Beschreibung

Eine politische Verschwörung im Nahen Osten

In Oman werden 247 amerikanische Botschaftsangehörige von aufgehetzten Fanatikern als Geiseln genommen. Die Befreiungsaktion wird zu einem Höllenfahrtskommando.

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Seitenzahl: 1338


Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Autor
Lieferbare Titel
Widmung
Vorwort
1. BUCH
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
2. BUCH
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Copyright
Das Buch
Im Sultanat von Oman werden 247 amerikanische Botschaftsangehörige von aufgehetzten Fanatikern als Geiseln genommen. Die Forderungen der Geiselnehmer sind inakzeptabel und die Gefangennahme so durchdacht, dass eine Befreiung durch Spezialeinheiten nicht durchführbar ist. Da bietet ein Kongressabgeordneter aus Colorado seine Hilfe an. Doch er stellt eine folgenschwere Bedingung: Er fordert, dass sich der amerikanischen Geheimdienst nicht in seine Arbeit einmischt. Die Regierung geht auf sein Angebot ein, doch niemand ahnt, dass sein Plan eine Lawine der schlimmsten Ereignisse auslöst..
Der Autor
Robert Ludlums Romane wurden in über dreißig Sprachen übersetzt und er gilt als »größter Thrillerautor aller Zeiten« (The New Yorker). Robert Ludlum verstarb im März 2001 in seiner Heimatstadt Naples, Florida. Die Romane aus seinem Nachlass erscheinen bei Heyne.
Lieferbare Titel
Der Tristan-Betrug – Die Paris-Option – Das Genessee-Komplott – Das Bourne-Imperium – Das Sigma-Protokoll – Der Gandolfo-Anschlag – Der Janson-Befehl – Der Cassandra-Plan – Die Bourne-Identität – Der Prometheus-Verrat – Der Altman-Code – Das Jesus-Papier – Die Lennox-Falle – Das Scarlattti-Erbe
Für James Robert Ludlum.Willkommen, Freund!Ich wünsch’ dir ein tolles Leben.
Vorwort
Der in der Tür nur als Silhouette sichtbare Mann betrat rasch den fensterlosen dunklen Raum. Er schloß die Tür hinter sich und ging über den schwarzen Vinyl-Fußboden blindlings auf die Messinglampe zu, die zu seiner Linken auf einem Tischchen stand. Er knipste sie an, doch die schwache Birne gab wenig Licht und warf lange Schatten. Der schallisolierte Raum war klein, eng, aber nicht schmucklos. Die ›Kunstgegenstände‹ waren jedoch nicht antik, noch stammten sie aus späteren Kunstepochen. Es handelte sich ganz einfach um eine hochmoderne High-Tech-Anlage.
An der rechten Wand schimmerte der Abglanz rostfreien Stahls, und das leise Summen einer staubabweisenden und staubsaugenden Klimaanlage sorgte für fast keimfreie Sauberkeit. Der Besitzer und einzige Benutzer dieses Raumes setzte sich vor dem Wortprozessor auf einen Stuhl und drückte eine Taste. Der Bildschirm begann zu flimmern, und der Mann gab einen Code ein. Das Gerät reagierte sofort mit leuchtendgrüner Schrift:
Höchste Geheimhaltungsstufe Kein Zugriff Eingabe
Der Mann beugte sich über die Tastatur und gab seinen Text ein.
Ich beginne jetzt mit diesen Aufzeichnungen, weil ich glaube, daß die bevorstehenden Ereignisse das Verhalten einer ganzen Nation verändern werden. Ein Mann ist scheinbar aus dem Nirgendwo gekommen, einem arglosen Messias gleich, der nichts von seiner Berufung und von seinem Schicksal ahnt. Es ist seine Bestimmung, Dinge zu tun, die über sein Verständnis hinausgehen, und wenn meine Vermutungen zutreffen, werden diese Aufzeichnungen ein Protokoll seiner Reise... Wie alles anfing, kann ich mir nur VORSTELLEN, aber ich WEISS, daß der Ursprung im Chaos lag.
1. BUCH
1
Maskat, Oman, VorderasienDienstag, 10. August, 18 Uhr 30
Die wilden Wasser im Golf von Oman waren nur die Vorläufer des Sturms, der durch die Straße von Hormus ins Arabische Meer raste. Begleitet von den durchdringend schrillen, näselnd intonierten Gebeten bärtiger Muezzins auf den Minaretten der Moscheen, ging über der Hafenstadt die Sonne unter.
Gewitterwolken, die wie fliegende Ungetüme hoch über den Dächern dahinwirbelten, verdunkelten den Abendhimmel. Von Zeit zu Zeit schienen im zweihundert Seemeilen entfernten Pakistan grelle Blitze den östlichen Horizont über den Bergen von Mekran in Flammen zu setzen. Im Norden, jenseits der Grenze von Afghanistan, tobte noch immer der sinnlose, brutale Krieg. Westlich davon gab es einen noch sinnloseren Krieg, von Halbwüchsigen geführt, die von dem an Leib und Seele kranken Wahnsinnigen im Iran in den Tod getrieben wurden, und im Libanon töteten Männer bedenkenlos und nannte jede Partei alle anderen Terroristen, obwohl alle – ohne Ausnahme – barbarischen Terror ausübten.
Der Nahe Osten, ganz Vorderasien, brannte, und hatte man früher die Feuer gelöscht, ließ man sie jetzt brennen. Während die Wasser des Golfs von Oman an diesem Abend wütend kochten und der Himmel mit Verheerung drohte, braute sich in Maskat, der Hauptstadt des Sultanats Oman, ein ähnlich vernichtender Sturm zusammen. Die Gebete waren zu Ende, und die Menschenmassen strömten wieder zusammen. Lodernde Fackeln in der Hand, drängten sie aus den Seitenstraßen und Gassen, eine Woge hysterischen Protests, ihr Ziel das von Flutlicht angestrahlte schmiedeeiserne Tor der US-Botschaft. Vor der rosafarbenen Stuckfassade dahinter patrouillierten verwahrloste Jugendliche, die linkisch Pistolen und Gewehre umklammerten. Todbringende Waffen – doch in ihrem wildäugigen Fanatismus konnten sie zwischen Waffe und der Endgültigkeit des Todes keinen Bezug herstellen, denn man predigte ihnen, es gebe keinen Tod, gleichgültig, was ihre Augen zu sehen glaubten. Nur der Lohn für Märtyrertum zählte, er war alles, und je schmerzlicher das Opfer, um so herrlicher der Ruhm des Märtyrers – die Qualen ihrer Feinde bedeuteten nichts. Blindheit! Wahnsinn!
Es war der zweiundzwanzigste Tag dieses Wahnsinns, einundzwanzig Tage waren vergangen, seit die zivilisierte Welt wieder einmal gezwungen gewesen war, die trostlose Tatsache unkontrollierter Wut hinzunehmen. Der fanatische Volkszorn war aus dem Nichts wie eine Springflut über Maskat hereingebrochen, hatte sich ausgebreitet, und niemand wußte, warum. Niemand außer jenen Männern und Frauen, die ihre Tage und Nächte damit verbrachten, die schwarze Kunst plötzlich ausbrechender, kurzlebiger Revolten zu analysieren, den Aufständen auf den Grund zu gehen und sie endlich zu durchschauen. Denn es handelte sich um inszenierte Revolten. Von wem inszeniert? Warum? Was wollen sie erreichen, und wie kann man sie verhüten oder unterdrücken?
Fakten: Zweihundertsiebenundvierzig Amerikaner waren mit Waffengewalt als Geiseln genommen worden. Elf hatte man getötet und ihre Leichen aus den Fenstern der Botschaft geworfen, jede Leiche in einem Regen von Glassplittern und jede durch ein anderes Fenster. Jemand hatte den Halbwüchsigen beigebracht, wie jede Hinrichtung noch aufregender wurde, wenn sie mit einem Nervenkitzel verbunden war. Jenseits des schmiedeeisernen Tores wurden im Blutrausch kreischend Wetten abgeschlossen. Welches Fenster war jetzt an der Reihe? Würde es die Leiche eines Mannes oder einer Frau sein? Wieviel ist die Wette wert? Wieviel?
Auf dem Dachgarten befand sich der luxuriöse Swimmingpool der Botschaft hinter zierlichen arabischem Gitterwerk, das nicht dazu bestimmt war, vor Kugeln zu schützen. Um den Pool herum knieten die Geiseln in mehreren Reihen, während umherwandernde Killerkommandos mit Maschinenpistolen auf ihre Köpfe zielten. Zweihundertsechsunddreißig verängstigte und erschöpfte Amerikaner warteten darauf, hingerichtet zu werden.
Wahnsinn!
Folgerungen: Lehnt die in bester Absicht gemachten israelischen Angebote ab. Hier war nicht Entebbe, und alle bisherigen Erfahrungen zählten nicht. Das Blut, das Israel im Libanon vergossen hatte, machte in arabischen Augen jeden Rettungsversuch zu einer Greueltat: Die Vereinigten Staaten hatten Terroristen finanziert, damit sie Terroristen bekämpften. Das konnte man nicht hinnehmen. Was sollte eine Sondereinheit mit einem Überraschungsangriff? Wer konnte vier Stockwerke erklettern oder von einem Hubschrauber abspringen, um die Hinrichtungen auf dem Dach zu verhindern, wenn die Henker nur allzu bereit waren, als Märtyrer zu sterben? Und eine Seeblockade mit einem Bataillon Marinesoldaten, die sich auf eine Invasion vorbereiteten? Was wäre sie außer einer Demonstration überlegener Macht? Und was für einen Sinn hätte eine solche Aktion? Der Sultan und seine Minister waren die letzten, die sich Gewaltakte wie den in der Botschaft wünschten. Die friedlich gesinnte Polizei bemühte sich, die Hysterie zu beschwichtigen, doch sie war den umherziehenden wilden Agitatorenbanden nicht gewachsen. Jahre der Ruhe in der Hauptstadt hatten auf ein solches Chaos nicht vorbereitet; und die Truppen von der jemenitischen Grenze zurückzurufen, konnte unvorstellbare Probleme nach sich ziehen. Die Einheiten, die jene Eiterbeule, die Zuflucht internationaler Killer bewachten, waren genauso wild und gewalttätig wie ihre Feinde. Abgesehen davon, daß es nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt an der Grenze zu einem unbeschreiblichen Gemetzel käme, würde auch in den Straßen von Maskat Blut fließen, und die Gossen wären voll mit den Leichen Schuldiger und Unschuldiger.
