V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Dies ist die fesselnde Geschichte vier junger Mädchen, die – mit einer Ausnahme – Waisen sind und aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Adoptivfamilien bleiben können. Die zierliche Janet wurde von ihrer Adoptivmutter ausgewählt, um deren eigene Karriere als Ballerina, die durch einen Unfall jäh beendet wurde, neu auferstehen zu lassen. Als das schüchterne Mädchen dem Druck nicht gewachsen ist, muss sie die Familie wieder verlassen. Auch Brooke kann die Erwartungen ihrer neuen Mutter nicht erfüllen, denn sie nimmt lieber an Sportveranstaltungen als an Miss-Wahlen teil. Die gescheite Crystal, die adoptiert wird, damit ihre Adoptivmutter über den Verlust ihres eigenen Babys hinwegkommt, verliert ihre neue Familie bei einem Autounfall. Und Raven, deren leibliche Mutter von der Polizei gesucht wird, landet zuerst bei ihrem brutalen Onkel, bevor sie im Kinderheim Zuflucht findet.
Ein bewegender Roman voller Leidenschaft, Hass und dunkler Intrigen – V.C. Andrews´ dramatische Orphan-Saga!
Prolog
Ich wartete allein in Mrs. McGuires Büro auf das Ehepaar, das mich sehen wollte. Der Rücken tat mir weh, weil ich »anständig« auf dem Stuhl neben Mrs. McGuires Schreibtisch saß, aber aus Erfahrung wusste ich, dass es besser war, sich so gut wie möglich zu benehmen. Mrs. McGuire war die Verwaltungschefin unseres Waisenhauses und schimpfte mit uns, wenn wir in Anwesenheit von Besuchern herumlümmelten oder irgendetwas »Unanständiges« taten.
»Haltung, Haltung«, rief sie immer, wenn sie im Speisesaal an uns vorbeiging, und wir alle nahmen Haltung an. Wenn man ihr nicht gehorchte, musste man stundenlang ein Buch auf dem Kopf herumbalancieren, und wenn das Buch herunterfiel, ging es am nächsten Tag von vorne los.
»Ihr Kinder seid Waisen«, hämmerte sie uns ein, »die darauf warten, dass nette Leute kommen und sie in ihre Familie aufnehmen. Ihr müsst besser sein als andere Kinder – Kinder mit Eltern und einem Zuhause. Ihr müsst gesünder, intelligenter, höflicher und vor allem respektvoller sein«, sagte sie mit einer Stimme, die im Laufe ihrer endlosen Predigten oft schrill wurde. »Ihr müsst begehrenswert erscheinen. Warum«, fragte sie, die dünnen Lippen verzogen, »sollte jemand wollen, dass einer von euch ihre Tochter oder ihr Sohn wird?«, und ließ kritisch ihren Blick über jeden einzelnen von uns schweifen.
Sie hatte Recht. Wer würde mich schon wollen?, dachte ich. Ich war eine Frühgeburt. Einige von den Jungen und Mädchen behaupteten, ich sei wachstumsgestört. Erst gestern nannte Donald Lawson mich einen Zwerg.
»Bestimmt trägst du noch auf der Highschool Kleinmädchenkleider«, hänselte er mich.
Hocherhobenen Hauptes schritt er davon. Ich merkte, dass es ihm gut tat, wenn ich mich schlecht fühlte. Meine Tränen waren Trophäen für ihn. Es tat ihm überhaupt nicht Leid, wenn ich weinte. Im Gegenteil – meine Tränen ermutigten ihn.
»Selbst deine Tränen sind winzig«, trällerte er, als er den Flur hinunterging. »Vielleicht sollten wir dich ›kleine Träne‹ nennen statt Zwerg.«
Die Kinder im Waisenhaus waren jedoch nicht die einzigen, die glaubten, dass mit mir etwas nicht stimmte. Margaret Lester, das größte Mädchen im Waisenhaus mit Beinen bis zu den Schultern, hatte zufällig gehört, wie das letzte Ehepaar, das mich angeschaut hatte, über mich geredet hatte. Sie konnte es gar nicht abwarten, mir all diese schrecklichen Dinge brühwarm zu erzählen.
