Der dritte Blick - Rudolf Rach - E-Book

Der dritte Blick E-Book

Rudolf Rach

0,0
23,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein persönliches Buch über Deutschland: gesehen mit Distanz und Nähe, Erinnerung und Gegenwart – mit dem dritten Blick. Ein Leben zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Literatur und Kunst: Rudolf Rach hat als Theatermann und Verleger Jahrzehnte europäischer Kultur miterlebt und mitgestaltet. Nach über dreißig Jahren in Paris kehrt er zurück – und sieht sein Geburtsland mit einem "dritten Blick", vertraut und fremd zugleich.  Stationen und Menschen seines Lebens verweben sich mit Reflexionen über das politische und kulturelle Deutschland im Wandel. Eine Kindheit in Trümmern, der Aufbruch in den fünfziger Jahren, die Freiheiten der siebziger und seine Erfahrungen als Verleger in Frankreich, sie fließen ein in Beobachtungen über das heutige Deutschland: seine Stärken, seine Brüche, seine Herausforderungen.  Rudolf Rach reicht dem Leser ein Kaleidoskop, das mal heitere, mal scharf geschnittene oder melancholische Bilder zeigt, und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch Deutschland und durch ein Leben. Was sieht man, wenn man nach Jahrzehnten ins eigene Land zurückkehrt – und es zugleich von außen betrachtet? Rudolf Rach nennt es seinen "dritten Blick", den Blick desjenigen, der nicht mehr ganz dazugehört und doch tief verbunden bleibt.  Deutschland wird in diesem Buch zum Spiegel eines Lebens – und umgekehrt. Rach erzählt von Nachkriegszeit und Aufbruch, von Kunst und Politik, von Wandel und Wiederkehr. Mit wacher Beobachtung und feiner Ironie erkundet er, wie sich ein Land verändert – und was trotz allem bleibt.  "Spannende Begegnungen allesamt, süffisant beschrieben und nicht ohne Selbstironie." Hartmut Regitz 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



RUDOLF RACH

DER DRITTE BLICK

Zurück in Deutschland – Erinnerungen und Einsichten

Der Sozialismus und die Seele des Menschen: Der irische Dichter und Dandy Oscar Wilde musste seinen Text im Zuchthaus verfassen, weil der Marquess of Queensberry ihn wegen einer homosexuellen Beziehung zu seinem Sohn verklagt hatte. Im Untertitel nennt Wilde die Schrift ein Ästhetisches Manifest und notiert: »Mitgefühl und Liebe zu Leidenden ist bequemer als Liebe zum Denken. Deshalb machen sie sich mit bewundernswertem, obschon falsch gerichtetem Eifer an die Arbeit, die Übel, die sie sehen, zu kurieren. Aber ihre Mittel heilen diese Krankheit nicht: Sie verlängern sie nur. Ihre Heilmittel sind geradezu ein Stück der Krankheit.«

INHALT

01

02

03

04

05

06

07

08

09

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

01

Es ist Sommer im Jahr 2024. Die Stadt Köln hat ein Hitzetelefon eingeführt, doch wir entschließen uns, gleich ins Wasser zu springen.

Ein französischer Journalist meinte gestern, dass der Fußballstar Kylian Mbappé ein Meister im Erzählen von Geschichten sei. Alle Welt interessiere sein Schicksal, weil er sich immer noch nicht für Paris oder Madrid oder einen englischen Klub entschieden habe. Wie Harry Potter in den Romanen von Joanne K. Rowling oder Jake Sully in »Avatar« verfolge er ein Ziel und werde gleichzeitig von Zweifeln geplagt. Für welchen Klub wird er sich entscheiden? Mit dieser Frage halte Mbappé sein Publikum in Atem. Ein Ziel vor Augen und die Ungewissheit des Weges seien das Geheimnis gut erzählter Geschichten.

Um es gleich zu sagen: Ich bin kein Geschichtenerzähler wie Mbappé. Kein Held, der aufschreiben will, wie er seine Millionen erworben hat. Allerdings gibt es in diesen Notizen einen Helden, dessen Schicksal Fragen aufwirft. An dessen Zukunft Zweifel erlaubt sind. Dieser Held ist keine Person, sondern ein Land. Ein besonderes Land, weil es viele Qualitäten hat, um die es andere beneiden. Während vieler Jahrhunderte hat es bedeutende Künstler und Gelehrte, große Wissenschaftler und Ingenieure hervorgebracht. Seine Philosophen, seine klassischen und romantischen Komponisten sind weltbekannt, heute mehr denn je.

Andererseits ist es durch seine Geschichte gebrannt; zeitweise erstreckten sich zu den Füßen der Gipfel morastige Tiefen, die Deutschland unbewohnbar machten und seine kulturellen Höhepunkte – beinahe – vergessen ließen. Das Land liegt im Herzen Europas und seine Nachbarn, ob es den Deutschen genehm ist oder nicht, sind von ihm abhängig. Sein Schicksal ist ungewiss, ungewisser als die Deutschen glauben mögen. Was immer Politiker oder Medien erzählen.

Bislang wurde Deutschlands Schicksal durch den Süden und Westen geprägt, auch wenn östliche Einflüsse unübersehbar sind. Durch das, was man christlich-abendländische Kultur nennt. Im Guten wie im Schlechten. Die Zuwanderung und die Globalisierung mit ihren gewaltigen, sich ständig beschleunigenden Veränderungen zwingen Land und Leute, sich in einer neuen Landschaft zurechtzufinden.

Die christlich-abendländische Gesellschaft ist während vieler Jahrhunderte entstanden, und schon seit Langem spielen in ihr Wissenschaft und Technik eine bedeutende Rolle. Aber das war wenig im Vergleich zu dem, was sich heute aufdrängt. Das Silicon Valley gibt den Ton vor: We connect everybody. Die Künstliche Intelligenz will Frau und Mann schlauer machen. Jeder wird erwischt, ob er sich drücken will oder sich über die Tastatur schmeißt.

Was die Lage weiter kompliziert, ist der überall präsente und ständig mächtiger werdende staatliche Apparat, von dem die, die davon unmittelbar oder mittelbar profitieren, sagen: Wir müssen ihn mit allen Mitteln verteidigen. Doch wie viel Staat braucht die Gesellschaft? Und was ist mit den Einzelnen, die in ihrer Summe den Staat ausmachen?

Statistiken oder politische Programme helfen wenig bei der Suche nach einer Antwort. Sie sind Bestandteil des Systems, liefern Fakten oder versprechen, sie zu liefern; sie halten den Betrieb am Laufen. Was eher hilft, ist, sich auf einen Hügel zu begeben und die Landschaft ins Visier zu nehmen. Einen Standpunkt zu suchen, der außerhalb des Feldes liegt, auf dem gekämpft wird. Um das Wesen unserer Gesellschaft einigermaßen vorurteilslos zu erkennen, muss man subjektiv vorgehen, damit man nicht zum Opfer des Repräsentativen wird, das vieles über einen Kamm schert. Durch historischen oder zeitgenössischen Morast zu waten, schärft das Denken nicht.

