Das Mädchen aus dem Spiegel - Siegfried Maaß - E-Book
Beschreibung

Das Mädchen aus dem Spiegel ist Dagmar. Das sei ein ganz besonderer Name, sagt die alte Tänzerin, denn er bedeutet ‚die Friedliebende’. Im Schneidersitz teilt die Zehnjährige ihrem Spiegelbild ihre Gedanken mit. Auch ihre Wünsche und seltsamen Einfälle, die meistens oft zu merkwürdigen Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit geraten. Irgendwann hat sie entdeckt, dass sie ihre Gedanken aus dem Kopf entlassen und als Bilder in die Luft aufsteigen lassen kann. Ganz merkwürdig erscheint es ihr, mit einem Mal dieses Wesen, das sie in ihren Gedanken entstehen ließ, über sich zu sehen. Mal schwebend wie ein Schal, der im Wind flattert. Oder als kriechenden Sandwurm am Strand. Einmal berichtet sie im flotten Ton einer Sportreporterin, wie sie aus dem Flug im Kettenkarussell mit einer gläsernen Murmel genau in eine der Blechdosen traf, die ein Schausteller zum Zielwerfen aufgereiht hatte. Oder dass ein Sommerferienerlebnis, worüber sie in der Schule erzählen soll, plötzlich zu einer abenteuerlichen Schlittenfahrt wird, in der sie Leuten begegnet, die völlig in Fell gekleidet sind. Fast jeder, dem Daggi begegnet und der sich mit ihr unterhält, blickt sie zuerst zweifelnd an und fragt sich: Sagt sie jetzt die Wahrheit? Oder spinnt sie wieder und tischt mir eine ihrer Geschichten auf? Aber ihre Lehrerin erkennt Daggis Begabung und führt sie mit anderen Kindern zusammen, die ebenfalls Geschichten aufschreiben. Aus Spaß wie sie selbst oder um sich auf diese Weise von ihren kleinen Nöten oder Ängsten zu befreien. Am Lagerfeuer hören sie einander zu und neue Freundschaften entstehen. Zum ersten Mal spürt Daggi, dass sie und ihre neuen Freundinnen mit ihren Texten Einblicke in ihr Leben gewähren. Und das ist die Wahrheit, die wie ein schöner Diamant zu glänzen scheint. Am Schluss haben Daggi und ihre Eltern einen schönen Anlass für eine ganz besondere Feier.

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Seitenzahl:210

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Impressum

Siegfried Maaß

Das Mädchen aus dem Spiegel

ISBN 978-3-95655-838-2 (E-Book)

ISBN 978-3-95655-837-5 (Buch)

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Beate Danneil

© 2017 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: verlag@edition-digital.de Internet: http://www.edition-digital.de

Das Mädchen aus dem Spiegel

Das Mädchen aus dem Spiegel?

Ebenso gut hätte ich die ‚Die Geschichtenerfinderin’ darüber schreiben können. Denn am meisten wird von einem Mädchen erzählt, das sich Geschichten ausdenkt. Fast überall, wo es sich aufhält. Für sich selbst, aber auch für andere und damit auch für euch. Nur so zu ihrem Spaß. Aber jeder, der sie bereits kennt und sich mit ihr unterhält, blickt sie zuerst immer zweifelnd an und fragt sich: Sagt sie jetzt die Wahrheit? Oder spinnt sie wieder und tischt mir eine ihrer Geschichten auf?

Das hört sich an, als wäre dieses Mädchen eine ganz gewöhnliche Lügnerin.

Ich kenne sie aber sehr gut und kann darum behaupten, dass dies nicht zutrifft. Vielmehr spricht sie einfach aus, was ihr gerade in den Sinn kommt. Weil es ihr schwer fällt, es für sich zu behalten.

Sie besitzt eine große Erfindungsgabe und kann manchmal selbst nicht genau unterscheiden, ob sie sich an etwas erinnert oder es sich soeben ausgedacht hat.

Wenn sie nämlich im flotten Ton einer Sportreporterin davon berichtet, dass sie aus dem Flug im Kettenkarussell mit einer Murmel genau in eine der Blechdosen treffen konnte, die ein Schausteller unter ihr zum Zielwerfen aufgereiht hatte. Drei Würfe ein Euro! verkündete der Besitzer und hielt in beiden Händen seine Bälle wie heiße Kartoffeln. Laut pries er seine Gewinne an: Teddys in verstaubten Fellen, Spieluhren mit Tänzerinnen darauf, die ihre Beine aus der Hüfte schwangen, billige Tücher und bunte Luftballons sowie Buntpapier, saure Bonbon und weich gewordene Kekse …

Selbstverständlich unterschlug er die nachteiligen Eigenschaften, die seinen Preisen tatsächlich zugestanden hätten.

