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Diese Geschichte ist eine wahre, tragische, aber auch erstaunliche Krankengeschichte, die Mut machen soll. Sie wurde von mir deshalb aufgeschrieben, weil so viele unvorhersehbare Komplikationen eintraten und ich Menschen kennenlernte, denen es gesundheitlich auch nicht gut ging, sich aber als die wertvollsten Begleiter in der Not erwiesen.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sid Hardt
Der Befund
Wer fragen kann, ist klar im Vorteil
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Dumm gelaufen - Bequeme Wege sind nicht immer die Besten!
Geht’s noch?
Liegen Sie richtig?
So läuft das
Kaum zu glauben
Impressum neobooks
Diese Geschichte ist eine wahre, tragische, aber auch erstaunliche Krankengeschichte. Sie wurde von mir deshalb aufgeschrieben, weil so viele unvorhersehbare Komplikationen eintraten und ich Menschen kennenlernte, denen es gesundheitlich auch nicht gut ging. Sie erwiesen sich als die wertvollsten Menschen in der Not, waren einfühlsam, hilfsbereit und für eine Freundschaft geradezu prädestiniert.
Als ich zur OP bereit war, ging ich mit der festen Absicht, nichts aufzeichnen zu wollen, weil ich Vertrauen und danach schnell alles vergessen wollte. Meine Geschichte war also nicht vorsätzlich geplant. Als ich dann, im Sommer 2012, diesen abschließenden Befund bekam, sah ich keine andere Möglichkeit, als mir den Druck von der Seele zu schreiben. Ob jemand, der dieses Buch liest, am Ende versteht, warum ich trotz allem mein Leben plötzlich lebenswert und viel zu kurz empfinde, kann ich nicht beurteilen. Es liest sich, so meine Hoffnung, über weite Strecken unterhaltsam und nicht wie das Aufstöhnen einer alten, leidenden Frau. In diesem Buch könnte der Interessierte Rat finden, für ähnliche Situationen, so dass er es besser machen könnte, als ich. Und es ist ein Appell an die Politik, das Gesundheitswesen zu überdenken. Es kann wohl kaum richtig sein, operierte Menschen so schnell wie möglich in die Rehakliniken zu verfrachten, wo das Personal mit intensiver Pflege vollkommen überfordert ist. Es muss auch Einhalt geboten werden, alte Menschen automatisch als Simulanten abzustempeln. Die Achtung vor dem Alter, der notwendige Respekt ist für 50 % des Personals zur Fremdsprache geworden, was für ernsthaft Kranke zum absoluten Drama hochstilisiert wird. In der Situation sind sie nicht in der Lage, sich zur Wehr zu setzen.
Ich möchte Mut machen, allen die Unrecht sehen, bringen Sie Ihre Stimme ein, helfen Sie Menschen, die leiden und die Niemanden vor Ort haben, der sich schützend vor sie stellt. Ist es nicht alarmierend, dass sehr, sehr viele Langzeitpatienten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen? Männer verbergen das gerne, aber auch sie tun es, um ihr Innerstes am Leben zu erhalten. Wäre die Pflege, die eigentliche Behandlung nach der Operation, verbindlicher, umfassender und einfühlsamer, könnte man auf diesen immer noch verpönten Vermerk in der Krankenakte verzichten. Ich wünsche mir, dass dieses Buch ein Schritt in die richtige Richtung sein kann.
„Ach Blödsinn!“
Dachte ich,
„Warum soll ich diese umständlichen Vorbereitungen auf mich nehmen? Rollator platzieren für den Wischeimer und den Rollstuhl so positionieren, dass ich den Bodenwischer im Sitzen in jede Ecke manövrieren kann. Unnötiger Aufwand!“
Es war Ende Februar, ich wollte meine Wohnung zum dritten Mal, nach meiner Wirbelsäulenversteifung und zwei Operationen, wischen. Die beiden vorigen Male waren mit Hilfe der genannten Gerätschaften gar nicht schwierig gewesen. Mental hatte ich lange genug Zeit gehabt, mich auf diese Situation vorzubereiten.
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So begann es:
Anfang November des vorigen Jahres hatte ich es geschafft, in die Spezialklinik für Orthopädie zu gehen, nach furchtbaren Jahren, in denen meine Bewegungsfähigkeit immer mehr geschwunden war. Drei Jahre wusste ich definitiv, dass ich eine instabile Lendenwirbelsäule und eine Stenose hatte. Mein damaliger Hausarzt weigerte sich penetrant, die Stenose gelten zu lassen, „Nein, es ist keine!“ Wie ein störrisches Kind. Er schien meine Wirbelsäule gar nicht ernst zu nehmen. Ich schloss das aus seinem Verhalten, denn er verschrieb mir zwei Medikamente, die mich nur meinen Schmerzen überließen. Er gab mir das Gefühl, ich sei zu schwach, würde mit etwas mehr Willensstärke nicht so sehr leiden. Ich musste damit arbeiten und wusste nicht, wie ich es neununddreißig Stunden die Woche ertragen könnte. Um allem gerecht zu werden, kaufte ich mir frei erhältliche Schmerztabletten.
