Die Zwei und ihr Gestirn - Hans Sterneder - E-Book

Die Zwei und ihr Gestirn E-Book

Hans Sterneder

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Beschreibung

„Ein astrologischer Roman, der in Schottland, Italien und Ägypten spielt und in sehr bunter Handlung an der Hand von Astrologie und Horoskopie die Probleme von Zufall oder Schicksal, Unsterblichkeit, Karma und Wiedergeburt [darlegt].“ (Hans Sterneder) Ein junger schottischer Lord, ein italienischer Hirtenjunge und die Schicksalsfäden, die beide über Inkarnationen hinweg miteinander verweben. Das sind die Zutaten, aus denen Hans Sterneder diesen einzigartigen Roman über Reinkarnation, Karma und Unsterblichkeit zubereitet hat. Der junge Lord Clarance O’Neill verliebt sich unsterblich in Isabel, die Tochter des Schlossgärtners. Eine Liaison, die für das alte schottische Adelsgeschlecht völlig inakzeptabel ist. Mit steinerner Härte stellen sich Großvater und Vater gegen die Verbindung. Clarence flieht nach Ägypten. Doch als die Ablehnung der Familie ihn auch dort trifft, hat er nur noch einen Zufluchtsort: Italien, Neapel und dort seinen Freund Nazzaro. Mit ihm verbindet Clarence eine innige Freundschaft seit Kindertagen. Bei ihm erhofft er sich Linderung seiner Seelenpein. Doch das Schicksal will es anders. In einer dramatischen Schlussszene findet das Karma der beiden Freunde seine Erfüllung.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Hans Sterneder

Die Zwei und ihr Gestirn

Roman

Eich-Verlag

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1. E-Book-Auflage 2018

© Thomas Eich-Verlag, Werlenbach 2009

Alle Rechte vorbehalten

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Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Umschlagfotos: © Vlad - Fotolia.com / © Ingrid Walter - Fotolia.com

Umschlaggestaltung, Satz und Datenkonvertierung E-Book: Thomas Eich

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ISBN 978-3-940964-51-9

1

In der holzgetäfelten, mit unzähligen Jagdtrophäen geschmückten Halle des Schlosses Abbodsford, im nordöstlichen Teil der schottischen Grafschaft Argyll, waren die Familienmitglieder des Geschlechts der Viscounts O’Neill nach altem Volksbrauch um den im behäbigen Kamin brennenden Julbock versammelt und warteten auf das Ertönen der Weihnachtsglocke und das Wunder des Lichterbaumes.

Dicht am Feuer, in das Spiel der Flammen versunken, saß der alte Lord Josuah O’Neill, der als Peer von England durch viele Jahrzehnte im Oberhaus zu London die Interessen Schottlands verfochten hatte und dem man trotz der schneeweißen Haare weder in der straffen Haltung seiner großen und schlanken Gestalt noch im Blick seine siebzig Jahre ansah. Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Kamins, ruhte im mächtigen Stuhl seine Gemahlin Elisabeth, eine geborene Gräfin von Schönborn, die ihm einst in jungen Jahren aus ihrer norddeutschen Heimat als treue Lebensgefährtin in seine raue Bergwelt gefolgt war und außer der hohen Kultur ihres Geschlechtes auch den anheimelnden Brauch des Lichterbaumes mit über das Wasser genommen hatte. Zwischen den greisen Schwiegereltern saß vorgebeugt die ebenso stolze wie schöne Lady Bryda, eine Tochter der mächtigen Grafen von Warwick, welche durch viele Jahrhunderte hindurch mit mutigem Schwert den Glanz der eng­lischen Königskrone gewahrt –, und vor seiner Mutter lag auf dem großen Eisbärenfell, überaus zart und bleich, ihr einziges Kind, der zwölfjährige Clarence, unverwandt ins Feuer starrend. Zwischen den beiden Damen saß der einzige Freund des Hauses, Sir Thomas Doo, ein Mann um die Fünfzig, dessen geistvolles Gesicht auf den ersten Blick vermuten ließ, dass er den Wissenschaften hingegeben sei. Er lebte seit vielen Jahren als Junggeselle auf seinem stattlichen Landsitz, kaum eine halbe Stunde von Abbordsford entfernt.

Was ihn einst bewogen, die abgeschiedene Stille des Landes gegen das lärmende Leben der Großstadt einzutauschen, war auch den O’Neills unbekannt, doch nahm man an, dass es der vielseitigen und eifrig betriebenen Studien halber, zu deren emsigsten jenes der Botanik zu gehören schien, geschehen war. Auch musste er von diesen Wundern der Natur tiefere und geheimere Kenntnisse haben als sonst ein Sterblicher, denn er kam manchmal auf die göttliche Harmonie in der Schöpfung zu sprechen, mit welcher der Mensch sein Leben in Einklang zu bringen hätte, und rollte dabei großartige Bilder eines seltsam geheimnisvollen Zusammenhanges alles Seienden auf. Auch hatte er mehrmals schon in Stunden höchster Gefahr auf geradezu wunderbare Weise geholfen.

So groß nun die Verehrung und Freundschaft der ­O’Neills für Thomas Doo war, so tief war die Liebe des kleinen Clarence für seinen Onkel. Und dies war nur zu begreiflich, denn der Gelehrte, um den immer etwas wie ein Geheimnis lag, hatte den Knaben von klein an viel auf seinen Streifzügen durch Wald und Wiesen mitgenommen und ihm bei diesen Gängen, die fast immer mit dem Sammeln irgendwelcher Pflanzen verbunden waren, derartige Kenntnisse vermittelt, wie sie sonst diesem Alter nicht eigen sind. Für dieses innige Einfühlen in die Natur waren alle Grundbedingungen gegeben, denn er hatte neben einer ungemein empfänglichen Seele einen weit über das gewöhnliche Maß hinausgehenden Hang zur Träumerei und eine Hingabe, die man beinahe pantheis­tisch bezeichnen musste.

So war es selbstverständlich, dass den stillen, beinah scheuen Knaben niemand so gut kannte wie Thomas Doo. Und es konnte auch nicht verwunderlich sein, dass an dem seelisch überzarten Jungen, seit er vor drei Jahren ins Gymnasium nach Glasgow gekommen war, ununterbrochen leises Heimweh nagte und ihm derart zusetzte, dass es dem Rektor des Instituts Besorgnis einflößte und er dem Vater mehrmals Mitteilung machte. Der Viscount jedoch war eine viel zu sachliche Pflichtnatur, als dass er diesen Nachrichten ein schwereres Gewicht zugemessen hätte.

Und da umgekehrt Clarence viel zu verschlossen, ja geradezu keuschen Gemütes war, hielt er seine Not ängstlich vor allen verborgen und kämpfte tapfer, wenn auch vergeb­lich gegen das Leid, das tückisch an seinem Lebenskern zehrte.

