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Küsten wie aus dem Märchenbuch, ultramarinblaues Wasser und strahlend helles Karstland. Imposante Gebirgszüge, duftende Macchia und tausendundeine Insel. Magisch schöne Städte, die sich aus dem Meer erheben, als seien sie die Traumgebilde einer anderen Welt – all das ist Kroatien. Es ist ein ungezähmtes Land voller Gegensätze. Denn bei aller Pracht seiner Natur und der großen Gastfreundschaft seiner Menschen kennt es doch auch die Schrecken des Krieges und Zeiten, in denen prunksüchtige Diktatoren herrschten oder wilde Piraten die Meere unsicher machten. Zu diesem facettenreichen Bilderbogen gesellt sich die bunte und abwechslungsreiche kroatische Küche, geprägt von den Einflüssen der turbulenten Vergangenheit und ihrer wechselnden Herrscher. Jedes Kapitel dieses Buches ist deshalb mit einem typischen Rezept abgerundet.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Almut Irmscher
Das Kroatien-Lesebuch
Impressionen und Rezepte aus dem Land der schönen Küsten
Einführung
Methusalem im Jungbrunnen – der Überlebenskünstler aus dem Karst
Lepinje – Fladenbrot vom Balkan
Ćevapčići – kroatische Hackfleischröllchen
Multikulti auf Kroatisch – Spezialitäten aus der Küche
Đuveč – Fleisch-Gemüse-Eintopf
Đuveč-Reis
Fantasie und Wirklichkeit – Wege durch Dubrovnik
Rožata – Karamellpudding aus Dubrovnik
Turska kava –kroatischer Kaffee auf türkische Art
Helden in der Wildnis – Winnetou erobert den Karst
Juha od graha – kroatische Bohnensuppe
Meeresmusik und Sonnentanz – das Wunder von Zadar
Pašticada –dalmatinischer Rinderschmorbraten
Njoki – kroatische Nocken
Auf dem Weg in die Moderne – Nikola Tesla
Čupavci – kroatische Kokosküchlein
Das Tor zum Westen – Zagreb
Štrukli – Quarkstrudel nach Zagreber Art
Engpässe und Urlaubsspaß –die Insel Krk
File od oslić sa povrćem – Seehechtfilet mit Gemüse
Čokoladna torta s maraskinom – Schokoladenkuchen mit Maraschino
Fluch der Adria – Liudisclau, der wilde Pirat
Ajvar – Paprika-Auberginen-Mus
Erbitterte Gegner – von Krieg und Unversöhnlichkeit
Šporki makaruli – „schmutzige Makkaroni”
Eine schwammige Angelegenheit – die Taucher von Krapanj
Lignje na žaru s blitvom – gegrillte Tintenfische
Pogača – Pogatschen
Promenade der Jahrhunderte – eine Sommernacht in Split
Brodet od riba – eine Fischsuppe aus Split
Es brennt! – Von Feuerteufeln und schwarzem Rauch
Sarma – kroatische Krautwickel
Imotska torta –ein Mandelkuchen aus Kroatien
Der charmante Tyrann – Josip Broz, den man Tito nannte
Janjeći ragu s povrćem –Lammtopf mit Gemüse
Višnjevac Liker – Kirschlikör
Zagruda – die Wurzeln der Gemeinschaft
Istarska Supa – istrische Suppe
Odojak i krumpir s ružmarinom – Spanferkel mit Rosmarinkartoffeln
Dinja u Maraschino – Maraschino-Melone
Von Schrift und Genuss – Besonderheiten aus Istrien
Istarska fritaja s tartufima – istrisches Omelette mit Trüffeln
Istarski fuži – istrische Nudeln
Perlen und Sternenstaub – die Inseln der Kornaten
Pečeno povrće sa ovčjim sirom – gebratenes Gemüse mit Schafskäse
Pileći ražnjići – Hähnchenspieße
Der Fluch des Paradieses – Lokrum
Riblji paprikaš – Fischeintopf mit Paprika
Nabujak s limunom – Zitronensoufflé
Das letzte Wort
Danksagung
Übersichtskarte und Fotos
Ein Bild wie aus einem Märchen entführt mich in eine weit entrückte Welt. Fern unter mir liegt das Meer, ein dunkles Seidentuch unter dem nächtlichen Sternenhimmel. Gelassen blickt der Vollmond aus seinem runden Gesicht hinab auf die Szenerie, sein Leuchten wirft eine Straße aus glitzerndem Licht über die nächtlichen Träume des Meeres.
