Das Vermächtnis der Toten - Anni Lechner - E-Book

Das Vermächtnis der Toten E-Book

Anni Lechner

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Beschreibung

Vor einigen Jahren hat seine Frau ihn mit dem Nachbarn betrogen, kurz danach ist sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem ist im Leben von Martin Rogeller nichts mehr wie es einmal war. Er lebt zurückgezogen auf seinem Hof und vermeidet den Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern, mit denen er zerstritten ist. Doch die neue Haushälterin Gabi bringt mit ihrer kleinen Tochter Christa das Leben zurück auf den Rogeller-Hof. Aber ausgerechnet Nachbar Hans Wimbacher zeigt Interesse an der neuen Dorfbewohnerin. Dieser und die zwei weiteren spannenden Romane „Eine alte Schuld“ und „Ich gebe nicht auf“ sind in diesem Buch enthalten.

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EPUB

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anni Lechner

Das Vermächtnis der TotenEine alte SchuldIch gebe nicht auf

Roman

Anni Lechner: Band 11, Das Vermächtnis der Toten ... und zwei weitere spannende Romane

Copyright © by Anni Lechner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.

Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag

Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.

eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara

ISBN 978-3-95912-218-4

Das Vermächtnis der Toten

»Das ist doch der Rogeller mit seinem neuen Auto!«, rief Franz Kress und eilte ans Fenster der Krämerei, um besser auf die Straße sehen zu können. »Saxndi, ist das ein Kasten. Da könnt man ja direkt neidisch werden.«

»Mit dem Rogeller tät ich um alles Geld der Welt ned tauschen wollen«, antwortete ihm der Gemeindeschreiber Zimmerer. »Er hat zwar seinen großen Hof und sein schweres Auto. Aber sonst, nein, ich sag lieber nix.«

»Ich hätt nix dagegen, mit ihm zu tauschen. Weil wenn du erst einmal genug Geld hast, kommt alles andere von allein«, meinte Kress seufzend.

»Bei dir vielleicht, aber ned beim Rogeller. Der hat in seinem Leben schon ganz schön danebengelangt, sag ich dir!«

»Erzähl doch, Rudi!«, bat Kress, der erst vor einem Jahr zugezogen war.

»Gut drei Jahr ist's her, da hat der reiche Herr Bauer merken müssen, dass auch er das Glück ned gepachtet hat«, mischte sich jetzt die Krämerin Kreszenz Feistl ein. Ihr Tonfall klang so boshaft, dass sich Kress verwundert zu ihr umdrehte.

»Du magst den Rogeller anscheinend ned?«

»Magst'n vielleicht du?«, konterte die Krämerin mit einer Gegenfrage.

»Mein Gott, bis jetzt hab ich noch nix mit ihm zu tun gehabt«, gab Kress achselzuckend zurück.

»Du vielleicht ned, aber mir schon, ned war, Rudi?«, wandte sich die Krämerin an Zimmerer.

»Das kannst du laut sagen. Mir läuft heut noch eine Ganshaut übern Buckel, wenn ich bloß dran denk.«

»Jetzt spannt mich ned länger auf die Folter, sondern sagt endlich, was damals los war«, forderte Kress die beiden auf.

»Seine Frau ist ihm neben nausgangen und hat sich dabei ein Kind eingefangen«, berichtete Kreszenz Feistl höhnisch.

»Ich hab gar ned gewusst, dass der Rogeller verheiratet ist«, wunderte sich Kress.

»War«, berichtigte ihn Kreszenz. »War, jetzt ist er nämlich Witwer, weil er seine Frau in den Tod getrieben hat!«

»Das tät ich an deiner Stell ned so laut herumtratschen. Am End kommt's dem Rogeller zu Ohren, und dann hast du wieder einen Verleumdungsprozess am Hals, der sich gewaschen hat«, versuchte Zimmerer die Krämerin zu bremsen.

»Ich sag bloß das, was alle Leut erzählen«, erwiderte diese hitzig und wandte sich an Kress. »Weißt du, Franz. Der Rogeller hat vor vier Jahren die Peißner Anna aus Steinfinsing geheiratet. Ned zwengs der Lieb, sondern weil sie eine große Mitgift gekriegt hat. Aber das Madl ist auf seinem Hof ned glücklich worden. Der Rogeller ist ja auch kein Mensch ned, sondern ein Stein. Da war es kein Wunder, dass die Anna einen Menschen gesucht hat, der sie verstanden hat.«

»Und das war eben dem Rogeller sein Nachbar, nämlich der Wimberger Hans«, warf Zimmerer ein und deutete mit dem Zeigefinger auf einen kleinen Dreiseithof, der gut hundert Meter weiter in einer Senke lag. Am prächtigen Rogellerhof daneben gemessen sah Wimbergers Anwesen direkt schäbig aus.

»Wie ist die Anna denn grad auf den Wimberger gekommen?«, wunderte sich Kress. »Der ist doch bloß ein Dampfplauderer, der's Fleißigsein ned grad gepachtet hat.«

»Die Liebe fragt ned danach, wo sie hinfallen will«, belehrte ihn die Krämerin. »Als der Rogeller gespannt hat, was läuft, war natürlich der Teufel los. Zudem ist die Anna auch noch schwanger geworden, und alle haben gewusst, dass ihr Mann ned der Vater sein kann.«

»So wild war's auch ned«, wandte Zimmerer ein. »Immerhin war der Rogeller mit ihr verheiratet und wird in der Nacht gewiss ned keusch neben ihr gelegen haben.«

»Auf alle Fäll war der Wimberger der Vater. Sonst hätt der Rogeller doch von der Anna ned die Scheidung verlangt!«, beharrte die Krämerin auf ihrer Ansicht.

»Und, sind die zwei geschieden worden?«, fragte Kress.

»Das hat's nimmer braucht. Die Anna ist in ihrer Verzweiflung erst einmal zu ihre Leut nach Steinfinsing zurück. Ein paar Monat später ist sie mit ihrem Auto auf gerader Strecke und bei bestem Wetter gegen einen Baum gefahren. Sie war sofort tot.«

»Und das Kind?«, fragte Kress.

»Das hat der Rogeller wahrscheinlich auch auf dem Gewissen!«, erklärte die Krämerin düster.

