Daxxel - Die Trilogie (Eobal, Habitat C & Meran) - Dirk van den Boom - E-Book
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Daxxel - Die Trilogie (Eobal, Habitat C & Meran) E-Book

Dirk van den Boom

5,0

Beschreibung

Casimir Daxxel, der junge Konsul der Galaktischen Akte auf der Randwelt Eobal, hat es nicht leicht: Er wird von allen gehasst und sein Job ist mühsam. Als er eines Morgens die Leiche seines einzigen Freundes, des turulianischen Botschafters Dhloma, im Foyer seines Konsulats findet, beginnen die Probleme erst richtig. Er wird mit Dingen konfrontiert, die er sich niemals hätte träumen lassen: Galaktopolitische Spannungen, reizende Echsenfrauen, korrupte Polizeichefs, höchst gefährliche Drogengeschäfte und mehrere Versuche, ihn vom Leben zum Tode zu befördern. Daxxels einzige Verbündete ist die Marinesoldatin Josefine Zant, offiziell für die Sicherheit des Konsulats verantwortlich, aber offenbar vielfältiger begabt. Als schließlich auch noch Söldner, Kampfkreuzer und sehr seltsame Verwandtschaftsverhältnisse dazu kommen, spürt der junge Diplomat, dass er mit dieser Situation offenbar leicht überfordert ist ... Dieses eBook enthält alle drei Casimir-Daxxel-Romane von Dirk van den Boom ("Eobal", Habitat C" und "Meran"). Die Romane sind auch einzeln als Paperback überall im Handel, als Hardcover direkt beim Verlag und als eBook überall im Handel erhältlich.

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Seitenzahl: 967

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Inhalt

Band #01: Eobal

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Band #02: Habitat C

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Band #03: Meran

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Dirk van den Boom

Daxel – Die Trilogie

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg August 2018 Titelbild: Tony Andreas Rudolph Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-624-9 Diese Romane in diesem Band sind auch einzeln als Hardcover direkt beim Verlag und als Paperback und E-Book überall im Handel erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Band #01: Eobal

Kapitel 1

Normalerweise war Henzschcot Dhloma ein recht fröhlicher Oktopoid. Daxxel schätzte seinen Humor, seine fast schon instinktiv guten Manieren und die Tatsache, dass er selbst im diplomatischen Albtraum von Eobal immer die Ruhe bewahrte.

Unglücklicherweise war Dhloma in seinem derzeitigen Zustand nicht so fröhlich wie sonst und das würde sich wahrscheinlich auch nie mehr ändern. Daxxel starrte auf den gebrochenen Schädel seines Freundes. Ihm war übel.

Es war früh am Morgen. Daxxel hatte gerade das elektronische Schloss seines kleines Konsulates geöffnet – als einziger organischer Mitarbeiter war dies seine Pflicht – und im Foyer den leblosen Körper Dhlomas vorgefunden, mit Blut bedeckt, stinkend wie ein toter Fisch, der er in gewisser Hinsicht ja auch war.

Daxxel hatte so etwas noch nie gesehen, und sein Magen revoltierte genauso wie sein Kopf. Seine Emotionen waren ein Chaos, Panik kämpfte mit Ratlosigkeit, und die Stimme der Vernunft, auf die sich der junge Diplomat immer so viel eingebildet hatte, versuchte eine Weile nur vergeblich, an die Oberfläche seines Verstandes vorzudringen. Nach einigen Minuten setzte sie sich jedoch mit einigen deutlichen Worten durch, die Daxxel aus seinem tranceähnlichen Zustand lösten und seinen Pragmatismus wieder an Kraft gewinnen ließen.

Er holte trotz des Gestanks tief Luft, wandte sich ab, betrat das Büro und aktivierte Nero, den mechanischen Mitarbeiter des Konsulats. Es handelte sich um einen konisch geformten Metallkörper mit einem fast menschlichen Kopf, der aus Elastoplast bestand und in der Lage war, seinen Gesichtsausdruck den Gewohnheiten verschiedener Spezies anzupassen. Nero war vor allem als Rezeptionist tätig, da kam diese Fähigkeit oft gelegen, wenngleich sich der Publikumsverkehr hier bisher doch sehr in Grenzen hielt.

Niemand auf Eobal mochte die Terraner.

Der Roboter summte, drehte seinen Kopf und sagte mit seiner angenehmen Stimme: »Guten Morgen, Konsul. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«

»Leidlich«, grunzte Daxxel. »Aber dieser Morgen gibt mir den Rest.«

Nero blinzelte mit seinen menschenähnlichen Augen. »Sir?«

»Geh ins Foyer. Berühre nichts. Zeichne alles auf. Ruf Eobal Security an und informiere sie, dass es einen Mord gegeben hat.«

»Mord?« Daxxel hatte schon immer eine Abneigung gegen diese Protokollroboter gehabt – vor allem gegen ihre Manierismen. Anstatt einen klaren Befehl auszuführen, mussten sie bisweilen ihre Quasi-Intelligenz durch unnötige Nachfragen unter Beweis stellen.

»Mach es einfach!«

Nero gehorchte.

Daxxel setzte sich, verbarg sein Gesicht in den Händen. Für einen Moment überwältigte ihn wieder das Gefühl des Verlustes und er drohte erneut in Starre zu versinken. Seit er vor sechs Monaten sein Amt angetreten hatte, war Dhloma das einzige Lebewesen in dieser generell feindlichen Umgebung gewesen, mit dem er sich einigermaßen normal und ohne Misstrauen hatte unterhalten können. Das lag nicht nur daran, dass Turulia und die Galaktische Akte seit Jahrzehnten enge Verbündete waren, sondern vor allem an der für beide Diplomaten vergleichbar frustrierenden Situation auf diesem Planeten. Eobal war eine entfernte Randwelt und ein Handelszentrum für Produkte und Dienstleistungen, die sowohl auf der Erde, der Hauptwelt der Akte, wie auch auf Turulia als illegal angesehen wurden, und so stießen sie hier nur auf Verdächtigungen, Abneigung, Misstrauen und Ignoranz. Ihre Lage wurde noch dadurch verschlimmert, dass das Kalifat deutlich größere Sympathien genoss, was hübsch mit der Tatsache kontrastierte, dass es gegen Terra über kurz oder lang in den Krieg ziehen würde. Das war nur noch eine Frage der Zeit. Nicht von Tagen oder Wochen, aber ganz sicher auch nicht von Jahren.

Nun war Dhloma tot. Ermordet. Er hatte sich den Schädel sicher nicht selbst zertrümmert; um das festzustellen, musste man kein Kriminalist sein. Aufgefunden im Foyer von Daxxels Konsulat. Das gab diesem Vorfall seine besondere Note. Daxxel war in jeder Hinsicht erschüttert. Es half nicht, dass Nero zurück ins Büro gesummt kam und erklärte: »Er ist tot, Konsul!«

»Oh ja, sagte ich das nicht?« Daxxel seufzte. »Der Sicherheitsdienst?«

»Sie werden bald jemanden schicken.«

»Großartig …«

Eobals Polizeikräfte waren für die gleichen Tugenden bekannt wie die hiesige Regierung: Korruption, Faulheit, Inkompetenz und Arroganz. Kriminalität war Alltag auf Eobal und es kümmerte niemanden. Die Tatsache, dass man sich überhaupt bequemte, jemanden zu entsenden, hatte mehr mit grundsätzlichen politischen Überlegungen zu tun als mit einem ernsthaften Interesse an der Auflösung eines Mordfalles und der Jagd nach einem Täter. Dies war immerhin das Konsulat der Akte. Die Gelegenheit, auf Kosten Terras ein wenig dreckige Wäsche zu waschen, würde man sich hier keinesfalls entgehen lassen. Da rieben sich einige schon die Hände.

»Haben Sie ihn getötet?«, fragte Nero.

Daxxels Blick fuhr nach oben. Er schaute in das absolut unschuldige Gesicht seines Mitarbeiters, schüttelte den Kopf und sagte mit dünner Stimme: »Nein. Habe ich nicht. Verdammt, Nero, ich bin sicher die letzte Person, die den armen Dhloma töten würde.«

»Eobal Security könnte anderer Ansicht sein.«

Der Roboter, den seine Quasi-Intelligenz in die Lage versetzte, gewisse logische Kausalketten auch auf der Basis eigener Erfahrungen zu bilden, hatte nicht unrecht. Die hiesige Regierung mochte zu der Schlussfolgerung kommen, dass sich dieser Zwischenfall politisch nutzen ließ, um alte Freunde zu entzweien. Und wenn nicht Eobal auf diesen Gedanken kam, dann sicherlich Meran. Mit einem Mal fühlte sich Daxxel noch schlechter. Die mögliche Folge von Ereignissen, die sich nun anschließen konnte, war ebenso erschreckend wie deprimierend.

Er wollte nicht zurück ins Foyer, aber als das elektronische Läuten einen Besucher ankündigte, schluckte er seinen Ekel hinunter. Er bemühte sich, nicht zu Boden zu blicken.

Als er an der Leiche des Oktopoiden vorbei war, legte er die Hand auf den Knopf des Öffnungsmechanismus und fragte sich, wie Dhloma – oder dessen Mörder – wohl in das Innere des Konsulats gekommen sein mochte, ohne die Tür aufzubrechen. Soweit Daxxel wusste, besaß jedenfalls nur er selbst den Öffnungscode – und vielleicht noch das Außenministerium auf der sehr weit entfernten Erde. Spuren von Gewalteinwirkung waren ihm nicht aufgefallen.

Daxxel setzte zur Begrüßung des erwarteten Polizisten ein Lächeln auf – Eobali waren menschlicher Abstammung und verstanden diese Mimik –, doch als die Tür aufglitt, gefroren seine Bewegungen förmlich.

Anstatt in das Gesicht eines Polizisten blickte er auf eine tadellos uniformierte junge Frau. Sie nahm Paradehaltung an und salutierte. Mit Verzögerung erkannte Daxxel, dass ihm die Uniform durchaus vertraut war. Die junge Frau war, wenn er sich nicht irrte, eine Sergeantin der terranischen Marineinfanterie.

