Das Tagebuch der Rywka Lipszyc - Rywka Lipszyc - E-Book

Das Tagebuch der Rywka Lipszyc E-Book

Rywka Lipszyc

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Beschreibung

Ein erschütterndes Zeitdokument Im Ghetto von Lodz schreibt die damals 14-jährige Rywka Lipszyc ein Tagebuch. Während ihre Familie und die Welt um sie herum auseinanderbrechen – die Eltern sterben an Hunger und Auszehrung, Bruder und Schwester werden deportiert –, versucht Rywka ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie ist ein gläubiges junges Mädchen, im Schreiben sucht sie vor allem Trost und Rettung. Neugierig und wach blickt sie in die Welt; ihre Tagebucheinträge zeigen einen unverstellten Blick nicht nur auf das tägliche Leben und Überleben im Ghetto, sondern schildern zugleich das Ringen ums Erwachsenwerden in einem von Entbehrungen und Unterdrückung beherrschten Umfeld. Von Oktober 1943 bis April 1944 notiert Rywka Neuigkeiten, Empfindungen, Träume und Gefühle – ein berührendes Dokument. Das Tagebuch von Rywka Lipszyc wurde im Frühjahr 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz entdeckt, verschwand dann aber im Nachlass einer russischen Ärztin. Wie durch ein Wunder wurde es 1995 wiederentdeckt und 2014 in den USA erstmals veröffentlicht. »Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ach, es ist so schwer … In meiner Fantasie sehe ich verschiedene Bilder, verschiedene, und selbst wenn ein gutes darunter ist, in dem ich etwas Trost finde, dann finde ich erst recht keinen Platz für mich. Ich bin so erschöpft …«

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Seitenzahl: 368

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Das Tagebuch der Rywka Lipszyc wurde im Frühjahr 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz entdeckt, verschwand dann aber im Nachlass einer russischen Ärztin. Wie durch ein Wunder wurde es 1995 wiederentdeckt und 2014 in den USA erstmals veröffentlicht.

Im Getto von Lodz schreibt die damals 14-jährige Rywka Lipszyc ein Tagebuch. Während ihre Familie und die Welt um sie herum auseinanderbrechen – die Eltern sterben an Hunger und Auszehrung, Bruder und Schwester werden deportiert –, versucht Rywka ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie ist ein gläubiges junges Mädchen, im Schreiben sucht sie vor allem Trost und Rettung. Neugierig und wach blickt sie in die Welt; ihre Tagebucheinträge zeigen einen unverstellten Blick nicht nur auf das tägliche Leben und Überleben im Getto, sondern schildern zugleich das Ringen ums Erwachsenwerden in einem von Entbehrungen und Unterdrückung beherrschten Umfeld.

DAS TAGEBUCH DER RYWKA LIPSZYC

Aus dem Polnischen (Tagebuch)und Englischen (Anmerkungen und Begleittexte)

Die Originalausgabe wurde unter dem Titel The Diary of Rywka Lipszyc.Found in Auschwitz by the Red Army in 1945 and first published in San Francisco in 2014 durch das Jewish Family and Children's Services Holocaust Center in partnership with Lehrhaus Judaica veröffentlicht.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015.

© der deutschen Ausgabe Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Copyright © 2015 by Jewish Family and Children's Services of San Francisco, the Peninsula, Marin and Sonoma Counties

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlaggestaltung: Ute Fahlenbock

Widmung

Rywka Lipszyc war eine von Hunderttausenden jüdischen Jugendlichen im nationalsozialistisch besetzten Europa, die nie die Chance hatten, die typischen Freuden und Schmerzen des Erwachsenwerdens zu erleben. Sie alle hatten wie Rywka Hoffnungen und Träume, Ängste und Sorgen, Freuden und Lieben.

INHALT

Vorwort

Judy Janec | Der Weg des Tagebuchs von Auschwitz nach Amerika

Rywka Lipszyc. Heranwachsen im Getto Lodz

Alexandra Zapruder

Rywkas Stadt, Rywkas Getto

Fred Rosenbaum

Das Tagebuch der Rywka Lipszyc

Die Familie erinnert sich

Hadassah Halamish | Mehr als ein Name

Esther Burstein | Eine Begegnung mit der Vergangenheit

Was geschah mit Rywka Lipszyc?

Judy Janec

Ein weiteres Geheimnis

Bibliographie

VORWORT

JUDY JANEC | Der Weg des Tagebuchs von Auschwitz nach Amerika

Im Frühjahr 1945 fand eine Ärztin der Roten Armee nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in den Ruinen der Krematorien in Auschwitz-Birkenau ein Tagebuch. Die Medizinerin Sinaida Beresowskaja, eine glühende Patriotin und überzeugte Kommunistin, hatte ihre Heimat verlassen, um sich am Kampf gegen die einmarschierende Wehrmacht zu beteiligen, und war mit den sowjetischen Truppen nach Auschwitz gekommen.

Als Sinaida Beresowskaja in ihre Heimatstadt Omsk im Südwesten Sibiriens zurückkehrte, nahm sie das Tagebuch mit. Dort blieb es bis zu ihrem Tod im Jahr 1983. Den Nachlass übergab man ihrem in Moskau lebenden Sohn Ghen Shangin-Beresowski. Nach seinem Tod im Jahr 1992 ging seine Habe an seine Ehefrau Lilavati Ramayya. In deren Haus entdeckte Ghens Tochter Anastasia Shangina-Beresowskaja (eine Enkelin Sinaidas) bei einem Besuch 1995 das Tagebuch. Sie ahnte seine Bedeutung und nahm es mit nach San Francisco, wohin sie 1991 emigriert war.

In den folgenden Jahren versuchte Anastasia mehrfach eine Institution zu finden, die den Wert des Tagebuchs prüfen und es gegebenenfalls übersetzen lassen und veröffentlichen würde. Im Juni 2008 kontaktierte sie Leslie Kane, den geschäftsführenden Direktor des damaligen Holocaust Center of Northern California. Leslie verwies sie an mich als Archivarin und Bibliothekarin des Zentrums, und einige Tage später brachte Anastasia das Tagebuch in unsere Bibliothek.

Es war ein atemberaubendes Objekt – ein unbekanntes Tagebuch, geschrieben im Getto von Lodz – und eine seltene Gelegenheit, den historischen Quellenbestand zu erweitern. Das Tagebuch, ein Schulheft mit handschriftlichen Einträgen in polnischer Sprache, befand sich in relativ gutem Zustand. Die ersten beiden Seiten hatten sich vom Rest abgelöst, die Schrift war stellenweise unleserlich geworden, es gab Wasserflecken und Rost. Für sein Alter und seine Herkunft – die Krematoriumsruinen in Auschwitz – war es jedoch erstaunlich gut erhalten.

Das Heft umfasste 112 Seiten, beigefügt waren eine Notiz und zwei zeitgenössische Zeitungen. Der erste Eintrag trug die Überschrift »Litzmannstadt Getto – 3. Oktober 1943«. Der letzte, ebenfalls im Getto verfasste Eintrag stammte vom 12. April 1944. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein wertvolles Dokument! Wie wertvoll es wirklich war, ließ sich allerdings ohne fachliche Unterstützung nicht feststellen. Wir entschieden, Teile des Tagebuchs zu digitalisieren und einschlägig ausgewiesenen Fachleuten zu zeigen. Wir scannten behutsam einige Seiten ein und setzten dann einen Prozess in Gang, der das Tagebuch, das sechzig Jahre im Dunkeln geschlummert hatte, ans Licht der Welt bringen sollte.

