Dein Schicksal in den Sternen - Natasha Sizlo - E-Book

Dein Schicksal in den Sternen E-Book

Natasha Sizlo

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Beschreibung

Liebe, Astrologie und Romantik unterm Eiffelturm Natasha Sizlo steckt in einer tiefen Krise: sie ist Mitte 40, geschieden, hat eine weitere schmerzhafte Trennung hinter sich und ihr Vater liegt im Sterben. Verzweifelt geht sie zu einer Astrologin. Die sagt ihr, ihr Seelenpartner sei am 2.11.1968 in Paris geboren. Dummerweise trifft das auf ihren Exfreund zu. Sizlo beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und macht sich auf die Suche ... Es wird doch noch andere Männer geben, die an diesem Tag in Paris das Licht der Welt erblickten?! Eine herzerwärmende und sehr lustige Suche nach Mr. Right und dem wirklich wahren Schicksal beginnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dein Schicksal in den Sternen

Die Autorin

NATASHA SIZLO war Journalistin für Mode und Style u. a. bei Variety, Cosmopolitan und InStyle. Nach einer Karriere als Chefredakteurin des Detour Magazines wechselte sie die Branche und ist heute erfolgreiche Immobilienmaklerin und in zahllosen Folgen der TV-Serien The Real Housewives of Beverly Hills und Million Dollar Listing Los Angeles zu sehen.

Natasha Sizlo

Dein Schicksal in den Sternen

Eine wahre Geschichte über Liebe, Verlust und die Kraft der Astrologie

Aus dem Amerikanischen von Marie Rahn

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

Allegria ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage1. Auflage November 2022© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2022Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenNach einer Vorlage von Grace HanUmschlagmotiv: © Getty Images / chekatAutorinnenfoto: © Anita PocsikE-Book Konvertierung powered by pepyrusAlle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-8437-2785-3

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Anmerkung der Autorin

Prolog

Erstes Haus

Zweites Haus

Drittes Haus

Viertes Haus

Fünftes Haus

Sechstes Haus

Siebtes Haus

Achtes Haus

Neuntes Haus

Zehntes Haus

Elftes Haus

Zwölftes Haus

Dank

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Anmerkung der Autorin

Widmung

Für meine Schwester TaraFür meine Mutter EdnaFür meinen Vater, den Großen Bob Sizlo

Den Wind unter meinen Flügeln

Anmerkung der Autorin

Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte meiner Suche nach der Liebe. Doch da die Wahrheit jedes Menschen subjektiv ist, ist mir klar, dass sich manche Personen anders an die in diesem Buch beschriebenen Ereignisse erinnern als ich. Zum Schutz der Privatsphäre habe ich bestimmte Namen, Charakteristika und Orte geändert. Gespräche und Ereignisse wurden aus meiner Erinnerung heraus erschaffen und manchmal auch verdichtet, um nur die Essenz des Gesagten oder Vorgefallenen zu beschreiben. Da Vertraulichkeit in der Immobilienbranche wesentlich ist, sind alle Häuser, ihre Besitzer und Käufer nur Erfindungen, die ich mithilfe meiner langjährigen Erfahrung als Maklerin in L.A. zusammengestellt habe. Dieses Buch ist kein Ersatz für einen Besuch beim Arzt, beim Immobilienmakler oder bei einem Astrologen. Die Stimmen in meinem Kopf sind alle real.

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Passage über eines der zwölf Häuser im Tierkreis. Diese Passsagen sollen die Neugier wecken und die Selbstwahrnehmung fördern. Die renommierte Astrologin Stephanie Jourdan beriet mich bei diesen Einführungen, für etwaige Fehler bin ich selbst verantwortlich.

Prolog

Dienstag, 22. Oktober 20190.37 UhrParis

»Was zum Teufel war das denn?«, fragte Tara, kaum dass wir um die Ecke gebogen waren. Sie blieb abrupt auf dem Bürgersteig stehen und wandte sich mit weit aufgerissenen Augen zu mir.

Wir standen im gedämpften Licht einer Straßenlaterne. Mein Herz hämmerte. War das wirklich passiert? War er es wirklich?

»Ich … ich weiß nicht«, sagte ich und holte tief Luft. »Plötzlich war er da. Wie aus dem Nichts. Wie im Traum. Er hat gesagt, er ist Schriftsteller und schreibt gerade etwas über Liebe und Schicksal. Und er ist nur diese eine Nacht in Paris. Ich kann einfach nicht fassen, was gerade passiert ist. Es fühlte sich so vertraut an.«

»Oh, mein Gott, könnte er der Eine sein? Heilige Scheiße, Tasha, du musst zurück. Auf der Stelle! Bevor er weg ist.«

»Aber wirkt das nicht komisch? Ich meine, wahrscheinlich ist er jetzt schon wieder im Hotel. Wie soll ich ihn denn finden? Er könnte in der Bar sein. Oder auf dem Weg zu seinem Zimmer. Soll ich etwa an jede einzelne Tür klopfen? Ich kenne ja nicht mal seinen Namen!«

»Ja, das sollst du! Nach allem, was wir durchgemacht haben, hier in Paris und auch das ganze letzte Jahr, wäre es im Gegenteil völlig normal, wenn du dem heißesten Typen ganz Europas nachrennen würdest. Er hat es doch selbst gesagt: Hier hat das Schicksal seine Hand im Spiel! Muss erst eine Kristallkugel vom Himmel fallen und dich am Kopf treffen? Das war Bestimmung. Dieser Kerl könnte dein Seelenverwandter sein!«

Aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eigentlich hatte ich geplant, mein mitternachtsblaues Samtkleid, Riemchenpumps und die aufregendsten Dessous zu tragen, die ich dabeihatte. Ich wollte verführerisch geschminkt sein, und mein Haar sollte in natürlich wirkenden Wellen über meine Schultern fallen, verdammt noch mal! Unsicher blickte ich auf meinen abblätternden Nagellack, auf meine Jeans und Sneaker und dann zurück zum Hôtel Costes, dessen imposanter Umriss in der Dunkelheit kaum sichtbar war.

Tara seufzte. »Bist du nicht genau deshalb hierhergekommen?«

Sie hatte recht. Eigentlich sollte ich sofort der Funkenspur der Magie folgen und mich nicht cool davon abwenden. Ich holte tief Luft und zwang mich, daran zu denken, wo ich war und warum. Auf einem kopfsteingepflasterten Bürgersteig. In der Rue Saint-Honoré im 1. Arrondissement, umgeben von den Schaufenstern von Saint Laurent, Balenciaga und Louis Vuitton. Im Herzen von Paris. In der Stadt der Liebe. In der Ferne glitzerte der Eiffelturm wie eine Spitze aus Sternen vor dem unendlichen schwarzen Himmel.

Sterne. Ich war ihnen über den halben Globus bis nach Paris gefolgt. Wirklich und wahrhaftig.

»Das träume ich doch nicht, oder?«

»Nein, Tash. Es ist zwar schon spät, aber du träumst nicht. Ich war selbst dabei. Er hat irgendwie etwas Besonderes an sich.«

Mist. Sollte ich das wirklich tun? Mein einziges Versprechen brechen, das ich in Paris gegeben hatte, auf das Weckerklingeln bei Morgengrauen pfeifen und zurück zu einem Hotel rennen, in dem wir nicht mal wohnten, um einen Mann zu suchen, den ich gerade erst getroffen hatte, der vielleicht aber für mich bestimmt war? Ich konnte es nicht glauben, aber meine vernünftige, vorausschauende große Schwester befahl mir, genau das zu tun.

Vielleicht war das ein Zeichen?

Ach, wenn mir doch nur die Sterne sagen könnten, was ich tun sollte.

