V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
Als Alleinerbin des riesigen Vermögens ihrer Großmutter sieht sich Rain inmitten eines entsetzlichen Familienzwistes. Der Zorn ihrer Mutter, die Intrigen ihres Stiefvaters und die Machtspiele ihrer herzlosen Tante Victoria machen Rain das Leben zur Hölle. Einzig die Geduld und Liebenswürdigkeit eines Fremden wecken in ihr neue Hoffnung. Doch gerade als Rain ihm ihr Herz öffnet, holt ihre Vergangenheit sie wieder ein …
Gefahr, Leidenschaft und dunkle Geheimnisse –
ein Roman aus V.C. Andrews´ fesselnder Hudson-Saga!
PROLOG
Manchmal glaube ich, Mama Arnold nannte mich Rain, weil sie wusste, dass ich so viele Tränen vergießen würde.
Andere Kinder hänselten mich oft und sangen: »Rain, rain, go away. Come again another day.« Als ich älter war, riefen mir Jungen in der Schule oder auf der Straße zu: »You can rain on me anytime, girl.« Keiner von ihnen wagte das, wenn mein Bruder Roy in der Nähe war, aber er wusste, dass sie es oft taten, wenn er nicht da war. Einmal wurde er so wütend darüber, dass er Mama Arnold anschrie und wissen wollte, warum sie mich Rain genannt hatte.
Als sie ihn daraufhin anschaute, stand ihr die Unschuld und Verwirrung ins Gesicht geschrieben.
»Wo ich herkomme«, erwiderte sie ruhig, »wo meine Familie herkommt, ist Regen etwas Gutes, etwas Wichtiges. Ohne ihn würden wir verhungern, Roy. Diese Art Hunger hast du nie kennen gelernt, Gott sei Dank, aber ich erinnere mich daran. Wir nannten ihn Grundhunger, denn dann war der arme Bauch bis zum Grund leer.
Und ich erinnere mich daran, diesen ersten gesegneten Tropfen gespürt zu haben nach Tagen und Tagen andauernder Trockenheit. Mein Daddy und meine Mama waren so glücklich, dass sie einfach
im strömenden Regen standen und sich völlig durchweichen ließen. Ich erinnere mich an einmal«, fuhr sie lächelnd fort, »als wir uns alle an den Händen hielten und im Regen tanzten. Wir wurden alle bis auf die Knochen durchnässt, aber niemandem machte das was aus. Vermutlich sahen wir aus wie ein Haufen Verrückter, aber der Regen bedeutete Hoffnung und genug Geld, um zu kaufen, was wir brauchten.
Manche Leute verlegten sich aufs Beten und auf alle möglichen Rituale, die Regen bringen sollten. Den ersten Regenmacher sah ich, als ich etwa zehn war. Er war ein kleiner dunkler Mann mit Augen wie glänzende Lakritzkugeln. Alle Kinder glaubten, er sei elektrisch geladen, weil er so oft vom Blitz getroffen worden war. Deshalb hatten wir panische Angst davor, dass er uns berührte.
Die Kirche bezahlte ihn. Nichts, was er anstellte, brachte auch nur einen Tropfen Regen. Als er ging, sagte er, wir müssten den Herrn irgendwie schrecklich erzürnt haben, dass er so unnachgiebig war. Weißt du, was das in einer Gemeinde bewirkt, Roy? Jeder starrt den anderen vorwurfsvoll an und gibt seinen Sünden die Schuld an diesen Problemen. Ich habe mal von einer Gemeinde gehört, die eine ganze Familie vertrieben hat, weil sie glaubten, die wäre verantwortlich für die anhaltende Dürre.
Als deine Schwester geboren wurde und ich sah, wie schön sie war, dachte ich, meine Güte, sie ist so hübsch und so voller Hoffnung für uns wie ein
guter Regen. Und da entschied ich, dass Rain ein guter Name sei.«
Roy starrte sie offensichtlich überwältigt an. Beneatha senkte mürrisch den Blick, weil sie nach einer Verwandten benannt worden war, und das war nicht viel im Vergleich zu dem, was Mama Arnold über mich gesagt hatte. Ich erinnere mich, dass ich dachte, ich trüge eine größere Verantwortung wegen meines Namens. Mama Arnold dachte, ich würde Glück bringen.
Heute als ich mich anzog, um Großmutter Hudsons Grab zu besuchen, fand ich, Mama Arnold hätte keinen größeren Irrtum begehen können. Anscheinend brachte ich jedem nur Unglück. Natürlich dachte Großmutter Hudson das nicht, als sie starb.
Vielleicht tat sie es am Anfang, als meine leibliche Mutter arrangierte, dass ich – angeblich aus Wohltätigkeit – bei meiner Großmutter lebte. Auf diese Weise konnte meine leibliche Mutter, Megan Hudson Randolph, selbst vor ihrem Mann und besonders ihren beiden Kindern, Brody und Alison, geheim halten, dass sie auf dem College schwanger geworden war und mich zur Welt gebracht hatte. Meine Großeltern hatten meinem Stiefvater Geld bezahlt, um mich direkt nach der Geburt aufzunehmen. Jahre später hatte Großmutter Hudson mich zögernd aufgenommen wie eine Mutter, die die Sünden ihres Kindes verantworten und büßen muss.
Mama Arnold war viel kranker gewesen, als irgendeiner von uns wusste, und nachdem meine jüngere Schwester Beneatha ermordet worden war und Ken, mein Stiefvater, davongelaufen und wegen bewaffneten Raubüberfalls verhaftet worden war, wollte Mama Arnold sichergehen, dass ich in Sicherheit war. Wenn ich jetzt an den Tag zurückdenke, an dem sie meine leibliche Mutter zwang, uns zum Mittagessen zu treffen, und sie davon überzeugte, dass sie mich zurücknehmen musste, wird mir klar, eine welch starke Frau Mama Arnold wirklich gewesen war. Großmutter Hudson und Mama Arnold unterschieden sich nicht so sehr, wenn es um die Bedeutung der Familie und ihre Opfer für sie ging.
Auf den ersten Eindruck sehen Leute wie Mama Arnold, die in ihrer Armut nur mühsam überleben, nicht nach viel aus. Meistens schleppen sie sich dahin, wirken erschöpft, vorzeitig gealtert, zynisch, hoffnungslos; der Blick ist so leer wie ausgebrannte Glühbirnen. Was die Menschen nicht sehen, ist die große Stärke, den Mut und den Optimismus, den Frauen wie Mama Arnold aufbringen, um gegen all das Böse um sie herum anzukämpfen, damit sie ihre Kinder beschützen können. Mama Arnold war unsere Festung.
Es erscheint albern, diese zerbrechliche kleine Lady als eine Festung anzusehen, aber genau das war sie. Sie und ich waren nicht blutsverwandt, aber sie war es, die mir beibrachte, Mumm zu zeigen.
Ihretwegen ging ich aufrechter, und eines der Dinge, durch die Großmutter Hudson meine Zuneigung gewann, war die Tatsache, dass sie dies anerkannte und Mama Arnold bewunderte.
Großmutter Hudson und ich waren uns schnell sehr nahe gekommen. Ich liebte diese Frau wirklich und wusste, dass auch sie mich trotz ihres anfänglichen Zögerns liebte. Schließlich war sie eine Frau, die im alten Süden geboren und aufgewachsen war, förmlich und streng. Und da kam ich, eine Mulattin und ihre illegitime Enkeltochter. Sie war eine Frau, die keinen Flecken auf ihrem Kleid ertrug, viel weniger einen Flecken auf der Familienehre.
Schließlich bewies sie jedoch ihre tiefe Zuneigung zu mir, indem sie arrangierte, dass ich zur Schauspielausbildung nach London kam, und indem sie mir viel von ihrem Besitz hinterließ: einundfünfzig Prozent ihres Hauses und des Grundbesitzes, fünfzig Prozent des Geschäftes und Anlagen im Wert von zwei Millionen Dollar, die mein Wohlergehen mehr als sicherstellten.