Der Alltag spielt uns die Themen zu. Als ich 2017 zurückkehrte, fiel mir auf, wie sich Deutschland während der letzten dreißig Jahre verändert hatte; ein anderes Land geworden war. Jetzt zogen sich die Leute im Winter, wenn es kalt war, keinen Pullover im Büro mehr an oder tippten ihre Briefe auf Schreibmaschinen; das Kohlepapier für die Durchschläge war passé. Stattdessen drückten sie von morgens bis abends auf Knöpfe und saßen im T-Shirt vor dem Computer. Solche Veränderungen haben es in sich; und nur der, der den langsamen Wechsel nicht selbst erlebt, also der, dem der Unterschied ins Auge springt, nimmt den Wandel wahr. In Deutschland kann man das Staunen lernen und das Staunen hört nicht auf. Seit einiger Zeit fahren die Züge nicht mehr pünktlich und die Lokführer streiken, wie es ihnen in den Sinn kommt. Die Welt wundert sich über dieses neue Deutschland.

Was ich der Leserschaft in die Hand drücken möchte, ist ein Kaleidoskop, bestehend aus einer Folge von Beobachtungen und Situationen. Aus dem Leben gegriffen und ohne Anspruch auf Objektivität. Es geht nicht um Millionen und einen Fußball spielenden Helden. Es geht bei diesem mal tragischen, mal komischen Deutschland um mehr, als einen Vertrag mit dem richtigen Klub zu unterschreiben. Es geht auch nicht darum, billigeres Gas aufzutreiben oder mehr Windräder aufzustellen. Es geht ums Eingemachte: Die Deutschen müssen in ihr Gewissen schauen; erkennen, welche Werte ihnen wichtig sind. Für was sie bereit sind zu kämpfen. Das Lächeln über den Ernst der Situation, das sich auf dem einen oder anderen Gesicht abzeichnet, ist verräterisch; es könnte den Leuten schon bald auf den Lippen gefrieren.

02

Als ich Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Frankreich einen Verlag kaufte, nicht allein, sondern mit zwei Teilhabern, wettete kaum jemand einen Heller auf mich. Vor allem, weil ich den Verlag selbst leiten wollte, fassten sich viele an den Kopf. Sie ahnten nicht, wie gut ich mich fühlte.

Einen unruhigen Geist, der schon oft Städte und Posten gewechselt hat, lässt man ohne Bedauern ziehen. Eine bürgerliche Existenz sucht Abenteuer im Kino oder beim Surfen; bewirbt sich um einen Posten bei einer Versicherung oder begibt sich in die Obhut der öffentlichen Hand. Davon wollte ich nichts mehr wissen, nach all den Jahren als Angestellter in verschiedenen Institutionen und Firmen.

Leute, mit denen ich in Deutschland zusammengearbeitet hatte, von denen einige mir durchaus gesonnen waren, machten ein Fragezeichen hinter meinen Namen oder strichen ihn aus ihren Adressbüchern. Private Beziehungen, bis auf eine, waren so dünn und brüchig, dass sie sich im aufgewirbelten Staub am Horizont verloren.

Jemand, der noch einmal durchstarten will, setzt viel, wenn nicht alles auf eine Karte. Die Brücken nach Deutschland waren so gut wie abgebrochen, Möglichkeiten zum Rückzug gab es keine mehr. Oder wurden erst gar nicht in Erwägung gezogen. Dabei ging es nicht um ein Bett, ums Essen und Trinken, also das Lebensnotwendige, sondern um das, was man eine Karriere nennt. Ich ging auf die Fünfzig zu, hatte bereits einiges probiert und war immer wieder enttäuscht weitergezogen. Fernsehen, Universität, Theater, Verlag. So hießen die Stationen; dann noch einmal Theater und zum Schluss noch einmal Verlag, weil ich immer noch glaubte, dass dort der Ort sei, der meinen Talenten am ehesten entsprach.

Das Suchen, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, hatte mit einem Unvermögen zu tun: Seit Kindesbeinen fiel es mir schwer, mich unterzuordnen. Wenn der Vater etwas verbot, muckte ich auf. Wenn die Lehrer etwas anordneten, wusste ich es besser. So häufig, dass es zu Reibungen und Konflikten kam. Nur mühsam zwängte ich mich in den Anzug, den man mir schneidern wollte. Dabei war es weniger der Gehorsam, gegen den ich mich sträubte, als der Unwille, etwas zu tun, was mir nicht einleuchtete. Befehle entgegenzunehmen oder Dinge zu tun, von denen ich nicht überzeugt war. Eine Art von geistiger Widerborstigkeit wurde mir zur zweiten Natur. Manchmal beneide ich Leute, die Anordnungen folgen, ohne darüber nachzudenken.

Als Junge fuhr ich zu Autorennen und wollte Ingenieur oder Pilot werden. Diese Leidenschaft für das Technische hielt bis zum Abitur. Nach ersten Schritten in der Welt der Fabriken und Maschinen erlosch sie. Die Arbeit in einem Fernsehsender, anfänglich als Broterwerb gedacht, brachte mich auf andere Ideen. Da fand ich mich plötzlich in einer Welt, in der es viel freier zuging als bei uns zu Hause. Und verdiente so viel Geld, dass ich unabhängig wurde. Schrieb mich in der Universität für Philosophie und Kunstgeschichte ein. Brotlose Kunst, wie meine Eltern geringschätzig bemerkten. Gleichzeitig entdeckte ich meine Liebe zum Kino, das in meinem Elternhaus verpönt war. Meine Eltern sind niemals ins Kino gegangen, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Auch Jahre nach dem Aufkommen des Fernsehens gab es bei uns keinen Empfänger, aus einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber dem Neuen heraus.

Wenn es etwas Spannendes zu sehen gab, Fußball zum Beispiel oder Kriminalserien, schlich ich durch die Vorortsstraße, in der wir wohnten, und da, wo im Erdgeschoss ein Fenster aufstand und der Fernsehlärm, dieses seltsame, unnatürliche, an- und abschwellende Geräusch, herausdrang, lehnte ich mich als Zaungast übers Fensterbrett.

Damit hatte es ein Ende, als ich im Westdeutschen Rundfunk einen Job bekam. Durch einen Zufall, eine Kneipenbekanntschaft. Cherchez la femme, sagen die Franzosen mit der ihnen eigenen Eleganz. In der Welt der Studios und Ateliers arbeiteten Menschen aus Fleisch und Blut, aber sie waren anders als die, denen ich bisher begegnet war. Sie machten Witze während der Arbeit und schufen Werke, die eigenen Gesetzen folgten; in dunklen Schneideräumen montierten sie Bilder und mischten Töne, die in grell ausgeleuchteten Studios aufgenommen worden waren; machten aus langen Geschichten kurze, was mir wie Zauberei vorkam.

Als Kabelträger oder Gehilfe auf der Beleuchterbrücke galt ich als »freier Mitarbeiter«; wurde blendend bezahlt und tauchte widerstandslos in diese geheimnisvolle Welt ein. Jetzt ging es nicht mehr darum, im Kino die neuesten Filme zu entdecken; jetzt nahm ich selbst an ihrer Entstehung teil. Das Feuer, das dort angefacht wurde, ist nie wieder erloschen. Der Gedankenstrudel, in den ich damals hineingerissen wurde, dreht sich bis heute.

