurde von einem Mittagessen mit einigen Freundinnen in einem der teuren Restaurants Santa Monicas in Strandnähe.
Meine Mutter glaubte immer noch, sie hätte eine Chance, entdeckt zu werden und auf dem Titelblatt einer Zeitschrift zu landen. Erst gestern hielt sie ein Zeitschriftencover neben ihr Gesicht und fragte: »Findest du nicht auch, dass ich genauso hübsch bin wie sie, Misty? Dabei bin ich mindestens zehn Jahre älter.«
Zwanzig Jahre älter stimmt wohl eher, dachte ich, wagte es aber nicht zu sagen. Alt zu werden wird bei uns zu Hause definitiv als eine Krankheit betrachtet. Minuten hält man für Krankheitserreger, Tage, Monate und Jahre für Seuchen. Meine Mutter machte Ponce de Leons Suche nach der sagenumwobenen Quelle der Jugend zu einem bloßen Sonntagsschulausflug. Es gibt nichts, was sie nicht kaufen würde, keinen Ort, an den sie nicht gehen würde, wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestünde, den Lauf der Zeit dadurch aufzuhalten. Die meisten ihrer Freundinnen sind genauso und hegen ähnliche Befürchtungen. Ich frage mich nur, ob ich eines Tages auch so werde und in panischer Angst vor grauen Haaren, Falten und Kalziummangel lebe.
Wenn meine Mutter heute nicht nach Santa Monica gefahren wäre, hätte sie wie üblich ein Taxi für mich bestellt und meinem Vater die Rechnung geschickt. Sie schickt ihm liebend
gerne Rechnungen. Jedes Mal, wenn sie einen Umschlag beleckt und schließt, klopft sie mit der geschlossenen Faust darauf und sagt: »Da hast du’s.« Wenn Daddy so einen Umschlag in seiner Post sieht, schneidet er sicher eine Grimasse und sein Portemonnaie schreit »Autsch«.
Ich bin wie ein Dart-Pfeil, mit dem sie jetzt nach ihm wirft. »Sie braucht neue dies; sie braucht neue das. Der Zahnarzt sagt, sie braucht eine Klammer. Sie braucht neue Schulkleidung. Hier ist die Rechnung von ihrem Besuch beim Hautarzt, die Rechnung, die deine Versicherung nicht bezahlt.«
Mom landet immer weitere Volltreffer, sie bestraft meinen Vater mit meinen Bedürfnissen, haut ihm die Kosten für Designerjeans, gepflegte Zähne und alles andere, was sie für Geld kaufen kann, um die Ohren. Sie stürzt sich auf jede neue Rechnung, addiert dann schleunigst und schickt sie ihm so bald als möglich. Einmal ließ sie ihm eine Rechnung durch Kurier ins Büro zustellen, obwohl er noch Tage Zeit hatte, sie zu begleichen.
Daddy bemüht sich, die Ausgaben niedrig zu halten, fragt deshalb manchmal warum und versucht Alternativen zu finden, aber immer wenn er das tut, führt Mommy mir seine Ansichten vor Augen wie ein Torero dem Stier das rote Tuch und schreit: »Siehst du, wie viel du ihm wert bist? Immer ist er auf der Suche nach einem Sonderangebot. Wenn er für alles, was du brauchst, billigere Angebote finden will, soll er doch die ganzen Einkäufe erledigen.«
Daddy sagt, er will nur sichergehen, dass die Sachen auch ihr Geld wert sind.
Ich bin ja so froh, solch besorgte Eltern zu haben. Für alles, was mir beschert wurde, muss ich von Herzen dankbar sein. Wünscht sich nicht jeder, seine Eltern wären geschieden? Ich fragte mich, ob die anderen Mädchen, die heute zu Dr. Marlowe kommen, auch in Peitschen verwandelt worden waren, mit denen ihre Eltern aufeinander einschlugen.
