Das Parsifal-Mosaik - Robert Ludlum - E-Book
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Beschreibung

Michael Havelocks Leben als Geheimagent ist ein unablässiger Kampf ums Überleben. Sein Spezialgebiet: Spionage und Überläufer. Doch dann verliebt er sich in die schöne Jenna und steht vor einer folgenschweren Entscheidung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:1136


DAS BUCH

Michael Havelock, als Mikhail Havlicek in dem tschechischen Dorf Lidice geboren, wird als Zwölfjähriger aus Prag herausgeschmuggelt und findet Aufnahme in den Vereinigten Staaten. Aber das furchtbare Geschehen in der Vergangenheit lässt ihn nicht los. Damit die Gräueltaten von Lidice sich nie mehr wiederholen, bricht er kurzerhand seine glänzende Universitätslaufbahn ab, um Geheimagent zu werden. Sein Spezialgebiet: Spionage und Überläufer. Von nun an besteht sein Dasein aus einem unablässigen Kampf ums Überleben.

In Prag bekommt er eine neue Mitarbeiterin zugeteilt: Jenna Karras. Je stärker er sich in diese Frau verliebt, desto mehr verblassen die Schatten der Vergangenheit. Michael Havelock steht an der entscheidenden Wende seines Lebens.

DER AUTOR

Robert Ludlum (1927—2001) zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt, seine Thriller faszinieren seit vierzig Jahren ein Millionenpublikum. Seine beispiellose Schriftstellerkarriere nahm im Jahre 1971 seinen Anfang, als sein Debütroman sozusagen aus dem Stand Platz Eins der Bestsellerliste erreichte. Dieser Erfolg erlaubte es Ludlum, sich fortan nur noch dem Schreiben zu widmen. Inzwischen wurden viele seiner Romane, allen voran die Bestseller um den Agenten Jason Bourne, erfolgreich verfilmt. Allein im deutschsprachigen Raum wurden über 7 Millionen seiner Bücher verkauft.

Inhaltsverzeichnis

DAS BUCHDER AUTORWidmungERSTES BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
Copyright

Für Dolores und Charles Ryducha, zwei der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Von einem dankbaren Bruder —

Na zdrowie!

ERSTES BUCH

1

Kaltes Mondlicht strömte vom dunklen Nachthimmel, spiegelte sich in der Brandung und brach sich dort, wo einzelne Wellen gegen die Felsen der Küste anrannten und weiße Gischt aufschäumte. Der Strandstreifen zwischen den hoch aufragenden Felsen der Costa Brava war der Hinrichtungsort. Es mußte sein. Mochte Gott diese gottverdammte Welt verdammen. Es mußte sein.

Jetzt konnte er sie sehen. Und sie hören durch die Geräusche der See und der tosenden Brandung hindurch. Sie rannte und schrie hysterisch.

»Pro boha žiwého! Proč! Coto děláš! Přestaň! Proč! Proč!«

Das Mondlicht fiel auf ihrblondes Haar. Der Strahl einer Taschenlampe, fünfzig Meter hinter ihr, fing ihre Umrisse ein. Sie stürzte; der Abstand wurde kleiner, und das Stakkato einer Maschinenpistole drängte sich abrupt in die Dissonanzen der Nacht. Kugeln ließen den Sand und das wild wachsende Gras rings um sie explodieren. In ein paar Sekunden würde sie tot sein.

Und mit ihr seine Liebe.

Vom hohen Hügel schweifte ihr Blick über die Moldau, wo Boote stromaufwärts und -abwärts das Wasser durchpflügten. Über den Fabriken kräuselte Rauch empor, verteilte sich am hellen Nachmittagshimmel und verdeckte die Berge in der Ferne, und Michael beobachtete den verschleierten Horizont und wartete darauf, daß Wind aufkommen und den Rauch wegblasen würde, so daß er die Berge wieder sehen konnte. Sein Kopf lag auf Jennas Schoß, mit den ausgestreckten Beinen berührte er den Weidenkorb, den sie mit belegten Broten und gekühltem Wein gefüllt hatte. Sie saß im Gras, den Rücken an die glatte Rinde einer Birke gelehnt, und strich über sein Haar. Ihre Finger umkreisten sein Gesicht, zogen sanft seine Lippen und seine Wangenknochen nach.

»Mikhail, mein Liebster, ich habe gerade nachgedacht. Weder deine Tweedjacketts noch die dunklen Hosen, auch nicht dein gepflegtes Englisch, das du dir auf einer sehr exklusiven Universität zugelegt haben mußt, können darüber hinwegtäuschen, daßMichael Havelock als Mikhail Havliček in Lidice geboren worden ist.«

»Das eine ist eine Art Uniform, und das andere lernt man irgendwie, um seine Haut zu retten.« Er lächelte und berührte ihre Hand. »Außerdem liegt dieser Universitätsbesuch weit zurück.«

»So vieles geschah vor langer Zeit! Direkt dort unten.«

»Vorbei.«

»Du warst dabei, mein armer Liebling.«

»Das ist Vergangenheit. Ich habe überlebt.«

»Viele aber nicht.«

»Vergessen wir’s.«

Die blonde Frau erhob sich, drehte sich im Sand, taumelte nach rechts und wich für ein paar Sekunden dem Lichtstrahl aus. Sie strebte geduckt auf den Feldweg oberhalb des Strands zu, hielt sich in der Finsternis, wobei sie das hohe Gras als Deckung nutzte.

Es wird ihr nicht helfen, dachte der große Mann im schwarzen Pullover auf seinem Posten zwischen zwei Bäumen oberhalb der Straße. In wenigen Augenblicken würde die von Panik erfüllte Frau tot sein. Erhatte schon einmal auf sie hinuntergeblickt, das war nochgar nicht lange her. Damals hatte keine Panik sie erfüllt, sondern Leidenschaft.

Langsam, vorsichtig zog er den Vorhang in dem dunklen Bürozimmer zurück, den Rücken gegen die Wand gepreßt, und bewegte sein Gesicht zentimeterweise auf das Fenster zu. Er konnte sie unten sehen, wie sie über den hellerleuchteten Hof ging, konnte hören, wie ihre hohen Absätze auf dem Kopfsteinpflaster klickten und zwischen den Gebäuden, die den Hof umgaben, ein martialisches Echo erzeugten. Die Posten standen reglos im Schatten. In ihren Uniformen von sowjetischem Schnitt wirkten sie wie starre Marionetten. Köpfe drehten sich, verrieten billigende Blicke, die auf die langbeinige Gestalt gerichtet waren, die mit geradezu provozierendem Selbstvertrauen auf das eiserne Tor inmitten des Zauns zuging, der den Häuserkomplex umschloß, in dem Prags Geheimpolizei ihr Hauptquartier hatte. Die Gedanken hinter den Blicken waren klar: Das war nicht nur eine Sekretärin, die Überstunden machte, das war eine privilegierte »Kurva«, die sich die ganze Nacht durch von einem Kommissar auf seiner Couch diktieren ließ.

Natsztrzency chlopak!

Aber auch andere beobachteten sie, ebenfalls hinter verdunkelten Fenstern. Nur ein winziges Stocken in ihrem selbstbewußten Schritt, ein einziger Augenblick des Zögerns, und jemand würde zu einem Telefonhörer greifen und der Torwache Anweisung geben, sie festzuhalten. Natürlich galt es, den Kommissaren alles Peinliche zu ersparen, aber nicht, wenn ein Verdacht berechtigt schien.

Es gab kein Zögern, kein Stocken. Sie stand es durch . . . schaffte es! Sie hatten es geschafft! Plötzlich spürte er einen hohlen Schmerz in der Brust; er wußte, was es war: Furcht, nackte, quälende Furcht. Und während er sie beobachtete, wanderten seine Gedanken zurück zu einer Stadt, die in Schutt und Asche lag, zu den schrecklichen Geräuschen einer Massenhinrichtung. Lidice. Und da war ein Kind — eines von vielen Kindern —, das über aufwallenden, grauen, rauchenden Schutt huschte, Botschaften überbrachte und die Taschen voller Sprengstoff hatte. Ein einziges Zögern, ein einziges Stocken . . . Vergangenheit.

Sie erreichte das Tor. Ein beflissener Posten gestattete sich ein feistes Grinsen. Sie war betörend. Herrgott, wie er sie liebte!

Jetzt hatte sie die Straßenböschung erreicht, und ihre Beine und Arme arbeiteten wie wild, gruben sich in den Sand und den Schmutz. Aber es gab kein Entrinnen. Sie mußte sich aufrichten, um weiterzurennen, und konnte sich nicht mehr hinter der Böschung verbergen. Man würde sie sehen, der Lichtstrahl würde sie erfassen, und dann würde schnell das Ende kommen.

Während er die fliehende Frau mit seinem Blick verfolgte, unterdrückte er seine Gefühle und den Schmerz in seiner Brust. Er mußte so reagieren. Sein Beruf zwang ihn dazu. Er hatte die Wahrheit erfahren: Ihr Erscheinen an diesem Strand an der Costa Brava bestätigte ihre Schuld und ihre Verbrechen. Die von Panik erfüllte Frau dort unten war eine Killerin, eine Agentin der berüchtigten Voennaja Kontra Rozvedka, jener brutalen Abteilung des sowjetischen KGB, der überall den Terrorismus schürte — das war die unwiderrufliche Wahrheit. Er hatte alles gesehen, hatte von Madrid aus mit Washington gesprochen. Das Rendezvous in jener Nacht war von Moskau befohlen worden; dabei sollte die VKR-Außenagentin Jenna Karras einer Untergruppe der Rote Armee Fraktion Deutschlands, die sich kurz RAF nannte, einen Mordplan übermitteln. Das war die Wahrheit.