Auf die Empfehlung von Zachary Baker, dem für Judaica zuständigen Kurator an der Stanford University und Verwaltungsratsmitglied des Holocaust Center, dem wir die Scans als Erstem gezeigt hatten, wandten wir uns an Dr. Robert Moses Shapiro vom Brooklyn College, einen profunden Kenner des Gettos in Lodz und der dort entstandenen Tagebücher, der überdies flüssig Polnisch, Hebräisch und Jiddisch las und sprach. Dr. Shapiro erkannte schnell den besonderen Wert des Tagebuchs. Nachdem er die Stichprobe der eingescannten Seiten durchgesehen hatte, war er von seiner Echtheit überzeugt. In den folgenden Monaten unternahmen wir mehrere Schritte, um dieses außergewöhnliche Dokument der Welt zugänglich zu machen.

Der erste Schritt bestand darin, eine digitale Kopie des Tagebuchs anzufertigen, damit sein Inhalt für immer bewahrt bliebe. Selbst wenn dem konkreten Objekt etwas zustoßen sollte, wären die Worte des Tagebuchs gesichert. Die Scans wurden von Marek Web, vormals Archivar des YIVO Institute for Jewish Research in New York, gesichtet. Auch er bestätigte die Echtheit des Tagebuchs.

Der nächste Schritt bestand in der Transkription. Auf Empfehlung von Dr. Shapiro kontaktierten wir Ewa Wiatr vom Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Lodz. Sie erklärte sich bereit, den Text zu transkribieren und mit Anmerkungen zu versehen. Ewa fand auch heraus, wer die Tagebuchschreiberin war und verifizierte ihre Identität durch Recherchen in den Aktenbeständen des Lodzer Gettos. Dabei war es sehr hilfreich, dass die Verfasserin im Tagebuch ihren Namen erwähnte. Das war der Anfang unserer Bekanntschaft mit Rywka Lipszyc.

Im Dezember 2010 kam das Holocaust Center of Northern California unter das Dach der Jewish Family and Children's Services (JFCS) of San Franciso, the Peninsula, Marin and Sonoma Counties unter Leitung von Dr. Anita Friedman. Die JFCS wollten in Zusammenarbeit mit Lehrhaus Judaica, einem von Fred Rosenbaum gegründeten nicht-konfessionsgebundenen Zentrum für jüdische Erwachsenenbildung in der Bay Area, das Tagebuch veröffentlichen. Dank eines glücklichen Zufalls hatte Rosenbaum kurz zuvor mit Eva Libitzky ein Buch über deren Zeit im Lodzer Getto und in Auschwitz (Out on a Ledge, 2010) herausgegeben.

Nun mussten das Tagebuch und Ewa Wiatrs Anmerkungen ins Englische übersetzt werden. Dank des Einsatzes der Übersetzerinnen Małgorzata Szajbel-Kleck und Małgorzata Markoff lag die englischsprachige Fassung bald vor. Alexandra Zapruder, die 2002 mit dem National Jewish Book Award for Holocaust Literature ausgezeichnete Herausgeberin des Bandes Salvaged Pages. Young Writers' Diaries of the Holocaust, erklärte sich bereit, die Herausgeberschaft zu übernehmen und eine Einleitung über die Formierung jugendlicher Identität unter außergewöhnlichen Bedingungen beizusteuern. Der Historiker Fred Rosenbaum lieferte einen Essay über das Getto Lodz. Hadassah Halamish, die Tochter von Rywkas Cousine Mina, schrieb über die Erinnerungen ihrer Mutter und ihrer Tante Esther an die Zeit mit Rywka im Getto und in den Lagern. Auch Esther selbst verfasste einen kurzen Text.

Auf diese Weise haben wir mit Hilfe von Archivaren, Historikern, Schoah-Überlebenden, Übersetzern und Herausgebern – sowie durch die Unterstützung von Philanthropen, Agenturleitern und zahlreichen anderen Menschen, die sich der Erinnerung an die Schoah verpflichtet fühlen – unser wichtigstes Ziel erreicht: Rywka Lipszyc ist nicht länger ein namenloses Opfer der Schoah. Ihre Worte werden sie überleben.

RYWKA LIPSZYC. HERANWACHSEN IM GETTO LODZ

ALEXANDRA ZAPRUDER

Rywka Lipszyc beginnt den einzigen erhaltenen Band ihres Getto-Tagebuchs kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag. Im Laufe des halben Jahres zwischen Oktober 1943 und April 1944 füllt sie über 100 handgeschriebene Seiten. Dann bricht das Tagebuch ab. Ein Jahr später findet eine sowjetische Ärztin, die die Rote Armee bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz begleitete, das Tagebuch unweit der Ruinen des Krematoriums in Birkenau. Deutet die Reise des Tagebuchs an, welchen Weg Rywka in den so gut wie sicheren Tod ging, so erzählen die Eintragungen eine weitaus tiefgründigere Geschichte. Rywka ringt darum, sich selbst zu verstehen und sich zu artikulieren. Dabei dokumentiert sie sowohl die physischen Zumutungen des Lebens im Getto als auch die emotionalen Turbulenzen des Heranwachsens in der Schoah.

Rywka Lipszyc wurde am 15. September 1929 als älteste Tochter von Yankel und Miriam Sarah Lipszyc geboren. Sie hatte drei Geschwister: Abram, genannt Abramek (geb. 1932), Cypora, genannt Cipka (geb. 1933), und Estera, genannt Tamarcia (geb. 1937). Rywkas Eltern stammten beide aus dem polnischen Lodz. Yankel Lipszyc – das fünfte von acht Kindern der Eltern Avraham Dov und Esther – lebte mit seiner Familie in der Nähe seiner Geschwister und anderer Verwandter in Lodz. Über die Ehefrau seines älteren Bruders Yochanan, Hadassah, war die Familie weitläufig mit Moshe Menachem Segal verwandt, dem berühmten »letzten Rabbi« des Lodzer Gettos. Nach der Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen wurde Segal verfolgt und gefoltert und 1942 unweit der Stadt Kielce ermordet.[1]

Die jüdisch-orthodoxe Familie lebte streng nach den religiösen Vorschriften. Das Tagebuch zeigt Rywkas starke Bindung an die Rituale des Sabbats und der jüdischen Feiertage sowie ihr unerschütterliches Vertrauen in Gott. Am 2. Februar 1944 schreibt sie:

Wie sehr ich Gott liebe! Ich kann mich immer und überall auf Gott verlassen, aber ich muss auch meinen Teil dazu beitragen, denn nichts geschieht von allein! … Aber ich weiß, Gott wird mir helfen! Ach, wie gut, dass ich Jüdin bin, und wie gut, dass man mich gelehrt hat, Gott zu lieben … Für das alles bin ich dankbar! Ich danke dir, Gott.

