Das verlorene Paradies - James Lee Burke - E-Book

Das verlorene Paradies E-Book

James Lee Burke

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Beschreibung

»Du. Bist. Tot.« Das sind die Worte, die Wanderarbeiter und Nachwuchsautor Aaron Holland Broussard zu hören bekommt, nachdem er die Stimme gegen einen skrupellosen und einflussreichen Geschäftsmann erhoben hat, der in den frühen Sechzigerjahren im amerikanischen Westen seine Interessen notfalls mit Gewalt verfolgt. Als Aaron die Morde an sechs Frauen und Mädchen angelastet werden, zieht sich die Schlinge immer enger.

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Das Buch

»Du. Bist. Tot.« Das sind die Worte, die Wanderarbeiter und Nachwuchsautor Aaron Holland Broussard zu hören bekommt, nachdem er die Stimme gegen einen skrupellosen und einflussreichen Geschäftsmann erhoben hat, der in den frühen Sechzigerjahren im amerikanischen Westen seine Interessen notfalls mit Gewalt verfolgt. Als Aaron die Morde an sechs Frauen und Mädchen angelastet werden, zieht sich die Schlinge immer enger zu.

Der Autor

James Lee Burke, 1936 in Louisiana geboren, wurde bereits Ende der Sechzigerjahre von der Literaturkritik als neue Stimme aus dem Süden gefeiert. Nach drei erfolgreichen Romanen wandte er sich Mitte der Achtzigerjahre dem Kriminalroman zu, in dem er die unvergleichliche Atmosphäre von New Orleans mit packenden Storys verband. Burke wurde als einer von wenigen Autoren zweimal mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. 2015 erhielt er für Regengötter den Deutschen Krimipreis. Er lebt in Missoula, Montana.

JAMES LEE BURKE

DASVERLORENEPARADIES

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Daniel Müller

In Gedenken an Murphy Dowouis

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe ANOTHERKINDOFEDENerschien erstmals 2021 bei Simon & Schuster, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 02/2024

Copyright © 2021 by AUTOR

Copyright © 2024 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Brill

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München,unter Verwendung eines Motivs von shutterstock.com(Cammie Czuchnicki) und AdobeStock.com (ComicVector)

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-28960-7V001

www.heyne.de

  

Prolog

Die Ereignisse, von denen ich nachfolgend berichten möchte, mögen für einige die Grenzen des Glaubhaften strapazieren. Ich finde das nur allzu verständlich. Der junge Goodman Brown geistert durch diese Seiten. Die makabren Bilder, die schauderhaften Charaktere, die lockenden Düfte eines Gartens voll giftiger Früchte könnten gut und gern mit der Tinte eines Nathaniel Hawthorne erschaffen worden sein.

Das entscheidende Wort im letzten Satz ist jedoch »könnten«. Edwin Arlington Robinson schrieb einmal, Gott tilge sich selbst mit jedem dürren Blatt. Ich glaube, das lässt sich auch über uns sagen. Wir können uns selbst erst verstehen, wenn wir begreifen, dass zu leben eine Art zu sterben ist. Meine Generation wurde in der Zeit der Großen Depression geboren und wird sehr wahrscheinlich die letzte sein, die sich, im Schlechten wie im Guten, noch an das traditionelle Amerika erinnert. Unser Scheiden mag bedeutungslos sein, unsere Romanze mit jener Zeit war es nicht.

Geschlagen und doch gesegnet mit den zwei Gesichtern des Janus sahen wir sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft und waren doch nur Gäste in beiden Welten. Die meisten von uns entschwanden in die Nacht, noch bevor wir der Dämmerung gewahrten. In unserer Vergänglichkeit waren wir beides, eitel und unschuldig, so wie auch Kinder eitel und unschuldig sein können. In unserem Vertrauen darauf, dass die Schrecken des deutschen Faschismus und des japanischen Imperialismus in den Aschen von Berlin und Hiroshima begraben lagen, glaubten wir, die Republik von Jefferson und Adams sei das Modell für den Rest der Menschheit geworden, ohne dabei die Natur des Triumphalismus, insbesondere den ihm innewohnenden Charakter der wechselseitigen Zerstörung zu bedenken.

Musik war alles, alles war Musik. Dixieland, Bru-beck, Rhythm and Blues, Swing, Country und Western, Rock ’n’ Roll, Bird. An den Vergnügungspiers der Golfküste war die Luft Tag und Nacht von Melodien erfüllt. In der Hurrikansaison, wenn die Nächte schwarz wie Seide waren, schienen sich die Wellen burgunderrot zu färben und die Sterne zu verschlucken. Sie waren fünf Fuß hoch, besetzt mit zischenden Schaumkronen, voller Algen und Meeresgetier, dröhnend laut und massiv wie Blei, und sie rochen nach neuem Leben, nach Wandel und Zerfall. Urplötzlich konnten sie die Wagemutigen im Wasser in die Höhe hieven, ihnen die Arme nach hinten zwingen wie die des Jesus am Kreuz, um sie dann irgendwann freizugeben, wie eine Mutter ihr Kind, und an den Strand zu spülen.

Es war eine großartige Zeit, um jung zu sein. Krieg schien irreal. Bergen-Belsen und Changi waren Orte, die Irre aus Übersee mit clownsartigen Uniformen erschaffen hatten. G.I.s mit Feuerzeugen, auf denen die Umrisse des Fudschijama prangten, galten uns als Stars. Die schönsten Erinnerungen allerdings, das waren die Abende in den Autokinos, die Tanzbälle unter glitzernden Spiegelkugeln, die Sommer-Tuxedos und mit billigen Korsagen kombinierte Petticoats, die kleinen Schachteln mit den schokoladenüberzogenen Kirschen, die wir unseren Dates beim Abholen schenkten, die Schamesröte im Gesicht eines Mädchens, wenn man es auf die Wange geküsst hatte, die kollektive Überzeugung, dass die Sonne ewig scheinen und niemand von uns jemals sterben würde.

Aber eine Illusion ist eben nur eine Illusion. Das millionenfache Abschlachten von Bisons und Wandertauben in den amerikanischen Ebenen und die Walknochen, die immer noch an die Küsten Neuenglands gespült werden, bezeugen unsere missbräuchliche Beziehung mit der Erde. Vor diesem Hintergrund entstand der nachfolgende Text, eine Schilderung der Ereignisse, deren Zeuge ich 1962, wenige Tage vor der Kubakrise, wurde.