Großmutter Hudsons jüngere Tochter, meine Tante Victoria, war so empört darüber, dass sie schwor, das Testament vor Gericht anzufechten. Immer noch unverheiratet, leitete sie das Bauunternehmen der Familie, führte Projekte durch, fühlte sich aber dennoch nicht entsprechend gewürdigt. Während meiner kurzen Zeit bei Großmutter Hudson hatte ich miterlebt, dass sie ständig
mit ihr im Kampf lag. Victoria lehnte ihre ältere Schwester, meine Mutter Megan, ab, die sie von ihrem Vater bevorzugt glaubte und die, wie sie fand, nur Rosinen im Kopf hatte. Vielleicht lehnte sie meine Mutter allerdings hauptsächlich ab, weil sie einen Ehemann wie Grant hatte, einen gut aussehenden, intelligenten, ehrgeizigen Mann, die Art Mann, die sie selbst gerne gehabt hätte und, wie sie glaubte, viel besser zu schätzen wüsste und zufrieden stellen könnte als Megan.
Gegen Ende meiner Highschool-Zeit hatte Großmutter Hudson arrangiert, dass ich bei ihrer Schwester Leonora und meinem Großonkel Richard in England lebte, wo ich die Richard Burbage School of Drama besuchte. Weder Großtante Leonora noch Großonkel Richard wussten, wer ich wirklich war. Sie glaubten, es sei ein Akt der Wohltätigkeit, ein armes Minderheitenkind zu fördern. Die ganze Wahrheit erfuhren sie erst, als Großmutter Hudson starb.
Als ich nach Großmutter Hudsons Tod zusammen mit meinem Großonkel und meiner Großtante aus England zurückgerufen wurde, versuchten meine Mutter und ihr Mann mich zu einem Kompromiss zu überreden, bei dem ich auf einen Großteil meines Erbes verzichtet hätte. Ich glaube, sie beide sahen ihr Angebot als eine Möglichkeit, mich auszuzahlen und für immer loszuwerden. Aber ich war der Ansicht, dass Großmutter Hudson ein Ziel verfolgte mit dem, was sie getan hatte,
und deshalb wollte ich nichts an diesem Testament ändern, kein einziges Jota.
Meine Tante Victoria tobte weiter wegen des Testamentes und wollte rechtliche Schritte dagegen einleiten – was Grant einen panischen Schrecken einjagte, weil er politische Ambitionen hatte. Das Letzte, was er wollte, war, dass die alte Affäre seiner Frau mit einem Afroamerikaner und meine Existenz öffentlich bekannt wurden. Selbst nach der Beerdigung hatten er und meine Mutter ihren Kindern noch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Brody mochte mich, aber Alison konnte nicht verstehen, warum ich so viel erbte und ihre Familie mir so viel Aufmerksamkeit schenkte. Sie verachtete mich, aber ich war mir nicht sicher, ob die Wahrheit etwas daran ändern würde. Deshalb schwirrten Geheimnisse und Lügen weiter in diesem Haus und in dieser Familie umher wie ein wild gewordener Bienenschwarm.
Da ich im Augenblick alleine in diesem Herrenhaus lebte, konnte ich förmlich hören, wie die Lügen umhersummten. Bald würden sie uns stechen und uns dann noch größere Schmerzen verursachen, aber jeder in dieser Familie konzentrierte sich nur auf die eigenen Interessen und hatte einen Tunnelblick. Sie sahen es nicht. Mama Arnold pflegte immer zu sagen, niemand ist so blind wie diejenigen, die sich weigern zu sehen, die beiseite oder zu Boden schauten oder lieber ein Fantasiegebilde betrachteten als die Wahrheit. Diese Familie
schoss dabei den Vogel ab, von den seltsamen Fantasien meines Großonkels in seinem Londoner Cottage bis zur Weigerung meiner Mutter, der Realität ins Gesicht zu sehen. Stattdessen kaufte sie sich beim geringsten Anzeichen von Widrigkeiten oder Stress lieber etwas Neues zum Anziehen.
Meine Tante Victoria murrte über sie, beklagte sich und nannte sie eine zweite Scarlett O’Hara, weil sie immer sagte: »Darüber mache ich mir morgen Gedanken.« Morgen, morgen – dazu kam es jedoch nie, wie Victoria gerne jeden erinnerte.
Ob meine Mutter sich dem jetzt stellte oder nicht – für diese Familie war das Morgen gekommen. Großmutter Hudson hatte dafür gesorgt, dass dies durch ihr Testament geschah. Noch im Tode, vielleicht besonders im Tode schwebte sie über ihrer Familie, schaute stirnrunzelnd auf sie herab und verlangte, dass sie endlich die Verantwortung übernahmen für ihre Taten, für das, wer sie waren und was sie waren.
Ich würde das alles nicht aufhalten, aber meine Angst vor dem, was die Zukunft für mich bereithielt, konnte kaum größer sein. Ihr blieb kaum eine andere Wahl. Es stimmte, ich hatte Larry Ward, meinen leiblichen Vater, in England gefunden und seine Familie kennen gelernt. Er hatte seinen Traum verwirklicht, war Shakespeare-Forscher geworden und lehrte an einem staatlichen College. Jetzt wollte er, dass ich ihn besuchte und seine Familie traf, damit sie mich besser kennen lernten,
einschließlich seiner Frau Leanna, aber Großmutter Hudsons letzter Rat hatte gelautet, dass ich mich ihnen nicht aufdrängen sollte. Sie hatte Angst, dass sie mich zurückweisen würden. Vielleicht würde ich ihn und seine Familie ein wenig später, wenn ich selbstsicherer geworden war, noch einmal besuchen.
In der Zwischenzeit blieb mir als einziger Freund, den ich hier hatte, nur Großmutters Fahrer Jake, da mein Stiefbruder Roy noch bei der Armee in Deutschland war. Jake und ich waren uns in meiner Zeit hier auch sehr nahe gekommen. Eines Tages hatte er mich damit überrascht, dass er mich zu seinem neuen Rennpferd brachte, das er nach mir genannt hatte.
Jake verband eine lange Geschichte mit dieser Familie und diesem Besitz. Dieser hatte früher seiner Familie gehört, aber sein Vater hatte ihn vor vielen Jahren verloren und die Hudsons hatten ihn übernommen. Er war bei der Marine gewesen, hatte nie geheiratet und keine eigenen Kinder. Oft hatte ich das Gefühl, er hatte mich adoptiert.
Heute wartete er draußen auf mich, um mich zum Friedhof zu fahren. Natürlich war ich mit allen anderen zusammen schon dort gewesen, aber diesmal ging ich alleine, um mich zu verabschieden.
Nach der Beerdigung und der Eröffnung des Testamentes war ich in Großmutter Hudsons Zimmer umgezogen. Ich änderte nichts, hängte nicht einmal ein Bild um oder verschob einen Stuhl. Das
gab mir das Gefühl, sie sei noch da und passte auf mich auf.
Tante Victoria hatte Großmutter Hudsons Sachen bereits durchgesehen und dafür gesorgt, dass sie all ihren wertvollen Schmuck, ihre Uhren und sogar einiges von ihrer Kleidung bekam. Teile des Zimmers, Kommodenschubladen und Kleiderschränke wirkten völlig ausgeplündert. Die Schubladen waren so leer, dass kein einziges Taschentuch übrig geblieben war, in den Schränken herrschte gähnende Leere, selbst die Bügel fehlten.
Natürlich war ich, da ich hier gewohnt und geholfen hatte, das Haus in Ordnung zu halten, mit allem vertraut – besonders in der Küche. Ich erinnerte mich an die Mahlzeiten, die ich für Großmutter Hudson gekocht hatte, und wie sehr sie ihr geschmeckt hatten. Ihr Anwalt versorgte mich mit all den Informationen, die ich brauchte, um das Haus und den Besitz zu unterhalten. Er sagte, wenn ich wollte, könnte er diesen Teil des Besitzes weiter beaufsichtigen. Ich hatte das Gefühl, Großmutter Hudson hatte ihm viele nette Dinge über mich gesagt. Er wirkte sehr erfreut, dass ich meiner Mutter, ihrem Mann und Victoria mutig gegenübertrat.
