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„In Form einer Erzählung eine dichterische Sinndeutung der weltberühmten, unsterblichen Naumburger Sandsteinfiguren.“ (Hans Sterneder) Eine der schönsten tragischen Liebesgeschichten der Weltliteratur. Sehr knapp, sehr eindringlich und sehr kraftvoll erzählt. Die höfische Welt des Mittelalters.Uta von Ballenstedt und Wilhelm von Camburg sind fast noch Kinder. als sie sich zum ersten Mal begegnen, doch schnell wird ihnen klar: Sie gehören zusammen. Er, der Feingeist, und sie, seine Seelenverwandte. So reifen sie heran in der Gewissheit einer gemeinsamen Liebe und eines gemeinsamen Lebens. Doch dann kommt alles ganz anders. Wilhelm zieht mit dem Kaiser nach Italien. Der Zug dauert mehrere Jahre, seine Briefe erreichen sie nicht, und ihr Vater drängt sie zur Hochzeit mit einem anderen. Doch sie widersteht dem Werben und hält ihrem Liebsten die Treue. Da verbreiten Vater und Brautwerber die Nachricht, Wilhelm sei tot. Utas Widerstand erlischt, und sie heiratet den Falschen. Nur wenige Tage später kehrt Wilhelm an der Seite des Kaisers heim ... In dieser wundervollen Erzählung gestaltet Hans Sterneder Schicksal und Ideal eines edlen Menschentums, das in den Stifterfiguren des Naumburger Doms in unvergänglicher Form zu Stein geworden ist, und stellt dem steinernen Denkmal ein literarisches an die Seite.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
Hans Sterneder
Der Edelen Not
Vision um die Naumburger Figuren
Eich-Verlag
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1. E-Book-Auflage 2017
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ISBN 978-3-940964-31-1
Im Westchor des Domes zu Naumburg ist hauchloses Schweigen. Es ist tief in der Nacht.
Der herbstliche Mond steht schräg am Himmel. Die Sterne sind unter seinem vollen Glanz zurückgetreten. Die Dächer der Stadt und die Baumkronen unten im Tal liegen in silberner Helle. Auf den Gassen und dem Gras der Anger zeichnen sich scharfe Schatten.
In der Stadt ist kein Laut. Nur unten in den Gärten löst sich ab und zu eine reife Frucht und fällt mit dumpfem Aufschlag in das taunasse Gras.
Unirdisch heben sich die vier schimmernden Domtürme in die helle Nacht. Wie ferner Heiligenschein funkeln die grünspanigen Turmhelme.
Es ist jene Stille in der Welt, wie sie der Natur eigen ist, wenn sie ganz in das kommende Leben versunken ist, das sich von ihr lösen will, und das sie nur mit Wehmut hingibt.
Im Westchor geistert fahler Lichtschimmer durch die schwere Dunkelheit. Der Mond ist noch nicht im Zenit. An den Wänden stehen die zwölf Stifter des Domes. Regungslos. Kein Schild bebt, kein Schwert klirrt; auch das Buch in Frau Gepas Hand knistert nicht; nicht einmal eine Falte an den Kleidern der Frauen.
Aber es ist eine große Spannung im Raum. So groß, dass sie wie ein leise schwingendes Klingen ist. Wie wenn der Wind durch eine Harfe streicht und sie zum Singen bringt.
Das ist immer so in den vollen Mondnächten.
Es ist eine geballte Kraft im Chor, wie in einer Halle, aus der eben der Kaiser schritt oder in der der letzte Ton des großen Minnesängers verklang.
Draußen schläft die Stadt. Wie eine Straße aus Silber liegt der Fluss im Land. Die Berge sind hingestreckt wie ruhende Tiere.
Aber im Dom ist ein unheimliches Leben. Ein Leben, das sich nicht durch die leiseste Bewegung verrät. Und das doch so machtvoll fühlbar ist.
Der Mond steigt und steigt.
Zum Zerreißen ist die Spannung im Chor.
Da löst sich ein leises Stöhnen von den Lippen eines Mannes. Es kommt aus der undurchdringlichen Finsternis zwischen den hohen Buntfenstern.
Die Hand einer Frau, die regungslos steht, erzittert über dem Herzen.
Ein Schwert klirrt ...
Es ist immer dasselbe, solange es auch schon her ist. Sie kommen nicht davon los:
Auf Burg Ballenstedt im Harz ist große Erwartung. Esico, der Knabe, Uta und Hazecha, die Mädchen, haben die Köpfe in den Fenstern des Erkers und spähen die Straße hinaus, die vom Walde her zum Burgtor führt.
Jeden Augenblick muss er kommen, Wilhelm von Camburg, der hier auf dem Schloss Zucht und edle Sitten erlernen soll, da sein Vater im Kampfe fiel.
Endlich erschallt das Horn im dunklen Tann. Blitzend bricht der Tross heraus.
Vorn neben dem Vogt ein schmaler Jüngling, steil und hoch, vom goldenen Gelock umweht.
Auf seinem Antlitz liegt ein seltsames Gemisch von Heimweh, Abenteuerlust und Traum.
Hinter ihnen eine wirbelnde Staubfahne.
Esico sieht die Gestalt und das Wappentuch.
Hazecha sieht das Wams, das weiß ist und von schimmernder Seide.
Uta aber sieht den Traum.