Thomas Doo jedoch, der das Bedenkliche des Zustandes genau wusste, hatte seinem Freunde schon im Sommer die ernstesten Vorstellungen gemacht. Wie sehr er damit recht gehabt, war dem Viscount heute Nachmittag klar geworden, als er seinen Jungen abholte und mit ihm durch das dichte Schneetreiben fuhr.

Clarence war ihm nun selber so gebrechlich erschienen, das schmale Gesicht mit den tief in den Höhlen liegenden braunen Augen so schmächtig und bleich, dass ihn, als der Knabe fortwährend leise vor sich hin hüstelte, plötzlich aufsteigende Angst überfallen und er sein Kind mit einer Leidenschaft an seine Brust gepresst, als müsse er ihn gegen eine unsichtbare Gefahr schützen.

So schnell die Pferde in dem wilden Schneegestöber nur vorwärts konnten, war der Schlitten durch die Landschaft geflogen. Doch je mehr sich das Herz des Vaters gesorgt, umso befreiter war mit jedem Hufschlag, jedem vorbeischießenden Baum jenes des Sohnes geworden, und während sich in der Brust des Lords das Gebet der Vaterliebe formte, jauchzte und jubelte in der seines Kindes der selige Sang der Heimatlust.

Beinah heftig hatte der Viscount den Jungen aus dem Schlitten gehoben und ihn eilends über die Treppe ins Schloss getragen.

Erst als Clarence in der traulichen Wärme sichtlich aufzublühen begann, war Sir John ruhiger geworden.

Und nun war es längst Abend; das Unwetter, das von den wilden Hängen des Grampiangebirges talwärts gefegt, hatte gegen Einbruch der Nacht mit einem Schlage aufgehört und war von einem derart wütenden Sturm abgelöst worden, dass die Fenster des ganzen Schlosses ununterbrochen bebten und das Glas der Scheiben knisterte.

Stumm saßen die Fünf um den Kamin, dessen Flammen in ruhlosem Ungestüm ihr streitfrohes Kampfspiel trieben. Immer wieder wurde ihr Ohr von dem Toben des Orkans gefangen, der von einer Wildheit war, wie es selbst die sturmvertrauten Bezirke Schottlands kaum kannten.

Tief versunken blickte Clarence unverwandt in das wilde Züngeln der Flammen, seine lebhafte Seele aber war draußen beim Sturm und wurde auf den Schwingen ihrer Phantasie in wilde Wirbel gerissen.

Die Augen Sir Thomas Doos ruhten forschend auf dem Kinde.

Plötzlich kam es im Flüsterton von dessen Lippen: „Die Windgeister ...“

Und halb noch in der anderen Welt, sich an Sir Thomas Doo wendend: „... Hörst du es, Onkel! ... Hörst du die Geis­ter der Lüfte?“

Der legte die Hand auf jene des Knaben und umschloss sie mit festem Druck.

Die Andern sahen in besorgter Aufmerksamkeit auf den Versonnenen.

„Ich höre es, Clarence“, entgegnete der Angesprochene.

„Ach, es ist ja nur der Sturm, mein Kind!“, fiel fast gleichzeitig die junge Mutter mit ein.

Über Clarences Gesicht ging ein feines Lächeln; entschieden schüttelte er den Kopf, der wieder seinen tiefen, altklugen Ausdruck hatte.

„Nein, es ist nicht so! Der Sturm ist nicht tot! ... Er ist nicht tot.“ Die letzten Worte erstarben fast; im Gesicht aber wechselte der Ausdruck so jäh, als erwache er erst jetzt zur Wirklichkeit.

Seine Gestalt sank noch mehr im großen Lehnstuhl zusammen, als wollte er sich und die Worte, die ihm entglitten, darin verbergen.

Wieder war es totenstill in der großen Halle.

Nur die Feuerzungen im Kamin lohten weiter, blutigrot, so dass die blanken Stahlrüstungen an den Wänden wild aufglänzten, wie wenn sie von heißen Kämpfen träumten. Dazu dröhnte und brüllte der Sturm, als wolle er die Mauern des alten Schlosses einrammen.

„Jetzt ertönen bei uns die Choräle von den Kirchtürmen“, sprach die Greisin, und Sir Thomas Doo erkannte an der etwas hastigen Art, in der sie dies tat, dass sie es hauptsächlich sagte, um Clarence aus dem Banne der für ihn so gefährlichen Bilder zu reißen.

Die Worte verfehlten auch nicht ihre Absicht. Lebhaft wandte der Knabe den Kopf nach der Großmutter, in seine Augen kam warmer, freudiger Glanz.

Und sie erzählte dem Enkel mit all der breiten, sorgfältigen Liebe eines viele Jahre der Heimat entrückten Menschen von den lieblichen Weihnachtssitten ihres Volkes, bis mitten hinein in die fröhlichen Bilder das jauchzende Rufen eines silberhellen Glöckchens erklang.

Und so laut der Sturm auch um die Mauern tobte, sieghaft war diese kleine Glocke, die wie ein Himmelsbote durch die Räume und Herzen jubelte und in ihnen jene freudvolle Weihe erweckte, wie sie so glückselig nur in dieser einzigen Stunde des Jahres aufblüht.

*

Die Bescherung war vorüber.

Nach alter Haussitte war auch das Gesinde zur Weih­nachtsfeier beigezogen worden und hatte, nachdem der letzte Ton des Chorals verklungen war, den die Greisin auf dem Harmonium gespielt, aus den Händen Sir Johns und seiner Gemahlin die Geschenke empfangen.

Doch so viel Freude auch um die stattliche, bis an die hohe Decke hinaufreichende Tanne flutete, der ergreifends­te Augenblick war der gewesen, in dem Clarence mit plötzlich rot werdenden Wangen die kleine schöne Isabel des Gärtners Young heimlich hinter den Lichterbaum geführt und ihr ein goldenes Ringlein mit himmelblauem Stein an den Finger gesteckt hatte.

Strahlend vor Freude war das liebliche Geschöpf in der kindlichen Unbefangenheit seiner acht Jahre zu den Eltern gelaufen, ihnen das köstliche Geschenk seines Gespielen zeigend. So erquickend es gewesen, die Glückseligkeit des Kindes zu schauen, weit rührender noch war es, die keusche Scham zu sehen, mit der Clarence sich hinter dem Baum verborgen, bis Thomas Doo auf seine feine Art ihn aus derselben gelöst.

Nun waren sie wieder allein und standen in stiller Versunkenheit um den duftenden Baum.

Da begann Sir Thomas Doo in diese andächtige Stille hinein zu reden:

„So haben wir nun wieder Weihnacht gefeiert, das Fest des Lichtes und der Freude, das wie kein anderes das Fest der Liebe ist!