Erstes Haus

Enchanté

Am Anfang eines Horoskops steht das Erste Haus, das auch den Ausgangspunkt im Leben eines Menschen widerspiegelt. Das Horoskop wird dargestellt durch einen Kreis, der in zwölf gleiche Abschnitte − ›Häuser‹ genannt − unterteilt ist. Jedes Haus repräsentiert einen Bereich möglicher Stärken und Entwicklungen wie zum Beispiel ›Beziehungen‹, ›Gesundheit‹, ›Finanzen‹ und ›Ziele‹. Bei unserer Geburt stehen Sonne und Mond sowie alle Planeten in einem der zwölf Häuser. Manchmal befinden sich mehrere Planeten in einem Haus, und manchmal ist ein Haus leer. Ein Geburtshoroskop (oder Radixhoroskop) zeigt an, wo die Planeten und Sterne am Tag, am Ort und in der Minute der Geburt einer bestimmten Person standen. Da sich das ungefähr alle vier Minuten ändert, ist es wichtig, den Ort sowie Datum und Uhrzeit der Geburt zu wissen.

Das Erste Haus steht dafür, wie man sich definiert. Für die Ursprünge der Persönlichkeit und das Erscheinungsbild. Es lädt uns ein, uns zu fragen: Mag ich das? Fühlt es sich gut an? Was wünsche ich mir? Wie bekomme ich, was ich mir wünsche? Das Erste Haus spiegelt auch unsere ersten sieben Lebensjahre wider, die sowohl unsere Persönlichkeit als auch unser Alter Ego geformt haben, das später unsere andere Seite, unser Lebenspartner, wird. Das Alter Ego umfasst Aspekte, die abgelegt wurden, aber dennoch nicht verloren sind. Sie bleiben als Alter Ego im Siebten Haus erhalten und bilden einen Schatz aus geheimen Erkenntnissen, Talenten und Wünschen.

Mein Erstes Haus sind die Fische, beherrscht vom Planeten Neptun. Fische stehen für Loslassen und Hingabe ans Unbekannte.

Ich hatte resigniert.

Ich war eine alleinerziehende, berufstätige Mutter kurz vor ihrem vierundvierzigsten Geburtstag, die notorisch pleite war und in einem winzigen gelben Bungalow in Pacific Palisades wohnte, einem ruhigen, aber teuren Viertel im Westen von Los Angeles. Nach meiner Scheidung wendete ich fast mein gesamtes Monatsbudget für die Miete auf, nur um in der Nähe meiner älteren Schwester Tara wohnen zu können. Sie half mir bei der Kinderbetreuung, die ich mir nicht mehr leisten konnte. Meine Hauptsorge galt dem Geld und der Frage, wie und wann ich genug verdienen würde, um meine kleine, dreiköpfige Familie über die Runden zu bringen. Das allerdings musste ich in der glamourösen Branche geheim halten, in der ich mittlerweile arbeitete, denn ich verkaufte für ein Unternehmen namens The Agency exklusive Immobilien an Prominente und VIPs. (Ja, die Vermittlungsagentur für Luxusanwesen, die von Mauricio Umansky und Billy Rose gegründet wurde und aus The Real Housewives of Beverly Hills und Million Dollar Listing Los Angeles bekannt ist.) Da zählte der schöne Schein.

Deshalb investierte ich nach meinem ersten Verkaufsabschluss fast meine gesamte Provision in ein paar Accessoires, die für meinen neuen Beruf unabdingbar waren: eine schicke Handtasche, trendige, überteuerte Sneakers und einen geleasten Audi, den ich einmal pro Woche in die Waschanlage fuhr. Damals hatte ich wirklich keine andere Wahl. Ich musste viel, viel mehr Häuser verkaufen als nur dieses eine, und zwar schnell. Mein Sohn Dashiell war erst acht und meine Tochter Margot elf, als ich anfing, unseren Lebensunterhalt als Immobilienmaklerin zu verdienen. Sie waren von mir abhängig. Also kam es darauf an, mich so gut wie möglich an die smarten Makler in meiner Niederlassung anzupassen. Wie sagte meine Freundin Katie so schön? »Welcher vernünftige Mensch würde sein Zehn-Millionen-Dollar-Haus einer Maklerin mit einer Familienkutsche und einer Billighandtasche von Forever 21 anvertrauen?« Katie wusste genau, wie es war, von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck zu leben, und hatte wohl nicht ganz unrecht. Dennoch fand ich es mehrere Jahre und Verkaufsabschlüsse später immer noch kräftezehrend, ein falsches Image zu verkaufen. Es ist nicht leicht, sich zu verstellen, nicht mal, wenn es nur Teilzeit ist und aus gutem Grund geschieht.

Außerdem litt ich unter Liebeskummer und Existenzangst. An manchen Tagen dachte ich, ich würde buchstäblich daran zerbrechen, so sehr vermisste ich einen Mann namens Philippe und so sehr machte ich mir Sorgen um meine Zukunft. Aber zuerst zu Philippe. Über ihn konnte ich schon immer viel einfacher reden – endlos und mit jedem, der noch zuhören wollte. Philippe und ich hatten uns vor nicht allzu langer Zeit getrennt. Wieder einmal. Unzählige Male hatten wir versucht, unsere leidenschaftliche, doch aberwitzig verrückte Liebesaffäre in eine vernünftige Beziehung zu verwandeln. Wir waren beide geschieden und beide Eltern. Mit Verantwortung. Wir wussten also, was wir anstreben sollten. Trotzdem …

Ich dachte jeden einzelnen Tag an ihn.

Aber mein schlimmstes Problem, das weitaus schrecklicher war als meine Scheidung, meine finanziellen Sorgen und sogar Philippe, war die Krankheit meines geliebten Vaters. Zwei Jahre zuvor war bei ihm eine fortschreitende, unheilbare Lungenkrankheit diagnostiziert worden. Seine Ärzte gaben ihm höchstens noch drei Monate. Mein Vater war der einzige Mensch in meinem ganzen Leben, der sich selbst meine kleinsten Probleme angehört hatte und dennoch unverbrüchlich daran glaubte, dass seine Tochter alles schaffen konnte. Ich sperrte mich gegen jeden Gedanken an einen Abschied oder gegen die niederschmetternde Vorstellung, dass Dash und Margot, die mittlerweile zwölf und fünfzehn waren, ihn ebenfalls verlieren würden. Ich konnte einfach nicht daran denken. Lieber würde ich meine Hand über eine offene Flamme halten. Und nicht mehr wegziehen. Stattdessen haderte ich mit dem Gedanken, dass ich schon wieder versagt und mehrere Jahre an einen Mann verschwendet hatte, der eben doch nicht ganz der Richtige war. Dass es eben doch keine zweite Chance auf ein Happy End geben würde, bei dem ich unter dem stolzen Blick meines Vaters den Gang zum Altar hinunter in die Arme meines liebenden Mannes schritt, der mich und meine Kinder für immer lieben würde. Der Eine war nicht aufgetaucht, solange meinem Vater noch Zeit blieb. Dabei hatte ich immer gedacht, er hätte alle Zeit der Welt, und das würde sich nie ändern. Jetzt musste ich meinen Traum aufgeben und etwas anderes für die Zukunft meiner kleinen Familie planen. Aber ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Mein Herz war völlig taub.