»Der Mann fand dich bezaubernd, aber als sie hörten, wie alt du bist, fragten sie sich, warum du so klein bist. Sie meinte, du seist wohl kränklich, und sie beschlossen, sich nach jemand anderem umzusehen«, verkündete Margaret mit einem gehässigen Grinsen.
Keines der potenziellen Ehepaare würdigte sie auch nur eines Blickes, daher freute sie sich, wenn einer von uns zurückgewiesen worden war.
»Ich bin nicht kränklich«, verteidigte ich mich mit wispernder Stimme. »Das ganze Jahr lang war ich nicht einmal erkältet.«
Ich sprach stets mit leiser, sanfter Stimme, und wenn ich aufgefordert wurde, etwas zu wiederholen, musste ich mich gewaltig anstrengen, lauter zu sprechen. Mrs. McGuire fand, ich sollte selbstbewusster auftreten.
»Ein wenig schüchtern zu wirken ist gut, Janet«, sagte sie. »Gott weiß, die meisten Kinder heutzutage sind zu laut und zu frech. Aber wenn du zu bescheiden bist, übersehen
die Leute dich. Sie glauben, du verziehst dich wie eine Schildkröte in ihren Panzer. Das willst du doch nicht, oder?«
Ich schüttelte brav den Kopf, aber sie fuhr mit ihrer Predigt fort.
»Steh gerade, wenn du mit Leuten sprichst, schau ihnen in die Augen und senke nicht den Blick zu Boden. Und fummel nicht so mit deinen Fingern herum. Schultern zurück! Du musst so groß erscheinen wie möglich.«
Als ich heute in ihr Büro kam, musste ich mich auf einen Stuhl setzen, und sie marschierte vor mir auf und ab. Ihre hohen Absätze klapperten wie kleine Hämmer auf dem Fliesenboden, als sie mir Anweisungen und Ratschläge gab, wie ich mich verhalten sollte, sobald die Delorices da waren. So hießen sie, Sanford und Celine Delorice. Natürlich hatte ich sie noch nie gesehen. Mrs. McGuire erzählte mir jedoch, dass sie mich schon ein paar Mal gesehen hätten. Das war eine Überraschung. Ein paar Mal? Ich fragte mich, wann und, falls es stimmte, warum ich sie nie gesehen hatte?
»Sie wissen eine Menge über dich, Janet, aber sie interessieren sich immer noch für dich. Das ist bis jetzt deine beste Gelegenheit. Begreifst du das?«, fragte sie und machte eine Pause, um mich anzuschauen. »Sitz gerade«, fauchte sie.
Rasch gehorchte ich.
»Ja, Mrs. McGuire«, sagte ich.
»Wie bitte?« Sie legte die Hand an ihr Ohr und beugte sich mir zu. »Hast du etwas gesagt, Janet?«
»Ja, Mrs. McGuire.«
»Ja was?«, verlangte sie zu wissen, trat einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften.
»Ja, ich begreife, dass dies meine beste Gelegenheit ist, Mrs. McGuire.«
»Gut, gut. Sprich laut und deutlich. Rede nur, wenn man dich anspricht und lächele so viel wie möglich. Spreiz deine Beine nicht auseinander. Das wär’s. Zeig mal deine Hände«,
forderte sie mich auf und streckte ihre eigenen, langen knochigen Finger danach aus.
Sie drehte meine Hände so grob um, dass meine Handgelenke schmerzten.
»Gut«, sagte sie. »Du achtest wirklich auf dich, Janet. Das ist ein dicker Pluspunkt zu deinen Gunsten, Janet. Wie du weißt, glauben manche Kinder, sie seien allergisch gegen Baden.«
Sie warf einen Blick auf die Uhr.