Und wir denken in unserer Ergriffenheit daran, dass an diesem Tage vor zweitausend Jahren der große Liebende zu Bethlehem geboren wurde, der sein leuchtendes Königreich auf Erden aufrichten wollte. Und es erfüllt uns große Rührung, und unsere Gedanken sind heute bei ihm, so wie sie all die traulich heimliche Zeit vorher bei denen waren, die uns lieb und nahe sind.

Doch keinem fast ist es mehr bewusst, dass dies Fest die Feier des eigenen Ichs, der Einkehr in die eigene Seele ist!

‚Christ ist geboren!‘, jubelt es durch die Welt, und die Gedanken gehen weit in die Ferne – wissen jedoch den großen, geheimen Sinn dessen nicht mehr, was sie meinen! Wissen nicht mehr, welch tiefes Menschheitsmysterium, welch großes Symbol in diesem seligen Rufe liegt!

Lange, ehe Christen dieses Fest feierten, haben unsere heidnischen Vorfahren diesen Tag bejubelt und mit leuchtenden Feuerbränden begangen.

‚Wintersonnenwende ist da!‘, hallte es freudig durch das Schweigen der eisigen Wälder.

‚Das Licht ist wiedergeboren!‘, jauchzten sie, ‚das Licht, das aus der Dunkelheit ins Helle, das aus dem Tod ins Leben führt!‘

Und sie lobpriesen den Tag und hielten tiefe Einkehr in sich, denn er war ihnen Sinnbild ihres eigenen Seins!

Denn so wie einmal im Jahr der Tag kommt, raunten die Druiden, wo die Sonne wieder aufersteht, wo sie die Bande des winterlichen Todes durchbricht und die Natur ins Helle, ins Leben führt, so kommt auch über dich einmal die Stunde, Bruder, wo deine Seele, der Sonne gleich, sich aus den Finsternissen der Erdgebundenheit befreit, und dir die Wahrheit der Dinge und des Lebens weist!

Und du verstehst dann erst die Wahrheit unseres Freudenrufes und hörst die heimliche Mahnung aus ihm: ‚Gebäre auch du das Licht in dir, o Mensch!‘

Seit Jahrtausenden blüht auf den Ruinen des germanischen Glaubens die Wunderblume des Christentums, doch die Menschen wissen nimmer, dass Christus für uns ganz dasselbe ist wie die Sonne für die Natur: unser Licht, das uns aus der Finsternis des geistigen Todes in die Helle des geistigen Lebens führt.

Wohl feiern sie freudig am heutigen Tage seine Geburt im Stalle zu Bethlehem, doch längst ist ihnen entschwunden, dass Christus so lange für sie ungeboren ist, als sie ihn nicht bewusst in ihrer eigenen Brust gebären, als sie ihre unsterbliche Seele nicht aus den Banden des Stoffwahnes befreien und mit dem strahlenden Lichte seiner Lehre durchgießen!

Wir erkennen nun mit einem Male, dass Weihnacht nicht allein ein Fest ist, sondern ein Geschehen werden soll!

Wir sollen Weihnacht in unserer eigenen Brust begehen, das Mysterium der Geburt Christi in uns selbst vollziehen!

Wir wissen nun, dass der Stall von Bethlehem jeder Mensch selber ist, so lange er von der Finsternis der Erdensucht befangen, nur seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften lebt – in Wahrheit einem Stalle vergleichbar: der Herberge seiner niederen tierhaften Kräfte. Und dass wir mit dem Augenblicke erst wirklich Weihnacht feiern, wo wir den Sinn des Lebens erkennend, den Geistmenschen in uns aus den Fesseln des niederen Erdenmenschen befreien und so die Sonne der wahren Offenbarung, Christus, in uns aufgehen lassen.

Und nun verstehen wir auch den erhabenen Sinn des Lichterbaumes, der unsere Herzen mit so viel Freude erfüllt und doch auch immer mit einem unerklärlichen Gefühl andächtiger Ergriffenheit, dass wir vor etwas stehen, das uns im Tiefinnersten verwandt ist. Wir sehen in dem waldduftenden Baum unseren höheren Menschen, und in seinen Lichtern Christus. Das Ganze ist eine hehre Mahnung, dass wir in uns Christus gebären sollen, und ein Sinnbild, wie rein und strahlend das Wesen eines Menschen ist, der im Sternenglanz der wahren Erkenntnis lebt.“

Thomas Doo schwieg. Die Augen der Lauschenden aber hingen weiter an der überirdischen Schönheit des strahlenden Lichterbaumes, und ihre Seelen waren verschmolzen mit seinem Geiste.

So standen sie lange Zeit, tief bewegt von der feierlichen Predigt des Baumes, der ihnen heute zum ersten Mal sein beseligendes Geheimnis offenbart hatte.

Und mit einem Male vereinten sich ihre Hände und bildeten eine Kette. Und es war wie ein Gelöbnis, einander zu helfen. Krampfhaft zuckend lag Clarences Hand in jener des Onkels.

Lange saßen sie hernach noch in ernstem Gespräch beim dampfenden Punsch um den hell flackernden Julblock.

Draußen war der Sturm, der den ganzen Abend wie ein großer Mahner um das Schloss gefegt, still geworden.

In später Stunde verabschiedete sich Sir Thomas Doo.

Hell klingelte sein Schlitten durch die heilige Nacht.

2

Es mochte eine Stunde später sein, dicht vor Mitternacht.

Das Schloss lag in der wohltätigen Ruhe des Schlafes, schweigsam umschlossen von der Finsternis der geheimnisvollsten Nacht des Jahres.

Plötzlich blitzt in einem Fenster Licht auf. Es ist, als habe das Schloss ein Auge aufgetan und blicke in die Dunkelheit. Nach einer Weile schließt es sich wieder. Doch bald darauf schlägt es ein anderes auf, und dies scheint scharf in die Finsternis zu spähen, denn sein Glanz nimmt ständig zu, bis es in strahlender Helle weit in die Nacht leuchtet.

Clarence hatte keine Ruhe finden können. Es war eine Erregung in ihm, die ihn nicht schlafen ließ. Die Worte des Onkels beim Weihnachtsbaum hatten ihn mit einer wundersamen Macht erfüllt; hohe, beseligende Gefühle zogen unklar, aber in namenloser Beglückung durch seine Brust. Er war ganz von dem Vorsatze erfasst, Christus in sich zu gebären. Onkel Tom trug dies klare Licht sieghaft in sich! Er will werden, wie Thomas Doo ist.

Dazu war tiefe Freude in ihm. Die Leiden des Heimwehs waren gestillt und so wunderbar und weich von ihm gefallen, wie in lauen Hochsommernächten sich die Sternschnuppen von den glänzenden Gestirnen lösen und zauberhaft in der schweigenden Tiefe des samtblauen Himmels vergehen. An ihrer statt tanzte und sang seliges Heimatglück durch sein Herz.