Als mir meine total ausgeflippte, aber allerbeste Freundin Nicole zu meinem Geburtstag im Oktober ein Horoskop von einer angesagten Astrologin schenkte, dachte ich also: Wieso nicht, zum Teufel! Was auch immer mich bis hierhin geleitet haben mochte, hatte nicht funktioniert. Und als bräuchte ich noch ein Zeichen aus dem Universum, dass ich irgendetwas anders machten sollte, hatte mich die Besitzerin eines unverschämt luxuriösen Anwesens ein paar Tage zuvor bei der Vorbereitung einer Hausbesichtigung gebeten, die Kacke ihres Kleinkinds aus dem Infinity Pool zu entfernen. Während wir gerade über die Vorteile sprachen, den Verkaufswert eines Hauses über ›Zestimates‹ einzuschätzen statt mittels realer Abschlüsse, hatte sie das kleine braune Würstchen vorbeidriften sehen. Ob ich mich wohl darum kümmern könnte? Die Frage war rein rhetorisch. Lag es daran, dass ich zu meinem Kleid Sneakers trug (hübsche, ich schwöre!) und keine schwindelerregenden, Ehrfurcht gebietenden High Heels, wie ein paar meiner Kolleginnen sie bevorzugten? Oder sah ich einfach aus wie jemand, der lächelnd zu allem Ja sagte, was ihm das Universum entgegenschleuderte – selbst wenn es Kinderkacke war? Falls es Sie interessiert: Ich holte das Würstchen aus dem Pool. Und am nächsten Tag brachte ich einen Geschenkkorb mit nützlichen Utensilien zum Trockenwerden mit, inklusive »Alle müssen mal aufs Klo« von Taro Gomi. Denn wir müssen alle hin und wieder daran erinnert werden: Shit happens. Ist doch okay. Außerdem dachte ich: Welches Signal ich auch immer aussende, das muss aufhören, und wenn mir die Sterne dabei helfen können, dann bitte! Dabei war es egal, dass ich gar nicht an den ganzen Quatsch mit dem Universum glaubte. Und an Astrologie erst recht nicht.

Ich war von Eltern erzogen worden, die an die heilige Dreifaltigkeit von Bildung, Logik und harter Arbeit glaubten, und betrachtete Astrologie genauso, wie ich Sojaburger und das Festival Burning Man betrachtete: Das war was für meine New-Age-Freunde hier in L.A., aber nichts für mich. Als bekennende Ungläubige waren meine Erfahrungen mit Astrologie und dergleichen auf die Wahrsagerinnen vom Hollywood Boulevard begrenzt, die mit einem schrillen Kopftuch unter blinkenden Neonanzeigen in Kristallkugeln starrten. Und mit ›Sitzungen‹ – ganz gleich welcher Art – brauchte man mir erst gar nicht zu kommen. Wieso sollte man gutes Geld für Lügen, Schmeichelei und Bullshit verschwenden? Ich war also noch nie jemand gewesen, der sich astrologischen Rat suchte.

Aber jetzt, ohne Philippe und unvorstellbarerweise schon bald ohne meinen Vater, wusste ich nicht mehr genau, was für ein Mensch ich eigentlich war oder was aus mir werden würde.

Philippe hatte ich kurz nach meiner katastrophalen Scheidung kennengelernt. Vermutlich sind die meisten Scheidungen katastrophal, aber meine gehörte zur Kategorie, wo der Mann Knall auf Fall die Koffer packt und man innerhalb weniger Monate sein Haus verliert, der Hund stirbt, die Stelle und alles Geld flöten geht, sodass man pleite und starr vor Schock mit einem Haufen Umzugskartons in einer winzigen Wohnung landet – und weiterhin versuchen muss, zwei Kinder in Los Angeles aufzuziehen. Das Leben wurde sehr schnell sehr hart. Dem Teufel standen Tür und Tor offen.

Auftritt Philippe. Er war attraktiv, Franzose, sonnengebräunt und vor allem amüsant. Er schlenderte mit einer unverschämten joie de vivre in mein Kartenhaus, die ich als Ehefrau und Mutter so ganz vergessen hatte. Der Prachtkerl war eine willkommene Ablenkung von meiner in Schutt und Asche liegenden Welt: Er rauchte Kette, trank ständig Rosé und brüllte Flüche wie Merde! und Putain! aus seinem weißen Porsche Cabrio, während er über den Abbot Kinney Boulevard zu seiner Junggesellenbude in Venice raste. Er flirtete mit seinen hippieschicken Nachbarinnen, drückte mit selbstbewusstem Grinsen prüfend die Baguettes in Gjustas Bäckerei und war ein Meister in der Küche und im Bett. Philippe war laut und ausfallend, sexy und berauschend. Alles an ihm fühlte sich falsch an. Außer sein großes Herz. Weshalb ich mich vielleicht so rettungslos in ihn verliebte.

Am Anfang unserer Beziehung war Philippe der wahr gewordene Traum jeder Geschiedenen. Wann immer mein Mann die Kinder hatte, floh ich aus der nüchternen Realität und genoss so viel Freiheit wie möglich: Ich fing an zu rauchen, trank mehr Wein, als ich je für möglich gehalten hatte, und entdeckte die wahre Bedeutung von ›der beste Sex meines Lebens‹. Zu meiner Überraschung entwickelte sich unsere heiße Affäre zu einer echten Liebesgeschichte. Auch wenn wir uns auf amerikanischem Boden befanden, war alles an Philippe französisch. Und genau das brauchte ich. Wir besuchten Weinverkostungen, fuhren Rad und machten Picknicks im Park. Wir genossen Salade niçoise und Rosé zum Lunch, Cocktails auf einer Dachterrasse bei Sonnenuntergang, Steak Frites mit ein paar Flaschen Bordeaux oder Côtes du Rhône zum Dinner und Wodka auf Eis und Kaviar als Mitternachtssnack. Ich fühlte mich wie ein ganz anderer Mensch. Mein altes Ich wusste nichts über erlesenen französischen Wein oder die Kunst, ein Omelett zuzubereiten.

Philippe und ich tanzten bis zum Morgengrauen in der Küche, rauchten eine Marlboro Light nach der anderen und verloren uns in der Musik von Al Green, Van Morrison und Nina Simones Version von Jacques Brels Ne me quitte pas. Wir hielten Händchen auf der Straße und tunkten Croissants in Café au lait, während die Sonne über den Kanälen von Venice aufging. Ich cremte ihm am Strand den Rücken ein, und er las mir im Bett französische Gedichte vor. Wir hatten zu jeder Stunde des Tages und in jedem Zimmer seines Strandlofts verrückten, leidenschaftlichen Sex. Ich nahm ihn sogar zu einem Schultreffen mit, um meine ehemaligen Klassenkameraden mit meinem perfekten französischen Freund zu beeindrucken. Die Chemie zwischen uns war einfach vollkommen. Bevor ich mich’s versah, waren wir eine feste Einheit. Aus einer Nacht wurde ein Monat, dann ein Jahr und dann ein halbes Jahrzehnt.

Denn das mit uns war nicht nur eine stürmische Romanze. Wir stimmten die Besuchszeiten unserer Kinder bei unseren Ex-Partnern aufeinander ab, damit seine drei Teenager Josephine, Theo und Charlie Zeit mit meinen Sprösslingen verbringen konnten. Philippe machte Dash mit dem Grand Prix von Monaco bekannt und half Margot bei den Mathehausaufgaben. Charlie und Margot wurden beste Freundinnen, fast schon wie Schwestern. Dash und Theo spielten trotz ihres Altersunterschiedes miteinander Videogames und Golf. Philippe ging mit allen fünf Kindern einkaufen und forderte sie auf, die verrücktesten Lebensmittelkombinationen zu suchen, die sie finden konnten: Litschis, Frühstücksfleisch, Hornmelone und Knochenmark. Damit kochte er dann wie in der Show Chopped Mystery Basket jedes Mal ein köstliches Essen. Es war ein Fest. Ein chaotisches, wunderschönes Fest, das ich gerne als Probelauf betrachtete. Wäre es nicht großartig, wenn das für immer so sein könnte?