Was ist Kunst, was ist das Schöne, warum wird ein Werk zu einem Kunstwerk? Auf dem Frontgiebel der Alten Oper in Frankfurt steht in goldenen Lettern: Dem Guten, Wahren, Schönen. Die Reihenfolge ist verblüffend. Warum nennt Goethe, dem das Zitat entlehnt ist, das »Gute« zuerst? Warum rangiert die Wahrheit noch vor dem Schönen? Weil das Gute und Wahre das »Schöne« ergeben? Wohl kaum. Eine Oper kann hohen Zielen und der Wahrheit verpflichtet sein und trotzdem ästhetisch misslingen. Umgekehrt gilt: Ein Blick in die Landschaft kann schön sein, ohne dass sich die Frage stellt, ob er auch gut oder wahr ist. Natürlich wusste der Dichterfürst das. Und trotzdem zählte er Äpfel und Birnen zusammen, weil er als Direktor des Weimarer Hoftheaters nie vergaß, was er seinem Arbeitgeber, dem Herzog Carl August – den man den »Guten« nannte – schuldig war. Goethe hatte ein feines Gespür für das gesellschaftlich Notwendige, und Ausgewogenheit ist eine klassische Tugend.

Ästhetische Werke sollten gut und wahr und schön sein. Und die Erbauer der Frankfurter Oper wollten sich nicht nur vor dem berühmtesten Sohn der Stadt verneigen, sondern den Bürgern das Gefühl vermitteln, ihr Geld richtig angelegt zu haben. Wenn sie in die Oper gingen, um sich nach der Last der täglichen Geschäfte zu entspannen, sollten sie das guten Gewissens tun. So kamen alle auf ihre Kosten. Denn auch damals schon fragten die Bürger, was aus ihrem Geld wurde. Die Widmung auf dem Frontgiebel sollte versöhnen und die musikalischen Darbietungen so viele Leute wie möglich anziehen. Und die, die nicht kamen, sollten durch die zur Schau gestellte Pracht nicht unnötig verärgert werden. Auch damals war Kulturpolitik, was sie ihrem Wesen nach ist: Politik.

03

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren bei Weitem lebendiger, als die Fotos mit den Trümmerbergen erzählen; viel reicher, als sich die Jahre des Mangels heute anfühlen. Zwischen den Trümmerbergen ging es entschieden freier zu als auf den mit Schildern übersäten, mit Verboten und Anweisungen vollgepinselten Straßen unserer Städte. Der große Zusammenbruch war auch eine Befreiung. Da, wo alles in Schutt und Asche lag, entstand Raum. Für die Orangen und das Weißbrot, für die Kreppsohlen der Amerikaner und die Designkunst von Dieter Rams. In der Malerei verblüfften einfarbige, monochrome Bilder; in den Galerien rieb man sich die Augen, als junge Amerikaner Ketchup-Dosen, elektrische Stühle oder Pin-up-Girls mit grellen Farben auf die Leinwand warfen. Britische und amerikanische Soldatensender strahlten Jazz oder fetzige Popmusik aus; da konnten die simpel gestrickten deutschen Schlagerprogramme nur abstinken.

Auch im Kino waren es andere Länder, die den Ton vorgaben: allen voran die Amerikaner, doch aus Italien und Frankreich kam das Unerwartete: Jean-Luc Godard oder Michelangelo Antonioni drehten Szenen, die noch niemand so gesehen hatte. Amerika und England blieben ihrer Tradition treu und lieferten gut erzählte Geschichten. Der Krieg hatte die Seele dieser Völker weit weniger mitgenommen als die deutsche, die bis ins Mark getroffen war.

Obwohl die Menschen – nach dem dreisten Atheismus der Nationalsozialisten – wieder in die Kirchen strömten, blieb die Nachkriegswelt von Kopf bis Fuß aufs Machbare ausgerichtet. Die Trümmerhaufen waren eine Allegorie für den geistigen Zusammenbruch und der Himmel nur noch ein meteorologisches Phänomen. Zwar läuteten die Kirchenglocken wieder selbstbewusst und riefen die Menschen in die Gottesdienste, doch die Schandtaten der Nazis hatten tiefe Spuren hinterlassen. Wenn sich Tausende zu österlichen Prozessionen aufmachten und schweigend in regendurchnässten Mänteln den Kölner Dom um Mitternacht füllten, entstanden eindrucksvolle Bilder. Nicht nur die Männer, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, suchten Antworten, die ihnen die Kirchen schuldig geblieben waren oder die sie während der Nazi-Zeit nicht hatten hören wollen. Alle waren auf die eine oder andere Weise in die Katastrophe verwickelt oder hatten ihr untätig beigewohnt. Entschlossener Widerstand blieb die Ausnahme.

Nachdem die Alliierten Städte und Fabriken in Grund und Boden gebombt hatten, stürzten sich die Leute in den westlichen Sektoren in den Wiederaufbau. Die handwerklich-technische Intelligenz konzentrierte sich auf das, was zu reparieren war. Hier und nur hier hatte Deutschland noch Reserven.

04

Es waren keine politischen Gründe, die mich nach Paris verschlagen haben. Vielmehr die Suche nach mehr Unabhängigkeit und Freiheit. Ein Verlag ist immer eine Mischung von Geist und Geschäft. Keine Plauderbude, sondern harte Arbeit; allerdings verbirgt sich hinter dem Ausdruck »hart« eine Form irdischen Glücks. Bei ständiger Anspannung kommt keine Langeweile auf. Pausen werden zu kleinen Festen. Das Erlernen einer fremden Sprache ist eine Bereicherung, die stolze Zinsen abwirft, und das Französische spiegelt ein weit verästeltes kulturelles Erbe, das in vielen Ländern Spuren hinterlassen hat. Im Übrigen schafft die Führung einer kleinen Firma, die es sich erlauben kann, Wert auf »gute Produkte« zu legen, eine innere Befriedigung; auch wenn Unternehmer im Allgemeinen und speziell in Frankreich in keinem besonderen Ruf stehen.

Es hätte also durchaus Gründe gegeben, Frankreich nie wieder zu verlassen; ein Land, das einen Guide Michelin hervorgebracht hat und von der »ganzen Welt« als Ferienland geschätzt wird. Doch das Schicksal liebt ironische Volten. Paris veränderte sich, zuerst langsam und dann immer schneller. Eines Tages, als wir den Platz vor dem Théâtre de la Ville überquerten, vollgepackt mit Autos und Bussen, mit Motorradfahrern, die halsbrecherisch durch die Fußgänger kurvten, fragte Pina Bausch, was ich denn von der neuen Politik hielte, die Autos aus der Stadt zu verbannen. Pina liebte das quirlige Paris und ich antwortete, was ich auch heute noch denke: Eine Stadt, in der man sich nur noch mit dem Fahrrad fortbewegen soll, ändert ihren Charakter. Da vermögende Ausländer die schicken Wohnungen aufkaufen, die oft leer stehen, haben Ärmere dort nichts mehr verloren. Die Rue Bonaparte, wo der Verlag über ein halbes Jahrhundert seinen Sitz hatte, ist heute an Wochentagen so leer wie früher an einem heißen Sonntag im August. Die Luft ist besser geworden – was hauptsächlich den saubereren Motoren zuzuschreiben ist –, aber das neue »Klima« hat die weniger betuchten Leute vertrieben. Unsere Buchhalterin meinte, die echten Pariser würden ihre Stadt bald verlassen, um sie dann wie ein Museum zu besuchen. Sie sollte Recht behalten; auch der Verlag L’Arche hat inzwischen sein Domizil in der Banlieue aufgeschlagen.