Jade wurde vom Chauffeur ihres Vaters gefahren, weil es zufällig
ihr Wochenende bei ihrem Vater war und dieser noch einen Termin hatte. Alle Mitglieder der WME, Waisen mit Eltern, sind einfach entzückt, wenn sie von einem »wichtigen Termin« hören. Was unsere Eltern normalerweise damit sagen wollen ist: »Ich habe etwas Wichtigeres zu tun, als mich um dich zu kümmern. Wenn ich nicht geschieden wäre, könnte dein Vater einspringen, aber das ist nun mal nicht möglich. Bei uns ist das anders. Du bist wie eine wilde Blume, die außerhalb des Gartens wächst, ohne Pflege, meistens auf sich selbst angewiesen, die für die richtige Menge Regen und Sonnenschein beten muss, weil niemand da ist, um sie zu gießen und zu nähren.«
»Ich muss Scheuklappen angehabt haben, als ich deine Mutter heiratete«, sagt Daddy. Mommy sagt: »Ich muss völlig besoffen gewesen sein. Es gibt keine andere denkbare Erklärung für solch eine Dummheit.«
Sagten die Eltern der anderen Mädchen auch so etwas in ihrer Gegenwart? Manchmal fühlte ich mich wie unsichtbar, als würden meine Eltern einfach vergessen, dass ich anwesend war, wenn sie tobten und schrien. Mit einer Sache hatte Dr. Marlowe Recht: Ich war wirklich gespannt, etwas über die Erfahrungen der anderen Mädchen zu hören. Das trieb mich mehr als alles andere heute hierher. Oh, ich kenne andere Waisen mit Eltern in der Schule, aber ohne die Therapie, ohne eine Dr. Marlowe, die Licht in die dunklen Ecken bringt, vertrauen sie dir nicht an, was in ihnen vorgeht. Sie sind verschlossen, haben Angst oder schämen sich, dass jemand entdecken könnte, wie verloren und allein sie wirklich sind.
Stars Großmutter brachte sie zu Dr. Marlowes Haus. Star erzählte uns später, dass ihre Großmutter achtundsechzig war und die Verantwortung für sie und ihren kleinen Bruder zu einer Zeit übernommen hatte, als sie eigentlich im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und Pullover für ihre Enkel stricken sollte. Und plötzlich – war sie wieder Mutter.
Cathys Mutter hatte sie hergebracht, aber um ihr diese Information
zu entlocken benötigte man beinahe eine Brechstange. Vielleicht hatte sie Angst davor, ihre eigene Stimme zu hören und sich selbst einzugestehen, dass es sie gab. Sehr schnell erinnerte sie uns an ein verängstigtes Kätzchen, das sich zu einem Fellknäuel zusammengerollt hatte. Ich war diejenige, die sie Cat statt Cathy nannte, und ratet mal, was nach einer Weile passierte? Es gefiel ihr selbst auch besser.
An einem warmen Frühsommermorgen wurde ich in Brentwood vor dem Haus, das Wohnung und Praxis der Ärztin beherbergte, ausgeladen. Der dunkelblaue Morgennebel hob sich gerade und gab den Blick frei auf einen kalifornischen Himmel in der Farbe verwaschener Jeans. Es würde einer dieser vollkommenen Tage werden, die für uns alle in Los Angeles so selbstverständlich sind. Am Nachmittag würden duftige, an Baisers erinnernde Wolken aufziehen. Die Brise fühlte sich dann wie sanfte Finger auf deiner Wange und in deinem Haar an, und die Autoscheiben wurden zu funkelnden Spiegeln.
Wir lebten in einer so vollkommenen Welt. Warum waren wir so unvollkommen? Bei uns allen lauerten Schatten in den Ecken und Getuschel hinter den Türen, ganz gleich wie hell und strahlend es draußen war. Ich stellte mir immer vor, dass alle anderen friedlich lebten, nur wir waren Schachfiguren in lautlosen Kriegen. Es wurde nicht geschossen, aber wir fragten uns alle, ob es nicht noch dazu kommen würde. Die Verwundeten und Toten waren nur Hoffnungen und Wünsche, die Bomben waren nur Worte, gemeine Worte in kaltes Lächeln verpackt oder auf offizielle Dokumente gedruckt, die zusammen mit der Asche der Feuer, in denen unsere Familien verbrannten, in unser Leben trieben.
Man konnte leicht erkennen, dass Dr. Marlowe eine erfolgreiche Praxis führte. Ihr riesiges Haus im Tudorstil stand auf einem Grundstück von beachtlicher Größe in einer erstklassigen Gegend. Dort wohnten nur sie und ihre ältere Schwester Emma; daher war reichlich Platz für ihre Praxisräume vorhanden.