Es sind Ereignisse, die mich bis zum heutigen Tag beschäftigen und mich immer noch mit Gram erfüllen. Ereignisse, die mich an meiner Geistesgesundheit zweifeln lassen und sich dennoch so zugetragen haben wie beschrieben, ganz gleich, was andere darüber denken. Ich sagte zu Beginn, der junge Goodman Brown geistere durch diese Seiten. Aber das ist nicht ganz richtig. Ich glaube, die Geschichte der Menschen ist eine kollektive Angelegenheit. Wir schreiben sie gemeinsam, aber nur wenige sind willens, ihre Rolle im großen Ganzen anzuerkennen. T. E. Lawrence schilderte einmal die Szenen in einem arabischen Dorf direkt nach dem Überfall durch türkische Truppen. Ich habe diese Bilder nie vergessen, und ich konnte dem Autor nie vergeben, dass er sie mittels seiner Worte in mein Gedächtnis brannte. Ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser auf der letzten Seite dieser Geschichte nicht Ähnliches über mich sagen werden.

01

Vor vielen Jahren war das Herumtingeln im amerikanischen Westen noch eine ziemlich aufregende Angelegenheit. Stell dir vor, du sprintest mit im Hals hämmerndem Herzen neben einem fahrenden Güterzug her, bis du endlich die eine offene Schiebetür erreichst und Seesack und Gitarre hineinwerfen kannst, nur um eine Sekunde später all deinen Mut zusammenzunehmen und selbst hineinzuspringen. Zwei Stunden später sitzt du dann auf dem Bretterboden des Waggons, und es geht die große Wasserscheide hinunter. Dein Kopf fühlt sich wegen der dünnen Luft wie ein Ballon an, und neben den Schienen traben Grizzlybären an der Seite des Zuges durch die Landschaft. Die Reise im Schiebetürexpress kostete keinen Cent und war ein echtes Spektakel: der orangefarbene Mond über den Weizenfeldern von Kansas, der schillernde Wasserstaub der Beregnungsräder, das Rauschen in den Tiefen der Canyons, das Quietschen der Bewässerungsventile bei Sonnenuntergang, der Geruch kühlen Wassers, das zur Abendzeit in einem Walnusshain versickert.

In Colorado herrschten damals eigenartige Gesetze. Auf Trampen und Trainhopping standen bis zu sechs Monate, entweder Haft hinter Gittern oder Strafarbeit im Straßenbau. Daraus folgte, dass Zugvögel und Saisonarbeiter zwar auf einem Expressgüterzug, von Kennern auch Hotshot genannt, bis nach Denver hineinfahren konnten, aber auf diesem Weg nicht wieder aus dem Staat herauskamen. Die Konsequenz: Auf der Larimer Street drängten sich die Schnorrer, in den Seitenstraßen und unter den Brücken des South Platte River stapelten sich nachts die Obdachlosen, überall stank es nach Urin. Im Frühjahr 1962 kam ich selbst mit einem eher lahmen Rumpelzug nach Denver. An der Stadtgrenze sprang ich aus dem Güterwagen und schlug mich zur Heilsarmee durch, wo ich für zwei Nächte unterschlüpfte. Anschließend nahm ich einen Greyhound runter nach Trinidad und heuerte auf einer großen Farm mit Milchviehhaltung und Ackerbau an. Der Besitzer war ein Mann namens Jude Lowry, der seinen Saisonkräften Schlafbaracken, Gemeinschaftsduschen und sogar einen Speisesaal zur Verfügung stellte.

Warum führt man dieses unstete Dasein als Saisonarbeiter? Nun, es gibt kein Gestern und kein Morgen, Anonymität ist garantiert, man kommt mit dem Staub und geht mit dem Wind, und bei einem kühlen Bier in einem Juke Joint vergisst man manchmal sogar die eigene Sterblichkeit. Ich hatte damals Blackouts, komplette Filmrisse, die aber nicht vom Alkohol kamen. Angesichts des Lebens, das ich zu dieser Zeit führte, machte mir das aber nichts aus. Mehr noch, das Leben eines Zugvogels schien für Menschen wie mich erfunden worden zu sein.

Ende August vertraute mir Mr. Lowry einen Pritschenwagen und den dazugehörigen Anhänger an und trug mir auf, zusammen mit zwei anderen Saisonarbeitern die letzten Tomaten von seinen Feldern zum Packhaus nach Trinidad zu fahren. Er kalkulierte drei Touren. Die Luft war schwer vom Geruch nach Insektiziden, der von Eggen gelockerten Erde und zerplatzten Melonen, deren auf dem Boden verstreute Fruchtfleischstücke im Licht der Sonnenstrahlen funkelten wie Rubine. Aber da war noch etwas anderes, ein lilafarbener Dunst auf der Leeseite der Berge, der nach ausgedorrten Böden und dem Ende der Saison roch und den Eindruck vermittelte, das Land müsse sich regenerieren und wolle uns dazu forttreiben.

Ich ließ den Pritschenwagen an, griff den vibrierenden Schalthebel und fuhr den Feldweg hinunter Richtung Highway. Wir waren zu dritt unterwegs. Meine Kollegen hießen Spud Caudill und Cotton Williams. Spud saß auf dem Beifahrersitz, Cotton auf der Ladefläche hinter der Kabine.

Spuds Gesicht war derb wie ein Lampenschirm und von Pockennarben überzogen, sein Kopf geformt wie eine Idaho-Kartoffel. Er schnitt sich selbst die Haare, um sein Geld für Bordellbesuche zu sparen, und trug stets einen ausgeleierten, tief ins Gesicht gezogenen Fedora. Er war seit seinem elften Lebensjahr komplett auf sich allein gestellt gewesen. Nachdem wir eine Meile gefahren waren, schraubte er eine Feldflasche auf und schenkte sich in einem Einmachglas eine tiefrote Flüssigkeit ein, sehr wahrscheinlich Dago Red, ein selbst gepanschter Rotwein. »Na, auch ’nen Schluck?«

Ich runzelte die Stirn.

»Dann eben nicht«, sagte er. »Was dagegen, wenn ich mir einen genehmige?«

»Mr. Lowry hat uns diesen Wagen anvertraut.«

»Ein Alkohol trinkender Beifahrer stellt keine Gefahr für einen Pritschenwagen dar, Aaron.«

»Mach, was du willst, Spud.«

Behutsam goss er den Wein bis auf den letzten Tropfen wieder in die Feldflasche zurück. »Warum bist du eigentlich immer so komisch, Aaron? Und ich meine nicht ein bisschen komisch, sondern dachschadenkomisch.«

Ich fuhr mit nur einer Hand am Steuer, eine warme Brise strich mir über das Gesicht. Über den Bergen drängten sich pflaumenfarbene Wolken am Himmel, dahinter schimmerte eine zerschmolzene Sonne.