05

Über belgische Autobahnen zu fahren, ist eine langweilige Angelegenheit. Viele Jahre habe ich mich, so gut es ging, an die Geschwindigkeitsbeschränkung gehalten. Doch hinter Lüttich in Richtung deutscher Grenze wurde der Fuß schwerer. Da gab es keine fest eingebauten Radarkontrollen und niemand mochte sich der Versuchung entziehen. Sobald es bei Lichtenbusch über die deutsche Grenze ging, wurde Stoff gegeben. Egal bei welchem Wetter, bei Eis oder Schnee. Einfach herrlich, Deutschland fühlte sich an wie ein freies Land.

Nach den vielen Jahren in Paris jetzt wieder mit einem tastenden Fuß in Köln zu sein, erzeugte ein merkwürdiges Gefühl. Die weltoffene Freundlichkeit der Bewohner, die mir wie eine ferne Erinnerung vorkam. Die Leutseligkeit auf der Straße. Das Umschreiben der Papiere auf dem Ordnungsamt dauerte nicht länger als fünf Minuten und kostete keinen Cent. Bei jedem Einkauf ein Gespräch mit einem Unbekannten. Keine sprachlichen Unsicherheiten mehr. Das alles überstrahlte den Rest: Denn Köln war immer noch gezeichnet durch die Verwüstungen des Krieges. Abgesehen von äußerst kunstvoll »emporgelogenen« Kirchen und dem je nach Wetter mächtig auftrumpfenden, mal versöhnlich dahinfließenden Rhein gab es nur wenige interessante Straßenzüge, kaum Plätze, die zum Verweilen anregten. Korrektur: Einzelne Bauten sind durchaus sehenswert, aber die Stadtlandschaft ist schnell gewachsen, zu schnell, um zu einer Einheit zu verschmelzen. Es fehlte an Geld oder Mut, die Nachkriegsbehelfe abzureißen und durch schönere zu ersetzen.

Der Fremde versucht, sich zurechtzufinden. Wo gibt es einen Markt, welche Restaurants sind empfehlenswert? Wo finde ich die Stofftaschentücher, die ich schon seit Langem kaufen wollte? Trifft man alte Bekannte, stellt man fest: Jedem hat das Leben einen Stempel aufgedrückt. Jeder schleppt einen Sack mit sich, der ihn drückt. Ein Schulfreund, der seit vielen Jahren einen Maler fördert, der begabt, aber vielleicht nicht begabt genug ist, nahm mich zu einer Vernissage ins Belgische Viertel mit. Die Hautevolee der Kölner Kunstwelt. Auch der Aktionskünstler HA Schult, ein vitaler Mann mit wachem Verstand, gesprächig und ein guter Erzähler, war da. Mit verbeulten Blechdosen und anderem Konsum-Schrott ist er seiner Zeit vorausgestürmt. Hat ihre Wunden ausgestellt. HA Schult ist der Erfinder der Trash-People, mit denen er durch die ganze Welt gezogen ist. Wie andere Feldherren vor ihm hat er einen Ägyptenfeldzug organisiert und seine Müllmänner vor den Pyramiden aufmarschieren lassen. Im Wüstensand von Gizeh. Während die Erbauer der Pyramiden versucht hatten, mittels der steinernen Gehäuse und der Totengaben die Verstorbenen für ihre lange Reise zu versorgen, vielleicht sogar ihnen das Leben zu retten, entlarvte der Aufmarsch der Müllmänner den illusionären Charakter solcher Bemühungen. Die Blech-Soldaten des HA Schult verdammen jeden Versuch, den zerstörerischen Wandel der Zeit zu überlisten, zur Lächerlichkeit. Blech gegen Stein: ein Kampf wie David gegen Goliath. Ja, die im Wind scheppernden Müll-Männer besiegten die Pyramiden. Der Widerspruch zwischen Dauer und Vergänglichkeit sticht so ins Auge, dass jeder verstehen muss: Die Leiche des Pharaos wird zu Staub. Wie die Büchsen-Kunst des HA Schult: alles verschmilzt zu universalem Staub. Gut möglich, dass ich diesen Staub gesucht habe, als ich vor vielen Jahren meinte, in der Bücherwelt mein Glück finden zu können.

06

Den Großvater mütterlicherseits habe ich nie kennengelernt.

Meine Großmutter sprach oft von ihm, immer in einem etwas Mitleid erheischenden Ton, den ich nicht mochte. Er war im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen, im Sommer, wenige Monate vor dem Waffenstillstand. Ein großer Mann in Uniform; er war noch jung. Seine sterblichen Überreste liegen auf einem Soldatenfriedhof. In Marfaux nahe Épernay, mitten in den Rebhängen der Champagne.

Der Friedhof befindet sich etwas außerhalb des Ortes; genau genommen sind es zwei, ein deutscher und ein britischer Friedhof. Seite an Seite, und doch haben sie einen unterschiedlichen Charakter. Die Deutschen liegen unter einfachen schwarzen Eisenkreuzen und die Briten unter Steintafeln, vor denen Blumen wachsen. Auch auf dem deutschen Friedhof gibt es einige Steintafeln, sie sehen aus wie Gesetzestafeln; wie die, auf denen Moses die Zehn Gebote verkündet. Mit ihnen wird der Juden gedacht, die für Deutschland gefallen sind. Sie tragen Namen wie Gutmann oder Cohn. Alle Gräber sind nummeriert und mein Großvater liegt unter dem Kreuz mit der Nummer 116. Laut Inschrift ist er am 18. Juli 1918 gefallen, in den entscheidenden Monaten des Krieges, als die letzten Reserven mobilisiert wurden.

Frankreich und seine Verbündeten verfolgten das gleiche Ziel. Jeder, der sich finden ließ, wurde in die Schlacht geworfen. Encore un petit effort, erklärte die Regierung unter Präsident Clemenceau. Noch eine kleine Anstrengung, dann ist der Krieg gewonnen. Pure Schönfärberei angesichts des fast sicheren Todes oder der Aussicht auf eine schwere Verletzung für all die jungen und älteren Männer, die damals im Taxi an die Marne gekarrt wurden. Später meinte der ins holländische Exil gegangene Wilhelm II., dass Deutschland ein Mann wie Clemenceau gefehlt habe; mit ihm wäre der Sieg möglich gewesen.

Der deutsche und der englische Friedhof liegen direkt neben der Landstraße. Nach vier Jahren Krieg waren alle erschöpft. Wer hätte noch Kraft auf die zerstückelten und blutverschmierten Leiber verwenden wollen? Eine Grube, gleich neben der Landstraße, musste genügen, um die Leichen zu versorgen. Auf einer Steintafel steht: Hier ruhen 4417 deutsche Soldaten. Die Anzahl der Gefallenen aus dem Commonwealth ist nirgendwo verzeichnet. Die Behörden fanden es nicht opportun, den Blutzoll anzuzeigen, der für den Waffenstillstand auf alliierter Seite entrichtet wurde.

Auf den Eisenkreuzen steht nicht nur der Name des Gefallenen, sondern auch sein Dienstgrad. Mein Großvater war Kanonier, also jemand, der ein Geschütz bediente und die Geschosse abfeuerte. Dazu musste man kräftig sein und über geschickte Hände verfügen. Es heißt, dass an Kanoniere »höhere geistige und körperliche Anforderungen« gestellt wurden als an Soldaten anderer Waffengattungen. Sie mussten in der Lage sein, ihr Ziel anzupeilen, fit sein, um die Geschosse zu laden. Der ständige Granatenhagel erforderte Nervenstärke; sie arbeiteten Hand in Hand mit den Kameraden. Ein Kanonier operiert zwar nicht in vorderster Linie, doch ist es das erklärte Ziel des Gegners, die Geschütze auszuschalten. Neben meinem Großvater liegt ein Infanterist, nicht weit davon ein Radfahrer; den brauchte man, um Berichte über die Lage oder Verlustlisten zu befördern.

