6,99 €
Die Biografie von Walter Wulf - *29.01.1930 - 09.03.2017 Dies sind die Aufzeichnungen eines kleinwüchsigen Mannes aus Schleswig-Holstein. Als Kind wurde er von Nazi-Ärzten entführt. Nach dem Zweiten-Weltkrieg wurde er Artist, dressierte Tiere, trat in Zirkussen auf und fand die Liebe seines Lebens.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieses Buch verfasste ich anhand den Aufzeichnungen und Erzählungen meines Vaters. Wie meine Mutter, war er mir stets ein treuer Freund und Ratgeber. Ich betreute ihn bis zu seinem Tod im März 2017.
Peter Wulf
An einem Wintertag, es war der 29. Januar 1930, wurde ich im städtischen Krankenhaus zu Neustadt an der Ostsee geboren. Ich wog 5 Kilo und kam mit den Füssen voran auf die Welt. Die Leute sahen das als ein Unglückszeichen an. Meine Mutter Dorothea, die jung und stark war, überstand die Geburt wohl‐behalten und schon einige Tage nach meinem Erscheinen kam Opa Kroschinski mit Pferd und Wagen, um Mutter und Kind aus dem Krankenhaus heimzuholen.
So erreichten wir eingebettet in Heu und Stroh, gewickelt in ein paar Decken, das alte Fachwerkhaus, in dem meine Mutter, ihr Bruder Hans und meine Großeltern wohnten. Es war eine einsame Kate, abseits vom Dorf Sibstin gelegen. Und da die Dorfschmiede das Nachbargebäude war, nannte man die alte Kate "Hinter der Schmiede". Wir wurden von Oma Kroschinski und einigen Nachbarsleuten freudig mit "Oh und Ah, was für ein starkes Kind, na du alter Schreihals, und ist der nicht süß!?" empfangen. Sogar der Hofhund Pluto soll mich neugierig angeschaut haben, nur der Vater fehlte, er musste arbeiten und kam erst am späten Abend heim.
Mein Vater Paul Wulf war Großknecht beim Bauern Bendfeld in Sibstin, jung, und besaß nichts außer seiner Arbeit. Auch meine Mutter hatte nichts eigenes, doch war sie schon mit 19 Jahren Mamsell in einem Gräflichen Gutshaus zum Krähenberg und das war schon eine hohe Anstellung, aber der Verdienst blieb klein. Meine Eltern lernten sich auf einem Dorffest kennen und setzen sich in eine Pferdekutsche zum „Knutschen“. So bin ich ein Kutschenerlebnis meiner Eltern, die damit natürlich nicht gerechnet hatten. Eine Hochzeit war noch nicht geplant, und die Leute redeten über sie hinter vorgehaltener Hand, denn eine junge Frau mit Kind, doch ohne Mann wurde verachtet. Meine Mutter ging wieder arbeiten, und die Gräfin erlaubte ihr mich mitzubringen.
Das Elternhaus meines Vaters stand in Altenkrempe, fünf Kilometer von Neustadt entfernt. Sein Vater, Heinrich Wulf, war Zimmermann und Radmacher auf dem Gut Hasselburg. Der Besitzer des Gutes war der Graf Scheel‐Plessen. Opa Heinrich war ein herrischer Mensch, zweimal verheiratet gewesen und hatte 16 Kinder. Natürlich wurde immer wieder über eine Hochzeit geredet, doch es fehlte an Geld und Wohnung. Aber meine Eltern hielten zusammen, meine Mutter wurde erneut schwanger. Das Kind sollte im Mai 1931 auf die Welt kommen. Nun wurde es eine ernste Angelegenheit, und der Großbauer Bendfeld veranlasste eine Aussprache mit Vaters und Mutters Eltern. So wurde entschieden, dass noch vor der Geburt des zweiten Kindes geheiratet wird. Im März 1931 war die Hochzeit. Eine Musikkapelle spielte und viele Leute aus Familie, Freunden und Nachbarschaft waren dabei. Ich wurde am Hochzeitstag in der Basilika zu Altenkrempe getauft auf den Namen Walter‐Reinhard.