»Sie sollten bald kommen. Ich gehe nach draußen, um sie zu empfangen. Warte hier, und wenn wir durch die Tür kommen, stehst du auf, um uns zu begrüßen. Hast du das verstanden?«
»Ja, Mrs. McGuire.« Ihre Hand fuhr wieder an ihr Ohr. Ich räusperte mich und versuchte es noch einmal. »Ja, Mrs. McGuire.«
Sie schüttelte den Kopf und sah plötzlich sehr traurig aus, den Blick voller Zweifel.
»Das ist deine große Chance, deine beste Chance, Janet. Vielleicht deine letzte Chance«, murmelte sie und verließ das Büro.
Ich saß da und starrte auf das Bücherregal, die Fotos auf ihrem Schreibtisch, die eingerahmten Briefe, in denen man sie zu ihrer Leistung im Kinderwohlfahrtsverband des Staates New York beglückwünschte. Da mich die Dinge, die Mrs. McGuires Büro zierten, langweilten, drehte ich mich auf meinem Stuhl um und sah zum Fenster hinaus. Es war ein sonniger Frühlingstag. Ich seufzte, als ich die Bäume mit den glänzend grünen Blättern und knospenden Blüten sah, die mich nach draußen lockten. Wegen der heftigen Frühjahrsregenfälle wuchs alles wie Unkraut. Philip, der Gärtner, war nicht besonders glücklich darüber, schon so früh im Jahr die riesigen Rasenflächen mähen zu müssen. Sein Gesicht war grimmig verzogen, und ich hörte förmlich, wie er brummte, das Gras schieße so schnell hoch, dass man es
wachsen sehen könne. Beim monotonen Geräusch von Philips Rasenmäher döste ich einen Augenblick lang im funkelnden Sonnenlicht, das durch die Fenster strömte, ein. Ich vergaß, dass ich in Mrs. McGuires Büro war, vergaß, dass ich mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl lümmelte.
Ich versuchte, mich an meine leibliche Mutter zu erinnern, aber schon in meinen frühesten Erinnerungen lebte ich im Waisenhaus. Bevor ich mit fast sieben Jahren in dieses kam, war ich bereits in einem anderen gewesen. Jetzt bin ich fast dreizehn, aber selbst ich muss zugeben, dass ich nicht älter aussehe als neun oder vielleicht zehn. Weil ich mich nicht an meine Mutter erinnern konnte, meinte Tommy Turner, ich sei wahrscheinlich ein Retortenbaby.
»Ich wette, du bist in einem Reagenzglas geboren worden und deshalb bist du so klein. Bei dem Experiment ist irgendetwas schief gelaufen«, hatte er erst gestern Abend gesagt, als wir den Speisesaal verließen. Die anderen Kinder hielten ihn für sehr clever und lachten über seinen Witz. Lachten über mich.
»Janets Vater und Mutter waren Reagenzgläser«, hänselten sie mich.
»Nein«, korrigierte Tommy sie. »Ihr Vater war eine Spritze, und ihre Mutter ein Reagenzglas.«
»Wer hat sie dann Janet genannt?«, fragte Margaret zweifelnd.
Tommy musste nachdenken.
»Janet Taylor war der Name ihrer Laborassistentin; daher gaben sie ihr diesen Namen«, antwortete er. Am Ausdruck ihrer Gesichter konnte ich ablesen, dass die anderen Kinder ihm glaubten.
Gestern Abend hatte ich mir, so wie jeden Abend, von ganzem Herzen gewünscht, etwas über meine Vergangenheit zu wissen, eine Tatsache, ein Name, irgendetwas, das ich Tommy und den anderen sagen konnte, um zu beweisen,
dass ich auch einmal eine echte Mami und einen echten Daddy gehabt hatte. Ich war weder ein Zwerg noch ein Retortenbaby, ich war … also, ich war wie ein Schmetterling, der wunderschön hoch über der Erde schwebte, hoch über allem Ärger und Zweifel, hoch über gehässigen kleinen Bälgern, die sich über andere Leute lustig machten, nur weil sie kleiner und schwächer waren.