Katharina, meine Frau, machte ein paar Fotos und fragte, wo denn die Offiziere begraben lägen. Es war still, ein milder Wind strich über den frisch geschnittenen Rasen und fächelte die Blätter der anliegenden Rebstöcke. Die geometrische Ordnung der schlichten Kreuze war wie ein fernes Aufleuchten der marschierenden Kolonnen. Ein kurz geschorener Frieden über einem Massengrab.

07

Kommt jemand in eine Stadt, fällt der erste Blick auf die Häuser und Straßen. Viel hängt davon ab, ob die Sonne scheint oder es regnet, ob der Ort auf einem Berg oder am Wasser liegt. Dann erst nimmt man die Menschen wahr. Dass im Hintergrund eine Regierung wirkt, fällt dem Gast erst auf, wenn er das erste Strafmandat kassiert. Ob das Stadion umgebaut werden soll oder das Theater nach jahrelangen Renovierungsarbeiten endlich wieder eröffnet wird, ist für den Besucher zweitrangig. Genauso ging es uns; wir blieben ein paar Tage in Köln und fuhren wieder weg. Theater oder Konzertsäle füllten sich ohne uns. Als die Aufenthalte länger wurden, änderte sich das. Was für ein Komfort, am späten Nachmittag die Programme durchzublättern und anschließend zu Fuß ins Konzerthaus gehen zu können.

Jahrzehntelang hatte ich Deutschland nur von außen gesehen, ein Land in der Mitte Europas, umgeben von Nachbarn, die jeder für sich ein eigenes Verhältnis zu dem lange zweigeteilten, dann wiedervereinigten Staat unterhielten. Seit sich die Deutschen für eine neue Hauptstadt entschieden, schickten die ausländischen Zeitungen und Fernsehsender ihre Korrespondenten nicht mehr nach Bonn, sondern nach Berlin. Berlin wurde wieder synonym für Deutschland. Doch Berlin hatte einen unangenehmen Beigeschmack. Die Straßennamen waren noch immer dieselben, der nationalsozialistische Hautgout wollte nicht weichen; viele der wilhelminischen Prunkbauten wurden in die neue Zeit gerettet. Und über dem Osten hing immer noch der Geruch von Lysol, dem billigen Desinfektionsmittel aus DDR-Zeiten.

Die architektonische Dominanz der früheren Zeiten verlor sich, als spektakuläre Neubauten auf den Plan traten. Doch das preußische Berlin, dem der Nationalsozialismus ein schändliches Ende setzte, blieb in den Köpfen der Nachbarn lebendig. Des Kaisers neue Kleider verfingen nicht, jedenfalls nicht in so kurzer Zeit. Die ausländischen Korrespondenten verrichteten ihre Arbeit, durchaus um Objektivität bemüht, aber in ihren Köpfen kreisten immer noch die alten Gedanken. Ihre Berichte klangen jetzt anders als die Berichte aus Bonn, an das man sich schon gewöhnt hatte. Die kleine Stadt am Rhein und der Fluss flößten Vertrauen ein. Seit Jahrtausenden fahren Schiffe und Boote über diese Wasserstraße, verbinden den Norden mit dem Süden, und wenn der Fluss über die Ufer tritt, sind die Schäden meist schnell repariert. Bonn hat römische Ursprünge, Beethoven ist hier geboren; vielleicht klingt der Name auch deswegen sympathisch.

Gleichgültig, ob sie aus Bonn oder Berlin kamen, die Berichte aus Deutschland elektrisierten mich. Wenn sich in einer Überschrift ein Hinweis auf Deutschland befand, las ich den Artikel vor allen anderen. Immer mit der bangen Hoffnung, dass er nichts Negatives enthalte, obwohl es mir im Grunde hätte egal sein können, denn die Berichte übten ja keinen direkten Einfluss auf mein Leben aus. Trotzdem gingen sie mir nach. Fast immer drehte es sich um die Vergangenheit, die Nazi-Vergangenheit und das Geld, das in Deutschland inzwischen verdient wurde und dem der deutsche Staat seinen Einfluss verdankte. Selbst als Frankreich – und andere Länder – ihr Ziel erreicht hatten und der Euro eingeführt war, hörte die Konzentration auf die Vergangenheit und das Geld nicht auf. Beides schien untrennbar zusammenzuhängen.

08

Ein Freund, der früher als mein Assistent gearbeitet hat, hat sich gemeldet. Jedes Mal, wenn er schreibt, freue ich mich, obwohl wir nach einigen Jahren im Streit auseinandergegangen sind. Es kam zu einem Wortgefecht in seinem Büro und plötzlich stand er von seinem Stuhl auf, packte seine Sachen und schärfte mir ein: »Ich lasse mich doch nicht von Ihnen anbrüllen.«

Über die Gründe sind wir uns bis heute nicht ganz einig, aber das macht nichts; wir klammern das aus. Denn Pierre war ein brillanter Kopf und eine Bereicherung für den Verlag. Das könnte ein Nachfolger werden, spekulierte ich. Doch das Schicksal wollte es anders und er verließ von heute auf morgen den Verlag. Danach haben wir uns längere Zeit nicht mehr gesehen, bis er eines Tages wieder auftauchte. Wir haben uns lachend die Hand geschüttelt, als habe der Streit nie stattgefunden. Inzwischen hatte er eine Portugiesin geheiratet, die beiden hatten ein Kind und lebten die meiste Zeit des Jahres in Portugal, wo er sich seinen Studien über die griechische und römische Zivilisation widmen konnte.

Ich war froh, dass wieder Frieden zwischen uns herrschte. Wir schreiben uns regelmäßig, in größter Offenheit, wohl wissend, dass das, was wir denken, politisch oft nicht korrekt ist. Was heißt das? Politisch ist nicht korrekt, Gedanken zu formulieren, die für das bestehende politisch-soziale Gefüge unangenehm sind. Wir scheren uns einfach nicht darum, Ideen auszusprechen, die heutzutage jede öffentliche, nicht nur politische Karriere an der nächsten Laterne beenden können.