Ich dachte, ich hätte die Liebe meines Lebens gefunden. Philippe vergaß nie, mich zum Wagen zu begleiten oder mir die Tür aufzuhalten. Er sorgte dafür, dass ich Zeit hatte, für meine Maklerprüfung zu lernen. Er legte mir schon oft einen Pulli über die Schultern, noch bevor ich merkte, dass mir kalt wurde. Aber vor allem richtete er mich auf, wenn ich zu schwach war, nach meiner gescheiterten Ehe und Karriere für mich einzustehen. Er ermutigte mich, mein Leben in die Hand zu nehmen. Nie nannte er mich ›Tash‹ oder ›Tasha‹ wie fast alle anderen. Nein, mit seinem romantischen französischen Akzent flüsterte er mir ›Natasha‹ ins Ohr und inspirierte mich so, in den ausdrucksstarken Namen zu wachsen, den mir meine Eltern in Erinnerung an die slawischen Wurzeln meines Vaters gegeben hatten und der mich mein ganzes Leben lang eingeschüchtert hatte. »Du musst dir deinen Namen aneignen«, sagte er zu mir. »Du bist Natasha. Auch wenn du viel verloren hast, aber deinen Namen kannst du niemals verlieren.« Philippe sah meine Unsicherheiten und in guter Absicht begangenen Fehler und akzeptierte mich dennoch vorbehaltlos. Er meinte wirklich mich. Da er ebenfalls frisch geschieden war, redeten wir stundenlang über Verlust, Schmerz und gebrochene Herzen – das heißt, eigentlich redete ich, während Philippe eine Post-Scheidungs-Playlist zusammenstellte und mit einer Zigarette in der einen und einem Glas Wein in der anderen Hand in der Küche herumtanzte. »Cherie«, sagte er dann, hob mein Kinn und gab mir einen Kuss, »was wir haben, ist einfach perfekt. Daran soll sich nie etwas ändern.«

Und es war auch perfekt. Eine Weile.

Zwar liebte ich Philippe mit jeder Faser meines Herzens, doch im Stillen ertrank ich in einem Meer aus wachsender Enttäuschung und Frustration. Ich spürte, dass ich mich nach einer ruhigeren, konventionelleren Zukunft sehnte, als Philippe sie anzustreben schien.

»Ach nein, noch nicht«, erwiderte Philippe jedes Mal, wenn ich ihn bat, unsere Familien zu vereinen und zusammenzuziehen. »Wozu die Eile? Wir waren doch beide schon mal verheiratet, und wie ist das gelaufen?«

Vielleicht hatte er recht. Sehnte ich mich nur nach etwas, was die Gesellschaft mir als ultimatives Ziel einer jeden Beziehung suggerierte?

Doch da ich ein neues Leben aufbauen und Kinder aufziehen musste, fragte ich mich schon, ob wirklich alles perfekt war. Denn an den Kinderwochenenden musste ich uns drei und haufenweise Gepäck zu Philippes auch nicht besonders großer Wohnung und wieder zurück verfrachten (mein winziges Apartment ging gar nicht). Das ständige Hin und Her laugte uns alle ziemlich aus. Und wenn Philippe und ich allein waren, begannen die langen Nächte mit Alkohol, Nikotin und wildem Sex auch langsam an mir zu zehren. Aus einer gelegentlichen Zigarette war mittlerweile eine ausgewachsene Sucht geworden, die ich vor meinen Freunden und Verwandten verbergen musste. Die durchzechten Nächte bedeuteten, dass ich viel zu oft zu verkatert für die Anforderungen meiner neuen Karriere als Immobilienmaklerin war (ganz zu schweigen von den Herausforderungen des Mutterseins). Der beste Sex meines Lebens führte immer wieder zu Harnwegsinfektionen, die ich mit Antibiotika bekämpfte, und schließlich zu einer ungeplanten Schwangerschaft, der wir uns beide nicht gewachsen sahen. Dieses Ereignis zerschmetterte erst mich und letzten Endes dann unsere Beziehung. Und mein Schultreffen? Da wurden wir beim Sex auf der Toilette ertappt, als wir auf den Abschleppdienst warteten, nachdem sein Wagen es irgendwie hinbekommen hatte, gefährlich über einer Klippe zu hängen. Wir hatten völlig die Kontrolle verloren.

Ich befand mich an einem Scheideweg, da ich einerseits einen beau gosse liebte – das ist französisch für den heißesten Typen aller Zeiten –, gleichzeitig aber von einer glücklichen Familie und einer gesicherten Zukunft träumte, in der ich nicht ständig stank wie ein Aschenbecher, gegen einen Kater kämpfte und die Hälfte der Zeit aus dem Koffer lebte. So hinreißend Philippes sorgloser Joie-de-vivre-Lebensstil am Anfang unserer Affäre auch schien, nun war er nicht länger haltbar. Nach einem Streit zu viel über die Zukunft unserer Beziehung packte ich meine Koffer und sagte Lebewohl. Was mir so schwerfiel wie kaum etwas in meinem Leben.

Ich hoffte, Philippe würde mir nachlaufen, doch das tat er nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich hoffte.

Nie hätte ich gedacht, dass es mir so schwerfallen würde, loszulassen und weiterzumachen. Monate vergingen, und doch gehörte mein Herz immer noch Philippe. Ich durchforstete die Stadt auf der Suche nach der nächsten Liebe meines Lebens, ließ mir zum ersten Mal im Leben Botox spritzen und stürzte mich in die Datingszene von L.A. Mit meinen Freundinnen suchte ich alle Singletreffs auf: mit der Hollywoodtruppe das ›Chateau‹, den Möchtegerntypen das ›Bungalow‹, den Autoren das ›Alfred‹, mit den Feinschmeckern die Bauernmärkte, mit den epilierten Schönheiten das ›Hot 8 Yoga‹ und mit all den hippen Cleaneaters freitagabends Biosupermärkte in Venice. Ich lud mir Tinder, Hinge und The League aufs Handy. Nachdem ich etliche unerbetene Schwanzfotos gelöscht hatte, versuchte ich es mit jedem vielversprechenden Kandidaten, der mir angezeigt wurde. Ich senkte meine Mindestanforderung, was die Größe betraf, und machte vor ›Catch LA‹ mit Short Belgian Billionaire herum, während ich auf mein Uber wartete. Ich hatte eine Affäre mit einem sexy Surfer – von meinen Freunden und mir nur Bigwave genannt –, die ich aber beendete, als ich es satthatte, mir seine endlosen Schwärmereien über ›endgeile Wellen‹ und ›krasse Brecher‹ anzuhören – oder seinen peinlichen Spitznamen für mich: N-Meister. Geschockt musste ich zusehen, wie ein Mann, den ich Russischer Chirurg nannte, seine Fähigkeiten demonstrierte und während unseres Picknicks am Hollywood Bowl vor meinen Augen eine unschuldige Biene zerteilte. Ich ließ mich in der SHOREbar auf Hot Millennial ein. Und auf Hotter Millennial bei einem sexy Livekonzert im Peppermint Club. Ich ging sogar mit einem Mann aus, der sein eigenes Kimchi zubereitete. Warnung an alle: Zu viel Kimchi verursacht schreckliche Blähungen.

Ich versuchte es. Wirklich, ich gab mir Mühe.

Aber ganz gleich, wie sehr ich mich anstrengte, meine nächste große Liebe zu finden, mein Herz flog doch immer zu Philippe zurück. Ich steckte fest. Ich fragte meine Freunde um Rat, doch keiner konnte mir sagen, wie ich über ihn hinwegkommen sollte. Meine Schwester Tara hatte kapituliert. Kein Friseur konnte mein Problem lösen. Selbst mein Lieblingsbarkeeper im Tasting Kitchen – der Süße, der aussah wie Ryan Gosling – wirkte irgendwann genervt, weil ich immer mit der alten Leier kam.

