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Der dritte Band der Landry-Saga Endlich darf Ruby hoffen, daß das Schlimmste hinter ihr liegt. Mit Pearl, ihrer Tocher, lebt sie bei dem inzwischen zu Reichtum gekommenen Paul Tate, ihrer ersten großen Liebe. Doch da taucht Rubys intrigante Zwillingsschwester Gisselle plötzlich auf Cypress Woods auf. Sie bringt Neuigkeiten von Pearls wahrem Vater, Beau Andreas, den Ruby noch immer liebt. An seiner Seite will sie ein neues Leben aufbauen. Doch das Schicksal legt ihr erneut Steine in den Weg. Als Ruby schließlich vor den Trümmern ihres Lebens steht, gibt es trotz allem ein vorsichtiges Versprechen auf das Glück, das sie sich stets erträumt hat…
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Seitenzahl: 609
Veröffentlichungsjahr: 2015
V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Für Ruby scheint das Leben endlich in Ordnung gekommen zu sein. Als Ehefrau ihrer ersten großen Liebe Paul Tae lebt sie mit ihrer Tochter Pearl auf Cypress Wood, einer wunderschönen Plantage. Da erzählt ihre intrigante Zwillingsschwester Gisselle, dass der Vater ihrer kleinen Pearl wieder frei ist. In Ruby erwacht erneut die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben an seiner Seite. Doch trügerisch sind alle Hoffnungen ...
Ein fesselnder Roman voller Leidenschaft und dunkler Geheimisse aus dem Herzen der Südstaaten – V.C. Andrews´ große "Landry-Saga"!
Am frühen Abend, kurz nachdem die Sonne im westlichen Bayou hinter den Wipfeln der Zypressen versunken ist, sitze ich mit Pearl in den Armen auf Grandmère Catherines altem Schaukelstuhl und summe eine alte Cajun-Weise. Es ist eine Melodie, die Grandmère Catherine mir früher immer vorgesungen hat, wenn sie mich ins Bett brachte. Sie sang sie auch noch, als ich bereits ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen war und von den Ufern des Sumpfes über die Felder zu unserer Hütte rannte, die auf dünnen Pfählen stand. Wenn ich die Augen schließe, kann ich ihre Rufe immer noch hören.
»Ruby, es ist Zeit zum Abendessen, Kind. Ruby...«
Aber ihre Stimme verblaßt in meiner Erinnerung wie Rauch, den der Wind mit sich forttreibt.
Ich bin inzwischen schon fast neunzehn, und es sind beinahe drei Monate vergangen, seit Pearl während eines der heftigsten Orkane, die jemals über das Bayou hereingebrochen sind, geboren wurde. Die umgestürzten Bäume wurden inzwischen zur Seite geräumt, liegen dort aber immer noch wie verwundete Soldaten, die darauf warten, geheilt und wiederhergestellt zu werden.
Ich vermute, auch ich warte darauf, geheilt und wiederhergestellt zu werden. Eigentlich war das der wahre Grund für meine Rückkehr aus New Orleans ins Bayou. Mein Vater, erdrückt von der Last seines Schuldbewußtseins wegen der Dinge, die er seinem Bruder, meinem Onkel Jean, angetan hatte, war einem tragischen Herzanfall erlegen. Daraufhin hatte meine Stiefmutter Daphne unser Leben in die Hand genommen. Und wie. Daphne lehnte mich schon seit dem Tag ab, an dem ich vor ihrer Türschwelle gestanden hatte. Mich, die Zwillingsschwester ihrer Tochter, von deren Existenz bis dahin nichts bekannt gewesen war; mich, diejenige, die von Grandmère Catherine geheimgehalten worden war, damit mich Grandpère Jack nicht weggab; mich nicht verkaufte, wie er Gisselle verkauft hatte.
Bis zu meinem Eintreffen war es Daphne und Pierre Dumas, meinem Vater, gelungen, die Wahrheit unter einem Berg von Lügen zu begraben. Nach meinem Auftauchen waren sie jedoch gezwungen, ein weiteres Trugbild zu ersinnen; sie behaupteten, ich sei an dem Tag, an dem Gisselle und ich geboren wurden, aus meiner Wiege gestohlen worden.
Die Wahrheit ist, daß sich mein Vater auf einem der Jagdausflüge in den Sümpfen in Gabrielle, meine Mutter, verliebt hatte. Grandpère Jack war ihr Führer. Vom ersten Augenblick an verfiel mein Vater der wunderschönen Frau, die Grandmère Catherine als freien Geist und unschuldiges Wesen schilderte. Das Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit.
Daphne konnte keine Kinder bekommen, und daher willigte Grandpère Jack, als meine Mutter mit Gisselle und mir schwanger war, in einen Handel ein, den mein Großvater Dumas vorgeschlagen hatte: Er verkaufte Gisselle an Daphne, die sie von da an als ihre Tochter ausgab.
Grandmère Catherine verzieh es ihm niemals und jagte ihn aus unserem Haus. Er lebte in den Sümpfen wie eine Sumpfratte und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Fallensteller für Bisamratten und als Austernfischer; aber auch als Touristenführer, wenn er dazu nüchtern genug war. Vor ihrem Tod nahm mir Grandmère Catherine, die ein Traiteur war, eine spirituelle Heilerin, das Versprechen ab, nach New Orleans zu gehen und meinen Vater und meine Schwester ausfindig zu machen.
Das Leben dort sollte sich für mich jedoch als noch unerträglicher erweisen. Gisselle verabscheute mich von Anfang an und machte mir sowohl in New Orleans als auch in Greenwood, der Privatschule in Baton Rouge, in die man uns schickte, das Leben zur Hölle. Insbesondere wurmte es sie, wie schnell sich Beau Andreas, ihr früherer Freund, in mich verliebte und ich mich in ihn. Später, als ich mit Beaus Kind schwanger war, schickte Daphne mich in das Hinterzimmer einer gräßlichen Arztpraxis, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Doch ich lief fort und kehrte zu dem einzigen anderen Zuhause zurück, das ich je gekannt hatte: ins Bayou.
Grandpère Jack ertrank bei einem seiner Saufgelage im Sumpf, und ich wäre von Anfang an ganz auf mich allein gestellt gewesen, hätte es meinen geheimen Halbbruder Paul nicht gegeben. Bevor wir von unserer wahren Beziehung zueinander wußten, waren Paul und ich ein junges Liebespaar. Es brach mir das Herz, als ich erfahren mußte, daß sein Vater meine Mutter verführt hatte, als sie noch sehr jung war, und er hat sich bis zum heutigen Tage geweigert, diese Wahrheit anzuerkennen.
Seit meiner Rückkehr ins Bayou war er stets an meiner Seite und hat mir täglich Heiratsanträge gemacht. Sein Vater besitzt. eine der größten Konservenfabriken für Krabben im Bayou. Ein Stück Land jedoch, das Paul geerbt hat, hat ihn nun zu einem der reichsten Männer in der ganzen Gegend gemacht, denn auf diesem Land ist Öl gefunden worden.
Jetzt baut Paul gerade eine große Villa, von der er sich erhofft, daß Pearl, er und ich eines Tages dort leben werden. Er weiß, daß unser Verhältnis zueinander seine Grenzen haben müßte, daß wir kein Liebespaar sein könnten; aber zu diesem Opfer ist er bereit, wenn es bedeutet, daß er sein Leben mit mir verbringen kann. Sein Angebot ist verführerisch, da ich Beau verloren habe, meine einzige große, leidenschaftliche Liebesbeziehung, und mit meinem Kind ganz auf mich selbst gestellt bin. Ich rackere mich ab, um uns beide durchzubringen, genau wie Grandmère Catherine und ich uns abgerackert haben, als sie noch am Leben war: Ich webe Decken und flechte Körbe, koche Gumbos und verkaufe all das an unserem Straßenstand an die Touristen. Es ist nicht gerade ein gutes Leben, und es verheißt meinem wunderschönen Baby keine Zukunft.
Jeden Abend sitze ich auf dem Schaukelstuhl, wie auch jetzt, wiege Pearl in den Schlaf und grübele herum, was ich am besten tun sollte. Hoffnungsvoll starre ich auf das Bild von Grandmère Catherine, das ich gemalt habe, ehe sie starb. Auf dem Gemälde sitzt sie auf ebendiesem Schaukelstuhl auf der Veranda vor unserem Haus. In das Fenster hinter ihr habe ich das Engelsgesicht meiner Mutter gemalt. Die beiden erwidern meinen Blick, als erwarteten sie von mir, daß ich die richtige Entscheidung treffe.