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»Janet!«, fauchte Mrs. McGuire, und ich riss die Augen auf. Ihr Gesicht war wuterfüllt, der Mund verzerrt, ihre weit aufgerissenen grauen Augen sprühten Funken. »Setz dich gerade hin«, zischte sie durch die Zähne. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und wandte sich dem Ehepaar zu, das hinter ihr stand. »Hier entlang bitte, Mr. und Mrs. Delorice«, säuselte sie mit honigsüßer Stimme.
Ich holte tief Luft und hielt die Luft an. Mein zitterndes Herz dröhnte plötzlich wie eine Trommel in meiner Brust. Mrs. McGuire trat hinter mich, damit die Delorices mich richtig anschauen konnten. Mr. Delorice war groß und schlank, hatte dunkles Haar und einen schläfrigen Blick. Mrs. Delorice, die in einem Rollstuhl saß, war sehr hübsch. Ihr Haar hatte die Farbe eines roten Sonnenuntergangs. Um ihr Gesicht, das klein war wie meines, aber vollkommener geschnitten, schmiegte sich in weichen, glatten Wellen ihr Haar. Trotz ihres Rollstuhles hatte sie nichts Kränkliches oder Schwaches an sich. Ihr blühender Teint leuchtete wie Pfirsich mit Sahne, ihre Lippen hatten den Ton frischer Erdbeeren.
Sie trug ein strahlend gelbes Kleid, meine Lieblingsfarbe, und eine Kette aus winzigen Perlen um den Hals. Abgesehen von dem Rollstuhl und den winzigen Schuhen sah sie wie jede andere potenzielle Mami aus, die ich bisher gesehen hatte. Obwohl ich noch nie zuvor Ballettschuhe gesehen hatte, glaubte ich, dass es welche waren. Aber wenn sie in einem Rollstuhl saß, warum trug sie dann Ballettschuhe, fragte ich mich.
Mr. Delorice schob sie direkt auf mich zu. Ich war viel zu fasziniert, um mich zu rühren, geschweige denn zu sprechen. Warum wollte eine Frau in einem Rollstuhl ein Kind meines Alters adoptieren?
»Mr. und Mrs. Delorice, das ist Janet Taylor, Janet, Mr. und Mrs. Delorice.«
»Hallo«, sagte ich – offensichtlich nicht laut genug, um Mrs. McGuire zufrieden zu stellen. Sie gestikulierte, dass ich aufstehen sollte, und ich rappelte mich auf.
»Bitte nenn uns Sanford und Celine, Liebes«, sagte die hübsche Frau. Sie streckte die Hand aus, und ich nahm sie behutsam. Überrascht stellte ich fest, wie fest sie die Finger um meine schloss. Einen Augenblick lang sahen wir uns nur an. Dann blickte ich hoch zu Sanford Delorice.
Er schaute zu mir herunter, dabei öffneten sich seine Augen ein wenig weiter und ich sah, dass sie braun-grün waren. Durch sein sehr kurz geschnittenes Haar wirkte sein knochiges Gesicht noch länger und schmaler. Er trug ein dunkelgraues Sportjackett ohne Krawatte und eine dunkelblaue Hose. Die oberen beiden Knöpfe seines weißen Hemdes standen offen. Ich dachte, er wollte wohl seinem sehr vorstehenden Adamsapfel genug Platz lassen.
»Sie ist vollkommen, Sanford, einfach vollkommen, nicht wahr?«, meinte Celine und schaute mich an.
»Ja, das stimmt, meine Liebe«, erwiderte Sanford. Mit seinen langen Fingern umklammerte er immer noch fest die Griffe des Rollstuhls, als sei er daran festgeklebt oder habe Angst loszulassen
»Hatte sie jemals eine künstlerische Ausbildung?«, fragte Celine Mrs. McGuire. Sie sah Mrs. McGuire bei der Frage nicht an, denn sie wollte den Blick nicht von mir lassen. Unverwandt waren ihre Augen auf mein Gesicht fixiert, und obwohl mir ihr Starren langsam unheimlich wurde, konnte auch ich nicht wegschauen.