Meine Schwester Irmgard wurde im Mai 1931 geboren. Intensiv wurde nun nach einer Wohnung gesucht und im Dorf Klaushorst gefunden. Der Kleinbauer Marsen vermietete die Knechten‐Wohnung. Mit Küchenmöbeln und nur zwei Betten zogen wir dort ein. Über den Hof kam man in die Küche, einen Flur gab es nicht. Die Küche war groß, aber sehr dunkel, es gab nur ein kleines Fenster und es brannten Petroleumlampen. Die Einrichtung war spärlich, ein großer gemauerter Herd mit drei Feuerstellen, Kisten für Brennholz, Wasserbecken und zwei Wasserkannen, ein Stuhl und ein Tisch. Die Küche und die Stube hatten Steinklinkerfußböden, die immer kalt waren. Die Stube hatte zur Straßenseite zwei Fenster mit acht kleinen Scheiben und einen großen Petroleumleuchter unter der Decke. Das Schlafzimmer hatte Holzdielen und nur ein Fenster, aber keine Beleuchtung. So war der Raum immer dunkel und kalt. Die beiden Betten und die Kinderwiege passten genau rein. Vater hatte einen riesigen Kachelofen besorgt und in der Stube aufgebaut.
Das Dorf Klaushorst bestand aus vier Bauernhäusern mit je vier Wohnungen und Stallungen für das Vieh. Die Sandstraße, im Sommer staubig und im Winter matschig, wurde eingefasst von den Häusern und einem Erdwall zu den Feldern hin. Auf dem Wall wuchsen Haselnuss, Weißdorn, Fliederbüsche und dicke uralte Eichen standen an der Straße. In einer Senke war ein kleiner Teich, der nach Jauche roch. Die anderen Kinder im Dorf, zwei Mädchen und drei Jungen, waren älter als ich. Die Mädchen kamen ab und zu zum Spielen, die Jungs hatten keine Zeit, sie mussten arbeiten.
Das Familienleben fand nur in der Küche statt. Freitags wurden alle Räume gefeudelt, danach wurde der Boden mit weißem Sand bestreut. Den Sand konnte man bei einem Händler kaufen, der jede Woche mit Pferd und Kastenwagen durch die Dörfer fuhr. Ich erinnere mich noch an einen Streit mit meiner Schwester Irmgard. Ich war vier Jahre alt und wir stritten darum, wer nun das Kissen am Fenster haben darf. Beim Hin‐ und Herwerfen zerriss das Kissen an einem Draht, und die Federn bedeckten den Garten und die Straße. Mutter war natürlich böse. Ihre Strafe tat nicht weh, aber wir mussten die Federn wieder einsammeln. Das dauerte natürlich eine Ewigkeit. Unsere Mutter hatte auch reichlich Arbeit mit uns, der Wohnung und dem Garten. Sie pflanzte allerlei Gemüse wie Porree, Kartoffeln und Zwiebeln. Es gab auch Obstbäume und Erdbeeren. Vater hatte einen Arbeitsweg von etwa zwanzig Minuten zum Dorf Sibstin, und wir beiden Kinder hatten einen Pfad über Wiesen und Felder zu Oma und Opa Kroschinski gefunden, sie wohnten nur zehn Minuten entfernt.