Daheim, daheim! Wieder vereint mit allem, was seine Seele ausmachte – und Weihnacht dazu!

Er hatte es nicht mehr im Bette ausgehalten. Nein, diese Nacht mochten andere verschlafen! Leise war er aufgestanden und behutsam mit seinem Licht über den langen Korridor und die Treppen hinab in den Musiksaal geschlichen, wo der stattliche Baum im Geflimmer seines reichen Schmucks stand. Benommen von dem würzigen Harzduft zog er lange mit tiefen Atemzügen den köstlichen Lebensodem des Wald­riesen in sich. Beinah scheu trat er dann an ihn heran und entzündete in großer Feierlichkeit Kerze um Kerze, bis die ganze Tanne im vollen Glanze ihrer Lichter strahlte.

Und nun liegt er seit geraumer Zeit regungslos auf dem weichen Fell eines Nordlandbären, hat die Zeit und sich vergessen.

Langsam brennt Kerze um Kerze nieder, doch je mehr der Lichtglanz erlischt, desto schöner wird der Baum. Eine seltsam geheimnisvolle Lebendigkeit kommt in ihn. Nun brennen nur mehr ein paar Lichtlein nahe dem Boden tief im Geäst drinnen. Immer riesenhafter wächst der Baum aus dem Dunkel des dämmerigen Saales, über dessen Decke unheimliche Nachtvögel mit weitgebreiteten, pechschwarzen Schwingen zu fliegen scheinen.

Das magische Glühen schließt den Riesen zu einem dunk­len Wesen zusammen, in dessen Innern die rätselhaften Zentren seines Lebens zucken und pulsen.

Immer trunkener werden Augen und Herz des Jungen. Seine leicht entzündliche, traumhafte Seele ist gänzlich gelöst und schwingt und kreist mit im Rhythmus des Baumes. Er fühlt es bewusst, dass sein wirkliches Sein gar nicht mehr in ihm ist. In körperentbundener Schau erlebt sein höheres Ich die Weihnachtstanne und sich selbst.

Nun kämpfen die letzten Flämmchen um ihr Leben. Unruhig flackern sie auf mit wehenden, langen Fahnen, sinken jäh zusammen, ersterben in fahlem, bläulich-weißem Licht. Doch diese Ruhe ist wie der letzte Schlaf eines Menschen vor dem großen Heimgang; wie ein letztes Kräftesammeln und Sichbesinnen der Seele. Und wie der Sterbende erwachsen sie noch einmal jäh in überraschender Kraft und Stärke, steilen hoch auf und brennen in ruhiger, beinah überirdischer Klarheit. Kein Ungestüm des Lebens, keine hastende Unruhe ist mehr in ihnen; sie stehen in der regungslosen Feierlichkeit ihres großen Wissens. Und lautlos, ohne das leiseste Aufheben, sinken sie jäh zusammen und sind nicht mehr.

Ganz finster ist es im Saale.

Schwarz steht der Baum vor ihm, in der feierlichen Gewalt seiner Ruhe.

Ein einziges Licht nur brennt noch tief in seinem Innern: das Herz des Weihnachtsbaumes! Und plötzlich wird es Clarence klar, dass der Baum noch nie so schön war, auch nicht in der prangenden Fülle seiner Lichter, wie jetzt, wo nur sein Herz allein leuchtet, erhaben und groß. Einzelne seiner Äste liegen schon im Frieden der Nacht, um das Herz aber flimmert es wie ein überirdischer Kranz von Licht, in dem alles in wunderbarer Klarheit atmet, zittert und lebt.

Von diesem Herzen erleuchtet, erglüht eine rote Glaskugel wie der blutgefüllte Kelch des Grals voll verzaubernder Kraft in den Wellen eines weichen, goldhellen Lichtes.

Und nun hat sie das ganze Wesen des Knaben gefangen und seine Seele vollends in sich gezogen. Je mehr dieselbe aus seinem Körper tritt und sich in der glutroten Kugel sammelt, umso mehr wird sie von jenem Trancezustand übersinnlicher Feinfühligkeit durchdrungen, der ihm von Kind an eigen gewesen und den man stets für krankhafte Verträumtheit gehalten.

Weit geöffnet sind die Augen des Entrückten.

Und nun ist sie mit einem Schlage wieder um ihn – diese andere Welt!

Ihm vollkommen unbewusst, hat seine Seele wieder die große Schranke des Menschseins überschritten und ist in das geheimnisvolle Reich getreten, das aus den Strahlenfäden der Sterne gewoben scheint, und so zart ist wie kein Blumenkelch auf Erden und so lautlos zu verschwinden vermag wie das Licht der Mondsichel, das im Frührot des aufziehenden Morgens verblasst.

Verzückung durchwogt die Brust des Knaben. Verklärt schaut er auf die wundersamen, lieblichen Wesen, die mit den ersten Gedanken aus dem großen Traumdunkel seiner Mensch­werdung herübergewandert zu sein schienen und die lautlosen Gespielen seines Lebensmorgens waren, lange ehe er mit hilflos stammelndem Wort den Menschen von ihnen hatte erzählen können.

Und es ist der erste tiefe Schatten seines Lebens gewesen, als ihm bewusst geworden, dass die anderen seine Spielgefährten nicht zu sehen vermochten.

Diese Gestalten aber schienen dauernd um ihn zu sein, und, wenn er sie auch später nicht mehr ständig sah, so fühlte er sie doch, besonders, wenn er ganz allein war und seine Seele sich so recht in sich selbst zurückziehen konnte oder sich in die Schönheit der Gotteswelt hineinträumte.

Doch die unbefangene Glückseligkeit seines Kindheitsparadieses sollte ihm jäh vergiftet werden.

Unheilbar ist die schwere Wunde, die der Vater seiner Seele geschlagen, als er ihm gegen das Ende seines siebenten Lebensjahres streng verboten, von diesen unwahren Dingen zu reden, die nicht mehr zu seinem Alter passten und ihn in die Gefahr der Lügenhaftigkeit brächten. Wie von Fausthieben getroffen, war er vor dem Vater gestanden, doch so sehr er sich auch bemüht, ihm klarzumachen, dass diese Wesen keine Ausgeburten seiner Phantasie seien – der Vater hatte ihn nicht verstanden und schroff abgewiesen.

Seit jener Stunde kam sich Clarence trotz der zärtlichen Liebe, welche alle für ihn hegten, wie ausgestoßen vor und verkroch sich mit seiner geheimnisvollen Welt tief in sich.

So war es gekommen, dass der ohnehin weit über seine Jahre hinaus ernste, ja beinahe schwerlebige Knabe immer in sich gekehrter wurde. Und es war einzig nur dem wohltätigen Einflusse Sir Thomas Doos zu verdanken, der mit feinem, verständigem Sinn die innere Starre immer wieder lockerte und aus ihr die Freude für die erhabene Schönheit der Natur zu wecken verstand, dass Clarence nicht schwermütig wurde.