Dieser Zustand zog sich Jahre dahin und weil ich fünfzig Tabletten die Woche schluckte, wurde mein Leben teuer und ein Privatleben fand gar nicht mehr statt. Schlafen, Arbeiten, Arbeit, Schlafen! So sah mein Leben aus. Verschiedene Apotheker warnten mich vor regelmäßiger und hoch dosierter Einnahme. Ich wechselte zwischen allen Apotheken am Ort, wie eine Süchtige und brachte mir auch aus anderen Städten meinen Bedarf mit, weil ich mich für meine Unzulänglichkeit schämte. Ich wollte nicht als Abhängige ins Gerede kommen. Es war ein Teufelskreis, dem ich nicht mehr entkam. Mein Arzt half mir nicht, mein Leben lebenswert zu gestalten und ich selber hatte nicht die Mittel und außerdem die Kontrolle verloren. Wenn die Tabletten zur Nacht zu wenig Wirkung zeigten, goss ich zwei Whisky hinterher, obwohl es mich ekelte. Es verhalf mir schlafen zu können, aber vorsichtshalber erhöhte ich diese Dosis nie.
Ich überlegte, ob ich mich meinem Arzt anvertrauen und Hilfe erwarten könnte. Was hätte er mit mir gemacht? Hätte er mich zur Entgiftung geschickt? Vielleicht gleich in die Geschlossene auf Entzug? Er zeigte so ein ekliges Grinsen, als er mir ins Gesicht schmetterte:
„Ihr Rücken ist nun endgültig und chronisch, da kann man nichts mehr machen!“
Gegen meinen Willen hatte ich heulen müssen, bitterlich, weil das Wort endgültig mir ins Gesicht schlug, wie ein Kinnhaken. Ich glaubte ihm, sah, dass ich vor meinem Ende, den Scherben meines Lebens stand. Egal was ich täte, ich käme nicht weiter, wie ein Hamster im Laufrad. Es machte mich ganz irre, so etwas denken zu müssen.
„So geht es aber nicht weiter!“
schrie ich ihn verzweifelt an,
„ich kann nicht mehr! –--------- Dann will ich jetzt die OP, zu der mir der Orthopäde in Hannover geraten hat.“
Er wirkte schockiert, aber warum er so merkwürdig reagierte, konnte ich nicht nachvollziehen, denn er hatte mir doch von dieser Möglichkeit erzählt. Zehn Jahre vorher war das gar nicht machbar gewesen und das war mein letzter Wissensstand. Wir hatten einige Male über diese Möglichkeit gesprochen.
„Sind Sie plötzlich nicht mehr dafür?......“
Ich las in seinem Gesicht wie in einem offenen Buch.
„Ich muss das wissen!“
Mühsam rappelte er sich auf, es schien, als hätte er begriffen, dass mit mir kein Spaß mehr zu haben war. Keine Halbheiten mehr, ich wollte jetzt Taten sehen.
„Achtzig Prozent der operierten Fälle haben auch hinterher Schmerzen. Ich würde mir das noch einmal gründlich überlegen! Ist ja kein kleiner Eingriff!“
Er hatte das wohlüberlegt gesagt, immerhin ein Kommentar. Das hieß für mich, er befürwortet meinen Schritt nicht, war sogar dagegen. Im Prinzip war es erst einmal nicht so falsch von ihm, seine Bedenken zu äußern. Das verstand ich. Er sollte auch nicht alles rosarot beschreiben. Risiken gab es immer und bei allem. Was sollte ich tun? Ich fühlte mich schlicht allein gelassen mit meinem Problem.
Es hatte mich vor kurzem indirekt meinen Arbeitsplatz gekostet. Mein Arzt hatte mich, der Schmerzen wegen, dauerkrank geschrieben. Er hatte einen präzisen Lebensplan für mich entworfen, der achtzehn Monate Krankschreibung und ein Jahr Arbeitslosigkeit vorsah. Danach hätte ich meinen dreiundsechzigsten Geburtstag und eine volle Rente in Aussicht. Für mich, mit meinen kaputten Körper, schien das die einzige Lösung zu sein. Für meine Firma war das offensichtlich untragbar. Auch wenn ich Sie eingeweiht hätte, was mit mir passierte, sie hätten nicht stillhalten wollen und vielleicht auch nicht können. Nur schade, dass ich nach zwanzig Arbeitsjahren kein Vertrauen haben konnte, das tat weh. So kurz vor der Rente suchte niemand mehr nach einer Zwischenlösung für mich. Die Arbeit war da und musste getan werden. Was waren da zwanzig Jahre voller Einsatz? Ein ganz gewöhnliches Frauenschicksal.