Oh, wie sehr ich doch wünschte, sie wären alle noch am Leben und hier und könnten mir sagen, was ich tun soll. In weniger als eineinhalb Jahren werde ich Geld haben, dann wird meine Erbschaft fällig, die mir als einer Dumas zusteht. Doch ich verspüre einen starken Widerwillen gegen diese Welt in New Orleans; und das trotz des wunderschönen Hauses im Garden District und all der Reichtümer dort. Allein schon der Gedanke daran, Daphne wieder gegenüberzutreten, läßt mich erschauern. Sie hat damals versucht, mich in einer Anstalt für Geisteskranke einzusperren. Ihre Schönheit täuscht über ihre wirkliche Kälte hinweg. Und außerdem: Wenn ich etwas gelernt habe, solange ich, von Dienstboten und wertvollen Gegenständen umgeben, im Haus der Dumas lebte, dann ist es, daß man Liebe für kein Geld und keine Reichtümer auf Erden kaufen kann.
In diesem Hause herrschte keine Liebe mehr, als mein Vater erst einmal gestorben war. Als er noch lebte, litt er gewaltig unter den dunklen Schatten seiner eigenen früheren Sünden. Ich bemühte mich, Sonnenschein und Glück in seine Welt zu bringen, doch Daphne und Gisselle waren wild entschlossen, das zu verhindern. Ihr Egoismus ließ mich schließlich an meinem Vorhaben scheitern. Jetzt sind sie beide froh darüber, daß ich fortgegangen bin. Daß ich mich im Netz meiner Leidenschaft verfangen habe, schwanger wurde und somit unter Beweis gestellt habe, was sie schon immer über mich behauptet hatten... daß ich eine nichtsnutzige Cajun bin. Beaus Familie hat ihn nach Europa geschickt, und Gisselle kann jedesmal kaum erwarten, mir in ihren Briefen von seinen Freundinnen und seinem luxuriösen und erfüllten Leben dort zu berichten.
Vielleicht sollte ich Paul heiraten. Nur seinen Eltern ist die Wahrheit über uns bekannt, und sie haben sie als ein tiefes, finsteres Geheimnis bewahrt. Alle alten Freundinnen meiner Grandmère Catherine glauben ohnehin, daß Pearl Pauls Kind ist. Sie hat sein braunes Haar mit den goldblonden Strähnen und die Augen von uns beiden: tiefblau. Ihre Haut ist so zart und hell, blaß und doch von einem matten Schimmer überzogen, der mich vom ersten Moment an an Perlen erinnerte.
Paul fleht mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit an, ihn zu heiraten. Ich bringe es nicht über das Herz, ihn davon abzuhalten, da er schon immer zu mir gestanden hat. Er war da, als Pearl geboren wurde, und hat uns während des Orkans beschützt. Er bringt uns täglich Lebensmittel und Geschenke und verwendet jede freie Minute darauf, Dinge in meiner Hütte zu reparieren.
Wäre es eine sündige Verbindung, wenn wir sie nicht vollziehen? Die Ehe ist mehr als nur etwas, was die Sexualität legalisiert und sie als moralisch hinstellt. Menschen heiraten, um einander in anderen Formen als nur dieser einen zu lieben und zu ehren. Sie heiraten, um jemanden zu haben, der ihnen in schlechten Zeiten und im Krankheitsfalle beisteht, um einander bis in den Tod Gesellschaft zu leisten und sich gegenseitig zu beschützen. Und Paul wäre Pearl ein wunderbarer Vater. Er liebt sie so sehr, als sei sie tatsächlich sein eigenes Kind. Manchmal denke ich, er hält sie dafür, hält sie wirklich dafür.
Andererseits frage ich mich, ob es Paul gegenüber fair wäre, ihm das zu versagen, was jeder Mann von einer Frau erwartet und braucht. Er behauptet, er sei bereit, dieses Opfer zu bringen, weil er mich so sehr liebt. Unsere katholischen Geistlichen bringen für eine höhere Form der Liebe ein solches Opfer dar. Warum also sollte er es nicht tun können? Er hat mir sogar damit gedroht, Mönch zu werden, wenn ich ihn abweise.
O Grandmère, kannst du mir denn kein Zeichen geben? Du hast solche wunderbaren spirituellen Kräfte besessen, als du noch am Leben warst. Du hast böse Geister vertrieben, du hast kranke Menschen geheilt, ihnen Hoffnung eingeflößt und ihre Seelen aufstreben lassen. Wohin soll ich mich wenden, um Antworten zu finden?
Als nähme sie meinen inneren Aufruhr wahr, wird Pearl jetzt unruhig und beginnt zu weinen. Ich küsse ihre zarten Wangen und wie so oft, wenn ich in ihr süßes kleines Gesichtchen schaue, denke ich an Beau und an sein liebes Lächeln, seine warmen Augen, seine verführerischen Lippen. Bisher hat er seine eigene Tochter noch nicht gesehen. Ich frage mich, ob er sie jemals zu Gesicht bekommen wird.
Sie wird wieder ruhiger. Ihre Augen schließen sich, und sie verfällt in einen stillen Schlaf, vertrauensvoll, behaglich und ohne die Stürme von Sorgen wahrzunehmen, die um uns herum toben. Was hält das Schicksal für uns bereit?
Wäre doch all das bloß Jahre später passiert. Dann hätten Beau und ich geheiratet und besäßen ein wunderbares Haus im Garden District. Pearl wäre in einem Haus voller Liebe aufgewachsen, in einer Welt voller Reichtümer, wie die Scheinwelt unserer Träume. Wären wir doch bloß vorsichtiger gewesen und...
Jegliches Wenn und Aber, wird mir klar, ist bedeutungslos in einer realen Welt, in der Träume ohnehin oft zu Schatten verblassen. Jetzt hör schon auf, über vergossene Milch zu lamentieren, Ruby, sage ich mir.
Ich schaukele weiter und summe. Draußen verschwindet die Sonne vollständig, und ein dichtes, tiefes Dunkel fällt herab, in dem sich das Licht der Sterne nur in den Augen der Eule spiegelt. Ich stehe auf und lege Pearl in ihr Kinderbettchen, eine Wiege, die Paul ihr gekauft hat. Dann kehre ich ans Fenster zurück und schaue in die Nacht hinaus. Alligatoren gleiten an den Ufern des Wasserlaufs entlang. Ich kann hören, wie ihre Schwänze auf dem Wasser aufschlagen. Fledermäuse flattern durch das Louisianamoos und setzen zum Sturzflug an, um Insekten für ihr Abendessen zu fangen, und die Waschbären beginnen zu jaulen.
Wie einsam es doch in meiner Welt geworden ist, und dennoch habe ich mich bisher nie davor gefürchtet, allein zu sein, aber jetzt gibt es noch einen anderen Menschen, um den ich mir Sorgen machen und den ich beschützen muß: meine entzückende Pearl, die schläft und Babyträume träumt und darauf wartet, daß ihr Leben beginnt.
Es liegt an mir, dafür zu sorgen, daß es mit Sonnenschein und nicht mit Schatten anfängt, mit Hoffnung und nicht mit Furcht. Wie werde ich das anstellen? Die Antworten lauern in der Dunkelheit und warten nur darauf, entdeckt zu werden. Wer hat sie dort zurückgelassen, die guten oder die bösen Geister?
Das Tuckern, mit dem Pauls Motorboot nahte, verärgerte ein Pärchen von Reihern, die arrogant über den dicken Ast einer Sumpfzypresse stolziert waren. Sie breiteten beide die Flügel aus und ließen sich von der Brise vom Golf her tiefer in die Sümpfe hineintragen. Auch Reisstärlinge flatterten mit den Flügeln und erhoben sich über das Wasser, um in den Marschen zu verschwinden.
Es war ein sehr warmer und schwüler Donnerstag nachmittag gegen Ende März. Pearl war äußerst wachsam und aktiv; sie wand und verrenkte sich, um sich aus meiner Umarmung zu lösen und auf die trockenen Grashügel zuzukriechen, in denen sich Bisamratten und Nutrias häuslich eingerichtet hatten. Ihr Haar war in diesem letzten Monat schneller gewachsen und reichte ihr bereits bis unter die Ohren und in den Nacken. Inzwischen war es eher blond als braun. Ich trug ein elfenbeinfarbenes Kleid mit rosa Rüschen auf dem Kragen und den Ärmeln. Sie trug die kleinen Stiefelchen, die ich ihr letzte Woche aus ungebleichter Baumwolle gewebt hatte.
Als Pauls Boot näher kam, blickte Pearl auf. Sie war zwar kaum mehr als acht Monate alt, doch so aufgeweckt und geistig entwickelt wie eine Einjährige. Sie liebte Paul und freute sich gewaltig über jeden seiner Besuche. Ihre Augen strahlten; sie schwenkte die kleinen Arme, winkte ihm zu und trat mit den Beinen um sich, damit sie sich von mir lösen und ihm entgegenkrabbeln konnte.
Pauls Boot kam um die Kurve, und er winkte, sowie er uns auf dem Anlegesteg stehen sah. Ich hatte endlich eingewilligt, uns von ihm abholen zu lassen, um uns sein elegantes neues Haus anzusehen, das kurz vor der Fertigstellung stand. Bisher hatte ich das vermieden, da ich fürchtete, sowie ich erst einmal einen Fuß in seine prachtvolle Villa setzte, würde ich in Versuchung geraten, Pauls Heiratsantrag anzunehmen.