»Nix Genaues weiß man ned«, wandte Zimmerer ein. »Die einen sagen, sie hätt ein paar Tage vorher entbunden gehabt. Andere wiederum behaupten, sie wär im neunten Monat gewesen, als sie an den Baum gefahren ist.«

»Aber der Rogeller hat sich ned damit zufriedengegeben, seine Frau in den Tod getrieben zu haben. Er hat seinen Zorn dann auch noch an uns allen ausgelassen«, warf die Krämerin wütend ein.

»Wie das?«, rief Kress verwundert.

»Es hat halt eine Menge Tratsch um die Sache gegeben«, erklärte Zimmerer. »Einige Leut haben zum Bleistift laut herumgeplärrt, dass er ein Mörder wär.« Sein Blick streifte dabei wie zufällig die Krämerin. »Er hat die betreffenden Leut aufgefordert, es zu unterlassen. Als das nix genützt hat, ist er vor Gericht gegangen.«

»Die Sach hat mich dreitausend Euro Schmerzensgeld gekostet«, giftete sich die Krämerin. »Außerdem ist der Rogeller seitdem nimmer in meinen Laden gekommen, sondern kauft alles in der Stadt ein, oder beim Weiß in Mettenheim.«

»Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Du hättest bloß dein Maul halten müssen«, sagte ihr Zimmerer auf den Kopf zu.

»Mir ist's bloß um die Wahrheit und die Gerechtigkeit gegangen«, biss die Krämerin zurück.

»Gib mir lieber zwei Pfund Mehl und einen Zucker, damit ich wieder heimkomm, sonst wird meine Alte bös«, entgegnete der Gemeindeschreiber und zog die Geldbörse aus der Tasche.

»Ist der Rogeller wirklich mit der ganzen Gemeinde verkracht?«, wollte Kress wissen.

»Wenn ich's dir sag!«, trumpfte Kreszenz auf.

»Ich tät eher sagen, dass wir ihm alle vollkommen wurscht sind. Er kümmert sich einfach nimmer darum, was wir machen. Der Rogeller lebt nur noch für seinen Hof und hat ihn zu einem Musterbetrieb ausgebaut, wie es im weiten Umkreis keinen zweiten gibt«, erklärte Zimmerer. Obwohl er es angeblich eilig hatte, wartete er, bis auch Kress seinen Einkauf getätigt hatte und begleitete ihn bis vor die Tür der Krämerei. »Was ich dir noch sagen wollt, Franz. Plauder ja kein Wort von dem aus, was du grad gehört hast. Der Rogeller kann da nämlich fuchsteufelswild werden, wenn da was getratscht wird. Außerdem er ist ned ohne Macht. Dem Wimberger kauft zum Beispiel kein Viechhandler mehr was ab, der mit dem Rogeller ein Geschäft machen will.«

*

»Grüß dich, Bauer, hast du die Sabine gut bei ihren Verwandten abgeliefert?«, fragte der Altknecht Thomas, als Martin Rogeller ausgestiegen war.

»Das schon«, erwiderte der Bauer mit leicht verzogenem Mund. »Aber ob sie dort glücklich wird, möcht ich bezweifeln. Meiner Meinung nach geht's ihrer Verwandtschaft bloß um das Geld, das sie sich erspart hat.«

»Da werden sie bei der Sabine auf Granit beißen. Die hat in ihrem ganzen Leben keinen Cent zuviel ausgegeben«, spöttelte der Altknecht.

»Sei dir da ned so sicher. Die wissen schon, wie sie das alte Weiberl anzapfen müssen. Aber uns kann's egal sein. Es sind nun einmal ihre einzigen Verwandten, und damit steht ihnen das Geld, das ihnen die Sabine vererben kann, auch rechtlich zu.«

»Du hast es auf den Punkt gebracht, Bauer, was sie ihnen einmal vererbt. Aber so weit ist's noch lang ned. Die Sabine hat zwar schon ihre achtzig Jahr auf dem Buckel, ist aber bis letztes Jahr alleweil rüstig gewesen. Wenn du mich fragst. Ich hätt's lieber gesehen, wenn sie bei uns auf dem Hof geblieben wär. Sie wär uns gewiss keine Last geworden.«

»Das ned, aber sie will halt einmal die Enkerl und Urenkerl ihrer Schwester um sich sehen. Das musst du verstehen.«

»Sie hätt sich selbst Kinder zulegen sollen. Dann wär sie ned auf die falsche Brut angewiesen«, entgegnete der Knecht brummig.

»Ob ihre Verwandten wirklich so falsch sind, muss man erst sehen. Was ist auch schon dabei, wenn sie sich ihre Zuneigung bezahlen lassen. Hauptsache, sie behandeln die Sabine gut«, erklärte der Bauer. Er warf dann einen prüfenden Blick ins Rund und wechselte abrupt das Thema. »Gut habt ihr gearbeitet. Ich glaub, wir werden heut noch mit der Mitterwiesen fertig. Mir wär's recht, weil im Autoradio für morgen Gewitter vorhergesagt worden sind.«

»Dafür hat aber die Liesl heut ned in die Kuchl können. Sei also ned zornig, wenn's heut Mittag nix Warmes zu essen gibt«, berichtete der Knecht.

»Wenn jemand zornig werden kann, dann ihr, weil ich zu lang damit gewartet hab, eine neue Hauserin zu suchen«, beschwichtigte ihn der Bauer. Er drehte sich noch einmal zu seinem Auto um und nahm das Handy vom Beifahrersitz. Der Knecht sah ihm zu, wie er wählte und fünf Mittagessen beim Postwirt bestellte.

»Wer gut arbeitet, soll auch gut essen«, meinte er dann zu Thomas. »In einer halben Stund bringt's der Schorsch vorbei. Du kannst schon einmal die Mittagsglocken schlagen!«

Der Knecht nickte und ging ins Haus. Wenig später gab die Glocke, die sich auf dem Giebel des Wohnhauses befand, fünf laute Schläge von sich. Es war das Signal an die Leute vom Rogellerhof, zum Essen nach Hause zu kommen. Bis gestern hatte es Sabine getan, dachte der Bauer. Er musste zusehen, dass er rasch eine Haushälterin bekam.

»Thomas, wo ist denn die Post? Ich will schauen, ob sich jemand auf meine Anzeige gemeldet hat«, rief Rogeller, als er das Haus betrat.