Pierre schrieb neulich: »Ich möchte unbedingt die Hellenistischen Wundererzählungen von Richard Reitzenstein lesen, der die antiken Romane wie den des Apuleius als Schlüsselromane interpretierte, die eine mystische Dimension besäßen. Sicher falsch, aber genial, wie deutsche Hellenisten zu sein pflegten. Verrückt, sich vorzustellen, dass es diese Genies seit 1933 nicht mehr gegeben hat. Dabei waren sie keineswegs alle Juden. Reitzenstein war kein Jude, auch Rohde und Usener nicht. Es ist, als ob auf diesem Boden nach einer solchen Zerstörung nichts mehr habe wachsen können. Die deutschen Philologen sind heute von einer konsternierenden Mediokrität und befleißigen sich, ihre Aufsätze in einem mittelmäßigen Englisch herauszubringen.«

Ich schrieb zurück, dass ich vor Kurzem im Frankfurter Städel-Museum gewesen sei. Anlässlich einer Beckmann-Ausstellung, einem Sohn der Stadt. Auch der expressionistische Maler Max Beckmann, kein Jude, sei von den Nazis vertrieben worden und nach New York geflüchtet. Neben einem seiner Bilder war auf einem kleinen Bildschirm eine stumme Filmaufnahme aus den dreißiger Jahren zu sehen, die anlässlich einer Ausstellung »entarteter« Künstler entstanden war. Vielleicht ein Ausschnitt aus einer Wochenschau. Kurz, doch lang genug, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sich damals abspielte: Gut gekleidete Besucher aus Frankfurt und Umgebung füllten den Raum; sie schlenderten durch die Säle, neugierig auf das »Entartete«. Schwer zu sagen, was sie dachten; man kann unterstellen, dass die meisten wenig mit den ausgestellten Bildern anzufangen wussten. Dass die Organisatoren genau darauf spekulierten. Sonst hätte es Proteste gegeben; der eine oder andere hätte mit dem Finger auf ein Bild gezeigt, um seine Ablehnung auszudrücken. Ein alter Mann in einem Gehrock, vielleicht ein Lehrer, macht ein verdrießliches Gesicht. Die Stimmung insgesamt ist ernst, ja bedrückt, und die Besucher werden sich gehütet haben, den Mund aufzumachen. Mitten unter ihnen ein Aufpasser, ein gutaussehender junger Mann in Nazi-Uniform, der Typ des Ariers, wie ihn die Nationalsozialisten idealisierten. Möglich, dass er im Zeichenunterricht durch das Kopieren von Vorlagen geglänzt hat; mit Sicherheit hatte ihn die Partei abkommandiert. Die Ausstellung sollte ja einem pädagogischen Zweck dienen und das Publikum vom Unwert der ausgestellten Bilder überzeugen. So sicher waren sich die Herrschaften ihrer Sache. Eintritt frei, für Jugendliche verboten.

09

Die Wanderausstellung war 1937 in den Münchner Hofgarten-Arkaden durch Joseph Goebbels, den umtriebigen Minister für Volksaufklärung und Propaganda, eröffnet worden. Das Grinsen des Ministers belegt seine Zufriedenheit; wieder ein voller Erfolg. Tausende Besucher, die sich von dreisten Slogans in die Ausstellungen locken ließen: »Gequälte Leinwand, seelische Verwesung, krankhafte Phantasten, geisteskranke Nichtskönner« – so charakterisierte ein Flugblatt die Maler und Bildhauer. »Von Judencliquen preisgekrönt, von Literaten gepriesen« wurden hier Werke ausgestellt, »für die Staatliche und Städtische Institute Millionenbeträge deutschen Volksvermögens verschleuderten, während deutsche Künstler zur gleichen Zeit verhungerten. Seht Euch das an! Urteilt selbst!«

Der Maler Ernst Ludwig Kirchner, kein Jude, gehörte ebenfalls zu den Verstoßenen. Das Städelsche Kunstinstitut musste seine Bilder abhängen und Kirchner erschoss sich kurze Zeit später in der Nähe von Davos. Der Direktor Georg Swarzenski, dessen Verdienste um das Museum unbestritten waren, wurde abgesetzt und floh in die Vereinigten Staaten. Sein Nachfolger wurde Ernst Holzinger, ein Fachmann, der zu retten versuchte, was zu retten war. Unter anderem half er, die Sammlung von Kurt Hagemann, einem Kenner und Mäzen expressionistischer Bilder, vor der Beschlagnahmung zu bewahren. Aus Dankbarkeit stifteten die Erben nach dem Kriege verschiedene Werke Kirchners dem Museum, das heute wieder über einen soliden Bestand an expressionistischen Bildern verfügt.

Eines davon ist der »Stehende Akt mit Hut«, 1910 entstanden. Eine attraktive Frau, fast lebensgroß, schaut den Betrachter leicht trotzig und eine Spur verächtlich an. Sie trägt einen breitrandigen, schwarzen Hut, der mit ihrem makellos weißen Körper kontrastiert. Um den Hals eine Kette, schwarze Ohrclips und an den Füßen raffinierte rote Stöckelschuhe. Eine Dame der besseren Gesellschaft, nur splitternackt. Da stockt der Atem. Umso mehr, als die Dame ihre Nacktheit trägt, als sei sie formvollendet angezogen. Die Blöße kleidet sie so gut, dass sie bei einem gesellschaftlichen Anlass nichts zu fürchten gehabt hätte. Der Mut der Aktmodelle war zu allen Zeiten bewundernswert; hier wird er selbst zum Thema. Kirchner hat einen feministischen Akt gemalt, der das Selbstbewusstsein der Frauen im 20. Jahrhundert vorwegnimmt. Vergleichbar der Natürlichkeit der Eva, die Jan van Eyck gemalt hat, oder den nackten Frauen von Cranach, dem Älteren, auf die sich Kirchner bezieht. Cranach verkörpere deutsche Kunst, fand Kirchner, kühn und formvollendet, an der sich alles, was folgt, messen lassen müsse.

Abends ist HA Schult zu Besuch. Als der Blick seiner Frau Anna auf ein Buch von Hannah Arendt fällt, kommen wir auf Eichmann zu sprechen. Anna Zlotowskaya ist eine russische Jüdin und verteidigt die Deutschen. Kein Land habe sich zu seinen früheren Verbrechen so eindeutig bekannt. Das sei anerkennenswert. HA Schult erzählt freimütig, dass sein Vater erst für die Nazis und dann für die SED gearbeitet habe. Unverblümtheit ist eine Stärke. Durch Aktionen in Russland, China und Amerika ist er viel Prominenz der letzten Jahrzehnte begegnet, auch Richard von Weizsäcker.

»Ein Nazi, hart wie ein Knochen«, haut er in die Debatte.

Korrekt ist, dass der frühere Bundespräsident seinem Vater Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Prozessen beigestanden hat. Jeder Anwalt hat das Recht, einem Angeklagten beizustehen. Warum sollte ein Sohn nicht seinen Vater verteidigen? Bei einem Staatsbesuch in Frankreich, nach dem Fall der Mauer, wurde Weizsäcker, inzwischen Bundespräsident, von der Journalistin Anne Sinclair interviewt, die aus der Familie Rosenberg stammt; ihr Onkel ein bekannter Kunsthändler; Picasso hat ihre Mutter gemalt. Weizsäcker sprach passabel Französisch und wollte mit seinen Kenntnissen glänzen. Das geriet ihm zum Nachteil, denn als er nach einem Wort suchte, versuchte er mit einem Lächeln die Situation zu überbrücken. So entging ihm, dass die Journalistin – mehr zu sich selbst – bemerkte: »Wenn sie lachen, muss man besonders vorsichtig sein.«

Die Anspielung auf die KZ-Schergen war unverschämt, doch wenn man bedenkt, dass der Vater des damaligen Bundespräsidenten während des Krieges als Staatssekretär im Auswärtigen Amt tätig war, erscheint die Sache in einem anderen Licht. In einem Roman rollt Fridolin Schley den Prozess neu auf. Wir erfahren, dass die Verteidigung Weizäckers in Nürnberg nicht mit Spitzfindigkeiten geizte: Als Eichmann aus dem Reichssicherheitshauptamt anfragte, »ob Bedenken gegen die Deportation von 6000 französischen und staatenlosen Juden in das Konzentrationslager Auschwitz« bestünden, brachte Ernst von Weizsäcker handschriftlich zwei Änderungen an. Das Wort »Bedenken«, so die Verteidigung, wurde durch den Begriff »Einwände« ersetzt und außerdem verlangte er, dass die betroffenen Juden »polizeilich näher zu charakterisieren« seien. Hieraus werde ersichtlich, argumentierte der Sohn, dass der Vater gegen den Vernichtungsprozess verhalten protestierte und den Kreis der zu deportierenden Juden habe eingrenzen wollen.