Zu dem Zeitpunkt, an dem das Tagebuch einsetzt, lebt Rywka schon über drei Jahre im Getto und hat beide Eltern verloren. Ihr Vater wurde auf der Straße von Deutschen brutal zusammengeschlagen und trug bleibende Gesundheitsschäden davon. Infolge einer Lungenerkrankung starb er am 2. Juni 1941. Ihre Erinnerungen an den Vater beschreibt Rywka eindrücklich am Ende des Tagebuches.

Die Mutter kümmerte sich im Getto ein Jahr allein um ihre vier Kinder. Sie starb am 8. Juli 1942, vermutlich wie Zehntausende andere Gettobewohner an Unterernährung und Erschöpfung. Rywkas Vater wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Marysin am nordöstlichen Rand des Gettos begraben; wo die Mutter ihre letzte Ruhe fand, ist nicht bekannt. Dennoch empfindet Rywka von Zeit zu Zeit das dringende Bedürfnis, die Gräber ihrer Eltern zu besuchen. »Abgesehen davon zieht es mich seit ein paar Tagen auf den Friedhof …«, schreibt sie am 4. Februar 1944, »eine offenbar unbewusste Kraft … Ich würde so gern dorthin gehen! … Zu Mama, zu Papa. Es zieht mich mit aller Macht dorthin!«

Die verwaisten Lipszyc-Kinder wurden von Verwandten adoptiert. Ein Onkel nahm Abramek und Tamarcia zu sich, während Rywka und Cipka zu Yochanan und Hadassah Lipszyc kamen. Knapp zwei Monate später erleben Rywka und ihre Geschwister eines der traumatischsten Ereignisse in der Geschichte des Gettos, die berüchtigte »Aktion Gehsperre« (im Getto-Slang kurz »Sperre«) im September 1942. Auf Anordnung der deutschen Behörden sollte das Getto neben Kranken und Schwachen auch insgesamt 15 ‌000 Kinder unter 10 Jahren und Alte über 65 Jahren zur Deportation ausliefern.

Mordechai Chaim Rumkowski, der sogenannte Älteste der Juden, überbrachte der Gettobevölkerung diesen entsetzlichen Befehl. In einer Rede verlangte er von den Vätern und Müttern, sie sollten das Undenkbare tun, um noch Schlimmeres vom Getto abzuwenden. Er beschwor die versammelte Menge von Tausenden weinenden und klagenden Eltern:

Niemals habe ich mir vorstellen können, dass ich mit eigenen Händen das Opferlamm zum Altar führen müsste. Doch nun, im Herbst meines Lebens, muss ich meine Hände ausstrecken und bitten: Brüder und Schwestern, gebt sie mir! Gebt mir eure Kinder![2]

Rywkas Ausweis im Getto

Während der Sperre versuchten Yochanan und die schwerkranke Hadassah nicht nur, sich selbst und ihre drei Töchter (Estusia, Chanusia und Minia) zu retten, sondern auch Rywka, Cipka und eine weitere Nichte, die erst drei Jahre alte Esther. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen nahmen die deutschen Behörden nur Yochanan fest, Hadassah blieb mit den sechs Mädchen zu Hause zurück. Allerdings fielen auch Abramek und Tamarcia den Verhaftungen und Deportationen zum Opfer. Von der Familie, die weniger als ein Jahr zuvor sechs Personen umfasst hatte, waren somit nur Rywka und Cipka noch am Leben. Die Sperre ist für Rywka und für die gesamte Gettobevölkerung wie eine offene Wunde. Im Januar 1944 kommt während des Besuchs bei einer Freundin noch einmal die Rede auf das traumatische Ereignis:

Ankündigung der »Gehsperre« vom 5. ‌9. ‌1942

Wir haben über die Sperre gesprochen. Ewa hat erzählt, was ihr auf dem Herzen lag, und es schien sie zu erleichtern. Ich habe geschwiegen, denn was hätte ich sagen sollen? … […] Das Gespräch und überhaupt das Ganze haben mir aufs Gemüt geschlagen … ich fühle mich schlecht … ach, ich habe keine Kraft … mein Herz ist versteinert … irgendetwas schnürt mir die Kehle zu, erstickt mich … (15. Januar 1944)

Die Menschen im Getto hatten keine genauen Informationen über das Schicksal der Deportierten, aber sie fürchteten das Schlimmste. Rywka formuliert mehrfach die Befürchtung – oder eigentlich die quälende Vermutung –, sie werde ihre Geschwister nicht wiedersehen. Die Wahrheit kam erst nach dem Krieg ans Tageslicht. Die Deutschen hatten die Deportierten mit Lastwagen ins Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) gebracht – die Endstation für 70 ‌000 Lodzer Juden bis zur endgültigen Auflösung des Gettos im August 1944. Hier waren sie ihrer Kleidung und Wertsachen beraubt und in sogenannten »Gaswagen« mit Kohlenmonoxid vergast worden. Zwischen 1941 und 1943 ermordete die SS in Kulmhof über 152 ‌000 Juden aus Lodz und Umgebung.[3]

Deportation von Kindern während der »Gehsperre«

Die noch immer schwerkranke und nun verwitwete Hadassah kümmerte sich um die sechs Mädchen, bis sie am 11. Juli 1943 ebenfalls ihrer Krankheit erlag. Von diesem Zeitpunkt an übernahm Estusia, mit zwanzig Jahren die Älteste, die Verantwortung für ihre beiden Geschwister und die Lipszyc-Töchter – alle waren minderjährig. (Die jüngste Cousine Esther wurde von einer weiteren Tante adoptiert.) Sie teilten sich eine Wohnung in der Ulica Wolborska 38, die Bedingungen waren hart und die Atmosphäre angespannt.

Die Kommission für Kinder- und Jugendfürsorge, deren Aufgabe in der Versorgung der Waisen bestand, stellte kleinere Hilfen für Rywka und Cipka bereit. Dazu gehörten etwa Krankenscheine für Zahnarztbesuche, Bezugsscheine für warme Kleidung sowie andere Dinge des grundlegenden Bedarfs. Außerdem erhielten die Mädchen eine zusätzliche Lebensmittelration, Beiratoder B-Ration genannt, die ihre ansonsten kargen Zuteilungen ergänzte. Aus Rywkas Tagebuch geht hervor, dass sie und ihre Cousinen trotz dieser Hilfeleistungen wie die meisten Gettobewohner unter zunehmendem Hunger und immer größeren Entbehrungen litten, die das Leben in diesem härtesten und am längsten existierenden Getto prägten.

Rywka war eine von mehreren jungen Tagebuchschreibern, deren Aufzeichnungen aus dem Getto Litzmannstadt erhalten geblieben sind. Das umfangreichste und bekannteste Tagebuch aus dem Lodzer Getto stammt von Dawid Sierakowiak, einem hochbegabten Schüler. Die insgesamt fünf Bände umfassen – mit Lücken, weil einige Notizhefte verlorengingen – die Zeitspanne von Juni 1939 bis April 1943. Sierakowiak beschreibt ausführlich seinen qualvollen Niedergang vom intellektuell neugierigen, scharfsinnig beobachtenden und oft umwerfend witzigen jungen Mann zum blassen Schatten seiner selbst, der – seiner Eltern beraubt und ohne die Möglichkeit, zu arbeiten oder zu lernen – die täglichen Qualen von Hunger und Hoffnungslosigkeit nur schwer erträgt. Das Tagebuch endet einige Monate vor dem Tod des Verfassers, der im August 1943 an Tuberkulose starb.