»Auf dem Schreibtisch, wie alleweil«, scholl es zurück. Der Bauer nickte zufrieden und ging in sein Büro. Dort lagen die Briefe bereits fein säuberlich geordnet auf der blanken Eichenholzplatte des Schreibtisches. Rogeller gönnte den meisten nur einen kurzen Blick und verschob das Aufmachen auf den Abend. Drei der Briefe sonderte er jedoch aus und schlitzte die Kuverts mit seinem Taschenmesser auf. Er setzte sich hin und las die Briefe hintereinander durch. Wie von ihm erwartet, stammten sie von Frauen, die sich um den freien Posten bewarben.

Einen der Briefe warf er nach kurzem Besinnen in den Papierkorb. Ihm missfiel der kriecherische Ton darin fast noch mehr als die Tatsache, dass er von Marianne Zimmerer geschrieben war, der Schwester des hiesigen Gemeindeschreibers. Früher einmal hatte sie gehofft, seine Frau und Bäuerin zu werden, und wollte es nun wohl ein zweites Mal versuchen.

Der zweite Brief stammte von einer Frau um die vierzig, die sehr viel von ihren Kenntnissen, aber wenig von ihren bisherigen Stellungen schrieb. Auch hier war er der Ansicht, sich auf diese Weise in sein Vertrauen und später in sein Bett zu schleichen, mit Händen zu fassen. Daher wanderte auch dieses Schreiben in den Papierkorb. Als Rogeller den dritten Brief ergriff, machte er sich keine Illusionen mehr. Umso überraschter war er, als das beigelegte Foto eine junge Frau zeigte, fast noch Mädchen, die ein kleines Kind auf dem Schoß hielt.

Sie schrieb, dass sie bislang auf dem elterlichen Hof gelebt hätte, sich aber nach der Hochzeit ihres Bruders eine Stelle suchen müsste. Außerdem gab sie ohne Scham zu, dass das Kind ihre uneheliche Tochter wäre. Der Brief klang bei Weitem nicht so schleimig wie die beiden anderen. Gabi, so hieß die Frau, erklärte, dass sie vor allem deswegen als Haushälterin oder Magd auf dem Rogellerhof arbeiten würde, weil sie wüsste, dass zwar harte Arbeit verlangt, aber auch gut bezahlt würde. Allerdings stelle sie die Bedingung, ihr Kind mitbringen zu dürfen.

Rogeller lehnte sich in seinem Sessel zurück und schaute durch das Fenster auf den blauen Himmel, der sich, nur von wenigen weißen Wolken gesprenkelt, über das Land spannte. Dann nahm er noch einmal Gabis Foto zur Hand und betrachtete es ausführlich. Die Frau sieht ja ganz gut aus, fuhr es ihm durch den Kopf. Sie besaß eine gute Figur, langes hellbraunes Haar und ein hübsches, wenn auch ernst blickendes Gesicht. Das Kind hatte hingegen dunkle Haare und große, dunkle Augen, während die der Mutter hell wie ein Bergsee funkelten.

»Eine Frau mit Kind? Was soll ich damit?«, sagte der Bauer zu sich selbst und warf den Brief dorthin, wo schon die beiden anderen gelandet waren. Nach einer kurzen Denkpause nahm er ihn jedoch wieder heraus und las ihn noch einmal durch. Der Schreibstil war flüssig und die Schrift selbst klar und ohne überflüssige Schnörkel.

»Was soll's«, änderte der Bauer seine Meinung. »Ich brauch halt einmal eine Haushälterin. Ich kann ja schlecht die Liesl in die Küch stellen. Die behandelt unsereins ned anders wie ein Kalb, dem sie den Eimer hinstellt. Außerdem ist die Gabi die Einzige, die mir zusagt. Wenn's ned geht, kann ich sie ja alleweil noch rausschmeißen!« Kurz entschlossen startete er seinen PC und lud das Schreibsystem hoch, um den Antwortbrief zu schreiben.

*

»Und? Hat dir der Rogeller zugesagt?«, fragte Burgl Lechner gespannt ihre Tochter Gabi, als diese den Brief gelesen hatte.

»Ja, er hat«, erwiderte das Mädchen mit gepresster Stimme. »Er schreibt, dass ich sofort bei ihm anfangen kann.«

»Noch kannst du es dir überlegen«, meinte ihre Mutter ohne große Hoffnung, Gabi von ihrem Vorhaben abhalten zu können.

»Es gibt nix zu überlegen«, erwiderte ihre Tochter prompt. »Ich bin's der Anna schuldig, dass ich's tu, und ihrem Dirndl auch«, fügte sie nach einem kurzen Seitenblick auf das spielende Kind hinzu.

»Mit dem Rogeller soll ned gut Kirschen essen zu sein«, warnte ihre Mutter.

»Mit mir auch ned«, gab Gabi lächelnd zurück. »Und jetzt versuch ned länger, mich davon abzuhalten. Ich hab schließlich meinen Dickkopf von dir geerbt.«

»Ich sag ja schon nix mehr. Aber es hätt gewiss auch eine andere Möglichkeit gegeben«, seufzte Burgl.

»Für das, was ich vorhab, ned«, erwiderte Gabi mit einem sanften Lächeln. Der harte Klang ihrer Stimme trieb ihrer Mutter jedoch einen Schauder über den Rücken.

»Gibt's da vielleicht was, was ich ned weiß?«, fragte sie erschrocken.

»Nix, was dir Sorgen machen kann«, meinte Gabi mit einer Stimme, die genau das Gegenteil aussagte. »Aber jetzt muss ich meinen Koffer packen, und einen für die Christa. Ich will heut noch zum Rogeller fahren!«

»Du rufst mich aber jeden Tag an«, rief Burgl besorgt.

»Ich meld mich, so bald ich kann«, versprach Gabi und verließ das Zimmer. Eine Viertelstunde später kehrte sie mit zwei Koffern in den Händen zurück.

»Komm, Christa, wir zwei fahren jetzt fort«, rief sie dem Kind zu.

»Musst du das Dirndl wirklich mitnehmen?«, fragte Burgl.