10

Ins Zentrum rückt das Wort: Mitmachen. Oder auch: Widerstand. Kann man mitmachen und gleichzeitig Widerstand leisten? Heute ist Kabul gefallen. Wie ein Kartenhaus ist die alte Führungsstruktur zusammengebrochen. Der Nachrichtensender CNN zeigt haarsträubende Bilder. Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen rennen wie Ameisen um eine Transportmaschine der US Air Force, die Richtung Runway rollt; klammern sich an das Fahrwerk. Später wird berichtet, dass »schwarze Punkte vom Himmel gefallen« und »Teile von menschlichen Körpern« nach der Landung entdeckt worden seien. Kabul ist Tausende von Kilometern entfernt, aber Kabul liegt auch in Deutschland.

Außenminister Maas kündigt an, morgen, also einen Tag nach der Einnahme von Kabul, werde das Botschaftspersonal evakuiert. Was ist mit den afghanischen Mitarbeitern der Deutschen, den Kollaborateuren? Sie sollen ausgeflogen werden. Kein Wort zu den Ursachen der Verspätung? Doch: Wir haben uns alle geirrt. Damit will der Außenminister sagen, dass er keinen Grund sieht, zurückzutreten. Alle sind schuld und deswegen niemand. Warum verschweigt er, dass die Bundeswehrsoldaten schon seit Wochen zurück in Deutschland sind? Warum sagt ihm niemand, dass seine Jacketts zu eng sitzen? Auch die sorgenvoll dreinblickende Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sieht keinen Grund für einen Rücktritt. Immerhin sagt sie einen angesetzten Zapfenstreich für die zurückgekehrten Soldaten ab, wegen der »neuen« Umstände. Der afghanische Präsident ist geflohen, um, so die offizielle Version, ein Blutbad zu vermeiden. Kabul ist fast ohne Widerstand in die Hände der Taliban gefallen.

In der Stadt geht es drunter und drüber. Eine amerikanische Journalistin steht auf der Straße, immer noch in Jeans und ohne Kopfbedeckung, und berichtet über den Nachrichtensender CNN scheinbar furchtlos über die Lage. All die, die mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben, sind jetzt in Gefahr. Es soll sich um Zehntausende handeln. Am Himmel ziehen Hubschrauber vorbei, unbeeindruckt. Die Journalisten in den Heimatstudios schlagen einen schärferen Ton an, fragen aufgeregt, wie es dazu kommen konnte. Es ist nur von Amerika die Rede, Deutschland oder ein anderes europäisches Land kommen nicht vor. Hieß es denn nicht, die Evakuierung sollte erfolgen, bevor die Taliban die Stadt erobern? Was ist mit den Geheimdiensten? Haben auch sie sich geirrt? Bilder aus Saigon werden eingeblendet, wo 1975 in letzter Minute Hubschrauber vom Dach der amerikanischen Botschaft abhoben, nachdem der Vietkong sich bereits in der Stadt eingenistet hatte.

11

Sich aus dem Staube zu machen heißt, dem Kampf aus dem Wege zu gehen. Wer will schon seine Haut zu Markte tragen?

Unsere Nachbarn waren längere Zeit verreist, und plötzlich steht die Frau auf dem Balkon. Ich rufe ihr zu, wo sie gewesen sei. Sie winkt ab, deutet an, nicht so laut reden zu wollen. Einige Sekunden später lehnt sie sich gleich nebenan aus dem Fenster.

»Wo waren Sie denn so lange?«

Sie legt den Finger auf den Mund, möchte jedoch etwas loswerden.

»In Kroatien. Das ist ja ein ganz anderes Land, mit viel weniger Menschen. Ich sage Ihnen, hier habe ich Angst. Man kann wirklich nicht mehr sagen, was man denkt. Außerdem ist in Kroatien alles billiger; spätestens seit Corona sind die Menschen hier verrückt geworden. Kennen Sie die letzten Vorschriften? Wissen Sie, wo man Masken tragen muss und wo nicht? Wo man noch reinkommt? Ich halt das nicht mehr aus. In Berlin haben sie gerade wieder eine Demonstration auseinandergeprügelt.«

»Wollen Sie auswandern?«

»Ehrlich gesagt, mein Mann und ich reden darüber. Vermieten unsere Wohnung oder geben sie ab. Meine Coaching-Briefe verschicke ich per Mail und mein Mann kann seine Autos auch übers Internet verkaufen.«

Die Frau ist besorgt, ihre Ängste sicher übertrieben, aber nicht gespielt. Sie ist kaum wiederzuerkennen. Macht sie sich etwas vor oder igelt sie sich ein, um sich etwas vormachen zu können?

»Kennen Sie die Zeitung »Demokratischer Widerstand«, fragt sie mit zugekniffenen Augen.

Ich schüttele den Kopf.

»Eine der meistverkauften deutschen Zeitungen, im Internet. Da stehen Sachen drin, hochspannend.«

Nachdem wir uns verabschiedet haben, suche ich im Netz nach »Demokratischer Widerstand«. Warum »Demokratischer Widerstand«? Und nicht einfach »Widerstand«? Ich zitiere: »Das Volk will seine Freiheiten und Grundrechte zurückhaben und zweifelt am Corona-Narrativ der politmedialen Kaste. Um ihr medizinisch unbegründetes Angstregime aufrechtzuerhalten, brauchen die Panikschürer immer furchteinflößendere Geschichten.«

Starker Tobak, der an das Vokabular anderer Zeiten erinnert. Wilde Behauptungen, mit Schlagwörtern aufgeschäumt. Kaum Fakten, aber Meinungen, manchmal überprüfbar, wie die Schließung einer Kaufhof-Filiale. Aber was heißt das schon? Die Kaufhäuser und der Einzelhandel werden durch den Internethandel ruiniert, nicht durch das Corona-Regime.

Heute hat die Nachbarin schon wieder ein Paket von DHL bekommen. Es gibt Tage, an denen der Aufzug bis unter die Decke voll ist mit leeren Kartons. Sie ist nicht die Einzige, die sich alles ins Haus schicken lässt. Auf dem Dach eines Lieferwagens steht: Ich komme auch zu dir hoch.

12

Die Frau, die am Kiosk die Zeitungen verkauft, kämpft ebenfalls mit ihrer Angst. Sie meint, jetzt nach dem Fall von Kabul kämen wieder so viele Flüchtlinge, die meisten davon Männer.

»Glauben Sie mir, ich bin eine resolute Frau, die sich zu wehren weiß. Aber vor denen fürchte ich mich.«

Dabei schüttelt sie sich, als habe sie Fieber.