»Künstlerische Ausbildung?«
»Singen, Tanzen … vielleicht Ballett?«, fragte sie.
»O nein, Mrs. Delorice. Dieses Glück ist den Kindern hier nicht vergönnt«, antwortete Mrs McGuire.
Celine wandte sich wieder mir zu. Sie kniff die Augen zusammen und starrte mich noch eingehender an.
»Nun, Janet wird es vergönnt sein. Sie wird dieses Glück haben«, prophezeite sie. Sie lächelte sanft. »Wie würde es dir gefallen, bei Sanford und mir zu leben, Janet? Du hast dein eigenes Zimmer, und zwar ein sehr großes und komfortables. Du besuchst eine Privatschule. Wir kaufen dir neue Garderobe und neue Schuhe. Und du hast ein eigenes Badezimmer. Ich bin sicher, dass dir unser Haus gefallen wird. Wir wohnen ein wenig außerhalb von Albany, und unser Garten ist genauso groß, wenn nicht sogar größer als dieser hier.«
»Das hört sich wunderbar an«, sagte Mrs. McGuire, als sei ihr gerade ein neues Zuhause angeboten worden, aber Mrs. Delorice interessierte sich nicht im Mindesten dafür, was sie sagte. Stattdessen starrte sie mich an und wartete auf meine Antwort.
»Janet?«, fragte Mrs. McGuire, nachdem ein langer Augenblick des Schweigens vorübergegangen war.
Wie konnte ich da widerstehen. Aber als ich zu Sanford aufschaute und dann wieder Celine ansah, spürte ich Beklommenheit in meinem Herzen. Ich verdrängte die schattenhaften Gesichter, die plötzlich vor mir auftauchten, warf Mrs. McGuire einen Blick zu und nickte dann.
»Das würde mir sehr gefallen«, sagte ich und hoffte, dass mein falsches Lächeln genauso überzeugend war wie das von Mrs. McGuire.
»Gut«, verkündete Celine. Sie wirbelte ihren Rollstuhl herum zu Mrs. McGuire. »Wann kann sie kommen?«
»Nun, wir haben einige Formalitäten zu erledigen. Nach allem, was wir über Sie und Ihren Mann wissen, angesichts Ihrer eindrucksvollen Referenzen und des Gutachtens des Sozialarbeiters vermute ich …«
»Können wir sie heute mitnehmen?«, fragte Celine ungeduldig.
Mein Herz setzte aus. Heute? So schnell?
»Ich glaube, dass ließe sich machen«, erwiderte sie schließlich.
»Gut«, sagte sie. »Sanford, warum bleibst du nicht bei Mrs. McGuire und füllst den Papierkram aus, der erledigt werden muss. Janet und ich gehen in der Zwischenzeit nach draußen, damit wir uns besser kennen lernen können«, sagte sie. Das sollte wohl ein Vorschlag sein, aber für mich hörte sich das wie ein Befehl an. Ich schaute Mr. Delorice an und sah, dass sich sowohl seine Kiefernmuskulatur wie auch seine Hände verkrampften.
»Auf einigen Dokumenten sind aber beide Unterschriften erforderlich«, beharrte Mrs. McGuire.
»Sanford hat die Vollmacht, für mich zu unterschreiben«, konterte Celine. »Janet, kannst du meinen Stuhl schieben? Ich wiege nicht allzu viel«, fügte sie lächelnd hinzu.
Ich schaute Mrs. McGuire an. Sie nickte, und Sanford trat zurück, damit ich die Griffe fassen konnte.
»Wohin sollen wir gehen, Janet?«, fragte sie mich.
»Wir könnten in den Garten gehen«, sagte ich unsicher. Mrs. McGuire nickte wieder.
