V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Alles, was sie will, ist eine Familie, die sie ihre eigene nennen kann. Doch Brooke ist nur ein Waisenkind unter vielen, und sie ist schrecklich einsam. Doch sie hört nicht auf, von einem glänzenden Leben zu träumen. Von Liebe, Glück und Freiheit. Dazu muss sie um jeden Preis die dunklen Hinterlassenschaften ihrer Vergangenheit vergessen …
Ein bewegender Roman voller Leidenschaft, Hass und dunkler Intrigen – V.C. Andrews´ dramatische Orphan-Saga!
Prolog
Als ich Pamela Thompson zum ersten Mal sah, dachte ich, sie sei ein Filmstar. Ich war zwölf Jahre alt und hatte schulterlanges blondes Haar. Meistens hielt ich es mit einem verblichenen rosa Band zusammen, das meine Mutter darumgebunden hatte, bevor sie mich vor dem Büro des Kinderschutzbundes aussetzte und aus meinem Leben verschwand. Damals war ich knapp zwei Jahre alt, daher erinnere ich mich nicht wirklich an sie. Oft stelle ich mir vor, ich sei damals ein Kreisel gewesen, der sich drehte und drehte, bis er schließlich zum Stillstand kam, hilflos verloren in einem System, das mich von Heim zu Heim weiterreichte, bis ich eines Morgens mit weit aufgerissenen Augen diese hoch gewachsene, bezaubernd schöne Frau anstarrte, die strahlend blaue Augen hatte und Haare wie gesponnenes Gold.
Ihr Mann Peter, groß, schlank und vornehm wie der Präsident persönlich, stand neben ihr, die Arme unter seinem Kamelhaarmantel verschränkt, und lächelte zu mir herunter. Es war Mitte April in Monroe, einer Vorortgemeinde New Yorks. Aber Peter war so braun wie jemand aus Florida oder Kalifornien. Sie waren das attraktivste Paar, das ich jemals gesehen hatte. Selbst die Sozialarbeiterin, Mrs. Talbot, die von niemandem besonders viel zu halten schien, wirkte beeindruckt.
Was hatten zwei so fantastisch aussehende Menschen mit mir vor, fragte ich mich.
»Ihre Haltung ist perfekt, Peter. Sieh nur, wie sie mit zurückgenommenen Schultern dasteht«, lobte Pamela.
»Perfekt«, stimmte er ihr zu, lächelte und nickte, während
er mir einen Blick zuwarf. Seine sanften grünen Augen zwinkerten freundlich. Sein rostfarbenes Haar glänzte genauso gesund wie das seiner Frau.
Pamela hockte sich neben mich, sodass ihr Gesicht auf meiner Höhe war. »Schau uns nebeneinander an, Peter.«
»Ich sehe es«, lachte er. »Verblüffend.«
»Wir haben die gleiche Nase und den gleichen Mund, nicht wahr?«
»Stimmt«, bestätigte er. Ich fand, er musste schlechte Augen haben. Ich sah ihr überhaupt nicht ähnlich.
»Was ist mit ihren Augen?«
»Also«, meinte er, »sie sind blau, aber deine sind ein bisschen mehr blaugrün.«
»So heißt es auch immer in meinen Presseberichten«, erzählte Pamela Mrs. Talbot. »Blaugrüne Augen. Aber sie kommen ihnen nahe«, meinte sie zu Peter.
»Stimmt«, gab er zu.
Sie nahm meine Hand in ihre und studierte meine Finger eingehend. »Die Finger sagen eine Menge über die mögliche Schönheit eines Menschen aus. Miss America erzählte mir das vergangenes Jahr, und ich bin ganz ihrer Meinung. Diese Finger sind wunderschön, Peter. Die Gelenke stehen nicht hoch. Brooke, du hast an den Nägel gekaut, nicht wahr?«, fragte sie mich und verzog missbilligend die Lippen. Ich schaute Mrs. Talbot an. »Ich kaue nicht an den Nägeln«, widersprach ich.