Doch diese Wahrheit machte ihn nicht frei. Vielmehrzwang sie ihn zu einer unvermeidlichen Konsequenz. Jene, die Verrat übten und Makler des Todes waren, mußten sterben. Gleichgültig, um wen es sich handelte . . . Michael Havelock hatte seine Entscheidung getroffen, und auch die war unwiderruflich. Die letzte Phase des Plans, der die Frau in die tödliche Falle locken sollte, hatte er selbst vorbereitet. . . Er hatte mitgeholfen, die Frau zu töten, die ihm eine kurze Zeit mehr Glück gegeben hatte als irgendein anderer Mensch auf der Erde. Doch zuzulassen, daß sie weiterlebte, würde den Tod Hunderter, vielleicht Tausender bedeuten. Unwiderruflich.

Was Moskau nämlich nicht wußte, war, daß das CIA die VKR-Codes geknackt hatte. Er selbst hatte den letzten Funkspruch an ein Boot abgesetzt, das eine halbe Meile vor der Küste der Costa Brava ankerte. KGB-Bestätigung. Offizierkontakt durch US-Abwehr gefährdet. Pläne falsch. Eliminieren. Die Codes gehörten zu den sichersten, die es gab. Sie würden die Eliminierung garantieren.

Jetzt richtete sie sich auf, und ihr schlanker Körper wurde hinter der Böschung sichtbar. Nun mußte es geschehen. Er liebte die Frau, die gleich sterben würde. Auch das war gewiß. Dieses Gefühl ruhte irgendwo tief in ihrem Bewußtsein. Sie waren einander in den Armen gelegen und hatten von einem gemeinsamen Leben gesprochen, von Kindern, die noch nicht geboren waren, die sie sich aber wünschten, vom Frieden und vom tiefen Wohlbehagen, wenn sie spürten, eins zu sein . . . Daran hatte er einmal geglaubt, aber es sollte nicht sein.

Die Wahrheit.

Sie lagen im Bett. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Ihr weiches blondes Haar fiel über ihr Gesicht. Er wischte es zur Seite, hob die Strähnen auf, die ihre Augen verbargen, und lachte. »Du versteckst dich«, sagte er.

»Es scheint, daß wir uns immer verstecken«, erwiderte sie und lächelte traurig. »Nur dann nicht, wenn wir absichtlich von Leuten gesehen werden wollen. Alles ist Berechnung, Mikhail, alles ist reglementiert. Mir kommt es so vor, als lebten wir in einem beweglichen Gefängnis.«

»Das ist noch nicht lange so, und es wird auch nicht für immer sein.«

»Wahrscheinlich nicht. Eines Tages werden sie feststellen, daß sie uns nicht länger brauchen und womöglich gar nicht mehr haben wollen. Werden sie uns dann gehenlassen, was meinst du? Oder werden wir verschwinden?«

»Washington ist nicht Prag, auch nicht Moskau. Wir werden unser bewegliches Gefängnis verlassen, ich mit einer goldenen Uhr und du mit einer Art stummen Orden in deinen Papieren.« »Bist du sicher? Wir wissen viel. Zuviel vielleicht.«

»Uns schützt gerade das, was wir wissen. Was ich weiß. Die werden sich immer fragen: Hat er es irgendwo aufgeschrieben? Wir müssen aufpassen, ihn beobachten, nett zu ihm sein . . . Das ist gar nichts Ungewöhnliches. Wir werden einfach weggehen.« »Immer redest du von Schutz«, sagte sie und zog seine Augenbrauen nach. »Du vergißt das nie, nicht wahr? Die frühen Tage, die schrecklichen Tage.«

»Das ist Vergangenheit. Ich habe es vergessen.«

»Was werden wir tun?«

»Leben. Ich liebe dich.«

»Glaubst du, wir werden einmal Kinder haben? ihnen nachblikken, wenn sie zur Schule gehen, sie an uns drücken, uns über sie ärgern? Oder sie zum Hockey begleiten?«

»Football . . . oder Baseball. Nicht Hockey. Ja, ich hoffe schon.«

»Was wirst du tun, Mikhail?«

»Als Dozent arbeiten, denke ich. Irgendwo an einem College. Ich habe ein paar Diplome, die aussagen, daß ich dafür qualifiziert bin. Wir werden glücklich sein, das weiß ich. Ich verlasse mich darauf.«

»Was willst du lehren?«

Er sah sie an und berührte ihr Gesicht; dann wanderten seine Augen zu der schäbigen Decke in dem heruntergekommenen Hotelzimmer. »Geschichte«, sagte er. Und dann griff er nach ihr, nahm sie in die Arme.

Gab es denn keine Wahrheit mehr? Überhaupt keine?

Der Lichtbalken wanderte durch die Dunkelheit. Schließlich erfaßte er sie. Sie glich einem brennenden Vogel, der versuchte, zum Himmel aufzusteigen. Dann folgten die Schüsse . . . Terroristenschüsse für eine Terroristin. Die Frau bäumte sich nach hinten, die ersten Kugeln trafen sie am Ansatz ihrer Wirbelsäule. Sekunden später folgten drei einzelne Schüsse, sie hatten etwas Endgültiges an sich, ein Scharfschütze am Werk; sie trafen sie am Nacken und in den Kopf und warfen sie nach vorn in den Sand. Ihre Finger krallten sich in die Erde, ihr mit Blut überströmtes Gesicht war barmherzig verborgen. Ein letztes Zucken, dann hörte jegliche Bewegung auf.

Seine Liebe war tot. Er hattegetan, was er hatte tun müssen, ebenso wie sie. Jeder hatte recht, genauso wie jeder unrecht hatte, und am Ende so schrecklich unrecht. Er schloß die Augen und spürte die ungewollten Tränen.

Warum mußte es so sein? Wir sind doch Narren. Noch schlimmer, wir sind dumm. Wir reden nicht; wir sterben lieber. Deshalb können uns Männer mit glatter Zunge und kühlem Verstand sagen, was recht ist und was unrecht — in weltpolitischer Hinsicht, müssen Sie verstehen —, was wiederum bedeutet, daß das, was einem diese Männer auch erzählen, unser naives Vorstellungsvermögen übersteigt.

Was wirst du tun, Mikhail?

Als Dozent arbeiten, denke ich. Irgendwo an einem College . . . Was willst du lehren?

Geschichte . . .

Jetzt war alles Geschichte. Erinnerungen an Dinge, die zu schmerzhaft waren. Laß dich nicht mehr davon berühren. Sie können nicht länger Teil meiner selbst sein, ebensowenig wie sie, wenn sie das überhaupt je war, auch wenn sie es immer vorgab. Und doch werde ich jetzt ein Versprechen halten, nicht ihr gegenüber, sondern mir. Ich bin am Ende. Ich werde verschwinden, in ein anderes Leben, in ein neues Leben. Ich werde irgendwo hingehen, irgendwo unterrichten.

Geschichte.

Er hörte die Stimmen und schlug die Augen auf. Unten hatten die Killer der RAF die verurteilte Frau erreicht, die im Tode ausgestreckt dalag. War sie wirklich eine Lügnerin gewesen? Ja, denn sie hatte die Wahrheit gewußt. Sogar ihre Augen hatten ihm das verraten.

Die beiden Henker hatten sich über sie gebeugt und packten die Leiche, um sie wegzuschleppen. Ihr einst schöner, geschmeidiger Körper warjetzt für einen kläglichen Tod im Feuer bestimmt. Oder er würde an Ketten gebunden ins tiefe Meer versinken. Er würde sich nicht einmischen.

Ein Windstoß fegte plötzlich über den offenen Strand. Die Killer lehnten sich dagegen, ihre Füße glitten im Sand aus. Der Mann zur Linken hob die Hand in dem vergeblichen Versuch, die Fischermütze mit dem Schild auf seinem Kopf festzuhalten; sie wurde weggeblasen, rollte auf die Düne zu, die der Straße als Begrenzung diente. Er ließ die Leiche los und rannte hinter der Mütze her. Havelock musterte den Mann. Da war etwas an ihm . . . das Gesicht? Nein, es war das Haar, er konnte es ganz deutlich im Mondlicht sehen. Es war dunkles Haar; doch vom Ansatz über der Stirn gingen weiße Strähnen aus; sie waren auffällig, nicht zu übersehen. Er hatte dieses Haar schon einmal gesehen, das Gesicht. Aber wo? Es gab so viele Erinnerungen. Akten, die er überprüft hatte, Fotos, die er studiert hatte . . . Kontakte, Quellen, Feinde. Woher kam dieser Mann? Gehörte erzum KGB? Zur schrecklichen Voennaja? Oder zu einer Splittergruppe, die Moskau bezahlte, wenn sie nicht sogar von einem CIA-Stationsleiter in Lissabon Gelder kassierte?

Wer war dieser Mann?

Egal, es war vorbei. Endgültig. Die Marionetten, die in diesem gigantischen Schachspiel geopfert wurden, berührten Michael Havelock nicht mehr . . . oder Mikhail Havliček, was das betraf. Er würde morgen früh über die Botschaft in Madrid ein Kabel nach Washington absenden. Er war fertig. Er hatte nichts mehr zu geben. Wenn seine Vorgesetzten ein Abschlußgespräch haben wollten, dann sollten sie das haben. Auch gegen eine Klinik hätte er nichts einzuwenden; es war ihm einfach gleichgültig. Aber mehr von seinem Leben würden sie nicht bekommen.

Das war Vergangenheit. An einem einsamen Strand an der Costa Brava, der Montebello hieß, war dieser Abschnitt seines Lebens zu Ende gegangen.