»Darüber haben wir uns lang genug unterhalten«, gab Gabi fast böse zurück. »Ich brauch die Christa, wenn ich Erfolg haben will. Vergiss ned, dass es in erster Linie um ihre Zukunft geht!«

»Ich sag schon nix mehr«, brummte Burgl, zog ihre Tochter kurz an sich und umarmte dann die Kleine. »Ihr passt aber auf euch auf«, flüsterte sie und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. Sie trug selbst die Kleine hinaus und setzte sie in den Kindersitz.

»Pfia Gott«, meinte sie, als Gabi die Tür zuschlug und das Auto startete.

»Drück uns die Daumen«, rief Gabi und winkte ihrer Mutter ein letztes Mal zu.

*

Während sie ihren Wagen über die Bundesstraße nach Süden lenkte, fragte sich Gabi immer wieder, ob das, was sie tat, auch richtig war. Zu ihrem Glück nörgelte bald das Kind, das so lange Fahrten noch nicht gewöhnt war, und sie musste alle Überredungskunst aufwenden, um es zu beruhigen.

Als das Ortsschild Obernkirchen vor ihr auftauchte, wanderte Gabis Blick nach rechts, wo der Rogellerhof auf einer Anhöhe stand und fast hochmütig auf die anderen Höfe des Ortes herabschaute. Er wirkte so groß und prächtig, dass Gabi fast Ehrfurcht empfand, als sie auf den großen, geteerten Innenhof einbog und dort ihr Auto anhielt.

Zwei Knechte waren gerade dabei, Heu abzuladen. Sie gönnten Gabi jedoch nur einen kurzen Blick und arbeiteten ohne Verzug weiter. Gabi stieg aus und wollte auf die beiden zugehen, als eine Frau mittleren Alters aus einer offenen Stalltür heraustrat.

»Du bist gewiss unsere neue Hauserin«, begrüßte sie Gabi und streckte ihr die Hand entgegen. Sie zog sie aber sofort wieder zurück, als sie Kleiereste darauf entdeckte, und rieb sie mit ihrer Schürze sauber.

»Grüß Gott, ich bin die Lechner Gabi aus Kleinerding«, erwiderte Gabi.

»Ich wär die Liesl«, entgegnee die andere sichtlich erleichtert. »Bin ich froh, dass du gekommen bist. Dann kümmert sich wenigstens wieder einer ums Hauswesen. Ich hab im Kaiwestall genug zu tun und soll dann auch noch auf dem Feld aushelfen. Das Heu muss nämlich heim, damit unsere Kühe im Winter was zum Fressen haben.«

»Ihr seid aber auch fleißig«, meinte Gabi mit einem Blick auf die beiden hart arbeitenden Knechte.

»Wer nix arbeitet, kommt zu nix. Lass dir das gesagt sein«, erwiderte Liesl mit erhobenem Zeigefinger hinzu. »Aber unser Bauer lässt sich auch ned lumpen. Der sieht schon, wenn wir was leisten.«

»Ich hab schon gehört, dass der Rogeller gut zahlt«, erklärte Gabi. »Drum freut's mich auch, dass ich die Stelle gekriegt hab. Wo ist übrigens der Bauer? Ich muss mich doch bei ihm vorstellen.«

»Der Bauer ist mit dem Thomas auf der Wiesen und fährt's Heu ein. Da musst du schon bis zum Abend warten, bis er für dich Zeit hat. Es wird am besten sein, wenn ich dir die Kuchl zeig und du was Gutes zum Abendessen herrichtest. Dann hast du schon halb gewonnen. Ich hätt nämlich bloß eine Brotzeit hinstellen können!«

»Gehen wir«, erwiderte Gabi und hob Christa aus dem Auto.

»Mei, ist die lieb«, fand Liesl und streichelte der Kleinen die Wange. »Ich zeig dir schnell eure Kammer und dann das Haus. Vorher aber solltest du dein Auto wegfahren und in die Remise stellen. Da steht's nämlich im Weg. Wenn das der Bauer sieht, wird er sonst bös.«

»Das wollen wir ned riskieren«, meinte Gabi lachend. Der freundliche Empfang durch Liesl erleichterte sie sehr, und sie reichte der Magd kurz entschlossen das Kind hin. »Magst du einen Moment auf die Christa aufpassen, bis ich's Auto weggefahren hab?«

»Freilich«, lachte Liesl zurück und sah die Kleine an. »Magst du meine Kaiwe anschauen?«, fragte sie Christa. Diese sah zuerst zu Gabi und nickte dann, als diese ihr zulächelte. Während Liesl mit dem Kind in den Kälberstall ging, stellte Gabi ihr Auto in den Schuppen und kam dann nach. Sie fand Christa ganz begeistert von den sauberen, wohlgenährten Kälbern, die sie aus ihren großen, dunklen Augen anblickten.

»Gut schauen sie aus«, lobte Gabi das Jungvieh und gewann damit in Liesl eine Freundin fürs Leben.

»Ich geb mir auch alle Müh damit«, erwiderte die Magd geschmeichelt. »Aber der Bauer kauft auch bloß das beste Futter. So, aber jetzt waschen wir uns die Pfoterl und gehen dann ins Haus«, sagte sie dann zu Christa und trug sie hinaus zum Trog, der in einer Ecke des Hofes stand.

»Früher war er einmal mitten auf dem Hof. Aber dort hat er gestört, und drum haben wir ihn daher versetzt«, berichtete sie. »Übrigens, das Wasser kann man auch trinken.«

»Das hört man gern, denn die Fahrt hat mir Durst gemacht«, erwiderte Gabi und formte ihre Hände zur Schale, um zu trinken. Auch Christa wollte trinken, doch vorher kühlte ihr Liesl die Ärmchen und die Stirn mit Wasser ab.

»Sonst kriegst du noch Bauchweh, Schatzerl«, belehrte sie die Kleine.

»Stimmt das auch, Gabi?«, fragte Christa und brachte diese damit zum ersten Mal in Bedrängnis.

»Dein Dirndl nennt dich beim Vornamen?«, wunderte sich Liesl prompt.

»Sie hat's so gelernt, weil alle Leut zu mir Gabi sagen«, antwortete Gabi rasch.

Zu ihrem Glück ließ es die Magd damit bewenden und führte sie jetzt ins Haus. Das für Gabi und Christa vorgesehene Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Es war groß, luftig und besaß außer einem bequemen Bett für Gabi auch ein Kinderbett sowie einen Kleiderschrank, einen Tisch mit zwei Stühlen und ein Fernsehgerät.