Ich hatte erlebt, wie die Arbeit von kranken Kollegen auf uns andere verteilt wurde, auch über Monate. Es war nicht einfach gewesen, aber doch machbar. Ich musste in solchen Situationen immer einspringen. Dieser Kollege kannte nicht einmal Dankbarkeit oder Wiedergutmachungs-Gedanken. Niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, den Kranken abzuschreiben und nach Ersatz zu fragen. Ich hatte alles gegeben, wollte mich nicht an neue Kollegen gewöhnen müssen. Was man hat, gleichgültig wie gut oder schlecht, man weiß nicht, was man kriegt. In der Firma, mit dem Vorgesetzten war gar nichts einfach. Er hatte sich Frauen-quälen auf seine Fahne geschrieben. Mein schöner Traum vom Arbeitsleben wurde von ihm gewaltsam beendet. Manchmal glaubte ich, dass ich es nicht aushalten könnte, vielleicht wegen gequälter Psyche alles fallen lassen müsste. Wegen meiner körperlichen Behinderung, ausgerechnet, war mir vom Arbeitsamt Kündigungsschutz gewehrt worden. Wie das Leben so spielte.
Das gefiel ihm sicher nicht, er wollte nur mit Männern arbeiten, warum? Ich fühlte mich minimal sicher vor seinen obskuren Machenschaften und ging meinen Weg, ohne nach rechts oder links zu sehen. Zwanzig Jahre hatte ich geschuftet, als ginge es um meine eigene Firma. Dann wurde ich krank, schrammte immer am Rollstuhl oder noch Schlimmerem vorbei, und die Chefetage ließ mich fallen, wie eine heiße Kartoffel. Ich gehörte nicht mehr zu ihnen, störte in dem leistungs-geprägten Team. Weder meine Kollegen, noch meine Mandanten vermissten mich offensichtlich. Es kümmerte sich zumindest niemand um meinen Verbleib. Das stieß mir schon bitter auf. Dreißig Kollegen hatte ich und nur drei Kolleginnen pflegten mit mir Kontakt. Das traurige Ergebnis eines erfüllten Arbeitslebens. Eine Bilanz über meine betreuten Mandanten musste ich gar nicht erst erstellen, denn selbst die Landwirtin, die ich als Freundin gesehen hatte, meldete sich nicht mehr bei mir. Wahrscheinlich war ich ihr zu anstrengend. Jeder ist ersetzbar, hieß es immer, wenn ich etwas wollte.
Zu meinem Leid hatte mich noch der medizinische Dienst einbestellt. Ich hatte schon viel Schlechtes über deren miesen Methoden gehört. Sie schickten erbarmungslos jeden Krüppel wieder in die Arbeit. Die Untersuchende, erfolglose Chirurgin, die ich auf fünfzig schätzte, rechnete mir vor, wie mein Leben bis zur Rente zu verlaufen hatte. Dabei war ihr schon klar, dass ich die achtzehn Monate krank sein müsste, die unser System erlaubte. Sie bezog es ohne Abstriche in ihre Rechnung mit ein. Die Rente mit dreiundsechzig erklärte sie zum Ausgangspunkt, An dem Punkt waren mein Arzt und ich selber auch schon angekommen. Ich war 1949 geboren und zu 50 % schwerbehindert. Dafür gab es eine begünstigte, auslaufende Regelung. Ohne sie wäre mein Leben nicht mehr lebbar gewesen. In der Phantasie der Ärztin kam der Arbeitslosenstatus nicht vor. Sie erklärte, es fehle ein Jahr bis zu meinem Dreiundsechzigsten, also sei ich noch ein Jahr gesund genug zum Arbeiten.
Die Krankenkasse hielt sich begeistert daran fest und stellte ihre Krankengeldzahlung schlagartig ein, trotz Wiedereingliederungsversuch. Das folgende halbe Jahr in der Firma war die schlimmste Zeit meines Lebens. Schon am Morgen wusste ich, dass ich keine zwei Stunden aufrecht bleiben, geschweige denn Präzisionsarbeit leisten könnte. Immerhin musste ich auf eine Buchführung mit abschließender Bilanz, Steuererklärungen erstellen. Ich kämpfte im wahrsten Sinne des Wortes um mein Leben, jeden langen Tag und die Tage wurden immer länger.
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Mein Sohn holte mich nach Hannover, dort hatte ich in der Spezialklinik einen Untersuchungstermin. Eine Ärztin und ein Arzt versicherten mir, dass die Versteifung bei mir problemlos durchführbar sei. Dort operierten sie täglich Fälle wie mich, mit Erfolg. Vor zehn Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Ein wunderbarer Fortschritt und ich würde davon profitieren. Das machte mich unendlich glücklich. Im Vorweg der OP musste ich meine Entzündung am großen Zeh operieren lassen, denn nicht einmal ein Pickelchen durfte auf meiner Haut wachsen. Das hätte die schlimmsten Infektionen hervorrufen können.