Ja, das Meer muss tief in seinen Träumen versunken sein, denn seine Wellen wallen in sanften Wogen und spiegeln die fantastischen Gebilde einer entrückten Anderswelt. Leuchtende Segelschiffe aus orientalischen Nächten gesellen sich zu malerischen Piratenkoggen, prachtvolle Yachten erstrahlen wie Sonnen in der Dunkelheit eines magischen Kosmos. In der Ferne zieht majestätisch ein hell erleuchteter Ozeanriese am Horizont entlang. Und über all das herrscht sie, die geheimnisvolle Schöne. Goldglänzend entsteigt ihr prachtvolles Halbrund dem tiefdunklen Meer: Dubrovnik, die Magierin unter den Städten.
Ich kann mich nicht sattsehen an diesem grandiosen Anblick. Stundenlang verharre ich auf dem kleinen Balkon, der hoch über der Küste thront. Er gehört zu unserer Ferienwohnung in der obersten Etage eines nüchternen Profanbaus oben am Hang. Doch das Gebäude liegt hinter mir und bleibt in der Realität zurück, die ich verlassen habe. Denn der kleine Balkon ist mein fliegender Teppich, mit dem ich geradewegs hinaus ins Reich der Märchen und Träume entschwebe.
Dubrovnik ist so atemberaubend und von solcher Schönheit, dass es fast in den Augen schmerzt. Mit zehn Jahren bin ich zum ersten Mal hier gewesen, viele Jahrzehnte liegt das nun zurück. Doch schon damals spürte ich den Bann, den diese einzigartige Stadt ausübt. Nun bin ich endlich wiedergekommen, und sogleich hat sie mich zurückerobert, mit ihrem zauberhaften Liebreiz und ihrem rätselumwobenen Charme.
Damals, bei meinem ersten Besuch Anfang der Siebzigerjahre, stand der hässliche Zweckbau vielleicht schon, in dem wir jetzt untergebracht sind. Ich wohnte aber mit meinen Eltern in einem großen Hotel, das etwas unterhalb an der Küste lag und einen ähnlich betörenden Ausblick bot. Das Hotel gibt es noch, und dennoch ist jetzt alles ganz anders. Die einstige Herberge für Devisen bringende Touristen aus dem reichen Nordeuropa hat sich zu einem respektablen Luxushotel gemausert, und überhaupt hat sich alles verändert. Denn das sozialistische Land, das in meiner Kindheit noch Jugoslawien hieß, ist auseinandergefallen. Der Teil, in dem Dubrovnik liegt, gehört jetzt zu Kroatien, einem modernen europäischen Staat. Doch der Weg dorthin gestaltete sich holprig und schmerzvoll.
Die herrliche Adriaküste Kroatiens, heute ein Traumziel für viele Reisende aus aller Welt, hat die Menschen schon immer mit ihren Reizen entzückt. Sie ist seit 130.000 Jahren besiedelt, und die Zeiten haben ihr wechselnde Begehrlichkeiten beschert. Der große Boom begann mit den Griechen der Antike, die ab dem zwölften vorchristlichen Jahrhundert ihre Kolonien in den verwunschenen Buchten gründeten. Zum Landesinneren hin waren diese gut abgeschirmt und geschützt durch die kargen und unwegsamen Höhenzüge des Dinarischen Gebirges, das sich gleich hinter der Küste auftürmt.
34 v. Chr. kamen die Römer unter Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, und verleibten das Land ihrem Imperium ein. Mit der Teilung des Römischen Reichs fiel Kroatien dann 395 n. Chr. an Byzanz.
Doch eigentlich war damals von Kroatien noch gar keine Rede. Das sollte sich erst ändern, als der Stern von Byzanz zu sinken begann. Bereits im siebten Jahrhundert geriet das Reich unter Druck, denn aus den Steppen Zentralasiens drohte ein wildes Reitervolk, die Ländereien an der östlichen Adriaküste zu erobern. In der Not siedelte Byzanz wehrhafte Slawen aus dem Süden Polens in dieser Gegend an, einen Stamm der Chorwaten, die auch als „weiße Kroaten“ bezeichnet werden.
Diesen Leuten gelang es erfolgreich, ihre neue Heimat zu verteidigen. Schon im neunten Jahrhundert fiel der Name „Kroaten“, wenn man von den Regionen an der östlichen Adriaküste sprach. Das Wort selbst stammt wohl aus dem Persischen, doch wie es seinen Weg von Persien über Polen bis an die Adria gefunden hat, weiß niemand mehr.