In dieser Zeit begann er seine Spielkameradin, die kleine Isabel, des Gärtners vierjähriges Kind, vorsichtig auszufragen und ihr in den sorgfältig gewählten Verstecken im Park von Wichteln, Gnomen und Elfen zu erzählen. Wohl legte sich warmes Rot auf ihre Wangen, aber nur zu bald musste er zu seiner bitteren Enttäuschung merken, dass auch die hellen Augen des kleinen, zarten Mädchens seine Lichtkinder nicht sahen.

Diese Erkenntnis bedrückte ihn sehr, denn er hatte sich mit all seiner Hoffnung an den Gedanken geklammert, dass diese heimliche Welt, wenn sie schon den Großen sich verschlösse, doch umso sicherer das Gut aller Kinder sei. Er grübelte oft stundenlang, ob es dann überhaupt möglich sei, dass eine Welt, die allen verschlossen schien, einzig nur ihm geöffnet sein könne.

Immer wieder aber kamen Zeiten, wo diese Wesen mit solcher Klarheit und Wirklichkeit vor ihn traten, dass alle Zweifel verblassen mussten. Aber der Zweifel ist ein quälendes Gespenst, das sich hartnäckig in der Brust jedes Menschen verklammert, die es einmal geboren hat!

So war es begreiflich, dass er später, als er auf der Schule zu Glasgow einige Vertraute gewonnen, erneut aufs Vorsichtigste diese Frage zu berühren begann. Und seine innere Angst steigerte sich geradezu zur Verzweiflung, als er erfahren musste, dass es sich mit ihnen nicht anders verhielt als mit der kleinen Isabel. Sie waren felsenfest überzeugt, dass es diese Dinge nicht gäbe und sie nur Märchen seien.

Clarence hatte in dem Institut einen einzigen Freund, dem er mit der ganzen Hingabe seiner Seele zugetan war, Edgar Clifford, der Sohn des Grafen von Clifford, dessen Güter an jene seines Vaters grenzten, und der ihm schon dadurch als ein Stück seiner geliebten Heimat nahe war. Ihm vertraute Clarence vor ungefähr Halbjahresfrist das große Rätsel seines Lebens an, als ihn eines Tages die dunkle Angst besonders peinigte.

Edgar, der seinen Freund von den düsteren Schatten dieser schwankenden Ungewissheit befreien wollte, hatte in kluger Weise in einer der folgenden Unterrichtsstunden an den alten Professor der Naturgeschichte die Frage gestellt, welches Bewenden es mit den Märchengestalten der Natur habe, worauf er ihnen ausführlich erklärte, dass die Wissenschaft solche Wesen weder kenne noch je irgendwo in den Erdschichten gefunden habe und es sich hier einzig und allein um Gebilde der Phantasie handle, mit denen die jungwüchsige Menschheit der Frühzeit die Natur bevölkert und symbolisiert habe.

Doch so wohlgemeint die Absicht Edgar Cliffords gewesen, sie erreichte gerade das Gegenteil.

Clarences Stimmung schlug jäh in dumpfen Trübsinn um, so dass der Rektor und die Professoren ernstlich um ihn besorgt wurden. Mühsam beherrschte er sich zwar in Gegenwart der Menschen, doch sowie er allein war, schlug brennende Verzweiflung durch seine Seele.

Ursache dieses gefährlichen Gemütszustandes war, dass er auf Grund der vielen absprechenden Meinungen in den schrecklichen Gedanken hineingetrieben wurde, sein Gehirn sei krank.

Und die Spukgestalten kamen nach wie vor, waren da, huschten und schwebten; doch wie zum Hohn, wie zur Pein, verschwanden, zergingen sie jedes Mal vor seinen greifenden Augen wie Nebelphantome, sobald er sich anstrengte, sie mit der scharfen Zange seines Verstandes zu erfassen und zu betrachten. Wie er sich aber, was immer seltener geschah, in einem Augenblick befreiten Hinsinnens befand, waren sie sogleich um ihn.

Der verzweiflungsvolle, heimliche Kampf um die Wahrheit dieser Erscheinungen und die sich immer mehr zur Lebensschwermut steigernde Angst vor einer furchtbaren, inneren Krankheit fraßen derart an seiner Kraft, dass der Junge schließlich nur mehr mit Aufbietung seines ganzen Willens den Anforderungen der Schule nachkommen konnte.

So bedurfte es nur eines kleinen Umstandes anlässlich eines Schlittenvergnügens, um seinen ohnehin mehr wie zarten und geschwächten Körper so zu erkälten, dass ihn schweres Fieber überfiel und viele Tage lang ans Bett fesselte. Jede freie Minute war Edgar Clifford am Lager seines Freundes.

Der Arzt hatte einen bedenklichen Schatten in der linken Lunge festgestellt und von dem herbeigerufenen Vater sofortige Herausnahme des Knaben aus der Schule verlangt und ihm dringend nahegelegt, mit dem Kranken auf ein Jahr nach dem Süden zu gehen.

Das war vier Wochen vor Weihnachten gewesen.

Und nun liegt er tief in der Nacht vor dem Christbaum und ist ganz eingesponnen in die andere Welt, die sich so unirdisch vor ihm bewegt wie der Schatten einer über die Erde ziehenden Wolke.

Plötzlich erlischt das Licht. Nachtdunkel ist es im Saal.

Durch diesen starken Wechsel des Sinneneindrucks erwacht Clarence aus seiner Versunkenheit.

Doch das Glück ist so groß, dass es ihn nicht überrascht, die seltsamen Wesen noch immer um den großen Waldbaum spielen zu sehen. Allmählich aber befreit sich der von den weichen Netzen des Gemütes gefesselte Verstand ganz aus dessen Banden, und im selben Maße wechselt die Stimmung. Befremdet erst, dann beklommen, ängstlich, erregt starrt Clarence auf diese lieblichen Geschöpfe, die für ihn von Minute zu Minute furchtbarer werden.

Und plötzlich hat sie ihn wieder erfasst, die Todesnot seiner Seele!

Mit aller Kraft bohrt er seinen Blick in diese Erscheinungen, bemüht er sich klarzuwerden, ob sie Wirklichkeit sind oder Fieberphantasien aufziehenden Wahnsinns.

Alles, was durch ihn zuckt, ist das Werk weniger Sekunden. Seine Pulse fliegen, sein Herz klopft, dass es ihm den Atem benimmt. Kalter Schweiß tritt auf seine Stirne.

Er prüft sich, vergegenwärtigt sich Ort und Stunde; fühlt, dass er wach und vollkommen bei Sinnen ist, bei erschre­cken­der Klarheit! ... Er sieht die Wesen, wie er seine Hand vor sich sieht, den Schmerz der eingegrabenen Nägel im Fleische spürt … Ja, sie sind! sind! und wenn sie die ganze Welt nicht schaut …

Er hat zu angestrengt in sich hineingespäht, um zu bemerken, dass die Erscheinungen schwächer geworden sind, schemenhaft blass wie zerfließender Morgennebel.