Fünf Jahre lebten wir in dem Dorf. Wir Kinder hatten so manchen Kampf mit Bauer Marsens Gänserich. Mich konnte er absolut nicht leiden und so manchen Tag kam ich unter seine Flügel. Ich wurde gebissen, bis sich ein Mensch erbarmte und mich rettete. Im Sommer wurde im Dorfteich gebadet, nach Jauche stinkend und mit der Kleidung unterm Arm gingen wir nach Hause. Mutter wurde böse und mit einem Holzbrett gab es Schläge auf den Hintern. Obwohl es nicht sehr schmerzte, schrien wir sehr laut. Meine Schwester war bedächtig, ich überall der Erste und Ausführende. Ich war Opa Kroschinskis Liebling, mein Wunsch ging immer in Erfüllung und darüber gab es oft Streit. Auch die Frau Bendfeld mochte mich gerne und fütterte mich mit Holsteiner Katenrauchmettwurst. Vor Feierlichkeiten stritten sich meine Eltern. Mutter tanzte gern, Vater schmeckte Bier und Korn, was unsere Mutter gar nicht leiden konnte. So entstand schon vor dem Fest ein Streit, der damit endete, dass Mutter daheim blieb und unser Vater spät nachts betrunken nach Hause kam. Er brüllte laut rum und zerrte uns aus den Betten. Mutter sperrte ihn dann aus, und „der Herr im Haus“, wie er sich gerne nannte, musste bei den Katzen im Holzstall schlafen. Der Streit wurde so heftig, dass Mutter mit uns zu ihren Eltern ging und Vater auf seiner Arbeitsstelle blieb. Die Wohnung stand jetzt leer, weil keiner nachgeben wollte. Nun sprachen Opa Wulf, Opa Kroschinski und der Großbauer Bendfeld ein Machtwort. Meine Eltern sollten endlich einsehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Leider tat keiner den ersten Schritt, und bei den nächsten Festen kam wieder Streit auf. Meine Eltern taten sich schwer in den ersten Jahren.
Die Bauern und die Kirchengemeinde schlossen sich zu einem Wasser‐ und Bodenverband zusammen. Es ging um die Benutzung der kirchlichen Sauerwiesen, die nun so fest waren, dass dort Kühe weiden sollten. Zur ständigen Entwässerung war eine Pumpe gebaut worden, die das Wasser von den Weiden abzog und über das Binnenwasser in die Ostsee pumpte. Es wurden Abwassergräben gezogen, der Hauptgraben wurde vertieft und verbreitert. Für die anfallenden Arbeiten und die Bedienung der Pumpe wurde ein Mann gesucht. Mein Vater sollte dieser Mann werden. Als alles geregelt war, zogen wir im April 1936 von Klaushorst nach Altenkrempe.
Altenkrempe, ein großes altes Dorf, gebaut auf einem Sandhügel von West nach Ost und früher von der Ostsee umgeben. Mit einer Basilika aus dem 13. Jahrhundert. Neben der Kirche die Schule und das Pastorat mit Scheune. Am Dorfplatz die Gaststätte "Kremper Krug" und an beiden Straßenseiten die reetgedeckten Wohnhäuser und Stallungen. Dahinter die Gärten, die im Westen von der Kremper Au begrenzt werden. Östlich des Dorfs liegen die Sauerwiesen.
Es gab vier Gemeindehäuser und vier Bauernhäuser mit je vier Wohnungen. Die Gemeindehäuser wurden bewohnt von Leuten, die auf dem Gut Hasselburg oder für die Gemeinde arbeiteten. Neben den Bauernhäusern standen noch Schuppen mit Schweine‐ und Hühnerstall sowie ein Plumpsklo. Dann war da noch der Hofplatz, auf dem in der Mitte die Wasserpumpe stand. Ein Stück weiter der Stall für das Vieh und noch genug Platz zum Einlagern für das Korn. Richtung Süden gab es eine Sandstraße nach Neustadt, nach Norden ging es zur gräflichen Villa des Gutsherren Scheel‐Plessen. Die Straße, der Kirch‐ und Dorfplatz, sowie die Kirche mit dem Friedhof waren mit uralten dicken Lindenbäumen eingegrenzt. Unsere Wohnung lag in einem Haus nahe der Kirche, neben Bauer Meier, von dem wir die Wohnung bekamen. Sie war geräumig, hell und hatte drei Zimmer mit einer Küche die zum Hof führte. Durch eine zweite Tür gelangte man auf die Dorfstraße.