Schachmatt.
Lösungsmöglichkeiten: Konnten die Forderungen der Revolutionäre erfüllt werden? Nein. Die Verantwortlichen verstanden das auch sehr gut, nicht jedoch ihre Marionetten, die Halbwüchsigen, die glaubten, was sie sangen, was sie schrien. Keine Regierung in Europa und im Nahen Osten würde über achttausend Terroristen aus Organisationen wie den Roten Brigaden, der PLO, der Baader-Meinhof-Bande, der IRA und ihre so gefährlichen Sympathisanten freilassen. Sollte man die täglichen Titelgeschichten, die neugierigen Kameras und die Flut von Druckerzeugnissen weiterhin tolerieren, durch die die publicityhungrigen Fanatiker sich ständig in das Bewußtsein der Welt drängten?
Warum nicht? Zweifellos retteten die nie versiegenden Enthüllungen so mancher Geisel das Leben, da die Hinrichtungen ›vorübergehend eingestellt‹ worden waren, damit die >Unterdrückernationen< ihre Entschlüsse überdenken konnten. Wollte man aufhören, über sie zu schreiben, würde das die so leidenschaftlich nach Märtyrertum Strebenden nur provozieren. Sollte es still um sie werden, mußte diese Stille durch einen Schock gebrochen werden. Schock machte Schlagzeilen, und Mord war der furchtbarste von allen.
Wer?
Was?
Wie?
Wer? Das war die wesentlichste Frage. Fand man die Antwort darauf, würde das zu einer Lösung führen – zu einer Lösung, die innerhalb von fünf Tagen gefunden werden mußte. Die Hinrichtungen waren für eine Woche aufgeschoben worden. Inzwischen waren zwei Tage vergangen, und in London hatten sich die fähigsten Köpfe der Geheimdienste von sechs Nationen versammelt. Alle waren mit Überschallmaschinen eingeflogen, nachdem man sich zu gemeinsamem Handeln entschlossen hatte, denn sie alle wußten, daß ihre Botschaft das nächste Ziel der fanatisierten Jugendlichen sein konnte. Irgendwo in der Welt. Sie hatten achtundvierzig Stunden ununterbrochen getagt, ohne eine Minute Schlaf. Ergebnis: Oman blieb ein Rätsel. Man hatte es bisher als den unerschütterlichen Felsen der Stabilität in Vorderasien angesehen, ein Sultanat mit einer gebildeten, aufgeklärten Führung, die einer repräsentativen Regierung so nahe kam, wie man das von einer auserwählten Familie des Islams erwarten konnte. Die Herrscher stammten aus einem privilegierten Haus, in dem ganz offenbar respektiert wurde, was Allah gegeben hatte – nicht nur als Geburtsrecht, sondern – zumindest in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts – auch als Verantwortung.
Schlüsse: Der Aufstand war im Ausland geplant und vorbereitet worden. Höchstens zwanzig der etwa zweihundert verwahrlosten, kreischenden Jugendlichen waren als Omaner identifiziert worden. Daher machten sich Geheimdienstleute mit Zugang zu jeder Extremistengruppe in der Region sofort an die Arbeit, stellten Kontakte her, bestachen, drohten.
»Wer sind sie, Asis? Nur eine Handvoll von denen kommt aus Oman, und die meisten von ihnen sind geistig unterbelichtet. Los, Asis, mach schon! Leb wie ein Sultan. Nenn mir ruhig einen unverschämten Preis. Nimm mich beim Wort!«
»Ich zähle bis drei, Machmed! Drei Sekunden, und deine rechte Hand liegt vor dir ohne Handgelenk. Dann ist deine linke dran. Der Countdown läuft, du Gauner! Her mit der Information!« Drei, zwei, eins... Blut.
Nichts. Null. Wahnsinn.
Und dann ein Erfolg. Ein uralter Muezzin verhalf ihnen dazu, ein heiliger Mann, dessen Sprache und Gedächtnis ebenso klapprig waren wie sein ausgemergelter Körper.
»Sucht nicht dort, wo man es logischerweise von euch erwartet. Sucht woanders.«
»Wo?«
»Wo Groll und Feindseligkeit nicht aus Armut und Verlassenheit entstehen. Bei jenen, denen Allah in dieser Welt – wenn auch vielleicht in der nächsten nicht mehr – seine Gunst gewährt.«
»Drückt Euch bitte klarer aus, hochverehrter Muezzin.«
»Allah wünscht keine solche Klarheit-sein Wille wird geschehen. Vielleicht ergreift er nicht Partei – so sei es.«
»Aber Ihr müßt doch einen Grund dafür haben, zu sagen, was Ihr sagt.«
»Da Allah mir diesen Grund gab – geschehe sein Wille.«
»Was soll das heißen?«
»Geflüster, in den Winkeln und Ecken der Moschee belauscht. Geflüster, das diese alten Ohren hören sollten. Doch ich höre so schlecht, daß ich nichts gehört oder verstanden hätte, wäre es nicht Allahs Wille gewesen, mir die Ohren zu öffnen.«
»Und?«
»Die flüsternden Stimmen sprechen von jenen, die aus dem Blutbad ihren Nutzen ziehen werden.«
»Wer ist das?«
»Keine Namen wurden genannt, kein Mann von Bedeutung erwähnt.«
»Irgendeine Gruppe oder Organisation? Bitte! Eine Sekte, ein Land, ein Volk? Die Schiiten, die Saudis... Iraker, Iraner... die Sowjets?«
»Nein. Man spricht weder von Gläubigen noch von Ungläubigen. Man sagt immer nur ›sie‹.«
»Sie?«
»Das wird in den dunklen Ecken und Winkeln der Moscheen geflüstert, das sollte ich nach Allahs Willen hören – möge sein Wille geschehen. Nur das Wort ›sie‹.«
»Könntet Ihr von denen, die Ihr gehört habt, den einen oder anderen identifizieren?«
»Ich bin fast blind, und dort, wo diese wenigen unter den Gläubigen miteinander reden, ist es immer ziemlich dunkel. Ich kann niemand identifizieren. Ich weiß nur, daß ich weitergeben muß, was ich höre, denn das ist Allahs Wille.«
»Warum, Muezzin? Warum ist es Allahs Wille?«
»Das Blutvergießen muß ein Ende haben. Der Koran sagt, wenn leidenschaftlich aufgeputschte Jugend Blut vergießt, weil sie sich im Recht glaubt, muß man die Ursachen dieser Leidenschaft untersuchen, denn Jugend...«
»Schon gut, schon gut. Zwei von unseren Leuten werden Euch in die Moschee begleiten. Gebt ihnen ein Zeichen, wenn Ihr etwas hört.«
»In einem Monat, ya schaikh. Ich bin unterwegs nach Mekka, unternehme meinen letzten Hadsch. Ihr seid nur ein Teil dieser Reise. Es ist der Wille...«
»Gottverdammt noch mal!«
»Es ist Ihr Gott, ya schaikh. Nicht der meine. Nicht der unsere.«
2
Washington, D. C.Mittwoch, 11. August, 11 Uhr 50
Die Mittagssonne knallte auf das Pflaster der Hauptstadt. Stickige Hochsommerhitze lastete auf den Straßen. Wer zu Fuß unterwegs sein mußte, litt unter dieser Hitze. Aktentaschen und -koffer hingen wie tote Gewichte herunter, während ihre Besitzer – die Männer mit offenem Hemdkragen und gelockerter Krawatte – schlaff an den Kreuzungen standen und auf grünes Licht warteten. Obwohl Hunderte von Männern und Frauen – hauptsächlich Regierungsbeamte und daher auch Diener des Volkes – mit dringenden Angelegenheiten beschäftigt sein mochten, konnten sie sich auf der Straße nicht zur Eile aufraffen. Die feuchtheiße Hülle, die sich über die Stadt gesenkt hatte, lähmte jeden, der sich aus seiner vollklimatisierten Umgebung ins Freie wagte.
Ecke 23d Street und Virginia Avenue hatte sich ein Verkehrsunfall ereignet. Es war kein Unfall mit schwerem Sach- oder mit Personenschaden, doch die Aufregung war groß. Ein Taxi war mit einer Regierungslimousine zusammengestoßen, die aus der Tiefgarage des Außenministeriums gekommen war. Die beiden Fahrer standen schwitzend neben ihren Fahrzeugen, beschimpften und beschuldigten sich gegenseitig, während sie auf die Polizei warteten, denn wie üblich glaubten beide im Recht zu sein. Innerhalb von Sekunden bildete sich ein Verkehrsstau, es wurde zornig gehupt, und aus wegen der Hitze nur widerwillig geöffneten Fenstern kamen wütende Proteste.