»Bis jetzt«, sagte er, »erfüllen Sie die Erwartungen Ihrer Großmutter, Rain.«
Ich dankte ihm für das Kompliment und erzählte ihm, dass sie mir selbst in der kurzen Zeit, die wir zusammengelebt hatten, ein Beispiel gegeben hatte,
dem ich folgen konnte. Allerdings war ich mir nicht sicher, wie lange ich ihm noch folgen konnte.
Ich betrachtete mich noch einmal im Spiegel und ging dann die Treppe hinunter, um zum Friedhof zu fahren. Es war ein bewölkter Tag mit einem kühlen Wind, der den herannahenden Herbst ankündigte. Ein perfekter Tag für einen Friedhofsbesuch, dachte ich, als ich aus dem Haus trat. Jake lehnte, die Arme verschränkt, gegen Großmutters Rolls-Royce und wartete auf mich. Als ich auftauchte, lächelte er und stellte sich gerade hin.
»Morgen, Prinzessin«, rief er, als ich die Auffahrt überquerte und auf ihn zuging.
»Guten Morgen, Jake.«
»Gut geschlafen?«, fragte er.
Ich wusste, dass alle sich fragten, ob ich imstande wäre, ganz alleine in einem so großen Haus zu leben. Tante Victoria hoffte, dass es mich gruselte und ich zu ihr kommen würde und sie anbettelte, den Deal zu akzeptieren, den sie mir durch Grant Randolph angeboten hatte.
»Ja, habe ich, Jake.«
Er lächelte. Jake war ein hochgewachsener, schlanker Mann, der langsam kahl wurde, dessen buschige Augenbrauen den Mangel an Haaren aber fast wettmachten. Er hatte dunkelbraune Augen, die immer spitzbübisch zu funkeln schienen und sein schmales Gesicht strahlen ließen. Sein Kinn hatte eine leichte Kerbe, die Nase war ein klein bisschen zu lang und zu dünn, aber das Lächeln,
das er mir schenkte, war fast immer warm und freundlich so wie heute Morgen.
In letzter Zeit hatten seine Wangen häufig einen Stich ins Rote. Ich wusste, er trank ein wenig mehr als üblich, aber er nannte das seinen Treibstoff, und ich habe nie erlebt, dass er betrunken wirkte oder sich so benahm.
Er öffnete mir die Hintertür des Rolls-Royce. Ich zögerte und starrte auf den Sitz, auf dem Großmutter Hudson immer so aufrecht gesessen hatte. Ich spürte immer noch ihr Parfüm, der Duft wehte hinaus zu mir. Das ließ mich zögern.
»Ist alles in Ordnung, Rain?«
»Ja, Jake, ja«, sagte ich und stieg schnell ein. Er schloss die Tür und wir brachen zum Friedhof auf.
»Victoria rief mich an, um mir mitzuteilen, dass ich Megan und Grant morgen vom Flughafen abholen soll«, sagte er, als wir die Straße entlangfuhren. »Wussten Sie davon?«
»Nein.«
»Habe ich mir gedacht«, sagte er nickend und schüttelte dann den Kopf. »Überraschungsangriff.«
»Woher wussten sie, dass ich überhaupt zu Hause sein werde?«, fragte ich.
Er zuckte die Achseln.
»Victoria nimmt das einfach an.« Er schaute sich zu mir um. »Diese Frau strotzt vor Selbstbewusstsein«, sagte er und lachte. »Ich erinnere mich an sie als kleines Mädchen. Sie ging immer so aufrecht und perfekt und wirkte immer so, als würde sie
nachdenken. Sie war so ernst, selbst damals, und ich erinnere mich daran, wie sie Megan anschaute, so von oben herab, als wollte sie sagen: ›Wie ist dieses Ungeziefer denn in unser Haus gelangt?‹ Megan schien sie jedoch nie besonders zu beachten. Victorias Kommentare glitten an ihr ab wie Eiswürfel von einem heißen Teller.«
»Was Victoria natürlich wahnsinnig machte«, sagte ich.
»Ganz genau.« Er lachte. »Wenn Megan viel über sie nachgedacht hätte, wäre sie vermutlich außer sich geraten. Damals gab ich ihr den Spitznamen Schildkröte. Sie hatte dann diesen geistesabwesenden, träumerischen Blick und verkroch sich in den Panzer ihrer Fantasien, um Victoria zu entkommen.«
»So verhält sich Megan bei jedem«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.
»Em«, räusperte er sich.
Ich hatte Jake nichts davon erzählt, dass Megan meine leibliche Mutter war, und von meinem leiblichen Vater hatte ich schon gar nicht gesprochen. Seit der Beerdigung und allem, was darauf folgte, hatten er und ich nicht viel Zeit miteinander verbracht. Jetzt fuhr er mich zum ersten Mal alleine irgendwo hin.
»Haben Sie sich entschieden, nach England zurückzukehren, Prinzessin?«, fragte er mich.
»Wahrscheinlich«, sagte ich. »Diesmal bleibe ich natürlich im Studentenwohnheim.«
»Verstehe. Leonora und Richard sind zwei ganz
besondere Modelle. Frances schüttelte immer den Kopf und lachte darüber, wie königlich und englisch Leonora geworden war.«
Am liebsten hätte ich ihm erzählt, dass an ihnen gar nicht so viel Komisches war. Sie hatten ihre kleine Tochter verloren, die an einem Herzklappenfehler gelitten hatte. Dadurch war mein Großonkel sehr sonderbar geworden. Kurz bevor ich aus England zurückkehrte, hatte er ihr Hausmädchen, Mary Margaret, geschwängert, die, wie ich feststellte, die Tochter von Boggs war – Großonkel Richards Chauffeur, der auch den Haushalt führte. Niemand außer Boggs, Mary Margaret und ich wussten davon. Sowohl mein Großonkel als auch meine Großtante waren Menschen, die sich eine eigene Fantasiewelt erschufen, weil sie der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen konnten. Mary Margaret war gezwungen worden, an Großonkel Richards Fantasien teilzunehmen.
»Sie haben nicht zufälligerweise einen netten jungen Engländer kennen gelernt, während Sie drüben waren, oder, Prinzessin?«, fragte Jake.
»Nein, Jake«, sagte ich.
Bei meiner Antwort zog er die Augenbrauen hoch und hörte, dass ich vernehmlich seufzte. In der Schule hatte ich einen gut aussehenden kanadischen Jungen kennen gelernt, Randall Glenn, der Typ junger Mann, der das Herz jeder Frau zum Beben brachte, wenn er sie anschaute. Wir hatten eine Weile eine Affäre. Randall besaß eine wunderbare
Singstimme. Ich war mir sicher, dass er damit großen Erfolg haben würde, aber im Endeffekt erwies er sich als zu unreif für mich.
»Niemanden, zu dem Sie zurückkehren?«, hakte Jake nach.
»Shakespeare«, erwiderte ich und er lachte.
Der Friedhof lag vor uns. Wir durchquerten einen Bogen, wandten uns nach rechts, dann nach links, um zur Grabstelle der Hudsons zu gelangen. Großmutter Hudson war neben ihrem Mann Everett begraben worden; rechts neben ihm lagen seine Eltern und ein Bruder.
Jake hielt das Auto an und stellte den Motor ab.
»Sieht aus, als könnte es nachher noch einen Sturm geben«, meinte er. »Ich hatte vor, Rain zu einem kleinen Trab auszuführen, aber ich warte lieber bis morgen. He«, sagte er, während ich zögerte und auf dem Rücksitz meinen Mut zusammenraffte, »vielleicht können Sie sie von Zeit zu Zeit reiten. Bis Sie nach England zurückkehren, heißt das.«
»Ich bin schon eine ganze Weile nicht mehr geritten, Jake. Nicht mehr, seit ich hier auf der Schule war.«
»Tja, also das ist wie Fahrrad fahren, Prinzessin. Sie steigen einfach auf, und dann kommt es schon wieder. Man verlernt es nicht«, versicherte er mir. »Ich habe Sie reiten sehen. Sie können das gut.«
»In Ordnung, Jake. Das mache ich«, versprach ich, holte tief Luft und stieg aus.