Und der fremde Jüngling schreitet durch das heimatferne Schloss, wie eine Wolke über den Himmel schwebt.
Scharf schlägt der Waffenmeister auf Wilhelms Schwert.
Aber der sieht nicht die Gefahr; in ihm klingt der Klang des Stahles und die Kunde der vielen Schwerter, die in Kämpfen siegten und die in Kämpfen brachen.
Esico springt ihn an wie ein Luchs. Durch Wilhelm wetterleuchtet für eines Blickes Bruchteil die Urschönheit der großen Allmutter. Aber er stellt seinen Mann.
Sie reiten zur Jagd, stürmen über Feld und Hang. Um seine Faust klammern sich die Krallen des blockenden Falken. Doch während sein scharfes Auge das Wild im Äther erspäht, regt sich in seiner jungen edlen Seele ein Gefühl für die ewige Gemeinschaft alles Lebens.
Sie tummeln die Rosse auf dem weiten Burghof. Laut krachen Lanzen und Schilder. Der blonde Jüngling lässt seinem Vater ruhigen Schlaf unter der Erde. Sie sind ihrer vier. Aber immer, wo Uta ist, da ist Wilhelm. Immer, wo Wilhelm reitet, ist auch die Jungfrau neben ihm im Sattel.
Es fällt kein Wort.
Aber wenn irgendwo eine schöne Blume blüht, eine Wolke zieht oder ein Flügel zuckt, weist er darauf. Bald lebt er nur für Uta.
Sie weiß es.
Nächtens, wenn Wilhelm singt, ist es, als ob Blüten aufbrächen aus keuschen Kelchen.
... Und da bricht auch eine Blüte auf, weit und voll Duft: Die edelste der Erde.
Die Zeit verrinnt. Esico ist an den Hof des Landesfürsten gekommen. Hazecha hat seltsamen Hang. Sie kniet halbe Nächte lang in der Hauskapelle vor der süßen Gottesmutter, streut Blumen vor ihre Füße, singt ihr leise, fromme Lieder.
Wilhelm und Uta sind viel allein. Sie reiten miteinander durch das blühende Land, wenn die Wiesen goldgelb sind vom Schimmer der Himmelsschlüssel.
Sie reiten durch die Felder, wenn das Himmelszelt funkelt unter dem Glanz der hohen Sonne und das bräutliche Korn nach Brot riecht.
Sie reiten durch die Wälder, wenn das Laub sich bunt färbt und die dumpfen Schreie urstarker Hirsche aus dem Dämmer grollen.
Sie reiten weglos über sanfte weiße Hügel, auf deren Unberührtheit sie nur den Fährten scheuen Wildes begegnen.
Wilhelms Gerte pfeift durch die Luft; er lacht und strahlt.
Utas Hand aber streicht zärtlich über den Hals ihrer Stute. Oft und sehr zärtlich.
So klingt und singt durch die Zeit, was der Mund nicht zu gestehen wagt. Nicht sagen muss.
Der alte Ballenstedt aber nennt ihn den Träumer.
Es ist großer Lärm auf der Burg. Fremde Reiter sind angekommen vom Kaiser. Markgraf Hermann von Meißen mit seinem jüngeren Bruder Ekkehard, Graf Dietrich von Brehna und Sizzo von Käfernburg, der Bärtige. Auch Timo von Küstritz ist da, der Schweiger, und andere Herren mit ihrem Tross. Sie haben mit dem Kaiser ein ernstes Wort zu reden gehabt, der Polen wegen. Das Wort ist geredet. Des Kaisers Spruch ist ihr Pfand. Nun sind sie frohgemut. Sie raten und planen um Polen. Hermann, der immer ein wenig versunken ist, spricht von seiner Absicht, eine neue Burg zu bauen. Sizzo, der Bärtige, erzählt von seinen Kampffahrten. Viel Streit, viel Ehr. Viel bunte Abenteuer. Er muss aufpassen, es sind Damen da. Aber Sizzo hat in vielen wilden Händeln nicht verlernt, was sich vor Frauen ziemt.
Hoch geht das Fest.
Die Augen Ekkehards von Meißen suchen Uta von Ballenstedt, ihr königliches Gesicht, aber auch ihre fraulich-wonnige Gestalt.
Es ist eine wilde Flamme im Grafen.
Wo es Anstand und Sitte erlauben, ist er um sie.
Aber die Jungfrau scheint seine Huldigungen nicht zu hören. Oder will sie nicht hören?
Die Hörner schmettern im Wald. Sie reiten im wilden Gebraus. Der Junge von Meißen drängt sein Ross an Uta.
„Wozu jagen wir der Hindin nach, da doch die edelste Hindin ...“
Aber sein Wort dringt nicht an ihr Ohr. Sie ist bei dem von Camburg. Reitet neben ihm.
Ekkehards Hand ballt sich um die Zügel, reißt das Ross wild empor.
Abends bei der Tafel greift Ekkehard von Meißen den hohen Zinnkrug. Hebt ihn gegen den schmalen Camburg.
„Ein Heil, wer ein Mann ist!“
Er leert den Zinnkrug ohne abzusetzen. Das breite, von kastanienbraunem Haar umrahmte Gesicht lacht. Wilhelm blickt flüchtig auf den Herausforderer, tut einen kurzen Zug.