»Oh nein – ich hatte Sie völlig vergessen!«, rief er aus, bevor die Frau etwas sagen konnte. »Sie sind mein Leibwächter!«

Die Uniformierte schien für einen Moment aus dem Gleichgewicht gebracht, nahm sich aber sofort zusammen und erwiderte mit klarer Stimme: »Sergeant Josefine Zant, Marineabordnung zum terranischen Konsulat auf Eobal, meldet sich zum Dienst, Sir.«

Daxxel nickte. Die sich verstärkenden Spannungen zwischen Meran und der Erde hatten zu der Entscheidung geführt, diplomatische Missionen effektiver zu schützen, selbst sein kleines, unbedeutendes Konsulat. Er hatte es wirklich vergessen, vor allem die Ankunftszeit. Die Ankündigung war allerdings auch schon vor zwei Monaten gekommen. Nero hätte ihn erinnern sollen.

»Kommen Sie herein. Sie sind zu spät.«

»Zu spät? Meine Ankunft war für heute –«

»Zu spät, um dies zu verhindern.«

Daxxel trat zur Seite und gab den Blick auf die Leiche frei. Die Sergeantin starrte auf den leblosen Körper.

Echte Selbstbeherrschung, dachte Daxxel, der in das ovale, angenehm gezeichnete Gesicht der Soldatin sah.

»Er ist tot«, sagte sie bestimmt.

Daxxel seufzte erneut. »Es ist immer wieder schön, mit kompetenten Leuten zusammenzuarbeiten.«

Sergeant Zant ließ sich offenbar auch durch Sarkasmus kaum beeindrucken.

»Ich habe den Exobiologie-Kurs auf der Diplomatenakademie mit Auszeichnung bestanden, Konsul. Dieser Turularier starb durch Ersticken.«

»Er starb aufgrund eines schweren Schädelbruches.«

»Nein, als ihm das Trauma zugefügt wurde, war er bereits tot.«

Das weckte nun doch Daxxels Interesse.

»Tatsächlich?«

»Ja, Sir. Darf ich?«

Zant wartete die Antwort nicht ab und kniete nieder. Sie zeigte auf einen der acht Tentakel des Toten. »Sehen Sie die grünliche Verfärbung an der Spitze?«

»In der Tat«, murmelte er. Dhlomas normale Hautfarbe war blau, in verschiedenen Tönungen. Daxxels Unbehagen, sich die Leiche genau anzuschauen, hatte ihn davon abgehalten, diese Veränderung zu bemerken. Abgesehen davon, dass sie ihm auch nichts gesagt hätte.

»Ein Anzeichen für Erstickungstod«, erklärte die Soldatin. »Die Tentakel verändern ihre Farbe, wenn Sauerstoffmangel eintritt.«

»Wie zum Beispiel nach einem Schädelbruch.«

»Nein. Wäre er daran gestorben, hätten sich die Tentakel nicht verfärbt. Das Gehirn muss physisch intakt bleiben, um den Effekt der Farbänderung hervorzurufen. Er ist das Ergebnis eines chemischen Prozesses im Hirnareal direkt hinter der Stirn. Dieses Gehirn hier ist erheblich beschädigt.«

Sie zeigte auf die zermalmte graue Masse, durchsetzt mit Knochen und Blut.

»Er war bereits tot, bevor dies eintrat.«

Daxxel nickte. Diese Frau war clever. Er glaubte ihr jedes Wort. Sie strahlte die Selbstsicherheit aus, an der es ihm zurzeit mangelte.

»Ich entschuldige mich für meine Bemerkungen«, sagte er schließlich. »Ich habe ihn gerade gefunden. Er war ein Freund.«

Zant stand wieder auf, Mitleid in den grauen Augen. Und ein wenig Besorgnis.

»Das tut mir leid, Konsul. Soll ich mich zurückziehen?«

»Das tut mir leid, Sergeant, weil Sie hierbleiben müssen. Die hiesige Polizei wird jede Minute eintreffen und es scheint, dass Sie ein Gehirn in Ihrem Kopf haben. Ich brauche Sie, obgleich ich Ihnen keinen freundlichen Empfang bereiten konnte. Die Kriminalisten hier sind …«

»… völlig inkompetent«, vervollständigte Zant. »Ich bin umfassend informiert worden. Dies ist mein erster Einsatz im diplomatischen Dienst. Ich wollte so gut wie möglich vorbereitet sein.«

»Dann haben wir etwas gemeinsam.« Daxxel sah sich das Gesicht der jungen Frau genauer an. Ihre Augen waren eisgrau und lagen unter einer makellosen Stirn. Ihr dunkelbraunes Haar war kurz, aber nicht zu kurz, und berührte sacht ihre Ohren. Ihre Nase war dünn, ganz leicht nach oben gerichtet, aber absolut symmetrisch. Die wohlgeformten Lippen schienen einen Kuss geradezu herauszufordern. Sie hatte kleine Lachfältchen um die Augen und in den Mundwinkeln. Sie lacht gerne, stellte Daxxel mit plötzlicher Freude fest. Seine bisherigen Erfahrungen mit Marinesoldaten waren oberflächlich gewesen; er hielt nicht allzu viel vom Militär. Zumindest, so ließ sich nach der kurzen Examinierung schließen, hatten sie ihm jemanden geschickt, der menschlich war.

»Exzellenz!«, begann Zant und wurde sogleich unterbrochen.

Daxxel schüttelte bestimmt den Kopf. »Nennen Sie mich nicht so. Sie können Exzellenz zu mir sagen, wenn ich außerordentlicher Botschafter im Kalifat geworden bin.«

»Wie Sie meinen, Konsul«, erwiderte sie mit einem Lächeln, das ihr ausnehmend gut stand. Sie hatte perfekte Zähne. »Was ich sagen wollte …«

Erneut durfte sie nicht ausreden.

Das Türsignal ertönte wieder. Daxxel verzog das Gesicht, warf Zant einen bedeutungsvollen Blick zu und drückte den Knopf.

Diesmal war es tatsächlich Eobal Security. Und sie erschien, wie Daxxel wenig erfreut erkennen musste, in nur allzu bekannter Gestalt. Commissioner Volgaan war nicht nur der Chef der Stadtpolizei, sondern auch der Neffe des derzeitigen Präsidenten Eobals. Unglücklicherweise war das auch schon die einzige Qualifikation, die er für die Position eines Commissioners bei Eobal Security mitbrachte. Um seine fehlende berufliche Kompetenz auszugleichen, hatte Volgaan die Prinzipien der Polizeikräfte auf Eobal bis zur Perfektion verinnerlicht. Daxxel war ihm bisher zweimal begegnet, nur flüchtig bei offiziellen Empfängen. Aber in seiner allgemeinen Einschätzung und nach dem, was er über ihn gehört hatte, war der kleine Mann mit dem Kahlkopf und den wässrigen Augen, sehr diplomatisch ausgedrückt, nichts weiter als ein absolutes Arschloch.

Volgaan deutete eine Verbeugung an und lächelte.

»Exzellenz!«, rief er mit ganzer Kraft. »Ich habe die Nachricht erhalten und bin sofort hierher geeilt. Mein bestes Untersuchungsteam wird in Kürze eintreffen, aber ich wollte mir einen eigenen Eindruck verschaffen.«

Daxxel zwang sich, das Lächeln zu erwidern.

»Meinen aufrichtigen Dank, Commissioner.«

»Ich habe erfahren, dass der Tote ein guter Freund von Ihnen war. Mein Beileid.«

»Sehr freundlich«, erwiderte Daxxel. »Wünschen Sie den Tatort in Augenschein zu nehmen?«

Volgaan zögerte. Natürlich hatte er nicht die leiseste Absicht, ernsthaft zu arbeiten; er war nur auf der Suche nach Amüsement und berichtenswerten Umständen, die sein Onkel vielleicht politisch ausschlachten konnte. Sein Blick fiel auf Josefine Zant in ihrer makellosen Uniform. Der nonchalante Ausdruck in seinem Gesicht verschwand und machte Misstrauen Platz. Daxxel ergriff die Gelegenheit.

»Darf ich Ihnen meine gerade eingetroffene Abordnung der Marineinfanterie vorstellen, Sergeant Josefine Zant. Sergeant, dies ist Commissioner Theod Volgaan, Chef der Hauptstadtpolizei.«

Zant nickte höflich. »Es freut mich.«

»Marineinfanterie, hm?«

»Ja, Commissioner. Vom Bataillon des Diplomatischen Dienstes.«

»Habe einiges darüber gehört. Hart und fies, hm?«

Zant behielt ihre höfliche Haltung bei.

»Nur wenn nötig, Commissioner. Wir ziehen es vor, unsere Dienstzeit in Frieden zu absolvieren. Ich bin mir sicher, das ist auch in Ihrem Interesse.«

Volgaan lächelte ölig.

»Absolut; absolut, Sergeant. Ihre Pflichten sind durch diesen Vorfall nicht berührt, vermute ich. Sie sind mehr oder weniger eine Leibwache, nicht wahr?«

Die Art und Weise, wie er den Begriff verwandte, spiegelte seine »hohe« Meinung von der Soldatin wider. Zant zögerte eine winzige Sekunde.

»Ich nehme an allen Aktivitäten teil, bei denen ich die Sicherheit des Konsuls verbessern kann.«

Volgaan nickte.

»Ich verstehe, Sergeant. Sie haben offenbar ein wenig Zusatzausbildung genossen – über das Knochenbrechen hinaus.«

»Das Bataillon ist durchaus stolz auf die Breite seiner Ausbildung.«

»Gewiss«, intervenierte Daxxel schließlich. »Commissioner, wenn Sie sich selbst überzeugen wollen …«

»Oh, selbstverständlich.«

Volgaan gab sich nicht viel Mühe. Seine Bewegungen zeigten recht klar, dass er keine Ahnung von dem hatte, was er zu tun vorgab. Er »nahm in Augenschein«, und das für einige Minuten, dann enthob ihn die Ankunft seines Teams dieser schweren Bürde. Daxxel erwartete sich auch von den drei Neuankömmlingen nicht viel, aber immerhin zeigte ihre Vorgehensweise, schon wie sie ihre Ausrüstung aufbauten, dass sie zumindest den Hauch einer Ahnung von kriminalistischer Arbeit hatten.