»Nun, wer auch immer ihre Nägel schneidet, macht seine Arbeit nicht besonders gut.«
»Sie schneidet sich ihre Fingernägel selbst, Mrs. Thompson. Die Mädchen erhalten hier keine besondere Schönheitspflege«, erwiderte Mrs. Talbot streng.
Pamela lächelte sie an, als wüsste Mrs. Talbot überhaupt nicht, wovon sie redete, und richtete sich dann wieder zu ihrer vollen Größe auf. »Wir nehmen sie«, verkündete sie. »Nicht wahr, Peter?«
»Absolut«, sagte er.
Ich hatte das Gefühl, als sei ich gekauft worden. Ich schaute Mrs. Talbot an. Sie runzelte missbilligend die Stirn. »In etwa einer Woche wird jemand kommen, um sich mit Ihnen zu unterhalten, Mr. Thompson«, sagte sie. »Wenn Sie bitte in mein Büro kommen würden, um die notwendigen Papiere …«
»In etwa einer Woche! Peter?«, jammerte sie.
»Mrs. Talbot …« Peter trat auf sie zu. »Darf ich bitte Ihr Telefon benutzen?« Sie starrte ihn an.
»Ich glaube, ich kann das Verfahren etwas beschleunigen«, sagte er. »Ich weiß doch, wie sehr Sie dahinter her sind, geeignete Plätze für diese Kinder zu finden. Wir kämpfen auf derselben Seite«, fügte er plötzlich lächelnd hinzu. Plötzlich merkte ich, dass er sehr raffiniert sein konnte, wenn er nur wollte.
Mrs. Talbot erstarrte. »Wir ergreifen nicht Partei, Mr. Thompson. Wir befolgen nur unsere Vorschriften.«
»Genau«, sagte er. »Darf ich Ihr Telefon benutzen?«
»Nun gut«, meinte sie. »Nur zu.«
»Danke.«
Mrs. Talbot trat einen Schritt zurück, und Peter ging in ihr Büro.
»Ich bin so aufgeregt wegen dir«, verriet Pamela mir, während Peter telefonierte. »Wie ich sehe, achtest du gut auf deine Zähne.«
»Ich putze sie zweimal am Tag«, sagte ich.
»Manche Menschen haben von Natur aus gute Zähne«, sagte sie zu Mrs. Talbot, deren Zähne etwas schief und grau waren. »Ich hatte schon immer gute Zähne. Deine Zähne und dein Lächeln sind dein Markenzeichen«, zitierte sie. »Du darfst sie nie vernachlässigen«, warnte sie mich. »Du darfst nie etwas vernachlässigen, weder dein Haar, noch deine Haut oder deine Finger. Was glaubst du, wie alt ich bin? Los, rate.«
Wieder schaute ich Mrs. Talbot Hilfe suchend an, aber sie schaute nur zum Fenster und klopfte mit den Fingern auf den Tisch des Besprechungsraumes.
»Fünfundzwanzig«, sagte ich.
»Siehst du? Fünfundzwanzig. Ich bin aber zweiunddreißig. Ich würde das natürlich niemandem sagen, aber ich wollte diesen Punkt deutlich machen.«
Sie schaute Mrs. Talbot an.
»Und welcher Punkt wäre das, Mrs. Thompson?«, fragte Mrs. Talbot.
»Welcher Punkt? Nun, ganz einfach, dass man nicht vorzeitig altern muss, wenn man gut auf sich achtet. Singst du, oder tanzt du, oder hast du sonst ein kreatives Hobby, Brooke?«, fragte sie mich.
»Nein«, antwortete ich zögernd. Ich fragte mich, ob ich nicht etwas erfinden sollte.
»Sie ist die beste Sportlerin des Waisenhauses, und auch in ihrer Schule steht sie an der Spitze«, prahlte Mrs. Talbot.
