Das Schnitzel ist umbesetzt - Maria Happel - E-Book

Das Schnitzel ist umbesetzt E-Book

Maria Happel

4,7
14,99 €

Beschreibung

Ein Publikumsliebling wechselt die Rolle Wo kommen Sie eigentlich her? Haben Ihre Eltern Ihre Karriere vorbereitet? Sie haben doch Klavier spielen gelernt! Auch Tennis? Sie sind doch eigentlich eher auf der Brennsuppe dahergeschwommen? Wollten Sie nicht ursprünglich Kirchenmusik studieren? Sind Sie familiär vorbelastet? Haben Sie vor, länger in Wien zu bleiben? Sie sind doch nie und nimmer ein ausgebildeter Mezzosopran! Die Happel ist doch gar nicht hübsch?! Sind Sie noch in der Kirche? Welche Rollen wollen Sie noch spielen? Welche Menschen waren für Sie besonders wichtig? Haben Sie Kinder? Wie sind Sie eigentlich ans Burgtheater gekommen? Wie können Sie sich den ganzen Text merken? Sind Sie eigentlich mit dem ehemaligen Fußballtrainer verwandt? Fahren Sie manchmal noch heim? Was machen Ihre Geschwister? Wann wussten Sie, dass Sie Schauspielerin werden wollen? Sind Sie verheiratet? Warum glauben Sie, dass Ihre Geschichte jemanden interessiert?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 201




Maria Happel

»Das Schnitzel ist umbesetzt«

Maria

Happel

»Das Schnitzelist umbesetzt«

Was bisher geschah …

MIT 54 ABBILDUNGEN

Für Paula und Annemarie

Inhalt

Die Friseuse

Hühnermist und Gene

Mein kleiner Papa

Die Überraschung

Das Wunder

Von der Kuh in die Kirchgasse

Das Damenorchester

»Eine Spritze, ich brauche eine Spritze!«

Meine Schwester Evi

Da hab ich die Kirche im Dorf gelassen

Die Empore

Der Exorzist

Verdirbt die Pille die Moral?

»Sie sind ja kein deutscher Typ«

Ich fühlte mich wohl auf der Reeperbahn

Domenica

Von der Hansastraße ins Hansa-Theater in Berlin

Der Firmling

Mutter

Erste Schritte auf dem Parkett

»Das Ganze ein Stück« –Oder wie ich Xenia Hausner kennenlernte

Wie kam es zur »Piaf«?

Die Folgen des Erfolgs

Ein Mäzen für mich allein

Eine kleine Notlüge

Hertha geht sterben

Der Ausstieg und die Heilung

»Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten«

»Liliom«

Meine Lehrer

Ach, diese Männer!

»Geh auf deinen Platz!«

Man machte mich nicht zur Minna

Opernball oder Hochzeitstag?

Und der Haifisch, der hat Zähne

»Der Bettler von Soho«

Hol’s der Teufel

Die Kritik

Ein Hochzeitstag und seine Folgen

Das Salzburger Nockerl

Comeback to Burgtheater

Die Grille

Wien/Berlin

Ein paar Vorschläge hätte ich …

Reichenau

Aber dann … Inszenierungen

Musik–Medizin–Mathematik

Maria macht das schon

Zum Film

Klimawechsel

Das Schnitzel wird umbesetzt!

Ich mach mich doch nicht zum Affen!

Heimat!

Datensynopsis

Film und Fernsehen · Regie · Theater

Namenregister

Die Friseuse

»Bitte stellen Sie das Rauchen ein und schnallen Sie sich an, wir landen in wenigen Minuten.« – Zufrieden registrierte ich, dass die Damen meiner Aufforderung nachkamen und ihre Zigaretten im Aschenbecher ausdämpften. Ich war fünf Jahre alt, das Mikrophon in meiner Hand war eine Haarbürste und die Boeing 707 unser kleines Friseurgeschäft in der Kirchgasse in Rück.