Als der Leichentransport auftauchte und den Körper einsammelte, wurde Daxxel abermals an die Tatsache erinnert, dass sein einziger Freund auf dieser Welt tot war. Die unzeremonielle Beseitigung des Oktopoiden erinnerte ihn zudem an eine weitere traurige Pflicht.

Commissioner Volgaan verschwand endlich, als Letzter seines Teams. Dessen Untersuchung war kurz und oberflächlich gewesen, wie erwartet. Bevor er ging, versprach Volgaan noch, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um den Täter zu fassen. Dabei warf er bedeutungsvolle Blicke in Daxxels Richtung, die diesem nicht entgingen. Die politischen Spielchen hatten bereits begonnen, wie befürchtet.

Daxxel dankte ihm und wartete an der Tür, bis er sie hinter dem letzten Besucher schließen konnte. Er starrte auf die Blutspuren am Boden. »Nero, bitte kontaktiere die turulianische Botschaft. Lade Shali ein.«

Es verwunderte ihn kaum, dass das zweite organische Mitglied der turulianischen Botschaft noch nicht von selbst aufgetaucht war. Der Polizeichef hatte Dhlomas persönliche Sekretärin sicher bereits informiert, aber sie war nur eine Assistentin, zwar durchaus kompetent, jedoch nicht einmal autorisiert, für Dhloma die Geschäfte zu führen. Das bedeutete im Übrigen, solange Turulia keinen Ersatz schickte … Daxxel stellte fest, dass sich seine Probleme gerade potenzierten; andererseits konnte es sich als hilfreich erweisen … Er wischte den Gedanken fort.

Shali war allein und sicher verängstigt. Daxxel fühlte sich verpflichtet, etwas für sie zu tun. Außerdem wusste sie möglicherweise etwas, das ihm in dieser verfahrenen Situation weiterhelfen konnte.

Nero tauchte im Türrahmen auf.

»Konsul, Shali bestätigt Ihre Nachricht. Sie sagt, sie werde bald hier sein.«

Daxxel nickte und schaute Zant an.

»Irgendwelche Ideen in Bezug auf meine Sicherheit?«, fragte er trocken. Zant lächelte freudlos. Dann öffnete sie ihre rechte Hand.

»Sir, ich habe dies gefunden und entschieden, es vor Volgaans Leuten zu verbergen.«

Daxxel trat vor und starrte auf die kleine Schachtel. Er erkannte sie sofort. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

»Zharani-Perlen.«

»Ja. Sie müssen aus Dhlomas Tasche gerutscht sein, als er gefallen ist oder hingelegt wurde. Vielleicht fragen Sie das turulianische Personal danach.«

Daxxel machte ein undefinierbares Geräusch.

»Shali zu fragen, warum Dhloma eine Schachtel mit der stärksten und wirkungsvollsten Psychodroge des bekannten Universums bei sich trug, könnte sich als schwierig erweisen. Dieses Zeug ist sogar auf Eobal illegal! Mein Gott, wenn die Polizei hier überhaupt etwas tut, dann jagt sie Zharani-Dealer!«

Sergeant Zant zuckte mit den Achseln.

»Oder sie gehören dem Mörder.«

Daxxel betrachtete sie ruhig. In seinem Kopf formte sich ein Gedanke. Er würde ein Spielball der Ereignisse werden, wenn es ihm nicht gelang, so schnell wie möglich wieder etwas Initiative zurückzugewinnen. In diesem speziellen Fall konnte das nur eines heißen, und dafür benötigte er jede Hilfe, die er bekommen konnte.

Dann sagte er:

»Sergeant, darf ich Sie etwas fragen?«

»Sicher.«

»Wäre es nicht im Interesse der Sicherheit dieses Konsulats, den Mörder des Botschafters zu finden, vor allem, da er auf unserem exterritorialen Gebiet aufgefunden wurde?«

Zant sah ihn zögernd an.

»Das hat etwas für sich.«

»Lassen Sie den Quatsch, Sergeant. Werden Sie mir helfen? Ich werde die Untersuchung nicht einem Trottel wie Volgaan überlassen. Dhloma hat Besseres verdient.«

»Er war wirklich Ihr Freund.«

»Darauf können Sie wetten. Und es steht noch mehr auf dem Spiel: die Reputation der Akte in diesem Sektor. Eine schlampige Untersuchung kann uns in Misskredit bringen. Man wird Gerüchte ausstreuen, aus denen sich politisches Kapital schlagen lässt. Ich könnte diese Aufzählung noch um einige Punkte erweitern, aber letztlich läuft es auf eine einzige Frage hinaus: Machen Sie mit?«

Zant überlegte nur kurz. Wenn die Frage sie irritierte, ließ sie sich das nicht anmerken.

»Ich denke, es lassen sich Gefahrenmomente für die Sicherheit dieser Mission erkennen. Es könnte möglicherweise notwendig werden, geeignete Präventivmaßnahmen zu ergreifen.«

Daxxel betrachtete sie immer noch, diesmal aber kopfschüttelnd.

»Haben Sie Diplomatensprech auf der Akademie gelernt?«

»Ich versuche nur, Ihnen nachzueifern.«

War da so etwas wie ein abenteuerlustiges Funkeln in ihren Augen? Daxxel mochte es fast nicht glauben. Doch er nahm, was er bekam.

Er lächelte sein erstes echtes Lächeln an diesem Morgen.

»Dann lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen. Wenn wir es geschafft haben, sind Sie reif für eine Beförderung.«

Zant hob die Augenbrauen.

»Oder für eine unehrenhafte Entlassung, Exzellenz.«

Kapitel 2

Shali war, wie nicht anders erwartet, am Boden zerstört. Als sie sich im Empfangsraum des Konsulats auf einem ihrer Anatomie entsprechenden Stuhl niederließ, begann sie ohne Aufforderung wie ein Wasserfall zu reden. Anwesend waren Daxxel, Nero und Zant, in der Shali eine Geschlechtsgenossin sah, von der sich Verständnis erwarten ließ.

Shali war kompetent, wie Daxxel wusste. Dank seiner durchaus umfassenden Kenntnis über turulianische Gestik und Mimik vermochte er ihre psychische Verfassung einzuschätzen, die für andere vielleicht weniger auffällig war. Shali hatte sich für eine Turulianerin gut unter Kontrolle. Aber nun war sie die letzte verbliebene Botschaftsangehörige und außerdem hatte sie Dhloma sehr gern gehabt. Daxxel sah ihren Bewegungen die Verzweiflung und Traurigkeit an.

»Ich habe meine Regierung natürlich sofort benachrichtigt«, berichtete sie. »Ich bekam die Zusicherung, dass man in kürzestmöglicher Zeit einen Ersatz entsenden werde. Bis dahin wird meine Regierung Terra unter Bezug auf Kapitel XVI des gegenseitigen Freundschafts- und Kooperationsvertrages zwischen der Akte und Turulia um zeitweise Vertretung der turulianischen Interessen auf Eobal bitten. Ich denke, Sie werden in Kürze entsprechend benachrichtig werden. Ich wurde angewiesen, Sie in allem so gut wie möglich zu unterstützen.«

Daxxel nickte. Er hatte Entsprechendes erwartet und nahm die, wenngleich nur vorübergehende, Verleihung der Würde eines vollen Botschafters zur Kenntnis. Dieser Status mochte sich noch als hilfreich erweisen.

»Sie können uns in der Tat unterstützen, Shali«, meinte er ruhig. »Ich möchte helfen, dieses Durcheinander aufzuklären. Ich traue den Fähigkeiten von Eobal Security nicht viel zu.«

»Ich auch nicht.« Shali verschränkte ihre Tentakel ineinander. »Aber überschreiten Sie damit nicht Ihre Befugnisse?«

»Überlassen Sie diese Sorge mir. Ich genieße hier auf einer Randwelt ein nicht unerhebliches Maß an Autonomie.«

Shali fragte nicht nach, sie schien eher froh zu sein, dass jemand bereit war, etwas zu unternehmen. Daxxel war sich seiner rechtlichen Möglichkeiten nicht ganz so sicher, wie er es Shali gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Dass er über ein gerütteltes Maß an Handlungsfreiheit verfügte, daran bestand kein Zweifel. Ein Bericht von hier ins Außenministerium brauchte selbst bei guten Relaisverbindungen einen Tag. Eine Anweisung noch einmal die gleiche Zeit zurück. Es war daher notwendig, dem Personal auf Randwelten die Möglichkeit zu geben, auch ohne ausdrückliche Direktiven zu handeln. Ob eine eigenständige Morduntersuchung ebenfalls darunterfiel, wagte Daxxel nicht zu beurteilen, andererseits wäre es nicht das erste Mal, dass auf einer Randweltmission ein Präzedenzfall geschaffen wurde.

»Wann haben Sie den Botschafter das letzte Mal gesehen?« Zant stellte die erste Frage.

»Das wollten die Polizisten auch wissen«, antwortete Shali. »Und ich habe denen die Wahrheit gesagt. Ich habe Dhloma zuletzt gestern während der Bürozeit gesehen. Nach Dienstschluss bin ich in die Residenz gegangen, um mich für den Abend fertig zu machen. Ich war aus, in einer Show im Hochgartentheater.«

Daxxel kannte das Haus, es war einer der wenigen seriösen Orte in der Stadt, die gepflegte Unterhaltung ohne Hintergedanken anboten. Er war selbst bereits mehrere Male dort gewesen. Eine normale Abendbeschäftigung für diplomatisches Personal, weswegen man sich dort auch einigermaßen regelmäßig blicken lassen musste, um kein Misstrauen zu erregen.

»Wohin wollte Dhloma?«, fragte er.

»Das weiß ich nicht. Er war noch im Büro, als ich Feierabend machte.«

»Hat er irgendetwas gesagt?«

»Eigentlich nicht. Er wollte einiges an Papierkram erledigen. Ich bot ihm an zu bleiben, aber er kannte meine Pläne für den Abend und sagte, ich solle mich nur ruhig amüsieren gehen.«

Das klang nach Dhloma. Immer ganz der zuvorkommende Vorgesetzte.