Wie kommt es, dass eine energische, lebenserfahrene Frau, mit der ich von Zeit zu Zeit ein Schwätzchen halte, Angst vor Leuten hat, die sich selbst vor Angst aus dem Staube machen? Hinter jeder Frage verbirgt sich eine neue Frage, ja, eine Kette von Fragen. Ohne dass am Ende solide Antworten stünden. Im Gegenteil, die Menschen spüren, dass es verlässliche Antworten kaum mehr gibt. Früher wurde mit religiösen Dogmen oder wissenschaftlichen Formeln Jahrzehnte oder Jahrhunderte weitergewirtschaftet, bis es nicht mehr anders ging und die Verantwortlichen ihre Ungültigkeit einräumen mussten. So herrschte Ruhe, scheinbare Ruhe. Immerhin. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Täglich, ja stündlich neue Nachrichten. Fast jeden Tag wird etwas, was bisher als gesichert galt, aus dem Verkehr gezogen. Ein Nährboden für alle, die Komplotte wittern.

Vor dem Zeitungsladen stehen in der zweiten Reihe Oversized-Limousinen, raffinierte Sportwagen, die schon im Leerlauf ihre Muskeln zeigen. Dazwischen werden Espressi oder auch ein Caffè macchiato serviert. Der Kaffee schmeckt besser als in Paris. Männer im besten Alter, fast immer dieselben, unterhalten sich; ziehen genießerisch an ihren Zigarren. Im Zeitungsladen steht ein Schrank mit handgefertigten Havannas und Coimbras. Die Männer reden über Geschäfte, griechische Inseln, wie man Steuern spart. Das Groteske ist eine Folge der Gleichzeitigkeit: In der Kölner Apostelstraße geht das Leben seinen Gang, während sich in Kabul Menschen an startende Flugzeuge klammern und in Kanada die Wälder brennen.

Dann passiert, was zu erwarten war: ein Attentat an einem der Zugänge zum Flughafen in Kabul. Kurz darauf ein zweites in einem Hotel, das als Treffpunkt für Leute dient, die ausreisen wollen. Obwohl das Hotel nur einen Steinwurf vom Flughafen entfernt liegt, werden die Menschen mit dem Hubschrauber in den militärischen Bereich des Airports transportiert. Es dauert nicht lange, bis der Anschlag mit einem Ableger der Organisation »Islamischer Staat« in Verbindung gebracht wird. Deren Anhänger sind noch radikaler als die Taliban, die ebenfalls unter den Opfern vermutet werden. Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Chaos, Improvisation überall. Der moralische Krater, den die westlichen Mächte nach zwanzigjähriger Besetzung hinterlassen haben, wird sich wieder füllen, nur womit.

Um nicht einseitig zu werden, schaue ich die Nachrichten im deutschen Fernsehen. Attraktive Sprecherinnen mit ausländischen Namen, assistiert von graumelierten Männern, die bald das Pensionsalter erreicht haben. Die öffentlich-rechtlichen Nachrichten sind eine Erhabenheitsbühne, ein Betroffenenaltar mit einem Hang zu Science-Fiction-Effekten. Blaue Kugeln drehen sich zu elektronischer Musik, weit weg von jeder Wirklichkeit. Die Kugeln sollen sagen: Die Welt ist unser Zuhause, wir schließen niemanden aus; und ein halliger Gong mit einem Musikschweif garantiert die Rückversicherung durchs Universum. Die Sprecherinnen und Sprecher lesen ihre Nachrichten stehend, steif wie Bohnenstangen. Obwohl sie keine Gesetzestafeln wie Moses auf dem Berg Sinai hochhalten, geht es zu wie in einem Notariat, wo an den Vertragstexten nicht mehr gerüttelt wird. Die Redaktion hat die Fakten gescheckt, alles, was anecken könnte, wird weggelassen. Um die Unverrückbarkeit des Vorgetragenen zu unterstreichen, wird die Tiefe des Weltalls als Zeuge aufgeboten. Allerdings will niemand daran erinnern, dass wir uns dort eines Tages als Staubkörner wiederfinden. Auch in ausländischen Sendern wird den Nachrichten etwas Erhabenes, Pompöses aufgestempelt; aber die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland sind in dieser Kategorie Weltmeister. Zuhause haben breite Flachbildschirme die Altarbilder verdrängt. Die laizistische Unfehlbarkeit ersetzt die klerikale.

Der Platzwart auf dem Tenniscourt stöhnt heute vor Muskelkater; er habe den Sonntag mit einer Gymnastikgruppe in einer Muckibude verbracht. Eine junge Frau Mitte zwanzig habe ihn zu einer irrsinnig lauten Musik »durchgepeitscht«. Dabei lacht er vergnügt.

13

Wann immer es geht, nehmen wir das Fahrrad. Die Wege sind besser geworden, die Autofahrer rücksichtsvoll. Nur die jungen Kerle auf den Elektrorollern spielen dreist ihre geliehene Kraft aus. Heute geht es nach Ehrenfeld in die Balloni-Hallen, weil dort philosophisch gestritten wird. Vorbei an der Moschee auf der Venloer Straße. Trotz der Streitereien zwischen der türkischen Religionsgemeinde und dem Architekten Paul Böhm ist der Bau zu einem guten Ende gekommen. Vielleicht der schönste europäische Kirchenneubau, seit Corbusier in Ronchamp seinen wuchtigen Betonpilz hochzog. Die Wölbungen der Kuppeln erinnern an orientalische Vorbilder, durch die gläsernen Partien fließt Licht in den Gebetsraum, ein unaufdringlicher Hinweis auf die Zerbrechlichkeit des Seins. Der Bau ist keine Imitation, sondern zeugt von Inspiration. Der sandfarbene Ton, der dem Beton die Kälte nimmt, unterstreicht die Nähe zur organischen Natur. Hat Böhm bei Tadao Ando nachgeschaut, der in Neuss ein Museum für eine private Stiftung errichtet hat? Auch Ando nimmt durch eine sorgfältige Auswahl von Sand und Mörtel, durch klug gewählte Verschalung dem Beton seinen abstoßend kalten Charakter. Schafft Ersatz für die Schönheit der Natursteine, die rar und teuer geworden sind. Bleibt abzuwarten, wie sich die äußere Schale auf Dauer entwickelt. Erste Schäden machen sich bereits bemerkbar. Moderne Materialien altern schlecht.

Von der Moschee aus geht es über die Venloer Straße in den Vorort Ehrenfeld. Die Autos rollen langsam, die Fahrer sind sichtlich bemüht, Unfälle zu vermeiden; sportliche Fahrradfahrer treten in die Pedale. Man fährt an Cafés, Kneipen oder Dönerbuden vorbei; hier gibt es nichts original Deutsches mehr; junge Leute sitzen vergnügt auf den Terrassen, schlürfen ihre Säfte, schlecken ihr Eis oder gießen sich ein Kölsch in den Hals. In diesem Viertel wohnen Menschen aus über hundert verschiedenen Nationen. Marseille kommt mir in den Sinn, doch wäre es erstaunlich, wenn es dort so viele verschiedene Nationen gäbe. Von Verbrechen oder sonstigen Belästigungen keine Rede; vielleicht auch, weil ich keine Lokalzeitung lese. Hier und heute jedenfalls ist die friedliche Stimmung mit Händen zu greifen, beim Vorbeiradeln zu spüren; die Kölschen mischen sich ohne Schwierigkeiten und alle Zugereisten empfinden das auch so.

Die Balloni-Hallen, ehemalige Industriegebäude, werden heute für »Events« genutzt. Auf der Bühne wird über Resilienz diskutiert. Mein Computer schluckt das Wort, ich kenne es aus dem Französischen und Englischen; im zehnbändigen Duden, der allerdings schon einige Jahre alt ist, finde ich es nicht.