»Und dazu willst du jetzt gar nichts sagen, oder wie?«, fragte er.

»Nein, will ich nicht.«

»Da, wo wir hinfahren, kenn ich eine Freudenscheune.«

»Eine was, bitte schön?«, fragte ich.

»In Kentucky sagen wir Freudenscheune zum Hurenhaus. In diesem speziellen Etablissement singen einem die Señoritas ins Ohr, wenn man ihnen ein paar Scheine extra zusteckt.«

Ich nickte und schaltete das Radio ein, aber irgendjemand hatte die Antenne abgebrochen. Den Blick starr geradeaus gerichtet, machte ich es wieder aus. Die Hänge der Berge lagen jetzt tief im Schatten, der Geruch des Salbeis war so intensiv wie Parfüm.

»Schweigen ist unhöflich, Aaron«, sagte Spud. »Eigentlich sogar aggressiv.«

»Ach ja? Inwiefern?«

»Es ist so, als würdest du jemandem sagen, dass er etwas falsch gemacht hat. Oder dumm ist, unwürdig eines Gesprächs.«

»Ich finde, du bist ein feiner Kerl, Spud.«

Er fasste sich in den Schritt und drückte sein Paket zusammen, als litte er unter Schmerzen in dieser Region. »Wenn das so weitergeht, muss ich wieder heiraten. Meine letzte Frau hat mir eine Bratpfanne über den Schädel gezogen und mich die Feuerleiter runtergestoßen. Sie war die Einzige, die mich je geliebt hat. Meine anderen zwei Ex waren stinkiger als ein Eimer Ziegenpisse auf einem aufgedrehten Heizkörper.«

Hinten auf der Ladefläche hatte Cotton währenddessen seinen Schlafsack zwischen zwei Stapeln Tomatenkisten ausgerollt und den Kopf auf einem Kissen ohne Bezug abgelegt. Er las ein Comicbuch aus der Reihe »Illustrierte Klassiker«. Sein silbergraues Haar war schulterlang, sein linkes Auge so weiß und glatt wie die Haut auf einem hart gekochten Ei. Bei der Befreiung von Rom, so hatte er mir erzählt, habe er eine Truppe der Waffen-SS mehrere Meilen durch die Katakomben der Stadt gejagt und schließlich in einer Kammer unter dem vatikanischen Obelisken gestellt. Das dritte Geschoss dieser unterirdischen Gruften, der Zufluchtsort der SS-Männer, sei von dem seit zweitausend Jahren herabtropfenden Wasser kniehoch überflutet gewesen. Dort unten, in diesen feuchten Gewölben, in der die Gebeine der Apostel Petrus und Paulus in zwei Steinsärgen ruhten, habe er mit seiner Maschinenpistole kurzen Prozess gemacht und einen SS-Mann nach dem anderen getötet.

Spud sah, wie ich in den Rückspiegel zu Cotton schaute. »Glaubst du etwa seine Kriegsgeschichten?«

»Das über die Nazis in den Katakomben?«

»Keine Ahnung, wo das gewesen sein soll.«

»Ja, ich glaube ihm.«

»Und warum, wenn man fragen darf?«

»Weil Cotton keinen Cent darauf gibt, was andere Leute von ihm halten.«

»Sag mal, hast du wirklich Journalismus an der University of Missouri studiert?«

»Ja, hab ich.«

»Und warum machst du dann diesen Scheiß hier?«

»Es ist ein großartiges Leben.«

Er schaute auf die vorbeifliegende Landschaft hinaus. »Ich weiß, was du meinst. Schweine füttern und Kühe melken, noch bevor es Frühstück gibt, und anschließend Baumwolle ausdünnen, bis die Hände bluten. Du bist echt ein Komiker, Aaron.«

02

Das Packhaus befand sich etwas außerhalb von Trinidad, direkt an der Zugstrecke. Wir luden die Tomatenkisten ab und entschieden dann wegen eines platten Reifens am Anhänger, für die Nacht in der Stadt zu bleiben. Wir riefen Mr. Lowry an, er willigte ein. Es gab nicht mehr viele Farmer, die noch Tomaten anbauten. Mr. Lowry jedoch war stolz auf sein Gemüse und wechselte jährlich die Anbaukulturen auf seinen Feldern. Er brachte Kompost und Kuhdung aus und alle fünf Jahre auch eine tiefgekühlte Riesenladung Fischreste aus einer Dosenfabrik an der texanischen Küste. Das lockte zwar massenhaft Seemöwen und andere Vögel auf seine Felder, und manchmal kamen deswegen auch Bären von den Bergen herunter und verwüsteten seine Pflanzreihen, aber so gedüngt waren Mr. Lowrys Tomaten die saftigsten weit und breit, und wenn man sie in Scheiben schnitt, bluteten sie wie ein Beefsteak.

Als wir am Motel ankamen, war die Sonne nur noch ein Glimmern in der Spalte zwischen zwei Bergen und warf lange Schatten so lilafarben wie Blutergüsse.

»Ich würde heute Abend gern auf Expedition gehen«, sagte Spud.

»Mach ruhig, aber dieser Wagen hier wird ganz bestimmt nicht zu einem Laufhaus fahren«, sagte ich.

»Was ist mit dir, Cotton?«, fragte er.

»Was soll mit mir sein?«, sagte Cotton.

»Wie stehst du zu einem kleinen Ausflug?«, fragte Spud. »Du kannst natürlich auch den ganzen Abend im Motelzimmer rumsitzen, wenn du magst …«

»Du wirst dir nur Ärger einhandeln, Spud«, antwortete Cotton.

Unser Motel in Trinidad war sauber, billig und direkt verbunden mit einem Restaurant, in dessen Fenstern neonfarbene Leuchtreklamen blinkten: Kakteen, Sombreros, Werbung für mexikanisches Bier. Die Berge in der Umgebung von Trinidad hatten die metallisch blaue Farbe einer Rasierklinge und ragten steil und schroff in die Wolken hinauf. Der Wind war lau, eine Folge der warmen Luft, die bei Sonnenuntergang vom Plateau am Ende des Ratón Pass aufstieg. Damals war Trinidad eine magische Stadt, gespickt mit Backsteinpflasterstraßen, die in die Hügel hinaufführten, und Saloons aus dem vorherigen Jahrhundert, in denen wahrscheinlich schon Doc Holliday und die Earps gezecht hatten, als sie in den 1880er-Jahren die Reste der Clanton-Gang ausmerzten.