»War er in irgendeiner besonderen Stimmung?«, hakte Zant nach.

»Dhloma war immer in irgendeiner Stimmung«, murmelte Daxxel. Shali schenkte ihm das turulianische Äquivalent eines Lächelns. Ihre Blicke kreuzten sich in gemeinsamer Erinnerung an einen toten Freund und seine Eigenheiten.

»Ja, er hatte immer irgendetwas, das ihn sichtlich bewegte. Und nein, es war nichts Besonderes, soweit ich das feststellen konnte.«

»Und die Tage vorher? Irgendetwas?«, insistierte die Sergeantin.

»Ihm ging es ganz gut die letzte Zeit«, ergänzte nun Daxxel. »Wir haben uns vor zwei Tagen zum Mittagessen getroffen. Es gab keinerlei Anzeichen, dass etwas nicht in Ordnung war.«

Shali machte eine zustimmende Geste. Zant schien sich mit turulianischer Gestik auch einigermaßen auszukennen, denn sie setzte die Befragung prompt fort.

»Passierte sonst etwas Ungewöhnliches? Gespräche? Anrufe? Unerwartete Besucher?«

Shali runzelte die Stirn auf Turulianisch.

»Nun, ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, aber gestern Nachmittag gab es einen kurzen Besuch des meranischen Botschafters. Er war nicht das erste Mal da, aber, nun ja, angesichts der schwierigen Beziehungen zwischen Turulia und dem Kalifat dürfte dieser Besuch zumindest … ungewöhnlich gewesen sein.«

»RagaNahir?«, fragte Daxxel leicht erstaunt.

»Höchstpersönlich.«

Der meranische Botschafter war für Daxxel natürlich kein Unbekannter. RagaNahir war nicht irgendjemand im Diplomatencorps des Kalifats. Er hatte gute Verbindungen zu den führenden Familien und galt als aufstrebender Champion der meranischen Politik. Daxxel und Dhloma hatten die möglichen Gründe dafür, dass jemand wie er auf einen relativ unwichtigen Posten wie Eobal versetzt wurde, lange diskutiert. Es war bei Spekulationen geblieben. Vielleicht sollte der an Jahren recht junge Meraner erst noch Erfahrungen sammeln und sich auf einer Randwelt bewähren, ehe er höhere Weihen erhielt. Daxxel war RagaNahir im Gegensatz zu Dhloma nie persönlich begegnet, sondern hatte ihn nur von Ferne auf diversen Empfängen gesehen. Für den Meraner war Daxxel als bloßer Konsul alles andere als gleichrangig. Obendrein war er ein Repräsentant der Akte, und das angesichts der Eiszeit in den Beziehungen zwischen Meran und Terra. RagaNahirs Besuch war bemerkenswert, da die Tulurianer enge Verbündete der Erde waren, kam aber nicht unbedingt überraschend. Meran versuchte seit geraumer Zeit, die Allianz zwischen Terra und Turulia auszuhöhlen. Warum nicht auch Eobal in die Strategie einbinden?

»Ich hätte von Dhloma erwartet, dass er mich darüber in Kenntnis setzt«, sagte Daxxel. »Kam RagaNahirs Besuch unangekündigt?«

Darüber brauchte Shali nicht nachzudenken.

»Nein, offensichtlich nicht. Ich habe es überprüft. Der Besuch war auf dem offiziellen Terminplan eingetragen, allerdings erst seit gestern Vormittag. RagaNahir kam am frühen Nachmittag, also muss er seine Verabredung am Morgen direkt mit dem Botschafter getroffen haben. Ich weiß es nicht, ich war mit einem Auftrag in der Stadt unterwegs.«

»Worum ging es bei dem Treffen?«, fragte Daxxel.

»Das weiß ich nicht. Ich habe Dhloma gefragt, aber er hat es als unwichtig abgetan. Er wirkte nicht besonders besorgt oder aufgeregt, also habe ich nicht weiter nachgefragt. Es geht mich ja im Grunde auch nichts an.«

Shali sagte das ohne Bitterkeit. Sie war eine Verwaltungskraft und besaß nicht die Ambition, große Politik zu machen. Sie wusste, was sie zu tun hatte und wo ihr Aufgabenbereich endete.

»Seltsam, sehr seltsam.«

Daxxel blickte gedankenverloren auf die holographische Sternenkarte an der Wand. »Wir müssen uns das näher anschauen, nicht nur wegen Dhlomas Tod. Es könnte sich um eine politische Sache von Brisanz handeln.«

»Oder zu einer werden«, murmelte Zant. »Wir könnten in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.«

Daxxel sah sie an.

»Wir sind bereits in Schwierigkeiten«, erwiderte er. »Wenn das Kalifat da mit drinhängt, dürfen wir bald mit hässlichen Entwicklungen rechnen. Dem können wir nicht entrinnen. Aber wir können das Problem vielleicht angehen, ehe es uns ins Gesicht springt.«

Zant nickte.

»Wenn ich helfen kann, gerne!« Shali klang jetzt etwas selbstbewusster. »Botschafter Dhloma war eine gute Person, ein freundlicher und fairer Vorgesetzter und sehr kompetent. Er hat es nicht verdient, so zu sterben. Er hat es nicht verdient, ermordet zu werden.«

Daxxel sah ins Leere. »Ich nehme seinen Tod persönlich, sehr persönlich. Nicht nur, weil er in meinem Konsulat getötet wurde. Vor allem, weil er mein Freund war.«

Es gab einen kurzen Moment der Stille, bis Daxxel sich auf seinem Stuhl drehte und an Nero wandte.

»Mach mir einen Termin mit der Botschaft des Kalifats. Ich bitte um eine Audienz bei Seiner Exzellenz RagaNahir.«

* * *

Iotan Helifek war ein Feigling. Er war schon immer einer gewesen und hatte nicht die Absicht, diese Haltung je zu ändern. Zum einen verdankte er ihr gleich mehrfach sein Leben. Helifek erfreute sich sehr seiner Existenz, zumal sein gewählter Broterwerb – professioneller Drogendealer – ein hinreichendes Einkommen produzierte und somit ein sehr komfortables Leben gewährleistete. Zum anderen hatte er als Feigling einen guten Grund, sich nicht selbst die sorgfältig manikürten Finger schmutzig zu machen. Für Aufträge im Bereich »Blut und Knochen« hatte er seine Leute und sie erledigten ihre Arbeit zu seiner Zufriedenheit. Obendrein war wichtig, dass im Falle eines Scheiterns stets Mechanismen vorhanden waren, die Schuld auf andere abzuwälzen. Auch das hatte er bereits mehrfach zu seinen Gunsten getan.

Heute war es anders.

Helifek saß hinter seinem Tisch in einem luxuriösen Sessel und betrachtete einen breitschultrigen Mann, der einen exquisiten Anzug am Leib und einen angewiderten Ausdruck im Gesicht trug. Allein schon die Tatsache, dass er sich mit seinem Besucher direkt, ohne den Filter seiner Handlanger, auseinandersetzen musste, machte ihn nervös. Sehr nervös. Der Feigling in ihm wollte schreien, aufspringen und wegrennen. Der Realist in ihm bestand darauf, zu bleiben und die Sache auszutragen, vor allem, da er wusste, dass es keinen Ort gab, an dem er sich verbergen konnte. Nicht, wenn die Interessen, die der Besucher repräsentierte, involviert waren.

»Das ist … sehr bestürzend.«

»In der Tat«, meinte der Besucher, der den Namen Carl trug. Zumindest wollte er so genannt werden. »Wir sind nicht zufrieden. Die Dinge entwickeln sich entgegen unserer Wünsche. Wer ist dafür verantwortlich?«

»Ich weiß es nicht.«

Carl starrte Helifek an. Er hatte kalte Augen, wie die eines Fisches. Helifek nahm an, dass er Kontaktlinsen trug, um die dahinter lodernden Höllenfeuer zu verbergen. Oder etwas vergleichbar Schlimmes.

»Ich kann das nur schwer glauben«, erwiderte Carl ruhig. Helifek hätte ein erkennbares Gefühl vorgezogen, irgendeines.

»Ich versichere Ihnen, ich weiß gar nichts. Shit, ich habe mit unserem Arrangement einen Haufen Geld verdient. Warum sollte ich einen Deal in Gefahr bringen, der mir in den letzten sechs Jahren ein Vermögen eingebracht hat? Da könnte ich doch gleich zurückfragen: Waren Sie das?«

Für einen Moment hatte Helifek Angst vor der eigenen Courage, dann aber stellte er fest, dass seine Worte durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

Carl starrte ihn zwar immer noch an, aber ihm war eine gewisse Verunsicherung anzumerken.

»Seien Sie nicht albern. Nehmen wir einmal an, ich würde Ihnen glauben.«

Helifek seufzte. Das lief besser als erwartet.

»Nur als Diskussionsgrundlage«, fügte Carl hinzu. Sofort war Helifek wieder angespannt. »Wenn Sie nicht dafür verantwortlich sind, wer dann?«

»Keine Ahnung. Eobal Security?«

Carl machte ein verächtliches Geräusch. Helifek glaubte es ja selber auch nicht. Die Sicherheitskräfte agierten maximal auf dem Niveau Kleinkrimineller. Selbst für die auf Eobal üblichen politischen Morde wurden im Regelfalle echte Profis engagiert. Eobal Security zeichnete sich eher dadurch aus, gegebenenfalls woanders hinzusehen.

»Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen glaube, sollten Sie versuchen, einen Beweis für Ihre Unschuld zu präsentieren«, insistierte Carl.

»Wie soll ich das bitte anstellen?«, rief Helifek.

»Ganz einfach. Finden Sie den Mörder des Botschafters.«

Nun war es an dem Dealer, sein Gegenüber anzustarren. »Sie können unmöglich … Das soll wohl ein Scherz sein!«

»Ich scherze nie, mein Freund. Meine Leute sind nicht zufrieden. Ich bin nicht zufrieden. Also sind Sie auch nicht zufrieden.«

Helifeks Gesichtsausdruck belegte diese These nachdrücklich.