Meine große Schwester Gertrud, sie arbeitete als Sekretärin in einer Chemiefaserfabrik, hatte mir beigebracht, dass man »Stjuwardess« sagt, es aber »Stewardess« geschrieben wird. Mein Berufswunsch war klar, spätestens als Frau Binder von ihrem Urlaub in Bulgarien erzählte und so braun war, wie man es unter unserer Sonne sicher nie werden konnte. – Außer vielleicht mein Papa, wenn er im Sommer täglich oben auf dem Weinberg herumkraxelte – mit einem Taschentuch auf dem Kopf, das an den vier Zipfeln verknotet war.

»Bulgarien« – was für ein schönes Wort. Und so modern. Frau Binder war wasserstoffblond und modern. Ihr Sohn Dirk ging mit mir in die erste Klasse. »Dirk« – was für ein moderner Name. Sie kamen auch nicht aus unserem Dorf, sie waren zugereist – und sind auch bald wieder abgereist, aber sie brachten zum ersten Mal den Duft der großen weiten Welt in meinen kleinen Flughafen, der sonst meine Nase mit einem Gemisch von Haarsprays, Festigern, Wasserstoffperoxid, Seife, Farbe, Dauerwellflüssigkeit und Zigarettenrauch füllte.

Um die Ecke war der Bedienungsplatz für Herren, auf dem mein Vater regelmäßig die alten Männer einseifte und wo er auf einem Lederband das Rasiermesser schärfte. Dort roch es anders, denn in der Ecke hinter dem Herrenstuhl war die Vitrine mit den Zigarren – »Handelsgold« – und den Zigaretten, die man nicht im Automaten ziehen konnte. »Rothändle« und »Eckstein«. Ohne Filter, versteht sich. Und dieser Kinderdrehstuhl aus Holz, auf dem man so gut Karussell fahren konnte.

Meine Mutter im Friseurgeschäft.

Diese dümmlichen Kinder, die Angst vor dem Haare schneiden hatten. Wie oft wurde ich gerufen, um sie abzulenken oder Faxen zu machen, damit man ihnen nicht ins Ohr schnitt. Wie viel interessanter war es doch bei den Erwachsenen.

Nicht immer verstand ich alles, was so besprochen wurde, wenn ich meiner Schwester Marga, der Friseuse, die Locken-wickler anreichen durfte und sie sich mit gedämpfter Stimme und in ruhigem Ton um ihre Kundinnen kümmerte. Mit zunehmendem Alter erkannte ich, dass es immer dann besonders interessant wurde, wenn man mich bat, doch mal den Putzeimer von draußen zu holen, oder mich auf andere Art und Weise versuchte wegzuschicken. Es musste ein großes Geheimnis geben, und das galt es zu lüften.

Interessant und hilfreich war da natürlich die Lektüre. Ich durfte als junges Mädchen nie eine »Bravo« haben – brauchte ich auch nicht –, ich war mit der »Frau im Spiegel«, »Brigitte« und »Tina«, der »Neuen Post« und der »Madame« schon sehr viel weiter.

Hühnermist und Gene

Ich bemerkte, dass ich anders war. Spätestens, als ich in die Pubertät kam und sich mein rechter Busen rasant schneller entwickelte als der linke. Unsere Aushilfsfriseuse aus Eschau gab mir damals den Tipp, Hühnermist draufzugeben. An einem Samstagvormittag im vollbesetzten Salon! – Ich brauchte Tage, um mich zu beruhigen, und betrat das Geschäft nie mehr, wenn sie da war. Wie erniedrigend und hässlich das gewesen war.

Unsere Hausärztin, Frau Doktor Metzger, die einen schwerbehinderten Sohn hatte und Kriegerwitwe war, jeden Donnerstag kam, um sich die Haare waschen und legen zu lassen, im Anschluss meinem Großvater eine Vitamin-Aufbau-Spritze gab, meiner immer kränkelnden Mutter den Blutdruck maß und mit meiner Großmutter einen Kaffee trank, konnte mir da auch nicht helfen. Keine Frau sei gleichmäßig, das müsse man eben mit einer Brosche kaschieren.