Aber die Geschichtenerfinderin wollte von den aufgeführten Dingen nichts wissen. Sie bezahlte ja auch nicht dafür, sondern zielte kostenlos, aber treffsicher in eine der Büchsen, in denen sich vor langer Zeit Bohnen oder Erbsen befanden. Oder auch Orangen. Als hätte sie es zuvor tagelang geübt.

Niemand hatte es bemerkt, doch der Schausteller fand die bunte Murmel tatsächlich in der Büchse, die von den Wurfbällen total zerbeult war. Genau die Murmel, die sie ihm beschrieben hatte: Bunte Schlangenlinien darin, die sich dort vereinten, wo auf dem Erdball die Pole mit ihren Dauerfrösten angezeigt werden. Die kannte sie vom großen Halbbruder Max, der sie so genau beschreiben konnte, als gehörte er zu den Forschern, die dort Lebensjahre verbrachten, um Wichtiges für die Menschen zu erkunden. Ohne zu erfrieren. Sie jedoch musste sich bereits schütteln, sobald er die Kältepole nur erwähnte. Dann fühlte sich ihre Haut auf den Armen wie Sandpapier an, wenn sie schaudernd darüber strich. Es hörte sich aber auch so an. Ein Erbe ihrer Mutter.

Des großen Bruders bunte Murmel nannte sich Globus und er drehte ihn so schnell, dass die kleine Schwester kaum mit Blicken folgen konnte. Dann hielt er ihn an und stieß seinen Zeigefinger auf einen beliebigen Punkt und fragte: „Was ist hier? Wie heißt das Land?“

Danach lachte sie verlegen und hob die Schultern.

Aber der Große erkannte es sofort. Sie hätte wetten können, dass er ohne lange zu überlegen jedes Land wissen würde, wenn sie den Globus drehte und wie blind den Finger darauf hielt und ihn fragte: „Was ist hier? Wie heißt das Land?“

Sie hätte sich dann mit jeder Antwort zufrieden geben müssen, denn sie selbst war völlig ahnungslos, wo ihr Finger gelandet war.

Einmal hatte Max ihr verraten, dass er ‚Weltenfahrer’ werden wollte. Was für sie bedeutete, in der Welt umherzufahren, um viel zu sehen: Das weite blaue Meer und hohe, schneebedeckte Berge, tiefdunkle Wälder und die zimtgelbe Wüste. Das würde ihr bestimmt auch gefallen. Besonders die herrliche Wüste wie Zimt, den sie sich immer dick auf ihren Grießbrei streute, den Mama Irene manchmal extra für sie zubereitete. Weder die Eltern noch Max mochten ihn, doch Pauline, die ihn ebenfalls gern aß, war nicht mehr zu Hause.

Aber dass der Halbbruder damit später Geld verdienen könnte, wenn er durch die Welt reiste, wollte sie nicht glauben.

Ihre bunte Murmel konnte sie jedenfalls bis in alle Einzelheiten beschreiben.

Kleinlaut gab der Rummelmann sogar zu, dass er ein Klirren vernommen hatte, wofür er keine Erklärung wusste. Neugierig hätte er sich fast ein Schraubgewinde in den Hals gedreht, ohne jedoch das Geheimnis ergründen zu können.

Nun wusste er auch nicht, ob er glauben sollte, was sie erzählt hatte. Er murmelte die kleine Glaskugel auf seiner Handfläche hin und her, vom Nordpol zum Südpol, als könnte er wie die echten Polarforscher auf diese Weise der Wahrheit auf die Spur kommen. Dabei schienen sich die bunten Schlangenlinien so zu verwirren, dass ihm schwindelte und er die Augen schließen musste.

Danach besann er sich wieder und verlangte, dass sie zum Beweis ihren Wurf vor den Augen aller Rummelplatzbesucher wiederholen sollte. Dafür setzte er einen Preis aus: Seinen schönsten Bären, meinte er und wies auf die obere Etage seines Regals, wo der Braune darauf zu warten schien, endlich von der Zurschaustellung erlöst zu werden.