Während der Beerdigung hatte ich nicht viel an Großmutter Hudson gedacht. Es waren so viele Leute da und es herrschte solch eine Spannung zwischen meiner Tante Victoria und meiner Mutter, dass ich oft abgelenkt wurde. Ständig rechnete ich damit, dass Großmutter Hudson auftauchte, außer sich vor Wut über die pompösen Arrangements, die Victoria getroffen hatte.
»Wie kannst du es wagen, solch einen albernen Gottesdienst in meinem Namen halten zu lassen? Macht alle weiter mit eurem Leben«, würde sie befehlen, mir dann zulächeln und wir würden gehen.
Zu träumen erschien mir die beste Medizin gegen solch eine abgrundtiefe Traurigkeit, fand ich und ging auf ihr Grab zu. Jake blieb im Auto und beobachtete mich.
»Hier bin ich, Großmutter«, sagte ich zu ihrem Grabstein, »genau dort, wo du mich hingestellt hast. Ich weiß, dass du deine Gründe dafür hattest. Du weißt, dass sie mich alle hassen wegen dem, was du mir geschenkt hast. War das als eine Art Prüfung gedacht?«
Ich starrte ihren Grabstein an. Natürlich erwartete ich keine Antworten. Die Antworten, würde sie sagen, sind in dir. Ich hatte gehofft, hierher zu kommen würde mir helfen, sie zu finden, sie zu hören.
Der Wind wurde frischer. Die Wolken sahen aus, als galoppierten sie über den Himmel. Jake hatte Recht mit dem Wetter. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke weiter hoch.
Vielleicht sollte ich einfach tun, was sie wollten – den Kompromiss akzeptieren, das Geld nehmen und gehen. Ich könnte nach England zurückkehren und niemals zurückkommen, genau wie mein leiblicher Vater. Keiner von ihnen würde mich vermissen. Und um die Wahrheit zu sagen, ich würde sie auch nicht vermissen.
»Irgendwie glaube ich, das ist nicht, was du wolltest, aber was soll ich hier leisten, Grandma? Was kann ich tun, das du nicht bereits getan hast?«
KAPITEL 1
Jakes Geheimnis
Während der ersten Tage war ich sehr oft in Großmutter Hudsons riesigem Haus allein. Ich blieb vor einem der vielen antiken Spiegel stehen und fragte mein Spiegelbild, wer ich im Augenblick war. Mein Gesichtsausdruck war so seltsam und neu für mich, dass ich mich kaum selbst erkannte. Es war fast, als ob ein Geist aus dem Haus von mir Besitz ergriffen hätte oder als ob die Geister ganz nach Belieben in mich hineinfuhren und mich wieder verließen und dadurch meine Stimmung, mein Aussehen und sogar meine Stimme veränderten.
Im Endfield Place in London, dem Haus meines Großonkels Richard und meiner Großtante Leonora, saß angeblich ein Gespenst gefangen, der Geist der Geliebten des ursprünglichen Besitzers, die von dessen Ehefrau vergiftet worden war. Ich glaubte nicht wirklich an Gespenster, aber Großmutter Hudson erzählte immer, dass ein Haus wie dieses, das schon so lange das Zuhause einer Familie darstellte, weit mehr war als Holz, Stein, Glas und Metall, die zusammen eine Struktur bildeten.
Es nahm den Charakter seiner Bewohner an. Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre hallten mit ihren Stimmen, ihrem Lachen und ihrem Schluchzen erfüllt von Erinnerungen wider.
»Stell dir vor, es befände sich ein gewaltiger Schwamm um uns, der unsere Gedanken und Handlungen absorbiert, unsere Natur in sich aufsaugt, bis er Teil unserer selbst wird und wir für immer ein Teil von ihm. Eine neue Familie kann hier einziehen und die Wände neu streichen lassen, die Böden mit neuem Teppich auslegen lassen, neue Vorhänge an die Fenster hängen lassen, neue Möbel in jedes Zimmer stellen lassen, aber wir werden im Herzen des Hauses verweilen.
Vielleicht wacht der neue Besitzer eines Nachts auf und hört seltsame Stimmen, wenn das Haus einen Augenblick aus unserer Vergangenheit noch einmal aufleben lässt. Wie ein Schwamm, der ausgedrückt wird, und sein Inhalt tropft aus ihm heraus und enthüllt, was wirklich in ihm steckt.«
Sie lächelte bei meinem skeptischen Gesichtsausdruck. Ich hatte schon lange aufgehört, an Feen und Zauberei zu glauben. Die harte Wirklichkeit stand mir zu deutlich ins Gesicht geschrieben.
»Was ich meine, ist, wenn du etwas anschaust, sei es nun ein Haus oder einen Baum oder auch nur den See, und du siehst nur, was jeder dort sehen kann, dann bist du blind. Lass dir Zeit. Warte, bis du die Dinge in dich aufgenommen hast. Das erfordert etwas Vertrauen, ich weiß, aber nach einer
Weile wird es immer leichter und du wirst stärker und erfüllter dadurch. Du wirst ein Teil all dessen, was du siehst und was du berührst«, sagte sie.
Es waren seltene Momente, in denen sie ihre eigenen Schutzwälle herabließ und mir die Gelegenheit gab, in sie hineinzuschauen, wie sie wirklich war – äußerlich eine großartige, kraftvolle Dame, innerlich nicht mehr als ein kleines Mädchen, das sich nach Liebe sehnte, nach Zärtlichkeit, Lächeln, Lachen und Versprechungen für eine rosige Zukunft. Selbst in ihrem Alter konnte man noch Geburtstagskerzen ausblasen und sich etwas wünschen.
Viel von ihr blieb im Haus. Ihr Körper ruhte auf dem Friedhof, ein paar Kilometer entfernt, aber ihr Geist gesellte sich zu den anderen Geistern, die leichter als Rauch in einer Kette von Erinnerungen von Zimmer zu Zimmer glitten und nach einer Möglichkeit suchten, etwas von der Herrlichkeit wieder auferstehen zu lassen.
Sie testeten mich, besuchten mich, forderten mich heraus, indem sie in meine Gedanken und Gefühle eindrangen. Sie erfüllten die Schatten in den Ecken und wisperten auf der Treppe, aber ich hatte keine Angst, obwohl ich bald seltsame Träume hatte, seltsam, weil sie von Menschen handelten, die ich nie gesehen oder kennen gelernt hatte. Dennoch hatten sie etwas Vertrautes an sich, ein Lachen oder der Anflug eines Lächelns, die mich mit noch größerer Neugierde erfüllten. Ich sah ein
kleines Mädchen, das zusammengerollt auf einem Sofa saß, die Augen vor Überraschung weit aufgerissen. Ich hörte Schluchzen durch die Wände. Meine Blicke wanderten hinunter, bis sie auf zwei Teenager stießen, die mit vor Verblüffung weit aufgerissenen Mündern lauschten. Gut gekleidete Menschen schlenderten durch die Flure in Räume, in denen üppige Büfetts aufgebaut waren. Ich hörte Geigen und eine wundervolle Stimme, die die berühmte Arie aus Madame Butterfly sang.
All das ergab nicht viel Sinn, aber ich versuchte es immer weiter, suchte nach Hinweisen, nach Antworten. Obwohl ich eine Weile in dem Haus gelebt hatte, bevor ich nach London ging, gab es noch viel, das ich erkunden konnte. Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek, las in alten Büchern, sichtete Papiere und einiges von der Korrespondenz, die in alten Aktenschränken und Schubladen aufbewahrt wurde. Das meiste bezog sich auf verschiedene Projekte, die Großvater Hudson durchgeführt hatte. Es gab jedoch auch einige persönliche Briefe, Briefe von alten Freunden, Menschen, die in andere Landesteile oder sogar in andere Länder gezogen waren, manche von ihnen alte Collegefreunde.