Wie stellte sie sich das eigentlich vor? So große Broschen gab es nicht, und mit einer angesteckten Rose am Gymnastikanzug im Sportunterricht zu erscheinen, fühlte sich auch nicht gerade gut an.

Meine Mutter Paula kaufte in einem Nähzubehör-Laden zwei Schaumstoff-Einlagen, die ich dann immer unter dem BH trug. Wenn man die Augen vor dem Spiegel ein wenig zukniff, war es erträglich – außerdem hätte ich es eh nicht ändern können.

Ich wurde auch nicht so groß, wie ich es mir wünschte oder wie meine Mutter es mir mit ihren Genen hätte mitgeben können.

Mein kleiner Papa

Als Onkel Albert heiratete – er war nicht mein richtiger Onkel, er war der Sohn einer Cousine meiner Großmutter Maria, aber Familie und blitzgescheit in seinem Bereich, jedoch im gewöhnlichen Leben untauglich: wie ein Verkehrsminister, der den Führerschein nicht machen konnte.

Meine Eltern.

Jedenfalls, bei dieser Hochzeit mit einer Hauswirtschaftslehrerin, die uns mal zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte und den ultimativen Kirschkuchen, den es übrigens immer gab, wenn wir da eingeladen waren, mit ganzen Kirschen machte. Wegen dem Geschmack. Alle saßen am Tisch und sprachen nicht mehr, weil sie nicht wussten, wohin mit den Kirschkernen im Mund.

Bei dieser Hochzeit also, bei der meine Eltern als Trauzeugen fungierten und zu der ich aus unerfindlichen Gründen nicht mit durfte – eigentlich war ich sonst ein sehr versiertes und brauchbares Brautmädchen –, trug meine Mutter ein wahnsinnig schickes cremefarbenes Kostüm, cremefarbene Schuhe mit für ihre Verhältnisse hohen Absätzen und einen cremefarbenen Hut mit breiter Krempe und Seidenblüten darauf.

So unglaublich mondän ist sie mir in Erinnerung – und mein armer kleiner Papa Edmund stand daneben. Sie hatten übrigens die gleiche Schuhgröße, was mir persönlich immer peinlich war.

Es gibt ein Foto von der Trauung, und wenn man genau schaut, dann sieht man meinen armen kleinen Papa, wie er so voller Stolz auf dieses Flaggschiff neben sich blickt, und damit sind die Größenverhältnisse wieder klar.

Die Überraschung

Meine Eltern haben sich sehr geliebt. Zumindest bin ich zu einem Zeitpunkt in ihr Leben getreten, als alle Hindernisse längst aus dem Weg geräumt waren.

Die Kinder waren groß und ich war die Riesenüberraschung nach zehn Jahren. Mutti war zweiundvierzig, Papa fünf Jahre älter. Ein Unglück in einem Achthundert-Seelen-Dorf. Das feucht-fröhliche Ende eines Kappen-Abends, der traditionellen Karnevalsveranstaltung der Chemiefaserfabrik, in der mein Vater sich in Nachtschichten etwas dazu verdiente, teilte sich eine Zelle mit mir. Der Drang zum Verkleiden war somit von Anfang an da. Und der Hang zum Theatralischen auch.

Wie schwierig, allen zu erzählen, dass ich unterwegs war. Der Großmutter, die mit uns Kindern so lieb, aber mit der eigenen Tochter so streng umging. Den zum Teil schon erwachsenen Kindern, von denen sich meine Schwester Gertrud, die Sekretärin, drei Tage lang einschloss und Monate brauchte, um es ihren Schulkameradinnen zu erzählen.