»Das hört sich wunderbar an. Halt dich nicht länger auf, als unbedingt nötig, Sanford«, rief sie zurück, als ich sie zur Tür schob. Ich ging dann vor und öffnete sie, dann schob ich sie hindurch auf den Flur hinaus.
Was mit mir passierte, überwältigte und verblüffte mich. Ich sollte nicht nur Eltern bekommen, sondern ich hatte eine Mutter gefunden, die sich fast so sehr wünschte, dass ich mich um sie kümmerte, wie ich mir wünschte, dass sie sich um mich kümmerte. Was für ein eigenartiger und wundervoller Neubeginn, dachte ich, als ich meine neue Mutter dem sonnigen Tag entgegenschob, der uns erwartete.
»War es sehr schwierig für dich, hier zu leben, Janet?«, fragte Celine, als ich sie nach draußen geschoben hatte. Wir folgten dem Weg zum Garten.
»Nein, Ma’am«, erwiderte ich und versuchte, mich nicht von den Kindern ablenken zu lassen, die uns angafften.
»Ach, nenn mich doch bitte nicht Ma’am, Janet«, sagte sie, drehte sich um und legte ihre Hand auf meine. Sie fühlte sich so warm an. »Warum nennst du mich nicht Mutter. Lass uns nicht warten, bis wir einander kennen. Tu es doch sofort«, bat sie.
»In Ordnung«, sagte ich. Ich wusste bereits, dass Mrs. Delorice sich nicht gerne von etwas abbringen ließ.
»Du sprichst so leise, Liebling. Wahrscheinlich hast du dich so unbedeutend gefühlt, aber das ist jetzt vorbei. Du wirst berühmt werden, Janet. Du wirst eine Sensation«, verkündete sie mit solcher Leidenschaft, dass mir die Luft wegblieb.
»Ich?«
»Ja du, Janet. Komm her und setz dich«, sagte sie, als wir die erste Bank am Weg erreichten. Mit im Schoß gefalteten Händen wartete sie, bis ich saß. Dann lächelte sie. »Du schwebst, Janet. Merkst du das? Du schwebst dahin, als wandeltest du auf einer Wolke. Das machst du instinktiv. Anmut hat man entweder von Geburt an oder gar nicht, Janet. Das kann man nicht lernen. Niemand kann dir das beibringen.«
»Auch ich«, sagte sie, und ihre grünen Augen verdunkelten sich, »hatte einst diese Anmut. Auch ich schwebte dahin. Aber«, fuhr sie fort, und ihr Gesichtsausdruck und Ton wurden wieder glücklicher und heiterer, »wir wollen über dich reden. Ich habe dich beobachtet.«
»Wann?«, fragte ich, als ich mich daran erinnerte, was Mrs. McGuire gesagt hatte.
»Oh, hin und wieder während der letzten zwei Wochen. Sanford und ich kamen zu verschiedenen Tageszeiten her.
Meistens saßen wir im Auto und beobachteten dich und deine unglücklichen Brüder und Schwestern beim Spielen. Ich sah dich sogar in der Schule«, gab sie zu.
Vor Überraschung sperrte ich den Mund auf. Sie waren mir zur Schule gefolgt? Sie lachte.
»Als ich dich zum ersten Mal sah, wusste ich, dass ich dich haben muss. Ich wusste, du warst die Richtige, Janet. Du erinnerst mich so sehr an mich selbst, als ich in deinem Alter war.«
»Tatsächlich?«
»Ja, und wenn Sanford und ich nach Hause fuhren, träumte ich von dir und sah vor mir, wie du bei uns die Treppe hinunter und durch unser Haus schwebst. Ich konnte sogar die Musik hören«, sagte sie mit verträumtem Blick.