»Ich hoff, das Zimmer sagt euch zu«, meinte Liesl. »Der Bauer hat's extra noch letzte Woche neu tapezieren lassen.«

»Es ist wunderschön!«, fand Gabi staunend. »Es hat sogar eine Tür auf die Terrasse«, setzte sie hinzu und trat hinaus.

»Der Bauer schaut schon auf uns. Da fehlt sich nix«, belehrte sie Liesl zufrieden.

»Das scheint mir auch so«, erwiderte Gabi. Sie schob die beiden Koffer in eine Ecke und funkelte Liesl unternehmungslustig an. »Jetzt kannst du mir die Kuchl zeigen. Schließlich willst du ja heut Abend was zum Essen haben.«

*

Die Küche war zu Gabis Freude modern eingerichtet. Die Vorräte waren allerdings arg erschöpft, so dass Gabi Liesl fragte, wie es mit dem Einkaufen sei.

»Du kriegst vom Bauern dein Haushaltsgeld zugeteilt und kannst dann in der Stadt einkaufen«, erklärte die Magd. »Die Sabine hat ja keinen Führerschein gehabt und ist bloß dann in die Stadt gekommen, wenn sie der Bauer mitgenommen hat.«

Gabi nahm eine Packung aus dem Regal und deutete auf das Verfallsdatum, das bereits abgelaufen war. »Ich glaub, da muss ich erst einmal Inventur machen und schauen, was noch zu brauchen ist. Wie ist das eigentlich mit dem Essen auf dem Hof. Gibt's da spezielle Anweisungen vom Bauern, oder kann ich kochen, was ich will?«, wollte sie von Liesl wissen.

»Der Bauer hat der Sabine nie dreingeredet. Aber die hat natürlich auch aus Erfahrung gewusst, was er auf dem Tisch sehen will.«

»Und was zum Beispiel?«, fragte Gabi nach.

»Eigentlich haben wir alles gegessen«, erwiderte die Magd etwas hilflos. »In der Früh hat's meistens ein Rührei geben, oder ein Omelett, Mittag eine Fleischspeis mit Knödeln, zur Vesper eine Brotzeit und zum Abendessen eine Mehlspeis.«

»Wenn ich Äpfel hätt, könnt ich heut einen Apfelstrudl machen«, schlug Gabi nach einem raschen Blick über die Regale vor.

»Äpfel haben wir im Obstkeller«, rief Liesl und lief schnell hinaus, um ein paar Äpfel zu holen. »Da, schau her«, meinte sie zu Gabi, als sie zurückkam. »Die werden für einen Apfelstrudl langen. Ich hab auch der Christa einen Apfel mitgebracht«, setzte sie hinzu und reichte dem Mädchen einen besonders schönen Apfel hin.

»Danke«, erwiderte das Kind artig und nahm ihn entgegen.

»So, aber jetzt muss ich wieder hinaus an die Arbeit«, erklärte Liesl und verließ mit einem »Pfia Gott« die Küche.

Gabi holte sich rasch eine Schürze aus ihrem Koffer und machte sich ans Werk. Während sie die Zutaten zusammensuchte, fiel es ihr ein, dass sie vergessen hatte, Liesl zu fragen, für wie viele Leute sie kochen sollte. Sie wollte schon hinaus und die Magd suchen, als sie auf einer Anrichte eine Rechnung des Postwirtes über fünf gelieferte Mittagessen entdeckte. Mit ihr waren es damit sechs Personen. Dazu kam noch das Kind. Sie wog die entsprechende Menge Mehl und zählte die Eier ab. In der nächsten Stunde war sie voll beschäftigt, das Essen zu machen. Da sie nicht wusste, was zum Abendessen getrunken wurde, setzte sie zuletzt noch Kaffeewasser auf und holte ein paar Bierflaschen aus dem Keller.

Christa sah ihr neugierig zu und stellte Fragen, die ihr Gabi, so gut es ging, beantwortete. Während der Apfelstrudel goldbraun ausbuk, machte Gabi die Küchengeräte sauber und räumte sie weg. Ale sie endlich einen Augenblick Zeit für sich fand, trat sie ans Fenster und schaute zum Wimbergerhof hinüber. Dort ging es bei Weitem nicht so geschäftig zu wie beim Rogeller. Eine einzelne Fuhre Heu stand unter dem Vordach, und der Bauer saß auf der Bank neben der Haustür und ließ sich von der Sonne bräunen.

Gabi wandte sich mit einem verächtlichen Blick vom Fenster ab und machte das Abendessen fertig. Vom Flur klangen bereits die schweren Schritte der Männer herein. Einer öffnete schließlich die Tür und steckte den Kopf herein.

»Das riecht aber gut«, meinte er mit einem genussvollen Schnuppern. »Übrigens, ich bin der Thomas, der Altknecht auf dem Hof.«

»Und ich die Gabi«, gab Gabi freundlich zurück und reichte dem Knecht die Hand. »Der Apfelstrudl ist gleich fertig. Ich muss bloß noch die Vanillesoß machen.«

»Apfelstrudl mit Vanillesoß, das hör ich gern«, erwiderte Thomas lächelnd und machte die Tür für Liesl frei. Die Stallmagd hatte sich frisch gewaschen und umgezogen und eilte sofort auf die Geschirrschränke zu.

»Ich hab mir denkt, dass ich dir die ersten Tage noch beim Auftragen helf, weil du dich doch noch ned so auskennst«, sagte sie munter und strahlte dann Christa an. »Du freust dich gewiss auch schon auf den Apfelstrudl?«

»Ja«, meinte Christa und leckte sich die Lippen.

»Ich ess mit der Christa in der Kuchl. Es mag nämlich ned jeder ein Kind mit am Tisch«, erklärte Gabi und wollte ein Stück für sich und Christa abschneiden.

»Ich halt das für keine so gute Idee«, klang da plötzlich eine befehlsgewohnte Stimme auf. »Das Madl gehört mit zum Hof, also soll sie auch mit uns am Tisch essen!«

Gabi drehte sich um und wusste sofort, dass sie Martin Rogeller vor sich sah. Im ersten Moment wollten ihre Beine nachgeben, aber sie zwang sich mit aller Kraft zur Ruhe.