Deutlich leichter ist es da schon nachzuvollziehen, wie das Wort in ganz anderer Bedeutung ins Deutsche Einzug halten konnte: Berittene kroatische Soldaten, die sich im 17. Jahrhundert am Hof Ludwigs XIV. in Versailles aufhielten, trugen ein Fransenhalsband, um sich von Soldaten anderer Herkunft abzugrenzen. Kroate heißt auf Französisch „Croate“, so nannte man also auch die Reiter mit dem Halsband am Hof von Versailles. Bald diente das Wort in leicht abgewandelter Form als Name für den eigenartigen Halsschmuck: „cravate“ – und schon betrat die Krawatte den Laufsteg der Herrenmodewelt.
Doch reisen wir noch einmal zurück in die byzantinische Provinz an der Adriaküste. Um das Jahr 925 hatte die Vorherrschaft der Stadt am Bosporus endgültig ausgedient. Tomislav erklärte sich zum ersten König von Kroatien. Im weiteren Verlauf des Mittelalters bestand eine Personalunion mit Ungarn, danach herrschte das mächtige Venedig über Kroatien. Jahrhundertelange Bedrohung durch das eroberungshungrige Osmanische Reich ließ in dieser Epoche wenig Ruhe aufkommen. Kroatien verkam zur ständigen Kriegszone, entsprechend brodelte es in der Bevölkerung.
Erst nach den Feldzügen Napoleons und der Aufteilung des europäischen Kontinents im Zuge des Wiener Kongresses hielt 1815 eine neue Ordnung Einzug. Dalmatien und Istrien fielen an Österreich, der Rest von Kroatien an Ungarn, ganz nach der damals populären Doktrin „divide et impera“ – „teile und herrsche“. In zwei gänzlich voneinander getrennten Verwaltungsbezirken würden sich die Kroaten schon unter Kontrolle halten lassen, so die Idee.
Diese Rechnung hatten die Herren allerdings ohne den Wirt gemacht. Wie in vielen Ländern Europas erblühte auch in Kroatien ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der nationale Gedanke. Österreich und Ungarn wussten die Unabhängigkeitsbestrebungen zwar im Zaum zu halten, doch konnten sie einigende Maßnahmen wie die Standardisierung der Sprache nicht verhindern. Erklärtes Ziel der Nationalisten war es, eines Tages alle Slawen im Süden Europas in einem einzigen Staatsgebilde zu vereinen. Das Ende des Ersten Weltkriegs bot dazu endlich die langersehnte Chance. Als Ungarn die Doppelmonarchie mit Österreich aufkündigte, sprach sich auch Kroatien von der Fremdbestimmung los.
Aber so einfach wie erhofft gestaltete sich die Unabhängigkeit nicht. Italien beharrte darauf, sich die Sahnestückchen Kroatiens einzuverleiben, schließlich hatten die alliierten Mächte Frankreich, Großbritannien und Russland schon 1915 entsprechende Zusagen gemacht. Flugs schloss sich Kroatien mit Serbien zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zusammen und bildete dadurch eine starke Front gegen die übergriffigen Italiener.
Doch schon bald beherrschte Streit die neue Allianz. Hatten sich die Kroaten Mitspracherecht in einer freiheitlichen Republik erhofft, so stand den Serben der Sinn nach einer Monarchie unter ihrer Vorherrschaft. Unabhängigkeitsbestrebungen der Kroaten ließen sie nicht zu. Und weil die Serben den Kroaten zahlenmäßig weit überlegen waren, stürzte das neu gegründete Land zuerst in eine Staatskrise und dann in eine serbisch geprägte und vom Militär getragene Königsdiktatur: Das Königreich Jugoslawien entstand. Viele Kroaten flohen vor der Willkürherrschaft ins Ausland.
Noch schlimmer kam es, als im Zweiten Weltkrieg die deutsche Wehrmacht einmarschierte. Jugoslawien kapitulierte und mutierte zum deutschen Vasallenstaat. Teile von Kroatien fielen an Italien und Ungarn, der Rest des Landes erklärte seine Unabhängigkeit und stand jetzt unter faschistischer Diktatur. Der Völkermord an Juden, Serben und Roma warf einen finsteren Schatten über Kroatien, das Konzentrationslager Jasenovac erlangte als „Auschwitz des Balkans“ traurigen Ruhm.