»Sportlerin?« Pamela lachte. »Dieses Mädchen wird nicht irgendeine Sportlerin, die man auf den hinteren Seiten eines Sportmagazins versteckt. Sie gehört auf das Titelblatt von Modemagazinen. Sehen Sie sich dieses Gesicht an, diese Züge, diese Vollkommenheit. Wenn ich einer Tochter das Leben geschenkt hätte, sähe sie genau so aus wie du, Brooke. Peter?«, fragte sie, als er auftauchte. Er lächelte.
»Da ist jemand am Telefon, der gerne mit Ihnen sprechen möchte, Mrs. Talbot«, sagte er und zwinkerte Pamela zu.
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und zog mich enger an sich heran. »Brooke, mein Liebling«, rief sie. »Du kommst mit uns nach Hause.«
1
Ein völlig neues Spiel
In meinen geheimsten Träumen – denen, die man tief unter dem Kopfkissen verborgen hält, die einen erwarten sollen, sobald man die Augen schließt – sah ich meine leibliche Mutter zum Waisenhaus kommen, und sie war ganz anders als die Thompsons. Damit meine ich nicht, dass meine Mutter nicht schön gewesen wäre; sie war genauso schön wie Pamela. Und in meinen Träumen sah sie auch keinen Tag älter aus als Pamela.
Die Mutter meiner Träume hatte wirklich meine Haarfarbe und meine Augen. Sie sah so aus, wie ich vermutlich aussehen würde, wenn ich erwachsen war. Sie war durch und durch schön, und ihre besondere Stärke lag darin, Menschen zum Lächeln zu bringen. Sobald traurige Leute sie sahen, vergaßen sie, wie sie waren. Mit meiner Mutter neben mir würde auch ich vergessen, was es hieß, unglücklich zu sein.
In meinem Traum erkannte sie mich sofort unter all den anderen Waisen; und als ich sie in der Tür stehen sah, wusste auch ich sofort, wer sie war. Sie öffnete ihre Arme weit, und ich stürzte mich hinein; sie übersäte mein Gesicht mit Küssen und murmelte zahllose Entschuldigungen. Ihre Entschuldigungen waren mir egal. Ich war zu glücklich.
»Es dauert nur ein paar Minuten«, sagte sie zu mir und ging ins Verwaltungsbüro, um alle Papiere zu unterschreiben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, marschierte ich an ihrer Seite zum Waisenhaus hinaus, stieg in ihr Auto und fuhr mit ihr davon, um ein neues Leben zu beginnen. Wir hatten uns so viel zu sagen, dass wir beide unentwegt redeten,
bis sie mich ins Bett brachte und versprach, immer für mich da zu sein.
Natürlich war das nur ein Traum, und sie kam nie. Ich sprach nie über sie und fragte auch niemanden im Waisenhaus nach ihr. Ich wusste nur, dass sie mich verlassen hatte, weil sie zu jung war, um für mich zu sorgen, aber im tiefsten Inneren meines Herzens hegte ich dennoch die Hoffnung, dass sie immer vorgehabt hatte, mich zu sich zu holen, sobald sie alt genug war, um sich um mich zu kümmern. Bestimmt wachte sie genau wie ich oft nachts auf und dachte an mich, fragte sich, wie ich aussah, ob ich einsam war oder Angst hatte.
Wir Waisenkinder gingen eigentlich nirgendwo anders hin als zur Schule, aber hin und wieder machten wir einen Ausflug nach New York, um ein Museum, eine Ausstellung oder eine Aufführung zu besuchen. Immer wenn wir in die Stadt kamen, presste ich mein Gesicht gegen die Scheibe des Busses und musterte eingehend die Menschen, die die Bürgersteige entlanghasteten. Ich hoffte, eine junge Frau zu sehen, die meine Mutter sein könnte. Meine Chancen waren genauso groß wie auf einen Hauptgewinn in der Lotterie – das wusste ich –, aber es war mein geheimer Wunsch, und schließlich lebten wir Waisenkinder von Wünschen und Träumen. Ohne sie wären wir verloren und vergessen.