Zuerst musste ich die Krankenkasse kündigen, der ich ein Arbeitsleben lang die Treue gehalten hatte. Sie verweigerte sich, meine vorhandene Rückenerkrankung, dank der Aussagen des MDK, anzuerkennen. Während eines schmerzhaften Bandscheibenvorfalls am Arbeitsplatz hatte ich ein Gespräch, mit einem Krankenkassen - Angestellten:
„Mir geht es schlecht, Bandscheibenvorfall, darf ich mich krank schreiben lassen?“ „Natürlich, warum fragen Sie überhaupt?“
„Es gibt Menschen bei Ihnen, die behaupten, ich sei gesund. Sehen Sie bitte in Ihrem PC nach!“
„Sie haben Recht, Sie bekämen kein Krankengeld von uns, tut mir leid!“
Diese Krankenkasse würde es fertig bringen, dass ich meine fällige OP selber finanzieren müsste. Meine Wahl fiel auf eine weniger bekannte, aber sehr eifrige und zufriedenstellende Betriebskrankenkasse. Dann endlich konnte unser ansässiger Chirurg mit der Zeh-Operation loslegen. Ein Teil meines Nagels, mit Wurzel, musste entfernt, quasi ausgegraben werden. Weil ich ein Feigling war, musste man mich in einen kurzen Vollrausch legen. Dann dauerte die Heilung endlos. Dauernd eiterte die Wunde wieder. Die Rückenoperation wurde schnell um einen Monat verschoben, nur zu meiner Sicherheit! Als kostspielige Nebenerscheinung der Wartezeit, schlich sich die Arbeitslosigkeit ein.
Genau einen Monat meines Lebens war ich arbeitslos gemeldet und bekam leider vom Arbeitsamt sechs Wochen Lohnfortzahlung. Wenn es wenigstens das Krankengeld gewesen wäre, schließlich war ich die ganze Zeit krank. Jeden weiteren Monat verlor ich locker dreihundert Euro, die mein Krankengeld höher gewesen wäre. Als Grundlage der Berechnung diente das Arbeitslosengeld. Da hatte ich sogar noch Glück. Was, wenn ich nur 68 % davon erhalten hätte? Das verlorene Geld tat wirklich weh, weil es so ungerecht war. Ich konnte an siebenhundert Euro Verlust monatlich, durch Krankheit, nicht einfach vorbei sehen, es tat richtig weh. Das wenige Geld, das mir zur Verfügung stand, wäre für mich ein triftiger Grund gewesen, mich selber zum Arbeiten zu zwingen, aber ich konnte wirklich nicht.
Dann endlich war es aber so weit, mein Sohn Den holte mich am Sonntag, früh genug ab, so dass er auf der Autobahn nicht rasen musste. Das war meiner Phobie geschuldet. Stressfrei kamen wir in Hannover an und überlegten, welchen „letzten“ Wunsch Den für mich realisieren könnte.
„Eis, ein großes Schokoladeneis könnte mir gefallen, das bekomme ich bestimmt lange nicht mehr.“
Er überlegte, es war schließlich November,
„Möchtest du unsere Katzenkinder kennenlernen? Eis haben wir in der Truhe, wenn dir das reicht.“
Natürlich wollte ich, gemütliches Eis schlecken, Gespräch mit meiner Schwiegertochter und junge Katzen, das klang sehr idyllisch. Den´s Frau war sehr liebenswürdig und die Katzenmädchen tobten um mich herum, so dass ich am liebsten geblieben wäre. Es war unmöglich, ich hatte einen wichtigen Termin.
Auf Station sechs war kein Betrieb, das stieß mir merkwürdig auf, weil ich das von Krankenhäusern anders in Erinnerung hatte. Meine Zeiten in diesen Häusern hatte ich, nach OP´s, überwiegend nicht im Bett verbracht. Den erkundigte sich bei einer Schwester hinter Glas, nach meinem Zimmer. Mit einem innerlichen Ruck betraten wir das Zimmer in der fremden Umgebung. Zwei Frauen meines Alters sahen uns gespannt entgegen. Noch wollte ich hier nicht Wurzeln schlagen, ich musste zuerst die Station mit ihren Möglichkeiten erkunden. Die Frauen verstanden das offenbar. Ich sollte hier zwei Wochen meines Lebens verbringen, eine lange Zeit. Vielleicht durfte ich in zwei Tagen auf die Toilette gehen und wusste dann nicht, wo ich sie finden konnte, denn im Krankenzimmer gab es keine.
Wir schlenderten den Flur auf - und abwärts, fanden die Toiletten für behinderte und normale Patienten. Die Duschen waren ebenso aufgeteilt. Alles was gehen konnte war normal und wer Hilfsmittel benötigte, war behindert, ganz einfach. Wir suchten nach einem Aufenthaltsraum und fanden ein eiskaltes Zimmer mit Tisch, Stühlen und Fernseher vor, der aber den Test nicht bestand, er flimmerte tot vor sich hin. Ein kleines Regal mit fünf nichtssagenden Büchern gab es auch. Das einzig Schöne an dem Zimmer war eindeutig der Zugang zum Balkon. Eine wunderschöne Aussicht auf einen namenlosen See, das war schon etwas. Aber wir hatten immer noch November und da gingen auch Gesunde nicht auf diesen Balkon. Gleichgültig, wie idyllisch es hier aussah, ich war nicht bereit, über Gebühr hinaus hier zu bleiben. Wie ich in diesem Raum Gesellschaft pflegen könnte, wusste ich noch nicht, aber ich war wild entschlossen, nach der OP wieder am Leben teilzunehmen.