Wir duschten und rasierten uns, zogen frische Sachen an und gingen in das Restaurant, wo wir Tamales mit Bohnen, Enchiladas und Avocadosalat bestellten. Mir fielen vier Männer an der Bar auf. Sie saßen nicht, sondern standen da wie Kerle, die noch mehr vorhatten, als einfach nur ein paar Bier zu trinken. Ich fragte mich, ob sie vielleicht etwas gegen uns hatten. Vielleicht wegen Cotton, diesem Hünen mit den langen Haaren, dem zerklüfteten Profil, dem einäugigen Starren, der gebeugten Haltung, dem schleichenden Gang, den Muskelbergen eines ehemaligen Fallschirmjägers.

Viele Jahre zuvor bereits hatte ich gelernt, in Bars und Restaurants den Blickkontakt mit offensichtlich gewaltsuchenden Vertretern unserer Spezies zu vermeiden, ganz besonders mit diesen von Knasttattoos übersäten Raubtieren in Menschengestalt, allesamt verkappte Sadisten, die es gar nicht abwarten konnten, einen College-Burschen wie mich in Stücke zu reißen. Ich konzentrierte mich auf mein Essen und warf nur ab und an einen verstohlenen Blick zur Bar. Die vier Männer hatten sich mittlerweile auf die Hocker am Tresen gesetzt und sahen sich auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher die Westernserie Have Gun – Will Travel an.

Spud konnte die Augen nicht von unserer Kellnerin lassen. Ehrlich gesagt ging es mir genauso. Sie hatte dichtes, glattes Haar, das strahlte wie ein prägefrischer Penny, und ihre Haut war so makellos wie das Innere einer Rose. Sie trug eine eng geschnittene, rosafarbene Uniform, aus deren Rock zwei lange und schlanke Beine hervortraten.

»Hey, y’all! Wie schmeckt’senn? Darf’s noch was sein?«, fragte sie.

»Kommen Sie aus Texas?«, fragte ich.

»Ursprünglich, ja. Vielleicht ein Dessert?«

»Nein, danke, Ma’am.«

»Wenn er nicht will, ich nehm einen«, sagte Spud mit leuchtenden Augen. »Ich verschlinge alles, was süß ist. Mit Haut und Haaren. Und zur Not auch ohne Löffel. Was hast du denn anzubieten?«

Sie reichte ihm die Karte. »Versuchen Sie’s doch mal mit lesen. Am besten unter der Überschrift ›Dessert‹.«

Sie stand direkt neben mir, ihre Hüfte streifte kurz meine Schulter.

»Könnte ich vielleicht noch eine Dr. Pepper haben?«, sagte ich.

»Klar doch«, sagte sie. »Kommt dann mit zwei Gläsern und extra viel Eis zum Runterkühlen.«

Es war bereits dunkel, als wir über den Parkplatz gingen. Unser Truck stand in den Schatten nahe dem Motel. Spud kratzte mit einem Holzstocher Essensreste aus seinen Zahnlücken, Cotton leckte am Blättchenrand einer Selbstgedrehten. Die Sterne waren weiß und kalt und so zahlreich am Himmel, dass sie wie eine gefrorene Rauchwolke aussahen, die über den Bergen und dem Ratón Pass bis hinein nach New Mexico hing. Ich schaute zurück durch das Fenster des Restaurants. Unsere Kellnerin nahm gerade die Bestellung am Tisch einer mexikanischen Familie auf. Eines der Kinder, ein kleiner Junge, saß in einem Hochstuhl und weinte. Unsere Bedienung streichelte dem Kleinen über den Kopf und legte ihm ein Malbuch und eine Handvoll Stifte auf den Tisch.

»Gibst du mir jetzt den Truck für eine kleine Spritztour oder nicht?«, sagte Spud.

»Nein«, sagte ich.

»Okay, dann setz mich wenigstens an der Freudenscheune ab. Zurück komm ich schon irgendwie.«

»Ist nicht drin, Kumpel«, sagte ich.

»Als würdest du nicht auch ständig daran denken«, sagte er.

»Das habe ich überhört.«

»Mit extra viel Eis zum Runterkühlen, sag ich nur. Wie alt ist die Kirsche wohl? Fünfzehn?«

Vermutlich war sie eher neunzehn oder zwanzig, aber ich hatte keine Lust, mich mit Spud darüber zu streiten. »Ich will dir keine Vorhaltungen machen, Kumpel. Ist nur so, dass ich Mr. Lowry gegenüber für diesen Truck den Hut aufhabe.«

»Dann ruf ich mir eben ein Taxi.«

»Hier hast du zehn Cent.«

Es war ein gemeiner Kommentar. Spud war eine gute Seele, allerdings unansehnlich wie eine Vogelscheuche und im Zwischenmenschlichen das Äquivalent zu einer dreckigen Socke in einer Punschschüssel. Tief in mir drin wusste ich, dass er mehr wert war als ich. Er griff sich ans Gemächt. »Was soll’s? Drauf geschissen. In meinem nächsten Leben komme ich als Dildo wieder, und gut ist.«

Ein Sattelschlepper fuhr vorbei. Der Fahrer schaltete in einen kleineren Gang, die Druckluftbremsen keuchten schon zu Beginn des langen Weges den Pass hinunter. Als dann der Gestank der Auspuffrohre die Idylle der Szenerie zu besudeln schien – den tintenschwarzen Himmel, die wabernde Kälte der weißen Sterne über uns, die Symmetrie der Lichter an den Hängen –, wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Es lag nicht am Sattelschlepper, nicht an Spuds Penetranz, nicht an meiner Unfähigkeit, an etwas anderes als an die junge Kellnerin zu denken.