Vielleicht nahm nur ich es so wahr, doch mir erschien es, als sei Paul seit meiner Rückkehr ins Bayou schlanker geworden und herangereift. In seinen blauen Augen zeigte sich von Zeit zu Zeit noch dieses knabenhafte Funkeln, aber die meiste Zeit war er jetzt ernst und nachdenklich. Seine geschäftlichen Verpflichtungen und die Aufsicht über den Bau seines Hauses verbanden sich mit seiner Sorge um Pearl und mich und hinterließen einen dunklen Schatten auf seinem Gesicht, der mir Sorgen bereitete, da ich fürchtete, nichts dagegen tun zu können. Natürlich gab er sich alle Mühe, mich davon zu überzeugen, daß ich mich irrte. Jedesmal, wenn ich eine derartige Andeutung fallenließ, lachte er und sagte: »Weißt du denn nicht, daß du den Sonnenschein wieder in mein Leben gebracht hast, als du ins Bayou zurückgekommen bist?«
In dem Moment, als er das Boot an den Anlegesteg steuerte, stand ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht.
»Hallo. Rate mal, was passiert ist«, sagte er aufgeregt. »Die Kronleuchter sind gerade eben aufgehängt und angezündet worden. Warte nur, bis du sie siehst. Es ist ein richtiges Schauspiel. Ich habe sie aus Frankreich importieren lassen. Und der Pool ist mit Wasser gefüllt und in Betrieb genommen worden. Weißt du, daß die Buntglasscheiben in dem Fächerfenster im Palladio-Stil aus Spanien kommen? Ich habe ein Vermögen dafür bezahlt«, sagte er, ohne auch nur Atem zu holen.
»Hallo, Paul«, sagte ich lachend.
»Was? Oh, tut mir leid.« Er beugte sich vor, um mich auf die Wange zu küssen. »Ich schätze, ich mache etwas viel Wirbel um unser Haus, was?«
Ich schlug die Augen nieder. Ich konnte nicht verhindern, daß ich jedesmal Herzrasen bekam, wenn er von unserem Haus sprach.
»Paul...«
»Sag nichts«, sagte er eilig. »Du brauchst dich jetzt nicht zu entscheiden. Laß das Haus und das Grundstück einfach für sich selbst reden.«
Ich sah ihn kopfschüttelnd an. Würde er jemals ein Nein als Antwort akzeptieren? Ich stellte mir vor, selbst wenn er jemand anderen heiratete und hundert Jahre alt würde, würde er noch vor meiner Tür stehen und darauf warten, daß ich es mir anders überlegte.
Wir stiegen alle in sein Boot, und Paul ließ den Motor wieder an. Pearl lachte, als wir wendeten und Wassertropfen auf unsere Arme und in unsere Gesichter sprühten. Der Frühjahrsbeginn hatte die Alligatoren aus dem Winterschlaf erwachen lassen. Sie dösten auf den Böschungen und im seichten Wasser, und ihre schläfrigen Augen zeigten kaum Neugier, als wir an ihnen vorbeifuhren. Da und dort lösten sich Knäuel von grünen Schlangen und wanden sich dann wieder umeinander. Ochsenfrösche sprangen über Seerosenblätter, und Bisamratten suchten eilig Zuflucht im Schatten und in schmalen Öffnungen. Wenn der Frühling eintraf und entschlossen der Hitze des Sommers entgegenmarschierte, schien sich der Sumpf wie ein einziges gigantisches Tier zu strecken, zu gähnen und Gestalt anzunehmen.
»Nummer drei ist heute morgen regelrecht explodiert«, rief Paul über das Dröhnen des Motors hinweg. »Es sieht ganz so aus, als würden wir damit den vier- oder gar fünffachen Ertrag der ursprünglichen Schätzungen erzielen.«
»Das ist ja wunderbar, Paul.«
»Die Zukunft könnte nicht rosiger aussehen, Ruby. Wir könnten uns alles leisten, tun, was wir wollen, überall hingehen... Pearl würde wie eine echte Prinzessin aufwachsen.«
»Ich will nicht, daß eine Prinzessin aus ihr wird, Paul. Ich möchte, daß aus ihr eine anständige junge Dame wird, die das zu schätzen weiß, was wirklich wichtig ist«, sagte ich schroff. »Ich habe zu oft gesehen, wie Leute sich von ihrem eigenen Reichtum blenden lassen und dann glauben, daß sie glücklich sind.«
»So wird es uns nicht ergehen«, versicherte mir Paul.
Pauls Land mit dem Haus und den enormen Erträgen aus den Ölquellen lag südwestlich von meiner Hütte. Wir fuhren einen gewundenen Flußlauf entlang, der zeitweise so schmal war, daß wir die Arme ausstrecken und auf beiden Seiten des Bootes das Ufer berühren konnten. Wir durchquerten ein paar Tümpel mit Brackwasser und gerieten in ein vollständig neues Geflecht von Kanälen, ehe wir schnurstracks nach Süden zu seinem Anwesen fuhren. Ich war nicht mehr dort gewesen, seit ich das Bayou verlassen hatte und nach New Orleans gegangen war. Daher war ich überwältigt, als ich das Dach des riesigen Hauses sah, das vor uns über die Platanen und die Zypressen aufragte. Ich kam mir vor wie Alice, die in ihr eigenes persönliches Wunderland entführt wird.
Paul hatte bereits einen Anlegesteg bauen lassen, und vom Sumpf aus führte ein Kiesweg zum eigentlichen Anwesen. Ich sah die Lastwagen und Baufahrzeuge der Arbeiter, die immer noch hart zupackten, denn Paul hatte sie unter Zeitdruck gesetzt, um die Arbeiten zu beschleunigen. Er war bereit, jedem einzelnen den eineinhalbfachen Lohn zu zahlen, damit das Haus vor dem vereinbarten Termin fertiggestellt wurde. Im Osten konnten wir die Bohrtürme am Werk sehen.
»Ich wette, du hättest im Traum nicht geglaubt, daß der Cajun-Junge, der auf seinem kleinen Motorroller durch die Gegend gefahren ist, einmal all das besitzen wird«, sagte Paul stolz. Er hatte die Arme in die Hüften gestemmt, und sein Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen. »Stell dir nur vor, was deine Grandmère Catherine dazu sagen würde.«
»Grandmère hätte es wahrscheinlich nicht anders erwartet«, erwiderte ich.
»Ja, wahrscheinlich«, sagte er und lachte. »Jedesmal, wenn sie mich angesehen hat, hatte ich das Gefühl, sie könnte nicht nur meine Gedanken lesen, sondern auch meine Träume erkennen.«
Er half Pearl und mir aus dem Boot.
»Ich trage sie«, bot er an. Pearl war von der Größe des Hauses geblendet, vor dem wir standen. »Ich würde es gern Cypress Woods nennen«, sagte er. »Was hältst du davon?«
»Ja, das ist ein wunderbarer Name. Es ist einfach umwerfend, Paul. Wie es einfach aus dem Nichts heraus entsteht... es ist die reinste Zauberei.«
Er strahlte vor Stolz.
»Ich habe dem Architekten gesagt, ich will ein Haus, das einem griechischen Tempel ähnelt. Dagegen nimmt sich die Villa der Dumas im Garden District wie ein Bungalow aus.«
»Ist es das, worum es dir gegangen ist, Paul ... das Haus meines Vaters in den Schatten zu stellen? Ich habe dir doch gesagt...«
»Nimm mich jetzt noch nicht ins Gebet, Ruby. Wozu habe ich das alles, wenn nicht, um dich damit zu erfreuen und zu beeindrucken?« fragte er. Sein Blick heftete sich starr auf mich.
»O Paul.« Ich schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Was konnte ich bloß sagen, um seiner Begeisterung und seinen Träumen entgegenzuwirken?
Als wir uns dem Haus näherten, schien es vor unseren Augen immer größer zu werden. Die Galerie im oberen Stockwerk hatte ein rautenförmiges Eisengitter. Beidseits des Haupthauses hatte Paul Nebengebäude errichten lassen, die die vorherrschenden Elemente des Haupthauses wieder aufgriffen.
»Dort werden die Dienstboten ihre Unterkünfte haben«, hob er hervor. »Ich finde, so ist jeder mehr für sich. Die meisten Wände im Haus sind sechzig Zentimeter dick. Warte nur, bis du gesehen hast, wie kühl es drinnen ist, sogar ohne Ventilatoren und Klimaanlage.«
Eine kurze Schiefertreppe führte zum Portico und zur unteren Galerie. Wir gingen zwischen den hohen Säulen hindurch in die Eingangshalle, deren Boden mit spanischen Kacheln gefliest war. Der Raum war sichtlich dazu gedacht, jedem Besucher in dem Moment den Atem zu verschlagen, in dem er oder sie einen Fuß in das Haus setzte. Er war nicht nur riesig und lang, sondern auch noch so hoch, daß unsere Schritte darin hallten.