Warum sollte sie keine profitable Praxis haben, fragte ich mich. Schließlich werden ihr nie die Klienten ausgehen. Selbst die Kinder, die nicht aus zerbrochenen Familien kamen, hatten Probleme, und viele von ihnen waren entweder privat oder beim Schulpsychologen in Therapie.
Vielleicht war es eine Epidemie. Arthur Pols, einer der Jungen aus meinem Schuljahrgang, behauptete, diese ganzen gestörten Familienverhältnisse seien eine Folge der Sonnenflecken. Er war ein Computercrack und ein Wissenschaftsfreak, daher glaubten einige meiner Freundinnen, er könnte vielleicht Recht haben. Mir kam es so vor, als hätte er den Kopf voller Bienen, von denen jede in eine andere Richtung summte, während sie aufeinander einstachen. Immer wenn ich ihn anschaute und er es bemerkte, rollte er die Augen wie Murmeln in einem Glas.
»Ruf mich an, und sag mir, wann du abgeholt werden sollst, Misty«, forderte mich meine Mutter auf, als ich die Autotür öffnete und ausstieg. »Ich habe dir doch bereits gesagt, wann du hier sein sollst«, erwiderte ich.
»Ja schon, aber du weißt doch, dass ich kein Zeitgefühl habe. Denk daran, wenn ich nicht zu Hause bin, leitet der Antwortdienst das Gespräch an mein Handy weiter, okay, Honey?«
»In Ordnung«, antwortete ich und knallte die Tür ein wenig fester als nötig zu. Sie hasste das. Angeblich erschütterte das ihr Nervensystem. Alles erschütterte heutzutage ihr Nervensystem dermaßen, dass sie an einen Flipperautomaten erinnerte, der »tilt« anzeigte, wenn man ihn zu heftig anstieß. Ihre Augen nahmen dann diese graue glasige Farbe kaputter Glühbirnen an, und sie bekam eine Kiefersperre.
Ich drehte mich um und steuerte auf den von einem Bogen überwölbten Eingang zu, in der Hoffnung, nicht die Erste zu sein. Dann müsste ich einige Zeit mit Emma verbringen, deren Lächeln so falsch war wie eine Plastikfrucht. Ich konnte spüren, dass sie mein Gesicht die ganze Zeit, während sie sprach,
nach Anzeichen irgendeiner Geisteskrankheit absuchte. Sie redete mit mir, als sei ich neun Jahre alt, schlich auf Zehenspitzen um mich herum, während sie mich mit Fragen bombardierte, und lachte nervös nach allem, was ich sagte oder sie fragte. Sie brauchte eine Therapie, fand ich, nicht eine von uns.
Vielleicht lebte sie deshalb bei ihrer Schwester. Sie war mindestens fünfzig und seit Jahren geschieden. Danach hatte sie nie wieder geheiratet, und nach allem, was ich mitbekam, lebte sie wie eine Einsiedlerin. Vielleicht hatte ihr Mann ihr etwas Schreckliches angetan. Jade, die gerne alle außer sich selbst analysierte, kam zu der Diagnose, dass Emma an einer so genannten Agoraphobie litt, weil sie Angst vor öffentlichen Plätzen hatte. Vielleicht hatte Jade Recht. Mir war aufgefallen, dass Emma bereits eine Panikattacke bekam, wenn sie nur vor die Haustür trat.
Weder sie noch Dr. Marlowe hatten Kinder. Dr. Marlowe war Anfang vierzig und hatte nie geheiratet. War das einer dieser berühmten Fälle eines Schuhmachers mit Löchern in den Schuhen? Schließlich galt sie als Expertin für Eltern-Kind-Beziehungen, obwohl sie selbst gar kein Kind hatte. Dabei war sie nicht so unattraktiv, dass kein Mann sie anschauen würde. Vielleicht analysierte sie jeden Mann, mit dem sie sich verabredete, und das konnten sie nicht ertragen. Ich lachte, als ich mir vorstellte, wie sie erst miteinander schliefen und sie dann jedes Stöhnen und jeden Seufzer erklärte.