Ich blickte zu unserem Truck und entdeckte auf der hinteren Stoßstange einen Aufkleber, der mir zuvor noch nicht aufgefallen war. Dann sah ich Cottons Hand, wie sie in die Seitentasche seiner Jeans glitt, wie sein Daumen an dem Klappmesser fingerte, das er immer bei sich trug. Drei Schritte von uns entfernt stand ein großer Mann. Stiefel, spitz zulaufender Cowboystrohhut, ausladende Hüften, ungefähr mein Alter. Hinter ihm drei weitere Männer, deren Silhouetten sich dunkel gegen den Neonkaktus im Fenster des Restaurants abzeichneten. Es waren die Kerle von der Bar, jeder mit einem Axtschaft in der Hand, einer mit einer Decke auf dem Unterarm.

»Was zum Teufel wollt ihr Typen?«, sagte Spud.

Anstatt zu antworten, stürmten sie auf uns los. Wir konnten nicht mal die Arme hochreißen, so schnell hagelten die ersten Schläge auf uns nieder. Ich sah, wie Cottons halb geöffnetes Klappmesser auf den Boden fiel. Dann klatschte ein dicker Faden aus Speichel und Blut gegen meine Wange, und ich erblickte Spud, wie sein Kiefer nach unten klappte, seine Knie einknickten, seine Arme spannungslos an den Seiten herunterbaumelten, als hätte jemand seinen Netzstecker gezogen. Wie die Schwingen eines riesigen Stachelrochens entfaltete sich plötzlich eine Decke über unseren Köpfen und hüllte uns in Finsternis. Unter dem Stoff wurde mein Gesicht gegen das von Cotton gepresst. Sein blindes Auge leuchtete, sein Körper zitterte vor Schock, sein Atem roch nach Bier und mexikanischem Essen.

Als die Schläge nachließen und es endlich vorbei war, hörte ich, wie die vier Männer weggingen. Einer sprach über Richard Boone, den Hauptdarsteller von Have Gun – Will Travel. Ich zog mir die Decke vom Kopf und schleppte mich zum Highway. Sie fuhren gerade davon, doch ich konnte das Nummernschild ihres Wagens nicht mehr erkennen. Wie zum Abschied flog eine leere Bierdose aus dem hinteren Seitenfenster auf den Asphalt und hüpfte die abschüssige Straße hinab.

03

Zwei Deputy Sheriffs verfrachteten uns auf den Rücksitz eines Streifenwagens. Einer von ihnen reichte Spud ein Handtuch, das dieser sich auf den blutenden Mund drückte. Ich dachte, sie würden uns ins Krankenhaus fahren, aber dann sah ich die Lichter des Gefängnisses und rüttelte am Trenngitter. »Hey, die Wunde von meinem Freund muss genäht werden!«, rief ich.

»Die Notaufnahme ist voll bis unters Dach«, sagte der Fahrer grinsend mit einem Blick in den Rückspiegel. »Unfall auf dem Highway.«

Man steckte uns in benachbarte Zellen, die nur durch Gitter getrennt waren. Am nächsten Morgen wurden wir einzeln befragt. Im Verhörraum war ein D-Ring im Boden eingelassen, aber die Deputys ketteten mich nicht daran fest. Der für die Befragung zuständige Detective war groß und unpersönlich. Er hatte einen Fu-Manchu-Bart, trug Cowboystiefel und einen tief in die Stirn gezogenen Stetson mit schmaler Krempe.

»Mein Name ist Wade Benbow«, sagte er. »Welcher der drei sind Sie?«

»Aaron Holland Broussard.«

»Kannten Sie die Typen?«, sagte er.

»Nein, Sir.«

»Die kamen einfach so aus der Dunkelheit und haben Sie verdroschen? Ohne Vorwarnung?«

»Ja, Sir, ohne Warnung.«

»Keine Erklärung?«

»Keine.«

»Möglich, dass die Sie verwechselt haben?«

Ich antwortete nicht.

»Schwerhörig?«, sagte er.

»Ich denke, ich habe Ihre Fragen bereits beantwortet, Sir.«

Das Fenster war offen, draußen schüttete es. Ich konnte den Regen riechen, die kalten Backsteine und das in den Rinnen stehende Wasser. Der Himmel sah aus wie mit Rußtusche gemalt. Wie lautet die eine Lektion, die jeder Mensch hinter Gittern verinnerlicht? Richtig: Gehorsam ist eine Religion und man selbst ein Gläubiger. Ich blickte auf und schaute den Detective an. »Sir, ich weiß nicht, wer diese Burschen waren oder warum sie uns angegriffen haben. Das ist die Wahrheit.«

»Burschen?«, sagte er.

»Ja, Sir. Burschen, Männer, Kerle, Zeitgenossen.«

»Der Aufkleber auf Ihrer Stoßstange dürfte Sie recht unbeliebt bei einigen Leuten hier in der Gegend machen.«

»Das ist der Truck von Mr. Lowry. Ich habe mir den Aufkleber nicht angesehen.«

»Sie arbeiten für Jude Lowry?«

»Ja, Sir.«

»Ich hätte es wissen sollen.«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, sagte ich.

»Kein anderer Farmer in Colorado käme auf die Idee, einen Aufkleber der Landarbeitergewerkschaft auf seinen Truck zu pappen. Trägt Ihr Freund Cotton Williams eigentlich immer ein Messer bei sich?«

»Ja, Sir. Er braucht es für die Arbeit, um das Schnürband der Strohballen aufzuschneiden und solche Sachen.«

»Ein paar Gäste im Restaurant meinten, er habe das Messer gezogen, bevor die Prügelei losging.«

»Es war keine Prügelei, Sir«, sagte ich.

»Ihr Freund hat eine Akte. Ein Tötungsdelikt in Albuquerque. Noch haben wir aber nicht alle Einzelheiten.«

»Cotton?«, sagte ich.

In den Straßen waberte der Nebel, die Steinhäuser an den Hügeln wirkten wie Schiffe auf hoher See. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Cotton im zivilen Leben einen anderen Menschen getötet haben sollte.

»Sie haben schon mal gesessen, stimmt’s?«, sagte Benbow.

Ich blickte auf den Nebel, der über die Fensterbank quoll.

»Kein Kommentar?«, fragte er.

»Haftzeit ist wie Fliegenpapier«, sagte ich. »Sie bleibt an einem kleben, ganz gleich, wohin man geht.«

»Einer von der temperamentvollen Sorte, was?«

»Nein, Sir.«

»Los, aufstehen.«

»Wozu?«

»Ich muss dir Handschellen anlegen, mein Junge. Ich werde das Gefühl nicht los, dass da irgendwo noch ein Haftbefehl für dich aussteht.«

»Ich würde es begrüßen, wenn Sie mich nicht ›mein Junge‹ nennen.«

Er griff meinen linken Arm, zog ihn hinter meinen Rücken und legte mir Handschellen an. Der Widerstand in meinen Muskeln war nicht beabsichtigt, aber er war da. »Kannst froh sein, an mich geraten zu sein, Broussard«, sagte er.