Aber nicht im Traum hätte ich mir vorgestellt, dass ein Paar wie Pamela und Peter Thompson mich erst in Pflege nehmen und dann adoptieren wollte. Leute, die so reich und bedeutend waren wie sie, hatten andere Mittel und Wege, an Kinder zu kommen als ein gewöhnliches Waisenhaus. Natürlich machten sie sich nicht selbst auf die Suche. So etwas ließen sie von jemandem erledigen.
Daher fühlte ich mich an jenem Tag, als ich mit ihnen das Waisenhaus verließ, als hätte ich das große Los gewonnen. Ich trug Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt der New York Yankees. Ich hatte ein Party-of-Five-Poster dagegen eingetauscht.
Pamela besah den Rest meiner Garderobe und wies Peter an: »Lass das einfach hier. Lass alles aus ihrer Vergangenheit hier, Peter.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich besaß nichts Wichtiges. Das einzige, was mir wichtig war, nämlich jenes verblasste rosa Band, das ich an dem Tag trug, als meine Mutter mich zurückließ, steckte ich unbemerkt in die Tasche meiner Jeans.
»Unseren ersten Halt legen wir bei Bloomingdale’s ein.«
Peter fuhr mit dem Rolls-Royce vor. Zwar hatte ich schon von diesen Autos gehört, aber noch nie eines gesehen. Es sah aus wie vergoldet. In Ehrfurcht erstarrt, wagte ich nicht zu fragen, ob es wirklich Gold war. Das Innere roch brandneu, und das Leder fühlte sich so weich an, dass es unvorstellbar viel gekostet haben musste. Einige der anderen Kinder starrten aus dem Fenster, die Gesichter gegen die Scheiben gepresst. Sie sahen aus, wie in ein Aquarium eingesperrt. Ich winkte und stieg ein. Als wir davonfuhren, hatte ich das Gefühl, auf einem fliegenden Teppich davonzuschweben.
Ich hatte nicht gedacht, dass Pamela es wörtlich gemeint hatte, als sie davon sprach, als erstes zu Bloomingdale’s zu gehen, aber genau dorthin fuhr Peter. Jeder kannte Pamela in dem Warenhaus. Sobald wir die Kinder-Abteilung betraten, stürzten die Verkäuferinnen sich auf uns wie Haie. Pamela ratterte eine Liste von Wünschen herunter, marschierte dann die Gänge entlang und deutete auf dieses und jenes. Stundenlang probierten wir Kleidung an.
Während ich verschiedene Blusen, Röcke, Jacken und selbst Hüte anzog, saßen Pamela und Peter dort wie Zuschauer bei einer Modenschau. Ich hatte noch nie so viele verschiedene Bekleidungsartikel gesehen, geschweige denn anprobiert. Pamela machte sich genauso viel Gedanken darüber, wie ich die Kleidungsstücke trug wie über ihren Sitz. Bald hatte ich das Gefühl, ein Model zu sein.
»Langsam, Brooke, geh langsam. Kopf hoch und Schultern zurück. Vergiss deine gute Haltung nicht, jetzt da du Kleidung trägst, die deine Erscheinung positiv beeinflussen kann. Wenn du dich umdrehst, halt einen kleinen Augenblick inne. Genau. Du trägst den Rock zu hoch in der Taille.« Sie lachte. »Du benimmst dich, als hättest du noch nie einen Rock getragen.«
»Das tue ich auch kaum«, bestätigte ich. »Jeans sind viel bequemer.«
»Jeans. Das ist doch lächerlich. Jeans haben keine femininen Linien. Ich wusste gar nicht, dass die Röcke dieses Jahr so kurz sind, Millie«, sagte sie zu der Verkäuferin, die mir half. »Oh, ja, Mrs. Thompson. Das ist die neueste Mode.«
»Die neueste Mode? Wohl kaum«, widersprach Pamela. »Für die neueste Mode müsste man nach Paris fahren. Alles, was wir in unseren Geschäften bekommen, hinkt Monate hinterher. Halt deine Arme nicht so, Brooke. Du wirkst zu steif. Du siehst aus, als wolltest du einen Baseball fangen«, lachte sie. »Findest du nicht, Peter?«
»Ja«, bestätigte er und stimmte in ihr Lachen ein.