2

Zeit war das beste Mittel gegen Schmerzen. Entweder verschwanden sie mit der Zeit, oder man lernte, mit ihnen zu leben. Das wußte Havelock, genauso war ihm klaı, daß in diesem Stadium, in diesem Augenblick von beidem etwas zutraf. Die schmerzhaften Erinnerungen verschwanden zwar nicht, aber es gab Perioden, in denen die Wunden der Vergangenheit nur spürbar waren, wenn man sie berührte, und unter den gegebenen Umständen berührte man sie nicht, wenigstens nicht zu heftig. Und das Reisen lenkte einen von so vielen Dingen ab; er hatte vergessen, wie es war, das hektische, nervenaufreibende Leben eines Touristen zu führen. Mal verlor er seine Reservierungsbelege, mal landete sein Gepäck im falschen Flugzeug, oder der Zug oder das Flugzeug hatten Verspätung. Es passierte ihm auch, daß Flüge ganz gestrichen wurden, so daß er in fremden Städten in irgendwelchen schrecklichen Restaurants die Zeit totschlagen mußte.

Ohne Frage, als Agent hatte er auf Reisen Privilegien genossen. Sein vorangegangenes Leben hatte seine Schwierigkeiten und seine Risiken gehabt, aber die lästigen Situationen, die den normalen Touristen immer wieder verärgern, hatten nicht dazugehört. Vorher, wenn er an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde irgendwo sein mußte, war er pünktlich dorthin gelangt. Kein Grenzbeamter verbrachte Minuten damit, mit halbgeschlossenen Augen die Seiten im Paß herumzublättern, als läse er das Kamasutra, noch gruben sich bärenähnliche Tatzen — je weiter östlich man sich in Europa begab, desto häufiger waren besagte Tatzen weiblichen Geschlechts und trugen Spuren von Nagellack — in den Koffer und durchwühlten ihn. Nein, all das war ihm erspart geblieben. Doch dafür kam er sich oft vor wie in einem beweglichen Gefängnis. Denn es galt, Verabredungen einzuhalten, Quellen zu kontaktieren, Informanten zu bezahlen. Zu häufig nachts, an stillen Orten, wo man weder jemanden sah noch gesehen wurde.

Doch das war bereits seit beinahe acht Wochen vorbei. Er bewegte sich bei Tageslicht, so wie er jetzt den Damtrak in Amsterdam hinunterging, auf das Büro von American Express zu. Er fragte sich, ob das Telegramm wohl dort sein würde. Wenn ja, würde das eine neue Aufgabe und den Anfang eines neuen Lebens bedeuten.

Drei Monate waren seit jener Nacht an der Costa Brava vergangen, zwei Monate und fünf Tage seit dem Ende seines Abschlußinterviews und seinem formellen Ausscheiden aus dem Regierungsdienst. Von der Klinik in Virginia, in der er zwölf Tage verbracht hatte, war er nach Washington gekommen, um sich seine Papiere zu holen. Was immer sie erwartet hatten zu finden, war nicht dagewesen; er hätte ihnen das gleich sagen können. Ihn interessierte das alles nicht mehr; begriffen sie das nicht? Um vier Uhr nachmittags hatte er zwar als freier Mann das Gebäude des State Department verlassen, aber auch als arbeitsloser Bürger, ohne Pensionsanspruch, mit gewissen Rücklagen zwar, die jedoch kaum ausreichten, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. An jenem Nachmittag war ihm klargeworden, daß er irgendwann in der Zukunft eine Stellung finden mußte. Aber nicht gleich; zunächst würde er eine Zeitlang nur das Minimum tun.

Er wollte reisen und all jene Orte wieder besuchen, die er nie wirklich besucht hatte, nämlich bei hellichtem Tage. Er nahm sich vor zu lesen . . . endlich wieder . . . nicht Codes und Akten, sondern all jene Bücher, die er seit der Studienzeit nicht mehr in die Hand genommen hatte. Wenn er irgend etwas für irgend jemanden mit Leben erfüllen sollte, mußte er so vieles, das er vergessen hatte, wieder lernen.

Aber was ihn an jenem Nachmittag vor zwei Monaten und fünf Tagen am meisten beschäftigte, war der Wunsch nach einem opulenten Abendessen. Nach zwölf Tagen in klinischer Behandlung und einer nicht gerade schmackhaften Diät hatte er förmlich nach einem guten Essen gelechzt. Er wollte gerade zu seinem Hotel zurückkehren, um dort zu duschen und sich umzuziehen, als ein Taxi die Straße entlangfuhr. Die Sonne spiegelte sich in seinen Fensterscheiben, so daß man die Insassen nicht sehen konnte. Das Taxi hatte vor ihm am Randstein angehalten; Michael hatte angenommen, weil er gewinkt hatte; doch statt dessen war ein Fahrgast mit einem Aktenkoffer schnell ausgestiegen, ein gehetzter Mann, der sich vielleicht für eine Verabredung verspätet hatte. Zuerst hatten weder Havelock noch der Fahrgast einander erkannt, Michaels Gedanken suchten ein Restaurant, der eilige Mann war damit beschäftigt, den Fahrpreis zu bezahlen.

»Havelock?« hatte er dann plötzlich gefragt und sich die Brille zurechtgerückt. »Du bist es doch, nicht wahr, Michael?«

»Harry? Harry Lewis?«

»Du hast’s erfaßt. Wie geht’s denn, M. H.?«

Lewis war einer der wenigen Leute, die er kannte — und er sah Harry selten—, die ihn mit den Anfangsbuchstaben anredeten. Das war eine alte Gewohnheit aus der Schulzeit; er und Lewis waren in Princeton Studienkollegen gewesen. Michael war anschließend in den Regierungsdienst getreten, während Lewis die akademische Laufbahn gewählt hatte. Dr. Harry Lewis war Inhaber des Lehrstuhls für politische Wissenschaften an einer kleinen, aber sehr renommierten Universität in New England und kam gelegentlich nach Washington, wo er einen Beratervertrag mit dem State Department hatte. Sie hatten sich ab und zu getroffen, wenn beide in Washington waren.

»Gut geht’s mir. Arbeitest wohl immer noch gegen Tageshonorar, Harry?«

»Längst nicht mehr so oft wie früher. Jemand hat deinen Kollegen beigebracht, wie man Forschungsberichte unserer hochgestochenen Universitäten auswertet.«

»Du lieber Gott, mich haben die jetzt durch einen Bartträger in Blue jeans ersetzt.«

Der bebrillte Professor hatte ihn verblüfft angesehen. »Du machst wohl Witze. Du bist ausgeschieden? Ich dachte, du wärst auf Lebenszeit engagiert.«

»Im Gegenteil, Harry. Mein Leben hat gerade angefangen, vor fünf oder sieben Minuten, als ich meine letzte Unterschrift geleistet habe. Und in ein paar Stunden werde ich zum erstenmal mein Abendessen nicht als Spesen abrechnen können.«

»Was wirst du machen, Michael?«

»Keine Ahnung. Ich hab’ noch gar nicht drüber nachgedacht. Das will ich vorerst auch nicht.«

Der Professor hatte innegehalten, sein Wechselgeld entgegengenommen und schnell gesagt: »Hörzu, ich habe mich schon verspätet. Aberich bleibe über Nacht in derStadt. Da ich ein Tageshonorar kriege, lade ich dich zum Essen ein. Wo wohnst du? Vielleicht habe ich eine Idee.«

Kein Regierungshonorar irgendwo in der zivilisierten Welt hätte für dieses Abendessen vorzwei Monaten und fünf Tagen ausgereicht, aber Harry Lewis hatte wirklich eine Idee. Sie waren einmal Freunde gewesen; jetzt wurden sie wieder Freunde, und Havelock fiel es leichter, mit jemandem zu reden, der die Arbeit, die er für die Regierung geleistet hatte, wenigstens ungefähr kannte, als mit jemandem, der dazu überhaupt keine Beziehung hatte. Es war immer schwierig zu erklären, daß etwas nicht zu erklären war; Lewis begriff. Ein Gedanke hatte zum anderen geführt, und am Ende hatte Harry seine Idee.

»Hast du jemals daran gedacht, zur Uni zurückzukehren?«

Michael hatte gelächelt. »Was würdest du jetzt sagen, wenn ich ›dauernd‹ antworten würde?«

»Ich weiß, ich weiß«, hatte Lewis mit einem Grinsen erwidert. »Leute wie ihr — ›Spooks‹ nennt man euch, glaube ich — bekommen alle möglichen Angebote von den Multis und verdammt hohe Gehälter obendrein, das ist mir bekannt. Aber M. H., du warst einer der Besten. Ein Dutzend Schulen hat deine Dissertation nachgedruckt, selbst eigene Seminare hast du gehalten. Deine akademischen Leistungen in Verbindung mit deinen Jahren im State Department — auch wenn du dazu großteils keine Einzelheiten liefern kannst — könnten dich für eine Universität sehr attraktiv machen. Wir sagen immer: ›Wir wollen jemanden finden, der wirklich dabei war, nicht nur ein Theoretiker.‹ Verdammt, Michael, ich glaube, du wärst da genau der Richtige. Ich weiß, die Bezahlung ist nicht gerade . . .«

»Harry, du hast mich mißverstanden. Ich habe das ernst gemeint. Ich denke dauernd daran, wieder zur Uni zurückzugehen.«

Jetzt war Harry Lewis mit Lächeln an der Reihe. »Dann habe ich eine andere Idee.«

Eine Woche darauf war Havelock nach Boston geflogen und von dort zu den efeuüberwucherten roten Backsteinhäusern des Campus am Rande von Concord, New Hampshire, gefahren. Er hatte vier Tage mit Harry Lewis und seiner Frau verbracht, war herumgeschlendert, hatte verschiedenen Vorlesungen und Seminaren beigewohnt und die Angehörigen der Fakultät und der Verwaltung kennengelernt, die Harry für wichtig hielt. »Beiläufig« hatte man beim Kaffee, bei ein paar Drinks und beim Abendessen seine Meinung erfragt. Lewis hatte gute Vorarbeit geleistet. Am Ende des vierten Tages hatte Harry beim Mittagessen verkündet: »Sie mögen dich!«

»Warum auch nicht?« hatte Lewis’ Frau ihn unterbrochen. »Er ist auch sehr nett.«

»Tatsächlich sind sie sogar ziemlich beeindruckt von dir. Ich sagte es ja neulich schon, M. H., du bist dabeigewesen. Sechzehn Jahre beim State Department machen dich zu einem besonders interessanten Kandidaten.«

»Und?«

»In acht Wochen ist die jährliche Konferenz zwischen der Verwaltung und dem Aufsichtsrat. Ich denke, man wird dir einen Job anbieten. Wo kann ich dich erreichen?«

»Ich werde auf Reisen sein. Ich rufe dich an.«

Er hatte Harry vor zwei Tagen aus London angerufen. Die Konferenz war immer noch im Gange, aber Lewis rechnete in Kürze mit einer Antwort.