»Grüß Gott, ich bin die Lechner Gabi aus Kleinerding, und das ist meine Christa«, stellte sie sich und das Kind vor und schätzte den Bauern dabei mit einem raschen Blick ab. Martin Rogeller war größer, als sie erwartet hatte und trotz seiner Kraft, die man ihm ansah, schlank wie eine Tanne gebaut. Sein Gesicht hätte angenehm wirken können, wies aber einen verkniffenen Zug auf, und in seinen dunklen Augen las Gabi eine Menschenverachtung, die sie erschütterte. Sein Haar war dunkel und zeigte an den Schläfen bereits die ersten hellen Strähnen, obwohl der Mann gerade einmal die dreißig erreicht hatte. Er kam Gabi deshalb älter vor, als er tatsächlich war.

Auch der Bauer musterte seinerseits die neue Haushälterin. Sie war noch hübscher als erwartet. Ich hätte halt doch auf eine ältere Frau bestehen oder die Liesl ins Haus stellen sollen, dachte er mit einem gewissen Ärger, der sich auch auf seinem Gesicht spiegelte.

Christa bekam es mit der Angst zu tun, als sie den düster wirkenden Mann vor sich sah, und versteckte sich hinter Gabis Schürze. Zu ihrer Erleichterung kümmerte er sich jedoch nicht um sie, sondern sah mit abwägendem Blick auf das Backblech mit dem dampfenden Apfelstrudel und wandte sich zu seinen Leuten um.

»Wir sollten jetzt essen, sonst wird der Strudel kalt!«, erklärte er und ging in das Esszimmer. Thomas und die beiden anderen Knechte folgten ihm, während Gabi und Liesl die Teller und das Essen hinterhertrugen. Die nächste halbe Stunde herrschte eine nur vom Klappern der Bestecke unterbrochene Stille. Als schließlich der letzte Rest des Apfelstrudels vertilgt worden war, schnauften Michael und Peter, die beiden Knechte, zufrieden auf.

»Gut war's«, lobte Michael und sah sich zu Peter um.

»Das muss man schon sagen«, sekundierte ihm dieser und klopfte sich auf seinen Bauch. »So gut haben wir schon lang nimmer gegessen, ned wahr, Thomas?«, meinte er dann zum Altknecht.

»Da kannst du schon recht haben«, erwiderte dieser mit einem Seitenblick auf den Bauern. Das harte Gesicht Rogellers behagte ihm gar nicht. Der Mann sah aus, als wolle er Gabi im nächsten Moment vom Hof jagen. Zum Glück hat sich wenigstens die Kleine am Tisch manierlich benommen, fuhr es dem alten Knecht durch den Sinn. Aber es war halt doch ein Risiko, eine Frau mit Kind auf den Hof zu holen, wo doch der Bauer selbst einen Buben oder ein Madl haben könnte, das just in dem Alter von Christa wäre. Thomas betrachtete die Kleine genauer und kniff die Augen zusammen, als er denselben eigensinnigen Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, den auch der Bauer zeigte. Sein Blick wanderte zu Gabi weiter, die so gar keine Ähnlichkeit zu ihrer Tochter zeigte, und er spürte, wie ihm schwül wurde.

»Gibt's noch was zum Trinken?«, fragte er, um seinen Gedanken eine andere Wendung zu geben.

»Ich hab ein paar Bier herausgestellt. Wenn du willst, das heißt, wenn der Bauer will, kann ich ein paar holen«, verbesserte sich Gabi und wollte aufspringen.

»Du bist als Köchin und Haushälterin eingestellt, und ned als Laufmädchen«, peitschte Rogellers Stimme durch den Raum. »Wenn der Thomas ein Bier will, soll er sich's selbst holen.«

»Bring mir eine Halbe mit, Thomas«, bat Peter.

»Und mir auch«, rief Michael hinter dem Altknecht her.

Gabi stand jetzt auch auf und räumte das Geschirr ab. Liesl half ihr ungefragt und wischte zuletzt noch den Tisch sauber.

»Des muss aber ned sein«, wehrte Gabi ab. »Ich komm schon mit meiner Arbeit zurecht.«

»Das glaub ich dir gern«, erwiderte Liesl fröhlich. »Aber weißt du, ich hab in den letzten Jahren alleweil der Sabine geholfen. Da bin ich's halt gewohnt, mit anzupacken.«

»Ich sag dir auf alle Fälle dank schön«, erwiderte Gabi und schaltete die Spülmaschine an. »Gott sei Dank muss ich das Geschirr von sechs Leuten ned mit der Hand spülen. Das wär doch ein bisserl viel Arbeit!«

»Sieben Leut. Du hast nämlich unseren Schatz vergessen«, berichtigte Liesl sie und zauberte einen Schokoriegel für Christa aus der Tasche.

»Aber das braucht's doch ned«, wandte Gabi ein, während Christa den Schokoriegel schnell ergriff und hinter ihrem Rücken versteckte.

»Das braucht's schon«, erwiderte Liesl lachend. »Weißt du, in den letzten Jahren war's alleweil ein bisserl düster bei uns auf dem Hof. Da kommt mir dein Dirndl wie ein lang vermisster Sonnenstrahl vor.«

»Ich freu mich, dass wenigstens ein Mensch auf diesem Hof die Christa mit offenen Armen empfängt. Der Bauer scheint mir nämlich ned grad begeistert von ihr zu sein.«

»Da darfst du dir nix draus machen. Der Rogeller ist halt einmal ein wengerl harsch. Aber sonst ist er ned unrecht«, verteidigte Liesl den Bauern.

»Das hört man alleweil gern«, meinte da der Rogeller mit einem gewissen Spott. Zum zweiten Mal an diesem Tag war er völlig unbemerkt in die Küche gekommen und hatte Liesls Worte gehört. Die Magd sah aus, als wolle sie am liebsten im Fußboden versinken. Dabei wirkte der Bauer weniger böse als amüsiert.

»Komm, schraub dein Kinn wieder hoch, sonst fällt's noch ganz ab«, witzelte er und wandte sich dann Gabi zu. »Du wirst ja sicher wissen wollen, was du auf dem Hof zu tun hast und was du dafür als Lohn bekommst. Wir können in mein Büro gehen und dort reden. Aber wir können auch hierbleiben und eine Tasse Kaffee dabei trinken?«

Gabi schoss an den Schrank und kam mit zwei Tassen zurück. Während sie einschenkte, beobachtete sie den Bauern mit heimlicher Anspannung. Sein Gesicht wirkte immer noch wie aus Stein gehauen, aber der Blick seiner Augen war nicht mehr so ablehnend wie vorhin.