»Welche Musik?«, fragte ich und mir kam der Gedanke, dass Mrs. Delorice vielleicht nicht nur herrschsüchtig war. »Musik, zu der du tanzt, Janet. Oh«, sie beugte sich vor und griff nach meiner Hand. »Ich habe dir so viel zu erzählen, und es gibt so viel zu tun. Ich kann es gar nicht erwarten anzufangen. Deshalb sollte Sanford sofort diesen dämlichen bürokratischen Papierkram erledigen und uns dann beide nach Hause bringen. Nach Hause«, wiederholte sie, und ihr Lächeln wurde noch zärtlicher. »Für dich ist das sicher ein Fremdwort. Du hattest nie ein Zuhause. Ich weiß alles über dich«, fügte sie hinzu.
»Was wissen Sie denn?«, fragte ich. Vielleicht wusste sie etwas über meine richtige Mami und über meinen Daddy.
»Ich weiß, dass du seit kurz nach deiner Geburt ein Waisenkind bist. Ich weiß, dass einige sehr dumme Leute auf der Suche waren nach einem Adoptivkind und dich übergangen haben. Pech für sie und mein Glück.« Sie lachte ein dünnes, helles Lachen.
»Was meinen Sie damit, als Sie sagten, ›Musik, zu der ich tanze‹?«, fragte ich.
Sie ließ meine Hand los und lehnte sich zurück. Einen
Augenblick glaubte ich, sie würde mir nicht antworten. Sie starrte in die Bäume. Ein Spatz landete in unserer Nähe und musterte uns neugierig.
»Nachdem ich dich ausgewählt hatte, beobachtete ich dich, testete ich dich in Gedanken«, erklärte sie. »Ich studierte deinen Gang, deine Gesten und deine Haltung, um zu prüfen, ob du in der Lage bist, zu der Tänzerin ausgebildet zu werden, die ich werden sollte und wovon ich jetzt nicht einmal mehr träumen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass du das kannst. Würde dir das gefallen? Wärst du gerne eine berühmte Tänzerin, Janet?«
»Eine berühmte Tänzerin? Daran habe ich noch nie gedacht«, gestand ich ehrlich. »Ich tanze gern. Musik mag ich auch gern«, gab ich zu.
»Aber natürlich«, erwiderte sie. »Jemand mit deiner natürlichen Grazie und deinem Rhythmusgefühl muss einfach Musik lieben, und Tanzen wird dir auch gefallen. Du wirst diese Macht lieben. Du wirst das Gefühl haben …« Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Als sie die Augen wieder öffnete, funkelte darin ein unheimliches Licht. »Du wirst das Gefühl haben, wie ein Vogel hoch in die Lüfte zu steigen. Wenn du gut bist, und du wirst gut sein, wirst du dich in der Musik verlieren, Janet. Sie wird dich davontragen so wie mich, bevor ich zum Krüppel wurde.«
»Was ist mit Ihnen passiert?«, wagte ich zu fragen. Offensichtlich löste das Gespräch über Tanzen heftige Gefühle in ihr aus. Ihr unheimlicher Blick machte mich ganz nervös und ich wünschte, sie würde mich nicht ständig so eindringlich anstarren.
Mrs. Delorices sanftes, verträumtes Lächeln verschwand. Sie starrte das Haus an, dann wandte sie sich mir zu und erwiderte:
»Ich hatte einen sehr schweren Autounfall. Eines Nachts, als wir von einer Party zurückkehrten, verlor Sanford die Kontrolle über das Fahrzeug. Er hatte ein wenig zu viel getrunken,
obwohl er das nie zugeben würde. Er behauptete, die Scheinwerfer eines Sattelschleppers hätten ihn geblendet. Wir kamen von der Straße ab und rasten gegen einen Baum. Er war angeschnallt, aber ich hatte es vergessen. Die Tür flog auf, und ich wurde aus dem Wagen geschleudert. Meine Wirbelsäule wurde schwer verletzt. Ich wäre fast gestorben.«
»Das tut mir Leid«, sagte ich rasch.
Ihr Gesicht wurde hart, die Falten vertieften sich, als sich ein Schatten über ihr Gesicht legte.