Der Fahrgast stieg ungeduldig aus dem Fond des Taxis. Er war groß und schlank, Anfang Vierzig, und wirkte fehl am Platz in dieser Umgebung, in der man nur sommerliche Anzüge, hübsche Baumwollkleider und Diplomatenkoffer sah. Er trug eine zerknautschte Khakihose, Stiefel und statt eines Hemdes eine schmutzige Safarijacke. Er sah aus wie ein Mann, der nicht in die Stadt gehörte, ein Bergführer vielleicht, der sich aus den Gebirgsregionen hierher verirrt hatte. Sein Gesicht strafte seine Kleidung jedoch Lügen. Es war glattrasiert und hatte scharfe, klargeschnittene Züge. Die lebhaften hellblauen Augen zusammenkneifend, sah der Mann sich rasch um und traf, mit einem Blick die Situation abschätzend, seine Entscheidung. Er legte dem streitsüchtigen Taxifahrer die Hand auf die Schulter, und der Mann fuhr herum. Der Fahrgast drückte ihm zwei Zwanzigdollarnoten in die Hand.
»Ich muß gehen«, sagte er.
»He, das können Sie doch nicht machen, Mister! Sie haben gesehen, wie’s passiert ist. Der Mistkerl kam da raus und hat nicht gehupt und gar nichts.«
»Tut mir leid, aber ich könnte Ihnen nicht helfen. Ich habe von dem Zusammenstoß nichts gesehen und nichts gehört.«
»O Mann! Heiliger Strohsack! Nichts gesehen und nichts gehört hat er. Wollen sich in eine so unangenehme Sache wohl nicht hineinziehen lassen, wie?«
»Ich habe mich schon in verschiedene unangenehme Sachen hineinziehen lassen, aber nicht in diese«, antwortete der Fahrgast gelassen, nahm einen dritten Zwanziger und stopfte ihn dem Fahrer in die Brusttasche.
Dann drängte er sich durch die schnell wachsende Menge und ging in Richtung Third Street davon – auf den imposanten Eingang des Außenministeriums zu.
An der Tür zum Raum des Krisenstabes im unterirdischen Teil des Außenministeriums stand OHIO-FOUR-ZERO. Entschlüsselt hieß das Oman, höchste Alarmstufe. Hinter der Metalltür tickten unermüdlich die wie Soldaten in Reih und Glied stehenden Computer. Von Zeit zu Zeit gab einer ein kurzes, schrilles Signal, mit dem er neue oder bisher noch nicht gemeldete Informationen ankündigte, nachdem sie in der zentralen Datenbank überprüft worden waren. Konzentriert studierten Männer und Frauen die Ausdrucke und versuchten zu analysieren und zu beurteilen, was sie lasen.
Nichts. Null. Wahnsinn!
In dem großen, energiegeladenen Raum gab es noch eine zweite Metalltür, kleiner als die Eingangstür und ohne Zugang zum Korridor. Sie führte in das Büro des für die Maskat-Krise zuständigen leitenden Beamten. Neben dem Schreibtisch stand die Telefonkonsole mit Direktleitungen zu den wichtigsten Amtssitzen und jeder nur erdenklichen Informationsquelle in Washington. Zur Zeit war das Büro mit dem stellvertretenden Sicherheitschef von Consular Operations besetzt, der wenig bekannten Unterabteilung für Geheimoperationen des Außenministeriums. Er hieß Frank Swann, war ein Mann mittleren Alters, und im Augenblick – um die für ihn sonnenlose Mittagszeit – ruhte sein Kopf mit dem vorzeitig ergrauten Haar in seinen auf dem Schreibtisch gefalteten Armen. Er war seit fast einer Woche nachts nicht zum Schlafen gekommen und mußte sich mit kurzen Nickerchen wie diesem zufriedengeben.
Das laute Schnarren der Konsole weckte ihn, und automatisch schnellte sein rechter Arm zur Seite. Er drückte auf den blinkenden Knopf und nahm den Hörer ab. »Ja? Was gibt’s?« Er schüttelte den Kopf und atmete lufthungrig ein, nur wenig erleichtert, daß es niemand anders war als seine fünf Etagen höher thronende Sekretärin. Er hörte zu und sagte dann müde: »Wer? Ein Abgeordneter? Also ein Abgeordneter hat mir wirklich gerade noch gefehlt. Woher, zum Teufel, hat er meinen Namen erfahren? Lassen Sie’s gut sein, verschonen Sie mich damit. Sagen Sie ihm, ich hätte eben eine Konferenz – mit dem lieben Gott, wenn Sie wollen. Oder nein, noch besser, mit dem Minister.«
»Ich habe schon in dieser Richtung vorgebaut. Deshalb rufe ich aus Ihrem Büro an. Hab’ ihm gesagt, Sie seien nur über dieses Telefon zu erreichen.«
Swann blinzelte. »Warum das, Ivy?«
»Na ja, er hat etwas gesagt, Frank, etwas, das ich mir notieren mußte, weil ich es nicht verstanden habe.«
»Lassen Sie hören.«
»Er hat gesagt, sein Anliegen habe mit dem Problem zu tun, mit dem Sie zur Zeit befaßt sind.«
»Keine Menschenseele weiß, womit ich – ach, vergessen Sie’s! Was sonst noch?«
»Ich habe es mir in phonetischer Schrift aufgeschrieben. Es heißt: Ma afham sain. Können Sie was damit anfangen, Frank?«
Swann schüttelte den Kopf, um sich von der schlaftrunkenen Benommenheit zu befreien und klarer denken zu können, unterband dann aber alle weiteren Informationen über den Besucher in der fünften Etage. Der unbekannte Abgeordnete hatte ihm auf arabisch zu verstehen gegeben, daß er Swann behilflich sein konnte. »Geben Sie ihm eine Wache mit, und schicken Sie ihn zu mir herunter«, sagte er.
Sieben Minuten später öffnete ein Sergeant des Marine Corps die Tür des Büros und ließ den Besucher eintreten, der ihm im Vorbeigehen zunickte. Der Sergeant zog sich zurück und schloß die Tür von draußen. Swann erhob sich unsicher. Der Abgeordnete entsprach so gar nicht dem Bild, das man sich – zumindest in Washington – von einem Mitglied des Repräsentantenhauses machte. Swann hatte jedenfalls noch nie einen Abgeordneten kennengelernt, der so ausgesehen hätte. Er trug Stiefel, eine Khakihose und eine sommerliche Safarijacke, die aus über Lagerfeuern schmorenden Bratpfannen unzählige Fettspritzer abbekommen hatte. Erlaubte sich da jemand einen schlechten Scherz mit ihm?
»Herr Abgeordneter-«, sagte Swann, die Hand ausstreckend, brach jedoch ab, weil er den Namen des Mannes nicht wußte.
»Evan Kendrick, Mr. Swann«, ergänzte der Besucher, kam auf den Schreibtisch zu und schüttelte Swann die Hand. »Ich bin der Vertreter des neunten Distrikts in Colorado. Es ist meine erste Amtsperiode.«
»O ja, natürlich, vom neunten in Colorado. Tut mir leid, ich wußte nicht...«
»Keine Entschuldigung nötig, außer vielleicht von mir – für mein Aussehen. Es gibt keinen Grund, warum Sie wissen sollten, wer ich bin...«
»Lassen Sie mich hier gleich etwas sagen«, fiel Swann ihm scharf ins Wort. »Es gibt auch keinen Grund, warum Sie wissen sollten, wer ich bin, Herr Abgeordneter.«
»Verstehe, aber es war nicht schwierig, das zu erfahren. Selbst neue Abgeordnete haben Zugang zu bestimmten Informationen – das heißt, wenigstens die Sekretärin, die ich geerbt habe, weiß sie sich zu beschaffen. Ich wußte, wo ich hier suchen mußte. Jemand von Consular Operations im Außenministerium...«
»Der Name wird aber nicht offen >gehandelt<, Mr. Kendrick«, unterbrach Swann mit Nachdruck.
»Bei uns wurde er es einmal – kurze Zeit. Egal, ich habe nicht nur einen Experten für den Nahen Osten gesucht, sondern jemanden, der die Sprache und ein Dutzend verschiedene Dialekte fließend spricht... Wie Sie, Mr. Swann.«
»Sie waren wirklich fleißig.«
»Sie ebenso«, erwiderte der Abgeordnete und nickte zur Tür hinüber, hinter der in dem riesigen Computerraum die Maschinen tickten und schnarrten. »Ich nehme an, Sie haben meine Botschaft verstanden, sonst wäre ich nicht hier.«
»Ja«, stimmte Swann zu. »Sie haben mich wissen lassen, daß Sie vielleicht helfen könnten. Ist das richtig?«
»Ich bin mir nicht sicher. Mir war nur klar, daß ich meine Hilfe anbieten mußte.«
»Ihre Hilfe anbieten? Auf welcher Basis?«
»Darf ich mich setzen?«
»Aber selbstverständlich. Ich wollte nicht unhöflich sein, bin nur verdammt müde.« Kendrick setzte sich, und auch Swann nahm wieder seinen Platz ein, wobei er den frischgebackenen Politiker seltsam ansah. »Sprechen Sie, Herr Abgeordneter. Jede Minute ist kostbar, und wir haben uns mit dem ›Problem‹, wie Sie es meiner Sekretärin gegenüber nannten, schon lange, haarige Wochen beschäftigt. Ich weiß natürlich nicht, was Sie uns zu sagen haben, und ob es überhaupt relevant ist – doch falls es das ist, wüßte ich gern, warum Sie erst heute zu mir kommen?«
»Ich hatte von den Ereignissen in Oman keine Ahnung. Wußte nicht, was geschehen war – und noch immer geschieht.«
»Das kann ich nicht glauben! Verbringt der Kongreßabgeordnete des neunten Distrikts von Colorado die Parlamentsferien in der Weltabgeschiedenheit eines Benediktinerklosters?«
»Nicht unbedingt.«
»Oder ist es möglich, daß ein neuer, ehrgeiziger Abgeordneter, der ein bißchen Arabisch spricht«, fuhr Swann schnell, ruhig und nicht sehr freundlich fort, »und dem ein paar Hintertreppengerüchte über eine gewisse Abteilung hier im Haus zu Ohren gekommen sind – daß so ein Mann beschlossen hat, sich auf diesem Weg politische Sporen zu verdienen? Es wäre nicht das erstemal.«
Kendrick saß steif auf seinem Stuhl, das Gesicht ausdruckslos, nicht aber die Augen. Sie verrieten, wie zornig er war. »Das ist eine Beleidigung«, sagte er.