»Denk nur an all die wunderbaren Kunstwerke, die du an diese riesigen Wände hängen könntest, Ruby«, sagte Paul.
Wir kamen an einem geräumigen und eleganten Zimmer nach dem anderen vorbei, die alle von der Eingangshalle abgingen. Über uns hingen die Kronleuchter, von denen Paul so stolz geschwärmt hatte. Sie waren atemberaubend, und die tropfenförmigen Birnen sahen aus wie Diamanten, die auf uns herabregneten. Der geschwungene Treppenaufgang war doppelt so breit und weitaus kunstvoller angelegt als der im Hause der Dumas.
»Die Küche befindet sich am hinteren Ende des Hauses«, sagte Paul. »Ich habe sie mit sämtlichen modernsten Geräten ausstatten lassen. Jeder Koch, der dort arbeiten darf, wird sich wie im Himmel fühlen. Vielleicht kannst du herausfinden, wohin deine Nina Jackson gegangen ist, und sie dazu überreden, zu uns zu ziehen«, fügte er als weiteren Pluspunkt hinzu. Er wußte, wie sehr ich Nina gemocht hatte, die Köchin meines Vaters. Sie praktizierte Voodoo und hatte mich vom Tag meiner Ankunft in New Orleans an ins Herz geschlossen. Das heißt, nachdem sie zu der Überzeugung gelangt war, ich sei nicht eine Art Zombie, der nach Gisselles Vorbild erschaffen worden war.
»Ich glaube nicht, daß irgend etwas Nina aus New Orleans fortlocken könnte«, sagte ich.
»Das ist ein Jammer für sie«, erwiderte Paul unverzüglich. Er war überempfindlich, wenn es um die reichen Kreolen ging, und jeden Vergleich mit ihnen legte er als eine Kritik an unserer Cajun-Welt aus.
»Ich meinte damit nur, daß sie viel zu sehr an ihrer Voodoo-Welt hängt, Paul«, erklärte ich. Er nickte.
»Laß mich euch jetzt nach oben führen.«
Wir stiegen die Treppe hinauf und fanden vier geräumige Schlafzimmer vor, von denen jedes ein Ankleidezimmer und einen begehbaren Kleiderschrank hatte. Es gab zwei herrschaftliche Schlafzimmer, etwas, was Paul eindeutig im Hinblick auf seinen Heiratsantrag bestimmt hatte. Zwischen den beiden Zimmern gab es jedoch eine Verbindungstür.
»Nun?« Er wartete gespannt und sah mir forschend ins Gesicht.
»Es ist ein prachtvolles Haus, Paul.«
»Das Beste habe ich für den Schluß aufgehoben«, erwiderte er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. »Folgt mir«, sagte er und führte uns zu einer Tür, die auf eine Freitreppe hinausging. Sie befand sich hinter dem Haus; daher hatte ich sie zuvor nicht gesehen.
Die Treppe führte auf einen riesigen Dachboden mit handgeschnitzten tragenden Balken aus Zypressenholz. Der Raum hatte große Fenster, die einen Ausblick auf die Felder und die Wasserläufe boten, jedoch kein einziges Fenster zu der Seite hin, auf der sich die Bohrtürme befanden. Die großen Dachfenster machten den Raum hell und luftig.
»Weißt du, was das ist?« fragte er mit einem amüsierten Lächeln. »Das«, sagte er und breitete die Arme aus, »wird dein Atelier sein.«
Ich riß die Augen auf, denn die Möglichkeiten waren überwältigend.
»Wie du sehen kannst, habe ich darauf geachtet, daß du einen besonders schönen Ausblick von hier hast. Sieh mal, Ruby«, sagte er und trat an eines der Fenster. »Schau dir nur an, was du von hier aus malen könntest. Sieh auf die Welt hinaus, die wir lieben, eine Welt, die dich bestimmt dazu inspirieren könnte, dich deiner wunderbaren künstlerischen Begabung wieder zuzuwenden und Meisterwerke zu erschaffen, um deren Besitz sich deine reichen kreolischen Freunde reißen würden.«
Er stand am Fenster und hielt Pearl auf den Armen. Der Ausblick begeisterte und faszinierte sie. Unter uns hatten die Bauarbeiter mit den Aufräumarbeiten begonnen. Der Wind trug ihre Stimmen und ihr Gelächter zu uns herauf. In der Ferne wirkten die Wasserläufe, die sich durch die Sümpfe nach Houma und zu meiner Hütte schlängelten, unwirklich und spielzeughaft. Ich konnte sehen, wie die Vögel von einem Baum zum anderen flatterten, und zu meiner Rechten stelzte ein Austernfischer mit der Ausbeute seines Arbeitstages nach Hause zurück. Hier bot sich jedem Künstler ein Arsenal von Bildern und Ideen, aus denen er wählen und sie mit seiner oder ihrer eigenen Phantasie ausschmücken konnte.
»Könntest du hier nicht glücklich werden, Ruby?« fragte Paul mit bittendem Blick.
»Wer könnte hier nicht glücklich werden, Paul? Es ist unbeschreiblich schön. Aber du weißt, was mich zögern läßt«, sagte ich liebevoll.
»Und du weißt, daß ich all das gründlich durchdacht und eine Möglichkeit vorgeschlagen habe, wie wir beide zusammensein können, ohne uns zu versündigen. O Ruby, es ist doch nicht unsere Schuld, daß unsere Eltern uns mit diesem Makel erschaffen haben. Ich will doch nichts weiter, als für dich und Pearl zu sorgen, euch glücklich zu machen und euch für alle Zeiten Geborgenheit zu geben.«
»Aber was ist mit... Paul, es gibt einen Aspekt des Lebens, um den du dich damit brächtest«, rief ich ihm ins Gedächtnis zurück. »Du bist ein Mann, ein gutaussehender, viriler junger Mann.«
»Ich bin dazu bereit«, sagte er eilig.
Ich schlug die Augen nieder. Ich mußte meine wahren Gefühle gestehen.
»Ich weiß nicht, ob ich dazu bereit bin, Paul. Du weißt, daß ich verliebt gewesen bin, leidenschaftlich verliebt. Und du weißt, daß ich die Ekstase erlebt habe, die damit einhergeht, jemanden zu berühren, den man liebt und der einen wiederliebt..
»Ich weiß«, sagte er betrübt. »Aber ich verlange nicht von dir, daß du auf diese Ekstase verzichtest.«
Ich blickte abrupt auf. »Wie meinst du das?«
»Laß uns einen Pakt schließen, daß wir einander nicht im Weg stehen werden, falls einer von uns beiden jemanden findet, mit dem wir diese Ekstase erleben können, selbst dann nicht, wenn es heißt... daß wir uns trennen müssen.
Bis dahin, Ruby, solltest du deine Leidenschaft wieder in deine Kunst einfließen lassen. Ich werde meine ganz in meine Arbeit und in den Ehrgeiz stecken, den ich für uns alle habe. Laß mich dir das geben, was davon abgesehen die perfekteste aller Welten wäre. Eine Welt, in der du weißt, daß du geliebt wirst; eine Welt, in der Pearl Geborgenheit und Luxus haben wird und nicht die Qualen erleiden muß, die wir in so vielen Familien gesehen haben, die als normal gelten«, bat er mich.
Pearl schaute zu mir auf, als schlösse sie sich seiner Bitte an, und ihre Saphiraugen waren liebevoll und sanft.
»Paul, ich weiß es einfach nicht.«
»Wir können einander in den Armen halten. Wir können einander wärmen. Wir können füreinander sorgen... für alle Zeiten. Du hast mehr Tragödien und Elend erlebt, als jemand in deinem Alter hätte durchmachen sollen. Daher bist du deinem tatsächlichen Alter um viele Jahre voraus. Laß Weisheit an die Stelle der Leidenschaft treten. Laß Treue, Hingabe und reine Güte die Grundlage unseres Lebens sein. Gemeinsam werden wir unser eigenes, ganz besonderes Kloster erschaffen.«
Ich sah ihm in die Augen und fühlte, wie aufrichtig er es meinte. Es war alles so überwältigend: seine Hingabe, dieses wunderbare Haus, die Versprechen eines sicheren und glücklichen Lebens, nachdem ich all das Elend durchgemacht hatte, von dem er gesprochen hatte.
»Was ist mit deinen Eltern, Paul?« fragte ich und spürte, daß ich kurz vor einem Ja stand.
»Was soll mit ihnen sein?« sagte er mit scharfer Stimme. »Sie haben mich mit einer Lüge aufwachsen lassen. Mein Vater wird meine Entscheidung akzeptieren, und wenn nicht... na und? Ich besitze jetzt mein eigenes Vermögen«, fügte er hinzu, und seine Augen wurden schmaler und verfinsterten sich.
Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Ich erinnerte mich noch an Grandmère Catherines strenge Warnung, man dürfe einen Cajun-Mann nicht seiner Familie abspenstig machen. Paul schien meine Gedanken zu lesen. Er wurde freundlicher.