»Gib dem Dirndl auch was zum Trinken«, forderte er sie auf, als sie sich setzen wollte. Gabi gehorchte rasch und reichte Christa ein Glas Saft hin. Die Kleine nahm es dankbar an und folgte dann Liesl ins Freie.

»Gut erzogen ist sie ja«, begann der Bauer das Gespräch.

»Ned alleweil. Aber dafür ist die Christa ja noch ein Kind. Und Kinder sind halt manchmal ein bisserl lebhaft«, erwiderte Gabi leise.

»Ich mag's halt ned, wenn Kinder ungezogen sind«, erklärte Rogeller kühl. »Aber ich wollt mich mit dir ned übers Dirndl unterhalten, sondern über dich. Es hat mir übrigens gut gefallen, dass du gleich angepackt hast, als du gekommen bist. Es zeigt, dass du Pflichtgefühl hast und eigenverantwortlich arbeiten kannst. Vor allem das Letztere ist mir sehr lieb. Die Sabine, unsere alte Haushälterin war zwar ein liebes Weiberl, aber sie hat wegen jedem, äh ... Glumpp bei mir nachgefragt. Ich hab aber genug andere Arbeit am Hals, als dass ich mich darum auch noch kümmern kann.«

»Und wie soll das Ganze vor sich gehen?«, fragte Gabi gespannt.

»Du kochst, wäschst und hältst das Haus sauber. Wenn irgendwas kaputt geht, kannst du den Mechaniker holen. Bloß bei Neuanschaffungen möcht ich gefragt werden.«

»Du setzt aber viel Vertrauen in mich. Da könnt ich ja leicht einiges in die eigenen Taschen wirtschaften«, meinte Gabi verwundert.

»Du wirst ja wohl ein Haushaltsbuch führen können«, entgegnete der Mann kühl. »Ich werd's einmal im Monat kontrollieren. Glaub mir, dass ich mich damit auskenn, denn ich hab für die Sabine die Buchhaltung gemacht.«

»Ich will damit um Gottes willen ned gesagt haben, dass ich was abzweigen möcht«, rief Gabi, die in seiner Stimme ein gewisses Misstrauen herauszuhören glaubte.

»Das nehm ich auch ned an. Aber ...«

»Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das hat schon der Lenin gesagt«, meinte Gabi lachend.

»So krass will ich das nicht sagen«, warf der Bauer ein. »Aber jetzt zu deinem Lohn!« Er nannte Gabi eine Summe, die sich sehen lassen konnte. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig, genug verwundertes Staunen zu zeigen, um ihn nicht misstrauisch zu machen.

»Und wie viel Kostgeld soll ich für mein Dirndl zahlen?«, fragte sie dann.

»Kostgeld?« Der Bauer zog irritiert die Stirn kraus. »Wieso Kostgeld? So ein kleines Hascherl isst doch kaum was. Wenn sich mein Hof das nicht mehr leisten kann, dann kann er sich auch keine Haushälterin mehr leisten.«

»Dann sag ich dank schön«, meinte Gabi und wusste nicht so recht, was sie von dem Mann halten sollte, der in einem Augenblick übermäßig streng und im nächsten direkt großzügig sein konnte.

»Ist schon gut«, tat er ihren Dank mit einer Handbewegung ab. »Wenn du einkaufen fährst, kannst du dem Dirndl auch eine Tafel Schokolad oder ein paar Guatln mitbringen. Daran wird der Hof gewiss ned zugrunde gehen.«

»Aber ...«, stotterte Gabi.

»Jetzt unterbrech ich dich«, fiel ihr Rogeller ins Wort. »Nachdem du den Erzkommunisten Lenin zitiert hast, will ich mit einem Bibelwort darauf antworten. Da heißt's nämlich, du sollst dem Ochsen, mit dem du drischst, ned das Maul verbinden.«

»Dank schön für das Kompliment.« Gabi hätte sich am liebsten in die Zunge gebissen, aber sie hatte den Satz beinahe schneller ausgesprochen als gedacht.

Der Bauer lachte jedoch nur kurz auf und fuhr dann in geschäftsmäßigem Ton fort. »Beim Frühjahrsputz und allen größeren Sachen wird dir die Liesl zur Hand gehen. Wenn's im Haus was zu renovieren gibt, macht das der Peter. Der war früher Maurer, bis seine Firma zusammengekracht ist und er keinen neuen Posten mehr gefunden hat. Er kann auch weißeln, tapezieren und zur Not auch Elektrokabel und Rohre verlegen. Allerdings hol ich da lieber einen Fachmann aus der Stadt dafür. Und dann noch was. Ich seh's ned gern, wenn meine Leut ins Dorf gehen und mit den Hiesigen reden. Außerdem wird mir in der Kramerei Feistl ned eingekauft, ist das klar?«

Diese Einschränkungen waren nun nicht gerade das, was Gabi bei ihren Plänen brauchen konnte. Obwohl es ihr nicht leichtfiel, Rogeller herauszufordern, schüttelte sie ablehnend den Kopf. »Damit bin ich ned einverstanden. Ich hab mir nie ein Pflaster auf den Mund pappt, wenn mich jemand freundlich angeredet hat, und hab's auch ned vor, es in Zukunft zu tun. Und was das Einkaufen betrifft, so will ich ned wegen jedem Packerl Backpulver, das mir grad fehlt, gleich in die Stadt fahren müssen, wenn ich bloß ein paar Schritt ins Dorf gehen muss!«

Damit hatte sie ihm den Fehdehandschuh hingeworfen. Sie sah, dass er an ihren Worten zu kauen hatte und machte sich auf eine schroffe Ablehnung gefasst.

Rogeller atmete einmal tief durch und hätte ihr am liebsten gesagt, dass sie sofort wieder gehen könne. Doch er brauchte dringend eine Haushälterin, und bis er eine neue fand, würden wieder zwei, drei Wochen vergehen. Dies konnte und wollte er seinen Leuten nicht zumuten. Außerdem war irgendetwas an dieser jungen Frau, das es ihm unmöglich machte, sie so einfach wegzuschicken.