»Unter den gegebenen Umständen werde ich schnell beleidigend. Elf unserer Leute wurden ermordet, darunter drei Frauen. Zweihundertsechsunddreißig warten noch darauf, daß man ihnen den Kopf wegpustet. Und wenn ich Sie frage, ob Sie wirklich helfen können, antworten Sie, Sie wüßten es nicht, hätten aber Ihre Hilfe anbieten müssen. Für mich klingt das ganz nach einer zischenden Schlange, also passe ich auf, wohin ich trete. Sie kommen hier herein und geben mit einer Sprache an, die Sie wahrscheinlich gelernt haben, während Sie bei einer Ölfirma das große Geld verdienten, und bilden sich ein, das Recht auf eine bevorzugte Behandlung zu haben – vielleicht sind Sie einer dieser sogenannten >Berater<. Klingt gut, das Wort. Ein frischgebackener Politiker, der während einer nationalen Krise plötzlich zum Berater im Außenministerium avanciert. Egal, wie sie ausgeht, Sie können nur dabei gewinnen. Da würde so mancher im neunten Distrikt von Colorado den Hut vor Ihnen ziehen, nicht wahr?«
»Das wäre wahrscheinlich der Fall, wenn jemand davon erführe.«
»Was?« Wieder musterte Swann den Abgeordneten scharf, weniger aus Verärgerung als aus einem anderen Grund. Kannte er ihn am Ende doch?
»Sie stehen unter starkem Streß, und mir liegt nicht daran, dazu noch beizutragen. Doch wenn das, was Sie denken, als Schranke zwischen uns steht, sollten wir sie überwinden. Falls Sie zu dem Schluß kommen, daß ich für Sie irgendwie von Wert sein könnte, würde ich nur einwilligen zu helfen, wenn man mir schriftlich Anonymität garantiert. Sonst nicht. Niemand darf erfahren, daß ich hier war. Ich habe nie mit Ihnen oder jemand anders gesprochen.«
Verblüfft lehnte Swann sich in seinem Sessel zurück und stützte das Kinn in die Hand. »Ich kenne Sie«, sagte er leise.
»Wir sind uns nie begegnet.«
»Sagen Sie, was Sie sagen wollen, Herr Abgeordneter. Fangen Sie irgendwo an, egal wo.«
»Ich gehe acht Stunden zurück«, begann Kendrick. »Ich war fast einen Monat mit meinem Boot auf dem Colorado nach Arizona unterwegs – das war das Benediktinerkloster, in dem Sie mich während der Kongreßferien vermuteten. Hinter Lava Falls kam ich in ein Basislager. Dort hörte ich zum erstenmal nach knapp vier Wochen wieder Radio.«
»Vier Wochen?« wiederholte Swann. »So lange hatten Sie überhaupt keine Verbindung zur Außenwelt? Machen Sie so was öfter?«
»Einmal im Jahr, wenn möglich«, antwortete Kendrick. »Es ist für mich fast schon zum Ritual geworden«, fügte er leise hinzu. »Ich bin allein unterwegs. Aber das gehört nicht hierher.«
»Sie sind mir vielleicht ein Politiker«, sagte Swann und nahm einen Bleistift auf. »Sie können die Welt vergessen, Herr Abgeordneter, aber für Ihren Wahlkreis bleiben Sie weiterhin verantwortlich.«
»Ich bin kein Politiker«, erwiderte Kendrick. »Und das Mandat ist reiner Zufall, glauben Sie mir. Aber als ich die Nachrichten hörte, kam ich so rasch wie möglich. Ich charterte ein Flugzeug nach Flagstaff, wo ich einen Jet nach Washington zu chartern versuchte. Es war spät nachts, zu spät, um noch einen Flugplan genehmigen zu lassen, also flog ich nach Phoenix und nahm dort die nächste Maschine hierher. Diese Bordtelefone sind phantastisch. Ich fürchte, ich habe eins ständig blockiert. Ich muß mich für mein Aussehen entschuldigen. Die Fluglinie stellte mir einen Rasierapparat zur Verfügung, aber ich wollte keine Zeit damit verlieren, nach Hause zu fahren und mich umzuziehen. Ich bin hier, Mr. Swann, und Sie sind der Mann, mit dem ich sprechen wollte. Vielleicht kann ich Ihnen überhaupt nicht helfen, aber das werden Sie mich bald wissen lassen, dessen bin ich sicher. Doch auch, wenn ich mich wiederhole – anbieten mußte ich meine Hilfe.«
Während Kendrick sprach, hatte Swann den Namen seines Besuchers auf den vor ihm liegenden Block geschrieben. Nicht nur ein-, sondern ein paarmal und ihn dick unterstrichen. Kendrick, Kendrick, Kendrick. »Und wie sähe diese Hilfe aus?« fragte er, die Stirn runzelnd, und musterte den seltsamen Besucher forschend. »Wie?«
»Sie sollen alles erfahren, was ich über die Region und die verschiedenen Gruppen und Vereinigungen weiß, die dort operieren. Oman, die Arabischen Emirate, Katar, Bahrein – Maskat, Dubai, Abu Dhabi – bis hinauf nach Kuweit und hinunter nach Riad. Ich habe dort gelebt. Dort gearbeitet. Ich kenne die Region, Länder und Städte, wie meine Westentasche.«
»Sie haben überall dort gelebt, gearbeitet? Die ganze Landkarte rauf und runter?«
»Ja. Allein in Maskat habe ich anderthalb Jahre verbracht. War bei der Familie unter Vertrag.«
»Beim Sultan?«
»Beim Vorgänger des jetzigen – er starb vor zwei oder drei Jahren, glaub’ ich. Aber ja, ich habe für ihn und seine Minister gearbeitet. Das waren schlaue Burschen – und tüchtig. Man mußte seine Sache verstehen.«
»Dann haben Sie für eine bestimmte Firma gearbeitet«, sagte Swann; es war eine Feststellung, keine Frage.
»Ja.«
»Für welche?«
»Meine eigene«, antwortete Kendrick.
»Ihre eigene?«
»Genau.«
Swann sah Kendrick starr an, senkte dann den Blick auf den Namen, den er auf den Schreibblock gekritzelt hatte. »Gütiger Himmel!« sagte er leise. »Die Kendrick-Gruppe. Das ist die Verbindung, aber ich habe sie übersehen. Ich habe Ihren Namen seit vier – vielleicht auch schon seit fünf Jahren nicht mehr gehört.«
»Ihre erste Schätzung war richtig. Es sind genau vier Jahre.«
»Ich hab’ gewußt, daß da etwas ist. Ich habe es doch gesagt...«
»Ja, das haben Sie, doch begegnet sind wir uns nie.«
»Sie haben einfach alles gebaut, von Bewässerungsanlagen bis zu Brücken – Rennbahnen, Wohnblöcke, Country Clubs, Flugplätze – alles eben.«
»Wir haben gebaut, wozu wir uns vertraglich verpflichtet hatten.«
»Ich erinnere mich. Es ist zehn oder zwölf Jahre her. Sie galten in den Emiraten als die amerikanischen Wunderknaben – und ich meine Knaben im wahrsten Sinn des Wortes. Dutzende von euch in den Zwanzigern und Dreißigern, bierselige High-Tech-Freaks voller Schmiß und Schwung.«
»Wir waren nicht alle so jung...«
»Nein«, unterbrach ihn Swann, nachdenklich die Stirn runzelnd. »Sie hatten da einen alten Israeli als Geheimwaffe, einen Spitzenarchitekten. Einen Israeli, du meine Güte! Aber er hatte den islamischen Baustil gewissermaßen im kleinen Finger und war mit jedem reichen Araber in der Nachbarschaft gut Freund.«
»Er hieß Emmanuel Weingrass – oder vielmehr, er heißt Manny Weingrass – und kommt aus der Garden Street in der Bronx. Er ging nur nach Israel, um sich irgendwelchen Forderungen seiner zweiten oder dritten Frau zu entziehen, die ihn vor den Kadi bringen wollte. Jetzt ist er fast achtzig und lebt in Paris. Recht gut, wie er mir von Zeit zu Zeit am Telefon berichtet.«
»Richtig«, warf Swann ein. »Und später haben Sie an Bechtel oder sonst jemand verkauft. Für dreißig oder vierzig Millionen.«
»Nicht an Bechtel. An die Trans-International, und nicht für dreißig oder vierzig, sondern für fünfundzwanzig Millionen. Für sie war’s ein Gelegenheitskauf, und ich war frei. Alles war bestens.«
Swann musterte Kendricks Gesicht, besonders die hellblauen Augen, aus denen rätselhafte Zurückhaltung sprach. »Nein, das war es nicht«, sagte er leise, fast sanft, jetzt ohne einen Hauch von Feindseligkeit. »Ich erinnere mich. Auf einer Ihrer Baustellen in Riad passierte ein schreckliches Unglück, als eine schadhafte Gasleitung explodierte. Es gab über siebzig Tote, darunter Ihre Partner, alle Ihre Arbeiter und mehrere Kinder.«