»Nur damit Sie’s wissen, ich glaube nicht an Astrologie«, sagte ich zur Astrologin, als sie mich ein paar Tage nach meinem Geburtstag anrief.

»Verstehe«, erwiderte sie mit ruhiger, wissender Stimme. »Müssen Sie auch nicht.«

Die Astrologin Stephanie Jourdan hatte sich in gewissen Kreisen einen Namen gemacht und verfügte über eine kultige, aber diskrete Anhängerschaft aus internationalen Topstars und Spitzenpolitikern. Nach dreißig Jahren Berufserfahrung war ihre Praxis exklusiver als die Terrasse des Little Beach House (der Members-only-Club des ›Soho House‹ am ›Strand der Milliardäre‹ in Malibu). Neue Klienten wurden nur über Empfehlungen akzeptiert, und wer auf die Warteliste kam, musste sechs bis zwölf Monate Geduld haben. Am Anfang der Sitzung erläuterte Stephanie erst einmal ihre Arbeitsweise. »Tut mir leid, dass ich Ihnen die Astrologie in ein, zwei Minuten nahezubringen versuche«, lachte sie, »aber ich möchte, dass Sie verstehen, worüber ich rede.«

Ich hatte Stephanie schon Wochen vorher das Datum, die Uhrzeit und den Ort meiner Geburt zugeschickt. Sie beschrieb nun, wie sie damit mein Geburtshoroskop erstellte, das wir für die Sitzung benutzten. »Ihr Geburtshoroskop zeigt, wo die Sonne, der Mond und die Planeten in Beziehung zur Erde standen, als Sie geboren wurden«, sagte sie. »Ich glaube an Reinkarnation und lese Horoskope aus dieser Perspektive. Manche Horoskope scheinen von früheren Leben kaum beeinflusst zu sein, während andere von den Problemen, Beziehungen, Verlusten und Leistungen früherer Leben geradezu geprägt sind. Diese Sitzung gründet auf Ihrem Geburtshoroskop, das zeigt, welches Leben Sie vor Ihrer physischen Inkarnation für sich geplant haben.«

Moment mal … Was?

»Menschen sind wunderbar kreativ und drücken häufig ihren freien Willen dadurch aus, dass sie ein ganz anderes Leben wählen als ihr vorheriges. Das Geburtshoroskop zeigt Ihre Möglichkeiten an. Wenn ich Ihr Geburtshoroskop betrachte, sehe ich, dass Sie ziemlich spirituell und immer von einigen verstorbenen Menschen umgeben sind. Sie stehen in so enger Verbindung mit Geistern, dass Sie das nicht mal als ungewöhnlich empfinden. Möglicherweise denken Sie, das wären nur Stimmen in Ihrem Kopf oder einfach Gedanken, aber das stimmt nicht. In Ihrem Wohnzimmer sind ziemlich viele Leute«, lachte sie, »nur dass sie keine Körper haben.«

Oh, mein Gott, die ist ja völlig durchgeknallt, dachte ich und sah mich nervös in meinem Wohnzimmer um.

»Also gut, auch wenn Sie nicht an Astrologie glauben, kennen Sie wahrscheinlich Ihr Sonnenzeichen, das bekannteste Sternzeichen«, fuhr Stefanie fort. »Sie sind Waage. Aber die Konstellation vom Mond und den anderen Planeten zum Zeitpunkt und Ort Ihrer Geburt ergänzen das Bild von Ihnen um weitere Aspekte. Wie eine Uhr ist das Horoskop in zwölf Abschnitte oder auch Häuser unterteilt, die jeweils von einem anderen Sternzeichen bestimmt werden. Das Horoskop beginnt auf neun Uhr mit dem Ersten Haus, und dann geht es gegen den Uhrzeigersinn weiter. Können Sie mir folgen?«

»Ja, ich glaube schon«, sagte ich und fragte mich, wie ich dazu gekommen war, meine Zeit mit einer trendigen L.A.-Astrologin zu verschwenden, die über Sonnenzeichen und frühere Leben schwafelte.

»Betrachten wir jetzt Ihr Horoskop«, fuhr sie fort, »bei Ihrer Geburt standen Erde, Sonne und Pluto in einer Linie. In der Astrologie nennt man das Pluto Alien oder Pluto Power Alien. Der Pluto umfasst Bereiche wie Geburt, Tod und Sex. Und Steuern. Er steht für Transformation und Mystik, für Menschen, die Dinge sehen, die andere nicht sehen. Für Schamanismus und Macht. In Ihrem Horoskop steht Pluto im Achten Haus. Menschen, die damit geboren werden, sterben meist schon bei ihrer Geburt«, erklärte sie vollkommen sachlich. »Oder mit siebeneinhalb, mit fünfzehn, mit einundzwanzig oder mit dreißig. Am Anfang haben sie es nicht leicht. Doch wenn sie es erst mal geschafft haben, vierundvierzig zu werden, kriegen sie ein fantastisches Leben. Dann kommt es richtig in Gang, dann entwickelt man echte Stärke, und mit einem Mal profitiert man von den Vorteilen dieser Kraft. Sie sind gerade vierundvierzig geworden, nicht wahr?«

»Vor zwei Tagen«, antwortete ich leicht benommen, da ich auf einmal an die heikelsten Momente in meinem Leben denken musste: als ich mit sieben fast in einem Pool ertrunken wäre, als ich mit fünfzehn vom Internat flog, als ich mit einundzwanzig mit Panikattacken und Drogensucht kämpfte und mit dreißig ohne jede Vorwarnung an einer verheerenden postnatalen Depression litt. Kristallkugel hin oder her: Diese ›Wahrsagerin‹ hatte plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit.

»Großartig«, rief Stephanie aus. »Dann kommt jetzt Ihre Superpowerzeit. Und ganz viel Spaß! Im Wesentlichen heißt das, die harte Zeit ist vorbei und Sie müssen sich nicht mehr darum kümmern, was andere von Ihnen denken. Wir bezeichnen Menschen mit einem solchen Horoskop als Aliens, weil sie ganz anders sind als andere. Da Sie Waage sind, müssen Sie sich immer mit anderen vergleichen, aber das ist jetzt vorbei. Sie werden ganz anders sein als die meisten Menschen. So ist es einfach.«

Während Stephanie die weiteren Einzelheiten meines Horoskops erklärte, ertappte ich mich dabei, dass ich ihr wie gebannt zuhörte. »Bei Ihrer Geburt standen Pluto und Venus in einem Winkel von sechs Grad zueinander«, sagte sie. »Venus regelt Verbundenheit und Pluto Loslösung. Damit herrscht bei Ihnen eine interessante Dynamik, denn Sie sind sehr leidenschaftlich und engagiert, können aber, wenn sich etwas für Sie nicht richtig anfühlt, von einer Minute auf die andere Schluss machen. Ergibt das Sinn für Sie? Können Sie sich damit identifizieren?«

»Ja«, antwortete ich. Denn so war ich, genauso konnte man all meine Beziehungen beschreiben. Von einer Freundin, die geschockt war, weil ich beim ersten Anzeichen von Problemen sofort die Flucht ergriff und nie lange genug aushielt, um vernünftig mit meinen Gefühlen umzugehen, hatte ich sogar den Spitznamen »Schluss und weg« bekommen. Diese Eigenschaft sorgte auch in der Beziehung zu meiner zwanghaft verantwortungsvollen Schwester Tara für Spannungen, da sie befürchtete, ich würde mich sofort aus dem Staub machen, wenn die Krankheit unseres Vaters sich verschlimmerte.