Wir gingen Koffer auspacken, das Wesentliche tat mein Sohn. Er kümmerte sich liebevoll um alle meine Belange, sprach mir noch einmal Mut zu, zerstreute meine Ängste und versprach, sich um mich zu kümmern. Dann mussten wir uns trennen. Ich fühlte mich wie ein ausgesetztes Waisenkind, allein und wehrlos, musste mich wirklich durchringen, an meine Bettnachbarinnen das Wort zu richten. Sie hatten mir Zeit gegeben, bedrängten mich nicht. Das wusste ich zu schätzen. Die Jüngere von beiden ging umher. Das war mir die Frage wert, ob sie schon operiert sei.
„Ich gehe Morgen nach Hause“,
sagte sie glücklich. Auf meine Frage, welche Operation sie hinter sich hatte, antwortete sie: „Wirbelsäulenversteifung.“
„Das wird bei mir auch gemacht, wie viele Schrauben haben Sie?“
Sie hätte acht und die Dame in der Mitte hätte zehn antwortete sie aufgeschlossen. Sie selber hätte kein Problem, aber unsere gemeinsame Bettnachbarin konnte kaum gehen und wenn, dann nur mit Hilfsmitteln.
„Das tut mir Leid für Sie, ich werde auch zehn Schrauben bekommen. Ich beneide Sie, weil sie es schon hinter sich haben.“
Wieder stieg beklemmend Angst in mir auf.
„Es ist nicht so schlimm, wie man von außen meint. Die ersten fünf Tage sind hart, für mich waren sie es jedenfalls, aber dann wurde es jeden Tag ein bisschen besser. Auch die Schmerzen werden erträglicher.“
Wir tauschten noch einige Erfahrungswerte unseres langen Leidensweges aus und einigten uns dann auf ein Fernsehprogramm. In Wahrheit musste ich mich fügen, weil ich neu war und ausweichen in den kalten Aufenthaltsraum machte ja keinen Sinn. Eine Schwester kam und verabreichte mir Tabletten zum Schlafen und für den nächsten Morgen, im Volksmund: Scheißegal-Tabletten, genannt. Sicher nahm ich das Zeug ein, aber daran hatte ich später keine Erinnerung mehr.
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Ohne jedes Zeitgefühl oder andere Gefühle lag ich und fühlte mich unangenehm gestört. Jemand rüttelte an meiner Schulter und sagte sehr barsch:
„Wachen Sie auf, Sie dürfen nicht mehr schlafen!“
Meine Lider waren Tonnen schwer, weigerten sich vehement gegen jegliche Bewegung. Mit größter Anstrengung bekam ich ein Lid einen ganz kleinen Spalt auf. Nebel war um mich, rot-orange, irgendwie blutig, komisch, wo war ich nur gelandet?
„Ja,“
brachte ich mühsam heraus und strengte mich noch mehr an. Die Lider senkten sich völlig überanstrengt und ich tauchte wieder ab in Alpträume, an die mich später nur ein ganz übler Geschmack im Mund erinnerte. Irgendwo in meinem roten Nirgendwo hörte ich diese schreckliche Stimme wieder:
„Wachen Sie doch endlich auf, Ihr Sohn ist hier!“
Und wieder war da diese wahnsinnige Anstrengung mit den Augenlidern, aber für meinen Sohn wollte ich die Arbeit auf mich nehmen. Ganz kurz konnte ich ihn sehen. Ich fühlte seine Hände und vielleicht sprach er auch mit mir, aber ich schlief erschöpft wieder ein.
Als ich aufwachte, ohne roten Nebel, konnte ich mein Zimmer identifizieren, aber die Gesichter fehlten. Das Bett am Fenster sah unbenutzt aus und direkt neben mir strahlte mich ein liebes Gesicht an.
„Wie schön, dass Sie endlich wieder da sind,“
sagte sie mit warmer Stimme.
„Wie lange habe ich geschlafen?“
fragte ich interessiert, aber noch sehr matt.
„Zwei volle Tage,“
antwortete mir die Schwester, die eben zur Tür herein kam.
„Wir hatten schon Angst, dass sie nicht mehr aufwachen wollten.“
Ich verstand akustisch, begriff aber den Sinn der Worte nicht.
„Worum mag es hier gehen? Egal, was geht es mich an?“
Dachte ich mir und nahm die Dinge, wie sie kamen. Meine nette Nachbarin war am Knie operiert worden, ich beneidete sie darum nicht. Dauernd wurde sie von jemanden bedrängt, sie solle das schmerzende Knie bewegen. Sie tat mir leid. Die Tage danach erinnere ich so, dass die Schwestern sehr nett zu mir waren und meine Leidensgefährtin mir heimelige Wärme vermittelte. Jeden Abend schaute Den nach mir. Darauf wartete ich den ganzen Tag lang. An meinem ersten Wochenende in der Klinik, besuchte mich Sohn Nr. eins mit Frau und meinen Enkelinnen. Sie hatte in Hannover einkaufen wollen, bekam ich aus den Gesprächen mit. Trotzdem freute ich mich riesig, aber es strengte mich auch sehr an, denn ich wollte um Himmelswillen nicht leidend gesehen werden.