»Ihre Kinder«, fügte Kendrick leise hinzu, »ihre Frauen und Kinder. Alle. Wir feierten die Fertigstellung des dritten Bauabschnitts. Wir waren alle da. Die Arbeiter, meine Partner – alle Frauen und Kinder. Der ganze Rohbau stürzte ein, als sie drin waren. Nur Manny und ich kamen davon, weil wir uns draußen gerade Clownskostüme anzogen.«
»Aber die Untersuchungen haben die Kendrick-Gruppe doch von jeder Schuld an diesem Unfall freigesprochen. Die Zulieferfirma hatte schadhafte Rohrleitungen installiert, die mit gefälschten Sicherheitszertifikaten als neu verkauft worden waren.«
»Das trifft im wesentlichen zu, ja.«
»Damals haben Sie alles verkauft und Ihr Bündel geschnürt, nicht wahr?«
»Das spielt jetzt keine Rolle«, sagte Kendrick. »Wir vergeuden Zeit. Da Sie nunmehr wissen, wer ich bin – oder besser gesagt, wer ich war... Gibt es etwas, was ich tun könnte?«
»Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ich halte sie nicht für Zeitverschwendung, sondern für sehr wichtig. Überprüfungen gehören nun einmal dazu, und man muß sich sein Urteil bilden. Mir war es ernst mit dem, was ich gesagt habe. Eine Menge Leute vom Kapitol versuchen uns als Sprungbrett für ihre politische Laufbahn zu mißbrauchen.«
»Wie lautet Ihre Frage?«
»Warum sind Sie Abgeordneter, Mr. Kendrick? Mit Ihrem Geld und Ihrem geschäftlichen Renommee haben Sie das nicht nötig. Und ich kann mir nicht vorstellen, welchen Nutzen Sie daraus ziehen könnten.«
»Übernimmt man denn ein politisches Mandat nur um seines persönlichen Vorteils willen?«
»Nein, natürlich nicht.« Swann hielt inne und schüttelte dann den Kopf. »Tut mir leid, das war zu oberflächlich gedacht. Ja, Herr Abgeordneter, es ist meine vielleicht voreingenommene Überzeugung, daß die meisten ehrgeizigen Männer – und Frauen – nur für ein öffentliches Amt kandidieren, um sich zu profilieren. Und wenn sie gewinnen, ist es ihnen einzig und allein um Macht und Einfluß zu tun. Alles zusammengenommen führt das natürlich dazu, daß sie ständig danach Ausschau halten, wie sie sich am besten vermarkten können. Tut mir leid, das klingt sehr zynisch, aber ich lebe schon sehr lange in dieser Stadt und habe keinen Grund, meine Meinung zu ändern. Und Sie bringen mich ganz durcheinander. Ich weiß, woher Sie kommen, aber von einem neunten Distrikt in Colorado habe ich noch nie gehört. Ich bin nur sicher, daß es Denver nicht ist.«
»Sie finden ihn kaum auf der Landkarte«, antwortete Kendrick gleichmütig. »Er liegt im Südwesten der Rockies und kocht sein eigenes Süppchen. Weil er so schön abgelegen ist, habe ich mich ja dort niedergelassen.«
»Aber warum? Warum ausgerechnet Politik? Hat der Wunderknabe der Arabischen Emirate einen Distrikt entdeckt, den er sich nach seinen eigenen Bedürfnissen zurechtbiegen konnte?«
»Nichts hat mir ferner gelegen.«
»Das ist ein Statement, Herr Abgeordneter. Keine Antwort.«
Evan Kendrick schwieg einen Moment und erwiderte Swanns Blick. Dann zuckte er mit den Schultern. Swann spürte eine gewisse Verlegenheit bei seinem Gegenüber. »Schon gut«, sagte Kendrick. »Nennen wir es einen Irrtum, der sich nicht wiederholen wird. Mein Amtsvorgänger war faul, anmaßend und wirtschaftete in seine eigene Tasche, und niemand schaute ihm auf die Finger. Ich hatte Zeit und ein großes Mundwerk. Ich hatte auch das Geld, ihm sein Grab zu schaufeln. Besonders stolz bin ich nicht auf das, was oder wie ich es getan habe, aber er ist weg vom Fenster, und ich trete in zwei Jahren oder noch früher zurück. Bis dahin habe ich bestimmt jemand gefunden, der sich für das Amt besser eignet als ich.«
»In zwei Jahren?« fragte Swann. »Sie wurden voriges Jahr gewählt, im November, nicht wahr?«
»Richtig.«
»Und haben im Januar dieses Jahres Ihr Amt angetreten?«
»Und?«
»Ihre Amtszeit erstreckt sich über zwei Jahre. Sie haben entweder noch ein Jahr oder drei Jahre vor sich, nicht zwei oder noch weniger.«
»Es gibt im Neunten keine echte Opposition, aber um sicherzustellen, daß das Mandat nicht wieder in die alte politische Mühle gerät, werde ich noch einmal kandidieren und dann zurücktreten.«
»Das ist vielleicht eine Absprache!«
»Für mich ist sie bindend. Ich will raus aus der Sache.«
»Das ist deutlich, doch Sie ziehen eine mögliche Nebenerscheinung nicht in Betracht.«
»Ich verstehe nicht.«
»Angenommen, Sie kommen während der nächsten zwanzig Monate zu dem Schluß, daß es Ihnen hier gefällt. Was dann?«
»Das ist ausgeschlossen, Mr. Swann. Sprechen wir wieder über Maskat. Was dort geschieht, ist eine verdammte Sauerei – das heißt, sind die Sicherheitsbedenken gegen mich so weit ausgeräumt, daß ich mich so äußern darf?«
»Sie haben Ihre Unbedenklichkeitsbescheinigung, weil ich es bin, der sie ausstellt.« Swann schüttelte den grauhaarigen Kopf. »Eine verdammte Sauerei, Herr Abgeordneter, Sie sagen es. Und wir sind überzeugt, daß sie von außen geplant wurde.«
»Das ist auch meine Meinung«, pflichtete Kendrick ihm bei.
»Haben Sie irgendeine Idee?«
»Ein paar sogar«, antwortete Kendrick. »Allgemeine Verunsicherung durch Störung des Gleichgewichts steht ganz oben auf der Liste. Macht das Land dicht, und laßt keinen hinein.«
»Ein Umsturz?« fragte Swann. »Ein Putsch im Stil von Khomeini... Das würde nicht funktionieren. Die Situation ist eine völlig andere. Es gibt keinen Pfauenthron, keinen schwelenden Groll, keine Geheimpolizei.« Swann hielt inne und fügte nachdenklich hinzu: »Keinen Schah mit einer Armee von Gaunern und keinen Ayatollah mit einer Armee von Fanatikern. Es ist nicht das gleiche.«
»Das wollte ich auch nicht andeuten. Oman ist nur der Anfang. Wer auch dahintersteckt, er will nicht die Macht im Land übernehmen. Er – oder mehrere – wollen andere einfach daran hindern, das Geld einzustecken.«
»Was? Welches Geld?«
»Milliarden. Langzeitprojekte, die überall am Persischen Golf, in Saudiarabien, in ganz Vorderasien auf den Zeichenbrettern schon fix und fertig sind. Was jetzt dort passiert, kommt etwa auf das gleiche hinaus, wie wenn man hier bei uns das Transport-und das Bauwesen lahmlegte oder die Piers von New York, New Orleans, Los Angeles und San Francisco schließen wollte. Es gibt weder Streiks noch Tarifverhandlungen – es gibt nur Terror und die Androhung von noch schlimmerem Terror durch aufgepeitschte Fanatiker. Und alles kommt zum Erliegen. Die Leute an den Zeichenbrettern, die Landvermesser draußen und die Leute in den Maschinenparks wollen nur weg, und das so schnell wie möglich.«
»Und sobald sie fluchtartig das Land verlassen haben«, fügte Swann hastig hinzu, »kommen die Hintermänner der Terroristen, und der Terror hat ein Ende. Es ist, als habe es ihn nie gegeben. Du lieber Himmel, das ist ja die reinste Mafia-Strategie!«
»In arabischem Stil«, sagte Kendrick. »Um es mit Ihren Worten zu sagen: Es wäre nicht das erstemal.«
»Wissen Sie das bestimmt?«
»Ja. Unsere Firma wurde ein paarmal bedroht, doch um Sie noch einmal zu zitieren: Wir hatten eine Geheimwaffe. Emmanuel Weingrass.«
»Weingrass? Was, zum Teufel, konnte er tun?«
»Er konnte unglaublich überzeugend lügen. Eben noch Reservegeneral der israelischen Armee, der jede arabische Gruppe, die uns belästigte, durch einen Luftangriff vernichten lassen konnte, gab er sich im nächsten Moment als hohes Mitglied der Mossad aus, die Todeskommandos ausschicken würde, um auch die eliminieren zu lassen, die uns gewarnt hatten. Wie viele geniale ältere Männer war Manny oft exzentrisch und benahm sich fast immer theatralisch. Es machte ihm einen Riesenspaß. Unglücklicherweise konnten seine diversen Ehefrauen ihn nie sehr lange genießen. Außerdem wollte sich niemand mit einem verrückten Israeli einlassen.«
»Sollen wir ihn etwa anheuern?« fragte Swann.