Und dann Komplikationen in der Schwangerschaft: Meine Mutter musste liegen – und gegen Ende: erneute Komplikationen. Sie hatte immer Hausgeburten gehabt, problemlos – ich: Krankenhaus, Risiko. Zwei Wochen vor meiner Geburt musste mein armer kleiner Papa unterschreiben. Man sagte ihm, dass möglicherweise nicht beide die Geburt lebend überstehen würden, und wollte wissen, ob man der Frau oder dem Kind dann den Vorrang geben sollte. Mein armer kleiner Papa entschied sich für meine Mama.

Ich entschädigte alle mit einer leichten Niederkunft, und noch Jahre später schwärmte die Hebamme, wenn sie mich irgendwo traf, von der blau-schwarzen Haarpracht, mit der ich das Licht der Welt erblickt hatte. Geboren fürs Friseurgeschäft.

Rollschuhe oder Geschwisterchen?

Mein Großvater August fiel fast vom Apfelbaum, als er die frohe Nachricht bekam. Eine »Maria« wollte er, eine Maria, weil ich doch ein Geschenk sei, wo er so zur Jungfrau Maria gebetet hätte. Meine Mutter, die sich so sehr eine »Carla« gewünscht hatte, kam gegen den frommen Wunsch ihres Vaters nicht an.

Mein Bruder Alfred durfte an diesem ereignisreichen Tag sogar von der Schule nach Hause. Um die Spannung noch zu erhöhen, fragte man ihn, was er denn lieber hätte: ein Geschwisterchen oder ein Paar Rollschuhe? – Zu seinem dreißigsten Geburtstag schenkte ich ihm dann welche, weil er mir immer vorgeworfen hatte, damals die falsche Antwort gegeben zu haben.

Das Wunder

An meine Kindheit denke ich mit der größten Zärtlichkeit. Ich erfuhr in meiner Familie viel Liebe.

Der Großvater saß auf seinem Thron, einem ausrangierten Altherren-Friseurstuhl, dem er einen schattigen Platz unter dem Kirschbaum im Garten gegeben hatte – gleich hinter dem Hühnerstall. Im Winter zog er sich in das kleine Gartenhäuschen zurück, wo er Buch führte, wie viele Eier die Hühner gelegt hatten. Dort brachte er mir das Lesen der Uhr bei und betete mit mir zu Mittag zu den Engeln des Herrn.

Ich liebte es, unter dem Kirschbaum auf seinem Schoß zu sitzen.

»Opa, erzähl mir ein bisschen vom Krieg.«

Und wieder erzählte er mir die Geschichte, wie er seinem sterbenden Kameraden im Feld die Augen zugedrückt und der Hunger ihn gezwungen hatte, das letzte Stückchen Brot aus dessen Brotsack zu nehmen.

Manchmal wanderten wir rauf zum Kapellchen am Weinberg, da konnte man das Wandgemälde sehen, das genau dieses Erlebnis darstellte – und die beiden Tafeln mit den Gefallenen und Vermissten aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Beide hat der Großvater miterlebt. Im Ersten hat er gekämpft und im Zweiten seine Söhne verloren. Anton blieb vermisst, Karl war der Erste aus dem Dorf, der gefallen ist.

Meine Großmutter hat sieben Kinder zur Welt gebracht, doch einzig meine Mama blieb am Leben, obwohl sie ein Sieben-Monats-Kind war und nur vier Pfund auf die Waage brachte.

Meine lieben Eltern.

Sehr früh musste meine Mutter die häuslichen Pflichten übernehmen, zu denen meine kränkelnde Großmutter nicht mehr in der Lage war. Die Galle! Tagelang blieb sie im Bett liegen und überließ das Melken und Kochen und Putzen ihrer zwölfjährigen Tochter Paula.

Ihren Sohn Karl hat sie wohl am meisten geliebt, die Großmutter. Ich erinnere mich ganz genau an ein übergroßes Foto von ihm, das golden gerahmt an der Wand hing: Es zeigte einen ernsten jungen Mann in Uniform, der mich mit seinen Augen in jede Ecke des Raumes verfolgte. Vor seinem Bildnis verloren die Erzählungen meines Großvaters vom Krieg alles Märchenhafte und verwandelten sich in Gruselgeschichten. Zumal auch das Wunder, das mit seinem Tod einherging, seinen Teil dazu beitrug.