Carl erhob sich und machte Anstalten zu gehen. »Und Sie werden nie wieder zufrieden sein, wenn Sie den Mörder nicht finden. Ich denke nach wie vor, dass Sie dafür verantwortlich sind. Sie überzeugen mich besser rasch vom Gegenteil, sonst sind Sie das nächste Opfer.«

Carl wusste, dass Helifek ein Feigling war.

Er verstand sich anscheinend sehr darauf, andere zu motivieren.

* * *

Die Botschaft des Kalifats war groß. Es mochte andere Möglichkeiten geben, sie zu beschreiben, als beeindruckend etwa oder als bombastisch, aber letztendlich war sie einfach nur groß. Daxxel hatte das Gebäude noch nie betreten, obwohl er schon ein gutes halbes Jahr im Amt war. Ein Konsul galt nichts neben einem richtigen Botschafter, jedenfalls nicht in den Augen des Kalifats. Aber da war er nun und versuchte, nicht allzu beeindruckt zu sein. Die himmelhohe Front aus importiertem Marmor – diese Schwäche teilten die Meraner mit den Terranern – schimmerte im Licht der Morgensonne. Daxxel empfand so etwas wie Ehrfurcht, dann aber auch Angst und Unsicherheit. Er kannte seine Grenzen. Als junger und im Großen und Ganzen unerfahrener Diplomat war er bestens dazu befähigt, umfassenden Schaden anzurichten, zumal im Umgang mit dem gefürchteten RagaNahir. Doch obgleich Daxxel sich dessen durchaus bewusst war, mangelte es ihm nicht an Entschlossenheit. Und er war allein gekommen.

Ohne Sergeant Zant. Einerseits hatte er ihr die Möglichkeit geben wollen, sich erst einmal ein wenig einzuleben. Andererseits wollte er sie nicht in Sichtweite der meranischen Botschaft haben, da die Marineinfanteristen der Akte auf der Hassliste der Meraner ganz oben standen. Die Meraner konnten eigentlich niemanden ausstehen, und die Elitestreitkraft des Erzfeindes schon gar nicht. Wie dem auch sei, Daxxel wollte Zant als Joker in der Hinterhand behalten, und obendrein war die selbstsichere Kompetenz der Soldatin ein Kapital, das es weise einzusetzen galt. Zumal sie hier ohnehin nichts ausrichten konnte.

Als Daxxel die Treppenstufen zum Hauptportal erklomm – und es handelte sich um ein richtiges zweiflügliges Portal –, bemerkte er Zants Kollegen von der meranischen Seite. Die aufrechten, reglosen Reptiloiden flankierten den Eingang anscheinend, ohne von Daxxel Notiz zu nehmen. Sie waren ähnlich beeindruckend wie das Gebäude, das sie bewachten. Beide Wachsoldaten trugen große Infanteriewaffen, von den Terranern gemeinhin »Fleischwölfe« genannt. Es handelte sich um eine sehr populäre Waffe innerhalb der meranischen Streitkräfte, da nach ihrem Einsatz, wenn richtig angewendet, weder Kämpfer noch Gebäude noch Fahrzeuge übrig waren. Daxxel kannte sich gut genug damit aus, um erahnen zu können, dass sie geladen waren. Meraner hielten nichts von zeremonieller Bewaffnung; wenn sie Vernichtungswerkzeuge trugen, dann mit der Absicht, sie nötigenfalls so effektiv wie möglich zu einzusetzen. Meraner verfügten trotz ihrer evolutionären Weiterentwicklung über Klauen und hatten ein dichtes rituelles Netz um diese natürlichen Waffen gewoben. An Zeremonialsäbeln oder dergleichen bestand daher kein Bedarf.

Daxxel betrat das Gebäude ebenso ungehindert wie zögerlich. Die Flügeltüren öffneten sich bei seiner Annäherung. Sie führten in eine große, kaum möblierte Halle. Marmorwände, Marmorboden, alles perfekt poliert, sauber bis hin zur Sterilität. Ein Tisch war zu sehen, auch er groß, aus ebenso poliertem dunklem Holz. Darauf nur ein kleines Computerdisplay. Hinter dem Tisch saß eine der wenigen Frauen, denen es erlaubt worden war, das Kalifat zu verlassen. Normalerweise lebten Meranerinnen ein abgeschirmtes Leben, isoliert von fast allen Bereichen der politischen Entscheidungsfindung. Sie übten im Kalifat eine erhebliche ökonomische Macht aus, überließen jedoch die Regierungsfragen den Männern. Außerhalb der Grenzen ihres Reiches bedienten sie sich zumeist vertrauenswürdiger Mitarbeiter aus Tributarstaaten, die in ihrem Namen verhandelten und Verträge abschlossen. Bisweilen entsandten sie auch Männer ihrer Heimatwelt als ihre Sprecher.

Aber beim Diplomatischen Dienst verhielt sich dies etwas anders. Die Meraner wussten nur zu gut, dass viele andere Spezies Frauen zumindest in untergeordneten Positionen erwarteten, einige Gesellschaften ihnen gleichwertige Stellungen einräumten, manche dem weiblichen Geschlecht sogar den Vorzug gaben. Es war natürlich ausgeschlossen, dass es wie etwa bei den Terranern, weibliche Botschafter gab. Aber angeblich hatten Frauen es in großen Botschaften des Kalifats bis zur Ebene der Assistenten geschafft. RagaNahir war dafür bekannt, den althergebrachten Traditionen wenig Respekt entgegenzubringen. Er verfolgte politische Ziele, und wenn es dafür notwendig war, über den eigenen kulturellen Schatten zu springen, dann tat er das auch.

Die hiesige Botschaft war, jedenfalls nach Maßstäben des Kalifats, eher klein. Vielleicht fünf oder sechs Angestellte im operativen Bereich und eine Infanterietruppe in Gruppenstärke, was bei den Meranern etwa 20 Soldaten entsprach. Selbst wenn sich Meran nur durch einen Konsul vertreten ließ, wie Daxxel einer war, gab es nie weniger als 20 Wachsoldaten. Jedes Mitglied seines Diplomatischen Corps verfügte ab einem gewissen Level über ein Offizierspatent. Meran hatte keinen Mangel an militärischem Personal, im Übrigen einer der Gründe für die wachsenden Spannungen mit der Erde. Also führte RagaNahir, Offizier des meranischen Militärs, das Kommando über 20 gut ausgerüstete und trainierte Männer. Daxxel, der sich nur verschwommen an das obligatorische Schusswaffentraining seiner Ausbildung erinnerte, verfügte über einen Marinesergeanten und war sich nicht einmal sicher, ob er diesen überhaupt »befehligte«. Niemand, so war sein Eindruck, »befehligte« einen Marinesergeanten richtig, manchmal nicht einmal ein höherrangiger Offizier.

Daxxel unterdrückte einen Seufzer und lächelte die Rezeptionistin an. Die Reptilienfrau besaß nach menschlichen Maßstäben eine seltsame Attraktivität. Meraner suchten ihr Personal sorgfältig aus. Für sie war diese Frau vielleicht sogar hässlich. Für menschliche Besucher auf einer von Menschen dominierten Welt wie Eobal galt sie aber als exotische, fremdartige Schönheit. Und die Meraner achteten auf solche Details, das machte sie gefährlich; RagaNahir ganz besonders.

»Botschafter Daxxel, wenn ich mich nicht irre«, sprach sie ihn mit einer erstaunlich melodiösen Stimme an, die sich vom üblichen Geknarze der Meraner deutlich unterschied.

»Konsul«, übte er sich in falscher Bescheidenheit. Er wusste es mittlerweile besser. »Nur Konsul Daxxel, bitte.«

Die Rezeptionistin blinzelte mit den Nickhäuten und versuchte zu lächeln, eine Mimik, für die sie allerdings nicht ausgestattet war.

»Ich werde Sie Seiner Exzellenz melden. Sie können dort drüben Platz nehmen. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?«

Daxxel lehnte freundlich ab und ging zu einer kleinen Sesselgruppe, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er setzte sich, legte die Beine übereinander und versuchte, sich zu entspannen. Es blieb bei dem Versuch. Glücklicherweise ließ RagaNahir ihn nicht lange warten. Nach wenigen Minuten machte die Rezeptionistin eine Geste in Daxxels Richtung. Er stand auf und trat näher.

»Seine Exzellenz ist nun bereit, Sie zu empfangen.«

»Vielen Dank.«

Sie erhob sich anmutig. Meranische Frauen hatten im Gegensatz zu Terranerinnen keine Brüste, sie säugten ihre Jungen – hier mehr Säugetiere als Reptilien – durch eine Reihe von Zitzen, die sich über den ganzen Bauch zogen und kaum anschwollen, aber da sie relativ große Eier legten, die einem irdischen Neugeborenen an Umfang gleichkamen, verfügten sie ebenfalls über ausladende Hüften. Diesbezüglich reagierten Meraner wie Terraner auf ähnliche sexuelle Schlüsselreize, und Daxxel hatte Mühe, seinen Blick von dem elegant schwingenden Hinterteil der Frau abzuwenden, als sie ihm voranging.

»Bitte folgen Sie mir. Hier entlang.«

Eine Treppe führte in den zweiten Stock – Meraner hatten eine Abneigung gegen Fahrstühle und verwendeten sie ausschließlich dort, wo es wirklich auf Geschwindigkeit ankam –, dann kam ein langer Gang, der in einem großen Vorraum endete. Hier waren die Wände nicht so schmucklos wie im Foyer. Gemälde zeigten Szenen aus der meranischen Geschichte. Die Darstellungen drehten sich zumeist um gewonnene Schlachten und erniedrigte Feinde. Gern wurden auch blutige Waffen und abgetrennte Gliedmaßen gezeigt. Es entstand ein sehr wohnlicher Eindruck.