Sogar für die notwendigen Runden mit dem Kettenkarussell wollte der Mann aufkommen, also freiwillig bezahlen. Aber ebenso unbemerkt wie die Murmel in die Blechdose geraten war, verschwand das Mädchen plötzlich aus seinem Blickfeld.

So ist sie, die Geschichtenerfinderin. Hört man ihr zu, irrt man ständig zwischen Glauben und Unglauben umher, als befände man sich an einer Wegkreuzung und könne sich nicht für eine Richtung entscheiden.

Ich will sie euch beschreiben, die Geschichtenerfinderin, denn ich sehe sie genau vor mir: Wie früher ein Schneider hat sie sich mit gekreuzten Beinen niedergelassen. Aber nicht wie der Schneider auf einem Tisch, sondern auf ihrer Insel. So bezeichnet sie den fast quadratischen Teppich, der nicht größer ist als ihr halbes Zimmer. Wie ein weites Meer umgibt der blanke Fußboden diese Insel. Dessen Muster täuscht uns leichtes Wellengekräusel bei leichter Brise vor. Wenn wir sehr aufmerksam sind, können wir sogar sanftes Plätschern vernehmen. Als würden sich dicht unter der Wasseroberfläche Fische tummeln. Dieses Geräusch ist ihr nicht unbekannt, denn manches Mal hat sie Harry, ihren Papa, schon zum Angeln begleitet, dabei mit ihm den halben Tag geschwiegen und auf die Bewegung der Pose gewartet, während sie sich eine Geschichte über einen ungewöhnlichen Fang ausdachte: Darin folgten dem einen gefangenen Fisch sofort alle anderen freiwillig. Sie sprangen als große Masse aus dem Wasser und breiteten sich vor ihnen aus, sodass weder vom Uferrand noch von der Wiese davor etwas zu sehen war. Es war trübe, sodass die Fischleiber nur mäßig glänzten. In Sonnenlicht hätten sie wahrscheinlich wie blank geputztes Silber gefunkelt.

Woher das Geräusch im Augenblick aber tatsächlich kommt, können wir nur vermuten. Wahrscheinlich läuft im Bad gleich nebenan Wasser in die Wanne, weil Mama Irene wie üblich nach der Arbeit ein erfrischendes Bad nehmen und damit ihren Feierabend einleiten will.

Der Gummibaum vor dem Fenster ziert die Teppichinsel wie eine große Palme, die ihre Blätter ausstreckt, um unser wichtiges Persönchen vor heftigen Sonnenstrahlen zu schützen.

Es ist blass, das Persönchen. Nicht weil es krank ist, sondern weil es zu seiner Natur gehört, weshalb es auch den Schatten sucht, den die Palmenblätter werfen. Sonnenröte würde ihrer Haut nicht gut tun. Das hat ihre Mama, die Krankenschwester ist, zuerst schon den beiden Großen, später dann auch der kleinen Daggi gepredigt, also ihr.

Trotzdem kam Daggi um die eigene Erfahrung nicht herum, weil sie bereits als ganz kleines Mädchen wegen eines Sonnenbrandes tagelang im Haus bleiben musste. Während ihre Freundinnen sich an den Strand des nahen Sees legten und ihre großen Halbgeschwister in der Schule waren, wälzte sie sich auf ihrer Matratze wie eine Katze, die im Sand ihr Ungeziefer abstreift. Sie selbst streifte schließlich ihre alte Haut ab, die sich wie feines Papier löste und helle Flecke hinterließ – als hätte man sie über Nacht mit Puderzucker gesprenkelt.

Auf diese Weise musste sie lernen, die Einsamkeit zu bekämpfen, um nicht an Langweile zu sterben.

Sie begann sich Geschichten auszudenken, lustige und traurige und auch solche, die wie Abenteuer verliefen und auch genauso endeten. Hauptsache war, dass am Schluss das Gute siegte.

Ihre Geschichten bewahrte sie in ihrem Gedächtnis auf wie andere wertvolle Gegenstände in einem Tresor. Wenn man sie braucht und den Tresor öffnet, liegen sie griffbereit da. So auch die Ergebnisse ihrer Ausdenkerei.

Dieses zum Beispiel:

Sie ließ ihre Freundinnen Marion und Jennifer am Strand eine Sandburg bauen. Eine mit Türmen und steilen Wänden, Kanälen und Tunnel und während sie noch daran bauten, wand sich plötzlich ein Ringelwurm aus dem Sand. Er streckte sich hoch auf und wuchs und wuchs und nahm die Gestalt eines bärtigen alten Mannes an. Sein böser Blick erschreckte die Burgenbauerinnen so, dass sie sich dorthin wünschten, wo sich Daggi aufhielt. Also nach Hause, jedoch nicht ins Bett.