Ich entdeckte, dass Großmutter Hudson eine enge Schulfreundin gehabt hatte, die geheiratet hatte und nach Savannah gezogen war. Sie hieß Ariana Keely, ihr Mann war Anwalt. Sie hatten drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen. Die Briefe waren voller Einzelheiten über ihre Kinder, aber es
stand nur sehr wenig darin über sie selbst und ihren Mann. Gelegentlich rutschten ihr verräterische Äußerungen heraus, und ich konnte zwischen den Zeilen lesen, dass offensichtlich weder sie noch Großmutter Hudson das Glück gefunden hatten, das sie für Menschen mit so viel Privilegien für selbstverständlich gehalten hatten.
»Wie du sagst, Frances, sind wir privilegiert«, schrieb Ariana in einem Brief, »aber anscheinend ist das nur eine Garantie für eine behaglichere Welt der Enttäuschungen voller Ablenkungen, voller Möglichkeiten, die Realität zu ignorieren.«
Das brachte mich zu der Frage, was ich denn eigentlich erwarten sollte, wenn schon jemand, der reich, mit einem hohen gesellschaftlichen Status und Privilegien geboren war, nicht glücklich sein konnte?
Ich dachte über all das nach, als Jake mich vom Friedhof nach Hause fuhr. Schon eine ganze Weile hatte keiner von uns gesprochen. Ich starrte zum Fenster hinaus, sah aber nichts. Der Himmel verfinsterte sich zusehends.
»Alles in Ordnung, Prinzessin?«, fragte Jake schließlich.
»Was? Oh ja, Jake. Mir geht es gut. Sieht aus, als gäbe es gleich einen Wolkenbruch.«
»Ja«, bestätigte er. »Ich wollte eigentlich heute Abend nach Richmond fahren, aber ich glaube, ich warte bis morgen, stehe früh auf und fahre direkt zum Flughafen, um sie abzuholen.«
Ich lehnte mich zurück. Der finstere Himmel und die Flut trauriger Erinnerungen erfüllten mich mit kalter Einsamkeit. Du bist zu jung, um dich mit einer großen Familie herumzuschlagen, sagte ich mir. Darum hatte ich nicht gebeten. Die Vorstellung, dass meine Mutter, ihr Mann und Tante Victoria sich gegen mich verschworen hatten, versetzte mich in Angst und Schrecken.
»Vielleicht sollten Sie ins Kino gehen oder so etwas, Prinzessin«, schlug Jake vor. »Ich kann vorbeikommen und Sie hinbringen, wenn Sie wollen.«
»Nein, danke, Jake.«
Er nickte.
»Haben Sie noch Kontakt zu einer von den Freundinnen aus Ihrer Schulzeit hier?«, fragte er.
»Nein, Jake«, sagte ich lächelnd. Er bemühte sich sehr, machte sich Sorgen um mich. »Im Augenblick geht es schon. Ich werde mich damit beschäftigen, mir etwas Schönes zum Abendessen zu kochen. Würden Sie gerne zum Essen kommen?«
»Wie bitte?«, fragte er.
»Ich habe ein tolles Rezept für Hühnchen mit Pfirsichen; das hat meine Mama immer gekocht.«
»Hmm. Hört sich köstlich an«, sagte er. »Um wie viel Uhr?«
»Kommen Sie so gegen sechs.«
»Soll ich etwas mitbringen?«
»Nur Ihren Appetit, Jake«, sagte ich und er lachte. »Sie wissen doch, wie viel Vorräte bei Mrs Hudson immer im Haus waren.«
Jake nickte und schaute mich im Rückspiegel an. Etwas in seinem Blick sagte mir, dass er wusste, dass ich sie Großmutter Hudson nennen sollte. Mir kam der Gedanke, dass Großmutter Hudson ihm selbst die Wahrheit gesagt haben könnte. Aber er stellte mir nie neugierige Fragen. Manchmal dachte ich, er war wie jemand an der Außenlinie, der alles mitbekam und nur wartete und beobachtete, wie sich alles entwickelte.
»Das weiß ich in der Tat. Ich habe sie oft genug zum Einkaufen gefahren«, sagte er. »Ganz gleich, wie sehr ich sie beruhigte, sie benahm sich immer, als könnte sie mich nie erreichen, wenn sie mich brauchte. Ständig haute sie mir Bemerkungen um die Ohren wie: ›Warum soll ich Ihnen denn noch eine weitere Sorge aufbürden?‹ Diese Frau«, meinte er kopfschüttelnd, »nie hat sie aufgehört, mich ändern zu wollen.«
»Sie mochte Sie sehr«, sagte ich.
Er nickte und kniff die Augen, die dunkler wurden, ein wenig zusammen. Plötzlich war er derjenige, der still wurde. Keiner von uns sprach ein Wort, bis wir vor dem Haus vorfuhren. Die ersten Tropfen begannen zu fallen.
»Danke, Jake. Ich mache selbst die Tür auf«, fügte ich hinzu, bevor er aussteigen konnte. »Bis später, Jake.«
»Okay, Prinzessin«, rief er, als ich die Treppe hinauf ins Haus lief.
Ich war aufgeregt, denn ich hatte endlich etwas
Nettes zu tun. Ich würde ein wundervolles Essen zubereiten, mein erstes Dinner in meinem eigenen großen Haus. Würde Mama Arnold nicht lachen, wenn sie mich jetzt sähe?
Etwa eine Stunde bevor Jake eintraf, klingelte jedoch das Telefon und meine Stimmung versank wieder in tiefe Depression. Es war Großmutters Anwalt Mr Sanger.
»Ich erhielt vor kurzem einen Anruf von Grant, Megan und Victorias Anwalt, Rain. Es sieht so aus, als hätten sie beschlossen, das Testament anzufechten. Sie werden alle medizinischen Unterlagen von Frances anfordern und werden zu beweisen versuchen, dass sie nicht bei vollem Verstand war, als sie das Testament änderte und Ihnen so viel zusprach. Möglicherweise ist es nur ein taktisches Manöver, um Sie zu einem Kompromiss zu bewegen.«
»Ich weiß, dass sie mich morgen besuchen kommen«, sagte ich. »Jake hat es mir erzählt.«
»Ich könnte auch kommen, wenn Sie wollen«, bot er an.
»Das könnte alles nur noch unerfreulicher machen. Ich rufe Sie an, wenn ich Sie brauche«, sagte ich.
»Es tut mir Leid«, sagte er, »aber diese Dinge laufen oft so.«
Der Wind frischte auf und peitschte den Regen gegen die Fenster und das Dach, und jetzt auch noch die Neuigkeit, dass mir ein Rechtsstreit mit meiner Familie drohte – mir zitterten die Hände,
als ich in der Küche arbeitete. Ich deckte den Tisch und holte den Kerzenleuchter heraus. Ich dachte mir, dass Jake auch gerne Wein trinken würde. Da ich keine Ahnung von Wein hatte, beschloss ich, auf ihn zu warten und ihm die Wahl zu überlassen. Als ich einen Blick auf die Standuhr im Flur warf, sah ich, dass sie mittlerweile wieder fast drei Stunden nachging.
Darüber musste ich lächeln. Ich erinnerte mich daran, wie wenig Gedanken Großmutter Hudson sich um Zeit machte. Die meisten Uhren in diesem Haus gingen nicht, selbst die elektrischen in den Schlafzimmern und in der Küche. Die französische Uhr im Arbeitszimmer hatte eine Fehlfunktion, die sie nie hatte reparieren lassen, und die Kuckucksuhr in der Frühstücksecke funktionierte manchmal und manchmal nicht. Der Kuckuck steckte mitunter zu völlig unerwarteten Zeiten seinen Kopf heraus. Ich fragte sie oft, warum sie ihre Uhren nicht reparieren ließ.
»In meinem Alter«, erwiderte sie immer, wenn ich die Uhren erwähnte, »will man nicht daran erinnert werden, wie viele Stunden vergangen sind.«
Ich sagte ihr, dass sie doch gar nicht so alt sei. Jake war älter als sie und dachte gar nicht daran, kürzer zu treten.