Ein männlicher Assistent und eine weibliche Sekretärin, beide sehr beschäftigt hinter ihren Schreibtischen, schauten auf und senkten höflich die Köpfe. Daxxel erwiderte die Geste. Die Empfangsdame führte ihn durch eine offene Tür in das Büro des Botschafters. RagaNahir erhob sich hinter seinem Tisch und reichte Daxxel in menschlicher Geste die Hand. Die Rezeptionistin verschwand lautlos. Der Botschafter des Kalifats, groß, schlank und muskulös, mit dunkelbrauner, ledriger Haut, war ein typisches Mitglied einer meranischen Elitefamilie. Er hatte perfekt manikürte Klauen und in seine Zähne waren schimmernde Edelsteine implantiert. Meraner hatten nichts für reichhaltige Gewänder übrig, sie konzentrierten ihre verschönernden Anstrengungen auf ihre Körper. So trug auch er nur eine schlichte Tunika ohne jedes Muster oder Verzierung.

»Exzellenz«, sagte der Meraner zur Begrüßung, »ich bin außerordentlich erfreut, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen! Es ist bedauerlich, dass wir uns nicht bereits vorher getroffen haben. In diesen schwierigen Zeiten liegt die Notwendigkeit eines sinnvollen Austausches auf der Hand. Ich bin froh, dass nunmehr der Zeitpunkt dafür gekommen ist.«

Daxxel nickte.

»Vielen Dank dafür, dass Sie Ihre kostbare Zeit mit mir teilen, Exzellenz«, erwiderte er. »Sie sind gewiss sehr beschäftigt. Darüber hinaus kam meine Bitte um Audienz sehr kurzfristig. Ich bin froh, dass Sie mich in Ihrem engen Terminplan unterbringen konnten.«

RagaNahir winkte ab.

»Vergessen Sie das, geschätzter Kollege. Ich war so begierig, Sie kennenzulernen, dass mich kein Terminplan davon hätte abhalten können. Bitte, bedienen Sie sich. Wir haben Kaffee.«

Kaffee war eines der wenigen terranischen Produkte, für das die Meraner wirklich etwas übrighatten. Ein Robotdiener schenkte aus einer dampfenden Kanne ein. Schon der Duft ließ Daxxel erahnen, dass die Qualität des Getränkes deutlich höher war als alles Vergleichbare, was sein Konsulat zu bieten hatte. Er nahm einen Schluck, unterdrückte ein erfreutes Aufstöhnen, setzte die Tasse wieder ab und wappnete sich für die Schlacht. Die Freundlichkeiten waren ausgetauscht.

»Sie mögen bereits erahnen, was mich zu Ihnen geführt hat, Exzellenz.«

»Tue ich das? Soso.« RagaNahir wackelte auf sehr menschliche Art und Weise mit einer Klaue. Daxxel musste sich beherrschen, um nicht rot zu werden, und verfluchte sich selbst. Ein dummer Beginn. Der Meraner amüsierte sich sicher bereits sehr über den tollpatschigen Terraner. Daxxel kam sich vor wie die Maus, mit der die Katze vor dem Festmahl noch etwas zu spielen gedachte. Er riss sich zusammen.

»Nun, ich nehme an, die Nachricht vom Tode Botschafter Dhlomas hat Sie erreicht.«

»Ja, in der Tat. Eine sehr unglückliche und tragische Entwicklung. Sie beide haben eng zusammengearbeitet, wenn ich mich nicht irre.«

»So ist es.«

»Eobal Security hat sich der Sache bestimmt angenommen.«

»Man will alles zur Ergreifung der Täter tun.«

Beide wussten, was davon zu halten war.

»Wie komme ich jetzt ins Spiel?«, stellte der Meraner die zentrale Frage.

»Ich denke mal, dass die Polizei Sie auch danach fragen wird. Es ist wohl so, dass Sie der turulianischen Botschaft kurz vor dem … Vorfall einen Besuch abgestattet haben.«

Daxxel vermied den Begriff »Mord« und damit jede Verdächtigung seines Gegenübers.

»Ja?«, war RagaNahirs schlichte Antwort.

»Der Besuch fand ohne größere Vorankündigung statt.«

»Das muss wohl so sein, sonst würden Sie es nicht behaupten.«

Deutete sich im Tonfall des Meraners Feindseligkeit an?

»Da es ein dringendes Treffen gewesen sein muss, könnte der Inhalt des Gespräches in Zusammenhang mit dem Vorfall stehen.«

»Wie kommen Sie darauf?« Jetzt war die Feindseligkeit eindeutig.

»Es ist eine Annahme.«

»Eine schwache.«

»Exzellenz …«

»Nein. Jetzt hören Sie mir mal zu, mein junger Freund.«

Daxxel versteifte sich unwillkürlich.

»Sie kommen mit der Absicht zu mir, in Erfahrung zu bringen, was Botschafter Dhloma und ich in einer vertraulichen Besprechung ausgetauscht haben, einer Besprechung zwischen zwei Botschaftern souveräner Sternennationen, Konsul. Sie implizieren darüber hinaus, ohne jede weitere Kenntnis, dass dies in irgendeiner Verbindung zum bedauerlichen Mord an meinem verehrten Kollegen steht.«

Mein Kollege. Konsul. Daxxel hatte verstanden.

»Ich möchte nicht …«, setzte er zu einer Antwort an, doch RagaNahir ließ es nicht zu.

»Was Sie möchten, Konsul, ist völlig irrelevant. Was zwischen Dhloma und mir besprochen worden ist, geht Sie absolut nichts an. Die ganze Angelegenheit ist ein offizieller Mordfall und als solcher von den zuständigen Behörden zu behandeln. Sind Sie die zuständige Behörde, Daxxel?«

Daxxel zögerte. RagaNahirs Ärger schien echt zu sein, nicht nur gespielt, aber so genau konnte man das nie sagen. Normalerweise zeigten sich meranische Emotionen in Bewegungen des Schwanzes, doch den konnte Daxxel von seinem Platz aus nicht sehen. Außerdem war gerade RagaNahir für seine Selbstbeherrschung bekannt, die weit über das hinausging, was man von einem durchschnittlichen Meraner erwarten konnte. Das prädestinierte ihn in meranischen Augen für eine diplomatische Karriere.

Wie auch immer, Daxxel hatte das Gefühl, die ganze Sache falsch angegangen zu sein. Er kam sich vor wie ein kleiner Junge und sah die Notwendigkeit, den Schaden zu begrenzen. Andererseits …

»Ich fürchte, ich habe mich missverständlich ausgedrückt, Exzellenz«, schlug er einen demütigen Ton an. »Natürlich steht es mir als terranischem Konsul nicht zu, den Inhalt des Gespräches zu erfahren.«

RagaNahir nickte.

»Aber«, und damit holte Daxxel ein versiegeltes Computerpad aus seiner Brusttasche, »ich wurde von der tulurianischen Regierung beauftragt, basierend auf dem Vertrag zwischen der Akte und Turulia, den Sie sicherlich kennen, bis zur Entsendung eines neuen Botschafters die turulianischen Interessen auf Eobal zu repräsentieren. Daher habe ich die volle Autorität eines turulianischen Botschafters ersten Grades und in diesem Falle ist mein Interesse an dem Inhalt der benannten Konversation wohl legitim. Darf ich Ihnen die Akkreditierung zeigen?«

Er hielt dem Meraner das Pad hin. Als dieser es ignorierte und ihn regungslos anstarrte, legte er es zwischen ihnen auf den Tisch. Anscheinend kochte sein Gegenüber vor Wut. Aber vielleicht war auch das nur Einbildung.

Bleib locker, Casimir, sagte er sich. Nicht noch ein Fehler. Es steht jetzt eins zu eins, Beginn der zweiten Runde.

»Nun gut«, sagte RagaNahir schließlich. »Die Ernennung ist gewiss über jeden Zweifel erhaben. Trotz der Bemühungen meiner Regierung, die turulianische Führung von einer einvernehmlichen Auflösung des besagten Vertrags zu überzeugen, ist er nach meinem Kenntnisstand weiterhin in Kraft und hat Sie nun in diese … unvorhergesehene Position gebracht.«

»Unvorhergesehen durchaus«, gab Daxxel zu. »Aber nun kämpfe ich natürlich mit einem gewissen Informationsdefizit. Und das ließe sich zumindest teilweise durch Sie aus der Welt schaffen, Exzellenz. Das mag Ihnen nicht schmecken, aber es ist ein ernst zu nehmendes Argument.«

RagaNahir war niemand, der sich rasch geschlagen gab. Seine rechte Hauptklaue wies auf das unberührt daliegende Computerpad.

»Dies ist natürlich nur eine vorübergehende Akkreditierung. Sie werden in Bälde wieder nur ein Konsul sein. Sobald der neue Botschafter angekommen ist.«

»Natürlich, nur vorübergehend. Aber Sie wissen wie ich, dass es bis zur Entsendung eines Nachfolgers Wochen, wenn nicht Monate dauern kann, alleine schon wegen der beträchtlichen Entfernung zwischen Turulia und Eobal.«

»Dann ist es doch besser, wenn Sie sich zurückhalten, nur normale konsularische Pflichten erledigen und ansonsten warten, bis jemand mit ausreichender Autorität und Legitimation aus Turulia eintrifft«, schlug RagaNahir mit falscher Freundlichkeit vor.

»Ich habe ausreichende Autorität und Legitimation.« Daxxel wies auf das Pad. »Sie können es nachprüfen.«

RagaNahir winkte ab.

»Basierend auf einem Vertrag, der jeder Vernunft Hohn spricht und dessen spezifische Klausel, soweit ich weiß, bisher noch nie in Anspruch genommen wurde.«

»Richtig. Aber ob Vernunft oder nicht, meine Ernennung wurde heute Morgen per Express direkt von Turulia übermittelt. Sie ist über jeden Zweifel erhaben.«

Tatsächlich war das Pad leer. Auch auf Turulia mahlten die Mühlen der Bürokratie langsam. Es würde Tage dauern, bis die offizielle Ernennung eintraf, wahrscheinlich fast gleichzeitig mit dem neuen Botschafter. Oder sogar nach ihm. Doch RagaNahir kaufte ihm den Bluff offenbar ab. Mit einer lässigen Bewegung griff Daxxel nach dem Pad und steckte es wieder ein. Kein unnötiges Risiko eingehen.

Der Meraner blieb einen Moment still, dann erhob er sich.