»Sieh mal, ich werde mit meinem Vater reden und ihm verständlich machen, warum das für uns beide eine gute Lösung ist. Wenn er erst einmal einsieht, wie gut wir es meinen, dann wird er es verstehen.«
Ich biß mir auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf.
»Sag nicht ja, aber sag auch nicht nein«, sagte er eilig. »Sag, daß du es dir noch eine Zeitlang überlegen wirst, daß du dir ernsthafte Gedanken darüber machen wirst. Ich werde dich nicht in Ruhe lassen, Ruby Dumas, solange du nicht Ruby Tate wirst«, sagte er. Dann drehte er sich um, weil er Pearl den Ausblick zeigen wollte.
Ich trat zurück und sah die beiden an. Er wäre ein wundervoller Vater, sagte ich mir wieder einmal. Vielleicht war es an der Zeit, ausschließlich um Pearls willen zu einer Entscheidung zu gelangen und nicht um meiner selbst willen.
Ich schaute mich in dem Raum um, der mir ein prachtvolles Studio sein würde, und ich malte mir aus, wo ich meine Tische und Regale aufstellen würde. Als ich mich wieder umwandte, sahen er und Pearl mich beide an.
»Du sagst doch nicht etwa endlich ja?« fragte er, als er meinen Gesichtsausdruck sah.
Ich nickte, und er bedeckte Pearls Gesicht mit Küssen, bis sie nur noch kicherte.
Die Dämmerung hatte sich über das Bayou herabgesenkt, als wir uns auf den Rückweg zu meinem Haus machten. Das Louisianamoos, mit dem die Zypressen und die Kletterpflanzen behangen waren, wirkte jetzt weich und zart. Wir fuhren durch die Schatten, die Trauerweiden auf das Wasser warfen, und das gleichmäßige Gleiten des Boots wiegte Pearl in den Schlaf. Es ist wunderschön hier, sagte ich mir. Hier gehörten wir her. Und wenn das bedeutete, mit Paul zusammenzuleben und uns an unser ungewöhnliches Abkommen zu halten, dann war es vielleicht das, was das Schicksal für mich und Pearl bereithielt.
»Ich muß zum Abendessen zu Hause sein«, sagte Paul, nachdem wir den Anlegesteg erreicht hatten und er uns aus dem Boot geholfen hatte. »Onkel John, der Bruder meiner Mutter, ist aus Clearwater, Florida, zu Besuch gekommen, und ich habe es versprochen«, sagte er zu seiner Entschuldigung.
»Das ist schon in Ordnung. Ich bin müde und möchte heute abend selbst früh schlafen gehen.«
»Ich komme morgen früh vorbei, sobald es geht. Heute abend werde ich meinem Vater von unserem Entschluß berichten, falls es mir gelingt, ihn eine Stunde lang für mich allein zu haben«, fügte er nachdrücklich hinzu. Mein Herz begann zu flattern. Es war schön und gut, über all das zu reden, aber es war etwas ganz anderes, tatsächlich die Weichen zu stellen, durch die wir Mann und Frau würden.
»Ich hoffe, es ist die richtige Entscheidung, Paul«, sagte ich.
»Natürlich ist es richtig so. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Wir werden sehr glücklich werden«, versprach er und beugte sich vor, um mich auf die Wange zu küssen. »Und außerdem ist Gott uns ein bißchen Glück und Erfolg schuldig«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Ich winkte zum Abschied, als er in seinem Boot losfuhr. Nachdem ich Pearl gefüttert und schlafen gelegt hatte, aß ich ein kleines Gumbo, las im Schein der Butangaslampe, legte mich dann selbst schlafen und betete um die Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Jeder Morgen begann für mich jetzt so wie damals, als ich noch mit Grandmère Catherine hier gelebt hatte. Nachdem ich die Decken, Körbe und Palmwedelhüte ins Freie getragen hatte, die ich auf dem Dachboden gewebt und geflochten hatte, setzte ich Pearl in ihrer Tragetasche in den Schatten neben dem Straßenstand und machte mich an eine Handarbeit, um mir die Zeit zu vertreiben und auf Touristen zu warten. Es war ein ruhiger Vormittag, doch fast ein halbes Dutzend Wagen hielt an, und um die Mittagszeit hatte ich die meisten meiner Decken und Körbe verkauft. Nur wenige Kunden aßen mein Gumbo, und dann senkte sich der lange, stille und heiße Nachmittag auf das Bayou herab. Als die Insekten begannen, Pearl zu belästigen, beschloß ich, es sei an der Zeit, mir eine Pause zu gönnen, und ich brachte sie in die Hütte zurück, damit sie ihren Mittagsschlaf hielt. Ich hatte damit gerechnet, daß Paul zum Mittagessen kommen würde, doch er tat es nicht, und auch im Laufe des frühen Nachmittags ließ er sich nicht blicken.
Ich machte mir eine kühle Limonade und setzte mich auf die Galerie vor dem Haus, um über die Vergangenheit nachzudenken. Der letzte Brief von meiner Zwillingsschwester Gisselle befand sich zusammengeknüllt in meiner Jackentasche. Sie besuchte ein schickes privates College in New Orleans. Der Beschreibung nach schien es eher ein Ort zu sein, an dem man verzogene reiche junge Leute absetzte, und weniger eine Institution, die höhere Bildung vermittelte. Nach allem, was sie schrieb, ließen ihre Lehrer es ihr durchgehen, wenn sie ihre Texte nicht las, ihre Hausaufgaben nicht machte und im Unterricht nicht aufpaßte. Sie prahlte sogar damit, wie oft sie Schulstunden schwänzte, ohne auch nur dafür getadelt zu werden.
Aber sie ließ mit Begeisterung in all ihre Briefe Neuigkeiten über Beau einfließen, und selbst dann, wenn es sich dabei um Neuigkeiten handelte, die mir weh taten, mußte ich sie dennoch mehrfach lesen. Ich faltete den Brief auseinander und überflog ihn, bis ich folgende Absätze erreichte. »Es interessiert dich vielleicht zu erfahren«, schrieb sie, und dabei wußte sie ganz genau, wie dringend ich es wissen wollte...
daß Beau es mit seinem Mädchen in Europa immer ernster meint. Seine Eltern haben Daphne erzählt, daß Beau und seine französische Debütantin dicht davorstehen, ihre Verlobung offiziell bekanntzugeben. Sie schwärmen in den höchsten Tönen von ihr, wie schön, wie reich, wie kultiviert sie ist. Sie sagen, sie hätten nichts Besseres für ihn tun können, als ihn nach Europa zu schicken.
Und jetzt laß mich dir von den Jungs hier in Paris berichten...
Ich knüllte den Brief in meiner Faust zusammen und steckte ihn wieder in meine Tasche. Die Erinnerungen an Beau schienen sich zu intensivieren, jetzt da ich mit dem Gedanken spielte, Paul zu heiraten und mich für ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit zu entscheiden. Es versprach jedoch, ein Leben ohne Leidenschaft zu werden, und jedesmal, wenn ich daran dachte, dachte ich an Beau. Sein liebevolles Lächeln erschien vor meinen Augen, und ich erinnerte mich wieder an den Morgen, an dem Gisselle und ich nach Greenwood aufgebrochen waren, der Privatschule in Baton Rouge. Er war gerade noch rechtzeitig eingetroffen, und wir hatten nur wenige Minuten Zeit gehabt, uns voneinander zu verabschieden; aber er hatte mich damit überrascht, daß er mir das Medaillon geschenkt hatte, das ich immer noch verborgen unter meiner Bluse trug.
Ich zog es heraus und öffnete es, um sein Gesicht und meines
anzusehen. O Beau, dachte ich, gewiß werde ich niemals einen anderen Mann so leidenschaftlich lieben, wie ich dich geliebt habe, und wenn ich dich nicht haben kann, dann ist es vielleicht die richtige Entscheidung, ein glückliches und geborgenes Leben mit Paul zu wählen. Es überraschte mich, warme Tränen auf meinen Wangen zu spüren. Ich wischte sie eilig fort und lehnte mich in dem Moment zurück, als ein vertrauter großer Wagen vor dem Haus vorfuhr. Er gehörte Octavius, Pauls Vater. Ich schloß das Medaillon und ließ es eilig unter meine Bluse fallen, zwischen meine Brüste.
Mr. Tate, ein großgewachsener, distinguiert wirkender Mann, der immer gut gekleidet und gepflegt war, stieg aus seinem Wagen. Seine Schultern hingen herunter wie die eines erschöpften alten Mannes, und seine Augen wirkten müde. Paul hatte sein gutes Aussehen weitgehend von seinem Vater, der ein kräftiges Kinn, einen energischen Mund und eine gerade Nase hatte, weder zu lang noch zu schmal. Ich hatte Mr. Tate seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, und es überraschte mich ein wenig, wie sehr er in der Zwischenzeit gealtert war.