Während Stephanie mit ihrer Deutung fortfuhr, faszinierte mich immer mehr, wie sie fast wissenschaftlich die Position der Planeten und ihre Auswirkungen auf mein Leben beschrieb. Sie nannte Einzelheiten aus meinem Leben, die sie eigentlich nicht wissen konnte.

Manche waren simpel wie »Sie ziehen sich zu jugendlich für Ihr Alter an« – Hallo? Ich bin Single in L.A.! Manche waren ernster: »Ihrem Vater bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Krankheit war lang und schwer, aber sobald er auf die andere Seite kommt, wird er sofort Erleichterung verspüren und immer an Ihrer Seite bleiben. Er ist wirklich ein sehr hilfreicher und witziger Geist.«

Stephanie sprach auch über meine frühere Karriere als Journalistin – die ich schon lange zuvor aufgegeben hatte – und sagte voraus, dass ich noch innerhalb dieses Jahres wieder schreiben würde. »Sie haben Merkur, den Planeten der Autoren, in Ihrem Neunten Haus, das auch das Haus des Verlagswesens ist. Der Immobilienhandel wird Ihnen bleiben, Sie sind gut darin, aber das befriedigt nicht Ihre Seele. Sie sollten anfangen, sich wieder als Autorin zu sehen. Ihr Glückspunkt ist es, eine Geschichte zu erzählen.«

»Glückspunkt? Was ist das?«, fragte ich.

»Der höchste Ausdruck Ihrer selbst, wo Sie die größte Unterstützung vom Universum und Ihrem höheren Selbst bekommen. Man erlangt es nicht so leicht, wie man sich das bei so etwas wie Schicksal normalerweise vorstellt. Sie können es sich eher wie eine wertvolle Reise vorstellen, die die fantastischsten Ergebnisse mit sich bringt, wenn man sich auf sie einlässt«, erklärte Stephanie.

Ich musste ganz ehrlich zugeben, dass ich nicht mal wusste, wann ich das letzte Mal über so etwas wie Schicksal nachgedacht hatte. Das Konzept kam mir altmodisch vor, wie etwas, was schon seit Langem überholt war. Aber vielleicht stimmte das gar nicht?

»Nun, mit vierundvierzig, verstehen Sie langsam, was ein Lebenspartner wirklich bedeutet«, fuhr Stephanie fort. »Dass man mit ihm eine Beziehung eingeht, die ganzheitlich und vollkommen ist. Nicht, dass Sie einen Partner brauchen, sondern dass Sie bereit sind, Ihr Leben zu teilen. Gemeinsam Spaß zu haben. Sie haben ein einzigartiges Horoskop, das wirklich großartig ist. Dies wird ein bedeutendes und wunderbares Jahr für Sie. Ich sehe ein Abenteuer am Horizont.«

Volle sechzig Minuten hörte ich schweigend zu, wie Stephanie mir Einsichten in meine Kindheit, meine Familie, meine Karriere und meinen gesamten Lebensweg eröffnete. Nicht alles ergab für mich Sinn – »Es klingt vielleicht übertrieben, aber Menschen mit Ihrem Horoskop sind äußerst selten. Herrgott, Sie sind ein dreifacher Alien!« –, aber das meiste, was sie sagte, konnte einfach kein Zufall sein. Es haute mich völlig um.

»Möchten Sie noch etwas Spezifisches wissen, bevor wir die Sitzung beenden?«, fragte sie schließlich.

»Ehrlich gesagt, ja«, gestand ich verlegen. »Es gibt einen Mann in meinem Leben, über den ich einfach nicht hinwegkomme. Könnten Sie sich das mal ansehen?«

»Na klar«, nickte Stephanie. »Wissen Sie zufällig Ort und Datum seiner Geburt?«

»Ja, äh, warten Sie mal …« Ich dachte angestrengt nach. An Daten hatte ich mich noch nie gut erinnern können. Als meine Kinder noch klein waren, hatte ich sie wiederholt am falschen Tag zu Geburtstagspartys gebracht. Eines denkwürdigen Tages hatte man mich sogar für eine Stalkerin gehalten, weil ich vor dem Haus von Paul Stanley, dem Gitarristen von Kiss, auftauchte, obwohl sein Sohn erst zwei Wochen später Geburtstag hatte.

»4. November 1968«, sagte ich hastig, in der Angst, wir hätten nicht mehr genug Zeit, »Paris, Frankreich.«

»Wie lautet sein Vorname?«

»Philippe.«

»Philippe, gut. Da ich davon ausgehe, dass Sie die genaue Uhrzeit nicht wissen, gehe ich jetzt mal von zwölf Uhr mittags aus.« Eine Weile kam nichts mehr von ihr. Ich hörte sie tippen und leise vor sich hin murmeln. Ich wartete mit angehaltenem Atem.

»Ich weiß nicht, ob dieser Mensch mit Ihnen gemeinsam wachsen will«, sagte sie schließlich widerstrebend und nannte mir ein paar Punkte, wo unsere Geburtshoroskope und die Planeten nicht zueinander passten. Schließlich befand sie: »Der ist nichts für Sie.«

Es ist schwer, die Flutwelle zu beschreiben, die mich in diesem Augenblick durchströmte. Es war keine Erleichterung, dazu war zu viel Liebe, Traurigkeit und Verlust darin. Doch auf einmal konnte ich loslassen. Philippe war nicht mein Schicksal. Unsere Liebesgeschichte stand nicht in den Sternen. Es war Zeit, sie hinter mir zu lassen.

Und genau das versuchte ich auch. Meine vier besten Freundinnen – Nicole, Katie, KC und Heather – überraschten mich zusammen mit meiner Schwester Tara mit einer verspäteten Geburtstagsfeier und überschütteten mich mit Geschenken für mein vor mir liegendes Superpowerjahr: Rosenquarz, um die Liebe anzuziehen, fliegende Wunschzettel, um den Einen zu manifestieren, Intimspray mit Ananasduft, um für bessere Zeiten gerüstet zu sein (googeln Sie das mal, und wenn Sie heute sonst nichts tun!), knallroten Lippenstift von Chanel und schwarze Spitzendessous. Ich sagte Philippe im Stillen noch mal Lebewohl und wünschte mir, als ich die Kerzen meines Kuchens ausblies, die wahre Liebe zu finden.

Da sich der Gesundheitszustand meines Vaters verschlechterte, wusste ich, die nächsten Monate würden zu den schwersten meines Lebens zählen. Doch nachdem ich jetzt aus dem eisernen Griff unerwiderter Liebe befreit war, kam eine solche Hoffnung und Zuversicht in mir auf, wie ich sie seit Jahren nicht verspürt hatte. Ich erzählte in der ganzen Stadt von meiner allwissenden Astrologin, und mein Gang hatte neuen Schwung.

Bis mir Facebook eines Morgens einen Geburtstag anzeigte.

Philippe hat heute Geburtstag, funkte mir mein Handy vom Nachttisch zu. Ich setzte mich auf und bewunderte eine Weile, wie die goldene Herbstsonne mein Zimmer erfüllte. Zum ersten Mal seit Jahren löste Philippes Name nicht den Adrenalinschock aus, an den ich mich schon gewöhnt hatte. Ich tippte auf sein Profil, sah ein Foto von ihm, auf dem er mit einer hübschen Brünetten Margaritas trank, und fühlte nichts. Es war offiziell. Ich war über ihn hinweg.