Aber sie fühlten sich wie gelähmt, weshalb es dem Ungeheuer leicht fiel, die beiden mit seinen kräftigen Armen zu umschlingen, bis sie heftig nach Luft schnappen mussten.

Jennifer wollte um Hilfe rufen, doch ihre Lippen öffneten sich nicht. Ihr kam es vor, als hätte der bärtige Alte ihren Mund zugenäht …

An dieser Stelle hatte die Geschichtenerfinderin nicht weiter gewusst. Wie weit durfte sie ihre Geschichte treiben? Sollte sie ihre ganze Wut und Enttäuschung darüber, dass sie sich nicht wie die Freundinnen am Strand austoben durfte, in diese Geschichte pressen? Hatte sie vor, sich an den Freundinnen ungerechterweise zu rächen?

Es muss sein, entschied sie:

Der Böse, der aus einem Sandwurm entstanden war, riss Marion und Jennifer an sich und stopfte sie in das Sandloch, dem er selbst entstiegen war. Eine Weile ließ die Erfinderin sie noch kräftig zappeln, wobei die Füße einen leichten Sandsturm auslösten … Dann waren sie verschwunden. Der Böse und ebenso die Freundinnen …

Sollte sie, die Geschichtenerfinderin, es so enden lassen? Oder den beiden Opfern lieber eine Möglichkeit bieten, sich befreien zu können? Wo verbarg sich der gute Schluss?

Sie musste einen Retter schicken, der beide Mädchen zurückholte!

Das gefiel ihr am besten. Deshalb erfand sie einen Wüstenmaulwurf, der sich unterirdisch bis in den Sandstrand durchgewühlt hatte und seine Spur mit kleinen Sandhügeln kennzeichnete. Diese Anstrengung hatte ihn sehr hungrig gemacht. Es war sein Glück, dass er sich ausgerechnet genau neben dem Bösewicht und seinen Opfern ausgrub. Nun zögerte er keinen Augenblick, den Sandwurm zu fressen.

Es bedeutete aber besonderes Glück für die Freundinnen, die somit gerettet wurden. Erlöst und erleichtert schüttelten sie den Sand von sich, sodass es schien, als tobe ein Sandsturm. Aber sie waren befreit. Das Gute hatte gesiegt.

Die Geschichtenerfinderin war zufrieden mit sich. Sie hatte einen guten Schluss gefunden und nahm sich vor, ihre Geschichte aus ihrem Gedächtnistresor hervorzunehmen, sobald der Sonnenbrand es zuließ, das Bett zu verlassen. Marion und Jennifer sollten wissen, dass sie, Daggi, die Freundinnen nicht vom Bösewicht hatte verschlingen lassen.

Bald hatte sie Mühe, die Gedanken und Einfälle zu ordnen und nicht durcheinander zu bringen. Sonst hätte es geschehen können, dass sie plötzlich als Gescheckte, von Puderzucker Gefleckte mit dem Sandwurm kämpfen müsste und den Mann von der Büchsenwurfbude auf dem Rummel mit dem bösen Bärtigen vom Strand verwechselte.

Abends könnte sie dann die Geschichten ihren Eltern und den beiden Großen erzählen und würde damit die Gewohnheit auf den Kopf stellen, wonach die Älteren ihr eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen müssten. Was sie auch im Wechsel oft getan hatten, bis das Persönchen selbst lesen konnte.

Ein winziger heller Fleck betupft die Teppichinsel. Wo unsere Geschichtenerfinderin ihre Fußspitzen ausstreckt, glänzt es wie Gold, denn dort hat sich ein winziger Sonnenstrahl niedergelassen, der sich an der Palme vorbeimogeln konnte.

Das lässt den märchenhaften Gedanken zu, dass unser Persönchen goldene Schuhe anhabe. Wie eine Prinzessin. Nicht jene auf der Erbse, sondern eben diese mit dem goldenen Schuh, um die sich die Märchenprinzen scharen wie Hungrige um den Suppentopf.

Diese Idee könnte ihr genügen, um sogleich eine neue Geschichte zu erfinden – von der Tochter eines reichen Landesfürsten, die sie aus großer Not rettet. Aus einer Feuersbrunst? Oder einem Sandsturm in der Wüste?