Sie stand tatsächlich auf, um mir zu zeigen, wie ich gehen, meine Arme halten, mich drehen und den Kopf halten sollte. Warum war das alles so wichtig, wenn ich Kleider anprobierte, fragte ich mich. Sie ahnte diese Frage.
»Wir können wirklich nicht beurteilen, wie dir diese Kleidungsstücke stehen, solange du sie nicht richtig trägst, Brooke. Haltung und Auftreten, die beiden Schwestern des Stils, werden dafür sorgen, dass alles, was du trägst, nach etwas Besonderem aussieht, verstehst du?«
Ich nickte, und sie lächelte.
»Du warst so lieb, ich glaube, du hast etwas Besonderes verdient. Findest du nicht, Peter?«
»Das dachte ich auch gerade, Pamela. Was würdest du vorschlagen?«
»Sie braucht eine gute Uhr für ihr kostbares kleines
Handgelenk. Ich dachte an eine dieser neuen Cartier-Uhren, die ich auf dem Weg ins Geschäft gesehen habe.«
»Du hast völlig Recht. Wie immer«, sagte Peter mit einem Lachen.
Als ich den Preis an der »guten Uhr«, wie Pamela sie nannte, sah, war ich sprachlos. Der Verkäufer nahm sie heraus und befestigte sie an meinem Handgelenk. Sie schien zu glühen. Ich hatte Angst, sie zu zerbrechen oder zu verlieren. Die Diamanten auf dem Zifferblatt funkelten.
»Man muss nur das Band ein wenig kürzen, damit sie ihr richtig passt«, meinte Pamela, die meine Hand höher hielt damit Peter die Uhr an meinem Handgelenk bewundern konnte.
Er nickte. »Steht ihr gut«, bestätigte er.
»Das ist doch so viel Geld«, flüsterte ich. Falls Pamela mich gehört hatte, zog sie vor, darüber hinwegzugehen.
»Wir nehmen sie«, beschloss Peter rasch.
Wie würde es denn Weihnachten sein, fragte ich mich. Ich war völlig benommen von diesem Kaufrausch, bei dem man keine Rücksicht nahm auf die Kosten. Wie reich waren meine neuen Eltern eigentlich?
Ich traute meinen Augen nicht, als ich das Haus sah, das Pamela und Peter ihr Heim nannten. Es war nicht einfach ein Haus; es war ein Herrenhaus wie Tara in Vom Winde verweht oder vielleicht das Weiße Haus. Es war größer und breiter als das Waisenhaus, hatte hohe Säulen und eine Marmortreppe, die zu einem Marmorsäulengang führte. Im ersten Stock gab es ein kleineres Portal.
Die Rasenfläche, die sich vor dem Haus erstreckte, war größer als zwei Baseballfelder nebeneinander. Ich sah Springbrunnen und Bänke. Zwei ältere Männer in weißen Hosen und Hemden jäteten ein Blumenbeet, das die Ausmaße eines olympischen Schwimmbeckens hatte. Als wir in die kreisförmige Auffahrt einbogen, erblickte ich hinter
dem Haus einen Swimming-Pool und etwas, das wie ein Umkleidezelt aussah.
»Wie gefällt es dir?«, fragte Pamela erwartungsvoll.
»Ihr beide lebt hier ganz allein?«, fragte ich, und beide lachten.
»Wir haben Dienstboten, die in einem Teil des Hauses wohnen, aber, ja, bis jetzt lebten nur Peter und ich hier.«
»Es ist so groß«, sagte ich.