Daraufhin schaltete ich den Fernseher ein und setzte den Wasserkessel auf. Herrlich, dachte ich, ich bin endlich frei. Ich schnappte mir die Cafetière und löffelte Kaffeepulver hinein. Savannah Guthrie lächelte mir strahlend vom Bildschirm zu. »Hier ist TODAY, live aus Studio 1 A vom Rockefeller Plaza.«

Da sah ich es. In leuchtendem Orange blinkte mir FREITAG, 2. NOVEMBER entgegen.

Philippes Geburtstag. War nicht am 4., sondern am 2. November.

2. NOVEMBER, VERDAMMT!

Ich stürzte zum Computer und schrieb, während der Kessel im Hintergrund pfiff, eine E-Mail.

Hallo Stephanie,ich habe gerade erst erfahren, dass der Mann, nach dem ich Sie fragte (mein Ex-Freund Philippe) am 2. November in Paris geboren wurde (nicht am 4.)! Ändert das was an dem, was Sie mir über ihn gesagt haben? Ich habe doch nicht einen großen Fehler gemacht, oder?Natasha

Sofort mailte mir Stephanies Assistentin zurück (Astrologinnen haben Assistentinnen???):

Hallo Natasha,leider ist Stephanie die nächsten sechs Monate ausgebucht, aber wenn Sie eine bestimmte Frage haben, könnte ich Ihnen in etwa drei Wochen die Antwort telefonisch durchgeben. Sie berechnet sieben Dollar die Minute.Sheri

Sieben Dollar die Minute? Das ist mehr, als mein Scheidungsanwalt verlangt hat!, dachte ich und erkannte, wie absurd das alles war. Und doch:

Super, danke, Sheri. Fünf Minuten wären großartig.

Als ich drei Wochen später einen Anruf von Stephanies Assistentin bekam, steckte ich gerade im Berufsverkehr auf dem Freeway 405. Wegen des Woolsey-Feuers war Malibu evakuiert worden, und ich wollte mit einer Freundin im Shutters, einem Hotel am Strand von Santa Monica, was trinken. Denn wo könnte man wohl besser die wahre Liebe finden als in einem Fünf-Sterne-Hotel mit heißen, aus Malibu vertriebenen Wochenend-Dads, so mein Gedanke.

»Hi, Natasha, hier ist Sheri, Stephanie Jourdans Assistentin. Hätten Sie fünf Minuten Zeit?«

»Aber ja«, sagte ich mit Blick auf die endlose Schlange vorwärtskriechender Wagen vor mir. Ich konnte Rauch in der Luft riechen.

»Okay, gut. Die Zeit beginnt … jetzt«, setzte sie an. Sie holte tief Luft und sichtete raschelnd Papiere. »2. November 1968 in Paris … Sind Sie bereit? … Er ist der perfekte Mann für Sie!«, verkündete sie mit einer grässlich schrillen Stimme die frohe himmlische Botschaft.

»Tut mir leid, was?«

»Die Uhrzeit könnte noch etwas beeinflussen«, fuhr sie fort, »aber Mars steht im Siebten Haus, also für Ehemann. Venus im Sechzig-Grad-Winkel zur Sonne: Das bedeutet eine langjährige Beziehung oder Ehe. Am wichtigsten aber ist, dass er mit Ihrem Glückspunkt übereinstimmt. Das ist soo aufregend! ER IST DER PERFEKTE MANN FÜR SIE!«

Während Sheri brabbelnd weitere Details lieferte, starrte ich sprachlos auf den Stau vor mir.

Überraschenderweise gab es im Shutters keine heißen Malibu-Dads, genauso wenig wie im Casa del Mar. Doch das hielt mich nicht davon ab, sofort die Bar anzusteuern und den stärksten Drink zu bestellen, den ich verkraften konnte.

»Einen Tequila. Mit viel Limette«, sagte ich zum Barkeeper und schrieb Nicole eine SMS.

Stephanie sagt, Philippe ist PERFEKT für mich. Sie sagt, er ist DER EINE!

Ich kippte den Tequila und saugte an der Limette. Dann schrieb ich:

DAS KANN NICHT WAHR SEIN!!!

Sofort kam eine SMS von Nicole:

Mir hat mal eine Astrologin gesagt: Nur ein Narr folgt den Sternen. Ein weiser Mensch achtet auf sie.

Ich: Was soll das bitte heißen?

Nicole: Diese Deutungen sind Richtlinien, keine Anweisungen, und sollen im Hinterkopf behalten werden. Erst wenn du in deiner Mitte angekommen bist, findest du deinen Leitstern.

Ich: Tja, laut DEINER ASTROLOGIN vögelt mein Leitstern gerade eine hübsche Brünette von Facebook.

Es wurde eine lange Nacht. Vier Tequila, drei Gläser Chardonnay und eine sehr verschwommene Uber-Fahrt später landete ich wieder in meinem kleinen, gelben Haus und litt an gebrochenem Herzen wegen eines Mannes, den ich nicht haben konnte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, erwarteten mich dröhnende Kopfschmerzen und ein verpasster Anruf von meiner Schwester.

»Hey, Schwesterherz. Gestern Nacht ging es Dad plötzlich viel schlechter«, hörte ich Taras Stimme. »Er möchte heute ein Familientreffen, um die Optionen für sein Lebensende zu besprechen. Offenbar will er etwas, das sich assistierter Suizid nennt. Und er hat die fixe Idee, den perfekten Song zu hören, wenn er seinen Stecker zieht. Also … ich brauche Hilfe. Ruf mich an, sobald du wach bist.«

Ich stieg unter die Dusche, ließ mir das warme Wasser übers Gesicht strömen und versuchte nach Kräften, den Kater zu vertreiben und die Nachricht meiner Schwester zu verdauen.

Lebensende.

Assistierter Suizid.

Bis zu diesem Augenblick hatte ich es ziemlich gut geschafft, Ruhe zu bewahren, während mein Vater mit Lungenfibrose kämpfte, einer Krankheit, bei der das Lungengewebe langsam verhärtet, sodass das Atmen immer schwieriger wird, bis man es eines Tages nicht mehr kann. Obwohl mir Dutzende niederschmetternde Röntgenbilder gezeigt worden waren, ich unzählige Schläuche von Sauerstoffgeräten entwirrt und praktisch jede Hospizschwester in Santa Barbara befragt hatte, leugnete ich innerlich immer noch, dass mein Vater im Sterben lag. Menschen wie mein Vater wurden einfach nicht krank, und vor allem starben sie nicht.

Mein Vater war in Detroit geboren, hatte das MIT, das Massachusetts Institute of Technology, besucht (womit er der erste College-Absolvent in seiner Familie war) und stand für Werte und Initiativkraft, Wissenschaft und Logik. Er besaß einen unermüdlichen Intellekt und konnte fast jedes Problem lösen. Von der schriftlichen Division in der fünften Klasse über das Rückwärtseinparken bis zum Kitten der Scherben nach meiner Scheidung − mein Vater hatte mir immer geholfen. Er war mein Leitstern und führte mich selbstlos seit dem Tag meiner Geburt, immer bereit, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich brauchte ihn noch. Es wäre großartig gewesen, wenn ich mit vierzig aufgewacht wäre und alles wäre in bester Ordnung gewesen, weit und breit keine Krise in Sicht. Aber das war mir nicht vergönnt. Eigentlich niemandem, den ich kannte.

Ich wollte mich an den Glauben klammern, dass Lungenfibrose nur ein weiteres der scheinbar unlösbaren Probleme war, die mein Vater in seinem Leben gelöst hatte. Ich wollte das Unmögliche: dass mein Vater für immer bei mir blieb.

Aber es gab kein Für Immer. Das war’s.

Lebensende.

Assistierter Suizid.