Vaters Arbeitsstelle war nur 200 Meter von der Wohnung entfernt. Seine Arbeit bestand darin, das Wasser von den Wiesen in die Ostsee zu pumpen. Dafür stand ihm eine Siemens‐Pumpe zur Verfügung, die in einem Häuschen über dem Pumpengraben gebaut war. Die Schnecke saugte das Wasser an und drückte es durch ein Rohr unter der Straße hindurch ins Neustädter Binnenwasser. Andere Arbeiten, die Vater erledigte, waren Ablaufgräben sauber halten, Böschungen mähen und Reet schneiden. Das alles hatte er nach einem Jahr so im Griff, dass er auch andere Arbeiten bei den Bauern annahm. Auch spielte er Fußball und hielt die Feuerwehr aufrecht. Er war plötzlich „der Mann“, ohne ihn wurde nichts aufgestellt.
Ich war im Januar sechs Jahre alt geworden und kam im April 1936 in die Schule. Natürlich haben die anderen Kinder meinen Kleinwuchs bemerkt, doch darüber hat niemand geredet. Mein erster Lehrer war Herr Höppner, der mich vom ersten Schultag an förderte und über meinen Kleinwuchs aufklärte. Ich hörte zum ersten Mal das Wort Liliputaner, später habe ich das Buch „Gullivers Reisen“ gelesen, fand aber kein Gefallen daran.
Durch die Arbeit meines Vaters kam ich natürlich auch ans Wasser, bemerkte die vielen Fische darin und sah die Angler vom Neustädter Angelverein. Ich bettelte so lange, bis ich ein paar Meter Schnur und einen Haken geschenkt bekam. Opa Kroschinski brachte mir aus seinem Wald eine Haselnussrute und einen geschnitzten Korken, damit angelte ich, und mancher Vereins‐Angler murrte über meine Fänge. Man verbot mir das Angeln in der Kremper Au, sodass ich es im Pumpengraben versuchen musste. Vaters Chef, der Graf de la Motte vom Gut Krummbek, gab mir die Erlaubnis.
Meine Schwester Irmgard kam 1937 in die Schule, sie war grösser als ich. Irmgard war etwas unselbstständig und musste an alles herangeführt werden. Mutter tat das mit Schimpfen und Schlägen. Im gleichen Jahr wurde im Februar unser Bruder Heinrich geboren, Mutter hatte nun noch mehr Arbeit. In gewisser Weise hatten sich die Eltern nicht geändert, Vater war in vielen Vereinen und Mutter ewig eifersüchtig.
Im Dorf selbst tat sich reichlich. Es begann damit, dass die Straße von einer Sand‐ zu einer Teerstraße umgebaut wurde. Der Arbeitsdienst zog Gräben und Dämme am Binnenwasser entlang. Es kamen Männer und setzten Masten am Haus. Andere verlegten Kabel an den Masten und in alle Wohnungen im Dorf. So konnte man Strom beantragen, wenn man es bezahlen konnte. Adolf Hitler redete nun ständig im Schulradio von der nationalsozialistischen Revolution. Die alten Bauern aber hängten die Schleswig‐Holstein‐Flagge an ihre Häuser und nicht das Hakenkreuz.
Es änderte sich viel in diesen Jahren. Der Bürgermeister wurde zum Ortsgruppenleiter ernannt, dann gab es einen Ortsbauernführer und eine Gemeindeschwester. Den Bauern wurde befohlen, was gesät und angebaut werden sollte. Später wurden extra für die Partei Schweine und Kälber gemästet. Es musste eine bestimmte Summe an Eiern abgegeben werden, und Spendensammler mit Büchsen gingen durch das Dorf. Die Geldsammlungen nannten sich „Winter Hilfswerk“ und „Hilfswerk Mutter und Kind“, keiner sollte hungern oder frieren. Auch kam die Partei zu den Kindern, ab zehn Jahren musste man in der Deutschen Jugend sein, ab zwölf Jahren in der Hitler Jugend, und ab 14 Jahren wurden Jungen am Gewehr ausgebildet. Die Mädchen wurden in den "Bund Deutscher Mädel" aufgenommen und kamen mit 16 Jahren zu einem Arbeitspflichtjahr zu Bauern, in Büros oder Fabriken.