Die Großmutter, die so gepeinigt war von Gallenschmerzen, sich aber nicht operieren lassen wollte, weil sie bei genau solch einem Eingriff eine Schwester verloren hatte, flüchtete aus dem Krankenhaus und ging zu Fuß nach Hause. Daheim angekommen, trank sie, obwohl man es ihr strengstens verboten hatte, ein kaltes Bier – und es schmeckte ihr wie selten. Dann legte sie sich ins Bett, und bevor sie einschlief, rief sie ihrem Sohn, der Tage zuvor eingerückt war, zu: »Karl! Hilf du mir doch!«

Ich weiß nicht, wie oft ich als Kind diese Geschichte gehört habe. Jedenfalls: Die Großmutter erwachte und war gesund. Der Karl aber war gefallen und blickte jahrzehntelang stumm in unser Wohnzimmer hinein. – Der Karl hätte das Friseurgeschäft übernehmen sollen, welches schon der Großvater neben der Landwirtschaft führte. Was sollte jetzt nur werden?

Von der Kuh in die Kirchgasse

Der Atem hat nicht gereicht. Mein armer kleiner Papa war gerade einmal drei Jahre alt, als sein Vater Georg an einer Lungenkrankheit starb und seine Mutter mit vier kleinen Kindern allein ließ.

Ich habe Oma Lina kaum gekannt. Aus meiner Sicht hatte sie große Nasenlöcher. Man musste mich auf den Arm nehmen, damit ich im Leichenschauhaus die Oma durch die Glasscheibe noch mal sehen konnte. Von hier waren sie nicht mehr so groß und die Nase eher schmal in dem kleinen gelben Gesichtchen mit dem weiß gekräuselten Haarkranz, einem schwarzen Kleid und einem Rosenkranz um die gefalteten abgearbeiteten Hände.

Vor meiner Zeit (meine Eltern Paula und Edmund,Bruder Alfred, Schwester Evi, meine Großeltern Maria und August,meine Schwestern Marga und Gertrud).

Die Cousinen weinten, meine Schwestern weinten – ich weinte auch ein bisschen, und keiner bemerkte, dass es nicht echt war, denn man hatte mich längst wieder abgestellt und ich verschwand inmitten der schwarzen Hosenbeine und Nylonstrümpfe meiner großen Familie.

Nur zwei Kühe hatte sie gehabt, die Oma Lina. Oft nicht einmal genügend Milch für Eva, Else, Emil und den kleinen Edmund – Edmont, wie man ihn später in Metz genannt hat. Ja, die Französinnen dort haben ihn gemocht, aber auch hier im Dorf war er ein begehrter Junggeselle, der gutaussehende, schwarzhaarige junge Herr, der bereits mit zwölf Jahren als Hilfsknecht und Waldarbeiter ein paar Pfennige dazu verdienen musste und für den der Eintritt in den Arbeitsdienst eine Erlösung war.

Meine Mutter war auch verliebt in ihn, kam der Edmund doch oft ins Haus, da er der beste Freund von ihrem Bruder Anton war, dem zweiten Sohn meiner Großmutter. Er war der Letzte der Vermissten auf dem Bild im Kapellchen.

Das Damenorchester

Der Anton wurde von der ledigen Schwester meiner Großmutter Maria großgezogen, die im Elternhaus geblieben war, denn die Oma war als Bauersfrau doch überfordert. Ihr Schwiegervater hat gesponnen, geisterte in der Nacht durch das Haus und war angriffslustig. Kein einfaches Leben für eine zarte Musikerin, die den Geigenhals gegen den Stiel einer Mistgabel tauschen musste.

Der August war fünf Jahre älter als meine Großmutter, doch sie hat ihm bereits in der Schule die Hefte korrigiert. Er kam ins Haus wie die meisten jungen Männer aus dem Dorf, um beim alten Otto Miltenberger, meinem Urgroßvater, ein Instrument zu lernen.