Jedenfalls rettet das Persönchen die ängstliche Prinzessin, die ihr dafür einen ihrer vergoldeten Schuhe schenkt und sich nun ebenfalls eine Geschichte ausdenken muss. Nämlich um ihrem Vater, dem Landesfürsten, zu gestehen, dass sie ihren kostbaren Schuh verloren habe. Keinesfalls darf sie zugeben, ihn als Preis hingegeben zu haben. Dafür, dass sie von einem armen Mädchen aus einer Feuersbrunst (oder doch einem Sandsturm?) gerettet werden musste. Denn sie hatte sich unerlaubt vom Schloss entfernt, um sich mit einem ihrer Verehrer zu treffen. Was der Fürst nicht ohne strenge Strafe geschehen ließ.

Aber unser Persönchen hatte sich ja einfach nur die ausgetretenen Schuhe abgestreift. Darum können sich die Füße nun ungestört berühren wie zwei gute Freunde.

Neugierig streckt sich am oberen Ende des Persönchens ein dicker Zopf über die Schulter, als könnte ihm sonst etwas Wichtiges entgehen. Als guter Beobachter stelle ich fest, dass er sich immer die linke Seite dafür aussucht, als gäbe es dafür einen Grund, den ich nicht erkennen kann. Weil sich das Persönchen die Haare fest nach hinten gezogen hat, wirkt die Stirn wie eine steile Wand, vor der sich die Brauen als Schutz anbieten. Reichlich borstig und widerspenstig sind sie und unsere Geschichtenerzählerin streicht sie am Tag einige Male mit Spucke glatt.

Ihre Lippen bilden einen hellroten Verschluss, der jedoch nur selten geschlossen bleibt, weil sie immer schnell herauslassen möchte, was sich dahinter aufgestaut hat. Als könnten die unausgesprochenen Worte ihr sonst im Hals stecken bleiben wie ein schlecht gekauter Kloß.

Dann schwingen die Stimmbänder und entlassen wohlklingende Wortgebilde, aus denen sich endlich die Geschichten fügen, die hinter der steilen Stirn entstanden sind: Der Gedächtnistresor gibt seinen Inhalt frei, der Schatz kommt aus dem Verborgenen ans Licht.

Also: Ich blicke in den Spiegel und sehe alles verkehrt herum, das Linke rechts, das Rechte links.

Das bin ich. Daggi. Die mit dem langen Zopf, den ich manchmal zu einem Kranz flechte und mir wie eine Krone aufsetze. Dann spiele ich tatsächlich ein wenig Prinzessin, weil mich Mama Irene an besonders guten Tagen so nennt. „Na, mein Prinzesschen?“, sagt sie dann und streicht mit leichter Hand über meine ‚Krone’. Wenn ich mutig genug bin, wage ich mich damit sogar zur Schule und lasse den anderen ihren Spaß, zu lachen und zu spotten. „Wie aus dem vorigen Jahrhundert!“, rufen sie und zeigen auf mich. Andere haben schon versucht, meine ‚Krone’ zu entfernen. Doch dabei hörte für mich der Spaß auf und ich habe mich gewehrt, bis die anderen genug hatten.

Aber so mutig bin ich nicht oft, sodass ich meinen Zopf wie ein langes Tau auf dem Rücken trage. „Rapunzel!“, sagen sie dann, doch damit geben sie sich zufrieden.

Einmal, ob ihr es nun glaubt oder nicht, war ich echt Rapunzel. Als ich an einem schönen Sommertag durch die Gartenanlage in der Nähe unseres Hauses stromerte, hörte ich plötzlich Hilferufe und erkannte eine Stimme wie meine: Also von einem Kind.

Ich drehte mich wie ein Kreisel um mich selbst, doch es war niemand zu sehen. Auch auf den Bäumen nicht, was gut möglich gewesen wäre. Vielleicht wollte ein Kind schöne rotbäckige Äpfel klauen und saß nun zwischen Ästen fest?

Endlich erkannte ich die Richtung, aus der der Hilferuf kam. Schnell lief ich auf den Brunnen zu, der nicht weit von mir am Wegrand wie ein Fass aufgestellt war. Je näher ich kam, desto deutlicher hörte ich die weinerliche Stimme. Als ich mich vorsichtig über den Brunnenrand beugte, entdeckte ich ein Mädchen, das in dem Brunnenrohr bis zum Bauch im Wasser stand, mich wie einen rettenden Engel ansah und mir ihre Hände entgegen streckte.