Konnte ein Psychiater je romantisch sein? Ich wollte unbedingt in Erfahrung bringen, ob eine der anderen sich ähnliche Gedanken über sie machte. Ja, vielleicht würde es doch Spaß machen, zusammen zu sein, überlegte ich, als ich klingelte. Mein Herz schlug kleine Purzelbäume. Wir alle waren vorher schon mal hier gewesen, aber bis heute noch nie zu einer besonderen Gruppentherapie, wie Dr. Marlowe sie bezeichnete. Sie hatte entschieden, dass wir alle das Stadium erreicht hatten, in dem das von Vorteil sein könne. Mich interessierte nur,
dass wir einander alle nicht kannten. Dr. Marlowes Technik bestand darin, uns sehr wenig voneinander zu erzählen, damit wir nicht mit vorgefassten Meinungen zu den Sitzungen kamen. Sie wollte uns nur mitteilen, wie jedes Mädchen hieß und bei wem es lebte, seit seine Eltern geschieden waren oder sich getrennt hatten oder deren Ehe auseinander gebröckelt war. Das scheint besser zu passen. So fühle ich mich … als würde ich auseinander bröckeln, Arme und Beine treiben davon, und ich bleibe zurück mit diesem sechzehn Jahre alten Torso, der nach einem Ausweg aus diesem Alptraumhaus ohne Türen und Fenster sucht.
Wie auch immer, eine Gruppe von Mädchen, die noch nie miteinander gesprochen hatten, sollten sich jetzt in einem Zimmer versammeln und ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Furcht miteinander teilen, und das sollte, laut Dr. Marlowe, Wunder wirken. Ich bin mir sicher, dass die anderen sich genauso fühlten wie ich: sehr skeptisch und sehr ängstlich. All the king’s horses and all the king’s men couldn’t put Humpty together again. An dieses Lied fühlte ich mich erinnert.
Na los, Dr. Marlowe, forderte ich sie heraus, als ich mich der Tür näherte. Setzen Sie uns wieder zusammen.
KAPITEL EINS
Guten Morgen, Misty«, rief Dr. Marlowes Schwester die Wendeltreppe hinab, nachdem ihr Hausmädchen Sophie die Tür geöffnet hatte.
Emma trug eines ihrer Blumenkleider in Übergröße. Ihr Haar war rund um die Ohrmuscheln mit rasiermessergenauer Präzision geschnitten, der Pony wirkte wie auf die Stirn gemalt und Strähne für Strähne festgeklebt. Es war kohlrabenschwarz gefärbt, vermutlich um das geringste Anzeichen von Grau im Keime zu ersticken. Der Kontrast zu ihrem blassen Teint ließ die Haut ihres runden Gesichtes wie Seidenpapier aussehen. Wie erstarrt blieb sie auf der Treppe stehen und wartete, bis ich hereinkam, als hätte sie Angst, ich könnte meine Meinung ändern.
Sophie schloss hinter mir die Tür. Tief aus dem Inneren des Hauses drang Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-Moll. Ich bin keine Expertin für klassische Musik; ich erkannte das Stück nur, weil wir es gerade mit dem Schulorchester einübten. Ich spiele Klarinette. Meine Mutter befürchtete, meine Zahnkorrektur könnte dadurch Schaden leiden, aber Mr LaRuffa, unser Orchesterleiter, unterschrieb praktisch eine eidesstattliche Erklärung, dass dies nicht passieren würde. Schließlich setzte meine Mutter ihre Unterschrift auf die Teilnahmegenehmigung.
Mein Vater vergaß dieses Jahr, unser großes Konzert zu besuchen, obwohl ich Klarinette geübt hatte, als ich das Wochenende zuvor in seinem neuen Heim verbracht hatte. Ariel, seine Freundin, hatte versprochen, ihn daran zu erinnern, was ich an sich schon sehr erstaunlich fand. Sie sah aus wie jemand,
der kleine Spiegel im Gehirn hatte, die Gedanken reflektierten, sie hin- und herprallen ließen, begleitet von Gekicher, das mich an winzige Seifenblasen erinnerte.
Ganz gleich wie offensichtlich mein Sarkasmus war, Ariel lächelte. Ich vermute, Daddy fühlte sich wohl bei ihr, weil sie wie ein Revlon-Model aussah und nie irgendetwas, das er sagte, in Frage stellte. Was immer er von sich gab, sie nickte und riss die Augen weit auf, als hätte er gerade einen bahnbrechenden Kommentar abgegeben. Sie war das genaue Gegenteil meiner Mutter, die es heute schon in Frage stellen würde, wenn er guten Morgen sagte.