Mit der ganzen Macht der Verzweiflung will er neuerdings gegen sie vorstoßen.

Doch die eiskalte Welle seines Verstandes hat noch nicht sein Haupt verlassen – da verschwinden die unheimlichen Gebilde ganz.

Von Grauen geschüttelt, starrt der Junge vor sich ins Leere, Dunkle …

Nichts, … nichts! – –

Und sein Verstand ist doch hell, ebenso scharf und klar wie zuvor, als er die Wesen sah.

Sein Gehirn rast.

Wahrheit, Wahrheit! Was um des Himmels willen ist die Wahrheit!?

Mit der Wildheit der Todesnot stiert er vor sich, will er das Dunkel erhellen, die Gestalten entdecken, fangen und prüfen. Doch so verzweifelt er sich auch müht, die Dunkelheit bleibt so unbelebt, wie sie tonlos ist! ... Er kann ja auch nichts hören! Das Blut in ihm wallt, kocht, stürzt und tost!

Allmächtiger Gott! Ewiger großer Vater, hab Erbarmen mit mir! Verlass mich nicht, lass mich nicht untersinken in die Fluten des Wahnsinns! Es kann nicht sein, dass Du das willst, der Du gut bist gegen alle Geschöpfe! ...

Aber ich war zuvor wach! ... Ja, ich weiß es, dass ich tagwach war wie jetzt – und ich habe diese Wesen gesehen!

Und nun bin ich nicht minder wach, oh, eher viel mehr noch wach – und sehe sie nicht!

Wie soll denn jetzt sein, was zuvor nicht war! Sind es nicht Wellen, die aufsteigen und verschwinden, Schatten, die durch mein Gehirn ziehen, meine Vorstellung trüben! Und dieses Etwas in mir, dieses grauenhaft Unaussprechliche, das die Klarheit meines Ichs trübt: der Wahnsinn!

Wie von Fiebern gestoßen, schüttelt es den Körper des Jungen.

Beide Fäuste über die Augen gepresst, schreit er wild auf wie ein peinvoll gemartertes Tier, wirft sich auf die Erde, die Stirn immerzu auf den Boden schlagend, als könne er sich auf diese Art von dem entsetzlichen Dämon befreien, der sein Inneres verheert, fährt plötzlich empor wie von einem heftigen Schlage getroffen, irrlichtert verstört in frierender Angst nach allen Richtungen des Saales, springt gänzlich auf und schießt, wie von Furien verfolgt, dem Ausgang zu, stürzt die Treppen empor, atemlos, seiner kaum bewusst, rast über den langen Korridor in das Schlafzimmer des Vaters und liegt mit zuckendem Körper in seinen Armen.

Erst gegen Morgen weicht der Bann, vermag der Knabe, der seit Stunden bebend an der Brust des Viscounts geruht, mühselig zu stammeln, zu erklären.

So erfährt Sir John, was sein Kind durch Jahre heldenhaft in sich getragen und durchlitten hat.

Als die letzten Sterne der Heiligen Nacht über Schloss Abbodsford verblassen, verfällt Clarence in tiefen, bleischweren Schlaf.

3

Es war am Morgen des nächsten Tages im Bibliothekszimmers Thomas Doos.

In den hohen Lehnstühlen am Kamin saßen die beiden Freunde einander gegenüber.

Lord John hatte soeben in sichtlicher Erregung das Erlebnis der verflossenen Nacht erzählt und schloss nun daran die seltsamen Gesichte, welche Clarence seine ganze Kindheit durch hartnäckig zu sehen behauptet.

Thomas Doo, der stumm zugehört hatte, saß bewegungslos in seinem Stuhl, die Augen unverwandt auf den Boden gesenkt.

Dieses tiefe Schweigen aber beunruhigte O’Neill, und nachdem er eine geraume Weile ängstlich die Züge seines Freundes durchforscht, brach er selbst die unerträgliche Ungewissheit, indem er beinah heftig bat: „Ich bitte dich, sage mir die Wahrheit! Was hältst du von dem Zustand meines Jungen?“

Der Angeredete hob langsam den Kopf, sah mit seinen durchdringend klaren Augen in die fragend auf ihn gerichteten und entgegnete mit bewegter, aber fester Stimme:

„Vor allem lass dir eindringlich versichern, dass du keinen Grund zur Sorge hast! Denn was für Clarence notwendig ist, wird geschehen!

Nun aber höre und nimm tief in dein Herz, was ich dir zu sagen habe!

Clarence spricht in allem die volle Wahrheit!

Du hast in großer Ahnungslosigkeit der wunderbaren Seele deines Kindes und den Geheimnissen der Natur gegenüber schwere Schatten auf seine Jugend geworfen, und menschliche Selbstherrlichkeit hat den begnadeten Jungen aus seinem lichten Paradies beinah in die Hölle selbstzerfleischenden Wahnsinns getrieben, indem sie ihm das Glück des Ichbewusstseins raubte.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Genau so, wie ich es sage! Dass Clarence nicht die leises­te geistige Trübung hat, dass sein Geist und seine Sinne so klar sind wie die unseren, ja weit klarer sogar, und er die Wesen jener Reiche, die den gewöhnlichen Menschen verschlossen sind, tatsächlich sieht!“

Mit ratlosem Blick starrte der Viscount auf Thomas Doo:

„So glaubst du also wirklich, dass es diese Wesen gibt!?“

Doo nickte. „Ich glaube nicht nur daran, sondern ich weiß es!“, sprach er mit starkem Nachdruck.

„Du weißt es?“, kam es zögernd von den Lippen des Lords.

„Und diese unsichtbaren Wesen sind durchaus nicht befremdender als alles andere, was wir sehen. Der Unterschied besteht einzig nur darin, dass uns die sichtbaren Dinge der Natur gar nicht als Wunder bewusst werden, weil sie uns von frühester Kindheit an vertraut sind, während diese unsichtbaren Welten zeitlebens den zweiflerischen Hauch von Neuland um sich haben, da sie sich dauernd in den Schleier der Verborgenheit hüllen!“

„Was du da sagst, leuchtet mir an sich vollkommen ein, aber zu welchem Zwecke sollten sie denn überhaupt vorhanden sein und vor allem – was sollte denn das für ein unglaublicher Stoff sein, den man nicht sieht und der doch besteht?“

„Was deine erste Frage betrifft, will ich dir darauf nur antworten: ganz zum selben Zwecke, aus dem die Lebewesen von den Mikroben bis zur unerfassbaren Saat der Himmelsgestirne sind und leben! Die Menschheit weiß deren Sinn und Zweck ebenso wenig, wie sie den Grund ihres eigenen Daseins weiß; dem aber, der mit Demut des Herzens die Schöpfung betrachtet und sich den grandiosen Mysterien des Lebens hingibt, enthüllt sich nur zu bald, dass die wahre Ursache alles Seins nur eines ist: die Schaffens- und Offenbarungsfreude der Gottheit!