Die meisten Kinder aus dem Dorf spielten ein Instrument und hatten Unterricht beim alten Otto Miltenberger, der jedes Instrument spielen konnte, das er jemals in den Händen gehalten hatte. »Wer viel Geld hat und viele Geiß, der ist ärmer, als er weiß«, war einer seiner beliebten Sprüche.

Sechs Töchter und keinen Sohn. An wen sollte er nur das Küfer-Handwerk weitergeben? Aber was für ein Vergnügen, die Mädchen musizieren zu hören. Sie spielten so schön, und an den Abenden quoll aus den Fenstern des kleinen Fachwerkhauses in der Mitte des Dorfes die Musik und durchwehte den ganzen Ort.

Kein Wunder also, dass sich die Dorfburschen zur Erntezeit gerne einfanden und dem Otto ihre Hilfe anboten. Schon alleine der Blick lohnte sich, wenn die Töchter gegen Mittag die Vesper in großen Körben auf das Feld brachten und die eine beim anderen länger verweilte als eigentlich notwendig gewesen wäre.

Das Damenorchester:Meine Großmutter Maria (ganz links) mit ihren Schwestern.

Die Mädchen wurden von der ledigen Tante, die im Haus wohnte, auf ein gutes Leben vorbereitet. Sie lernten Gedichte, die meine Oma noch im hohen Alter auswendig konnte. Ganze Theaterstücke konnte sie aufsagen. Liedertexte wie »Die Uhr« von Carl Loewe. Ihre Schrift war wie gemalt, und Briefe zu schreiben, gehörte zu ihren größten Leidenschaften.

Drei Männer bräuchte man, um alle Bedürfnisse einer Frau abzudecken, sagte sie mir einmal. Einen für das Herz, einen für den Geist und einen guten Freund. »Weißt du«, meinte sie, »wenn du bei einem mal das Gefühl hast, dass du ihn heiraten könntest, dann ist es keine Sünde.«

Ja, für sie war es keine Sünde. Zum Heiraten hatte sie ihn gern, den August. Als der Erste Weltkrieg kam und er einrücken musste, merkte sie nach drei Wochen, dass es besser gewesen wäre, wenn sie geheiratet hätten. Dann wurde der Opa verwundet und man brachte ihn ins Lazarett nach Würzburg. So kam es, dass sie dort im Dom geheiratet hat und der Karl ein damals so häufiges Sieben-Monats-Kind wurde.

So habe ich doch das eine oder andere Mal gesündigt in meinem Leben, denn nicht immer war ich mir sicher, dass ich den Mann in meinem Bett auch heiraten wollte – schon gar nicht am nächsten Morgen.

»Eine Spritze,ich brauche eine Spritze!«

»Frau Happel, auf die Bühne bitte.« Natürlich hatte sich meine Angst bestätigt: Zwei Tage vor der Premiere von »Piaf« in Bremen wurde ich heiser. Eine Freundin von mir, eine Ärztin, versuchte, meine Stimme mit homöopathischen Mitteln und Salzbädern zurückzuholen. Sie behauptete, meine Aura wäre von Torsten Fischer, dem Regisseur des Stücks – für den ich heftigst schwärmte – zerstört worden.

Man hat damals schon – das war 1986 – gemunkelt, es gäbe in Wien einen Arzt, der Öl direkt auf die Stimmbänder spritzen würde, und man dachte tatsächlich darüber nach, ob man diesen Arzt einfliegen lassen könnte.

Ich schaffte es in Bremen ohne Dr. Kürsten, in meiner späteren Wiener Zeit hat er mich allerdings oft gerettet. Diesmal reichte eine Kortisonspritze vom Theaterarzt, sie lockerte meine Stimmbänder und ich konnte auftreten. Von da an brauchte ich die Spritze vor jeder Vorstellung. Sobald »Piaf« auf dem Spielplan stand, wusste ich nach dem ersten morgendlichen Räuspern, dass meine Stimme versagen würde. Der Theaterarzt musste am Abend kommen und mir eine Spritze geben.