Eine anonyme junge Frau führte in den Monaten Februar und März 1942 ein fragmentarisches Tagebuch, in dem sie die schlimme Wirkung des Hungers auf sich und ihre Familie schildert – die brutale Reduktion der Menschen auf ihre existenziellen Grundbedürfnisse und die daraus resultierenden persönlichen, sozialen, spirituellen, geistigen und moralischen Konsequenzen.

Schließlich erzählt ein anonymer junger Mann in vier Sprachen (Polnisch, Jiddisch, Hebräisch und Englisch) auf den Marginalien und den letzten Seiten eines französischen Romans mit dem Titel Les Vrais Riches von den letzten Tagen des Gettos im Sommer 1944, als die wenigen Überlebenden – darunter Rywka – hilflos und sehnsüchtig die Ankunft der Roten Armee und die Befreiung erwarteten. Sein Tagebuch spiegelt die Hoffnung auf diesen Augenblick ebenso wie die Verzweiflung, welche die Nachricht von der endgültigen Liquidierung des Gettos im August 1944 auslöste.

Rywka schreibt von Oktober 1943 bis April 1944. Indem sie aus der Sicht eines jungen Menschen die wichtigsten Ereignisse im Getto in diesem Zeitraum schildert, schließt sie eine Lücke, die von den genannten Tagebuchschreibern nicht abgedeckt wird. Nicht nur der Zeitrahmen, auch Rywkas Perspektive als orthodoxes jüdisches Mädchen heben ihr Tagebuch von den Aufzeichnungen der anderen Schreiber ab. Alle ringen mit existenziellen Fragen, aber die meisten Tagebuchschreiber tun dies in einem säkularen Kontext. Im Gegensatz dazu betrachtet Rywka die Welt aus einer religiösen Perspektive: Sie glaubt inbrünstig an Gottes Güte und sie bemüht sich, die jüdischen Gesetze und ethischen Lehren zu befolgen. Gleichzeitig ist Rywka eine moderne junge Frau, intellektuell ambitioniert, neugierig auf die Welt und ihren eigenen Platz darin. Überdies ist sie gesegnet (oder geschlagen) mit einer starken Persönlichkeit, die ihr nicht erlaubt, Demütigungen still hinzunehmen. Sie gibt nicht nach, protestiert und wehrt sich, wo sie es für nötig hält.

Tanzende Schüler an der Franciszkańska-Schule in Lodz

Charakteristisch für das Tagebuch der Rywka Lipszyc ist der stetige Wechsel zwischen Innen- und Außenwelt. Sie beschreibt die praktischen Aspekte ihres Alltags: die Mechanismen des Überlebens im Getto, die unaufhörliche Arbeit, die nur selten durch die Schule und andere Aktivitäten unterbrochen wird, sowie die äußeren Ereignisse, die das Getto insgesamt und sie im Besonderen betrafen. Innerhalb dieses Rahmens jedoch lebt Rywka vorwiegend in ihrer inneren Welt – zentrale Themen sind ihre Schreibversuche, ihre Identitätsfindung, Freundschaften und insbesondere die tiefe Zuneigung zu ihrer Mentorin Surcia, ihre Lebensphilosophie (ihr Bemühen, der Welt vor dem Hintergrund der eigenen Erlebnisse einen Sinn zu geben), ihre Trauer um die Familie, ihr ständiges Ringen mit Erschöpfung, Verzweiflung, Hunger und Angst sowie ihr Glaube. Rywkas Tagebucheinträge sind eine – mitunter chaotische – Mischung aus Berichten, Reflexionen, Gefühlen, Neuigkeiten, Empfindungen und Ideen. In dieser Mischung bietet Rywkas Tagebuch nicht nur einen frischen Blick auf das tägliche Leben und Überleben im Getto Lodz. Vielmehr – was vielleicht noch wichtiger ist – spiegelt es auch das zum Scheitern verurteilte Ringen ums Erwachsenwerden in einem von Gefangenschaft, Mangel und Unterdrückung bestimmten Umfeld. Rywka sucht im Schreiben vor allem Trost und Rettung. Ihr Tagebuch bezeugt die Qualen dieses aussichtslosen Kampfes.

Rywkas Arbeitsplatz in der Kleider- und Wäscheabteilung

»Das erste Fest […] ist vorbei«, schreibt Rywka in ihrem ersten Eintrag am 3. Oktober 1943. Sie beginnt passenderweise mit Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest. Zu dieser Zeit wechselte Rywka von ihrer Arbeit im Zentralbüro der Arbeitsressorts in die von Leo Glaser geleitete Kleider- und Wäsche-Abteilung. Das Ressort mit Hauptsitz in der Ulica Dworska 14 hatte zu Beginn des Jahres 1941 mit 157 Arbeitern an 77 Maschinen die Produktion von Unterwäsche und Kleidern aufgenommen. Ein Jahr später war die Zahl der Arbeiter auf nahezu das Zehnfache angewachsen und der Betrieb produzierte nun auch Männerkleidung und Bettwäsche, wovon ein großer Teil für den deutschen Kriegsbedarf bestimmt war. Im Ressort arbeiteten mehrere Hundert Kinder, die durch das Erlernen eines nützlichen Handwerks bis zu einem gewissen Grad vor der Deportation geschützt waren. Rywka verdankte den Platz in diesem eher ungewöhnlichen Betrieb ihrer Bekanntschaft mit der Verwandten eines der Direktoren, die sie im Tagebuch ohne nähere Erläuterung nur »Zemlówna« nennt. Die neue Arbeitsstelle lag in der Ulica Franciszkańska 13/15.

Ausbildung der Mädchen an der Nähmaschine

In der Zeit, in der sie beginnt, Tagebuch zu führen, wird Rywkas Alltag maßgeblich durch die Arbeit und die Ausbildung bestimmt. Die Ausbildung war zu großen Teilen praktisch orientiert – unter Anleitung ihrer Lehrerin Frau Kaufman lernten die Kinder den Umgang mit der Nähmaschine, die Maße für einen Rock zu nehmen oder eine »gescheite Naht« zu nähen. Zusätzlich hatten sie Unterricht in Fächern wie Hebräisch, Jiddisch und Mathematik. Rywka wusste den Wert der Fertigkeiten, die sie im Ressort erwarb, zu schätzen. Mit Blick auf das Leben nach dem Krieg schreibt sie:

Noch ein anderes Mal sehe ich: Abend, eine einfache erleuchtete Stube, am Tisch meine ganze Familie … es ist angenehm … warm und gemütlich … ach, wie gut! … Später, wenn alle schon schlafen gehen, setze ich mich an die Maschine und nähe … nähe … und dabei fühle ich mich so wohl, so gut … so wonnig! … Denn alles, was meine Hände schaffen … ist unser bescheidener Lebensunterhalt … Davon bezahle ich Brot, Schule, Kleidung … Fast alles durch meiner Hände Arbeit … Ich bin Fr. Kaufman sehr dankbar dafür … (28. Februar 1944)