Nach der Befragung steckte man uns in eine Gemeinschaftszelle am Ende des Gangs. Cotton saß auf einer Holzbank, das Kinn auf die Brust abgesenkt. Spud lag in der unteren Etage eines an der Wand befestigten Doppelstockbetts aus Stahl. Auf seinem Oberkörper hielt er ein Kofferradio, das gerade »Am I That Easy to Forget« von Carl Belew dudelte. Seine Unterlippe war aufgeplatzt, seine Wange auf die Größe eines Baseballs angeschwollen.

»Wo hast du das Radio her?«, fragte ich.

»Hab ich so ’nem Typen für einen Dollar abgekauft«, antwortete Spud.

»Alles in Ordnung, Cotton?«, sagte ich.

»Ich könnte einen Kaffee vertragen.«

Ich setzte mich neben ihn. »Ich muss dich was fragen.«

Der Regen prasselte gegen das Fenster, das hoch über unseren Köpfen in der Mauer saß. Die Wände der Gefängniszelle waren in einem blassen Gelb gestrichen, das Licht der nackten Glühbirnen im Gang warf gitterförmige Schatten auf das Gesicht von Cotton. »Na, dann frag doch.«

Meine Lippen waren wie erstarrt, fast brachte ich die Worte nicht heraus. »Stimmt es, dass du in Albuquerque jemanden getötet hast?«

»Ja, meinen Sohn.«

»Deinen …«, sagte ich.

»Ja, ich habe meinen eigenen Jungen umgebracht.« Er glotzte mich mit seinem gesunden Auge an, dann senkte er wieder den Kopf. »Meinen kleinen Jungen. So sehe ich ihn immer noch. Klein und unschuldig, nicht das, was später aus ihm wurde.«

Spud setzte sich auf und schaltete das Radio aus.

»Eines Abends kam er betrunken und vollgepumpt mit Drogen nach Hause und schoss mir in die Brust. Dann feuerte er auf seine Mutter und seine kleine Schwester«, sagte Cotton. »Er war vorher schon zweimal im Kinderheim gewesen, aber dem Jungen konnte niemand mehr helfen.«

»Tut mir leid, Cotton«, sagte ich.

»Muss dir nicht leidtun. Er war nicht ganz richtig im Kopf. Niemand hat Schuld daran. Man spielt die Karten, die man auf die Hand bekommt.«

Ein Vertrauenshäftling schob den Essenswagen an unsere Zellentür und reichte Styroporbecher mit schwarzem Kaffee und Pappteller mit Hash-Browns und Rührei durch den waagerechten Schlitz in den Gitterstäben. Spud trug das Essen zur Bank und drückte Cotton einen Kaffee in die Hand. »Der Kerl meint, wenn wir aufgegessen haben, können wir noch Nachschlag kriegen.«

Cotton legte die Stirn auf dem Handrücken ab und starrte zu Boden, wo aus seiner Tasse ein dünner Dampffaden emporstieg.

Später an diesem Vormittag kam Mr. Lowry ins Gefängnis und sorgte dafür, dass wir freikamen. Soweit ich wusste, kümmerte sich niemand darum, unsere Angreifer ausfindig zu machen. Spud musste sein Radio wieder hergeben. Der Deputy, von dessen Schreibtisch es verschwunden war, wollte es zurückhaben. Bevor ich meine persönliche Habe wiederbekam und das Gebäude verlassen konnte, ließ mich Wade Benbow in sein Büro bringen. Er saß an seinem Schreibtisch und tippte.

»Die Kellnerin aus dem Restaurant hat eine Nachricht für dich hinterlassen, Broussard«, sagte er und reichte mir ein gefaltetes Stück Papier.

»Worum geht’s?«

»Keine Ahnung. Hab’s nicht gelesen.«

Der Zettel war aus einem Spiralhefter herausgerissen worden, die Nachricht mit Bleistift geschrieben: »Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Rufen Sie mich an.« Unterschrieben war die Botschaft mit Jo Anne McDuffy. Unter dem Namen stand eine Telefonnummer.

»Bereit für einen guten Rat, mein Junge?«, sagte Benbow.

»Ja, Sir.«

»Vergiss die Sache besser. Lass nicht zu, dass ein Schlagloch dich von deinem Weg abbringt und nach Cañon City führt.«

Cañon City war ein Nest mit einem Dutzend Gefängnissen. Gerade erst hatte man zwei Busladungen mit korrupten Cops aus Denver dorthin geschickt. Benbow tippte weiter, als wäre ich gar nicht mehr da.

Es war Samstag, und es regnete immer noch. Aus den Gullys in der Stadt stieg weißer Dunst auf. Cotton und Spud setzten sich in den Truck und folgten dem Wagen von Mr. Lowry zurück zur Farm. Ich blieb in Trinidad. Als Erstes suchte ich mir eine Telefonzelle und rief die Nummer an, die Jo Anne McDuffy mir gegeben hatte.

»Hier ist Aaron Broussard«, sagte ich. »Können wir uns treffen?«

»Treffen?«, fragte sie.

»Ja, um über die Burschen zu sprechen, die mich und meine Freunde verprügelt haben. Sie haben mir doch geschrieben, ich solle Sie anrufen.«

»Aber ich habe nichts von einem Treffen gesagt.«

»Gut, ich würde Sie aber trotzdem gern treffen.«

»Im Moment passt es nicht.«

»Wie wär’s mit heute Abend?«

»Da muss ich arbeiten.«

»Miss Jo Anne, ich werde Ihnen keinen Ärger machen.«

»Das habe ich auch nicht gesagt.«

»Wer ist das?«, fragte ein Mann im Hintergrund.

»Niemand«, sagte sie.

»Ich kann die Burschen, die uns angegriffen haben, nicht ungeschoren davonkommen lassen.«

»Warum nennen Sie diese Typen eigentlich ›Burschen‹?«

»Mein Vater hielt nicht viel von dem Wort ›Typ‹.«

Sie gab mir eine Adresse. Sie wohnte einige Meilen außerhalb der Stadt. »Wann kommen Sie vorbei?«, fragte sie.

»Sobald ich kann. Ich habe kein Auto.«

»Und Sie machen wirklich keinen Ärger?«

»Nein, meiner Ansicht nach nicht«, antwortete ich.