Die nächste Zeit war für mich nicht so langweilig, wie man meinen könnte. Meine liebe Mitpatientin bekam täglich kurze Besuche ihrer Freundin aus Hannover, praktisch. An den Wochenenden wurde die Bude richtig voll. Ihre Tochter kam mit Familie. Ihre nicht mehr so jungen Geschwister überwanden die weitesten Wege für sie. Ihre Patentochter kam und natürlich ihr Freund. Beide waren verwitwet und weil sie sich und ihre Partner gut gekannt hatten, entwickelte sich in der gemeinsamen Trauer ein neues gemeinsames Gefühl. Es war eine lange, zu Herzen gehende Geschichte und ich war mittendrin. Ihre vielen Besucher betrachtete ich auch ein wenig als meine. Sie fragten mich alle, was mit mir sei, wie es mir ginge und ich beantwortete gerne jede Frage. Das machte mein Leid ein klein wenig erträglicher und ich hatte ja sonst nichts zu tun.
Schon nach wenigen Tagen war eine Physiotherapeutin bei mir gewesen, um mit mir das Aufstehen zu üben. Zwei Frauen stützten mich vorsichtshalber. Noch ängstlich versuchte ich mir die Hilfe zu Nutze zu machen. Es ging. Meine Frau Heinze feuerte mich an und ich stand, wahrhaftig. Ein Wunder! Dann versagte plötzlich überraschend mein linkes Bein, es hielt mich einfach nicht. Ich sackte in mich zusammen, wie ein Mehlsack. Die zwei Frauen fingen mich ab, verhüteten das Schlimmste. Sie legten mich zurück ins Bett und fragten aufgeregt, was denn passiert sei.
„Mein Bein, es hört nicht auf mich, tut was es will!“
antwortete ich ihnen und dachte:
„Scheiße, verdammt! Jetzt war alles um sonst! Wie kann ich ohne mein linkes Bein gehen?“
Die Therapeutinnen trösteten mich, sie konnten sich das nicht erklären. Ein Arzt müsste Antworten finden. Ich hatte das so hinzunehmen, ich war ja nur die Patientin und medizinischer Laie.
Vor der OP trug ich die Sorge in mir, wie ich wohl liegen könnte. Das hätte ich mir sparen können, denn ich lag problemlos auf dem malträtierten Rücken. Wahrscheinlich der Drogen wegen, die ich dreimal täglich zur Einnahme bekam. Ein Arzt hatte gemeint, dass ein Nerv im Bein, nett gesagt, beleidigt sei. Das würde sich mit der Zeit normalisieren.
„Üben, üben, üben!“
verlangte er. Wir waren sehr folgsam, übten jeden Tag aufs Neue. Irgendwann, noch in der ersten Woche, konnte ich an einem hohen Gehwagen im Zimmer umher gehen. Mit einer Schwester ging ich sogar über den Flur, zur Toilette. Im Zimmer selber hatten wir immerhin eine Nasszelle. Als ich in der Lage war, diese zu benutzen, war das wirklich ein glücklicher Moment für mich. Bis zu dem Morgen, als mein linkes Bein einfach wieder stehen blieb, während ich ging. Die Folge war, mein Körper fiel hilflosen in sich zusammen und klatschte auf dem Boden auf. Zum Glück hatte ich Fallen gelernt, denn sonst wäre vielleicht die OP schon in dem Moment hinfällig gewesen. Ich fiel aber richtig, auf die Seite, Judo eben. Die Schwestern, wahrscheinlich von der besorgten Frau Heinze alarmiert, rannten und bemühten sich, mich in die Aufrechte und dann ins Bett zu bugsieren. Ich hatte mir kaum wehgetan, aber der Schreck saß mir in den Gliedern. Das machte mich nicht wirklich mutiger. Mehr als ich, hatte sich aber meine liebe Mitpatientin erschreckt.
Am nächsten Vormittag stand plötzlich mein OP-Arzt vor meinem Bett. Sehr ernst stellte er sich vor. Für mich war sein Name Schall und Rauch, hatte ich vorher nie gehört und hörte ihn merkwürdiger Weise hinterher auch nicht mehr. Seine Erscheinung erinnerte mich an die Zeit der Popper, gepflegtes, längeres Haar zum Kaschmirpullover. Übriggeblieben? Er schien mir vom Golfen zu kommen, oder auf dem Weg dorthin. Wie gut für mich, dass er bei mir einen Abstecher machte, um seine Pflicht zu erfüllen. Wir befanden uns gar nicht auf Augenhöhe. Aus seinem Mund kam, dass er mir meine OP, die er durchgeführt hätte, erklären wollte.
„Sie haben viel Blut verloren“,
begann er,
„wahrscheinlich waren Sie deshalb hinterher so müde. Wir haben zehn Schrauben gesetzt, ihre komplette Lendenwirbelsäule ist jetzt versteift. Schon dabei hatten wir nicht mit so viel Blut gerechnet.“
„Hatte ich eine Stenose?“
piepste ich eingeschüchtert.