»Ich muss mich mit meinen Vorgesetzten besprechen, bevor ich auch nur darüber nachdenken darf, Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich werde Sie benachrichtigen. Doch gibt mir eines zu denken: Sie wären nicht hier, wenn es in der turulianischen Botschaft Unterlagen über meinen Besuch geben würde, etwa ein Gesprächsprotokoll. Dass kein solches vorliegt, deutet das nicht darauf hin, dass Dhloma den Inhalt des Gespräches geheim halten wollte?«

»Möglich«, räumte Daxxel ein. Er hatte sich diese Frage natürlich auch gestellt. »Aber doch sicher nicht vor seinem rechtmäßigen Nachfolger.«

»Seinem vorübergehenden Nachfolger.«

»Seinem vorübergehenden rechtmäßigen Nachfolger«, insistierte Daxxel, der nun auch aufgestanden war. »Und um ehrlich zu sein, die Gedankengänge meines Amtsvorgängers sind nur von relativ geringem Interesse für mich. Sie im Nachhinein zu interpretieren, dürfte ein müßiges Unterfangen sein.«

Daxxel schickte eine leise Entschuldigung an seinen toten Freund, ehe er fortfuhr.

»Ihr Besuch war auf dem offiziellen Terminplan der Botschaft eingetragen. Dokumentiert oder nicht, er ist jetzt auch meine Angelegenheit.«

Daxxel betonte »meine«.

»Ich verstehe«, erwiderte RagaNahir trocken. »Wie gesagt, ich muss mit meinen Vorgesetzten sprechen. Sobald ich von höherer Stelle Weisung erhalten habe, melde ich mich umgehend bei Ihnen. Gibt es sonst noch etwas?«

Zeit zu gehen.

»Nein, das wäre alles fürs Erste. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben.«

Daxxel verbeugte sich. RagaNahir gab ihm die Hand. Zurück zur Höflichkeit, nun, da die Fronten geklärt waren.

»Ich melde mich bei Ihnen«, versicherte der Meraner noch einmal.

»Ich freue mich darauf. Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können – entweder in der turulianischen Botschaft oder im terranischen Konsulat.«

»Ja«, war die knappe Antwort.

Daxxel ging. Die Empfangsdame wartete bereits auf ihn, und als er ihr hinaus folgte, war er noch so aufgeregt, dass ihn nicht einmal ihr Hinterteil aus seinen Gedanken reißen konnte.

Außerhalb des Gebäudes musste er ein Zittern unterdrücken, das seinen ganzen Körper zu erfassen drohte. Erst jetzt merkte er, wie angespannt er die ganze Zeit über gewesen war. Er hatte regelrecht mit Übelkeit zu kämpfen, als er die Treppe hinunterstieg und auf den Botschaftsgleiter zusteuerte.

Sein Leben, so hatte er allmählich den Eindruck, nahm eine sehr interessante Wendung.

Seine Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen.

Kapitel 3

Daxxel freute sich nicht gerade darauf, in Dhlomas Privatsachen zu wühlen. Kurz wollte er es ganz bleiben lassen, aber Zant überzeugte ihn. Ausschlaggebend war wohl nicht zuletzt Shali, die am ehesten Grund gehabt hätte, Einwände zu erheben. Als Zant ihr gegenüber den Wunsch äußerte, in der Residenz Dhlomas Privatwohnung zu durchsuchen, gab sie, ohne zu zögern, den Eingangscode frei. Daxxel befürchtete, dass ihnen Eobal Security dabei zuvorgekommen war und entweder etwas Interessantes gefunden oder aufgrund ihrer mangelhaften Professionalität Spuren verwischt hatte. Nichts von alledem war passiert. Gerade wegen ihrer mangelhaften Professionalität war dort noch niemand aufgetaucht.

Aufgetaucht war, offiziell an die turulianische Botschaft adressiert, der Autopsiebericht. Zumindest hier war man offenbar gründlich vorgegangen, was aber nicht weiter erstaunte: Es gab auf Eobal eine durchaus signifikante Gemeinde von Turulianern, der wesentliche Grund dafür, dass man hier mehr als nur ein Konsulat unterhielt. Ein turulianischer Facharzt war hinzugezogen worden und hatte seine Arbeit gut gemacht. Zu Daxxels besonderer Freude bestätigte sich Sergeant Zants eher oberflächliche Analyse vollständig. Dhloma war erstickt, und zwar vermutlich durch ein Medikament, das jedoch nicht mehr nachweisbar war. Der Arzt hatte sich Spekulationen verkniffen, aber jeder wusste, dass eine Überdosis Zharani-Perlen exakt diese Nebenwirkung hatte und diese Droge dafür bekannt war, sich nach Entfaltung der Wirkung rasend schnell zu zersetzen. Jedenfalls waren die erheblichen Kopfverletzungen erst nach dem Erstickungstod entstanden oder zumindest zu einem Zeitpunkt, als sich die Tentakelspitzen bereits verfärbt hatten. Daxxel rechnete es Zant hoch an, dass diese sich einen triumphierenden Kommentar verkniff. Das Untersuchungsergebnis machte die Sache allerdings nicht einfacher. Wie genau war Dhloma gestorben? Hatte er sich eine Dosis Perlen eingeworfen und war dann zum Konsulat gefahren? Oder war er irgendwelchen Drogengangstern in die Hände gefallen? Aber warum hatte Daxxel ihn im Konsulat gefunden, und dann auch noch in seinem Inneren? Nero hatte nichts gefunden, es war alles an seinem Platz gewesen, auch den Konsulatscomputer hatte offenbar niemand angerührt. Die Tür war ganz ordnungsgemäß mit dem Türcode geöffnet worden, es gab nicht den geringsten Hinweis auf einen gewaltsamen Einbruch. Daxxel konnte sich nicht erinnern, jemals jemandem den hochgeheimen Türcode des Konsulats gegeben zu haben. Es war möglich, dass Dhloma ihn gekannt hatte – er war oft genug dabei gewesen, wenn Daxxel die Tür öffnete. Hatte er seinen Mörder mit hineingenommen, um sich dann hier den Schädel zertreten zu lassen? Es war besonders schlimm, dass die Außenkameras des Konsulats ständig von Vandalen zerstört wurden, sodass Daxxel es seit Monaten unterlassen hatte, sie wieder zu ersetzen – ein Versäumnis, das sich nun bitter rächte. Er machte sich eine mentale Notiz, zumindest den Türbereich so schnell wie möglich wieder visuell überwachen zu lassen. Und dass Nero nachts gemeinhin deaktiviert blieb und daher ebenfalls nichts aufzeichnete, war möglicherweise auch etwas, was es zu ändern galt.

Vielleicht dachten sie aber auchin eine völlig falsche Richtung. Daxxel hatte das Gefühl, dass ihm sehr wichtige Informationen fehlten, und das war nicht zuletzt der Grund dafür, warum er sich jetzt um Dhlomas Privatsachen kümmerte.

In seinem Schädel kreisten die Spekulationen und das tat ihm gar nicht gut. Er war hin und her gerissen zwischen alter Loyalität und Freundschaft sowie dem wachsenden Misstrauen, dass es im Leben von Botschafter Dhloma Abschnitte gab, von denen er nichts wusste.

Als sie gemeinsam mit Shali die Wohnung betraten, beschlich Daxxel ein beklemmendes Gefühl. Hier hatte er manchen Abend des letzten Jahres verbracht, gelegentlich durchaus in weinseliger Laune, da Dhloma gerne und viel getrunken, jedoch weitaus mehr vertragen hatte als er. Die Einrichtung war ihm vertraut wie seine eigene, doch ihn bedrückte, wie leer und verlassen sich alles anfühlte. Zant hatte mit solchen Anwandlungen natürlich nicht zu kämpfen und sah sich mit professionellem Interesse um. Sie erfragte von Shali noch einmal die Erlaubnis – eigentlich hatte die Assistentin nichts zu sagen und das Wort des vorübergehenden Botschafters war maßgebend, aber die Soldatin zeigte Respekt, was Daxxel zufrieden zur Kenntnis nahm –, dann begann sie mit einer sehr methodischen Durchsuchung. Daxxel dagegen schlenderte mehr durch die Räumlichkeiten und war bemüht, nichts anzufassen oder zu verrücken. Dhlomas Computeranschluss ließ er ebenfalls unberührt, er kannte seinen privaten Code nicht und im Grunde konnte hier nur ein echter Experte etwas ausrichten. Leider stand ihm ein solcher nicht zur Verfügung.

»Konsul!«

Zants Ruf schreckte ihn auf, doch er eilte sofort zu ihr in das Schlafzimmer des Verstorbenen. Shali war schon wieder gegangen.

»Was ist?«

»Sehen Sie hier!« Zant hielt ihm eine kleine Ledertasche hin, wie sie Turulianer – unabhängig vom Geschlecht – gerne bei sich trugen. »Das scheint Dhlomas Krimskramssammlung zu sein.«

»Seine …?«

Die Soldatin lächelte ihn einigermaßen überrascht an.

»Haben Sie so was nicht? Einen Ort, an dem Sie all die Kleinigkeiten sammeln, die Sie eigentlich nicht brauchen, aber dann doch nicht wegwerfen, weil sie vielleicht noch einmal nützlich sein könnten? Quittungen, Kleingeld in Fremdwährung, Zettel mit Adressen, Visitenkarten von flüchtigen Bekanntschaften …«

Daxxel schüttelte den Kopf. »Nein, so was habe ich nicht, aber ich weiß, was Sie meinen.«

Er versuchte gerade, sich Josefine Zant mit Handtasche vorzustellen. Der Gedanke passte einfach nicht, andererseits war das Leben voller Überraschungen, wie er gerade am eigenen Leibe feststellen durfte.

»Etwas Interessantes dabei?«

»Das müssen Sie entscheiden. Ich denke schon.«

Zant nestelte ein kleines Stück Schreibfolie hervor, dann zwei weitere von gleicher Größe.