»Nein. Seinem Alter ganz und gar nicht entsprechend, führt er in Paris ein Leben mit den schönsten Frauen, die er kaufen, und dem teuersten Cognac, den er finden kann. Er könnte nicht helfen... Doch es gibt da etwas, was Sie tun können.«
»Und das wäre?«
»Hören Sie!« Kendrick beugte sich vor. »Ich habe in den letzten acht Stunden ununterbrochen darüber nachgedacht, und mit jeder Stunde, die verstreicht, wächst meine Uberzeugung, daß das eine mögliche Erklärung ist. Das Problem ist, daß wir nur auf so wenige Fakten zurückgreifen können – praktisch haben wir so gut wie gar keine-, aber ein gewisses Muster zeichnet sich ab, und es stimmt mit Dingen überein, die wir vor vier Jahren gehört haben.«
»Was für Dinge? Und was für ein Muster?«
»Am Anfang nur Gerüchte, dann Drohungen, und es waren echte Drohungen, kein Theaterdonner.«
»Weiter. Ich höre.«
»Während er die Drohungen auf seine Weise >entschärfte<, gewöhnlich mit verbotenem Whisky, hörte Weingrass etwas, das man nicht als betrunkenes Geschwafel abtun konnte. Man erzählte ihm, daß sich ein geheimes Konsortium gebildet habe – ein Industriekartell, wenn Sie so wollen. Es übernahm ganz still und leise die Kontrolle über Dutzende verschiedener Firmen und verfügte über ein immer größeres Reservoir an Personal, Technologien und Maschinen. Das Ziel war damals schon offenkundig und ist, wenn die Informationen stimmen, heute noch offenkundiger. Sie haben die Absicht, die industrielle Entwicklung Vorderasiens an sich zu reißen. Weingrass erfuhr auch noch, daß diese geheime Vereinigung ihre Basis in Bahrein hatte – was niemand überraschen wird -, doch was Manny schockte und zugleich wahnsinnig amüsierte, war die Tatsache, daß diesem unbekannten Verwaltungsrat ein Mann angehörte, der sich >der Mahdi< nannte – wie der moslemische Fanatiker, der die Briten vor hundert Jahren aus Khartum verjagt hat.«
»Der Mahdi? Khartum?«
»Genau. Die symbolische Absicht ist offensichtlich. Nur, daß dieser neue Mahdi sich den Teufel um den Islam schert und noch viel weniger um seine kreischenden Fanatiker. Er benutzt sie nur, um seine Konkurrenten aus dem Land zu jagen. Er will die Kontrakte und den Profit in arabischen Händen sehen – besonders in seinen eigenen.«
»Einen Augenblick, bitte«, unterbrach Swann nachdenklich, nahm den Telefonhörer auf und berührte leicht eine Taste auf der Konsole. »Das paßt zu einer Nachricht, die wir kürzlich von MI-6 aus Maskat bekamen«, fuhr er rasch fort und sah Kendrick an. »Wir konnten nichts damit anfangen, weil es nicht die geringste Spur gab, aber es las sich einfach irrwitzig. Holen Sie mir bitte Gerald Bryce an den Apparat. – Hallo, Gerry! Gestern nacht, vielmehr heute morgen so gegen zwei kam doch von den Briten in Ohio ein Nichts-Zero. Suchen Sie es heraus, und lesen Sie es mir langsam vor, weil ich den Text Wort für Wort mitschreiben möchte.« Swann deckte die Sprechmuschel mit der Hand zu und sagte zu Kendrick: »Wenn irgend etwas von dem, was Sie mir berichtet haben, auch nur den geringsten Sinn ergibt, könnte das unser erster konkreter Durchbruch sein.«
»Deshalb bin ich, wahrscheinlich nach geräuchertem Fisch riechend, zu Ihnen gekommen.«
Swann nickte ziellos und ungeduldig vor sich hin und wartete darauf, daß Bryce ans Telefon zurückkam. »Eine Dusche würde nicht schaden, Herr Abgeordneter... Ja, Gerry. Schießen Sie los!... ›Sucht nicht dort, wo man es logischerweise von euch erwartet. Sucht woanders.‹ Ja, das habe ich. Das wußte ich noch. Es kam, denke ich, gleich nach: ›... Wo Groll und Feindseligkeit nicht aus Armut und Verlassenheit entstehen.‹ Das ist es! Und noch etwas, direkt im Anschluß daran. ›Bei jenen, denen Allah in dieser Welt – wenn auch vielleicht in der nächsten nicht mehr – seine Gunst gewährt.‹...Ja. Gehen Sie jetzt ein Stückchen weiter nach unten, da steht, soweit ich mich erinnere, etwas über ›flüsternde Stimmen‹.... Ja, genau! Lesen Sie vor. ›Die flüsternden Stimmen sprechen von jenen, die aus dem Blutbad ihren Nutzen ziehen werden. ‹ Okay, Gerry, das war’s, was ich gebraucht habe. Der Rest ist, soweit ich weiß, nur noch negativ. Keine Namen, keine Organisationen, nur Geschwätz... Das habe ich mir gedacht... Weiß ich noch nicht. Wenn sich irgend etwas ergibt, werden Sie’s als erster erfahren. Setzen Sie in der Zwischenzeit Ihre Hebel in Bewegung und lassen Sie für mich eine Liste aller Baufirmen in Bahrein ausdrucken. Und wenn es ein Verzeichnis aller Unternehmen gibt, die wir als ›Lieferanten‹ bezeichnen, möchte ich auch das.... Wann? Gestern natürlich. Oder noch schneller.« Swann legte auf, betrachtete die Sätze, die er sich notiert hatte, und sah dann Kendrick an. »Sie haben den Text gehört, Herr Abgeordneter. Soll ich ihn wiederholen?«
»Nicht nötig. Es handelt sich nicht um kalam-faridsch, nicht wahr?«
»Nein, Mr. Kendrick, kein einziges Wort davon ist unsinnig oder wertlos. Alles bezieht sich auf unsere Sache, und ich wünschte, ich wüßte, was tun, zum Teufel.«
»Heuern Sie mich an, Mr. Swann«, sagte Kendrick. »Schicken Sie mich nach Maskat-mit dem schnellsten Transportmittel, das Sie finden können.«
»Warum?« fragte Swann und musterte Kendrick forschend. »Was könnten Sie tun, das unsere erfahrenen Leute im Außendienst nicht können? Die sprechen nicht nur fließend Arabisch, die meisten sind Araber.«
»Und arbeiten für Consular Operations«, ergänzte Kendrick.
»Und?«
»Sie sind dem Ihnen unbekannten Gegner längst bekannt – sind gewissermaßen gezeichnet. Sie waren es vor vier Jahren, und sie sind es heute. Wenn sie nur eine einzige falsche Bewegung machen, wird Ihr Konto möglicherweise mit einem Dutzend Hinrichtungen belastet.«
»Das ist eine erschreckende Behauptung«, sagte Swann leise. »Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, unsere Leute seien ›gezeichnet‹? Würden Sie mir das erklären?«
»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß der Name Consular Operations drüben für kurze Zeit in aller Munde war. Woraufhin Sie völlig ungerechtfertigt bemerkten, ich nähme die Gerüchteküche im Kongreß zu wichtig. Doch das ist nicht der Fall. Ich habe es ernst gemeint.«
»Der Name war allgemein bekannt, sagen Sie?«
»Ich gehe noch weiter. Man riß Witze über die Abteilung. Ein ehemaliger Armee-Ingenieur und Manny Weingrass haben selbst eine Menge erfunden.«
»Eine Menge?«
»Sie sind bestimmt irgendwo in Ihren Akten vermerkt. Nachdem wir den Flugplatz in Kufar in Saudi-Arabien gebaut hatten, traten Husseins Leute an uns heran und forderten uns auf, auch ihnen Pläne für einen Flugplatz vorzulegen. Am Tag darauf kamen zwei von Ihren Leuten zu uns, stellten uns technische Fragen und wiesen uns sehr nachdrücklich darauf hin, daß wir als Amerikaner die Pflicht hätten, solche Informationen weiterzugeben, da Hussein häufig mit den Sowjets konferiere – was natürlich belanglos war. Ein Flugplatz ist ein Flugplatz, und jeder Idiot kann die Baustelle überfliegen und aus den Aushebungen auf den Grundriß schließen.«
»Und wie ging’s weiter?«
»Manny und der Ingenieur teilten ihnen mit, daß die Start-und Landebahnen sieben Meilen lang sein und offensichtlich von ganz besonderen Maschinen angeflogen werden sollten. Die beiden rannten aus dem Büro, als hätten sie Durchfall.«
»Und?« Swann beugte sich vor.
»Am nächsten Tag riefen Husseins Leute an und teilten uns mit, das Projekt sei gestorben. Wir hätten Besuch von Consular Operations gehabt. Das gefalle unseren Auftraggebern nicht.«
Swann lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück, und sein müdes Lächeln verriet, wie sinnlos ihm auf einmal alles vorkam. »Manchmal ist das Ganze doch recht albern, nicht wahr?«
»Im Augenblick finde ich es durchaus nicht albern«, entgegnete Kendrick.