Doch bei weitem nicht alle Kroaten waren mit dieser Schreckensherrschaft einverstanden. Besonders die Kommunisten formierten sich zum Widerstand, und 1943 erlangte ihre Partisanenbewegung die Kontrolle über den Großteil des früheren Königreichs Jugoslawien. Als Anführer fungierte Josip Broz, der sich Tito nannte, und hatten die Faschisten mit brutalen Morden schwere Schuld auf sich geladen, so machten es die Kommunisten mit ihren Massakern an den Kriegsverlierern 1945 nicht besser.
Fortan herrschte Tito über das aus sechs Teilrepubliken bestehende Jugoslawien und etablierte eine Diktatur sozialistischer Prägung. Proteste der Bevölkerung, die zu Beginn der Siebzigerjahre vermehrt aufkamen, ließ er mit aller Härte niederschlagen.
Doch nach seinem Tod im Jahr 1980 wurden die Stimmen immer lauter, die Autonomie für die Teilrepubliken Jugoslawiens forderten. Der Wind des Wandels, der ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts immer frischer durch die Staaten des Ostblocks wehte, erfasste auch Jugoslawien. Erst wurde ein Mehrparteiensystem zugelassen, dann entstand die kroatische Volkspartei, und schon 1991 erklärte Kroatien nach einem Referendum seine Unabhängigkeit. Satte 93,2 Prozent der Bevölkerung hatten dafür gestimmt.
Doch so einfach ging es leider nicht. Nach wie vor wollten die Serben ein unabhängiges Kroatien nicht dulden. Die Jugoslawische Volksarmee unterstützte die Armee der Serben, und für die Dauer von vier Jahren tobte ein schrecklicher Bürgerkrieg. Auf allen beteiligten Seiten im ehemaligen Jugoslawien brach blanker Hass gegen andere Bevölkerungsgruppen aus, meist von religiösen Überzeugungen geschürt. Im allgemeinen Chaos versuchte auch Kroatien, Teile Bosniens zu annektieren, um ein „Großkroatien“ zu schaffen. Freilich ausschließlich für Katholiken, also ohne die in den betreffenden Regionen heimischen Moslems und Orthodoxen.
Der Kroatienkrieg endete im November 1995 mit dem Abkommen von Erdut. Die Jugoslawische Volksarmee zog sich aus Kroatien zurück, nicht ohne militärisch bedeutsame Gebäude zu zerstören und strategisch wichtige Gebiete zu verminen. Noch heute leidet Kroatien unter den Folgen dieser Taten.
Nichtsdestotrotz setzte das Land nun alle Kräfte dafür ein, den Anschluss an die Demokratien im Westen von Europa zu finden. Es schloss ein Abkommen mit der EU und leitete wirtschaftliche, rechtliche sowie soziale Reformen ein. Die parlamentarische Demokratie hielt Einzug. Privatisierung, der entschlossene Kampf gegen die Korruption und der Zugang zum EU-Binnenmarkt sorgten für Investitionsanreize. Seit April 2009 ist Kroatien Mitglied der NATO, am 1. Juli 2013 trat es der EU bei. Es ist jetzt in 20 Verwaltungsbezirke aufgeteilt, die sogenannten „Gespanschaften“. Die Hauptstadt Zagreb liegt in der Pannonischen Tiefebene, deren weites Becken den westlichsten Teil des eurasischen Steppengürtels ausmacht. Der schmalere Südteil des Landes besteht aus dem Dinarischen Gebirge und der Küstenregion an der Adria. Ganz im Süden befindet sich die Gegend von Dubrovnik als einzige Exklave Kroatiens, vom Rest des Landes getrennt durch einen nur gut fünf Kilometer schmalen Küstenstreifen, der zu Bosnien-Herzegowina gehört.
Gut 4,2 Millionen Menschen leben in Kroatien, die Bevölkerungszahl ist aber rückläufig. Das mag daran liegen, dass das Land inzwischen zwar weit entwickelt ist, aber immer noch mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Besonders unter den Jugendlichen ist die Quote mit mehr als 40 Prozent erschreckend hoch.
Traditionell lebten die Kroaten von Fischerei und Landwirtschaft, heute werden hier Zuckerrüben, Kartoffeln, Weizen, Mais, Öl und Wein angebaut, im Süden des Landes auch Tabak und Zitrusfrüchte. Zwar ist Kroatien nicht gerade arm an Bodenschätzen: Es gibt Erdgas, Erdöl, Kohle, Bauxit, Eisenerz und Porzellanerde, um nur einige zu nennen. Doch noch immer wirkt die Zerstörung wichtiger Industrieanlagen im Kroatienkrieg nach. Der Wiederaufbau ist schwierig und verschlingt Unsummen.