»Jake«, sagte sie, »sieht gar nicht ein, an sein Alter zu denken. Wenn er es täte, würde ihm klar, wie viel von seinem Leben er verschwendet hat.«
Darüber musste ich auch lächeln. Das hörte sich
missbilligend an, aber sie kritisierte Jake nie. Ihre Klagen waren wie Peitschenhiebe mit gekochten Nudeln. Ich merkte daran, wie sie einander anschauten, dass sie Zuneigung füreinander hegten. Immer wenn Großmutter Hudson ihn anlächelte, schaute sie erst beiseite, als ob direkt zu lächeln eine Glaswand zerstören würde, die zwischen ihnen aufrechterhalten bleiben musste. Ich dachte, es hätte etwas mit dem Verhältnis von Arbeitgebern zu Arbeitnehmern zu tun, aber ich könnte nie so sein, ganz gleich, wie reich ich war.
Bald sollte ich jedoch herausfinden, dass es andere Gründe dafür gab.
Ich lief zur Tür, als es klingelte. Jake überraschte mich, weil er ein Sakko und eine Krawatte trug. Außerdem hatte er eine Schachtel Pralinen dabei.
»Sie brauchten sich doch nicht umzuziehen, Jake«, sagte ich lachend.
»Ich konnte mir einfach nicht vorstellten, in Frances’ Haus zum Dinner zu kommen, ohne angemessen angezogen zu sein«, sagte er, als er eintrat. »Süßigkeiten für die Süße.« Er reichte mir die Pralinen.
»Danke, Jake. Regnet es immer noch so stark?«
»Es lässt nach. Die Regenfront zieht Richtung Norden zu den Yankees ab«, sagte er.
Als er den Esstisch sah, stieß er einen leisen Pfiff aus.
»Sehr schön, Prinzessin. Sehr schön. Sieht aus, als
hätten Sie eine Menge gelernt als englisches Hausmädchen.«
»Ich kann jetzt sogar ein bisschen Cockney sprechen«, erzählte ich ihm, und er lachte. »Ich wusste allerdings nicht, welchen Wein ich aussuchen sollte, Jake. Das wollte ich lieber Ihnen überlassen.«
»Oh. Klar«, sagte er.
»Sie wissen, wo der Weinkeller ist, nicht wahr?«, fragte ich ihn.
»Das weiß ich, Prinzessin«, bestätigte er. »Ich weiß sogar, welche Bodendielen in diesem Haus quietschen.«
Ich nickte. Natürlich wusste er das. Vor langer, langer Zeit hatte er einmal hier gelebt.
»Okay, Jake. Ich bereite jetzt alles vor, während Sie das erledigen«, sagte ich und ging in die Küche.
Als ich den Salat servierte, hatte er bereits zwei Flaschen geöffnet und goss mir ein Glas ein. Es sah aus, als hätte er sich bereits ein zweites Glas eingeschüttet.
»Eins muss man Frances lassen«, sagte er. »Sie hatte immer guten Wein, sei es nun ein guter kalifornischer Wein oder französischer. Sie war eine sehr kultivierte Frau, hatte Klasse«, fügte er hinzu. »Wir wollen auf sie anstoßen.«
Er hielt sein Glas hoch, ich erhob meines und wir stießen an, nachdem er gesagt hatte: »Auf Frances, die bestimmt für Ordnung sorgt, wo immer sie sein mag.«
Wir tranken beide einen tiefen Schluck.
»Der Salat sieht gut aus, Rain. Auch warmes Brot! Ich bin bereits beeindruckt.«
»Danke, Jake.«
»Erzählen Sie mir von Ihrer Zeit in London«, bat er. »Ich hoffe, Sie haben sich gut amüsiert.«
Ich beschrieb die Schule, erzählte ihm von Randall Glenn, dem talentierten Jungen aus Kanada, der Gesang studierte, und von den vielen Touren, die Randall und ich zusammen unternommen hatten. Ich erzählte ihm von Catherine und Leslie, den Schwestern aus Frankreich, über den Präsentationsabend, an dem ich teilgenommen hatte, und all die Ermutigung, die mir zuteil geworden war.
»Hört sich an, als sollten Sie dorthin zurückkehren«, meinte er. »Ich hoffe, Sie bleiben hier nicht aus irgendeinem albernen Grund hängen, Rain. Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten aus, Frances würde das wollen. Sie wäre enttäuscht, wenn Sie das nicht täten«, sagte er.
Als Jake und ich einander anschauten, hatte ich das Gefühl, dass manches unausgesprochen blieb. Jedes Mal, wenn er Großmutter Hudsons Namen erwähnte, trat ein verstecktes Funkeln in seinen Blick.
Ich trug den Hauptgang auf, und er war begeistert davon. Er meinte so etwas wie, eines Tages könnte ein Mann sich glücklich schätzen, eine so wunderbare Frau zu bekommen.
»Aber vermutlich sind Sie eine von diesen modernen Frauen, die Küchenarbeit für unter ihrer Würde halten«, fügte er hinzu.
»Ich glaube nicht, Jake. Nicht so, wie ich aufgewachsen bin«, sagte ich.
Daraufhin wollte er mehr darüber erfahren, wie es war, in Washington aufzuwachsen. Er hörte aufmerksam zu, sein Gesicht wurde hart und seine Augen kalt, als ich ihm genauer als jemals zuvor beschrieb, was mit meiner Stiefschwester Beneatha passiert war.
»Kein Wunder, dass Ihre Mutter Sie aus dieser Welt herausbringen wollte«, sagte er.
Wieder senkten sich unsere Blicke ineinander. Ich war überrascht, dass Jake bereits eine Flasche Wein ausgetrunken hatte und schon bei der zweiten war. Ich war noch bei meinem ersten Glas. Ich blickte auf meinen Teller, schob einen Teil des Essens mit meiner Gabel herum und fragte, ohne aufzuschauen: »Wie viel wissen Sie wirklich über mich, Jake?« Rasch hob ich den Blick. »Wie viel hat Mrs Hudson Ihnen erzählt?«
Er fing an, den Kopf zu schütteln, und hielt mit einem Lächeln auf den Lippen inne.
»Sie sagte immer, Sie hätten eine Wünschelrute für die Wahrheit«, sagte Jake leise.
»Eine Wünschelrute?«
»Eins von diesen Dingern, mit denen manche Leute behaupten, Wasser aufspüren zu können.«
»Ach so.« Ich nickte. »Auf welche Quelle der Wahrheit bin ich denn gestoßen, Jake?«
Er lachte, wurde dann aber schnell ernst.
»Ich weiß, dass Megan Ihre Mutter ist«, gab er
zu. Er spielte mit seinem Weinglas. »Ich wusste es immer.«
»Großmutter Hudson hat es Ihnen erzählt?«
Er nickte.
»Was hat sie Ihnen noch erzählt?«
Er schaute auf. »Kurz vor ihrem Tod erzählte sie mir, wie Sie Ihren leiblichen Vater in London zur Strecke gebracht haben«, sagte er.
»Ich habe ihn nicht wirklich zur Strecke gebracht.«
»Das waren genau ihre Worte. Ich wusste, sie würde das tun, sagte sie. Frances war nicht wütend darüber. Sie war beeindruckt von Ihrer Findigkeit.«
»Warum vertraute sie Ihnen all diese Familiengeheimnisse an, Jake?«
Ich richtete meinen Blick eindringlich auf ihn, und er goss sich den verbliebenen Wein ins Glas.
»Vielleicht weil sie keinen anderen hatte, dem sie wirklich vertraute«, sagte er und trank einen Schluck Wein.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie irgendjemandem irgendetwas erzählen musste.«
Überrascht zog er seine buschigen Augenbrauen hoch.
»Nein«, sagte er. »Das sollten alle anderen nur denken. Sie war nicht wirklich so eisern, wie sie immer vorgab.«
»Warum hat sie mir so viel hinterlassen und es mir so schwierig mit der Familie gemacht? Hat sie
Ihnen das auch gesagt? Hat sie erklärt, was sie sich davon erhoffte?«
Er schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln.