»Guten Tag, Ruby«, sagte er, als er die Stufen erreicht hatte. »Ich habe mich gefragt, ob ich mich privat und ungestört mit dir unterhalten könnte.«
Mein Herz pochte. Ich konnte mich nicht erinnern, im Lauf der Jahre mehr als ein halbes Dutzend Worte mit ihm gewechselt zu haben, und dabei handelte es sich in erster Linie um Begrüßungen und Verabschiedungen vor der Kirche.
»Ja, selbstverständlich«, sagte ich und stand auf. »Kommen Sie rein. Möchten Sie vielleicht ein Glas Limonade? Ich habe gerade einen frischen Krug zurechtgemacht.« »Ja, gern. Danke«, sagte er und folgte mir ins Haus.
»Setzen Sie sich, bitte«, sagte ich und wies mit einer Kopfbewegung auf das einzige gute Möbelstück, den Schaukelstuhl. Ich schenkte ihm ein Glas Limonade ein und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
»Danke«, sagte er, als er das Glas nahm und ich mich ihm gegenüber auf das abgewetzte ausgeblichene braune Sofa setzte, dessen Armlehnen so fadenscheinig waren, daß die Füllung aus Louisianamoos zu sehen war. Er trank einen Schluck von der Limonade. »Das tut gut«, sagte er. Dann sah er sich einen Moment lang nervös um und lächelte. »Du hast nicht gerade viel hier, Ruby, aber du hältst das Haus wirklich in Ordnung.«
»Nicht so gut, wie Grandmère Catherine es früher in Ordnung gehalten hat«, sagte ich.
»Deine Grandmère war eine ganz beachtliche Frau. Ich muß gestehen, daß ich nie allzuviel von Wunderheilungen und den pflanzlichen Medikamenten gehalten habe, die sie gebraut hat, aber ich kenne viele Menschen, die auf ihre Heilkräfte geschworen haben. Und wenn überhaupt irgend jemand deinem Grandpère gewachsen war, dann war sie es«, fügte er hinzu.
»Sie fehlt mir sehr«, gestand ich. Er nickte und trank noch einen Schluck Limonade. Dann holte er tief Atem. »Ich vermute... ich vermute, ich bin nervös. Die Vergangenheit hat es an sich, einen einzuholen und einem einen Hieb in die Magengrube zu verpassen, wenn man am allerwenigsten damit rechnet«, sagte er und beugte sich vor. Sein scharfer, durchdringender Blick heftete sich auf mich.
»Du bist Catherine Landrys Enkelin, und du hast selbst teuflisch viel durchgemacht. Ich kann dir im Gesicht ansehen, daß du wesentlich älter und klüger bist als das hübsche kleine Mädchen, das ich an der Seite seiner Grandmère beim Kirchgang gesehen habe.«
»Die Vergangenheit hat uns beiden einen Hieb in die Magengrube versetzt«, sagte ich. Seine Augen nahmen einen interessierteren Ausdruck an.
»Ja. Nun, dann wirst du gewiß verstehen, warum ich nicht um den heißen Brei herumreden mag. Du weißt über einen Teil dessen Bescheid, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, und wahrscheinlich hast du dir eine gewisse Vorstellung von mir gemacht. Das habe ich niemand anderem als mir selbst vorzuwerfen. Vor einundzwanzig Jahren war ich ein gänzlich von sich selbst eingenommener junger Mann. Ich bin nicht hergekommen, um irgend etwas zu rechtfertigen oder Ausflüchte für mich zu finden«, fügte er eilig hinzu. »Was ich getan habe, war falsch, und in der einen oder anderen Form habe ich mein ganzes Leben lang dafür gebüßt.
Aber deine Mutter... Gabrielle... diese junge Frau war etwas ganz Besonderes.« Er schüttelte den Kopf, und die Erinnerung an sie ließ ihn lächeln. »Da sie die Tochter deiner Grandmère ist und all das, habe ich früher immer geglaubt, sie sei eine dieser Sumpfgöttinnen, über die das einfache Volk getuschelt hat und an die die meisten christlichen Bürger gegen ihren Willen doch geglaubt haben. Es schien, als könnte man sie niemals überraschen, nie aus Versehen auf sie stoßen, ohne daß sie wunderschön aussah, so schön, daß es schon ... vergeistigt war. Ich weiß, daß es dir schwerfallen muß, diese Beschreibung einer Frau zu verstehen, die du nie mit eigenen Augen gesehen hast, aber genau so war es.«
Tief in meinem Herzen spürte ich, wie das Grauen aufwogte. Warum erzählte er mir all das jetzt?
»Jedesmal, wenn ich sie sah«, fuhr er fort, »hat mein Herz höher geschlagen, und mir war danach zumute, in ihrer Gegenwart auf Zehenspitzen zu gehen. Wenn sie mich angesehen hat... es war wie diese griechische Legende... du weißt von diesem Cherub und seinem Pfeil und Bogen?«
»Cupido?«
»Ja, Cupido. Ich war verheiratet, aber wir hatten noch keine Kinder. Ich habe mich bemüht, meine Frau zu lieben. Ich habe es wirklich versucht«, sagte er und hob die Hand, »aber es war, als zöge Gabrielle die Menschen in einen magischen Bann. Eines Tages ruderte ich allein durch den Sumpf. Ich war auf dem Rückweg vom Fischen. Hinter einer Biegung habe ich sie plötzlich ohne einen Faden am Leib beim Schwimmen ertappt. Ich glaubte, die Zeit sei stehengeblieben, erstarrte und hielt den Atem an. Wie gebannt sah ich sie an. Ihre Augen wirkten unglaublich jung und glücklich, und als ihr Blick auf mich fiel, lachte sie. Ich konnte nicht anders; ich warf meine Kleidung ab, so schnell es nur irgend ging, und sprang ins Wasser. Wir schwammen nebeneinander her, bespritzten uns gegenseitig mit Wasser und folterten uns damit, daß wir einander umarmten und dann wieder voneinander losrissen. Ich folgte ihr aus dem Wasser zu ihrem Kanu, und dort...
Nun, den Rest der Geschichte kennst du. Ich habe mich zu dem bekannt, was ich angerichtet hatte, sowie es ans Licht kam. Dein Grandpère Jack hat mir zugesetzt.
Gladys war natürlich am Boden zerstört. Ich bin zusammengebrochen und habe geweint und sie angefleht, mir zu verzeihen. Das hat sie keineswegs getan, aber sie hat großmütiger reagiert, als ich es je für möglich gehalten hätte. Sie hat beschlossen, wir sollten so tun, als sei das Baby unseres, und hat dann mit ausgeklügelten Mitteln begonnen, allen eine Schwangerschaft vorzuspielen.
Dein Grandpère hat sich nicht mit der ursprünglichen Zahlung zufriedengegeben. Immer wieder ist er an mich herangetreten und hat mehr verlangt, bis ich endlich einen Schlußstrich gezogen habe. Inzwischen war Paul ein kleiner Junge, und mir war klargeworden, daß ohnehin niemand die Geschichten eines Jack Landry glauben würde. Danach hat er mich nicht mehr belästigt, und die ganze Geschichte war beendet.
Natürlich habe ich seither den größten Teil meines Lebens mit dem Versuch zugebracht, meine Frau für meinen Fehler zu entschädigen. Sie hat Paul auch niemals das Gefühl gegeben, sie könnte nicht seine Mutter sein. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Paul die Wahrheit herausbekommen hat, hat er ihr gegenüber nie etwas anderes als die Liebe eines Sohnes empfunden. Das steht für mich fest. Ich würde sogar tatsächlich soweit gehen zu behaupten, daß er Gladys nach wie vor wie ein Sohn liebt. Manchmal ist er eben ein furchtbar verwirrter junger Mann. Wir haben unsere Auseinandersetzungen gehabt, und ich habe geglaubt, er hätte alles verstanden und akzeptiert und mir endlich verziehen.«
Er legte eine Pause ein und wartete mit besorgt zusammengekniffenen Augen darauf, daß ich seine Geschichte verdaute.
»Wenn Sie Vergebung erwarten, dann ist das ziemlich viel verlangt, vor allem von Paul«, sagte ich. Seine Lippen preßten sich einen Moment lang zusammen, und dann nickte er, als hätte ich ihm eine Meinung bestätigt, die er ohnehin schon von mir hatte.
»Ich muß dir sagen«, fuhr er fort, »daß ich froh war, als du nach New Orleans gegangen bist. Ich dachte, daraufhin würde er sich endlich nach einer anständigen jungen Dame umsehen, die er zur Frau nehmen kann, und dann wäre der ganze Aufruhr vorüber, aber... du bist zurückgekommen, und gestern abend ... gestern abend kam er zu mir, um mir mitzuteilen, was ihr beide beschlossen habt. In all der Zeit, in der er dieses Haus hat bauen lassen, habe ich etwas Derartiges befürchtet, aber ich hatte gehofft, ich hätte mich geirrt.«
Er lehnte sich erschöpft zurück.