Ich hängte den Hörer auf die Gabel und schob die Tür der Telefonzelle auf. Die Luft war erfüllt von einem kühlen, klaren Geruch, der an das Wasser aus einer Regentonne im Winter erinnerte – vielleicht ein Zeichen dafür, dass die Gaben der Erde zahlreich waren und nur darauf warteten, entdeckt zu werden.

Es mag albern klingen, so zu denken. Aber die Jugend berauscht sich an sich selbst, und ihre Vergänglichkeit ist unsere größte Sorge und unser schmerzlichster Verlust. Warum sich also in Sack und Asche hüllen wegen der Erinnerungen, die wir eigentlich für den Rest unseres Lebens wie Edelsteine hüten sollten?

04

Sie wohnte in einem einfachen Lehmziegelbau an einer Landstraße. Eine Veranda aus Steinplatten führte zum Eingang, unter dem Flachdach staken die Enden von Zedernstämmen aus den Mauern. Neben der Tür standen große, strahlend blaue Keramikkrüge, aus denen Trompetenblumen und Waldreben quollen. In der überdachten Einfahrt parkte ein schwarzer Ford-Pick-up, der schon einiges mitgemacht hatte, davor ein feuerwehrroter Mustang. Ich trat auf die Veranda und klopfte. Das von Regentropfen benetzte Rot des Mustang schien der einzige Farbtupfer in der gesamten Umgebung. Sie öffnete die Tür. »Wie sind Sie denn hergekommen? Auf dem Deck eines U-Boots?«

»Ich hab den Daumen rausgehalten«, sagte ich. Hinter ihr, an einem Tresen, der die Küche vom Wohnzimmer trennte, sah ich einen Mann sitzen. »Kann ich reinkommen?«

»Ja, natürlich. Tut mir leid«, erwiderte sie. »Moment, ich hole Ihnen ein Handtuch.«

Durch ein Seitenfenster konnte ich ein abgeerntetes Maisfeld sehen, daneben einen offenen Verschlag mit Schweinen und eine frei rotierende Windmühle, deren Pumpe offensichtlich abgeklemmt war. Über all dem thronte ein grauer Gewitterhimmel.

Ich spürte, wie der Mann am Küchentresen mich musterte. Jeder Mensch verfügt über ein internes Radar, das in diesen Situationen aktiviert wird, und dieser Sensor irrt selten. Ich schätze, wir haben es von unseren höhlenbewohnenden Vorfahren geerbt. So kann es vorkommen, einen Mann mit gutmütigem Gesichtsausdruck und entspannter Körperhaltung zu treffen und sämtliche Schutzschilde zu deaktivieren. Wenn man dann jedoch seine Hand schüttelt und die Finger des anderen sich schließen, kriecht einem das Gift in die Poren und fließt den Arm hinauf bis in die Achselhöhle, wo es sich sammelt und verfestigt wie der Vorbote eines Herzinfarkts.

»Hallo«, sagte ich.

»Ciao«, antwortete er.

Seine Stiefel waren hinter den unteren Querstreben des Barhockers eingehakt, auf dem er saß. Er war groß und schlank, trug eine Cargohose und eine Lederweste ohne Hemd darunter. Seine Haut war karamellfarben und so glatt wie Lehm, das lange Haar mit den sonnengebleichten Spitzen trug er offen. »Das heißt ›Hallo‹ auf Italienisch«, sagte er.

»Ach wirklich?«

Jo Anne kam mit einem Handtuch wieder. »Das ist Henri Devos, mein Kunstdozent«, sagte sie.

»Angenehm. Aaron Holland Broussard. Nett, Sie kennenzulernen.« Ich zog meinen Regenmantel aus und streckte ihm die Hand entgegen. Er aber blieb reglos auf seinem Hocker sitzen. Er blinzelte nicht einmal, fast so wie auch ein Filmstar nicht blinzelt.

»Sind Sie der Bursche, dem gestern Abend übel mitgespielt wurde?«, sagte er.

»Ja, war aber nichts Weltbewegendes«, entgegnete ich.

»Gut, dass Sie nicht ernsthaft verletzt wurden. Ich an Ihrer Stelle würde diese Arschlöcher in Ruhe lassen.«

»Aber ich habe den ›Arschlöchern‹ doch gar nichts getan.«

»Glückwunsch! Das bescheinigt Ihre moralische Überlegenheit«, sagte er. »Ich würde es dabei belassen.«

Ich nickte und schaute ins Leere.

»Was ich damit sagen will: Diese Leute sind von gestern und wissen nicht, wohin mit sich«, erklärte er.

Mit dem Rücken zu ihm rollte ich meinen Regenmantel zusammen und legte ihn nahe der Tür auf den Boden. Ich war noch nie gut darin gewesen, meine Gefühle zu verbergen. »Dann sind diese Männer also eigentlich Opfer?«

Er grinste, der Blick aus seinen Augen schien nachsichtig und warm, fast schon freundlich. Er war ganz offensichtlich ein Profi und würde sich nicht so leicht aus der Reserve locken lassen.

»Habe ich Sie da richtig verstanden, Sir?«, sagte ich, als er nicht antwortete.

Er schnaubte und holte einmal tief Luft, als würde er sich einer sozialen Notwendigkeit beugen. »Irgendwann werden sie von ihrem eigenen Karma eingeholt. Das ist alles, was ich sagen wollte. Keine große Nachricht zwischen den Zeilen.«

»So wie auch Josef Stalin und Kaiser Hirohito von ihrem eigenen Karma eingeholt wurden?«, sagte ich. »Verdammt, die Schweine haben für ihre Untaten bezahlt.«

Er grinste und schaute zu Jo Anne. Und genau in diesem Moment sah ich es. Ein Glitzern im Augenwinkel, ein aufgeschobenes Verlangen, der Blick eines Raubtiers, das sich noch etwas zu gedulden hat. »Ich muss los«, sagte er. »Aber unsere Verabredung für morgen steht, richtig?«

»Sicher«, antwortete sie.

»Braves Mädchen«, sagte er. Dann sah er zu mir. »Soll ich Sie vielleicht mitnehmen?«

»Ich kann gehen«, antwortete ich.