Könnt ihr euch das Bild vorstellen, das ich dann darstellte? Wie ich mich rückwärts über den Brunnen beugte und meinen Zopf hinunter ließ, während ich meine Finger um den Brunnenrand krallte? Mich danach langsam aufrichtete und das Mädchen ans Tageslicht heraufzog? Kaum stand es dann auf dem Boden, rannte es davon. Ohne ein Wort von sich zu geben.

Trotzdem spendierte ich mir ein großes Eis. Als Lohn für meine Rettungstat. So bin ich. Nun wisst ihr gut Bescheid: Diese Geschichtenerfinderin bin ich selbst.

PAUSE

Ich muss euch davor warnen, mir alles zu glauben. Das Meiste, was ihr von mir zu hören bekommt, habe ich mir ausgedacht. Das wisst ihr nun und seid deshalb gut auf diese Begegnung mit mir vorbereitet.

Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich meine Gedanken aus meinem Kopf entlassen und als Bilder in die Luft aufsteigen lassen kann. Es ist ganz merkwürdig, mit einem Mal dieses Wesen, das ich in meinen Gedanken entstehen ließ, über mir zu sehen. Mal schwebend wie ein Schal, der im Wind flattert. Oder eine Keule in der Hand eines mittelalterlichen Kriegers. Kommt ganz darauf an, ob es ein angenehmer oder hässlicher Gedanke war. Auch ein Bündel Luftballons ließ ich auf diese Art starten. Als ich mir nämlich vorgestellt hatte, über die Wolken blicken zu können. Weil ich unbedingt gern wissen wollte, was dort, sonst für uns unsichtbar, geschieht. Dann trugen die Ballons meine Gedanken in die Höhe und ich konnte endlich erkennen, dass es dort nichts zu sehen gibt.

Aber ich denke mir schattenhafte Wesen oder Gebilde aus, mit denen ich mich wunderbar unterhalten kann. Wie mit einer echten Freundin. Dann teilen wir uns all jenes mit, worüber wir sonst nicht sprechen und was andere nichts angeht.

Oder ich betrete das Haus, das sich aus meinen Gedanken aufgebaut hat und in dem ich mir ein wunderschönes Zimmer mit Blick auf einen Wald einrichten werde – einen Wald, den ich schon immer vermisst habe. Viele Birken sollen dort wachsen, denn seit ich im TV einen solchen Birkenwald aus dem fernen Sibirien gesehen hatte, war ich ganz närrisch danach. Die Gegend bei uns ist flach und ohne sehenswerte Orte, und Bäume sind nur in unserem Stadtpark vorhanden.

Einmal landete ganz in meiner Nähe ein knallroter Luftballon, wie ich ihn mir kurz vorher vorgestellt hatte. Sogar mit einer Botschaft an der Schnur, genau wie von mir ausgedacht: ‚Willkommen im Land der Denker’.

Wie einen wertvollen Fund habe ich ihn in meinem Versteck aufbewahrt, wenn auch schlapp, ohne Luft. Wenn ich Lust habe, die Einladung noch einmal zu sehen, hole ich ihn hervor, blase ihn auf und kneife dann die Öffnung zu, sodass die Buchstaben wieder auferstehen: Willkommen …

Und so weiter. Ihr begreift wohl schon, mit wem ihr es zu tun habt.

Diese Insel im Zimmer und das Bäumchen gleich daneben sind auch von mir erfunden. Tatsächlich ist es nur mein Bettvorleger und die angebliche Palme ist eine kleine Papierblume, die mir mein Bruder Max geschenkt hat, nachdem er sie auf dem Rummel an der Schießbude gewonnen hatte. Das ist der große Junge mit dem Globus.

Schon am Tag darauf ging ich ebenfalls dorthin, um auch etwas zu gewinnen. Weil ich manchmal ein bisschen neidisch bin.

Dazu hatte ich mir aus dem Schrank meiner Schwester (Halbschwester) etwas zum Anziehen geliehen. Von dem Wenigen, das sie nach ihrem Auszug ins Internat des Sportgymnasiums zurückgelassen hatte: Eine großkarierte Bluse, deren Ärmel ich hochkrempelte und darin ziemlich verwegen aussah und dann diese Mütze, die Pauline nie getragen hat, weil sie diesen großen Schirm nicht leiden konnte. Bestimmt meinte sie, er verderbe ihren Anblick, weil er sowohl ihre Augen wie auch ihre Kurzhaarfrisur verberge. Aber beides gehört einfach ebenso zu ihr wie die Stupsnase.