»Unser Plan besteht lediglich darin, Seite an Seite zu leben«, sagte ich leise. »Hier in der Gegend glauben ohnehin die meisten Leute, daß Pearl Pauls Kind ist.«
»Ich weiß. Sogar Gladys hat eine Zeitlang befürchtet, es könnte wahr sein, bis Paul es uns erklärt hat. Jetzt aber ist sie in eine tiefe Depression versunken. Verstehst du«, sagte er und beugte sich auf seinem Stuhl vor, »wir wollen beide nur das Beste für Paul. Wir wollen, daß er ein normales Leben führt, daß er bekommt, was jeder Mann haben sollte, vor allem eigene Kinder. Ich glaube nicht, daß ihm wirklich klar ist, was er sich vorgenommen hat.
Kurz gesagt, Ruby, ich bin hergekommen, um mich für meinen Sohn einzusetzen. Ich bin hergekommen, um ein gutes Wort für ihn einzulegen und dich zu bitten, seinen Heiratsantrag abzulehnen. Es besteht keine Notwendigkeit dafür, daß er für die Sünden seines Vaters büßt. Vielleicht müssen die Sünden des Vaters, seine Fehltritte und seine Qualen, dieses eine Mal nicht über das Haupt des Sohnes herabkommen. Wir können etwas dagegen tun und verhindern, daß es dazu kommt, indem du ihn abweist. Dann wird er endlich seine Ruhe finden, ein anständiges junges Mädchen heiraten und...«
»Nichts auf Erden liegt mir ferner, Mr. Tate, als Paul zu schaden«, sagte ich, während die Tränen über mein Gesicht strömten. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, sie fortzuwischen, und daher tropften sie von meinem Kinn.
»In Wirklichkeit bitte ich dich auch um meiner Frau willen. Ich möchte nicht, daß sie noch einmal tief verletzt wird. Es scheint ganz so, als würde diese Sünde, die ich begangen habe, sich nicht ausrotten lassen. Sogar noch einundzwanzig Jahre später reckt sie ihren häßlichen Kopf empor und folgt mir wie ein Spuk.«
Er nahm im Sitzen eine aufrechte Haltung ein. »Ich bin bereit, dir eine gewisse Sicherheit zu bieten, Ruby. Ich kann dir geben, was du brauchst, bis du einen anderen jungen Mann gefunden hast und...«
»Hören Sie auf!« schrie ich. »Versuchen Sie nicht, mich zu bestechen, Mr. Tate. Es sieht fast so aus, als wollten sich alle auf dieser Welt von ihren Schwierigkeiten freikaufen, als glaubten alle, seien es nun reiche Kreolen oder reiche Cajuns, Geld besäße die Macht, jedes Unrecht wiedergutzumachen. Im Moment komme ich zurecht, und schon bald werde ich Geld aus dem Nachlaß meines Vaters erben.«
»Es tut mir leid«, sagte er freundlich. »Ich dachte nur...«
»Ich will ihr Geld nicht haben.«
Ich wandte mich ab, und eine drückende Stille entstand zwischen uns.
»Ich bitte dich um meines Sohnes willen«, sagte er liebevoll. Ich schloß die Augen und versuchte zu schlucken, aber meine Kehle wollte nicht mitspielen. Ich hatte das Gefühl, ich hätte bereits einen kleinen Stein geschluckt, der jetzt in meiner Brust eingekeilt war. Ich nickte.
»Ich werde Paul sagen, daß ich es nicht tun kann«, sagte ich, »aber ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, wie sehr er es sich wünscht.«
»Es ist mir klar. Ich bin bereit zu tun, was ich kann, um ihm darüber hinwegzuhelfen.«
»Bieten Sie ihm bloß nicht an, ihm etwas zu kaufen«, warnte ich ihn, und meine Augen waren voller Glut. Er schien auf dem Schaukelstuhl zu schrumpfen. »Er ist nicht wie Grandpère Jack.«
»Ich weiß.« Nach einem Moment fügte er hinzu: »Ich möchte dich noch um einen weiteren Gefallen bitten.«
»Und worum jetzt noch?« stieß ich aufgebracht heraus, denn meine Wut siedete wie Milch, die jeden Moment überkochen würde.
»Sag ihm bitte nicht, daß ich heute hier gewesen bin. Ich habe ihm nur deshalb aufgetragen, etwas für mich zu erledigen, was ihn aus dieser Gegend fortführt, damit ich dir ohne sein Wissen diesen Besuch abstatten konnte. Wenn er es herausfände...«
»Ich werde es ihm nicht sagen«, sagte ich.
»Ich danke dir.« Er stand auf. »Du bist eine hochanständige junge Frau und noch dazu außergewöhnlich schön. Ich bin sicher, daß du eines Tages dein Glück finden wirst, und falls es dir an irgend etwas fehlen sollte, falls ich irgend etwas für dich tun kann...«
»Ganz bestimmt nicht«, sagte ich mit scharfer Stimme. Er sah die Wut in meinen Augen, und das Lächeln wich von seinem Gesicht.
»Dann gehe ich jetzt wohl besser«, sagte er. Ich stand nicht auf. Ich blieb dort sitzen und starrte den Fußboden an, bis ich hörte, wie er aus dem Haus ging, den Motor seines Wagens anließ und fortfuhr. Dann warf ich mich auf das Sofa und weinte, bis die Tränen versiegten.
Nachdem Pearl von ihrem Mittagsschlaf aufgewacht war, gab ich ihr ein Fläschchen und nahm sie wieder mit nach draußen, setzte mich an den Straßenrand und hielt nach spätnachmittäglichen Kunden Ausschau. Etwa eine Stunde lang herrschte reges Treiben, und dann wurde es auf der Straße ruhig und leer. Das schwindende Sonnenlicht warf seine langen Schatten auf das Kopfsteinpflaster und verkündete das Ende des Tages.
Mein Herz war schwer. Mr. Tates Besuch hatte eine dichte dunkle Decke über alles geworfen. Ich hatte das Gefühl, Pearl und ich hätten kein Zuhause. Wir gehörten nicht hierher, und wir gehörten nicht nach New Orleans; aber ich glaubte, es würde noch schlimmer sein, hier zu leben, wenn ich Paul erst einmal abgewiesen hatte. Eine Wolke von Traurigkeit würde über unseren Köpfen hängen, jedesmal, wenn er zu Besuch käme; falls er das überhaupt jemals wieder wollte.
Vielleicht hatte Mr. Tate recht. Vielleicht würde Paul tatsächlich endlich jemand anderen finden, nachdem ich ihn abgewiesen hatte; aber ich wußte, daß eine wesentlich größere Chance dafür bestand, wenn Pearl und ich ganz von hier fortgingen und aus seinem Leben verschwanden. Wenn er erst einmal einsah, daß er mich unmöglich heiraten und mit mir zusammenleben konnte, dann würde er sein Glück vielleicht woanders suchen.
Aber wohin hätten wir schon gehen können? Was konnten wir schon tun? fragte ich mich. Ich hatte keine anderen Verwandten, zu denen ich flüchten konnte. Ich brachte Pearl ins Haus und trug die Sachen hinein, die noch draußen lagen. Dabei versuchte ich verzweifelt, mir etwas einfallen zu lassen, was eine Zukunft für uns in sich barg. Endlich hatte ich eine Idee. Ich beschloß, meinen Stolz zu schlucken, mich an den Tisch zu setzen und einen Brief an Daphne zu schreiben.
Liebe Daphne,
ich habe Dir in all der Zeit nicht geschrieben, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß Du gern von mir hören würdest. Ich werde nicht bestreiten, daß es Dich zu Recht aus der Fassung gebracht hat, von meiner Schwangerschaft und Beaus Kind zu erfahren. Ich bin alt genug, um zu begreifen, daß ich für mein Handeln selbst verantwortlich bin, aber die Abtreibung, die Du arrangiert hattest, konnte ich beim besten Willen nicht vornehmen lassen. Jetzt, wo ich meine Tochter Pearl habe, bin ich froh über meine Entscheidung, obgleich ich weiß, daß wir beide ein schweres Leben haben werden. Ich hatte geglaubt, wenn ich ins Bayou zurückginge, in die Welt, in der ich aufgewachsen bin und glücklich war, dann würde alles wieder gut und ich bräuchte niemandem Probleme zu machen, am allerwenigsten Dir. Wir sind nie miteinander ausgekommen, als mein Vater noch am Leben war, und ich rechne auch nicht damit, daß sich das jemals ändert. Hier liegen die Dinge allerdings nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich hier nicht bleiben kann. Aber hab keine Angst, ich werde Dich nicht bitten, mich wieder bei Dir aufzunehmen. Ich bitte Dich lediglich darum, mir einen Teil meiner Erbschaft jetzt schon auszuzahlen, damit ich mir und meiner Tochter irgendwo anders ein Leben aufbauen kann... nicht in New Orleans und nicht im Bayou. Damit gibst Du mir nichts, was mir nicht ohnehin zufallen würde; Du gibst es mir nur früher. Ich bin sicher, Du wirst mir zustimmen, daß das ganz und gar im Sinne meines Vaters wäre.