„Ja, als ich dort den ersten Schnitt machte, nichtsahnend, spritzte mir das Blut nur so entgegen, so dass ich nichts mehr sehen konnte. So eine dicke Vene hatte niemand dort erwartet. Mein Team stoppte den Blutfluss, damit ich mich säubern konnte.“
„Da habe ich wohl Glück gehabt“,
sagte ich unbeteiligt. Das musste ich mir erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
„Haben Sie noch Fragen an mich?“
„Ja, wird mein Bein so eigensinnig bleiben?“
„Auf keinen Fall, nach sechs bis zwölf Monaten hat sich der Nerv erholt und Sie können ohne Probleme gehen.“
„Ihr Wort in Gottes Gehörgang!“
rutschte mir heraus.
„Danke!“
Mit den besten Genesungswünschen verabschiedete er sich von mir. Frau Heinze und ich sahen uns an und wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten.
„Wie schlimm ist das denn? Ich stelle mir vor, ich liege da offen und verblute so langsam, wenn dieser Arzt nicht schnell genug ist.“
„Zumal er sich erst säuern musste!“
Meine liebenswerte Bettnachbarin konnte wider Erwarten ironisch sein.
Er hatte mir mein Leben erhalten, das war gut so. Wir zwei Bettlägerigen wollten nur noch in die Zukunft sehen und die positiv. Negative Gedanken wollten wir nicht mehr zulassen. Spätestens jetzt begriff ich, dass ich hier nicht wegen einer Lappalie herum dödelte. Das Gefühl von Endlichkeit wurde übermächtig. Jeder Tag war nun bedeutsam, kostbar sogar, denn mir blieben vielleicht zehn, fünfzehn, oder wenn es ganz gut lief noch zwanzig Jahre. Im Rückblick nahmen sich auch meine sechzig Jahre kurz wie ein kalter Husten aus. Alles ging viel zu schnell.
Meine Vergangenheit hatte aus Arbeit, Sorgen, Schmerzen und viel Angst bestanden. Wie oft wünschte ich mir in der Vergangenheit, dass Gott gnädig sein und mich von diesem Leben erlösen sollte. Dann gab es aber meine Kinder und danach meine Enkel, die gaben mir die Motivation, durchzuhalten. Diese OP würde mein Leben wieder lebenswert machen, davon war ich fest überzeugt. Ich freute mich, am Leben zu sein, weil ich neugierig war, was aus meinen Enkeln werden konnte. Jetzt endlich war da eine Neugier und eine Lust auf das Leben und ich hatte nur noch so wenig Zeit. Krankheit sah nicht mehr vor, damit wollte ich meine kostbare Zeit nicht mehr vergeuden.
Der zweiter Sturz, in der zweiten Woche, zog dann spektakuläre Kreise. Es fing für meinen Geschmack viel zu früh damit an, dass meine Therapeutin mich an einen Rollator stellte. Man merke auf, es war nur noch eine notwendig. Hörte sich an wie Fortschritt, aber ich empfand das Gerät zu tief unter meinem Schwerpunkt. Mir kam es so vor, als ob ich mich bücken müsste, was ich aber nicht konnte. Das war zu anstrengend für meinen Rücken. Wenn ich mich voll auf das Gehen konzentrierte, schien mein linkes Bein auch mitmachen zu wollen. Aber alles kam anders. Eine Aushilfsputzfrau kam ins Zimmer, als wir eben auf den Flur gehen wollten.
„Das geht aber gar nicht, so lange ich hier mit Patienten zu tun habe! Machen Sie doch bitte im nächsten Zimmer sauber, bis ich hier fertig bin!“
Die Therapeutin war um einen freundlichen Ton bemüht.
„Ich habe meinen Plan, und danach arbeite ich. Mein Plan sagt, dieses Zimmer ist jetzt dran!“
Die junge Türkin war stur und arbeitete weiter. Frau Heinze und ich fanden das Gezicke des Personals untereinander peinlich. Ein vielsagender Blick reichte uns, wir wussten, dass wir das Gleiche dachten. Auf dem Flur ging es der netten Physio nicht mehr um mich. Sie war beschäftigt mit einer Beschwerde, bezeichnete dieses „Bodenpersonal“ als einfach frech.
„Sie können doch alles bezeugen? Sie haben das doch hautnah mitbekommen? Mir wird man vielleicht nicht glauben. Sie sagen doch, wie es war, oder?“
„Natürlich sage ich, wie es war! Wenn mich überhaupt jemand fragt natürlich.“
Wir beide gingen, während sie sich nur aufregte und ich mit der Situation etwas überfordert war. Meine Konzentration lag nicht mehr auf dem GEHEN, sondern darauf, dass ich hier unter Umständen als Zeugin fungieren sollte.
Plumps! Ich hörte mich fallen. Auf dem Flur war um diese Zeit Hochbetrieb. Alle und Jeder hatte hier zu tun und wieselte über den Flur. Betten, die auf arme Opfer warteten, standen an den Wänden und ich lag hilflos auf dem Boden. Linksseitig fühlte ich keine Kraft. Ich lag, wie ein Käfer auf dem Rücken und klagte bitterlich. Schmerzen fühlte ich deutlich, aber wo, konnte ich nicht lokalisieren. Die Therapeutin war völlig fertig, versuchte aber, mich schwere Frau auf die Beine zu stellen. Eine Beteiligung meinerseits fiel aus, so konnte es nicht klappen. Sie musste die vorbei laufenden Schwestern erst um Hilfe bitten, die hätten mich eiskalt so liegen lassen, eilten geschäftig vorbei. Das war der Schock fürs Leben, sechs Frauen waren nötig, um mich erst auf eine Decke und dann ins Bett zu hieven. Ich musste mir abschminken, eine zarte Person zu sein und das tat wirklich weh.