»Nein, natürlich nicht.« Swann richtete sich sofort auf und straffte sich. »Ihrer Meinung nach geht es also bei dieser Sache nur um Geld. Um lausiges Geld!«
»Wenn man dem nicht Einhalt gebietet, wird es nur noch schlimmer«, sagte Kendrick. »Viel schlimmer.«
»Aber wie?«
»Immer nach der bewährten Formel für Wirtschaftsrevolutionen. Nachdem sie die Wirtschaft von Oman lahmgelegt und die Regierung handlungsunfähig gemacht haben, werden sie überall die gleichen Taktiken anwenden. In den Emiraten, in Bahrein, Katar und sogar bei den Saudis. Wer die Fanatiker beherrscht, bekommt die Verträge. Und sind diese Riesenprojekte erst einmal in einer Hand vereint, kommt es in dieser Region zu einer gefährlichen politischen Machtkonzentration, die in den meisten lebenswichtigen Fragen das Sagen hat, was uns nicht besonders angenehm sein wird.«
»Du meine Güte, Sie haben das aber gründlich durchdacht!«
»Ich habe während der letzten acht Stunden nichts anderes getan.«
»Angenommen, ich schicke Sie hinüber. Was könnten Sie tun?«
»Das weiß ich erst, wenn ich dort bin, aber ein paar Ideen habe ich. Ich kenne eine ganze Reihe einflußreicher Männer, mächtige Omaner, die wissen, was vorgeht, aber mit diesem Wahnsinn bestimmt nichts zu tun haben. Aus verschiedenen Gründen – vermutlich werden sie, wenn Ihre Handlanger von Consular Operations auftauchen, von dem gleichen Mißtrauen befallen wie wir seinerzeit – sprechen sie vielleicht nicht mit Fremden, aber mit mir werden sie sprechen. Mir vertrauen sie. Ich habe Tage und ganze Wochenenden mit ihren Familien verbracht. Ich kenne ihre Ehefrauen unverschleiert, und ich kenne ihre Kinder...«
»Unverschleierte Ehefrauen und die Kinder«, wiederholte Swann. »Der höchste Vertrauensbeweis, den ein Araber kennt. Das Siegel der Freundschaft.«
»Mit mir werden sie zusammenarbeiten«, fuhr Kendrick fort, »mit Ihnen vielleicht nicht. Ich kenne die meisten Lieferanten und auch die Frachtbüros im Hafen, sogar Leute, die allem aus dem Weg gehen, was einen offiziellen Anstrich hat, weil sie ihr Geld mit Sachen verdienen, die offiziell nicht zu haben sind. Ich möchte der Herkunft des Geldes auf die Spur kommen und die Anweisungen kennenlernen, die mit dem Geld kommen und in die Botschaft gelangen. Irgend jemand schickt beides von irgendwoher.«
»Lieferanten?« fragte Swann, die Brauen hochziehend, mit ungläubiger Stimme. »Sie meinen Leute, die Lebensmittel und Medikamente und so beschaffen?«
»Das ist nur...«
»Sind Sie verrückt?« rief Swann. »Diese Geiseln sind unsere Leute, Amerikaner! Wir haben die Vorratskeller geöffnet, es ist alles da, was sie brauchen...«
»Zum Beispiel Munition und Ersatzteile für Waffen?«
»Natürlich nicht.«
»In allen Zeitungen, die ich in Flagstaff und Phoenix ergattern konnte, wurde berichtet, daß jeden Abend nach El Maghreb vier bis fünf Stunden wild herumgeballert wird – es ist ein wahres Feuerwerk, Tausende von Salven werden abgeschossen, die Botschaft mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zugedeckt.«
»Das gehört zu ihrem gottverdammten Terror!« explodierte Swann. »Können Sie sich vorstellen, wie es in der Botschaft aussieht? Sie stehen im grellen Scheinwerferlicht mit anderen an einer Wand aufgereiht, um Sie herum knallt es ununterbrochen, schlagen die Kugeln ein, und Sie können nur noch denken: Herrgott, die nächste trifft mich bestimmt! Wenn es uns je gelingen sollte, die armen Seelen dort herauszuholen, werden sie wahrscheinlich jahrelang beim Psychiater auf der Couch liegen, um diesen Alptraum loszuwerden.«
Kendrick wartete, bis sich Swanns Gefühlsaufwallung gelegt hatte. »Diese Hitzköpfe haben kein Waffenarsenal in der Botschaft, Mr. Swann. Ich glaube nicht, daß die Organisatoren der Revolte das dulden würden. Sie bekommen Nachschub. Genauso wie man sie mit Vervielfältigungsapparaten ausgestattet hat, weil sie nicht wissen, wie sie mit Ihren Kopierern und Wortprozessoren umgehen müssen, um ihre täglichen Bulletins für die Fernsehkameras zu drucken. Bitte versuchen Sie zu verstehen. Von zwanzig dieser Irren hat vielleicht ein einziger ein Minimum an Verstand, von einer durchdachten politischen Überzeugung ganz zu schweigen. Es ist manipulierter Abschaum, dem ein paar hysterische Augenblicke in der Sonne gewährt werden. Vielleicht ist es unsere Schuld, ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß sie programmiert werden, und Sie wissen es auch. Und dahinter steckt ein Mann, der ganz Vorderasien für sich selbst haben will.«
»Dieser Mahdi?«
»Ja, wer immer es sein mag.«
»Glauben Sie, daß Sie ihn finden können?«
»Nicht ohne Hilfe. Man muß mich aus dem Flughafen hinausschmuggeln, und ich brauche arabische Kleidung – am besten stelle ich wohl eine Liste zusammen.«
Swann lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und rieb sich mit den Fingerspitzen das Kinn. »Warum, Herr Abgeordneter? Warum wollen Sie das tun? Warum will Evan Kendrick, Unternehmer und Multimillionär, sein sehr reiches Leben aufs Spiel setzen? Sie haben doch dort drüben nichts mehr verloren. Warum?«
»Ich schätze, die einfachste und ehrlichste Antwort ist, daß es mir vielleicht gelingt zu helfen. Wie Sie vorhin betonten, habe ich drüben eine Menge Geld verdient. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, ein bißchen von mir selbst einzubringen.«
»Wenn es nur um Geld oder um >ein bißchen was von Ihnen selbst< ginge, wäre das für mich kein Problem«, sagte Swann. »Aber wenn ich Ihnen grünes Licht gebe, marschieren Sie schnurstracks ohne Überlebenstraining in ein Minenfeld. Haben Sie das bedacht, Herr Abgeordneter?«
»Ich habe nicht die Absicht, die Botschaft zu stürmen«, antwortete Kendrick.
»Das ist vielleicht gar nicht nötig. Sie brauchen nur den falschen Leuten die falschen Fragen zu stellen, dann kann es aufs gleiche hinauslaufen.«
»Ich könnte auch heute mittag in einem Taxi gesessen und Ecke Twenty-third Street und Virginia Avenue einen Unfall gehabt haben.«
»Das soll wohl heißen, daß Sie einen hatten.«
»Der Punkt ist, daß ich nicht am Steuer saß, sondern in einem Taxi. Ich bin vorsichtig, Mr. Swann, und den Verkehr in Maskat kenne ich. Er ist nicht so unberechenbar wie in Washington.«
»Waren Sie bei der Armee?«
»Nein.«
»Meiner Schätzung nach hatten Sie das richtige Alter für Vietnam. Gibt es eine Erklärung dafür, daß Sie nicht eingezogen wurden?«
»Ich wurde wegen meines Studiums zurückgestellt.«
»Haben Sie Erfahrung im Umgang mit Waffen?«
»Eine beschränkte.«
»Was bedeutet, daß Sie wissen, wo der Abzug ist und in welche Richtung Sie zielen müssen.«
»Mit dem Wort ›beschränkt‹ habe ich nicht gemeint, daß ich geistig zurückgeblieben bin. In den Emiraten sind wir in der ersten Zeit nie unbewaffnet auf die Baustellen gegangen. Und auch später haben wir noch ab und zu Waffen getragen.«
»Und geschossen haben Sie auch schon?« fragte Swann hartnäckig weiter.
»Aber gewiß«, antwortete Kendrick ruhig. »Damit ich lernte, wo der Abzug ist und in welche Richtung ich zielen muß.«
»Sehr komisch. Aber der Sinn meiner Frage war eigentlich, ob Sie je auf einen Menschen schießen mußten?«
»Wäre das nötig?«
»Ja, es wäre nötig. Ich muß mir ein Urteil bilden.«
»Nun gut. Ja, ich habe schon auf einen Menschen geschossen.«
»Wann? Bei welcher Gelegenheit?«
»Wir mußten, um Projekte richtig planen zu können, häufig in entlegene Gebiete fahren, um dort Erd- und Gesteinsproben zu entnehmen und die Zäune für die Maschinenparks aufzurichten. Wir waren mit dem Campingbus unterwegs und wurden ein paarmal von Banditen angegriffen – umherziehenden Nomadenbanden, die nach Verirrten suchten, um sie zu berauben. Sie waren schon seit Jahren ein Problem, und die Behörden rieten allen, die ins Landesinnere wollten, sich entsprechend zu schützen. Ähnlich wie in unseren Großstädten, da besteht kaum ein Unterschied. Damals habe ich eine Waffe benutzt.«
»Um abzuschrecken oder um zu töten?«
»Vor allem um abzuschrecken, Mr. Swann. Es gab jedoch auch Zeiten, in denen ich gezwungen war zu töten. Weil sie uns umbringen wollten. Wir haben diese Zwischenfälle immer den Behörden gemeldet.«
»Ich verstehe«, sagte Swann. »Wie sind Sie körperlich in Form?«
Kendrick schüttelte gereizt den Kopf. »Ich rauche gelegentlich eine Zigarre oder Zigarette nach dem Essen, Herr Doktor, und ich trinke mäßig. Ich bin jedoch weder Gewichtheber noch Marathonläufer. Doch sooft ich kann, bin ich mit meinem Kanu im Wildwasser unterwegs oder geh’ mit dem Rucksack in die Berge. Außerdem denke ich, daß dieses ganze Verhör hier Scheiße ist.«
»Denken Sie, was Sie wollen, Mr. Kendrick, aber die Zeit läuft uns davon. Einfache, direkte Fragen können uns helfen, uns über Ihre Person genauso klarzuwerden, wie wenn wir einen unserer umständlichen Psychiater bemühten.«
»Das liegt an den Psychiatern.«
»Erzählen Sie mir was über Sie«, sagte Swann mit einem leisen Auflachen.