Um dir aber die Frage über diesen seltsamen Stoff klarzu­machen, wollen wir die Erscheinungsformen des Lebens einmal gründlich betrachten.

So göttlich ist die Schöpfung, dass das Mysterium einer einzigen Pflanze uns verbrennen und auslöschen würde wie eine Mücke, die in die Flamme fliegt, wenn wir uns dem ewigen Geiste in ihr ebenso tief zu nahen vermöchten.

Und dennoch, trotz aller Majestät, wie klein wäre der Ewige, wenn es für Ihn über die Erfassungsfähigkeit des erdgebundenen Menschen hinaus, der trotz seines lohenden Geistes ein Gebild Seiner Hand bleibt, keine Möglichkeiten gäbe, sich zu offenbaren und zu wirken! Mit einem Worte: wenn die Erfassungsgrenze des Menschen zusammenfiele mit der Schöpfungsgrenze des Allmächtigen!“

Lebhaft nickte der Viscount.

Und Thomas Doo fuhr eindringlich fort: „Wir dürfen vielmehr getrost annehmen, dass es für Ihn noch tausenderlei Möglichkeiten gibt, die der Sohn der Erde nicht zu schauen und zu erkennen vermag!

Betrachte die Steine oder die Eichen, wie fest hat der Schöpfer ihren Leib gefügt! Und sieh hingegen – über die unzähligen Dichtigkeitsgrade des Stoffes hinweg –, wie unendlich weich und zart das Gebilde der Blüten oder der gallertartigen Meerestiere ist, deren Körper zerfließt, wenn man sie aus dem Wasser nimmt!

Wie gewaltig ist der Spannbogen im Dichtigkeitsgefüge zwischen Granit und Meeresqualle!

Doch lange nicht genug!

Nimm das Wasser, das Element dieses sonderbaren Tieres, wie gänzlich formlos und dennoch greifbar ist sein Stoff!

Doch weiter weist uns der Ewige den Weg in die Verdünnung des Stoffes, welche wir die Welten des Unsichtbaren nennen, über die Brücke des Hauchreiches!

Denke an die dumpfen Massen des Nebels, die oft zentnerschwer über den Landstrichen unseres Vaterlandes liegen! Um dich, in nächster Nähe, ein ungreifbares Nichts, ein paar Schritte von dir – ein undurchdringliches Etwas.

Doch immer noch zu dicht! Vergegenwärtige dir die Luft, die Nahrung allen Lebens! Sie scheint ein unbedingtes Nichts, doch die kurze Erwägung, dass dieses Nichts aller Kreatur lebensnotwendiger ist wie Speise und Trank, überführt dich zu der Erkenntnis ihrer tatsächlichen Stofflichkeit, die dir übrigens der leiseste Wind sofort bewusst macht! Und die du trotz ihrer scheinbar vollkommenen Körperlosigkeit nicht nur fühlen, sondern auch im fiebernden Schwingungsspiel ihrer winzigen Stoffteilchen sehen kannst, wenn du in heißen Hochsommertagen über die Fruchtfelder blickst.

Wo mag also wohl die Grenze sein?

Im Stofflichen oder in den Sinnen der Menschen?! Ich glaube, die Antwort ist nicht schwer, und wir werden uns ruhig der Behauptung der weisesten Söhne aller Völker beugen können, die sagen, sie hätten bei der Erforschung des Lebens mit ihrem erdentfesselten Geiste geschaut, dass die Verdünnung des Stoffes noch unendlich weit über die Luft hinaus bis zu einem Geiststoff ginge, den sie als den Urbaustoff alles Seienden bezeichnen. Und von dem sie behaupten, er sei dadurch entstanden, dass der Ewige einen Teil Seines Geistes verdichtet habe, als in Ihm der Wunsch entstanden, sich zu manifestieren. Durch viele Jahrhunderte klang die Kunde von Ihm wie eine geheimnisvolle Sage, umgeben von all den Zweifeln, die der Mensch rasch immer da zur Stelle hat, wo seine Sinne versagen. Doch die Entwick­lung schreitet gleichmütig fort, und es ist sehr bezeichnend zu sehen, wie die Wissenschaft, die gestern noch den Bannstrahl bereit hatte, heute immer zielsicherer und notwendiger diesem Urbaustoffe, dem Weltäther, zudrängt.

Wenn es nun diesen unsichtbaren Urbaustoff gibt, warum soll Gott dann nicht aus ihm, neben der sichtbaren Welt, eine unsichtbare geschaffen haben, deren Dichtigkeitsverhältnis weit hinter jenem von Nebel und Luft liegt?

Und noch ein Zweites spricht für das Bestehen dieser nicht sichtbaren Welt: Denke doch nur, dass der Menschheit durch Jahrtausende die Welt der Mikroben verborgen war, bis sie uns das Mikroskop erschloss.

Wenn es also tatsächlich eine grobstoffliche Kleinwelt gibt, die wir einzig nur unserer mangelhaften Augen wegen nicht sehen – was steht dann der Annahme entgegen, dass dem normalen Auge, welchem so scharfe Grenzen im Erfassen der Größe des Stofflichen gesetzt sind, nicht auch solche für die Dichtigkeit desselben gezogen wurden! Denke nur an die Luft!“

„Um Himmels willen, Tom, du bekehrst mich noch trotz meiner grau werdenden Haare zu einer neuen Welt!“, rief der Viscount überwältigt aus.

„Und wenn die Haare weiß wären, John“, entgegnete der Forscher, „für die Seele ist es nie zu spät, das Licht der Wahrheit aufzunehmen! Denn nicht darauf kommt es an, wie lange man eine Erkenntnis in sich trägt, sondern mit welcher Glut man sie in sich zieht und seiner Ichheit vermählt!

Diese Welt der unsichtbaren Lebensformen“, fuhr Thomas Doo fort, „ist von den Wissenden die Welt des Astralen genannt worden.

Um nun auf Clarence zurückzukommen – diese Astralwesen sind es, welche er sieht! In seiner Seele sind eben Fähigkeiten wach, welche bei den anderen Menschen noch gebunden schlummern. Sie darum aber bei ihm zu bezweifeln, wäre ebenso unklug, wie wenn ein Mensch die Kunst leugnete, einzig deshalb, weil er selbst nicht die Fähigkeiten besitzt, die Ströme des göttlichen Geistes aufzunehmen und in einer der Formen der Kunst zu offenbaren.