»Wie du weißt, ist Peter Rechtsanwalt. Er beschäftigt sich mit Wirtschaftsrecht und ist außerdem in der Politik aktiv. Deshalb konnten wir dich so rasch mit nach Hause nehmen«, erklärte sie. »Und du weißt ja auch bereits, dass ich beinahe Miss America geworden wäre«, fügte sie hinzu. »Viele Jahre habe ich als Model gearbeitet. Deshalb weiß ich so viel über Stil und Auftreten«, erläuterte sie ohne eine Spur von Bescheidenheit.
»Ich glaube, wir haben sie überfordert, Pamela«, meinte Peter.
»Das macht doch nichts. Wir haben so viel zu tun. Wir haben einfach keine Zeit, ihr unser Leben in homöopathischen Dosen zu verabreichen, Peter. Sie wird den Bogen schon rauskriegen, nicht wahr, Liebling?«
»Ich denke schon«, antwortete ich und gaffte immer noch nach draußen, als der Wagen anhielt.
Sofort öffnete sich die Haustür und ein großer, schlanker Mann mit zwei Büscheln grauen Haares über den Ohren eilte heraus, gefolgt von einer kleinen Brünetten in einer blauen Hausmädchenuniform mit einer weißen Spitzenschürze.
»Hallo, Sacket«, rief Peter, als er ausstieg.
»Sir«, erwiderte Sacket, ein Mann Ende fünfzig oder Anfang sechzig. Er hatte kleine, dunkle Augen und eine lange Nase, die anscheinend immer noch in Richtung auf seinen schmalen Mund und den scharf geschnittenen Kiefer wuchs. In seinem blassen Gesicht wirkten die Lippen wie geschminkt.
»Willkommen daheim, Mr. Thompson«, sagte er mit einer viel tieferen Stimme, als ich erwartet hatte. Sie schien aus seinem Bauch zu kommen und mit der Resonanz einer Kirchenorgel aus seinem Mund widerzuhallen.
Das Hausmädchen flatterte wie eine Motte um das Auto und wartete nervös darauf, dass Pamela ihr Anweisungen erteilte. Sie schien selbst nicht viel älter zu sein als dreißig, wirkte aber sehr unscheinbar, da sie kein Make-up trug. Ihre Nase war viel zu klein für den breiten Mund mit den dicken Lippen. Ihre braunen Augen zwinkerten unentwegt nervös. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und trat zurück, als Pamela aus dem Wagen stieg.
»Bring die Pakete aus dem Kofferraum in Brookes Zimmer hinauf, Joline.«
»Jawohl, Madame«, erwiderte sie. Sie warf mir einen raschen Blick zu und ging um den Wagen herum nach hinten zu Sacket. Dort bepackten sie sich mit meinen Einkäufen.
»Peter, könntest du Brooke das Haus zeigen, während ich mich frisch mache?«, bat Pamela ihn. Sie wandte sich mir zu. »Reisen und Einkaufen kann die Haut austrocknen, besonders, wenn man in diese Warenhäuser mit ihren Klimaanlagen geht. Und all dieser Staub.«
»Kein Problem, mein Liebling«, versicherte Peter.
»Brooke«, sagte er und streckte seinen Arm aus. Zuerst verstand ich ihn nicht. Er kam näher mit seinem Arm; da begriff ich und steckte meinen Arm hindurch. »Sollen wir einen Rundgang durch dein neues Heim machen?«, fragte er lächelnd.
Ich sah auf die Dienstboten, die mit meinen Paketen hinaufeilten, die Gartenanlagen, in denen Leute Beete jäteten, Pflanzen beschnitten, die Hecken und Rasenflächen, die schiere Größe des Besitzes, und in meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Mir wurde ganz schwindelig davon.
Mein neues Heim?
Mein ganzes Leben lang hatte ich in Zimmern gewohnt,
die nicht größer waren als Schränke, manchmal hatte ich den Raum sogar mit einer anderen Waisen geteilt. Das Badezimmer benutzte ich gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer Kinder. Ich aß in einem Speisesaal, kämpfte darum, im Fernsehen sehen zu können, was ich wollte, und verteidigte meine winzige Privatsphäre wie eine Bärin ihre Jungen.