»Es ist mir klar, dass ich dir und meinem ganzen Gesinde ned verbieten kann, auf einen freundlichen Gruß zu antworten. Auch wär's in deinem Fall wirklich Blödsinn, wenn du wegen jeder Kleinigkeit in die Stadt fahren müsstest. Aber du kaufst mir nur dann im Dorf ein, wenn's ned anders geht«, antwortete er mit sichtlich beherrschter Stimme.

Gabi starrte den Mann im ersten Augenblick verwundert an. Dem schmerzerfüllten Blick seiner Augen konnte sie entnehmen, wie viel Überwindung ihm diese Worte gekostet hatten. Dennoch wusste sie nicht, ob sie endgültig gesiegt hatte, oder die eigentliche Entscheidung nur aufgeschoben war. Auf alle Fälle hütete sie sich, noch irgendetwas in dieser Sache zu sagen.

»Du hast mir zwar meinen Lohn genannt, Bauer, aber ned gesagt, wie viel ich für den Haushalt krieg«, fragte sie, um von dem etwas heiklen Thema abzulenken. Der Rogeller nannte ihr die Summe und überraschte sie damit erneut.

»Das ist ned grad wenig. Eine Haushälterin, die es drauf anlegt, könnt sich hier ein schönes Taschengeld machen«, entfuhr es ihr.

»Ich hab dir schon gesagt, dass ich mir dein Haushaltsbuch anschau«, erwiderte Rogeller gelassen und zog seine Geldbörse heraus. »Wir haben heut zwar schon den Zehnten. Aber du wirst gewiss ein paar Sachen nachkaufen müssen«, erklärte er, während er ihr die volle Summe auf den Tisch zählte. Wenn du mehr brauchst, dann sag mir's. Heimlichkeiten mag ich ned!"

»Ich glaub, dass ich damit auskomm«, erklärte Gabi und nahm das Geld entgegen.

»Damit ist für heut alles besprochen. Bloß noch eins. Das Frühstück gibt’s bei uns im Sommer um sieben und im Winter um acht Uhr. Mittag wird um zwölfe gegessen, Nachmittag um vier ist Brotzeit und um sieben das Nachtmahl.« Mit diesen Worten stand Rogeller auf und verließ mit schweren Schritten die Küche.

Gabi sah ihm kopfschüttelnd nach. Rogeller war wirklich etwas eigenartig, aber nicht unrecht, dachte sie und drehte sich zu Christa um, die gerade noch rechtzeitig in die Küche zurückgekommen war, um die letzten Worte des Bauern zu hören.

»Warum sind wir eigentlich da hergekommen, wo die Leut so unfreundlich sind?«, beschwerte sich die Kleine.

»Jetzt tust du aber der Liesl unrecht. Die hat dir doch sogar ihre eigene Schokolad gegeben«, wandte Gabi ein.

»Gegen die Liesl hab ich ja nix. Auch ned gegen den Thomas. Aber gegen den Bauern«, erklärte Christa mürrisch.

»Aber, Spatzerl. Der Bauer hat mir extra angeschafft, dass ich dir eine Schokolad mitbringen soll, wenn ich einkaufen geh! Also kann er ned unfreundlich sein.«

»Ich mag ihn aber trotzdem ned«, beharrte Christa auf ihrer Meinung und stürzte Gabi damit in Verlegenheit.

»Wenn du ihn besser kennenlernst, wirst du ihn gewiss mögen«, seufzte sie ohne viel Hoffnung, da sie den Sturschädel der Kleinen kannte.

»Tante Gabi, komm, fahren wir heim!«, bettelte das Kind auf einmal. Gabi blickte sich erschrocken um und atmete erleichtert auf, als sie niemanden auf dem Flur sah.

»Du sollst mich doch ned Tante nennen«, raunte sie Christa ins Ohr. »Für die Leut auf dem Hof bin ich deine Mama!«

»Meine Mama ist im Himmel beim Christkindl, hat mir die Oma Burgl erzählt«, widersprach das Mädchen und blickte Gabi dabei trotzig an.

»Weißt du was, Christa. Du bist heut gar kein braves Dirndl ned«, schnaubte Gabi gleichermaßen besorgt und wütend.

»Wenn wir wieder heimfahren, bin ich gleich wieder brav«, versprach das Mädchen listig.

»Ein paar Wochen müssen wir schon dableiben«, erwiderte Gabi und sah die Kleine bittend an. »Versprich mir, dass du zu den anderen ned sagst, dass ich ned deine Mama bin!«

»Also gut, ein paar Wochen bin ich brav«, versprach Christa. Es war zwar nur ein kleiner Sieg, denn spätestens in zwei Tagen würde sie fragen, ob die paar Wochen noch nicht um wären. Für den Augenblick war Gabi jedoch zufrieden und gab der Kleinen einen Kuss.

*

Das Frühstück am anderen Morgen riss sogar Rogeller zu einem Lob hin. »Gut hast gekocht, Gabi. So mag ich's!«

Gabi nahm seine Worte so hin, wie er sie gesagt hatte. Auch Liesl und die beiden Knechte dachten sich wenig dabei. Thomas sah jedoch überrascht zu seinem Bauern hin. Dabei streifte sein Blick Christa, die erneut das gleiche, trotzige Gesicht zeigte, das er von Rogeller kannte, als dieser noch der kleine Martin gewesen war.

Sichtlich irritiert musterte der Altknecht jetzt auch Gabi und schließlich den Bauern. Wer sich nicht auskennt, könnte direkt den Rogeller für den Vater halten, dachte er und überlegte für einen Augenblick, ob Christa das Ergebnis einer Zufallsbekanntschaft zwischen seinem Bauern und Gabi sein konnte. Doch dann schüttelte er den Kopf. Rogeller hätte ein Mädchen, mit dem er eine Nacht verbracht hatte, mit Sicherheit wiedererkannt. Thomas mochte jedoch nicht an eine zufällige Ähnlichkeit glauben. Schließlich war die Kleine genau in dem Alter, um das Kind von Rogellers toter Frau Anna sein zu können.

Bei diesem Gedanken zuckte der Knecht zusammen und ließ vor Überraschung die Gabel fallen.