»Sie dachte viel an Sie, Prinzessin. Sie krachten in ihr Leben wie eine Woge frisches Wasser. Sie war sehr niedergeschlagen über ihre Familie, bis Sie auf der Bildfläche erschienen. Wenn Sie in dem Alter sind und Ihre Familie enttäuscht Sie, fangen Sie an, sich zu fragen, was das alles sollte, und das kann einen sehr traurig machen. Diese Traurigkeit haben Sie ihr zum größten Teil genommen. Sie wollte sich nicht verabschieden, ohne sicherzugehen, dass Sie stark waren.«
»Ich bin nicht so stark, Jake, selbst mit all dem, was sie mir hinterlassen hat. Ich bin wieder alleine. Großmutter Hudsons Anwalt rief mich vor kurzem an, um mir mitzuteilen, dass meine Mutter, Grant und Victoria das Testament anfechten wollen, selbst wenn das bedeutet, alles ans Licht zu zerren, Grandmas Krankenunterlagen, die Vergangenheit meiner Mutter, alles über mich. Sie lässt mich dastehen wie eine Erbschleicherin, die eine ältere Dame ausnutzt. Ich wäre besser dran, wenn ich nichts geerbt hätte«, stöhnte ich.
»He, he, reden Sie nicht so«, befahl er, aber ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Sie strömten mir über die Wangen.
»Alle Menschen, die ich liebe, sind entweder tot oder zu weit weg, um mir zu helfen.«
»Ich bin hier«, prahlte er und erhob sich von seinem
Platz. Er kam zu mir herum und legte mir den Arm um die Schultern. »Sie werden schon gut zurechtkommen, Prinzessin. Das sind wir Frances schuldig«, sagte er.
»Sicher«, murmelte ich und wischte die Tränen mit dem Handrücken weg.
»Ich werde Ihnen helfen«, beharrte er.
»Okay, Jake.«
»Es ist mein Ernst. Ich kann Ihnen helfen.«
»In Ordnung, Jake.«
Er trat beiseite und starrte die Wand an.
»Ich glaube, sie hat es so gedeichselt, dass ich das tun muss«, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu mir.
»Was tun muss, Jake?«
Er schwieg einen Moment. Dann drehte er sich um und starrte mich an, schaute zu mir herunter, als wäre er hoch oben auf einem Berg.
»Ihnen unser Geheimnis preisgeben.«
»Wessen Geheimnis?« Ich schüttelte den Kopf. »Sie verwirren mich immer mehr, Jake.« Ich schaute auf die Weinflasche. Redete er so, weil er so viel getrunken hatte?
»Frances’ und meines«, sagte er und lächelte. »Und jetzt Ihres. Sie können es als eine letzte Zuflucht betrachten, eine letzte Kugel, die Sie in Ihre Waffe stecken können, okay?«
Ich starrte ihn an. Es ergab immer noch keinen Sinn. Jake war nett. Er war ein freundlicher Mann. Ich mochte ihn wirklich gern, aber es war wohl
am besten, einfach zu nicken und das Dinner zu beenden, fand ich.
»Sie glauben mir nicht, glauben mir nicht, dass ich Ihnen etwas geben kann, um Ihre Position und Ihre Entschlossenheit zu stärken, hm?«
»Aber sicher, Jake.« Er setzte sich und wandte sich mir zu.
»Frances und ich waren einmal ein Liebespaar«, sagte er rasch. »Wir hatten eine Affäre. Sie dauerte eine ganze Weile. Uns boten sich viele Gelegenheiten, die wir ausnutzten. Wir hörten auf, als sie schwanger wurde.«
»Schwanger?«
»Mit Victoria«, sagte er. »Sie ist von mir. Ich bin mir ziemlich sicher und sie war es auch.«
Ich schüttelte den Kopf, um die Worte wieder aus den Ohren zu bekommen. Großmutter Hudson war ihrem Mann untreu gewesen? Sie war doch ein Fels der Sittlichkeit.
»Niemand hatte Schuld daran. Es ist einfach passiert. Everett vernachlässigte Frances. Er war wie besessen von seinen Geschäftsinteressen, reiste selten und ging fast nie aus, es sei denn, er versprach sich einen geschäftlichen Vorteil davon.
Eines Tages fingen wir an, immer mehr Zeit miteinander zu verbringen. Ich glaube, Everett kam nie der Gedanke, dass sie vom Wege abkommen oder romantische Gefühle für jemanden entwickeln könnte, die sie für ihn allerdings auch nie gehabt hatte.
Das war eine von diesen altmodischen Südstaatenehen. Wissen Sie, die Eltern trafen sich und beschlossen: ›Wäre es nicht perfekt, wenn deine Tochter unseren Sohn heiratete?‹ Eltern wussten es damals immer besser. So viel dazu, was sie besser wussten, hm?«
Er trank seinen Wein aus.
»Wusste mein Großvater das? Ich meine, dass Victoria nicht seine Tochter war?«
»Ich glaube schon, aber er sagte nie ein Wort. Er gehörte nicht zu der Sorte«, sagte Jake.
»Und welche Sorte ist das?«, fragte ich und zog eine Grimasse.
»Allererste Klasse«, sagte Jake. »In dieser Welt war so etwas einfach undenkbar. Frances sagte ihm nie ein Wort. Sobald sie merkte, dass sie schwanger war, entschied sie, dass es mit uns zu Ende war.
Als ich nach meinen Jahren in der Marine und des Herumtreibens zurückkehrte, war Victoria bereits Ende zwanzig. Ich hatte Angst, dass jemand einen Blick auf sie werfen und mich in ihrem Gesicht wiedererkennen könnte, aber Victoria schien eines der Gesichter zu haben, die sich selbst erschaffen. Sie gleicht Frances nicht sehr, und ich glaube, mir sieht sie auch nicht besonders ähnlich. Unsere Nasen sind anders, unsere Münder auch. Vielleicht haben wir ähnliche Augen und Ohren«, gab er zu.
»Vielleicht ist sie nicht Ihre Tochter«, sagte ich.
»Sie glich auch Everett nicht sehr. Sie kennen doch seine Fotos. Was meinen Sie?«
»Vielleicht gab es noch einen anderen.«
»Was? Einen anderen?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ausgeschlossen.«
»Warum nicht? Wenn meine Großmutter eine Affäre mit Ihnen hatte, hätte sie doch auch eine mit einem anderen haben können.«
Er starrte mich einen Augenblick an, als sei ihm dieser Gedanke nie gekommen.
»Oder Sie sind auch allererste Klasse, Jake, sogar noch mehr als mein Großvater, und können es sich nicht einmal vorstellen?«, fragte ich ihn.
Er starrte mich weiter an, dann lächelte er und schüttelte den Kopf.
»Nein, Frances teilte mir das mit einer solchen Gewissheit mit, die sich nicht in Frage stellen ließ. Wir standen an einem Spätnachmittag, kurz bevor die Sonne unterging, unten am Bootssteg, und sie sagte – ich werde das nie vergessen wegen ihrer Formulierung – sie sagte: ›Wir haben es ruiniert, Jake.‹
Natürlich wusste ich nicht, was sie meinte.
›Was soll das heißen, Frances?‹, fragte ich sie.
›Bei mir ist etwas unterwegs‹, sagte sie. Genau das sagte sie. Etwas unterwegs. ›Zu viel ungezügelte Leidenschaft‹, fügte sie hinzu, ›Leidenschaft, die einen jede Vorsicht in den Wind schlagen lässt.‹
Ich war verblüfft. Ich stand einfach da, spielte mit einem Stock im Wasser, beobachtete die Wellen und dachte: ›Was wird passieren?‹
›Natürlich werden wir uns so nie wieder treffen,
Jake. Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, dass ich dich so sehr brauchte‹, sagte sie und ging davon.
Ich hatte das Gefühl, alles in mir hätte sich in Luft aufgelöst. Ich fühlte mich wie eine leere Schale. Jeden Augenblick würde ein Wind über das Wasser kommen, mich wie einen Drachen anheben und über die Bäume treiben.
So etwas Ähnliches geschah auch mit mir, denn bald darauf ging ich zur Marine.«
Er saß schweigend da, starrte auf seinen Teller und sein leeres Weinglas und schloss dann die Augen.