Zugleich war die Arbeit oft eine Plackerei, die für Rykwa vor allem deshalb wichtig war, weil sie ihr eine Portion Suppe zu Mittag sicherte. Rywka beschreibt endlose Tage voller Langeweile, frustrierende Momente und Streitereien mit anderen Mädchen aus ihrer Klasse. Am meisten verhasst war ihr die Anwesenheitspflicht am Samstag, dem jüdischen Ruhetag. Für religiöse Juden ist der Sabbat, der an den Abschluss des göttlichen Schöpfungswerks erinnert, ein heiliger Tag, gewidmet dem Studium, dem Gebet und dem Beisammensein von Familie und Freunden. Der Sabbat weist voraus auf die Harmonie und den Frieden, welche die Welt erfüllen werden, wenn der Messias erscheint und das jüdische Volk endgültig von allem Leiden erlöst. Am Sabbat arbeiten zu müssen, bedeutete für Rywka nicht nur eine Verletzung des grundlegendsten Gebots jüdischer ritueller Frömmigkeit; es nahm ihr auch eine der wenigen Freuden in einem ansonsten trostlosen Dasein. Am 20. Februar 1944 schreibt sie:

Oh Gott, niemals werde ich dieses Gefühl vergessen, mir war so elend, so eng ums Herz, ich wollte weinen! … Weinen … weinen … Ich habe gesehen, wie die Leute ganz normal in die Ressorts gingen, wie immer, der Sabbat, dieser heilige, göttliche Tag war für sie ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag … […] Für mich war es jedenfalls eine grässliche Qual, an einem Samstag ins Ressort zu gehen … Ich dachte: Ob ich mich nicht auch daran gewöhne, ob es für mich nicht auch normal wird, wenn ich (was hoffentlich nicht passieren wird) es wieder tun muss? Oh Gott, mach, dass ich nicht noch einmal samstags ins Ressort muss! … Ich habe mich so schlecht gefühlt! … Ich hätte weinen können! …

Rywka notiert in ihrem Tagebuch zahlreiche Details aus ihrem Alltag. Sie beschreibt die Tätigkeiten im Haushalt, die ihre Tage bestimmten: Wäsche waschen, Kartoffeln schälen, Besorgungen machen, kochen, Kohlebriketts abholen und Betten machen. Sie erwähnt auch die unzähligen kleineren und größeren Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen musste: Kopfschmerzen oder einen schlimmen Zahn, den Zustand ihrer Schuhe, den ständigen Hunger und schlechtes Wetter. Im Januar berichtet sie von einer Grippeepidemie im Getto, durch die nahezu die Hälfte der Arbeitskräfte ausfiel, was die ohnehin mangelhafte medizinische Versorgung restlos überforderte:

Gemeinsames Lernen

Im Getto grassiert die Grippe, wohin man auch geht, die Grippe ist überall … die Ressorts und Büros sind menschenleer … massenweise Befreiungen (Herr Zemel hat gewitzelt, er würde die Befreiungen an die Maschinen setzen, damit sie weiter produzieren). […] Chajusia[4] hat die Grippe, Surcias Mutter auch … wenn ich aufzählen wollte, wer alles krank ist, würde das Papier nicht ausreichen … […]Maryla Łucka und ihr Vater sind auch krank, bei den Lebensteins sind alle krank außer ihr, Samuelson ist krank, Jankielewicz arbeitet anstelle von Berg, denn Berg ist krank, Rundberg kam halbkrank am Nachmittag usw.… (14. Januar 1944)

Vor dem Hintergrund der schweren Arbeit und des täglichen Kampfes ums Überleben, die das Leben der gesamten Gettobevölkerung bestimmten, vertraut Rywka ihrem Tagebuch auch persönliche, aus den spezifischen Lebensumständen resultierende Probleme an. Insbesondere das Zusammenleben mit den älteren Cousinen war schwierig. Rywka schreibt über die mitunter heftigen Konflikte, die sich an der Hausarbeit, der Aufteilung von Lebensmitteln und den Folgen des Zusammenlebens auf engem Raum entzündeten. Ein typisches Beispiel findet sich im Eintrag vom 4. März 1944:

Schlange an der Essensausgabe

Chanusia drängt mich, ich soll ins Bett gehen, sie sagt, ich könnte morgen zu Ende schreiben, ach, weiß sie denn, was Schreiben heißt? Sie hat keine Ahnung … […] Estusia hat auch einen Talon bekommen, ich soll die Ration morgen abholen … und die Bettwäsche zur Wäscherei bringen … und dies und das … und jetzt schickt die großherzige Chanusia mich ins Bett und sagt, ich könnte morgen zu Ende schreiben …

Chanusia hatte womöglich gute Gründe, Rywka zum Zubettgehen zu ermahnen – im Dunkeln wach bleiben und schreiben bedeutete, eine Kerze zu verbrennen oder Strom zu verbrauchen, der nur begrenzt zur Verfügung stand. Rywka jedoch fühlte sich unverstanden.

Das Tagebuch erlaubt keine objektiven Rückschlüsse auf die wirklichen Umstände, und das ist auch nicht seine Funktion. Wir sehen die Situation ganz aus Rywkas Perspektive: ihre Einsamkeit, ihr Gefühl, ausgenutzt, kritisiert und verurteilt zu werden. Sie war trotz allem eine Heranwachsende und hatte mit den für diese Entwicklungsphase typischen Problemen der Identität und der Selbstfindung zu kämpfen. Ohne den stabilen Rahmen eines normalen Lebens und, vor allem, ohne die bedingungslose Liebe der Eltern, die sie hätten leiten können, war sie ganz auf sich gestellt, verloren in einer Welt ohne Orientierung und ausgestattet nur mit ihrem unvollkommenen Verständnis von Gut und Böse. In einem dramatischen Streit verliert Estusia, die selbst erst zwanzig ist, die Geduld: Sie schlägt Rywka und droht, sie aus der Wohnung zu werfen. »Oh Gott, ich bin so einsam!«, schreibt Rywka am 15. Februar 1944:

Immer sagt sie, sie wäre zufrieden mit mir, und jetzt? Jetzt müsste sie sagen, dass sie mich nicht mehr bei sich haben will. Das halte ich für unwahrscheinlich … […] Nicht nur, dass es schreckliche und tragische Zeiten sind, ich habe auch noch nicht einmal den Schutz, den man »Zuhause« nennt.