Vor allem bekam er von Ariel Sex. Nach Ansicht meiner Mutter und ihrer Freundinnen ist dies das Einzige, aus dem sich Männer wirklich etwas machen.
»Die Frau Doktor ist in ein oder zwei Minuten bei dir«, sagte Emma, während sie die mit Teppichboden ausgelegte Treppe mit der gleichen Behutsamkeit hinunterschritt wie jemand, der sich den Weg über eine matschige Straße suchte: kleine vorsichtige Schritte, bei denen sie das Geländer fest umklammerte. Ich fragte mich, ob sie eine Alkoholikerin war. Sie benutzte so viel Parfüm, dass es ausgereicht hätte, um den Gestank eines Müllwagens zu übertönen, daher konnte man nur schwer sagen, ob sie trank oder nicht. Aber seit ich zum ersten Mal zu Dr. Marlowe gekommen war, hatte sie fast zwanzig Kilo zugenommen. Als ich das Mommy erzählte, meinte sie: »Vielleicht trinkt sie ja heimlich.«
»Wie geht es dir heute, Liebes?«, fragte Emma, als sie endlich vor mir stand. Sie war nicht viel größer als ich, vielleicht einen Meter fünfundfünfzig, aber sie schien auseinander zu gehen wie ein Hefekuchen. Ihr schwerer Busen, jede Brust in Größe und Form eines Fußballs, hielt das blumige Zelt von ihrem Körper ab.
Ich trug meine übliche Kleidung für diese geistigen Spielchen mit Dr. Marlowe: Jeans, Turnschuhe, weiße Socken und eins von einem Dutzend T-Shirts, über die meine Mutter sich ärgerte.
Auf dem heutigen war ein gestrandeter Wal abgebildet, dem ein Strom schwarzer Flüssigkeit aus dem Maul quoll. Darunter stand: Hoppla, schon wieder eine Öllache.
Emma beachtete anscheinend nie, was ich trug. Sie war so nervös wie immer in meiner Gegenwart und presste ihre dicken Lippen aufeinander, während sie lächelte, so dass es aussah wie ein zerschmettertes kleines Lachen.
»Die Frau Doktor möchte, dass du direkt in ihren Behandlungsraum kommst«, sagte sie mit einer so dünnen und hohen Stimme, als wäre sie kurz davor zu schreien.
Welche Erleichterung für uns beide, dachte ich.
»Sonst schon jemand da?«, erkundigte ich mich. Bevor sie antworten konnte, klingelte die Türglocke und Sophie, die wie ein Stehaufmännchen bereitstand, trat in Aktion. Sie öffnete die Tür, und wir alle sahen ein großes, attraktives schwarze Mädchen mit geflochtenem Haar. Es trug einen hellblauen Baumwollpullover und einen dunkelblauen Rock. Sofort schoss mir durch den Sinn, dass ich eines Tages einmal solch eine Figur haben wollte, wenn meine blöden Hormone endlich aufwachten.
»Oh, Star«, begrüßte Emma Marlowe sie und wandte sich in Richtung auf die Musik um, als hoffte sie, gerettet zu werden. »Komm herein, komm doch herein«, fügte sie rasch hinzu. Star? Ich dachte, Dr. Marlowe hätte den Nachnamen gemeint, als sie mir erzählte, dass eines der Mädchen so heißt. Misty war schon eine schwere Bürde, aber Star? Eine weitere Kleinigkeit hatte Dr. Marlowe noch zu erwähnen vergessen, nämlich dass sie schwarz war.
Star lächelte affektiert. Es war ganz klar ein Ausdruck der Verachtung, die Mundwinkel heruntergezogen und die ebenholzschwarzen Augen zusammengekniffen. Sie starrte mich an. Einen Augenblick lang hatten wir das Gefühl, Revolverhelden in einem Western zu sein, die darauf warteten, dass der andere sich zuerst bewegte. Was keine von uns tat.
»Bestimmt wollte die Frau Doktor euch einander vorstellen.
Also, das ist Misty«, übernahm Emma Marlowe diese Aufgabe.
»Hi«, sagte ich.