»Ich habe nie jemanden außer Frances geliebt«, fuhr er fort. »Ich konnte es nicht. Es war so, als hätte ich gerade genug Liebe für eine Frau und verbrauchte sie ganz für sie. Als ich zurückkehrte, arbeitete ich für sie, nur um in ihrer Nähe zu sein.
Manchmal wenn ich sie irgendwo hinfuhr, tat ich so, als wäre ich nicht ihr bezahlter Fahrer. Ich stellte mir vor, wir wären Mann und Frau und ich führe mit ihr irgendwohin, so wie jeder Mann mit seiner Frau ausgeht. Wenn Victoria mitkam, stellte ich mir sogar vor, ich wäre ein ganz normaler Ehemann und Vater.«
Jeder verbringt Zeit mit seinen Fantasien, dachte ich. Jeder.
»Hat Victoria eine Ahnung davon? Hat Großmutter Hudson es ihr je gesagt?«
»Nein, nein«, wehrte Jake schnell ab. »Aber deshalb wollte ich, dass Sie es wissen. Wenn und falls
sie Sie gegen die Wand drängt, können Sie es ihr entgegenschleudern, und ich bin da, um es zu bestätigen.
Es gibt Möglichkeiten, das Blut zu testen und die Vaterschaft ohne jeden Zweifel zu beweisen. Das wird sie wissen und nicht mehr so selbstsicher sein. Es wird sie von ihrem hohen Sockel herunterholen«, versprach er.
»Damit würde Großmutter Hudsons Geheimnis auch preisgegeben. Ich weiß nicht, ob ich das könnte, Jake.«
»Sicher können Sie das. Wenn die Zeit kommt, werden Sie es tun. Sie kennen sie doch gut genug, um zu wissen, dass es ihr nichts ausmacht«, meinte er zuversichtlich.
»Wow«, machte ich kopfschüttelnd. »So viel zu Leichen im Keller. In diesem Keller wimmelt es nur so davon.«
Er lachte.
»Ich gehe jetzt besser«, sagte er. »Ich muss früh aufstehen und nach Richmond fahren, um sie vom Flughafen abzuholen.«
»Möchten Sie nicht erst noch einen Kaffee?« Ich wollte, dass er nach so viel Wein Kaffee trank, aber er schien nicht benommen zu sein.
»Nein, danke. Das war ein tolles Essen. Soll ich Ihnen beim Aufräumen helfen?«
»Nein, Jake. Darin besitze ich viel Erfahrung, das wissen Sie doch«, sagte ich und bezog mich dabei sowohl auf meinen Aufenthalt im Haus von Großmutter
Hudsons Schwester als auch auf meine Tage hier.
»Stimmt. Vielleicht sehe ich Sie, wenn ich nachmittags komme, um sie herzubringen.«
»Bleiben sie über Nacht?«, fragte ich schnell.
»Nein. Ich fahre sie zum Neun-Uhr-Flug zurück.«
Gut, dachte ich. Jake küsste mich auf die Wange und ging.
Während die Tür sich hinter ihm schloss, hüllte mich die Leere des großen Hauses wie eine dunkle Wolke ein. Die Finsternis der immer noch stark bewölkten Nacht verwandelte die Fenster in Spiegel, die mein Bild reflektierten, als ich durch die Zimmer ging. Der Wind war immer noch stark genug, um Teile des Hauses knarren und ächzen zu lassen. Damit andere Geräusche die Räume durchfluteten, stellte ich den Fernseher an und suchte einen Musikkanal. Ich stellte ihn laut genug, dass ich ihn hören konnte, während ich das Esszimmer und die Küche aufräumte.
Hinterher ging ich ins Wohnzimmer und sah fern, bis mir die Augenlider zufielen und ich merkte, dass ich immer wieder einnickte. Ich werde gut genug schlafen können, dachte ich, aber die Anspannung wegen des Familientreffens morgen ergriff von mir Besitz, als ich die Treppe hinaufging. Als ich den Kopf auf das Kissen sinken ließ, lag eine knisternde Spannung in der Luft, die mit winzigen Blitzen in mein Hirn drang.
Wie sehr ich mich auch hin und her wälzte und das Kissen unter meinem Kopf zerknüllte, bald wurde mir wieder unbehaglich und ich fing wieder an, mich herumzuwälzen, bis zum frühen Morgen. Schließlich schlief ich wie jemand, der aus Versehen in einen schlecht abgedeckten alten Brunnen tritt und in Panik schreiend in die Dunkelheit hinunterstürzt. Als ich auf dem Boden aufschlug, öffnete ich die Augen. Das Sonnenlicht strömte bereits herein, durchflutete den Raum mit gnadenloser Beleuchtung.
Ich stöhnte. Alles tat mir weh. Bei der Vorstellung, dass ich krank werden könnte, geriet ich in Panik. Wenn es je einen schlechten Zeitpunkt dafür gab, dann heute. Als ich aufstand, goss ich etwas von Großmutter Hudsons süßlich duftendem Badesalz in die heiße Wanne und badete fast zwanzig Minuten, bevor ich mich anzog und hinunterging, um mir Kaffee zu kochen.
Das Telefon klingelte, als ich die Küche betrat. Es war Mr MacWaine, der Leiter der Burbage School of Drama in London, der Mann, der mich entdeckt und mit Großmutter Hudsons Hilfe nach England gebracht hatte.
Er wollte wissen, wie es mir ging und was ich vorhatte.
»Ich hatte zehn Nachfragen Sie betreffend«, teilte er mir mit. »Wir hoffen, dass Sie wiederkommen, Rain«, sagte er.
»Danke. Vermutlich werde ich das. Ich wollte
mich mit Ihnen in Verbindung setzten, weil ich diesmal im Studentenwohnheim wohnen möchte, Mr MacWaine.«
»Das ist kein Problem«, versicherte er mir. »Ich bin glücklich, wenn Sie bei uns weitermachen. Bestimmt hätte Mrs Hudson das gewollt«, sagte er.
Ich dankte ihm für seine Fürsorge und sein Interesse.
»Ach, bevor ich es vergesse«, fuhr er fort, »da war eine Nachfrage, die ich versprach weiterzuleiten. Offensichtlich haben Sie die Bewunderung eines Londoner Professors, des Shakespeare-Forschers Dr. Ward errungen. Er ist ein Bekannter eines unserer Aufsichtsratsmitglieder, und er hat nach Ihnen gefragt. War er bei unserer Aufführung?«, wunderte sich Mr MacWaine.
»Ja«, sagte ich. Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte, aber fast unmittelbar, nachdem ich es gesagt hatte, bedauerte ich, gelogen zu haben. Immer wenn ich über meine Vergangenheit log, trug ich nur bei zu dem Betrug, der die Grundlage dieser Familie bildete. Ich hasste es, daran teilzuhaben.
»Wunderbar«, sagte Mr MacWaine. »Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden über Ihre Pläne. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um einen Platz im Wohnheim«, versprach er.
Mit ihm zu sprechen hob meine Stimmung und erinnerte mich daran, dass es einen Ort gab, wohin ich gehen konnte, eine Zukunft, die nur auf mich wartete. Ich hing nicht fest hier. Wie wunderbar,
dass mein leiblicher Vater sich nach mir erkundigt hatte, an mich dachte, sich darauf freute, mich zu sehen und besser kennen zu lernen. Großmutter Hudson war zu oft von Menschen enttäuscht worden, um zu glauben, dass es irgendeinen Wert für mich hatte, meinem Vater zu folgen. Ich verstand ihren Zynismus, aber ich war ganz und gar nicht bereit, ihn zu akzeptieren.
Da ich wieder Auftrieb bekommen hatte, entdeckte ich, dass ich Hunger hatte, und bereitete mir ein Frühstück zu. Dann ging ich durch das Haus, wischte Staub und putzte, damit Victoria nicht auf etwas deuten und sagen konnte: »Seht euch an, wie sie unseren Besitz herunterkommen lässt.«
Als ich nach dem Frühstück spülte, klingelte wieder das Telefon. Diesmal war es Tante Victoria.