Deshalb setzt Kroatien auf seinen allergrößten Schatz: die Schönheit des Landes. Der Tourismus boomt, vor allem natürlich an den herrlichen Küsten und ihren vorgelagerten Inseln, deren Zahl die Tausend weit überschreitet. Der Staat investiert in den Autobahnausbau, ein roter Teppich für die zehn Millionen Reisenden, die Jahr für Jahr nach Kroatien kommen. Die Autobahntunnel zählen zu den sichersten in ganz Europa.
Am Ziel erwartet die Gäste des Landes ein kleines Paradies. Der kroatische Teil der Adria gilt als sauberster Bereich des Mittelmeers, mehr als hundert Strände schmücken sich mit der Blauen Flagge. Zehn Prozent der Landfläche Kroatiens stehen unter Naturschutz, acht große Nationalparks begeistern die Besucher mit ihren atemberaubenden Landschaften. Allen voran locken die Plitvicer Seen und die Krka, beide mit grandiosen Naturwasserspielen.
95 Prozent der kroatischen Wälder sind naturbelassen. Hier leben Braunbären, Goldschakale, Wölfe und Luchse, die Lüfte beherrschen Gänsegeier, Reiher, Kormorane, Schwarzstörche sowie mehrere Arten von Adlern, darunter sogar der seltene Weißschwanzseeadler. Im Meer tummeln sich Delfine und Mönchsrobben, in den Karstregionen lebt der weltweit einzigartige Grottenolm, ein blinder Höhlenbewohner.
Beste Voraussetzungen also für einen abwechslungsreichen Erholungsurlaub. Dass dieser auch wirklich gelingt, machen die Kroaten mit ihrer herzlichen Gastfreundschaft möglich. Gut bewirtet mit deftiger Kost, begleitet von einem Gläschen Sliwowitz, der Leichtigkeit des Südens und den strahlenden Farben der Adria, findet man hier ein Stück vom Glück. Zahlreiche Fotos auf meiner Website www.almutirmscher.de geben Ihnen einen Eindruck von der Schönheit und Vielfalt dieses Landes.
Doch auch die faszinierenden Kulturen der Vergangenheit haben in Kroatien ihre Spuren hinterlassen. In ihrer Ursprünglichkeit fast verwunschen wirkende Dörfer, pittoreske Hafenstädtchen, aber auch prächtige urbane Zentren wie Zadar oder Split faszinieren die Besucher mit ihren Kunst- und Architekturschätzen. Und natürlich Dubrovnik, die Magierin unter den Städten.
Der kleine Kerl ist blind. Seine Haut ist fahl und bleich wie die eines Todgeweihten auf dem Sterbebett. Gäbe es ein wenig Licht, so vernähme man an seinem Leib einen zaghaften blassrosa Hauch. Denn er ist nicht nur blind, sondern auch dünnhäutig, feinste Äderchen schimmern durch die zarte Membran. In seinem Reich existiert allerdings kein Licht, der Ärmste ist dazu verdammt, sein Dasein in ewiger Dunkelheit zu fristen. Wird es hell, so ergreift er die Flucht. Nicht eilig, nein. Sein Leben kennt keine Eile. Man könnte sagen, er schleicht sich davon.
Fast möchte man deshalb glauben, „Blindschleiche“ sei die passende Bezeichnung für ihn. Aber er wirkt eher wie ein zu groß geratener Regenwurm, und wenn man sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, erkennt man einen schmalen, dreieckigen Kopf, an dessen Übergang zum schlangenförmigen Rumpf seitlich kleine rote Büschel abstehen. Das sind seine Kiemen. Und gleich dahinter entdeckt man bei genauem Hinsehen winzige Beinchen, sie sind kaum auszumachen und offenbar viel zu klein. Ganz so, als seien sie die tollpatschigen Ärmchen eines Babys, dessen Proportionen noch nicht zueinandergefunden haben. Wie ein Aal windet sich das nur gerade eben 30 Zentimeter lange Kerlchen im klaren Wasser, und wäre es größer, so würde man es für ein drachenhaftes Fabelwesen halten.
Vielleicht handelt es sich dabei ja tatsächlich um die Larve eines Lindwurms oder gar um ein Drachenjunges, so erzählte Ende des 17. Jahrhunderts ein aufgeregter Bauer, der eines der Tiere nach einer Überschwemmung in einer Karstquelle gefunden hatte. Doch der eilends herbeigereiste Wissenschaftler betrachtete das fremdartige Geschöpf mit nüchternerem Blick. Es handle sich wohl eher um eine Art Eidechse, konstatierte der gelehrte Mann. Gleichwohl musste es ein ungewöhnliches Exemplar sein, womöglich die Larve eines weit größeren, unbekannten Höhlenreptils. Die Aussicht, einen schaurig-faszinierenden Bewohner der Unterwelt zu entdecken, löste eine Sensationsgier aus, die dem Kleinen binnen kürzester Zeit zu großer Popularität verhalf.