»Schick mir ein Telegramm an das American-Express-Büro in Amsterdam«, hatte Michael gesagt. »Und vielen Dank, Harry.«

Er sah, wie die Glastüren der American-Express-Filiale sich vor ihm öffneten. Ein Paar kam heraus. Der Mann versuchte ungeschickt, die Schulterriemen von zwei Kameras im Gleichgewicht zu halten, während er Geld zählte. Havelock blieb stehen und fragte sich einen Augenblick lang, ob er wirklich hineingehen sollte. Wenn das Telegramm eine Ablehnung war, würde er einfach weiterziehen, und darin lag ein gewisser Reiz, die schwebende Passivität, nichts zu planen, hatte angefangen, für ihn gewissen Wert zu haben. Andererseits konnte das Telegramm auch ein Angebot sein. Was dann? War er dafür bereit? War er bereit, eine Entscheidung zu treffen? Nicht eine Entscheidung in den Bereichen, in denen sich Instinkt und Schnelligkeit verbanden, um das Überleben zu garantieren, vielmehr eine Festlegung. Aber war er imstande, sich festzulegen?

Er atmete tief und setzte bewußt einen Fuß vor den anderen, als er auf die Glastüren zuging.

Gastdozent für zwei Jahre. Anschließend, falls beiderseitig erwünscht, feste Anstellung möglich. Anfangsgehalt dreitausend. Benötige Antwort binnen zehn Tagen. Mach’s nicht zu spannend. Gruß Harry.

Michael faltete das Telegramm zusammen und steckte es in die Jakkentasche. Er kehrte nicht an den Tresen zurück, um seinerseits ein Telegramm an Harry Lewis, Concord, New Hampshire, USA, zu schreiben. Das würde später kommen. Für den Augenblick genügte es zu wissen, daß es einen Anfang gab. Er würde ein paar Tage brauchen, um zu verarbeiten, daß er nun eine Eigenverantwortlichkeit besaß, und anschließend vielleicht noch einmal mehrere Tage, um sich damit auseinanderzusetzen. Denn in der Eigenverantwortlichkeit lag auch die Verpflichtung; ohne sie gab es keinen echten Anfang.

Er trat auf den Damtrak hinaus und atmete die kalte Luft Amsterdams ein, fühlte die feuchte Kühle, die vom Kanal aufstieg. Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont entgegen; einen kurzen Augenblick lang versperrte eine tiefliegende Wolke die Sicht, dann kam sie wieder zum Vorschein, ein orangeroter Ball, der seine Strahlen durch den Dunst warf. Das Bild erinnerte Havelock an das Meer vor der Küste Spaniens . . . an die Costa Brava. Er war die ganze Nacht dort geblieben . . . jene Nacht . . . bis die Sonne sich über den Horizont gestemmt und die Nebel über dem Wasser gerötet hatte. Dann war er zur Böschung hinuntergegangen . . .

Hör auf! Das war ein anderes Leben. Dies hier ist ein neues.

Vor zwei Monaten und fünf Tagen war Harry Lewis, wie es der Zufall wollte, aus einem Taxi gestiegen und hatte angefangen, für einen Freund die Welt zu verändern. Jetzt, zwei Monate und fünf Tage später, war diese Veränderung eingetroffen. Die Chance brauchte von ihm nur noch genutzt zu werden. Er würde sie nutzen, das wußte Michael, aber irgend etwas fehlte. Eine solche Veränderung sollte geteilt werden, und es gab niemanden, mit dem er sie teilen konnte, niemanden, der sagte . . . was wirst du lehren?

Hör auf!

Vor zwei Monaten und fünf Tagen hatten er und Harry zu Abend gegessen, sehr feudal. Havelock klappte die Revers seines Mantels hoch und schlenderte in nördlicher Richtung auf dem Damtrak davon. Er würde heute zu Abend essen, sehr feudal. Allein.

Der befrackte Kellner im ›Dikker en Thijs‹ drückte den Rand des flammenden Kognakschwenkers in die silberne Zuckerschale; die Zutaten für café jamique würden folgen. Das Zeremoniell war lächerlich und nichts als Vergeudung von gutem Kognak, aber Harry Lewis hatte an jenem Abend vor zwei Monaten und fünf Tagen in Washington auf dieser Show am Tisch bestanden. Er würde Harry erzählen, daß er das Ritual in Amsterdam wiederholt hätte, obwohl er wahrscheinlich nicht begreifen würde, wie hell diese verdammten Flammen waren und welche Aufmerksamkeit sie auf seinen Tisch lenkten.

»Danke, Harry«, sagte er lautlos, als der Kellner gegangen war, und hob das Glas ein paar Zentimeter seinem unsichtbaren Begleiter entgegen. Es war doch besser, nicht ganz allein zu sein.

Er konnte den näherkommenden Mann fühlen, ebenso wie er aus dem Augenwinkel bemerkte, daß es dunkler wurde. Eine Gestalt in einem konservativen, dunklen Nadelstreifenanzug näherte sich seiner Nische. Havelock nahm das Glas etwas zur Seite und hob die Augen. Der Name des Mannes war George. Er war der Chef der CIA-Station in Amsterdam. Sie hatten in der Vergangenheit zusammengearbeitet, nicht immer auf angenehme Weise, aber professionell.

»Auch eine Art, seine Ankunft bekanntzugeben«, sagte der Abwehragent und blickte auf das Serviertischchen des Kellners mit der silbernen Zuckerschale. »Darf ich mich setzen?«

»Natürlich. Wie geht es Ihnen, George?«

»Ich hab’ schon bessere Zeiten erlebt«, sagte der CIA-Mann und nahm Michael gegenüber Platz.

»Das tut mir leid. Möchten Sie etwas trinken?«

»Das kommt darauf an.«

»Auf was?«

»Ob ich dazu lange genug bleibe.«

»Heute sind wir aber geheimnisvoll«, sagte Havelock, ohne eine Frage zu stellen. »Dann sind Sie wahrscheinlich noch im Dienst.«

»Ich wußte gar nicht, daß wir so klare Arbeitszeiten haben.«

»Nein, davon kann wohl keine Rede sein. Bin ich der Grund, George?«

»Im Augenblick vielleicht«, sagte der CIA-Mann. »Ich bin überrascht, Sie hierzu sehen. Ich hörte, Sie wären ausgeschicden.«

»Da haben Sie richtig gehört.«

»Warum sind Sie dann hier?«

»Ich bin auf Reisen. Ich mag Amsterdam. Man könnte sagen, daß ich meine Abfindung dazu verwende, all die Ortezu besuchen, die ich am Tage selten zu sehen bekommen habe.«

»Klingt überzeugend, aber das heißt noch nicht, daß ich es glaube.«

»Glauben Sie mir, George. Es ist die Wahrheit.«

»Keine Tarnung?« fragte der Abwehrbeamte, und seine wißbegierigen Augen musterten Michael. »Sie wissen ja, daß ich es überprüfen kann.«

»Wirklich nicht. Ich bin draußen, weg vom Fenster, zur Zeit arbeitslos. Ihre Nachprüfungen werden nichts anderes ergeben. Ich bin sicher, daß die Centrex-Codes in bezug auf mich geändert worden sind und daß man alle Quellen und Informanten in Amsterdam wegen meines neuen Status verständigt hat. Ich bin off limits, George. Jeder, der sich mit mir einläßt, riskiert seine Entlassung und am Ende vielleicht sogar ein obskures Begräbnis.«

»Das sind die äußeren Fakten«, pflichtete der CIA-Mann ihm bei.