Meine Schwester und ich hatten die Aufgabe, aufs Brüderchen Heinrich aufzupassen oder ihn im Kinderwagen spazieren zu fahren. Oh, wie ich das hasste, wo ich doch ein Hobby gefunden hatte, das mich Tag und Nacht beschäftigte: Ich war ein Angler geworden. Auch meinte ich, ein Mädchen könnte besser mit einem Baby umgehen, so türmte ich nach dem Mittagessen aus dem Haus und verschwand ans Wasser, das reichlich vorhanden war.
1938 wurden Männer ab 18 Jahren zu den Waffen gerufen, allerorts sprach man über einen Krieg. Die Familien im Dorf mussten Pferde an die Wehrmacht abgeben. Auch Schlachttiere wurden von der Partei eingeteilt, und wer anderer Meinung war, verschwand und kam nicht wieder. Auch unser Lehrer Höppner war eines Tages mit Frau und Kind verschwunden, Fragen der Schulkinder wurden nicht beantwortet.
Wir bekamen einen neuen Lehrer, Herrn Lensch. Überraschend war er mit Frau und Kind in die Lehrerwohnung eingezogen. Die Requisitenkammer verband die Lehrerwohnung mit dem Schulraum. Um 8 Uhr stürmte unser neuer Lehrer in den Unterrichtsraum, stellte sich vorne am Pult auf und brüllte: "Heil Hitler!" Lensch war Ende 20, angezogen mit braunem Hemd, Hakenkreuzbinde, Reithose und Lackstiefeln. Geschockt sprangen wir Kinder auf und grüßten im Chor: "Guten Morgen Herr Lehrer." Wir waren wohl etwa 60 Kinder in dem Raum, aufgeteilt vom ersten bis vierten, sowie vom fünften bis achten Schuljahr, getrennt durch den Mittelgang. An der rechten Wandseite waren sechs große Fenster, an der linken ein Ofen, Bänke und die Tür.
Der Lehrer sprach weiter: "Wenn ich in den Schulraum komme, hebt ihr den rechten Arm und sagt gemeinsam, Heil Hitler Herr Lehrer! dann grüße ich, und ihr setzt euch so leise wie möglich. Ich bin euer neuer Lehrer und mein Name ist Herr Lensch. Für euch beginnt nun eine neue Zeit und was ihr gelernt habt, könnt ihr gleich wieder vergessen. Bei mir lernt ihr unseren Führer kennen, der das großdeutsche Reich erschaffen wird, und durch mich werdet ihr alle dabei helfen. Wir wollen gleich damit beginnen und schauen, ob ihr saubere Fingernägel und Hände habt und eure Kleidung sauber ist. Und ich werde auch nachsehen, ob ihr Kopfläuse habt. Also, Hände auf den Tisch!"
Natürlich hatte kein Kind saubere Nägel oder Hände, die Arbeiten zu Hause und in den Gärten wurden mit den Händen gemacht. So schlug er mit dem Lineal auf Finger und Hände. Dies wiederholte er jeden Tag, bis sich alle Kinder unter der Dorfpumpe gewaschen hatten. Die Eltern regten sich darüber auf, doch keiner wagte zu protestieren. So wütete dieser Mensch, bis ihm alle Kinder sauber genug waren. Auch wer saubere Hände hatte, kam nicht ungeschoren davon. Er fand immer einen Grund uns zu züchtigen. Er befahl, dass alle Kinder aufstehen sollten, dann schrie er mich an, ich solle auch aufstehen. Aber ich stand ja schon, nur war ich, wenn ich stand, kleiner als wenn ich auf der Bank saß. So gab ich zu verstehen, dass ich bereits stehe, nur vergaß ich dabei das Zauberwort "Herr Lehrer" zu sagen.