Er sieht diese Astralwelt so mühelos, wie du nach dem Entschweben der samtdunklen Schleier der Nacht die reale Welt.“

„Wie aber kommt denn nur mein Junge zu dieser Gabe?“, rief John O’Neill lebhaft.

„So ähnlich wie die Künstler zu der ihren!“, antwortete Thomas Doo lächelnd. „Es ist das alles karmisch bedingt und findet seine Ursache im Gesetze der Wiederverkörperung! Denn nichts besteht zufällig, sondern alles was ist, ist das Ergebnis unserer vorhergehenden Leben. Wir können nur so sein, wie wir auf Grund der Summe unserer früheren Reinkarnationen sein müssen!“

Der Viscount stützte den Kopf in die Hand und sann lange vor sich hin.

„Sag, Tom, siehst du denn diese Welt auch, dass du so bewusst sie verfichst?“

Thomas Doo sah den Lord mit einem Blick an, der so tief war, dass der andere diese Ruhe kaum ertragen konnte, dann sagte er dumpf: „Wenn es dich mehr überzeugt, so wisse es: Ja! Ich sehe diese Welten!“

Und nach einer Pause in finsterem Ernst: „Und es leben in ihnen nicht nur Unschuldswesen, sondern Geschöpfe von so grauenhafter Unheimlichkeit und scheußlicher Wildheit, dass es dich töten könnte, wenn sie unvermittelt vor dein Auge träten!“

Und aus dem ängstlichen Blick des Freundes dessen aufsteigende Frage herauslesend:

„Was Clarence sieht, sind in der Hauptsache unschuldige Wesen der Elemente: Gnomen, Nixen, Elfen, denn es ist im Haushalte der Natur so beschaffen, dass sich dem Menschen, so lange er die Unschuld der Kindheit besitzt, nichts Furchtbares zu nahen vermag.“

„Du aber siehst diese entsetzlichen Phantome?“

„Ja, doch ist mein Sehen ein anderes“, wich Thomas Doo aus, „… ein bewusstes!“, setzte er leise hinzu.

Längeres Schweigen. Unbeweglich starrte der geheimnisvolle Gelehrte in den Kamin. Unverwandt ruhten die Augen des Lords auf dem Antlitz des Sehers, und zum ers­ten Mal in seinem Leben fühlte er bewusst, dass ein unerklärliches Etwas von diesem Manne ausging, zu ihm überfloss, ein Fluidum, eine Kraft.

„Was soll ich nun aber wegen Clarence tun?“, kam es endlich beinah scheu von John O’Neills Lippen.

„Clarence ist bedenklich krank; das Erste ist, dass er so rasch wie möglich aus unseren schweren Nebeln in Sonne und freie Luft kommt. Geh mit ihm sofort nach Italien! Am besten an den warmen, leuchtenden Golf von Neapel! Dort wird er gesund werden! Und dort wird auch seine Seele genesen, denn die gänzlich neue Welt mit ihren märchenhaften Eindrücken wird sie erfassen und von all den Dingen ablenken, die ihm durch menschliches Unwissen so sehr zum Verhängnis wurden!“

Der Viscount streckte erleichtert aufatmend dem Freunde die Hand entgegen: „Hab vielen Dank für alles, was du mir gesagt, und für deinen Rat! Wir werden sobald wie möglich reisen! … Doch sag, … glaubst du …, dass diese Gabe verschwinden kann?“

Der Gefragte lächelte überlegen: „So erscheint sie dir noch immer als ein Unheil? Freund, es gibt nur ein Unheil – und das ist die Unduldsamkeit des menschlichen Verstandes! Doch zu deiner Beruhigung, John: Clarence tritt nun in die Entwicklungsjahre; es ist leicht möglich, dass er in ihnen die Gabe des zweiten Gesichts verliert!“

„Verzeih, Tom! Aber wir Menschen sind ja so blind, wie es scheint!“, und es klang wie eine Bitte.

Wieder sah der Forscher versunken vor sich hin, wie wenn er etwas überlegte, dann sprach er entschlossen:

„Ja, die Menschen sind blind geworden: Darum will ich in das Leben deines Sohnes schauen und von nun an wachen, dass ihm kein neues Unheil geschieht … Das heißt“, setzte er abbrechend dazu, „soweit dies Mutter Natur uns Sterblichen gestattet!“

Der Lord horchte auf: „Du willst in sein Leben schauen?! Wie meinst du das?“

„Ich habe dir zuvor gesagt, dass das Leben jedes Menschen das Ergebnis seiner früheren Leben und alles weise vorgezeichnet ist in der großen, strahlenden Tafel des Ewigen. Denn noch mal sage ich dir: Es gibt keinen Zufall!“

„Ja, wer aber bestimmt denn das Schicksal jedes Menschen? Meinst du mit der großen, strahlenden Tafel des Ewigen etwa die Sterne?“

Der andere nickte stumm.

„So glaubst du also wirklich an den Irrwahn der Astrologie?!“

Über das Gesicht Thomas Doos legte sich jenes geheimnisvolle, so sehr über den Dingen stehende Lächeln, das den Gegner jedes Mal niederzwang und unter dessen Bann der Viscount seine Worte denn auch sogleich verbesserte: „… das heißt – ich meine: Glaubst du denn tatsächlich, dass der Astrologie, über welche du ja schon manchmal Andeutungen machtest, auch nur irgendein tatsächlicher Wert beizumessen ist?“

Die Augen des Gelehrten begannen zu funkeln:

„Irgendein Wert“, sprach er mit besonderer Betonung des ‚irgendein‘, „ist ihr allerdings nicht beizumessen! Wenn du aber sagen würdest: der Wert aller Werte, wenn du gesagt hättest, dass es zwischen Himmel und Erde überhaupt keine einzige Wissenschaft gibt, die so wirklich ist wie die Astrologie – dann würdest du recht gehabt haben! Ja, meinst du denn, dass die größten Kulturvölker der Erde, die auf einer weit höheren Erkenntnisstufe standen als wir heute – dass sie alle tatsächlich einen abergläubischen Wahn durch Jahrtausende sinnlos neben ihrer hohen Entwicklung mitgeschleppt haben würden!? Diese Völker waren eben bei der Erforschung des Lebens zu dem großen Gesetze der Einheit vorgestoßen und hatten sich so das höchste kosmobiologische Geisteswissen und mit diesem die Demut des Herzens ersiegt; jene von heute aber haben sich immer mehr in die Sackgasse blinder Stoffanbetung verrannt und durch die daraus erfolgende furchtbare Ichsucht die Bänder der Wechselbeziehungen gelöst und das Wissen der kosmischen Einheit alles Seins eingebüßt.

Der Mensch von einst stand im All und in Gott.

Der Mensch von heute steht im Ich und in der Abgeschiedenheit von allen Geistströmen des Lebens!

Der höchste Ausdruck dieser All-Einheit aber ist die Astrologie!