Einmal bekam ich die Mischung aus Kortison und Kalzium zu schnell in die Adern und wurde ohnmächtig. Ich kam erst wieder zu mir, als ich schon meinen Aufruf hörte: »Frau Happel, auf die Bühne bitte.« – Da fühlte ich mich schon ganz, ganz, ganz nah dran, am Schicksal der Piaf.

Das strahlte ich wohl auch auf der Bühne aus: Menschen standen mit Plakaten vor dem Theater und versuchten an Karten zu kommen. Ich bekam Post und Blumengeschenke, Menschen warteten auf mich nach der Aufführung. In jeder »Piaf« Vorstellung in Bremen wurde jemand im Publikum ohnmächtig.

In einer Szene des Stücks wird die Piaf nach einem Autounfall für den Auftritt aufgepäppelt. Sie bekommt eine Spritze, um auf die Beine zu kommen, und geht auf die Bühne. Doch sie schafft es nicht. Sie stürzt eine Treppe hinunter und liegt regungslos da. Ein Arzt eilt ihr zur Hilfe und verabreicht ihr das rettende Medikament. Bei der zweiten Vorstellung bemerkte ich – im freien Fall –, dass sich im Publikum eine ganze Reihe erhob. Ich dachte mir: »Oje, den Leuten gefällt es nicht.«

Nach der Aufführung erfuhr ich den wahren Grund. Eine Verwandte kam zu mir und entschuldigte sich: »Du bist nicht böse, aber ich bin ohnmächtig geworden. Die ganze Reihe musste aufstehen.«

Das geschah dann häufiger, doch wir taten es mit der Bemerkung ab, es müsse wohl an der furchtbaren Luft liegen. Als aber auch 1990 in Hannover und ein Jahr später in Köln immer an derselben Stelle Zuschauer ohnmächtig wurden, wussten wir, dass es nicht am Hitzestau des möglicherweise etwas ungünstig gebauten Theaters, sondern an der Szene liegen musste, die die Leute einfach nicht ertragen konnten.

Selten schafft man es im Sprechtheater, die Identifikation mit einer Figur so emotional zu erleben. Dadurch, dass die Piaf tatsächlich gelebt hat und nicht eine fiktive, von einem Dichter erschaffene Figur ist, konnte das gelingen.

Ich war also auf bestem Wege, von Kortisonspritzen – wenn auch nicht körperlich, so doch psychisch – abhängig zu werden. Bis ein Arzt aus Kolumbien als Theaterarzt engagiert wurde, der die Vorstellung schon ein paar Mal gesehen hatte.

Ich ließ ihn rufen und sagte zu ihm: »Ich kann unmöglich auftreten, ich brauch’ eine Spritze.«

Er meinte: »Ich werde Ihnen keine Spritze geben. Sie brauchen keine Spritze.«

Ich wisperte: »Natürlich. Ich brauche eine Spritze. Ich kann nicht singen.«

Daraufhin nahm er meine Hand und begann sie zu kneten. Er bat meine Garderobiere, ein Glas Bier zu erwärmen, und ich musste es in kleinen Schlucken trinken. Das hatte eine Wirkung gleich Null. Es schmeckte scheußlich und ich war der Verzweiflung nahe.

Obwohl ich weinte, schob er mich, als der Ruf »Frau Happel, auf die Bühne bitte« zu hören war, nach unten und schubste mich auf die dunklen Bretter. Das Licht ging an – und ich brauchte nie wieder eine Spritze. Er hat mich geheilt.

Die Geschichte der Piaf nahm komplett Besitz von mir, wie das später auch alle anderen Rollen getan haben. Aber in diesem Fall war es ganz extrem, vielleicht deshalb, weil diese Figur ganz am Anfang meiner Laufbahn stand.