Rywka streitet abwechselnd mit Estusia, Chanusia und Minia. Jede neue Auseinandersetzung unterstreicht für sie nur die unerträglichen Spannungen des Getto-Alltags und das schlimme Gefühl der Isolation und Entfremdung. In diesem Kontext ist Rywkas Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester Cipka ein ungetrübter Quell der Freude. Ganz offensichtlich liebt Rywka ihre Schwester nicht nur, sondern fühlt sich auch in hohem Maße für sie verantwortlich. Sie sorgt sich um Cipkas Wohlergehen, sowohl in physischer (»heute fühle ich mich hungriger, wenn Cipka nicht isst, und satter, wenn sie isst«) als auch in emotionaler Hinsicht (»Chajusia hat gesagt, ich soll versuchen, Cipka näherzukommen, ich soll mit ihr sprechen, sie fragen, was sie über dies und das denkt usw. Ich werde es versuchen, das ist ja sogar meine Pflicht, ich muss ihr so gut es geht die Mutter ersetzen […].«) Rywka berichtet oft, wie sie für ihre jüngere Schwester sorgt: Sie achtet darauf, dass Cipka einen gerechten Anteil der Lebensmittel bekommt, sie näht ihr ein Kleid, sie macht das Bett für Cipka oder hilft ihr anderweitig. Gleichzeitig ist sie stolz auf die schulischen Fortschritte der Schwester, ihre Großzügigkeit und Umsicht gegenüber Freunden und die sich herausbildende Persönlichkeit. »[…] ich habe auch festgestellt, dass ich Cipka immer mehr liebe«, schreibt sie am 13. Dezember 1943, »wenn sie etwas Gutes tut, wenn sie gut lernt (sie ist die beste Schülerin) oder wenn sie versteht, was auf den Treffen geschieht, macht mich das stolz und glücklich […].«

Kinder auf der Suche nach Kohlen

Wie andere Tagebuchschreiber, vor allem aus Lodz, kommt auch Rywka immer wieder auf die Themen Nahrungsmittelversorgung und Hunger.

Hunger hat schon immer eine schlechte Wirkung auf mich gehabt, heute ist es nicht anders. Dieses Jahr war für mich und für Cipka sozusagen eine Bestärkung, auch weiter gegen den Hunger anzukämpfen … Ach, es nimmt einem alle Kraft! Hungrig sein ist ein schreckliches Gefühl. Am besten ist es noch, wenn ich nicht zu Hause bin, wenn ich im Unterricht bin … oder sonst irgendwo, Hauptsache, nicht zu Hause, zu Hause ist es fast schon gefährlich … (10. Februar 1944)

Der Mangel an Nahrungsmitteln trug zur weiteren Verschlechterung der zwischenmenschlichen Beziehungen bei. Rywka artikuliert mehrfach ihre Empörung über die Cousinen, die ihrer Meinung nach ihre Vorräte nur widerwillig teilen und ihr mangelnde Selbstkontrolle beim Verzehr ihrer Rationen vorwerfen. Als Reaktion darauf beschließt sie, von ihnen keine Nahrungsmittel mehr anzunehmen:

Und was die Cousinen angeht […], habe ich wie gesagt beschlossen, dass ich nichts mehr annehme, was ausschließlich ihnen gehört. Cipka hält das nicht durch, sie ist ja noch ein Kind, aber mir gelingt es, was mich aufrichtig freut. Sicher, wenn sie etwas einkaufen, z. ‌B. Zwiebeln, Knoblauch usw., dann nehme ich davon, selbst wenn es ihnen nicht gefällt, denn das ist für uns alle, für mich so gut wie für sie, aber die Ration … Aber die Ration … das ist etwas ganz anderes … (31. Dezember 1943)

Tatsächlich wurde das Problem der Verteilung von Lebensmitteln eines Tages so akut, dass die Sozialarbeiterin (und Rywkas wichtige Mentorin) Fajga Zelicka vermittelnd eingreifen musste. Im März 1944 werden die körperlichen Auswirkungen des Hungers auf Rywka offenbar. In ihrem Eintrag vom 22. März schreibt sie, sie sei »so schwach, dass ich manchmal noch nicht einmal den Hunger spüre … es ist schrecklich (Hunger hatte schon immer eine schlechte Wirkung auf mich). Der Rock, den sie mir zu Beginn des Kurses genäht haben (vor einigen Monaten), hängt nur noch an mir herab, ich übertreibe nicht …«

Wie viele andere zeitgenössische Chronisten beobachtete auch Rywka, wie der extreme Hunger die soziale Ordnung zerstörte und ansonsten anständige Menschen dazu brachte, gegen ihre moralischen Werte zu handeln. Sie berichtet in ihrem Tagebuch entsetzt von Fällen, in denen Freunde und Familienmitglieder sich gegenseitig Nahrungsmittel stahlen. Den Bruder ihrer Freundin Dorka Zand nennt sie »Betrüger«, weil er sich von Dorka und einer anderen Freundin Kartoffeln und Steckrüben »ausgeborgt« habe, ohne jemandem davon zu erzählen. Später schreibt sie über die gemeinsame Anstrengung von Kindern in der Schule, Kartoffeln zu sammeln, und die erschreckende Nachricht, dass eine der Erwachsenen, eine Frau Perl, einige davon gegessen habe. »Frau Perl!«, schreibt sie am 25. Januar 1944, »Ihr hätte ich so etwas nie zugetraut … und wer wird mich noch alles enttäuschen? Ach, es ist schrecklich … Falschheit, Falschheit … Das tut so weh! …«

Im Februar 1944 werden Rywka und ihre Cousinen im eigenen Zuhause mit einem Fall von Lebensmitteldiebstahl konfrontiert. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die Mädchen sich angesichts eines gemeinsamen Problems zusammentun. Als erstes Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, bemerkt Cipka das Fehlen von Marmelade; später stellt sie sich schlafend und hört eine (im Tagebuch nicht beim Namen genannte) Person Zucker »kauen«. Dann berichtet Minia, dass Zucker fehle und andere Nahrungsmittel verstreut herumlägen, tags darauf ist Cipkas Brot verschwunden. Zunächst beschuldigt jede eine andere – Estusia verdächtigt Cipka und Rywka, Rywka verdächtigt Minia. Rywka scheint zu wissen, wer der Missetäter war, aber sie benennt ihn nicht, sondern spricht nur von »dieser Person« oder verwendet andere indirekte Formulierungen. Es scheint fast, als sei die Scham angesichts eines derartigen Vergehens so überwältigend, dass sie sich nicht dazu durchringen konnte, den Namen der betreffenden Person schwarz auf weiß niederzuschreiben. »Ich bekomme es nicht aus dem Kopf …«, schreibt sie am 16. Februar 1944 verzweifelt, »Oh Gott! Wenn man schon solchen Menschen nicht mehr trauen kann, wem dann? Wem? Ach, Vertrauen! … Es ist alles vergebens! … Gott! Ach, was für eine Gemeinheit! … Was für eine Abscheulichkeit! Es ist unerträglich! … Und auch daran ist das Getto schuld! …«

Neben den Mühen und Sorgen des Alltags – die das Tagebuch ausführlich dokumentiert – berichtet Rywka von ihren Aktivitäten außerhalb von Arbeit und Schule. Sie besucht Freunde, macht Spaziergänge, teilt ihr Tagebuch und liest die Tagebücher von Freundinnen, mit denen sie auch die Psalmen und andere jüdische Literatur liest und diskutiert. Am 4. März 1944 schreibt sie über ihre Lektüre:

Ich […] habe ein gutes Buch mit dem Titel Die Elenden, das ich zusammen mit Chanusia lese, das Buch ist auseinandergefallen, aber manche Teile haben mehr Seiten als andere und wir müssen gegenseitig aufeinander warten. Im Moment warte ich auf Chanusia … So liest man im Getto …