Er besorgte aber auch Bälle für Fuß‐ und Handball, er lehrte uns im Saal vom Gasthaus das Tanzen und übte mit uns Märchenspiele. Doch sein liebstes Thema war die Landkarte vom großdeutschen Reich, wo Polen, Böhmen und Mähren, das Saarland, Österreich, Tschechei und ein Stück von Ungarn schon drauf gezeichnet waren. Da traute ich mich zu sagen, dass Polen noch gar nicht Deutsch wäre. Er schrie und tobte wie von Sinnen, mein Gott, hätte ich doch bloß meinen Mund gehalten.
Der Lehrer Lensch hatte einen Garten mit einem großen Apfelbaum, der trug überreichlich Früchte, und viele Äpfel lagen schon auf dem Boden. Die älteren und großen Jungs kamen auf die Idee, von diesen Äpfeln ein paar zu stehlen. Natürlich vom Baum, die Äpfel auf der Erde wollten sie nicht. Man überredete mich mitzumachen. Die Jungs setzten mich in den Baum, ich begann zu pflücken, und meine Kumpels verschwanden mit den Äpfeln. Plötzlich stand der Lehrer unter dem Baum. Er holte mich vom Ast und zog an meinem Ohr bis es blutete. Er sagte: „ Morgen früh im Unterricht nennst du mir die Namen der Jungen, die dich in den Baum gehoben haben.“
Am nächsten Morgen, nach dem Heil Hitler, der Nägel‐, Ohren‐ und Halsbeschau, war ich dran. Nun, ich hatte mehr Angst meine Kumpels zu verpfeifen, als vor den Schlägen die ich erwartete, und so nannte ich keinen Namen. Da schlug mich dieser Sadist nicht auf den Hintern, sondern hinten auf die Oberschenkel, die Striemen auf der Haut platzten auf und brannten furchtbar. Sitzen konnte ich nicht mehr und stand nun in der Schulbank. Auch beim Essen daheim stand ich am Tisch. Da sagte mein Vater: „ Bitte setz dich.“ Doch ich erwiderte: „Ich gehe gleich angeln, die anderen warten schon auf mich.“ Am Abend kletterte ich auf das Etagenbett und Vater sah die Striemen. Nun musste ich doch alles erzählen. Mein Vater sagte kein Wort, Mutter cremte die Striemen ein und ich legte mich ins Bett.
Morgens in der Schule flog die Klassentür auf und krachte gegen die Wand. Mein Vater stand in der Tür und schaute den Lehrer Lensch an. Der wich bis ans Fenster zurück, als mein Vater auf ihn zuging. Der Lensch kreischte fast, als er sagte: „ Herr Wulf, bedenken Sie, wenn Sie mich anfassen, fassen Sie auch Hitlers Hemd an, das könnte schwere Folgen für Sie haben!“ Daraufhin erwiderte mein Vater: „ Ich werde Sie und auch das Hemd nicht anfassen, sollten Sie meinem Sohn aber noch einmal solche Schläge beibringen, dann fasse ich Sie an, auch wenn Sie das Braunhemd tragen.“ Dann verließ mein Vater den Raum. Es war so leise, dass wir den Lehrer atmen hörten. Er beendete den Unterricht und schickte uns nach Hause. Mich hat der Lensch nie wieder angefasst, auch meine Schwester ließ er in Ruhe.
Opa Kroschinski und sein Sohn Hans arbeiten von früh bis spät, aber sein Land brachte nichts ein. Opa hatte es auch mit dem Nachbarn schwer, er war nicht in die N.S. Bauernschaft eingetreten. Die Parteileute bespitzelten ihn, und er wurde sehr oft angezeigt, wegen angeblichem Waffenbesitz, Tierquälerei und anderen Dingen. Die Polizei sperrte ihn immer wieder ein, obwohl er unschuldig war. Für den alten Herrn war alles zu viel, er gab die Arbeit auf und der Lebensmut verließ ihn. 1938 starb er plötzlich. Sein Sohn Hans war nun 18 Jahre alt und musste zum Reichs‐Arbeitsdienst, ein Jahr später war er Soldat. Er wurde Panzerfahrer. Oma blieb allein im Haus. Land, Tiere und Geräte verteilte die Partei an die Bauernschaft. Die NSDAP hatte immer Recht. Dafür sorgten der Ortsgruppenleiter und der Ortsbauernführer.