Tatsächlich handelt es sich bei dem nur etwa 20 Gramm leichten Winzling um eine Larve. Doch als habe er nicht schon genug an der Last seiner Blindheit und des Daseins in ewiger Dunkelheit zu tragen, muss er sich auch noch damit abfinden, Zeit seines Lebens über das Larvenstadium nicht hinauszuwachsen. Er ist sozusagen im Zustand eines Kleinkindes steckengeblieben. Wie er sich in seiner glitschigen Nacktheit dahinwindet, glänzt er wahrlich nicht durch besondere Schönheit: der Grottenolm, ein höchst rätselhaftes Wesen.
Viele Geheimnisse umwehen diesen seltsamen Lurch. Seinem größten Mysterium sind Forscher sogar erst in jüngster Zeit auf die Spur gekommen: Denn so unvollkommen die blinden Würmchen auch wirken, entgegen allen bisher bekannten Naturgesetzen werden sie unvorstellbar alt. Hieß es bislang, je größer eine Amphibienart wachse, desto älter werde sie, so spottet der Grottenolm den Erkenntnissen der Gelehrten. Denn er kann sehr wahrscheinlich mehr als 100 Jahre lang leben, ohne dass währenddessen irgendwelche Spuren einer Alterung erkennbar wären. Noch weiß niemand, wie er das schafft.
Fast als Phantom lebt er tief verborgen in den unterirdischen Höhlensystemen des Dinarischen Gebirges, das sich mit bis zu knapp 2.700 Meter hohen Gipfeln über 600 Kilometer entlang des östlichen Ufers der Adria erstreckt. Diese Heimat des Grottenolms ist ihrerseits ein bizarrer Sonderling. Denn es handelt sich um eine Region, die zumindest auf den ersten Blick alles andere als lebensfreundlich erscheint. Wie das weißgraue Skelett einer gestorbenen Welt erheben sich mancherorts ihre kargen Hänge aus dem so einladend strahlenden Blau des Meeres, eine abweisende, feindliche Mondlandschaft.
Tatsächlich stellte das Dinarische Gebirge seit Menschengedenken eine beinahe unüberwindbare Barriere dar. An seine schroffen, steilen und stark zerklüfteten Abhänge schließen sich weiter ostwärts schier endlose, dürre Hochebenen an. Bis schließlich in unserer Zeit moderne Verkehrswege entstanden, waren die Pannonische Tiefebene im Landesinneren und die Küstengebiete an der Adria durch dieses gewaltige Hindernis voneinander fast vollständig isoliert. Um miteinander in Verbindung treten zu können, mussten die Menschen weite Umwege in Kauf nehmen.
Das Kalkgestein des Dinarischen Gebirges ist für dessen Unzugänglichkeit verantwortlich. Fällt nämlich Regen auf seine Oberfläche, so werden komplexe Reaktionen in Gang gesetzt, die zur sogenannten Verkarstung führen. Der geologische Terminus „Karst“ ist dem Namen einer Landschaft im Norden des Dinarischen Gebirges entlehnt, die wiederum nach dem lateinischen Wort „carsus“ für steinigen, unfruchtbaren Boden benannt ist. Tatsächlich wurde dieses Landschaftsphänomen hier im Karst des Dinarischen Gebirges erstmals wissenschaftlich untersucht.
Freilich ist es zur Entstehung von Karst nicht ausreichend, dass es lediglich auf den Kalkstein hinabregnet. Vielmehr muss im Regenwasser Kohlendioxid enthalten sein, denn nur mit diesem reagiert das im Gestein enthaltene Kalziumkarbonat. Dann löst es sich und wird fortgeschwemmt, während unterdessen weitere chemische Reaktionen stattfinden. So entstehen Klüfte im Gestein, die es immer tiefer durchdringen und im Untergrund wassergeflutete Hohlräume bilden. Dabei setzen sich die chemischen Prozesse immer weiter fort. Die Hohlräume vergrößern sich zu durchspülten Höhlensystemen, während von deren Decken durch das nachsickernde kalkgesättigte Wasser allmählich Tropfsteine wachsen. Erst wenn die unterirdischen Gewässer auf andere Gesteinsschichten stoßen, sammeln sie sich zu Flüssen und treten schließlich aus dem Gebirge aus. Tiefe Schluchten, wilde Canyons und enge Klammen sind dabei ihre typischen Wege. Bedingt durch die schnelle Entwässerung ist es an der Oberfläche des Karsts extrem trocken, und das, obwohl das Gebiet an sich recht regenreich ist.