Vielleicht können auch schlimme Erfahrungen zur Gewohnheit werden? Ich verkraftete den Sturz gut und sogar schnell. Er machte mir fast nichts aus, etwa so:
„Na gut, dann ist es wie es ist, ab jetzt falle ich eben.“
Das Nachspiel ließ nicht auf sich warten, denn zu viele Menschen hatten meinen Sturz wahrgenommen. Eine Schwester kam früh am Morgen ins Zimmer, um mich im Bett zum Röntgen ins Erdgeschoss zu fahren. Ich war längst fahrbereit, denn nach dem Wecken wusch ich mich und zog mich umgehend an, obwohl ich mich nur im Bett aufhalten konnte. Der Transport machte mir Spaß, ich fasste es als Abwechslung auf. Eine Weile musste ich in der großen, unpersönlichen Halle, mit anderen Menschen gemeinsam warten, aber ich hatte es bequemer. Sie betrachteten mich verstohlen, das sah und spürte ich. Vielleicht hätte man an unsere Betten Tafeln schrauben sollen, mit der Aufschrift: verschraubter Rücken! Alle hätten sie es gerne gewusst, das sah ich und fühlte es. Ich konnte ihre Gedanken lesen. „Liegt sie im Sterben? Ist sie gelähmt? Was fesselt sie ans Bett?“ Da niemand den Mut aufbrachte, mich offen zu fragen, erfuhren sie es nicht. Stattdessen setzte ich das leidendste Gesicht auf, zu dem ich fähig war und mit Erfolg. Sie sahen verschämt weg.
Ein Arzt und eine Helferin kamen und zogen mein Bett in den Raum mit den Apparaten. Wie ich vom Bett auf den Spezialtisch gelangen sollte, war mir noch schleierhaft. Diese Leute hatten wirklich Routine, es wurde ein Rollbrett hergenommen und mit nur wenig Aufwand meinerseits lag ich, wohin ich sollte. Das Ergebnis würde meinen Ärzten mitgeteilt. Ich blieb ahnungslos. Zwei Schwestern kamen auf Abruf und brachten mich zurück in mein Zimmer. Manchmal fragte ich mich in diesen Tagen, wie ich ohne meine Frau Heinze sechzig Jahre lang ausgekommen war. Sie hielt meine schwankenden Gefühle und Phantasien aus. Regte ich mich auf, milderte sie die Situation auf ein erträgliches Maß herunter. Wenn ich glaubte, ich könnte nicht mehr ertragen, sprach sie mir so lange Mut zu, bis ich den Glauben an mich und das Leben wiederfand. Besser hätte ich es nicht treffen können.
Unser Stationsarzt, der ambitionierte Dr. Penny, erklärte mir, dass ich ins MRT müsste. Mein Gesicht zeigte wohl Schreck, denn er beruhigte mich umgehend. Ein Krankenwagenteam würde mich liegend quer durch Hannover fahren, hin und zurück. Begeistert war ich nicht. Inzwischen hatte man unser drittes Bett belegt, für mich eine schlimme Neuerung. Frau Heinze kannte die Patientin, sie waren beide am gleichen Tag an ihren Knien operiert worden. Sie sei ein bisschen schräg, aber arm dran gewesen, wusste meine Bettnachbarin. In deren Zimmer hatte eine Mitpatientin sie gemobbt. Das tat mir leid und ich würde nett sein, versprach ich, aber ich hatte keine dritte Person gewollt. Frau S. war eine extrovertierte Fünfzigerin, die mir nicht wirklich weiblich vorkam. Ich konnte das beurteilen, weil ich auch kein typisches Weibchen war. Frau Heinze hatte nach einem Geh-Training erzählt, wie gut diese Frau schon gegangen war. Sie hatte nicht mithalten können.
Nun kam die Wahrheit ans Licht. Frau S. war nur eine gute, disziplinierte Schauspielerin gewesen. Sie gestand uns, bei solchen Gelegenheiten die Zähne zusammen gebissen zu haben, aber im Bett allein heulte sie ihren Schmerzen in die Kissen. Bei uns gab sie die biedere Hausfrau, die im Bett Strümpfe strickte. Insgeheim hatte ich bei ihrer Tonart an eine Transsexuelle denken müssen. Einen eindeutigen Beweis dafür gab es nicht, aber dagegen auch nicht. Eine Sache blieb aber für mich störend, sie sprach fast ausschließlich mit Frau Heinze, meiner Frau Heinze. Meine Eifersucht verflog, als diese mir, während Frau S. zum WC unterwegs war, versicherte, dass sie zu niemandem neben mir, so echte vertrauliche Gefühle äußern könne.