»Es sind die einzigen Fakten. Sparen Sie sich die Mühe, nach etwas anderem zu suchen, Sie finden nichts.«

»Also gut. Dann will ich Ihnen mal glauben. Sie sind also auf Reisen und leben dabei von Ihrer Abfindung.« Der Agent hielt inne und beugte sich vor. »Aber irgendwann wird Ihnen das Geld ausgehen.«

»Sicherlich. Bis dahin hoffe ich, wieder eine Stelle gefunden zu haben. Was das betrifft, habe ich heute nachmittag . . .«

»Weshalb warten?« unterbrach ihn der andere. »Vielleicht könnte ich Ihnen behilflich sein.«

»Nein, das können Sie nicht, George. Ich habe nichts zu verkaufen.«

»Sicher haben Sie das. Erfahrung. Sie kriegen ein Beraterhonorar, das ich meinem Spesenkonto entnehme. Kein Name wird notiert, nichts wird aufgezeichnet.«

»Wenn das hier ein Test sein soll, dann stellen Sie sich ziemlich ungeschickt an.«

»Das ist kein Test. Ich bin bereit zu zahlen, um selber bessere Ergebnisse nach Langley melden zu können. Das würde ich nicht zugeben, wenn ich Ihnen nur auf den Zahn fühlen wollte.«

»Vielleicht schon, aber Sie wären ein verdammter Narr. Das ist ein drittklassiger Trick; so unbeholfen, daß Sie es wahrscheinlich ernst meinen. Keiner von uns möchte schließlich, daß die Spesenkonten zu gründlich überprüft werden, oder?«

»Ich bin vielleicht nicht von derselben Klasse wie Sie, aber drittklassig bin ich nicht. Ich brauche Hilfe. Wir brauchen Hilfe.«

»So ist’s schon besser. Jetzt appellieren Sie an mein Ego. Viel besser.«

»Nun, wie steht’s, Michael? In Den Haag stolpert man auf Schritt und Tritt über KGB-Leute. Wir wissen nicht, wen sie gekauft haben oder wie weit oben sie angekommen sind. Die NATO ist gefährdet.«

»Wir sind alle in Gefahr, George, und ich kann nicht helfen, weil ich nämlich nicht glaube, daß es einen Unterschied machen würde. Wir setzen unseren Stein auf das Feld fünf und drängen den Gegner auf Feld vier zurück, worauf er uns überspringt und auf Feld sieben landet. Dann dringen wir bis acht vor, bis er uns schließlich auf neun blockiert, und keiner kommt bis zehn. Alle nicken nachdenklich, und dann fängt das Ganze wieder von vorne an. Unterdessen beklagen wir unsere Verluste, übertreiben dabei ein wenig und geben niemals zu, daß alles sinnlos ist.«

»Das ist doch Blödsinn! Niemand wird uns ins Grab schicken.«

»Doch, George. Uns alle. Von ›Kindern, die noch nicht geboren und noch nicht gezeugt sind‹. Außer sie wären klüger als wir, und das kann sehr wohl der Fall sein. Herrgott, ich hoffe es sogar.«

»Was, verdammt noch mal, reden Sie denn da für ein Zeug zusammen?«

»Schon gut, George. Kommen Sie, trinken wir was.«

»Nein, danke.« Der CIA-Stationsleiter schob seinen Stuhl zurück. »Mir scheint, Sie haben auch genug«, fügte er hinzu und erhob sich.

»Noch nicht.«

»Scheren Sie sich zum Teufel, Havelock.« Der Abwehrbeamte schickte sich an wegzugehen.

»George.«

»Was?«

»Jetzt haben Sie einen Fehler gemacht. Ich wollte gerade etwas über heute nachmittag sagen, aber Sie haben mich nicht ausreden lassen.«

»Na und?«

»Sie wußten also, was ich Ihnen erzählen wollte. Wann haben Sie das Telegramm abgefangen? Gegen Mittag?«

»Gehen Sie zum Teufel!«

Michael sah zu, wie der CIA-Mann an seinen Tisch zurückkehrte. Er hatte allein gegessen, aber Havelock wußte, daß er nicht allein war. Als drei Minuten um waren, fand Michael seine Vermutung bestätigt. George zeichnete hastig seine Rechnung ab und eilte hinaus. Fünfundvierzig Sekunden später erhob sich ein junger Mann von einem Tisch auf der rechten Seite des Raums und führte eine etwas verwirrt wirkende Dame am Ellbogen zum Ausgang. Eine Minute verstrich, worauf zwei Männer, die in einer Nische auf der linken Seite gesessen hatten, gleichzeitig aufstanden und das Restaurant verließen. Im Kerzenlicht blickte Michael auf die Teller in der Nische. Beide waren noch voll. Was für Dilettanten!

Sie hatten ihn verfolgt, ihn beobachtet. Warum? Warum konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen?

Die Mittagssonne in Paris leuchtete in einem diffusen blendenden Gelb. Ihre Strahlen spiegelten sich in der Seine und flimmerten auf dem dahinströmenden Wasser. Havelock hatte die Mitte der Pont Royal erreicht; sein kleines Hotel war nur wenige Straßen entfernt an der Rue de Bac. Nach seinem Besuch im Louvre hatte er den direkten Weg zurück gewählt. Er wußte, wie wichtig es war, von dieser Route nicht abzuweichen; denn sonst hätten seine Verfolger womöglich Verdacht geschöpft, daß er ihre Anwesenheit ahnte. Das Taxi war ihm aufgefallen, als es im Verkehr zweimal abrupt einen Bogen beschrieb, um ihn im Auge zu behalten. Wer auch immer dem Fahrer seine Anweisungen gab, es mußte ein Profi sein. Das Taxi hatte höchstens zwei oder drei Sekunden an einer Ecke angehalten und war dann in entgegengesetzter Richtung davongerast. Das bedeutete, daß sein Verfolger ihm jetzt zu Fuß über die überfüllte Brücke folgte. Wenn sein Ziel war, ihn zu kontakten, eignete sich eine Seine-Brücke besonders dafür. Passanten blieben auf der Pont Royale stehen, einfach um abwesend ins Wasser zu starren. Ein günstiger Ort also, um unauffällig Gespräche zu führen. Vielleicht aber wollte man ihn auch nur überwachen.

Michael blieb stehen und lehnte sich gegen die brusthohe Steinmauer, die als Geländer diente, und zündete sich eine Zigarette an. Er blickte auf ein Bateau Mouche hinunter, das gerade im Begriff war, unter der Brücke durchzufahren. Wer ihn jetzt beobachtete, mußte vermuten, er schaue dem Touristenboot zu. Tatsächlich aber nutzte er die Sonne, legte den Kopf etwas zur Seite, schirmte die Augen ab und konzentrierte sich auf die hochgewachsene Gestalt, die sich von rechts näherte.

Er konnte den grauen Homburg erkennen, den Mantel mit dem Samtkragen, die auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhe. Das Bild genügte. Der gutgekleidete Mann verkörperte gleichsam Pariser Eleganz und Wohlstand. Ganz Europa und das Mittelmeergebiet hatte er bereist, in Künstlerkreisen und in den Salons der Reichen war seine Gesellschaft sehr gefragt. Er galt als der profundeste Kenner klassischer Kunst in ganz Paris. Und nur diejenigen, die es wissen mußten, wußten, daß er viel mehr als nur seine Anwesenheit verkaufte. Sein Name war Gravet. Zwei Meter rechts von Havelock blieb er am Geländer stehen und schob sich den Samtkragen zurecht. Als er zu reden begann, sprach er gerade laut genug, daß Havelock ihn verstehen konnte.

»Ich dachte mir, daß Sie das sind. Ich folge Ihnen schon seit einiger Zeit.«

»Ich weiß. Was wollen Sie?«

»Die Frage ist, was wollen Sie? Warum sind Sie in Paris? Man hat uns zu verstehen gegeben, daß Sie nicht mehr aktiv seien. Offen gestanden, es hieß, man solle Sie meiden.«

»Und sofort melden, wenn ich jemanden kontakte, stimmt’s?«

»Natürlich.«

»Aber Sie schaffen die umgekehrte Situation. Sie haben sich mir genähert. Etwas unklug, nicht wahr?«

»Ein geringes Risiko, das es wert ist, eingegangen zu werden«, sagte Gravet, der aufrecht dastand und sich umsah. »Gehen wir ganz weit zurück, Michael. Ich glaube keinen Augenblick, daß Sie in Paris sind, nur um die Kunstschätze der Stadt zu besichtigen.«

»Ich auch nicht. Wer hat das denn behauptet?«

»Sie waren genau siebenundzwanzig Minuten im Louvre. Zu kurz, um sich irgend etwas anzusehen, und zu lange, um bloß eine Toilette aufzusuchen. Aber die Zeit reicht, um sich mit jemandem in einem dunklen, überfüllten Ausstellungsraum zu treffen, sagen wir, ganz am Ende des zweiten Stockwerks.«

Havelock fing zu lachen an. »Hören Sie, Gravet . . .«

»Sehen Sie mich nicht an, bitte! Blicken Sie weiter aufs Wasser.«

»Ich wollte mir die römische Abteilung im Zwischenstock anschauen. Doch da drängte sich eine Reisegruppe aus der Provence um die Ausstellungsstücke; also bin ich gegangen.«

»Sie waren immer schnell, das habe ich an Ihnen bewundert . . . und jetzt dieser seltsame Alarm: ›Er ist nicht mehr aktiv. Meiden Sie den Kontakt mit ihm.‹«

»Das stimmt zufällig.«

»Was auch immer Ihre neue Rolle sein mag«, fuhr Gravet schnell fort und wischte ein Stäubchen vom Mantelärmel, »daß sie sich so radikal geändert hat, kann nur bedeuten, daß Sie sich in sehr exklusiver Gesellschaft bewegen. Ich bin Makler und verfüge über viele Informationen. Je distinguierter meine Klienten sind, desto besser gefällt es mir.«

»Tut mir leid, ich kaufe nichts. Meiden Sie mich lieber.«

»Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie wissen ja nicht, was ich anzubieten habe. Überall geschehen unglaubliche Dinge. Verbündete werden zu Feinden, Feinde zu Verbündeten. Der Persische Golf steht in Flammen, ganz Afrika ist in Aufruhr; der Warschauer Pakt hat viele Schwachstellen, von denen Sie nichts wissen, und Washington verfolgt ein Dutzend unsinniger Strategien, denen nur die sagenhafte Dummheit der Sowjets gleichkommt. Ich könnte Ihnen Einzelheiten über Ungeschicklichkeiten der letzten Zeit liefern. Schicken Sie mich nicht einfach weg, Michael. Benutzen Sie mich. Sie werden noch höher steigen.«

»Weshalb sollte ich höher steigen wollen, wo ich doch gerade ausgestiegen bin?«

»Noch einmal, das ist lächerlich. Sie sind ein relativ junger Mann— die würden Sie nicht gehen lassen.«

»Die können mich beobachten, aber nicht mich festhalten. Ich brauchte bloß auf meine Pension zu verzichten, die irgendwann einmal auf mich zugekommen wäre.«

»Das ist zu einfach dargestellt. Solche Leute wie Sie haben sich irgendwo Bankkonten eingerichtet, auf die Zahlungen an Personen geflossen sind, die in Wirklichkeit nie existiert haben, oder die Spesen für angebliche Reisen oder kurzfristig benötigte Papiere. Mit fünfunddreißig hatten Sie bereits Ihre Altersvorsorge sicher.«

»Sie übertreiben sowohl meine Talente als auch mein Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit«, erwiderte Havelock lächelnd.