Der dürre Boden dieser Landschaft hat eine besondere Form des Waldes entstehen lassen, eine von Gesteinshalden durchbrochene, lichte Gesellschaft aus Weißtannen, Buchen und Kiefern. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, ist dieser Wald doch ausgesprochen vielfältig besiedelt. Da Stämme und Baumkronen nicht besonders dicht wachsen, dringt viel Sonnenlicht zum Boden vor und schafft Lebensraum für die verschiedensten Beeren und Disteln, außerdem für Farne, Gräser, Kräuter und Efeu. Dazu gesellen sich aparte Blütengewächse wie Veilchen, Heckenrosen, Maiglöckchen, Schwertlilien, Affodill oder Pfingstrosen. Zusammen mit seiner Tierwelt stellt das Dinarische Gebirge eine der artenreichsten Regionen Europas dar. Es ist ein Refugium für Hirsche, Wölfe und Luchse, für wilde Ziegen, Wildschweine, Adler, Falken und Milane. Seine Existenz verdankt dieses Naturparadies nicht zuletzt der weitgehenden Abwesenheit von Menschen, das wasserarme Gebirge mit seinen unfruchtbaren Böden ist nämlich nur recht dünn besiedelt.
Nichts an seiner Oberfläche lässt die geheimnisvolle Unterwelt erahnen, die sich tief im Inneren des Karstgebirges erstreckt. Niemand weiß, welche Ausdehnung die Höhlensysteme des Dinarischen Gebirges tatsächlich haben. Die meisten Klüfte sind für Menschen zudem völlig unzugänglich.
Hier unten, bei einer Temperatur von konstanten zehn Grad Celsius, liegt die verborgene Welt der Grottenolme. Sie leben in den sauerstoffreichen Ruhigwasserzonen der stockfinsteren unterirdischen Flusssysteme. Nur an wenigen Orten lassen sie sich beobachten, so in der seit 1995 zugänglichen Tropfsteinhöhle Baredine auf der kroatischen Halbinsel Istrien. Die Gruppen von Tieren, die in solchen erschlossenen Höhlenausläufern entdeckt wurden, stellen wohl nur bescheidene Randvorkommen eines mächtigen Volks lichtscheuer Miniatur-Lindwürmer dar, die womöglich den gesamten Untergrund des gewaltigen Gebirges bewohnen. Ob es sich aber tatsächlich so verhält, ist unbekannt. Grottenolme gelten als gefährdet, da sie absolut sauberes Wasser benötigen und auf die Verschmutzung ihrer Lebensgrundlage äußerst empfindlich reagieren.
Weil unlösbare Mysterien schon immer die Neugier des Menschen geweckt haben, erregte auch der Grottenolm nach seiner Entdeckung schnell außerordentliches Interesse. Schon bald machten sich sowohl ernsthafte Forscher als auch Kuriositätensammler auf die Suche nach dem außergewöhnlichen Wesen. Als klar wurde, dass es sich leider nicht um den Nachwuchs von Drachen handelte, verpasste man ihm den Namen „Menschenfischlein“, wohl inspiriert durch die nackte, rosige Haut. Auf diese Art konnte dem Winzling doch zumindest der Nimbus eines Fabelwesens erhalten werden.
Wer seiner habhaft wurde, bekleckerte sich meist mit wenig Ruhm. Die Tierchen wurden als Delikatesse auf dem Fischmarkt feilgeboten, gebraten und verzehrt, oder man verkaufte sie als lebende Reisemitbringsel. Dann erlitten sie angesichts der Unwissenheit ihrer neuen Herren in der Regel einen raschen Tod. Seit 1982 ist der Handel mit Grottenolmen verboten, inzwischen stehen sie unter strengem Artenschutz. So bleibt ihnen unsachgemäße Behandlung nun ein für alle Mal erspart.