Denk bitte darüber nach, und gib mir so bald wie möglich Bescheid. Ich versichere Dir, daß wir, sobald Du meine Bitte erfüllt hast, wenig oder keinen Kontakt zueinander haben werden.
HochachtungsvollRuby
Während ich den Brief adressierte, hörte ich einen Wagen vor dem Haus vorfahren. Ich unterbrach mich augenblicklich und verbarg den Brief eilig in der Tasche meines Kleides.
»Hallo«, sagte Paul, als er eintrat. »Tut mir leid, daß ich nicht eher gekommen bin. Ich hatte Geschäfte zu erledigen, die mich nach Breaux Bridge geführt haben. Wie hast du deinen Tag verbracht? War viel los?«
»Halbwegs«, sagte ich und senkte den Blick, doch es war schon zu spät.
»Mit dir stimmt etwas nicht«, sagte er. »Was ist passiert?«
»Paul«, sagte ich, nachdem ich tief Atem geholt hatte, »wir können es nicht tun. Wir können nicht heiraten und auf Cypress Woods leben. Ich habe mir lange Zeit Gedanken darüber gemacht, und ich weißt jetzt, daß es so nicht geht.«
»Weshalb hast du es dir anders überlegt?« fragte er und verzog vor Erstaunen und Enttäuschung das Gesicht. »Du bist gestern im Haus so fröhlich gewesen. Es war, als sei eine dunkle Wolke von deinem Gesicht gezogen worden.«
»Du hast recht gehabt, als du mir von Cypress Woods erzählt hast. Das Haus und das Gelände üben einen Zauber aus. Es war, als seien wir in eine Scheinwelt eingetreten, und eine Zeitlang habe ich mich in ihren Bann ziehen lassen. Dort fällt es einem so leicht, sich etwas vorzumachen und die Wirklichkeit zu vergessen.«
»Na und? Es ist unsere Welt. Ich kann sie so wunderbar gestalten wie jede Phantasiewelt. Und solange wir niemandem damit schaden...«
»Aber wir schaden anderen damit, Paul. Wir schaden einander«, hob ich gequält hervor.
»Nein«, setzte er an, aber ich wußte, daß ich schnell und entschlossen weiterreden mußte, da ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre.
»Oh, doch, das tun wir. Wir können uns etwas vormachen. Wir können einander Versprechen abgeben. Wir können unsere speziellen Abmachungen treffen, aber das Ergebnis ist dasselbe ... wir verurteilen einander damit zu einem unnatürlichen Leben.«
»Unnatürlich... mit jemandem zusammenzusein, den man liebt und beschützen will und...«
»Und den man niemals leidenschaftlich umarmen wird, von dem man niemals Kinder haben wird, und wir beide würden niemals die Wahrheit enthüllen... Wir könnten nicht einmal Pearl die Wahrheit sagen, weil wir fürchten müßten, ihr damit zu schaden. Ich kann es nicht tun.«
»Natürlich werden wir es ihr sagen können, wenn sie alt genug ist, um es zu verstehen«, verbesserte er mich. »Und sie wird es verstehen. Sieh mal, Ruby...«
»Nein, Paul. Ich ... ich glaube nicht, daß ich die Opfer bringen kann, die du dir zutraust«, schloß ich.
Er starrte mich einen Moment lang an, und seine Augen waren klein und argwöhnisch. »Ich glaube dir nicht. Es ist etwas Konkretes vorgefallen. Jemand hat mit dir gesprochen. Wer war es? Eine der Freundinnen deiner Grandmère Catherine? Der Geistliche? Wer?«
»Nein«, sagte ich. »Niemand hat mit mir gesprochen, es sei denn, du rechnest meine eigene Vernunft und mein Gewissen dazu.« Ich mußte mich abwenden. Es war mir unerträglich, den Schmerz in seinen Augen zu sehen.
»Aber... ich habe gestern abend mit meinem Vater geredet, und nachdem ich ihm alles erklärt hatte, hat er eingewilligt und mir seine Zustimmung erteilt. Meine Schwestern wissen nichts über die Vergangenheit, und daher waren sie überglücklich, als sie erfahren haben, daß du meine Frau und ihnen eine neue Schwester sein wirst. Und sogar meine Mutter...«
»Was ist mit deiner Mutter, Paul?« fragte ich mit scharfer Stimme. Er schloß die Augen und öffnete sie dann wieder.
»Sie wird es mit der Zeit akzeptieren«, versprach er.
»Akzeptieren heißt noch lange nicht billigen.« Ich schüttelte den Kopf und feuerte meine Worte wie Kanonenkugeln auf ihn ab. »Wenn sie es akzeptiert, dann nur, weil sie dich nicht verlieren will«, sagte ich. »Und überhaupt liegt die Entscheidung nicht bei dir. Sie liegt bei mir«, fügte ich hinzu, und es kam etwas strenger heraus, als ich es beabsichtigt hatte.
Pauls Gesicht wurde weiß.
»Ruby... das Haus... alles, was ich besitze... es ist nur für dich da. Es geht mir dabei überhaupt nicht um mich ... nur um dich und um Pearl.«
»Du mußt etwas für dich selbst tun, Paul. Das solltest du wirklich lernen. Es wäre unrecht von mir, wenn ich so selbstsüchtig wäre zuzulassen, daß du dir eine normale Ehe und eine normale Familie versagst.«
»Aber diese Entscheidung liegt bei mir«, gab er zurück. »Du bist zu... zu verwirrt, um die richtige Entscheidung zu treffen«, sagte ich und wandte den Blick ab.
»Sag, daß du es dir noch einmal überlegen wirst«, flehte er und nickte, um sich selbst davon zu überzeugen, daß immer noch Hoffnung bestand. »Ich komme morgen wieder vorbei, und dann reden wir noch einmal darüber.«
»Nein, Paul. Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Es ist zwecklos, weiter darüber zu reden. Ich kann es nicht über mich bringen. Ich kann es einfach nicht«, schluchzte ich und wandte mich von ihm ab. Pearl, die wahrnahm, wie unglücklich wir beide waren, fing jetzt auch an zu weinen. »Du solltest besser gehen«, sagte ich. »Das Baby ist schon ganz verstört.«
»Ruby ...«
»Bitte, Paul. Mach es nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.«
Er ging zur Tür, blieb dort jedoch still stehen und schaute hinaus.
»Den ganzen Tag über«, sagte er liebevoll, »war ich wie jemand, der auf einer Wolke schwebt. Nichts konnte mich unglücklich machen.«
Obwohl mir inzwischen wirklich elend zumute war, gelang es mir doch irgendwie, meine Stimme zu finden. »So wird es dir eines Tages wieder gehen, Paul. Ich bin ganz sicher.«
»Nein, ganz bestimmt nicht«, sagte er und wandte sich wieder zu mir um. In seinen Augen standen Schmerz und Wut. Seine Wangen waren so stark gerötet, daß er wie ein Tourist aus dem Norden aussah, der sich einen Sonnenbrand geholt hat. »Ich schwöre dir, daß ich niemals eine andere Frau ansehen werde. Ich werde niemals eine andere Frau küssen. Ich werde niemals eine andere Frau in den Armen halten.« Er hob die rechte Faust, schaute zur Decke auf und schüttelte die erhobene Faust. »Ich werde dieselben Keuschheitsgelübde ablegen, wie sie unser Geistlicher abgelegt hat, und ich werde dieses prachtvolle Haus in einen Schrein verwandeln. Ich werde bis ans Ende der Zeit alleine dort leben, und ich werde sterben, ohne einen anderen Menschen an meiner Seite zu haben, und mir wird nichts weiter bleiben als die Erinnerung an dich«, fügte er hinzu, und dann stieß er die Tür auf und rannte über die Veranda und die Stufen hinunter.
»Paul!« rief ich ihm nach. Es war mir unerträglich, ihn derart zornig und verletzt zu sehen. Doch er kam nicht zurück. Ich hörte, wie er den Motor seines Wagens anließ und wie die Räder den Kies aufwirbelten, als er davonbrauste, sein Herz in Scherben zerbrochen.
Es schien ganz so, als brächte ich es fertig, jedem weh zu tun, mit dem ich in Berührung kam. War ich dazu geboren worden, denen, die mich liebten, Leid zuzufügen? Ich hielt meine Tränen zurück, damit Pearl nicht noch unruhiger wurde, doch ich fühlte mich wie eine Insel, um die herum das Meer brandet. Jetzt hatte ich wahrhaft niemanden mehr auf Erden.
Als mein Herz aufgehört hatte, wie ein Specht zu klopfen, begann ich, uns etwas zum Abendbrot herzurichten. Mein Baby nahm mein Unglück wahr, obwohl ich mich bemühte, es mit meiner Geschäftigkeit zu überdecken. Wenn ich etwas sagte, hörte Pearl das Unglück aus meiner Stimme heraus, und wenn ich sie anschaute, sah sie die Finsternis in meinen Augen.