Wie in anderen Gettos organisieren auch in Lodz junge Menschen Kultur- und Bildungsaktivitäten aller Art. Rywka beteiligt sich am Aufbau einer Bibliothek, zu der sie zwei Bände von Krieg und Frieden beisteuert, und tritt mehreren Lesezirkeln bei. In diesen – im Tagebuch nicht leicht voneinander zu unterscheidenden – Kreisen lesen die Mädchen Geschichten, produzieren Schülerzeitungen, diskutieren über literarische Texte usw. Rywka beschreibt die Aktivitäten am 3. Januar 1944: »Wir werden uns einmal die Woche treffen und über Literatur oder ein anderes Thema sprechen, und sonntags treffen wir uns eine Stunde zum Vergnügen (wir sind ja keine alten Schachteln).« Das Tagebuch lässt darauf schließen, dass es in diesen Gruppen viele alterstypische Konflikte gab: Es bildeten sich Cliquen, in die man aufgenommen oder aus denen man ausgeschlossen wurde; es kam zu Missverständnissen und verletzten Gefühlen; es wurden konkurrierende Gruppen gegründet und so weiter. Rywka wurde auch mit der heiklen Situation konfrontiert, dass Jungen zu den Treffen kamen. Als orthodoxe Jüdin war sie im Hinblick auf Kontakte zum anderen Geschlecht äußerst konservativ. »Gestern war ich weder froh, noch habe ich irgendetwas dazu gesagt«, schreibt sie ebenfalls am 3. Januar 1944, »aber jetzt freue ich mich, denn erstens haben sie ihre Meinungen, und wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich es ihnen sagen. Und zweitens kann ich mit Lusia, Hela und Edzia zusammen sein und sie besser kennenlernen.«

Am wichtigsten waren Rywka jedoch die Aktivitäten der Beis-Jaakow-Schule. Diese Organisation wurde 1917 in Krakau von Sarah Szenirer als Reaktion auf den Mangel an jüdischen Religionsschulen für Mädchen gegründet. Während jüdische Jungen traditionell Schulen wie Cheder, Talmud Tora oder Jeschiwa besuchten, wurden Mädchen – wenn sie überhaupt zur Schule gingen – normalerweise auf kostenlose, meist öffentliche säkulare Schulen geschickt, wo sie nur eine minimale religiöse Bildung erhielten. Sarah Szenirer sah darin eine Erklärung für die hohe Assimilationsrate unter religiösen Jüdinnen. Darum entwickelte sie ein jüdisches Bildungsprogramm eigens für jüdische Mädchen. Die Grundlagen des Lehrplans waren religiös und konservativ, doch markierte schon die Gründung einer solchen Einrichtung einen Fortschritt innerhalb der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft. Mit der Zeit entstand ein europaweites Netzwerk vergleichbarer Schulen.

Fajga Zelicka, eine junge Beis-Jaakow-Lehrerin aus Krakau, initiierte und leitete eine informelle Reihe von Zusammenkünften (Rywka und die anderen Mädchen sprechen von »Treffen«) für junge Mädchen im Getto, bei denen die Bibel, die Psalmen und jüdische ethische Texte wie Pirqe Avot (Die Sprüche der Väter) oder Chowot ha-Lewawot (Die Pflichten des Herzens) gelesen wurden. Als Rywka ihr Tagebuch beginnt, hat sie auf Anregung von Estusias Schulfreundin Surcia Selver bereits an einigen dieser Zusammenkünfte teilgenommen. Estusia hatte Surcia gebeten, Rywka zu unterstützen, weil beide Tagebuch schrieben und Estusia hoffte, Surcia könnte zur Mentorin ihrer jüngeren Cousine werden. Wenngleich Rywka dies in ihrem Tagebuch nirgends anerkennt, zeigt dieses Beispiel, wie Estusia versuchte, Rywka bei der Suche nach einem eigenen Weg in einer verwirrenden Welt zu helfen. Und tatsächlich wird Surcia noch vor einer zweiten Freundin namens Chajusia und Frau Zelicka zur wichtigsten Person in Rywkas Leben.

Sara Selver-Urbach, Rywkas Mentorin Surcia

Rywka findet in den Zusammenkünften soziales Engagement, Lernmöglichkeiten und sogar ein wenig Freude. Im Tagebuch erwähnt sie eine Chanukka-Feier und die gemeinsamen Stunden mit Freundinnen, bei denen die Mädchen lesen, lernen und über Fragen der Persönlichkeit und des Charakters diskutieren. Surcia Selver beschreibt in ihren Nachkriegserinnerungen Fajga Zelicka und deren Einfluss auf die Mädchen in ihrem Kreis:

Sie war jung, kaum älter als die meisten von uns, die wir ihr eifrig zuhörten. Aber sie eröffnete uns eine ganz neue Perspektive. […] Während ihrer Vorträge fühlte ich mich, als spräche sie einzig und allein zu mir, als beantwortete sie die Fragen, die mich quälten und mir keine Ruhe ließen. […] Sie lehrte uns die Bibel zu lieben, sie offenbarte uns die biblischen Schätze, sie interpretierte alles so, als sei es eigens für uns geschrieben worden. […] Sie vermittelte uns die spirituellen Lehren des Judaismus, seine zahlreichen ethischen Werte und seinen humanistischen Geist.[5]

Rywkas wachsende Zuneigung für Surcia zieht sich wie ein roter Faden durch das Tagebuch. Es ist Surcia, die Rywka zum Schreiben inspiriert und sie ermutigt, damit fortzufahren. An einer Stelle schreibt Rywka, ihr Tagebuch könne auch »Surcia« heißen – die Freundin im Leben und die Vertraute in Buchform verschmelzen in eins. Gleichzeitig äußert Rywka oft die Sorge, die Intensität ihrer Gefühle und ihre Traurigkeit könnten Surcia »erschrecken« oder irritieren. Sosehr sie alles mit Surcia teilen will, akzeptiert sie doch, dass die ältere Freundin ihre Klagen nur bis zu einer gewissen Grenze anhören möchte. »[…] ach … Gestern Abend habe ich mich so schlecht gefühlt, so schwach! … Was ist nur mit mir los? Dass ich mich so verändert habe! Ich habe beschlossen, Surcia das Tagebuch nicht morgen zu geben, sondern erst nächste Woche, sie würde sich Sorgen machen wegen alldem«, schreibt Rywka am 23. März 1944.

Neben dem Tagebuch, bei dem sie an Surcia denkt und das sie manchmal mit der Freundin teilt, schreibt Rywka leidenschaftliche Briefe, in denen sie Surcia ihr Herz ausschüttet – ihre Konflikte, ihre Gedanken über das Leben und vor allem ihre Sehnsucht nach Liebe, Akzeptanz und Freundschaft. Stellenweise klingt Rywka wie ein verliebter Teenager:

Ich denke gerade über leidenschaftliche Gefühle nach. Und ich denke an Surcia. Ich fühle, dass ich sie immer mehr liebe. Ach, ich empfinde ein echtes Gefühl der Liebe für sie. Oh Macht der Liebe! Ach, sie ist wirklich eine Macht. […] Aber ich möchte gern mehr schreiben, vielleicht kann ich es in Worte fassen. Ich empfinde das heißeste Gefühl der Liebe für Surcia. Vielleicht nicht so sehr für sie, sondern für ihre Seele und dadurch für die ganze Surcia. Ach, Surcia. Ich berausche mich am Klang ihres Namens. (Nur gut, dass wir dasselbe Geschlecht haben.) Wie würde das, was ich schreibe, sonst aussehen? (24. Dezember 1943)

Rywkas Liebe zu Surcia war gewiss eine romantische Liebe – sie erwählt sie, ist von ihr abhängig und bewundert sie vorbehaltlos –, keineswegs aber eine erotische. Sie erwuchs aus einer tiefen Einsamkeit, dem Gefühl des Unverstandenseins und dem Bedürfnis nach Akzeptanz, Zuneigung und Liebe in einer von Ablehnung, Verlust, Not und Entfremdung bestimmten Welt.