Wenn der Grottenolm nämlich eines auf den Tod nicht ausstehen kann, dann ist es Licht. Ist er diesem schutzlos ausgesetzt, so verfärbt er sich am ganzen Leib, als erleide er einen Sonnenbrand. Als Wesen der ewigen Dunkelheit benötigt er keine Augen. Tatsächlich besitzt er noch welche, wenn er aus seinem Ei schlüpft. Doch wachsen diese in allerkürzester Zeit zu, ganz so, als seien sie nur eine lästige Kinderkrankheit. Der Grottenolm registriert jeden noch so feinen Lichteinfall mit seiner hochempfindlichen Haut. Er riecht und hört ausgesprochen gut, außerdem nimmt er das Magnetfeld der Erde wahr und orientiert sich daran. So lebt er in seiner eigenen Dimension, einer fremdartigen, für uns kaum vorstellbaren Welt.
Nähert sich etwa ein durch Überschwemmungen in die Höhlen eingespülter Haselfisch, so verschwindet der Grottenolm mit schlafwandlerischer Sicherheit im Schutz der Felsen. Die seltenen Eindringlinge sind seine einzigen Fressfeinde, von diesen – und den Menschen – abgesehen droht dem kleinen Lurch keinerlei Gefahr. Er ernährt sich von winzigen Krebstierchen und ist äußerst genügsam. Eine Mahlzeit alle paar Tage reicht ihm völlig, selbst sechs futterlose Jahre übersteht er ohne jedes Problem. Es heißt, dass ein Wissenschaftler einst ein Exemplar in einem Gefäß ohne Nahrung vergaß. Als das Tier schließlich zehn Jahre später wiederentdeckt wurde, lebte es noch immer.
Grottenolme sind scheu, aber recht behäbig, allzu schnelle Bewegungen vermeiden sie tunlichst. Ihre Geschlechtsreife erreichen die Larventiere erst mit rund 15 Jahren, wobei männliche und weibliche Exemplare nur äußerst schwer voneinander zu unterscheiden sind. Auch die Ablage der 35 Eier, jedes davon lediglich vier Millimeter groß, erfolgt bloß alle zwölfeinhalb Jahre. In der slowenischen Grotte von Postojna, wo seit 100 Jahren Grottenolme beobachtet werden, fand man erst 2014 zum ersten Mal überhaupt ein Gelege, zwei Jahre später konnte der Schlupf zweier Jungtiere beobachtet werden. Ein Leben in Zeitlupe!
Liegt vielleicht darin das Geheimnis der Langlebigkeit dieser zarten Tierchen? Seit 60 Jahren erforschen Wissenschaftler in einer Grotte im französischen Moulis deren mysteriöses Dasein. Zu diesem Zweck wurden die Tiere extra dort angesiedelt, und nur dort gelang bisher die gezielte Nachzucht. Allerdings gibt es inzwischen auch in der Rübeländer Hermannshöhle im Harz berechtigte Hoffnung. Dort wurden schon in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts Grottenolme aus dem Dinarischen Karst ausgesetzt, weitere Exemplare folgten 1956. Von diesen insgesamt 20 Tieren lebten 2015 noch neun, die inzwischen schon bis zu 70 Jahre alt waren. Bei fünf davon handelte es sich um trächtige Weibchen. Allerdings schlüpften aus deren allererstem Gelege, das 2016 entdeckt wurde, leider keine Jungtiere. Bereits 2017 konnten zehn neue Eier ausgemacht werden, doch auch dieses Mal kam es aus bisher ungeklärten Gründen nicht zum Schlüpfen kleiner Olme.
Über die Phase, bis der frisch geschlüpfte Grottenolm-Nachwuchs sechs Jahre alt geworden ist, weiß man so gut wie nichts, weil die Tiere ihre frühe Kindheit an unbekannten Orten verbringen. Zumindest danach scheint den Dauer-Larven so leicht nichts mehr etwas anhaben zu können. Die gewöhnliche Lebenserwartung ihrer Schützlinge beziffern die Forscher mit rund 70 Jahren, ein Viertel der Olme, so schätzen sie, erreicht sogar ein Alter von bis zu 100 Jahren, vielleicht auch mehr. Und das offenbar ganz ohne spürbare Alterungserscheinungen. Wie den Winzlingen das gelingt, bleibt rätselhaft. Weder der bemerkenswerte Stoffwechsel noch die recht gewöhnlichen antioxidativen Abwehrmechanismen vermögen eine Erklärung zu liefern. Die geringe Körpermasse der Babydrachen widerspricht allen Erkenntnissen über die Lebenserwartung von Amphibien. Ist es die ewige Dunkelheit, die sie dem Alterungsprozess trotzen lässt?
Vielleicht verbirgt sich ihr Geheimnis auch einfach darin, dass sie ein Leben lang Kinder bleiben.