Die alte Jeans ist eigentlich eins ihrer Lieblingsstücke gewesen. Aber Mama Irene ließ es nicht zu, dass sie damit ins Internat des Sportgymnasiums einzog. Maulend und wütend hatte Pauline ihr gutes Stück in den Schrank geworfen. Da hatte es so lange gelegen, bis sie zu ihrem ersten Wochenendurlaub nach Hause gekommen war. Mama Irene musste sie nicht einmal mahnen. Pauline legte das gute alte Stück selbst sorgfältig ins Schrankfach. Wahrscheinlich, um es für die Ferien griffbereit zu haben.

Ich fühlte mich damit sofort älter und wie erwachsen. Meinen langen Zopf stopfte ich unter die Mütze wie eine Schlange in einen umgestülpten Korb. Er beutelte zwar einen Knudel aus, der wie ein Buckel auf meinem Kopf aussah, aber das störte mich nicht. Mein Spiegelbild gefiel mir. Aufpassen musste ich nur, damit mich später weder Mama Irene noch Papa Harry in diesem Faschingsaufzug erwischten.

Die würden vielleicht erschrecken und glauben, die Zeit wäre zurückgelaufen und ihre Tochter Pauline sei plötzlich wieder zu Hause. Dabei befand sie sich mit einer Auswahlmannschaft im Ausland.

Ich ahnte mehr, als ich es sah: Dass die Leute mich wie ein Wesen aus einer anderen Welt anguckten und sich wahrscheinlich vor die Stirn tippten und auch noch den Kopf schüttelten.

Der Schießbudenbesitzer ließ sich nichts anmerken, lächelte zwar, aber ich konnte genau seine Gedanken erkennen.

Wie eine fett gedruckte Schriftzeile in der Zeitung stand auf seiner Stirn: Wenn du unbedingt dein Geld loswerden willst, dann los! Treffen wirst du sowieso nichts!

Und dann drückte ich ab.

Danach war der Mann verschwunden und die Leute neben mir schrien auf und ein Fremder riss mir sofort das Gewehr aus der Hand und eine Frau zerrte an meinem Zopf, der unter der Mütze hervor gerutscht war.

In diesem Augenblick wünschte ich, er wäre tatsächlich eine Schlange und würde kräftig zubeißen.

Überall war es mit einem Mal still, als hätten alle Karussells die Musik abgestellt. Das Riesenrad, das eben noch schwungvoll seine Runden gedreht hatte, hing bewegungslos in der Luft. Wie ein Windrad bei völliger Windstille. Wie man sie entlang der Autobahn sehen kann und die Papa Harry nicht mag. Weil sie die Landschaft zerstören.

Ich hatte aber doch etwas getroffen. Nur keine bunte Papierblume, denn der Schuss ging völlig daneben und traf den Schießbudenbesitzer. Der war jedenfalls plötzlich verschwunden, als hätte ihn der Boden verschluckt. Ich konnte nur vermuten, dass er hinter seinem langen Markttisch lag. Schließlich konnte er nicht fliegen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, fühlte mich steif wie eine Holzlatte und … Ehe ich meinen Überlegungen Gelegenheit bieten konnte, sich weiter zu entwickeln, grabschten vier, sechs, acht Hände zugleich nach mir. Ich glaube, kein noch so kleines Teilchen meines Persönchenkörpers blieb von ihnen unberührt.

Was heißt unberührt? In Einzelteile schienen sie mich zu zerlegen, so sehr zerrten sie an mir. Vier Hände nach links, vier Hände nach rechts. So habe ich es beim Heimatfest als Tauziehen erlebt: Die Füße fest in den Boden gestampft, die Rücken wie Bogen gespannt (nach hinten natürlich), wetteiferten zwei Mannschaften darum, wer die Gegnerischen am Tau zu sich heran ziehen konnte. Mein Papa Harry gehörte zu den Stärkeren, auch wenn er hinterher auf dem Boden lag und japste wie ein Hund nach langem Apportieren.

So erging es mir. Ich fand aber keine Gelegenheit, mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde, wenn das Tauziehen an und mit mir unentschieden ausgehen würde und beide Kampfseiten jeweils ein halbes Teil von mir gewannen.