»O nein, Sie legen jetzt die Karten auf den Tisch, Mr. Swann. Ihre Märchen- und Spielstunde ist zu Ende. Geh’ ich jetzt hinüber oder nicht? Und wenn nicht, will ich den Grund wissen.«
Swann blickte auf. »Sie gehen, Herr Abgeordneter. Nicht, weil Sie die Idealbesetzung sind, sondern weil ich keine andere habe. Ich würde es mit jedem versuchen, auch mit einem so arroganten Burschen, wie Sie es unter Ihrem kühlen Äußeren meiner Meinung nach sind.«
»Sie haben wahrscheinlich recht«, antwortete Kendrick. »Können Sie mir schriftliche Anweisungen mitgeben – oder was Sie eben haben?«
»Sie fliegen vom Luftwaffenstützpunkt Andrews ab. Die Papiere werden Ihnen vor dem Start in die Maschine gebracht. Aber Sie müssen im Flugzeug bleiben, und Sie dürfen sich keine Notizen machen. Man wird Sie beobachten.«
»Verstanden.«
»Sind Sie sicher? Wir werden Sie unter den verschärften Bedingungen soweit wie möglich decken, aber Sie sind, ungeachtet Ihrer Stellung als Politiker, ein Privatmann, der auf eigene Faust handelt. Kurz gesagt – wenn Sie von feindlichen Elementen gefangengenommen werden, kennen wir Sie nicht. Dann können wir Ihnen nicht helfen. Unter keinen Umständen werden wir das Leben der zweihundertsechsunddreißig Geiseln aufs Spiel setzen. Ist das klar?«
»Ja, das ist es, denn es liegt genau auf der Linie der Forderung, die ich Ihnen zu Beginn unserer Unterredung gestellt habe. Ich bestehe darauf, daß man mir schriftlich Anonymität zusichert. Ich war nie hier. Ich habe Sie nie gesehen, nie mit Ihnen gesprochen. Schicken Sie dem Außenminister ein Memo. Schreiben Sie ihm, einer meiner politischen Anhänger aus Colorado habe angerufen, meinen Namen erwähnt und gemeint, Sie sollten sich auf Grund meiner Erfahrung und Kenntnis der Golfstaaten mit mir in Verbindung setzen. Sie lehnten den Vorschlag ab, weil Sie der Meinung waren, es handle sich wieder nur um einen Politiker, der sich mit Hilfe des Außenministeriums politische Lorbeeren verdienen wolle. Das dürfte Ihnen nicht schwerfallen.« Kendrick zog einen Notizblock aus der Jackentasche und griff über den Schreibtisch nach Swanns Bleistift. »Das ist die Adresse meines Washingtoner Anwalts. Lassen Sie ihm, noch bevor ich in Andrews bin, eine Kopie der Erklärung überbringen. Sobald ich von ihm erfahre, daß er das Schriftstück bekommen hat, gehe ich an Bord der Maschine.«
»Unser gemeinsames Ziel liegt so klar und sauber vor uns, daß ich mich selbst beglückwünschen sollte«, sagte Swann. »Also warum tu ich’s nicht? Warum denke ich ununterbrochen, daß Sie mir etwas verschweigen?«
»Weil Sie von Natur aus und von Berufs wegen mißtrauisch sind. Sie säßen nicht in diesem Sessel, wenn Sie es nicht wären.«
»Die Geheimhaltung, auf der Sie bestehen...«
»Das tun Sie schließlich auch«, fiel Kendrick ihm ins Wort.
»Meine Gründe kennen Sie. Zweihundertsechsunddreißig Menschen sind in Gefahr. Wir werden niemandem einen Vorwand liefern, abzudrücken. Andererseits haben Sie eine ganze Menge zu gewinnen – wenn Sie am Leben bleiben. Warum bestehen Sie auf Geheimhaltung?«
»Aus fast dem gleichen Grund wie Sie«, erwiderte Kendrick. »Ich habe viele Freunde dort. Mit den meisten stehe ich noch jetzt in Verbindung. Wir korrespondieren, sie besuchen mich oft – und das ist für niemanden ein Geheimnis. Käme mein Name irgendwie ins Gerede, könnten ein paar fanatische Hitzköpfe an dscharem ath-thaar denken.«
»Strafe für Freundschaft«, übersetzte Swann.
»Es ist das richtige politische Klima für so was«, fügte Kendrick hinzu.
»Der Grund leuchtet mir ein«, sagte Swann ohne große Überzeugung. »Wann wollen Sie aufbrechen?«
»So bald wie möglich. Ich habe hier nichts mehr zu erledigen, schnappe mir ein Taxi, fahre nach Hause, zieh’ mich um...«
»Keine Taxis, Herr Abgeordneter. Von diesem Augenblick an sind Sie Geheimnisträger und werden entsprechend behandelt.« Er griff nach dem Telefon. »Man wird Sie zur Rampe begleiten, wo ein neutraler Wagen Sie erwartet, der Sie nach Hause und dann nach Andrews bringt. In den nächsten zwölf Stunden sind Sie Regierungseigentum und werden nur das tun, was man Ihnen sagt.«
Evan Kendrick saß im Fond des neutralen Wagens, der dem Außenministerium gehörte, und betrachtete das üppige Laubwerk am Ufer des Potomac. Bald würde der Fahrer nach links abbiegen und in eine lange Waldschneise unweit von Kendricks Haus eintauchen. Mein abgelegenes Haus, dachte er, mein sehr einsames Haus... Ja, einsam war es, obwohl außer ihm noch ein Paar darin wohnte, alte Freunde, die das Haus auch versorgten; und auch die zwar nicht allzuoft, aber dennoch regelmäßig wechselnden schönen Frauen durfte er nicht vergessen, die sein Bett teilten. Auch sie waren Freunde.
Vier Jahre, und nichts Bleibendes. Das Bleibende war für ihn eine halbe Welt entfernt, dort, wo nichts anderes von Dauer war als die Notwendigkeit, ständig von einem Job zum nächsten zu ziehen, die besten Unterkünfte für alle zu finden, sicherzustellen, daß für die Kinder seiner Partner Lehrer vorhanden waren- für Kinder, von denen er sich manchmal wünschte, es wären die seinen; ein paar ganz bestimmte natürlich nur. Für Ehe und Kinder hatte er jedoch nie Zeit gehabt. Ideen waren seine Ehefrauen, Projekte seine Sprößlinge. Vielleicht war er deshalb der Boß gewesen, ihn lenkten keine häuslichen Probleme ab. Die Frauen, die er liebte, waren meist Getriebene, wie er. Genau wie er suchten sie die vergängliche Lust, die Annehmlichkeit kurzer Affären, deren wichtigstes Beiwort »flüchtig« war. Es waren wunderbare Jahre gewesen – geprägt von Erregung und Lachen, von Stunden der Angst und den Augenblicken unbeschreiblichen Hochgefühls, wenn das Ergebnis der Arbeit ihre Erwartungen weit übertroffen hatte. Sie bauten ein Reich – ein kleines, das war ihnen bewußt -, doch es würde wachsen, und eines Tages, hatte Weingrass steif und fest behauptet, würden die Kinder der Kendrick-Gruppe die besten Schweizer Schulen besuchen, die nur ein paar Flugstunden entfernt waren. »Sie werden das Geschlecht des wahren internationalen Menschen begründen!« hatte Manny gerufen. »Mit dieser erstklassigen Erziehung und den vielen Sprachen! Wir ziehen uns die großartigste Kollektion von Staatsmännern und -frauen seit Disraeli und Golda Meir heran!«
Das war für Evan Kendrick das Bleibende gewesen. Und plötzlich war alles zerschmettert und zerstört worden. Tausend zerbrochene Spiegel in der Sonne, und aus jedem blutigen Splitter hatte ihn ein Bild schöner Wirklichkeit und wunderbarer Erwartungen angeschaut. Alle Spiegel waren blind geworden, hatten nicht einmal mehr Schatten zurückgeworfen. Tod.
»Tu’s nicht!« schrie Emmanuel Weingrass. »Ich fühle den Schmerz genauso wie du. Aber siehst du denn nicht, daß sie genau das von dir erwarten? Gib ihnen nicht diese Genugtuung! Kämpf gegen sie, kämpf gegen ihn! Ich werde mit dir kämpfen. Beweis mir deine Haltung, Junge!«
»Warum sollte ich Haltung zeigen, Manny? Vor wem? Gegen wen?«
»Das weißt du genausogut wie ich. Wir sind nur die ersten; andere werden folgen: andere ›Unfälle‹: geliebte Menschen werden getötet, Projekte fallengelassen werden. Willst du das dulden?«
»Es ist mir ganz einfach egal.«
»Also überläßt du ihm den Sieg?«
»Wem?«
»Dem Mahdi.«
»Betrunkenes Geschwätz. Mehr nicht.«
»Er hat es getan. Er hat sie getötet. Ich weiß es.«
»Hier gibt es nichts mehr für mich, mein Alter, und ich kann keine Schatten jagen. Es macht keinen Spaß mehr. Vergiß es, Manny, ich mache dich reich.«
»Ich will dein Geld nicht, das Geld eines Feiglings.«
»Du willst es nicht nehmen?«
»Natürlich nehme ich es. Aber ich liebe dich nicht mehr.«
Dann vier Jahre der Angst, der Sinnlosigkeit, der Langeweile und immer wieder die Frage, wann der warme Wind der Liebe oder der eisige Hauch des Hasses die schwelende Asche in seinem Innern anfachen würde. Er hatte sich immer wieder gesagt, daß die Zeit reif sein würde, wenn die Flammen – gleichgültig aus welchem Anlaß – plötzlich aufloderten. Dann würde auch er bereit sein. Jetzt war er bereit, und niemand konnte ihn zurückhalten. Haß.
Der Mahdi.
Du hast meine besten Freunde ermordet, als hättest du die Leitungen selbst verlegt. Ich mußte so viele Leichen identifizieren; die verrenkten, blutenden Leichen der Menschen, die mir so viel bedeutet hatten. Der Haß ist geblieben, ein tiefer, eiskalter Haß, und er wird nicht vergehen, wird mir so lange nicht erlauben, mein eigenes Leben zu führen, bis du tot bist. Ich muß zurück und die Scherben einsammeln, wieder zu mir selbst finden und vollenden, was wir gemeinsam begonnen haben. Manny hat recht gehabt. Ich bin weggelaufen, war zu nachsichtig mit mir, weil ich litt, ich vergaß die Träume, die wir hatten. Jetzt kehre ich zurück, um zu tun, was Manny von mir erwartet hatte. Jetzt hole ich dich mir, Mahdi, wer du auch sein magst, wo du auch bist. Und niemand wird wissen, daß ich es war...
»Sir? Wir sind da, Sir.«
»Verzeihung, was haben Sie gesagt?«
»Wir sind bei Ihrem Haus«, antwortete der Fahrer, der zu den Marines gehörte. »Sie sind wohl eingenickt, aber wir müssen uns an den Zeitplan halten.«