»Ihnen gefällt es also, bei Sturmwetter durch die Gegend zu laufen, in Matschpfützen auf den Feldern umherzuspringen und solche Sachen?«

»So verdiene ich meine Brötchen, als Farmarbeiter. Ich bin gern draußen und mag’s nicht, wenn’s irgendwo eng und voll ist.«

»Geht das jetzt an meine Adresse?«

»Machen die Lehrkräfte Ihrer Fakultät eigentlich alle am Wochenende Hausbesuche bei den Studentinnen oder nur Sie?«

»Nun, ich wohne ganz in der Nähe und bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, wie Jo Anne mit ihren Arbeiten vorankommt. Sie haben doch nichts dagegen, oder?«

»Das ist genug«, sagte Jo Anne.

»Nein, lass ihn doch reden«, erwiderte Devos. »Ich habe den Eindruck, Mr. Broussard ist ein vielfältiger Mensch. Vielleicht schreibt er ja sogar gerade ein Buch über Erntehelfer oder nimmt Folksongs auf wie John und Alan Lomax.«

»Nein, das mache ich nicht«, sagte ich. »Ich habe zwar eine Gibson, aber die spiele ich eher schlecht als recht.«

»Oh, was für ein bescheidener Zeitgenosse.«

Ich spürte einen schnell stärker werdenden Druck auf der linken Seite meines Schädels. Hinter meinen Augenlidern sah ich Devos, wie er Jo Anne auszog, seine Lippen auf ihre Brüste presste und mit der Hand über ihren Bauch nach unten fuhr. Ich sah regelmäßig derart bizarre Bilder in meinem Kopf, und oft fragte ich mich, ob ich vielleicht pervers war oder geistesgestört. Der Raum geriet ins Wanken, ich schaute aus dem Fenster. »Gehören die Schweine dem Nachbarn?«

»Woher soll ich das wissen?«, erwiderte Devos.

»Ich weiß alles über Schweine«, sagte ich. »Hampshire, Yorkshire, Hamp-York, York-Hamp, Poland China, Chester White, Red Wattle. Gehen wir raus zum Stall. Sie könnten die Grunzer doch malen. Ist bestimmt billiger, als Nacktmodelle zu engagieren. Oder müssen sich bei Ihnen die Studentinnen ausziehen?«

»Fahr jetzt besser«, sagte Jo Anne zu ihm.

Devos erhob sich von seinem Hocker und griff seine Kopfbedeckung, einen australischen Schlapphut, der mit der Krone nach unten auf dem Tresen lag. Er zog ihn sich in die Stirn und befestigte den Kinnriemen. »Unser neuer Freund hier ist eigentlich ganz in Ordnung. Man hat ihn übel in die Mangel genommen und muss ihm daher seine Laune nachsehen«, sagte er zu ihr. »Ruf mich später an, dann reden wir über deine neuen Arbeiten. Sie sind brillant.«

In meinem Magen rumorte es. Durch mein Verhalten hatte ich Devos die Möglichkeit gegeben, auf meine Kosten den Edelmütigen zu spielen. Er öffnete die Tür, dann drehte er sich noch einmal um und streckte ihr einen nach oben zeigenden Daumen entgegen. Der um seinen Kopf fegende Regen bildete eine Art Heiligenschein über seinem Schädel und benetzte seine Gesichtshaut. Sein Blick strahlte eine Wärme aus, und sein Mund signalisierte eine Begierde, die mich wie einen Voyeur fühlen ließen.

Jo Anne sah Devos nach, als er in seinem Mustang davonfuhr. Anschließend knallte sie einen Notizblock auf den Küchentresen. Wütend begann sie zu schreiben und drückte dabei den Bleistift so kraftvoll aufs Papier, dass die Mine abbrach.

»Was machen Sie da?«, fragte ich.

»Wonach sieht’s denn aus?« Sie griff sich einen neuen Stift. »Ich schreib Ihnen die Namen der Schläger vom Parkplatz auf. Darrel Vickers hat den Angriff auf Sie und Ihre Freunde angeführt. Sein Vater heißt Rueben. Der ist noch schlimmer als der Sohn. Beides sind hochverdiente Dreckschweine.«

»Tut mir leid, wenn ich Ihren Freund oder Bekannten, oder was immer er auch ist, verärgert habe.«

»Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken.«

»Vielleicht sollte ich besser gehen?«

Ihr Gesicht war gerötet, die Nägel ihrer verkrampften Finger hatten sich tief in ihre Handballen gebohrt – wie bei jemandem, der es nicht gewohnt ist, wütend zu werden. »Kommen Sie den Vickers besser nicht zu nahe. Dieses Spiel können Sie nur verlieren.«

»Und Sie sind wirklich Malerin?«

Meine Worte schienen an ihrem Gesicht zu zerschellen. Sie trug Stoffturnschuhe ohne Socken und ein Jeanshemd über einem weißen Kleid mit Rüschenbesatz und Rosendruck. Neben ihrem Mund hatte sie einen Leberfleck, ihre Handrücken waren von Sommersprossen überzogen.

»Ich habe gelogen, als ich die Vermutung Ihres Freundes mit dem Buch verneinte«, sagte ich. »Ich habe tatsächlich einen Roman geschrieben, mir dafür aber von sämtlichen Verlagshäusern in New York eine Absage eingeholt.«

»Warum haben Sie das Henri nicht erzählt?«

»Wenn man glaubt eine Gabe zu besitzen, spricht man nicht mit Menschen darüber, die sich noch nie im Leben etwas erarbeiten mussten«, sagte ich. Vom Wohnzimmer ging ein Wintergarten ab. Neben dem Panoramafenster, durch das man einen schmutzig silbernen Glanz im Himmel über einem Berg wie aus Schlacke sah, stand eine Staffelei. »Kann ich Ihre Arbeiten mal sehen?«

»Woher meinen Sie zu wissen, dass Henri alles zugeflogen ist?«, fragte sie.

»Er glaubt, er sei besser als andere. Nur eine bestimmte Art Mensch verhält sich so: Jemand, der noch nie eine Zeitkarte in eine Stempeluhr gesteckt hat.«

Ihre blaugrünen Augen verfinsterten sich und sanken etwas tiefer in ihre Höhlen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie mir ihre Kunst zeigen wollte und gleichzeitig mit dem Gefühl rang, das käme dem Verrat an einem Freund gleich. Wie erkennt man eine echte Malerin oder einen echten Schriftsteller? Ganz gleich, was sie vorgeben zu sein, sie sind ganz und gar ihrer Kunst verschrieben wie Mönche ihrem Orden. »Ich mag’s nicht, wenn man mich anstarrt«, sagte sie.