Vater hatte Leitungen legen lassen, damit wir in jedem Raum Licht hatten. Der Graf de la Motte tat vieles für uns. Unsere Eltern halfen dafür beim Mähen und Dreschen auf dem Gut Krummbek. So musste ich nach der Schule das Mittagessen für meine Geschwister aufwärmen. Ich stellte mir immer einen Schemel vor den Ofen, um in die Töpfe oder Pfannen zu schauen, so konnte ich auch besser darin rühren.
Im Herbst 1938 kam der Bruder meines Vaters zu Besuch. Er hieß Franz, war Zimmermann und hatte die Idee, mich mal zu messen. Ich sollte mich mit einem Buch auf dem Kopf in den Türrahmen stellen, und er maß mit dem Zollstock nach. De Lütt Wulf, wie man mich im Dorf nannte, war ein Meter und vier Zentimeter groß oder klein. Mich selbst hat meine Kleinheit nicht gestört und darüber nachgedacht habe ich auch nicht. Ich hatte zu tun, in Haus und Garten, denn Mutter hatte immer Arbeit für mich. Ich musste auch die Pumpstation bedienen und das Einlaufrohr von Kraut freihalten. Natürlich kam ich auch zum Angeln.
Der Krieg mit Frankreich und England machte sich bemerkbar, die jungen Männer fehlten. Die alten Bauern bekamen polnische Hilfskräfte, junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren. Nach Altenkrempe kamen auch Männer und Frauen aus der Anstalt für geistig Behinderte bei Neustadt. Die Frauen machten Haus‐ und Stallarbeiten und molken die Kühe. Die Männer halfen beim Pflügen der Felder, beim Pflanzen und Ernten. Ich musste auf dem Pferd reiten, wenn die Reihen für das Auslegen der Kartoffeln gezogen wurden und später noch einmal, um die jungen Kartoffelpflanzen anzuhäufen. Wir Kinder mussten auf den großen Feldern die Disteln abstechen, die in der Saat wuchsen. Wir sollten Kartoffelkäfer und Maikäfer sammeln, das waren alles Schädlinge und dafür mussten Schulstunden geopfert werden. Der Lehrer verlangte einen ausführlichen Aufsatz über diese Tätigkeit.
Auch 1940 wurden noch Dorffeste gefeiert. Ostern das Kinderfest mit Sporteinlagen, das Schützenfest und Ringreiten am Pfingstmontag. Auch der Fußballverein, die Feuerwehr und der Siedlerbund feierten ihre Festtage mit Tanz im Saal des Kremper Krug. Jeden Sonntag von 10 bis 11,30 war Kirchgang und man beklagte die ersten Gefallenen der Kirchengemeinde. Pastor Niemann, der im Polenfeldzug ein Bein verloren hatte und an Krücken ging, war ein neugieriger Mensch. Bei Tag und Nacht schlich er durchs Dorf und war Erster und Letzter auf allen Festen. Er hatte einen Storch, der nicht fliegen konnte und viele Jahre im Dorf umher stolzierte. Für den Storch musste ich Fische angeln und ihn damit füttern. Hatte ich keine Fische, schimpfte der Pastor.
Der Krieg wurde heftiger, unser Lehrer Lensch frönte seinem Hobby und steckte Nadeln in die Landkarte. Er zeichnete so die genaue Frontlinie. Kam durchs Radio eine Sondermeldung, mussten wir in den Bänken stehen und zuhören. Danach wurde über Kapitänleutnant Prien und sein U‐Boot geredet, und der Mann in seinem Braunhemd und Lackstiefeln stand am Pult und schrie mit uns: "Heil Hitler!" Mein Gott, was war das für ein Mensch!