Daxxel sah sie sich an. Es waren in der Tat Quittungen, die der eigentlich sehr penible Dhloma gesammelt hatte. Aber offenbar hatte er sie nicht über das Botschaftsbudget abrechnen wollen, sonst wären sie nicht hier gelandet. Die bemerkenswerterweise handgeschriebenen Quittungen wiesen eine Art Firmenlogo auf, ein geschwungenes Symbol, das Daxxel nicht zuordnen konnte. Die bestätigten Summen waren gering, das Ganze erinnerte ihn an Getränkebons aus einer Bar oder Cafeteria.

»Ich sehe da auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches, Sergeant.«

»Das Symbol?«

»Sagt mir nichts.«

»Wundert mich nicht.«

Daxxel betrachtete es erneut. »Wofür steht es?«

»Ich kenne es von einer Bar auf Thlela III. Ich war dort vor meinem Wechsel zum Diplomatenschutz stationiert.«

Daxxel kannte diese Welt. Zwar gab es dort eine Militärbasis der Erde, aber das war auch schon alles, was dieser Planet mit staatlicher Ordnung gemein hatte. Er war für den terranischen Einflussbereich das, was Eobal für den meranischen repräsentierte: den Sündenpfuhl.

»Eine Bar also?«

»Ja, und es ist nicht die einzige. Gehört zu einer kleinen Kette, die sich auf die weniger erfreulichen Gegenden der Galaxis konzentriert hat. Eine Art Franchise-Unternehmen. Steht auf der Beobachtungsliste des Geheimdienstes. Beziehungsweise mehrerer Geheimdienste.«

»Dann kann man dort mehr erwerben als eine Tasse Synthokaffee oder ein Likörchen?«

Zant lächelte. »Definitiv.«

Daxxel musterte die Quittungen nachdenklich. »Das würde natürlich darauf hinweisen, dass Dhloma möglicherweise doch etwas mit den Perlen zu tun hatte, die wir bei ihm gefunden haben.«

»Eventuell. Tatsache ist aber, dass Zharani-Perlen wirklich harter und risikoreicher Stoff sind. Selbst in dieser Bar dürfte das nicht zum offiziellen Geschäft gehören.«

»Wir sind auf Eobal, Sergeant. Offizielles und Inoffizielles neigen hier dazu, ineinander überzugehen.«

Zant nickte nur. Sie tendierte nicht zu übertriebener Diskutierfreude, wie ihm bereits aufgefallen war. Und gewann jemand eine Argumentation, so akzeptierte sie dies anscheinend bereitwillig und versuchte daraus zu lernen. Angesichts der Tatsache, dass er ziemlich auf sich allein gestellt war, kam ihm die Welle an Sympathie, die er für die Frau zu empfinden begann, gerade recht. Und sei es nur, um das Loch, das Dhlomas Tod gerissen hatte, allmählich wieder aufzufüllen.

»Schauen Sie mal auf die Rückseite dieses Zettels«, sagte Zant und wies auf eine der drei Quittungen. Daxxel drehte sie um. Die Zahlenreihe, die jemand dort festgehalten hatte, kannte er gut. Es war der Türcode des Konsulats.

»Ich sollte mich dort umsehen«, murmelte Daxxel nach einer Weile.

»Vielleicht besser nicht«, meinte Zant geduldig. »Das fällt wohl eher in mein Ressort. Oder haben Sie eine dunkle Vergangenheit, in der Sie Dinge gelernt haben, über die ich etwas wissen sollte?«

Daxxel lief rot an. Das lag weniger daran, dass er die unterstellte Vergangenheit hatte, sondern eher an ihrem völligen Fehlen. Sein Nachtleben war ausgesprochen überschaubar, seine Eskapaden harmlos, seine Beziehungen im Regelfalle langweilig und seine Vergangenheit so aufregend wie ein Nieselregen. Einen Moment lang rang der Konsul mit seinem normalerweise gut verborgenen Minderwertigkeitskomplex. Dann aber räusperte er sich und versuchte ein Lächeln.

»Nein, nichts dergleichen. Das sollten dann vielleicht tatsächlich besser Sie erledigen.«

»Dann würde ich vorschlagen, Sie kümmern sich um das hier. Es lag hinten in der Schublade.«

Erneut fingerte die Soldatin etwas aus der unergründlich zu scheinenden Tasche.

»Was haben Sie denn jetzt noch?«

Daxxel nahm den kleinen Gegenstand. Diesmal erkannte er ihn auf Anhieb.

»Das ist ein Hörpeiler. Ein Geheimdienstgerät. Er muss irgendwo eine Wanze versteckt haben!«

»So ist es. Der Hörpeiler ist gut abgeschirmt, aber dadurch hat er nur eine begrenzte Reichweite.«

»Von rund 50 Metern.«

»Ich würde daher eine kleine Stadtrundfahrt vorschlagen, Konsul.«

Zant zögerte kurz.

»Fangen Sie am besten im Konsulat an.«

Daxxel wandte sich wortlos zum Gehen.

* * *

Bereits während der Fahrt zum Konsulat ging ihm Zants letzte Äußerung nicht mehr aus dem Kopf. Wie es so war, wenn man nichts zu tun hatte und einem nur das Grübeln blieb – der Autopilot erledigte die meiste Arbeit –, machten sich in ihm sehr schnell abenteuerliche Spekulationen breit. Aber waren sie tatsächlich abenteuerlich? Immerhin hatte Zant bei dem Toten eine hochwirksame und ausgesprochen lukrative Droge gefunden, allein das kleine Päckchen hätte auf dem Schwarzmarkt locker einem Jahresgehalt entsprochen. Die Tatsache, dass Dhloma sich offenbar auch noch in schlechten Spelunken herumgetrieben hatte, in denen man normalerweise keine Botschafter vermuten würde, sprach auch nicht für eine harmlose Erklärung. Hatte Dhloma also tatsächlich ein Doppelleben geführt? Etwa eines als Drogendealer, der unter dem Schutz seiner diplomatischen Immunität riskante Geschäfte abwickelte? Dann war sein Tod möglicherweise Resultat eines geplatzten Deals. Aber wie passte dann der Besuch RagaNahirs da hinein – wenn er denn überhaupt etwas mit alledem zu tun hatte? Das Meranische Kalifat war für viele Intrigen und Teufeleien gegen Terra bekannt und sein Geheimdienst schreckte vor wenig zurück, aber gerade die Echsen waren für Zharani-Perlen sehr anfällig, wurden sofort abhängig und kamen nie wieder davon los. Wenn es etwas gab, das der Polizeistaat des Kalifats mit aller Härte und ohne jede Nachsicht oder Gnade verfolgte, dann war es der Perlenhandel und -konsum. Bekanntermaßen wurde in einem solchen Fall selbst auf höchste Würdenträger keine Rücksicht genommen, sogar in der Familie des Kalifen war angeblich bereits jemand den Ermittlungen zum Opfer gefallen. Wie Daxxel wusste, schoben die Meraner bei diesem Thema alle Feindseligkeit beiseite und hatten auch terranischen Behörden schon so manchen Tipp zur Ergreifung der Dealer gegeben, um diese Bedrohung möglichst auszuschalten.

Das Kalifat und Zharani-Handel … Alles in Daxxel, der dem Kalifat ansonsten nun wahrlich keine großen Sympathien entgegenbrachte, sträubte sich gegen diese Vorstellung, so absurd klang sie.

Andererseits wäre ihm die Idee, Dhloma sei in derlei Aktivitäten verwickelt gewesen, bis vor Kurzem ebenso absurd erschienen.

Daxxel schreckte aus seinen Grübeleien auf. Sein Fahrzeug ging vor dem Konsulat zu Boden. Er nestelte den Hörpeiler aus der Tasche und stieg aus. Ein sanfter Regen ging auf den Botschafter nieder, wie er da etwas unschlüssig vor dem Gebäude stand. Die Tür öffnete sich und Nero erschien, er hatte die Ankunft seines Herrn bemerkt. Daxxel hatte die Maschine eingedenk der vergangenen Ereignisse auf permanenten Betrieb eingestellt. Er brauchte ihn als Aufpasser.

»Exzellenz, es regnet«, rief er unnötigerweise. »Bitte treten Sie ein!«

»Einen Moment noch, Nero!«, erwiderte Daxxel. Er betätigte mit dem Daumennagel den winzigen Schalter des Peilers. Diese kleinen Geräte waren mit Dauerbatterien ausgestattet, die Jahre hielten. Auch dieses erwachte sofort zum Leben. Bereits einen Augenblick später leuchtete eine kleine Lampe grün auf. Daxxel presste die Lippen zusammen.

»Nero, bitte geh wieder hinein und mache Lärm!«

»Wie bitte?« Die Stimme des Roboters klang indigniert, wie die eines sehr britischen Butlers. Daxxel bemühte sich um Selbstbeherrschung.

»Geh in mein Büro. Schließe die Tür. Dann zitiere die Verwaltungsvorschriften des Diplomatischen Dienstes, in normaler Sprechlautstärke. Fahre damit fort, bis ich nachkomme.«

Diesmal waren seine Befehle eindeutig und verständlich, also machte Nero kehrt und schloss die Eingangstür hinter sich. Daxxel ließ ihm einen Moment Zeit, dann führte er den Hörpeiler ans Ohr. Darin wisperte es. Er musste sich konzentrieren, um etwas zu verstehen. Normalerweise gab es einen Verstärker für dieses Gerät.

»Abschnitt 1, Absatz 1, Satz 2. Verwaltungen des Diplomatischen Dienstes und ihre Angehörigen unterstehen ungeachtet ihrer Akkreditierung durch ausländische Mächte dem Immunitätsgebot entsprechend Paragraph 16, Absatz 2 der Galaktischen Rechtsakte …«

Nero.

Zant hatte recht. Sie hatte es geahnt.

Daxxel hätte den Hörpeiler am liebsten auf den nassen Boden geschmettert, doch dann steckte er ihn zurück in die Jackentasche. Der Nieselregen passte allmählich hervorragend zu seiner zunehmend depressiven Stimmung. Daxxel betrat das Konsulat und marschierte in sein Büro, in dem Nero mittlerweile bei Satz 34 angekommen war. Er verstummte, als Daxxel eintrat.

»War das zufriedenstellend, Exzellenz?«, fragte die Maschine.

Daxxel ließ sich hinter seinem Schreibtisch in den Sessel fallen.