»Hi.« Sie wandte rasch den Blick ab und forderte Dr. Marlowes Schwester praktisch heraus, Smalltalk zu machen.
Stattdessen wedelte Emma dramatisch mit den Armen, deutete in Richtung auf die Praxisräume und stotterte:
»Ihr beide könnt … direkt … weitergehen … hinein.«
Wir gingen in die Praxis. Weder Star noch ich brauchten irgendwelche Anweisungen. Wir waren schon oft genug hier gewesen.
Für ein Konsultationszimmer war der Raum groß. Eine Seite wirkte fast wie ein kleines Wohnzimmer mit zwei großen braunen Ledersofas, einigen dazu passenden Sesseln, Beistelltischchen und einem großen runden Glastisch in der Mitte. Die Wände waren mit Eichenpaneelen vertäfelt, Terrassentüren an der Rückseite des Hauses führten zum Garten und zum Swimmingpool. Diese Seite des Hauses lag nach Westen; daher war der Raum, wenn man einen Nachmittagstermin hatte, hell erleuchtet wie eine Broadway-Bühne. Bei Morgenterminen fehlte nicht nur das direkte Sonnenlicht, wenn der Himmel bewölkt war, mussten auch mehr Lampen eingeschaltet werden.
Außerdem war bei schönerem Wetter auch unsere Stimmung in diesen Praxisräumen eine andere. Man schleppte seine Depressionen und Ängste wie Koffer mit Übergewicht in diesen Raum hinein und hoffte, dass Dr. Marlowe einem helfen würde, sie auszupacken. An dunklen Tagen fiel das schwerer, die Depressionen saßen tiefer.
Ich stellte mir immer vor, dass die schlimmen Erinnerungen in meinem Gehirn mit Kontaktkleber festgeklebt waren, und wenn Dr. Marlowe eine davon ablöste, blieb ein Stück von mir daran hängen.
Manchmal saß Dr. Marlowe an ihrem Schreibtisch und sprach mit mir, während ich auf einem der Sofas saß. Vermutlich
glaubte sie, ich wäre offener, wenn sie weiter entfernt war. Sie machte viele kleine Experimente mit mir, und ich konnte es kaum abwarten zu erfahren, was meine Leidensgenossinnen über sie dachten.
Als ich direkt auf mein übliches Sofa zusteuerte, hielt Star inne. Ich sah ihr an, was sie dachte.
»Wo sitzt du normalerweise, wenn du hier bist?«, fragte ich sie. Sie warf einen Blick auf das andere Sofa und schaute mich dann scharf an.
»Was macht das schon aus?«, erwiderte sie. Ich zuckte die Achseln. Sie blieb stehen.
»Ich schlafe immer auf der rechten Seite meines Bettes. Und du?«
»Hm?« Sie schnitt eine Grimasse, dabei zogen sich ihre Augenbrauen in die Höhe und ihre Ohren wackelten. Ich lachte.
»Was ist denn so verdammt komisch?«
»Deine Ohren haben sich bewegt«, sagte ich.
Sie starrte mich einen Augenblick an, dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem schwarzen Porzellangesicht aus. Ihr Teint war so glatt und klar, als hätte ein Bildhauer ihr Gesicht erst vor einer Stunde in seinem Atelier poliert. Bei mir sprossen dagegen trotz meines teuren Hautspezialisten fast täglich überall auf der Stirn und am Kinn Ausschlag und Pickel hervor. Mommy gab den Dingen, die ich aß, wenn sie nicht dabei war, die Schuld. Dr. Marlowe meinte, so etwas könnte auch durch Stress verursacht werden. Wenn das allerdings der Fall wäre, müsste mein Kopf ein einziger, riesiger Pickel sein.
»Ich weiß«, sagte Star. »Jeder erzählt mir das, aber ich merke es nicht einmal. Ich schlafe übrigens auch auf der rechten Seite«, vertraute sie mir einen Augenblick später an.
»Und wenn du aus irgendeinem Grund auf der anderen Seite schlafen musst, ist das ein Problem, stimmt’s?«
»Ja«, gab sie zu und beschloss, sich auf dasselbe Sofa zu setzen wie ich.
»Wie lange kommst du schon her?«, fragte sie mich.
Ich überlegte einen Augenblick.
»Ich glaube, etwa zwei Jahre«, sagte ich. »Und du?«