»Vielleicht interessiert Sie eine ziemlich umfangreiche Akte«, fuhr der elegante Franzose fort, als hätte Michael ihn nicht unterbrochen, »die Einzelheiten über gewisse geheime Aktionen enthält, wobei notwendigerweise konkrete Vorgänge und Personen beschrieben worden sind. Die Akte befindet sich außer Reichweite jener, die am meisten an ihrem Besitz interessiert wären.«

Havelocks Lächeln verblaßte.

»Das ist natürlich keine finanzielle Sicherheit«, fuhr Gravet fort, »aber es gibt einem doch ein angenehmes Gefühl, nicht wahr?«

»Sie vergeuden Ihre Zeit, ich kaufe nichts. Wenn Sie eine wertvolle Information haben, werden Sie Ihren Preis dafür bekommen. Sie wissen, mit wem Sie verhandeln müssen.«

»Die sind zweitklassig und haben Angst. Keiner von denen hat direkten Zugang zu den entscheidenden Leuten, so wie Sie.«

»Den habe ich nicht mehr.«

»Das glaube ich Ihnen nicht. Sie sind der einzige Mann hier in Europa, der direkt mit Anthony Matthias spricht.«

»Lassen Sie ihn aus dem Spiel. Und zu Ihrer Information, ich habe schon seit Monaten nicht mehr mit ihm gesprochen.« Plötzlich richtete sich Havelock auf und drehte sich zu dem Franzosen herum. »Jetzt nehmen wir uns ein Taxi und fahren zur Botschaft. Ich kenne dort ein paar Leute. Ich werde Sie einem Attaché vorstellen und ihm sagen, daß Sie etwas zu verkaufen haben. Ich habe weder die Mittel noch das Interesse, mich hier einzuschalten. Okay?«

»Sie wissen, daß ich das nicht tun kann. Und bitte . . .« Gravet brauchte seinen Wunsch nicht auszusprechen.

»Schon gut, schon gut.« Michael drehte sich wieder herum und blickte zum Fluß hinunter. »Dann geben Sie mir eine Nummer oder einen Kontaktort. Ich rufe an, und Sie können zuhören.«

»Warum tun Sie das? Was soll das Theater?«

»Es ist eben kein Theater. Wie Sie schon sagten, das geht weit zurück. Ich tue Ihnen den Gefallen, dann sind Sie vielleicht überzeugt. Vielleicht werden Sie sogar andere überzeugen, wenn die Fragen stellen. Was meinen Sie?«

Der Franzose starrte Havelock an. »Nein, danke, Mike. Dann doch besser einen zweitklassigen Mann, den ich bereits kenne, als einen neuen. Ich weiß, wie wertvoll meine Informationen tatsächlich sind; deshalb glaube ich, vertraue ich Ihnen auch. Sie würden jemanden wie mich niemals verraten, nicht einmal einem hohen Attaché. Dafür weiß ich zuviel, bin ich zu wichtig. Sie könnten mich brauchen. Ja, ich vertraue Ihnen.«

»Machen Sie mir das Leben leichter. Halten Sie nicht länger geheim, daß ich ausgeschieden bin.«

»Und was ist mit Ihren Gegenspielern im KGB ? Wird die das überzeugen?«

»Da bin ich sicher. Deren Maulwürfe haben bestimmt schon die Zentrale am Dscherschinski-Platz informiert, ehe ich meine Entlassungsurkunde unterzeichnet hatte.«

»Die werden eine List vermuten.«

»Ein Grund mehr, mich in Frieden zu lassen. Warum in einen giftigen Köder beißen? Ich kann denen ohnehin nichts sagen, was sie nicht bereits wissen. Außerdem sind meine Kenntnisse inzwischen weitgehend überholt. Das ist das Komische: Meine Feinde haben von mir nichts zu befürchten. Die wenigen Namen, die sie erfahren könnten, sind den Preis nicht wert. Es würde Repressalien geben.«

»Sie haben sich persönliche Feinde geschaffen, die sich womöglich an Ihnen rächen wollen, das ist menschlich.«

»Trifft hier nicht zu. Wir sind in diesen Bereichen quitt, und noch einmal, ich bin es nicht wert, weil es keinen praktischen Nutzen hätte. Niemand tötet ohne Grund. Keiner von uns will für die Folgen verantwortlich sein. Verrückt, nicht wahr? Das ist die Ironie an dem Ganzen, das, was unseren Job so sinnlos macht, Gravet: Wenn wir einmal draußen sind, interessiert uns das alles nicht mehr. Wir haben keinen Grund mehr zu hassen. Oder zu töten.«

»Treffend formuliert, mein Freund. Offensichtlich haben Sie über diese Dinge nachgedacht.«

»Ich hatte in letzter Zeit viel Gelegenheit dazu.«

»Es gibt gewiß Leute, die sich für Ihre letzten Beobachtungen, Ihre Schlüsse daraus, ungemein stark interessieren. Aber das ist natürlich zu erwarten. Ihre Stimmungen sind unberechenbar: erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt; im einen Augenblick voller Gewalttätigkeit, im nächsten sentimental. Die russische Seele ist so widersprüchlich.«

Havelock stockte der Atem; er erwiderte Gravets Blick. »Warum haben Sie mir mißtraut?«

»Das geschah ohne Nachteil für Sie. Wenn ich etwas anderes erfahren hätte, wer weiß, was ich denen dann berichtet hätte? Aber da ich Ihnen wirklich glaube, erkläre ich auch, weshalb ich Sie prüfen mußte.«

»Moskau denkt also, ich wäre immer noch aktiv?«

»Ich werde das Urteil abgeben, daß Sie das nicht mehr sind. Ob sie das akzeptieren, ist eine andere Sache.«

»Warum sollten sie daran zweifeln?« fragte Havelock, der immer noch auf das Wasser hinunterblickte.

»Ich habe keine Ahnung . . . Sie werden mir fehlen, Michael. Sie waren immer höflich, schwierig zwar, aber korrekt im Umgang. Sie sind kein geborener Amerikaner, nicht wahr? In Wirklichkeit sind Sie Europäer.«

»Ich bin Amerikaner«, erwiderte Havelock leise. »In Wirklichkeit.«

»Sie haben Ihrem Land gute Dienste geleistet, das muß ich sagen. Wenn Sie es sich anders überlegen—oder jemand Sie dazu bringt, Ihre Haltung zu ändern —, dann nehmen Sie mit mir Verbindung auf. Wir können immer Geschäfte machen.«

»Das ist höchst unwahrscheinlich, aber trotzdem vielen Dank.«

»Das ist kein deutliches Nein.«

»Ich bin höflich.«

»Wohlerzogen. Au revoir, Mikhail.«

Havelock wandte langsam den Kopf und blickte dem eleganten Gravet nach, wie er mit einstudierter Grazie die Pont Royal hinunterging. Der Franzose war bereit gewesen, im Auftrag von Leuten, die er abstoßend fand, ein getarntes Verhör durchzuführen; man mußte ihn dafür sehr gut bezahlt haben. Aber warum ließ man ihn nicht in Ruhe?

Das CIA in Amsterdam glaubte ihm nicht. Das KGB war in Paris und mißtraute ihm ebenfalls. Warum?

Wie weit würden sie gehen, um ihn weiter unter ihrer Kontrolle zu halten?

Das ›Arethusa Delphi‹ war eines jener kleinen Hotels am Syntagna-Platz in Athen, das den Reisenden nie vergessen ließ, daß er sich in Griechenland befand. Das schimmernde Weiß der Wände und Möbel in den Zimmern wechselte nur mit den grellen Farben der Ölgemälde ab, auf denen antike Tempel und Plätze von Postkartenkünstlern romantisch verklärt dargestellt waren. Jeder Raum hatte eine schmale Flügeltür, die auf einen winzigen Balkon hinausführte—groß genug für zwei kleine Stühle und einen Liliputanertisch, auf dem die Gäste ihren schwarzen Morgenkaffee trinken konnten, draußen ebenso geblendet wie drinnen. Auch auf akustische Reize hatte die Direktion nicht verzichtet. Nirgends, weder in der Halle noch in den Lifts, entkam der Gast den rhythmischen Klängen griechischer Volksmusik.

Havelock führte die olivhäutige Frau aus dem Lift, und als die Tür sich schloß, standen sie beide einen Augenblick in gespielt erwartungsvoller Haltung da. Die Musik war verstummt; sie seufzten erleichtert.

»Zorba macht Pause«, sagte Michael und wandte sich nach links zu seinem Zimmer.