Zum Glück kam es nicht so weit, weil mich vier Hände so unvermittelt losließen, dass sowohl ich wie auch die Besitzer der vier anderen Hände im hohen Bogen nach hinten stürzten und ich auf diese Weise frei kam. Bevor sich die schweren Männer aufrappeln konnten, machte ich mich aus dem Staub. Bei einem Schulkameraden habe ich mich später nach dem Schießbudenbesitzer erkundigt: Er hat meinen Fehlschuss zum Glück überlebt, sogar ohne einen Streifschuss von mir und ganz ohne Kratzer.

Ihr müsst mir ja nicht glauben.

Möchtet ihr vielleicht wissen, wer sich im Spiegel betrachtet wie ein Affe? Weil ich mir ganz eitel gern mein Spiegelbild angucke, habe ich den dunkel Gerahmten vor mich auf den Fußboden gestellt. Wie immer, wenn ich mich auf meiner Insel befinde und wie ein Schneider dasitze. Wie Papa Harrys Großvater, den er jedes Mal erwähnt, wenn er von seiner Kindheit spricht. Der Großvater war ein Schneider, dem er gern bei der Arbeit zusah und dessen flinke und geschickte Hände er bewunderte. Hatte der Großvater ein neues Stück beendet, hielt er es dem Enkel zur Ansicht vor und freute sich über dessen zustimmendes Nicken. Manchmal, sagte Papa Harry von sich, habe er sogar vor Begeisterung in die Hände geklatscht. So ein guter Schneider habe er auch mal werden wollen, meinte Papa Harry später lachend, aber dann sei ein Gärtner aus ihm geworden. Statt der kleinen Schneiderschere brauchte er nun die viel größere Heckenschere. Also: Ich heiße Dagmar und feiere bald meinen 11. Geburtstag und indem ich euch meinen Namen verrate, sehe ich euch direkt vor mir und bemerke, wie ihr Grimassen zieht. Bestimmt fragt ihr euch, wer sich diesen altmodischen Namen ausgedacht hat. Ihr, die ihr alle coole Namen bekommen habt, weil eure Eltern ebenfalls ganz cool sind. Anders als meine. Die noch aus der anderen Zeit und schon ganz schön alt sind. Fast fünfzig. Meine Mama ist es gewesen, die sich diesen Namen ausgedacht hat. Meinem Papa war es völlig gleichgültig, der war selig, als ich zur Welt kam. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn Mama mich Schneeweißchen oder auch Rosenrot genannt hätte.

Oder eben ganz cool Mandy oder Joys. Das kam für sie aber nicht infrage. Ebenso wenig wie sie das Fremdwort cool ausspricht. So ist es mir erzählt worden und weil die Leute meiner Familie keine Geschichtenerzähler sind, kann ich ihnen glauben.

Auch für meinen großen Bruder hatte sich Mama damals einen Namen ausgesucht, der nicht so ganz in die Zeit passte und mich immer an den Stromer aus dem dicken Wilhelm-Busch-Album denken ließ und noch immer denken lässt - er heißt nämlich Max. Sogar noch besser: Maximilian. Als ich klein war, hat es ihm Spaß bereitet, mir von diesem Max aus dem Buch vorzulesen und dann habe ich immer wissen wollen, warum wir keinen Moritz haben, sondern eine Pauline. Das ist meine große Schwester, die so alt ist wie mein Bruder. Fast wie Zwillinge. Aber sie sehen ganz verschieden aus. Was völlig natürlich ist, weil Max das Kind meiner Mama und Pauline das meines Papas ist. So verrückt geht es bei uns zu. Sie haben sich nämlich erst gefunden, als ihre Kinder schon so alt waren wie ich jetzt.

Max hat schöne Locken und ich weiß noch, dass ich jedes Mal, wenn er in meine Nähe kam, hinein gegriffen und sie mir um den Finger gewickelt habe. Das ging meistens gut, nur einmal hat er laut: „Au!“ gerufen und mich geknufft. Und dann hat er seinen Kopf mit einem Ruck weggezogen und ich konnte mir ein Lockenbüschel in meiner Hand betrachten. Wenn er still gehalten hätte, wäre das nicht geschehen. Er hat mich aber nicht bei unserer Familienregierung verraten und für mich gelogen, denn die kahle Stelle auf seinem Kopf war nicht zu übersehen. Bei einem Gerangel auf dem Schulhof wäre es zu einem Zusammenstoß gekommen, sagte er zu den beiden Oberen und winkte lässig ab. Dafür war ich ihm sehr dankbar. Nicht so schlimm, hieß das in seiner Zeichensprache.