An einem bestimmten Punkt weckten Rywkas Briefe und ihre Texte Surcias Aufmerksamkeit. Surcia sprach mit Frau Zelicka über Rywka, woraufhin diese Rywka zu einem privaten Gespräch einlud. Einigermaßen aufgeregt schreibt Rywka: »Sie hat Fräulein Zelicka den Brief gezeigt, in dem ich über das Leben geschrieben habe, und deshalb hat Frl. Zelicka mich über Surcia für Dienstag um 11 zu sich eingeladen, um mit mir darüber zu sprechen. Das kommt so überraschend … Ich denke viel darüber nach …« Allerdings endet dieses erste Treffen in einer bitteren Enttäuschung. Frau Zelicka hatte offenbar zuvor auch mit Estusia gesprochen und wollte Rywka dazu ermutigen, sich stärker an der Cousine zu orientieren. Für Rywka war das ein schwerer Schlag.

Cipka wusste, dass ich bei Frl. Zelicka war, also habe ich sie notgedrungen gefragt, ob sie vielleicht wüsste, worüber Frl. Zelicka und Estusia gesprochen hätten. Cipka konnte mir etwas sagen. Estusia hätte gesagt, ich wäre dickköpfig und wollte nicht hören, und bevor ich zu ihnen gekommen wäre und noch am Anfang bei ihnen hätte ich hysterische Anfälle gehabt. Anders gesagt, sie hat mich in krass schlechtem Licht dargestellt. Jetzt war mir alles klar. […] Ich finde keinen Platz für mich, ich teile ja mit niemandem etwas, nur mit dem Tagebuch und mit Surcia, ach, meine liebe Surcia. Und jetzt weiß ich nicht, ich weiß nicht, was ich tun soll, ach, nichts weiß ich, ich bin hilflos … Wie wird es weitergehen? (22. Dezember 1943)

Rywka erholte sich aber bald von dieser Enttäuschung und entwickelte eine eigene Beziehung zu Frau Zelicka. Sie brachte ihr Kuchen, als sie krank zu Hause im Bett lag, und vertraute ihr, wie es viele andere Mädchen im Getto taten. In der Tat waren es Frau Zelicka, Frau Kaufman, Frau Milioner und einige andere Erwachsene, die versuchten, den verlorenen, auf sich selbst gestellten Heranwachsenden im Getto Orientierung und Begleitung zu geben.

Mit der Zeit reifte in Rywka der Wunsch, an den Zusammenkünften der älteren Mädchen teilzunehmen. Sie meinte, sie würde dort besser hinpassen. Rywkas Selbstvertrauen und ihr Ehrgeiz blieben ungebrochen, den Umständen und der nach ihrem Empfinden ständigen Kritik der Cousinen zum Trotz. Rywka war couragiert, entschlossen und zuversichtlich – weswegen manche Freundinnen ihr vorwarfen, sie sei arrogant. Und obwohl sie dem Tagebuch ihre Zweifel am eigenen Wissen und den eigenen Fähigkeiten anvertraut, strebte sie doch beharrlich nach mehr. Nachdem Rywka die Erlaubnis bekommen hatte, an einer Zusammenkunft der älteren Mädchen teilzunehmen, warnte Surcia sie, dies sei eine einmalige Ausnahme. Rywkas Antwort überrascht, wenn man bedenkt, wie sehr sie die ältere Freundin verehrte und wie abhängig sie von ihr war:

Als Surcia und ich am Freitag zum Treffen (der Älteren) gingen, hat Surcia mir gesagt, die anderen Mädchen könnten neidisch werden, weil ich hingehe und sie nicht. Und sie hat hinzugefügt: »Nur dieses eine Mal.« Das heißt, ich sollte also nur an diesem Freitag an dem Treffen teilnehmen. Das hat mir Sorgen bereitet, denn die Treffen sind nützlich für mich, aber ich konnte ja nicht widersprechen, außerdem hat Surcia gesagt, sie hätte mich eingeladen. Doch während des Treffens bin ich zu dem Schluss gelangt, dass ich einfach weiter hingehen muss … […] unbedingt … Ich war hin- und hergerissen, denn ich wollte mich Surcia ja nicht widersetzen, aber in diesem Fall kann ich darauf keine Rücksicht nehmen … (7. Februar 1944)

Diesem Eintrag folgt ein leidenschaftlicher Brief an Surcia, in dem sie darlegt, warum sie an den Zusammenkünften teilnehmen müsse, und ihre Sache vertritt, obwohl ihr Entschluss, hinzugehen, längst feststeht. Rywka war jung, sie hatte schreckliche Grausamkeiten mit angesehen, sie war nur rudimentär gebildet und lebte unter Erwachsenen, von denen sie sich unverstanden fühlte. Doch sie war entschlossen, überaus sensibel und unter allen Umständen unerschütterlich in ihrem Streben nach Selbstvervollkommnung, Wissenserwerb und persönlicher Entwicklung.

Wenngleich das Tagebuch viele Details zum Alltag im Getto Litzmannstadt enthält, so scheint es nicht Rywkas Hauptabsicht gewesen zu sein, diese äußeren Aspekte ihres Lebens aufzuzeichnen. In ihrem Eintrag vom 7. Januar 1944 beklagt sie vielmehr deren Eindringen in ihr Schreiben: »Aber wirklich, ich schreibe soviel über das ›äußere‹ Leben, dass mir gar keine Zeit für das ›innere‹ Leben bleibt …« Für Rywka ist das Tagebuch eindeutig der Ort, an dem sie ihr Herz ausschütten und ihren Gefühlen freien Lauf lassen, an dem sie ihre Sorgen aussprechen und ihre Erinnerungen sicher bewahren kann.

Zugleich wird Rywkas innere Stimme im Tagebuch – ihr Ringen um Selbsterkenntnis, um feste Standpunkte, um Hoffnung angesichts überwältigender Verzweiflung – unvermeidlich durch die äußeren Umstände geprägt. In der Adoleszenz werden die Grundlagen der Persönlichkeit gelegt (Wer bin ich im Verhältnis zu meinen Eltern, Geschwistern, Freunden, meiner Religion, Kultur, Nationalität? Wo finde ich meinen Platz in der Welt?). Stabilität, das heißt ein verlässlicher Rahmen, an dem man sich reiben kann, ist ein wesentlicher Faktor in diesem Prozess. Für Rywka – und unzählige andere Teenager im Getto – vollzieht sich dieser komplizierte Entwicklungsprozess unter dem Eindruck extrem traumatischer Erfahrungen von Verlust, Unsicherheit und Todesangst.