Dann wurde ich von einem Augenblick zum anderen in einen Palast gebracht. Ich war sprachlos. Ich hatte solch einen Kloß im Hals, dass ich das Gefühl hatte, einen Apfel verschluckt zu haben. Ich lehnte mich auf Peters Arm, dessen Stütze ich jetzt wirklich brauchte, und er führte mich die Treppe hinauf zu der imposanten Eingangstür, durch die Pamela geeilt war, als sei das Haus eine Zuflucht vor bösen Geistern, die ihr ihre Schönheit rauben wollten.
»Voilà«, sagte er und machte einen Schritt zurück, damit ich eintreten konnte.
In der lang gestreckten Eingangshalle, deren Bodenfliesen an gestrudeltes Schokoladen- und Vanilleeis erinnerten, drehte ich mich langsam im Kreis und betrachtete die großen Ölgemälde, die aussahen, als stammten sie aus einem europäischen Museum. Ich betrachtete den riesigen goldenen Kronleuchter über uns und den prächtigen Gobelin an der Wand neben der halbkreisförmigen Treppe, die mit eierschalenfarbenem Teppich bedeckt war, der so flauschig aussah wie Kaninchenfell.
»Das ist eine Szene aus Romeo und Julia«, sagte Peter und nickte in Richtung Gobelin. »Der Maskenball. Das hast du noch nicht gelesen, oder?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Aber ich wette, du kennst die Geschichte, hm?«
»Ein wenig«, meinte ich.
»Was hältst du bis jetzt davon?«, fragte er.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist alles so groß hier.« Ich schnappte nach Luft, und er lachte.
»Annähernd tausend Quadratmeter«, prahlte er. »Komm mit.«
Auf seiner Seite sah ich einen riesigen Wohnraum mit einem weißen Flügel.
»Keiner von uns kann spielen, fürchte ich. Du?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, dir Unterricht geben zu lassen. Würde dir das gefallen?«, fragte er.
»Ich weiß nicht«, zögerte ich. Ich wusste es wirklich nicht. Ich hatte nie den Wunsch verspürt, Klavier zu spielen. Natürlich hatte ich auch noch nie die Gelegenheit, es zu lernen.
»Wahrscheinlich wirst du eine Menge neuer Dinge entdecken, die du gerne tun möchtest«, stellte Peter nachdenklich fest. »Wenn etwas unmöglich erscheint, denkt man gar nicht weiter darüber nach, hm?«
Ich nickte. Das ergab einen Sinn. Er war clever. Er musste clever sein, um genug Geld für dies alles zu verdienen, dachte ich.
Mein Blick fiel auf viele weitere teuer aussehende Gemälde, sehr kostspielig aussehende Vasen und Kristall, auf Möbel ohne ein Stäubchen. Die Holzarmlehnen und Beine waren auf Hochglanz poliert, die Sofas und Sessel sahen aus, als hätte noch nie jemand darauf gesessen. »Wir verbringen nicht genug Zeit hier«, sagte Peter, als könnte er Gedanken lesen. »Dies ist einer dieser Vorzeigeräume. Normalerweise halten wir uns in dem Wohnzimmer auf, in dem unser Fernseher steht. Vielleicht verbringen wir jetzt, da du da bist, ja mehr Zeit damit, uns im Familienkreis zu unterhalten. Für Unterhaltungen ist er doch gut geeignet, oder?«, fragte er mit einem Lächeln.
»Ich habe hier das Gefühl, ich müsste flüstern. Es ist wie ein Raum in einem berühmten Haus oder so«, entgegnete ich, und er lachte.
»Ich sehe gerne die Gesichter der Leute, die zum ersten
Mal in meinem Haus sind, denn durch sie kann ich selbst alles neu sehen«, erklärte er.