»Endlich«, sagte die Frau und lachte. Sie fuhr sich durch das schwarze Haar und strich das lange weiße Kleid glatt, das gut zu ihrer dunklen Haut paßte und ihre makellose Figur vorteilhaft hervorhob. Ihr Englisch hatte einen starken Akzent, so wie man ihn auf jenen Mittelmeerinseln spricht, auf denen die Reichen den Sommer verbringen. Sie war eine teure Kurtisane, deren Kunden zur Prominenz des Geldadels zählten. Die Frau hatte Verstand und Humor; daher wußte sie, daß die Zeit, die ihr für ihr Vergnügen zur Verfügung stand, beschränkt war. Offensichtlich machte sie das Beste daraus. »Sie haben mich gerettet«, fuhr sie fort und drückte Havelocks Arm, als sie den Korridor hinuntergingen.

»Entführt habe ich Sie«, sagte er.

»Wo hört das eine auf, und wo fängt das andere an?« antwortete sie und lachte wieder.

Es war ein wenig von beidem gewesen. Michael war auf der Marathonos-Straße einem Mann begegnet, mit dem er vor fünf Jahren im Thermaikos-Sektor zusammengearbeitet hatte. Der lud ihn zu einer Dinnerparty ein, die am selben Abend in einem Café in der Nähe des Syntagna-Platzes gefeiert wurde. Dort lernte Havelock die Frau in Begleitung eines wesentlich älteren, unfreundlichen Geschäftsmannes kennen. Havelock hatte neben ihr gesessen, und nach mehreren Ouzos hatten sich ihre Beine und Hände berührt, Blicke waren ausgetauscht worden. Schließlich hatten Michael und die Kurtisane sich weggestohlen.

»Ich glaube, morgen bekomme ich es mit einem sehr zornigen Athener zu tun«, sagte Havelock, während er die Tür zu seinem Zimmer öffnete und die Frau hineinführte.

»Seien Sie nicht albern«, erwiderte sie. »Er ist kein Gentleman. Er ist aus Epidaurus; dort gibt es keine Gentlemen. Er ist nichts weiter als ein alternder Bulle, der unter den Obristen reich wurde.«

»In Athen«, sagte Michael und ging zum Schränkchen, wo er eine Flasche Scotch und Gläser aufbewahrte, »sollte man sich von Leuten aus Epidaurus besser fernhalten.«

»Sind Sie schon oft in Athen gewesen?«

»Ein paarmal.«

»Was haben Sie hier gemacht?«

»Ich habe Dinge gekauft und andere verkauft.« Havelock trug die gefüllten Gläser durchs Zimmer. Inzwischen hatte die Frau ihr dünnes Seidencape abgelegt und über einen Stuhl drapiert. Jetzt begann sie, ihr Abendkleid von oben aufzuknöpfen. Ihre schwellenden Brüste wirkten provozierend einladend.

»Sie haben mich nicht gekauft«, sagte sie und nahm das Glas mit der freien Hand. »Ich bin mitgekommen, weil ich Lust hatte. Evcharistó, Michael Havelock. Spreche ich es richtig aus?«

»Sehr gut so.«

Mit sanftem Klirren berührten sich ihre Gläser. Sie trat näher, legte die Finger auf seine Lippen, streichelte seine Wangen und zog schließlich sein Gesicht zu sich. Sie küßten sich, und ihre Lippen öffneten sich dabei. Das weiche Fleisch und die Feuchtigkeit ihres Mundes erregten ihn; sie drückte sich fest an ihn und zog seine linke Hand an die Brust unter ihrem offenen Kleid. Tief atmend lehnte sie sich zurück.

»Wo ist das Badezimmer? Ich will mir etwas . . .«

»Dort drüben.«

»Warum machst du es dir nicht auch bequemer? Wir treffen uns gleich im Bett. Ich bin wild nach dir. Du bist sehr, sehr attraktiv, und ich, ich . . .«

Sie nahm ihr Cape vom Stuhl und ging mit langsamen, aufreizenden Bewegungen zum Badezimmer. Bevor sie die Tür hinter sich schloß, sah sie sich über die Schulter um, und ihre Augen sagten ihm Dinge, die wahrscheinlich nicht wahr waren, ihm aber dennoch eine erregende Nacht versprachen. Die versierte Hure würde ihm, aus welchen Gründen auch immer, die Entspannung bieten, die er sich ersehnte.

Michael zog sich bis auf die Unterhose aus, trug seinen Drink ans Bett und schlüpfte unter die Decke.

»Dobrijvjehchjer prijatel.«

Als Havelock die tiefe Männerstimme hörte, fuhr er herum, seine Hände verwandelten sich in Klauen, aber da war keine Waffe, nach der die Klauen greifen konnten. Am Eingangzum Badezimmer stand ein Mann mit schütterem Haar. Das Gesicht kannte Michael von Dutzenden von Fotografien. Der Eindringling war einer der mächtigsten Männer im sowjetischen KGB. Er hielt eine Pistole in der Hand, eine große schwarze Graz-Burja Automatic.

3

»Sie können jetzt gehen«, sagte der Russe. Das galt der Frau, die sich hinter ihm verbarg. Sie schob sich an ihm vorbei, sah Havelock kurz an und eilte zur Tür hinaus.

»Sie sind Rostow, Pjotr Rostow, Direktor für Externe Strategien beim KGB.«

»Ihr Gesicht und Ihr Name sind mir ebenfalls bekannt. Und Ihre Akte.«

»Sie haben sich sehr viel Mühe gemacht, prijatel«, sagte Michael und starrte den anderen an. Er blinzelte ein paarmal und begann sich langsam zu orientieren, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Er schüttelte den Kopf und versuchte den dünnen, Übelkeit erregenden Nebel von Ouzo aus den Augen und dem Bewußtsein zu verdrängen. »Warum haben Sie mich nicht auf der Straße angehalten und auf einen Drink eingeladen? Dann hätten Sie auch nicht mehr oder weniger erfahren und ohnehin kaum etwas, das für Sie von Wert wäre. Oder soll das eine kazu gariah sein?«

»Keine Exekution, Havliček.«

»Havelock.«

»Der Sohn von Havliček.«

»Sie würden gut daran tun, mich nicht zu erinnern.«

»Ich habe die Pistole, nicht Sie.« Rostow nahm seinen Finger langsam vom Abzug, aber die Waffe blieb auf Michaels Kopf gerichtet. »Nun, das liegt in ferner Vergangenheit und hat keine Beziehung zu mir. Doch was Sie in letzter Zeit getan haben, betrifft mich sehr. Betrifft uns, wenn Sie wollen.«

»Dann verdienen sich Ihre Maulwürfe wohl ihr Geld nicht.«

»Sie liefern mit entnervender Regelmäßigkeit Berichte, in der Hauptsache, um ihre Ausgaben zu rechtfertigen. Ich zweifle allerdings an ihrer Zuverlässigkeit.«

»Wenn Ihre Leute Ihnen gesagt haben, daß ich meinen Job quittiert habe, dann sind sie zuverlässig.«

»Quittiert? Ein Wort mit so viel Endgültigkeit und doch auslegungsbedürftig, nicht wahr? Eine Phase ist vorüber, und jetzt warten neue Aufgaben auf Sie. Das kommt der Wahrheit schon wesentlich näher.«

»Ich bin mit allem am Ende, das Sie betreffen könnte.«

»Tatsächlich?« fragte der KGB-Offizier und schob sich am Türrahmen vorbei, um sich an die Wand zu lehnen. Die Graz-Burja war immer noch auf Havelock gerichtet. »Man hat Sie aus der Strategie entfernt? Das kann ich Ihnen nicht abnehmen. Für Ihren Freund Anthony Matthias muß das ein schwerer Schlag gewesen sein.«

Michael studierte das Gesicht des Russen und senkte den Blick auf die schwere Waffe, die auf ihn zielte. »Ein Franzose hat neulich im Gespräch mit mir Matthias’ Namen erwähnt. Ich werde Ihnen sagen, was ich ihm darauf entgegnet habe, obwohl ich eigentlich nicht recht weiß, warum ich das sollte. Sie haben ihn dafür bezahlt, daß er von Matthias redete.«

»Gravet? Der verabscheut uns. Er ist uns gegenüber nur dann freundlich, wenn er sich im Kreml oder in der Eremitage in Leningrad aufhält. Der kann uns viel erzählen.«

»Warum haben Sie ihn dann für sich eingespannt?«

»Weil er Sie mag. Es ist viel leichter, eine Lüge zu entdecken, wenn der Lügner über jemanden spricht, den er gern hat.«

»Sie haben ihm also geglaubt.«

»Oder Sie haben ihn überzeugt, und unsere Leute hatten keine Wahl. Sagen Sie mir: Wie hat der brillante amerikanische Außenminister auf den Rücktritt seines krajan reagiert?«

»Keine Ahnung, aber ich nehme an, daß er es verstanden hat. Es ist genauso, wie ich es Gravet geschildert habe. Seit Monaten habe ich Matthias weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Er hat genügend Probleme am Hals; es gibt wirklich keinen Grund, warum er sich auch noch die eines ehemaligen Studenten aufladen sollte.«

»Aber Sie waren viel mehr als ein Student. Seine Familie kannte Ihre Familie in Prag. Was Sie heute sind . . .«

». . . waren«, unterbrach Havelock.

». . . haben Sie Anton Matthias zu verdanken«, beendete der Russe den Satz.

»Das liegt weit zurück.«

Rostow schwieg; er ließ die Waffe ein paar Zentimeter sinken. Schließlich meinte er: »Nun gut, es liegt weit zurück. Aber was ist jetzt? Niemand ist unersetzlich, doch Sie sind ein wertvoller Mann. Sie wissen sehr viel und leisten effektvolle Arbeit.«

»Vorausgesetzt, ich fühle mich dazu verpflichtet. Aber die Verpflichtung habe ich nicht mehr.«

»Soll ich daraus schließen, Sie könnten vielleicht an einer anderen Aufgabe Gefallen finden?« Der KGB-Mann ließ seine Waffe noch weiter sinken.