Ich ließ mich auf den Boden der Dusche gleiten und schnappte nach Luft, weil ich mich nicht mehr der nackten Tatsache entziehen konnte, dass meine Welt zusammenbrach. Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen und umschlang meine Knie, während das Wasser mir auf die Haut trommelte und Tränen über meine Wangen liefen. Ich weinte über meine Verluste: nicht nur, weil ich meinen Vater, meinen Fels in der Brandung, verlieren würde, sondern auch, weil ich Philippe verloren hatte, der offenbar meine einzige Chance auf wahre Liebe war, aber keine gemeinsame Zukunft mit mir aufbauen wollte. Wie sich herausstellte, war es mein Schicksal, mein Leben allein zu verbringen. Ich weinte und weinte und weinte. Irgendwann wurde das Wasser kalt, und ich fühlte mich innerlich wie ausgehöhlt. Ich weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte. Und dann lag ich still da, mit der Wange auf den Fliesen, und sah zu, wie das Wasser in den Abfluss rann.

Als ich mich schließlich hochhievte, die Dusche verließ und mich prüfend im Spiegel betrachtete, starrte mir eine Fremde entgegen: rote, geschwollene Augen ohne einen Funken von Leben, ein abgezehrtes, ausgelaugtes Gesicht. Ich war verschwunden.

Da fiel mir etwas ins Auge. Es war ein Kinderfoto von mir, das zwischen unzähligen Anti-Aging-Cremes und Tonics steckte. Ich griff danach und betrachtete es. Sechs Jahre. Blümchenkleid. Blonde Zöpfchen. Strahlend blaue Augen. Die kleine Natasha, voller Hoffnung. Mit sechs glaubte ich noch an Liebe, Magie und die unendlichen Möglichkeiten des Universums. In diesem Alter hatte ich ein offenes Herz und eine unerschöpfliche Fantasie.

Ich drehte das Foto um. Dort stand in der Schrift meines Vaters, verblichen, aber noch lesbar:

Alles kann passieren, Kind, ALLES kann sein.Shel Silverstein

Da traf es mich wie ein Blitz. Sofort simste ich Nicole.

Ich hatte gerade eine unglaubliche Erkenntnis! Ich muss so viele Männer wie möglich finden, die am 2. November 1968 in Paris geboren sind! Schließlich ist Philippe nicht der einzige, oder?

Sofort schrieb Nicole zurück:

Hahahaha Hahahaha! Perfekt! Geben wir eine Anzeige auf!

Ich: OMG, SUPER IDEE! YES!!!!

Nicole: Und dann kannst du darüber schreiben. Genau wie Stephanie gesagt hat!

Ich: Na, klar. Titel: MEIN ERBÄRMLICHES LEBEN!

Nicole: Nein. DIE UNGLAUBLICHE, ABER WAHRE GESCHICHTE, WIE NATASHA IHREN SEELENVERWANDTEN FAND.

Ich: Seelenverwandter. Gefällt mir.

Nicole: Natürlich müssen wir nach Paris.

Ich: YES!!

Nicole: Tash, ich liebe dich!

Zweites Haus

Paris ist immer eine gute Idee

Das Zweite Haus steht für das, was einem wichtig und von Wert ist. Es ist von Natur aus passiv. Das Erste Haus setzt etwas in Gang, das Zweite Haus empfängt das Ergebnis. Es ähnelt einem Baum, der weiß, dass er nur wachsen und ganz er selbst sein muss. Dieses Haus steht für die Erkenntnis, dass alle erforderlichen Ressourcen sich zeigen werden, wenn sie vonnöten sind.

In meinem Zweiten Haus steht der Widder. Der Widder weiß, was er will, strebt danach und verlangt seine Belohnung für eine gut gelöste Aufgabe – eine ganz andere Energie also, als einfach zu empfangen, was man verdient, nur weil man da ist.

Der Widder beherrscht auch die Menschen, und das Zweite Haus steht für empfangene Liebe. Irgendwie muss meine Seele also diese beiden Prinzipien so zusammenpacken, dass es für einen Baum Sinn ergibt.

Als ich mein Elternhaus in Summerland erreichte, einem Küstenstädtchen 90 Meilen südlich von Los Angeles, stand Taras Wagen bereits in der Auffahrt. Ich hatte Dash und Margot an diesem Nachmittag bei ihrem Vater gelassen. Solche Familienentscheidungen waren zu beunruhigend und nur etwas für Erwachsene. Noch vor ein paar Wochen hatte Dash seinen Großvater besucht und hatte mit ihm, auf dem Sofa aneinander gekuschelt, einen Schwarz-Weiß-Film über den Zweiten Weltkrieg angeschaut. Bei der Erinnerung musste ich lächeln. In letzter Zeit sahen wir uns nur noch über Facetime, wenn Bob zu schwach für Besuche war; dazu stellten wir unser Handy auf die Küchentheke, während Dash sein berühmtes Steak briet und Margot ihm Neuigkeiten aus der Schule erzählte. Bob liebte diese ›Familienessen‹ und verlangte immer seine Lieblingsspeise – Chicken Wings – fürs nächste Mal. Nicht, dass er die überhaupt noch essen konnte. Oder sonst etwas.

Ich schnappte mir die kleine, weiße Orchidee, die ich unterwegs auf einem der Höfe gekauft hatte, holte tief Luft und ging ins Haus. Meine Schwester saß mit einem gelben Block am Fußende des gemieteten Klinikbettes.

»Hey, Tasha, schön, dass du da bist!«, begrüßte mich Tara. »Ich helfe Dad gerade, eine Liste mit Vor- und Nachteilen zum Thema ›Sterben in Würde‹ zusammenzustellen. Übrigens ist das der richtige Ausdruck dafür, Dad, ich hab’s heute Morgen gegoogelt.« Sie warf mir einen Blick zu und zog die Augenbraue hoch, unser Geheimzeichen für Willkommen in der Welt des Wahnsinns, das wir in den letzten Jahren perfektioniert hatten. »Du weißt doch, wie gern Dad Listen anlegt.«

Das stimmt. Mein Elternhaus ist tapeziert mit neonfarbenen Post-its und unzähligen To-do-Listen. Ein Klebezettel an der lebenswichtigen Sauerstoffflasche meines Vaters war an meine Mutter gerichtet und warnte in Großbuchstaben: NICHT ZUDREHEN. HÄLT BOB AM LEBEN!

Mein zweiundachtzigjähriger Vater strahlte mich vom Bett aus an und wackelte vor Freude mit den Zehen.

»So eine Liste habe ich auch für Colin angelegt, als er sich nicht entscheiden konnte, was für eine Piñata er zum achten Geburtstag haben wollte«, verkündete Tara zuversichtlich, »so was ist ziemlich hilfreich.«

Also gut, wie es aussieht, hat der Zug sich in Bewegung gesetzt, daher springe ich besser auf, dachte ich, trat über ein paar Schläuche und Kabel und lehnte mich über das Bettgitter, um meinem Vater einen Kuss auf den Kopf zu drücken.

»Hi, Dad. Wie fühlst du dich?«

Darauf reckte Dad einen Daumen in die Höhe. »Cool«, sagte er über das laute Summen des Sauerstoffgeräts hinweg. Allerdings sah mein Dad ganz und gar nicht cool aus. Sein Körper war schmal und gebrechlich, und seine einst rosigen Wangen hatten einen fahlen Grauton angenommen. Seine Nase war von den Sauerstoffröhrchen rot und wund. Er brauchte dringend einen Friseur und eine Rasur. Sein breiter, goldener Ring vom MIT und der glänzende Ehering hingen lose an seinen knochigen Fingern. »Aber ich hätte auch lieber eine Piñata«, bemerkte er lächelnd.

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