Ich fuhr nach Paris, tat in der Vorbereitung alles für die »Piaf« und scheute keinen Aufwand. Zwar schaute ich mir keinen Film an, las aber alles, was ich über die Piaf in die Finger kriegen konnte. Ich wollte die Stimmungen so fühlen und erleben, wie ich es gelesen hatte, und zu jedem Lied die passenden Gesten finden. Das Einzige, das ich nicht getan habe, und das tut mir heute leid: Ich hab nie richtig Französisch gelernt. Aber das hab ich mir fürs Alter fest vorgenommen.

Meine Schwester Evi

Er hatte Geheimratsecken, obwohl er noch gar nicht so alt war. Mein Papa hatte ihm und seiner Mutter das Kloster Engelberg gezeigt, einen Wallfahrtsort in unserer Nähe. Sie brachten mir von dort einen grünlich-türkis schimmernden Plastikbecher mit. Auf dem Stuhl hab ich ihn kurz abgelegt und da setzt der sich einfach drauf!

»Du siehst! Du hörst nicht, aber du siehst!«

Schon konnte ich Manfred nicht leiden. Den verbeulten Becher in der Hand, aus dem ich noch nicht mal getrunken hatte, und gegen die Tränen ankämpfend, starrte ich den Mann an, der meine älteste Schwester Evi heiraten sollte.

Fieberkrämpfe hatte Evi gehabt, als sie acht Monate alt war. Die Tiefflieger waren schuld, sagte die Oma immer. Eine Art Hirnschlag. Kommt bei Babys einmal unter einer Million vor, meinte meine Mutter.

Gelähmt war sie. Alle saßen um das Bettchen, machten Wadenwickel und streichelten das heiße Köpfchen. Der Doktor war ratlos, machte meinen Eltern wenig Hoffnung. Tage und Nächte zwischen Hoffen und Bangen. Das linke Füßchen hat sich zuerst wieder bewegt, dann das linke Ärmchen, und so nach und nach erwachte der ganze kleine Körper wieder vollständig zum Leben.

Als sie mit zwei Jahren noch immer nicht sprechen konnte, hielten es meine Eltern für eine Folgeerscheinung dieser Erkrankung. Sie zögerten den Arztbesuch immer weiter hinaus.

Eines Tages beschlossen sie dann doch, einen Spezialisten aufzusuchen. Mein Papa trug die Evi auf den Schultern nach Aschaffenburg.

»Ihr Kind hat nichts. Es ist vollkommen gesund«, sagte der Arzt nach einer ausführlichen Untersuchung zu meiner Mutter.

Sie verließen die Ordination.

»Ihr Kind hat nichts.« Als sie unten auf der Straße waren – »Vollkommen gesund« –, drehte meine Mutter noch einmal um: »Haben Sie auch in die Öhrchen geschaut?« Sie streckte ihm das Kind entgegen.

»Drehen Sie die Kleine mal zu sich«, sagte er und klatschte hinter dem Kopf meiner Schwester in die Hände.

Noch mal und noch mal – keine Reaktion.

»Ihr Kind kann nicht hören«, war die Diagnose, die meine Eltern längst befürchtet und doch nicht hatten wahrhaben wollen. So gingen sie die zwanzig Kilometer mit dem Kind zurück ins Dorf und wussten nicht, was werden sollte. Diese junge Ehe, die mit einem schwarzen Brautkleid begonnen hatte, weil der Bruder gefallen war, wurde erneut auf eine harte Probe gestellt.

Der Gehörnerv war gelähmt. Der Krieg war noch lange nicht zu Ende und eine zweite Schwangerschaft rettete meine Mutter vor dem Verrücktwerden. Meine starke Großmutter kümmerte sich aufopfernd um ihr Enkelkind.

Evi kam nach Hohenwart in ein Kloster, in eine sogenannte Taubstummenanstalt. Dort besuchte sie den Kindergarten, und Nonnen brachten ihr das Sprechen und das Lesen von den Lippen bei.