»Sie wissen genau, wie überflüssig diese Frage ist. Abgesehen von meinem persönlichen Ekel, der Jahrzehnte zurückreicht, haben wir bereits ein oder zwei Maulwürfe im Dscherschinski. Ich lege keinen Wert darauf, daß man mich als ›nicht zu retten‹ klassifiziert.«

»Ein heuchlerischer Begriff. Er deutet auf Mitgefühl seitens Ihrer Henker.«

»So ist es.«

Rostow hob seine Automatic und schob sie langsam vor. »Wir verzichten auf solche verbalen Tarnungen. Bei uns ist ein Verräter ein Verräter. Ich könnte Sie mitnehmen, das wissen Sie.«

»Nicht ohne Schwierigkeiten.« Michael blieb reglos auf dem Bett liegen, und seine Augen bohrten sich in die des Russen. »Wir müßten durch Korridore und Hallen und schließlich auch noch Straßen überqueren; das ist zu riskant für Sie. Sie könnten verlieren. Alles. Denn ich habe nichts zu verlieren. Auf mich wartet bloß eine Zelle in der Lubjanka.«

»Ein Zimmer, keine Zelle. Wir sind keine Barbaren.«

»Pardon, ein Zimmer. Sicherlich dieselbe Art von Zimmern, wie wir sie in Virginia für Leute wie Sie reserviert haben.«

»Reden wir lieber von den Maulwürfen.«

»Ich weiß genausowenig, wer sie sind, wie Sie, als Sie noch im Außendienst waren. Wir kennen sie auf beiden Seiten nicht. Bekannt sind uns nur die geläufigen Codes, die uns verraten, wohin wir gehen müssen. Und die, die ich mir eingeprägt hatte, sind jetzt bedeutungslos, weil sie sich längst geändert haben.«

»Sie wollen mich also wirklich ernsthaft davon überzeugen, daß ein Mann mit Ihrer Erfahrung für uns wertlos wäre?«

»Das habe ich nicht gesagt«, unterbrach Havelock. »Ich empfehle Ihnen nur, die Risiken abzuwägen, wenn Sie mich entführen wollen. Eine ähnliche Aktion haben Sie vor zwei Jahren, offen gestanden, mit erstaunlichem Erfolg durchgezogen. Wir haben uns einen Ihrer Leute geschnappt, schleusten ihn nach Finnland und flogen ihn in die Staaten. Dort, in einem Zimmer in Fairfax, Virginia, hat man ihm alles mögliche injiziert, angefangen bei Scopolamin bis zu starken Dosen Amatol, und wir haben eine Menge erfahren. Daraufhin wurden neue Strategien entwickelt und das ganze Agentennetz neu strukturiert. Die Verwirrung war damals groß—bis wir dann erfuhren, daß alles, was er uns gesagt hatte, nichts als Lüge war. Sein Gehirn war programmiert wie ein Computer. Unterstellen wir, Sie würden es fertigbringen, mich in die Lubjanka zu schaffen — was ich nicht glaube —, woher wissen Sie dann, daß ich nicht unsere Antwort auf das bin, was Sie uns zugefügt haben?«

»Weil Sie dann diese Möglichkeit nicht andeuten würden.« Rostow zog die Waffe zurück, ließ sie aber nicht sinken.

»Wirklich? Mir scheint das eher eine ausgezeichnete Tarnung zu sein. Ich meine, Sie würden es ja doch nie erfahren, nicht wahr? Übrigens haben wir ein Serum entwickelt — von dem ich nichts Näheres weiß, außer daß man es an der Schädelbasis injiziert —, das die Programmierung löscht. Es hat etwas damit zu tun, daß der lobus occipitalis neutralisiert ist, was auch immer das sein mag. Anschließend können wir unsere Programmierung vornehmen.«

»Ihre Offenheit erstaunt mich.«

»Warum eigentlich? Vielleicht stimmt überhaupt nichts davon, vielleicht gibt es gar kein Serum, und ich erfinde das alles nur. Auch an die Möglichkeit müssen Sie denken.«

Der Russe lächelte. »Khvatit! Sie sind wirklich draußen.«

»Das war es, was ich Ihnen die ganze Zeit klarzumachen versuchte. Bin ich das Risiko wirklich wert?«

»Das wollen wir herausfinden.« Plötzlich hob der Russe seine Pistole und warf sie Havelock auf dem Bett zu. Michaels Hand schoß in die Höhe und fing die Waffe aus der Luft.

»Was soll ich damit?«

»Was wollen Sie damit machen?«

»Nichts. Da ich annehme, daß die ersten drei Patronen Gummikapseln sind, die mit Farbe gefüllt sind, würde ich Ihnen nur den Anzug beschmutzen.« Havelock drückte den Hebel, der das Magazin freigab, und der Ladestreifen fiel aufs Bett. »Es ist ohnehin keine besonders gute Prüfung. Angenommen, der Bolzen funktioniert und dieses Ding macht auch nur den geringsten Lärm, dann würden zwanzig chrustscheiks hier hereinplatzen und mich umblasen.«

»Der Bolzen funktioniert, und im Flur ist niemand. Das ›Arethusa Delphi‹ wird von Ihren Leuten beobachtet, und ich bin nicht so dumm, unser Personal hier aufmarschieren zu lassen. Ich denke, das wissen Sie. Deshalb sind Sie hier.«

»Was versuchen Sie eigentlich zu beweisen, indem Sie mir Ihre Waffe zuwerfen?«

Der Russe lächelte wieder und zuckte die Schultern. »Das weiß ich auch nicht genau. Vielleicht rechnete ich mit einem kurzen Aufflakkern in Ihren Augen. Wenn ein Mann von einer Pistole bedroht wird under sie plötzlich selbst in der Hand hält, reagiert er mit dem unbändigen Drang, die vorherige Bedrohung auszulöschen, vorausgesetzt, er erwidert die feindselige Haltung. Die Augen verraten das einem sehrzuverlässig. Keine noch so gute Tarnung kann diesen Impuls verdecken.«

»Was war in meinen Augen?«

»Absolutes Desinteresse. Müdigkeit, wenn Sie wollen.«

»Ich bin nicht sicher, ob Sie recht haben, aber ich muß Ihren Mut bewundern, ich hätte ihn nicht. Der Bolzen funktioniert also wirklich?«

»Ja.«

»Keine Gummikapseln?«

Der Russe schüttelte den Kopf. »Keine Kugeln. Das heißt, in den Patronen ist kein Pulver.« Rostow hob die linke Hand und zog mit der rechten den Ärmel seines Mantels zurück. An sein Handgelenk war ein dünnes Rohr geschnallt, das bis zu seinem Ellbogen führte, wobei der Auslösemechanismus offensichtlich dadurch betätigt wurde, daß er den Arm beugte. »Snotvornoje«, sagte er und tippte die straff gespannten federähnlichen Drähte an. »Was Sie Narkosepfeile nennen. Sie hätten den größten Teil des morgigen Tages friedlich geschlafen, und ein Arzt hätte darauf bestanden, daß man Ihr seltsames Fieber im Krankenhaus untersuchen müsse. Wir hätten Sie herausgeholt, Sie nach Saloniki geflogen und von dort über die Dardanellen nach Sebastopol.« Der Russe löste ein Gummiband von seinem Handgelenk und nahm die Waffe ab.

Havelock musterte den KGB-Mann, ohne auch nur eine Spur irritiert zu sein. »Sie hätten mich wirklich überwältigen können.«

»Solange man es nicht versucht, weiß man das nie sicher. Ich hätte Sie mit dem ersten Schuß verfehlen können, und Sie sind jünger und stärker als ich. Sie hätten mir den Hals brechen können. Aber ich hatte die größeren Chancen.«

»Ohne Zweifel. Warum haben Sie sie nicht genutzt?«

»Weil Sie recht haben. Wir wollen Sie nicht. Die Risiken sind zu groß—nicht die, von denen Sie sprachen, aber andere. Ich mußte einfach die Wahrheit kennen, jetzt bin ich überzeugt. Sie stehen nicht mehr im Dienst Ihrer Regierung.«

»Welche Risiken meinen Sie?«

»Sie sind uns unbekannt, aber es gibt sie. Alles, was man in diesem Geschäft nicht versteht, ist ein Risiko; überflüssig, Sie darauf hinzuweisen.«

»Ich würde gerne wissen, weshalb Sie mir plötzlich trauen.«

»Also gut.« Der sowjetische Abwehrmann zögerte; er ging auf die Tür zu, die auf den winzigen Balkon führte, und öffnete einen der beiden Flügel ein paar Zentimeter. Dann schloß er sie wieder und wandte sich zu Havelock um. »Erst einmal sollte ich Ihnen erzählen, daß ich nicht auf Anweisung von oben hier bin. Offen gestanden, meine Vorgesetzten im KGB glauben, ich wäre in einer ganz anderen Angelegenheit in Athen. Das können Sie akzeptieren oder auch nicht.«

»Dazu brauche ich nähere Einzelheiten. Jemand muß doch wissen, daß Sie hinter mir her sind.«

»Genau gesagt sind es zwei: ein mir vertrauter Kollege in Moskau und ein uns ergebener Mann — ein Maulwurf — aus Washington.«

»Sie meinen Langley?«

Der Russe schüttelte den Kopf, dann erwiderte er mit leiser Stimme: »Aus dem Weißen Haus.«

»Jetzt bin ich baff. Zwei kontroljorja