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„Also spricht die Cheops-Pyramide“ erschien kurz vor Hans Sterneders 80. Geburtstag und ist ein klassischer Einweihungsroman. Mit ihm kehrt der Dichter zurück zu den Wurzeln seines spirituellen Schaffens. Ähnlich wie im „Wunderapostel“ mehr als 40 Jahre zuvor erzählt er von einem nach Wissen und Erkenntnis strebenden jungen Mann, der einem geheimnisvollen Adepten begegnet. Ein alter Ägypter enthüllt dem deutschen Ingenieur Oswald Niebergall das versunkene Menschheits-Urwissen und zeigt auf, dass in ihm allein die Antwort auf das brennende Forschen nach dem Sinn des Lebens zu finden ist. „Also spricht die Cheops-Pyramide“ ist das Vermächtnis eines großen Mystikers.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2019
Hans Sterneder
Also spricht dieCheops-Pyramide
Roman
Eich-Verlag
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1. E-Book-Auflage 2017
© Thomas Eich-Verlag, Werlenbach 2008
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ISBN 978-3-940964-30-4
D I R,
meiner über alles geliebten
H E R A,
in immerwährender Liebe.
Es ist tiefe, schweigende Nacht.
Das Mena House bei Gizeh liegt als dunkler, massiger Bau im hellen Lichtglanz eines prangenden, südlichen Sternenhimmels. Die alten, breitkronigen Dattelpalmen stehen wie Wächter um das gewaltige Hotel. Das leise, metallene Rascheln der tiefgefiederten Wedel hat aufgehört. Der kühle Abendwind hat sich vom Nil her in die Libysche Wüste verzogen und dort die Hyänen und Schakale aus ihren Schlupfwinkeln gelockt. Als misstönendes Gewimmer dringt ihr Bellen aus der Ferne durch die Nacht.
Schwarz ragen im Osten der Rücken des Mokkatan und die Berge von Tura. Ein Rudel Fledermäuse huscht unermüdlich mit lautlos gespenstischem Flügelschlag über die hohen Hibiskushecken, in deren dichtem Dunkel die schöngeformten, scharlachroten Kelche wie Flammen glühen. Es kreist um die riesenhafte Krone des Sykomorenbaumes, der so alt scheint, als ob er die Flucht der Jungfrau Maria gesehen hätte, und schwirrt jedes Mal an den hellerleuchteten Spiegelscheiben der Halle vorbei.
Vom Nil herauf dringt hin und wieder aus dem nächtlichen Dunkel der gewaltigen Tamarisken-Dickichte das heisere Gekreische von Pelikanen und der Ruf eines aus dem Gebiet des Staudammes von Assuan nordwärts verirrten Ibisses, der im Schlaf aufschreit. Sein Klageruf hört sich an wie das Gewimmer eines vor Jahrtausenden unter der Fron des göttlichen Pharao aufstöhnenden Pyramidensklaven.
Der Himmel ist wie das blaue Samttuch eines Juweliers, das über und über bedeckt ist mit großen und kleineren Diamanten, Rubinen und edlen Perlen. Es ist ein Gefunkel, so gleißend, dass es fast den Augen wehtut. Mitten in all der Sternenpracht steht machtvoll das himmelbeherrschende Bild des Orion. Wie ein Urweltriese stürmt der königliche Jäger, begleitet von seinen beiden Hunden, über den unermesslichen Jagdgrund. So gewaltig ist der Tritt seines dahineilenden Fußes, dass man das Beben der Gestirne zu spüren glaubt. Glutrot leuchtet sein erhobener linker Fuß auf, den die Menschen Beteigeuze nennen und der acht Millionen Sonnenkugeln groß ist.
Tief versunken blickt der junge deutsche Privatgelehrte Oswald Niebergall vom Balkon seines Zimmers zu dem Sternenriesen empor. Sein junges Forscherherz ist erregt und durchglüht von der unergründbaren archaischen Wunderwelt dieses ältesten Kulturvolkes der Erde. Seit Wochen halten ihn die verschleierten kosmischen Geheimnisse des gewaltigsten Bauwerkes der Menschheit in ihrem Bann. Von Tag zu Tag öffnet sich ihm mehr der Urgrund der Schöpfung, redet der uralte Geist dieses versunkenen Volkes immer eindringlicher durch die rätselschwangere, titanische Cheops-Pyramide zu seiner forschend lauschenden Seele.
Er ist der Gesellschaft unten entflohen, die auf dem heiligsten Boden der Erde mit Tanz, sinnlich glimmendem Flirt und hohlem Geschwätz ihre Zeit verbringt, die luxuriöse Halle mit Zigarettenrauch und Parfumdünsten füllt und sich nicht bewusst ist, warum sie ihr müßiges Leben gerade auf diesem von gewaltigen Göttern geheiligten Platz verbringt. Dumpf dringt die Tanzmusik zu dem Sinnenden empor wie das Stampfen der Maschinen aus dem Rumpf eines Ozeanriesen.
Unablässig zum Orion hinaufschauend, der wie ein funkelnder Gigant über dem nachtdunklen Dreieck der Cheops-Pyramide steht, geht der Gedanke durch ihn; wie alt dieser Himmelsriese wohl sei. Aus den uralten, heiligen Veden der indischen Upanishaden raunt es ihm entgegen, dass ein „Tag Brahmas“, ein Manvantara, also eine Ausatmung oder Weltenschöpfung der ewigen Gottheit, nahezu viereinhalb Milliarden Jahre umfasst! Versunken hängen seine Augen an dem „Koloss Brahmas“, dessen Gewalt gleißend über dem „Koloss des königlichen Menschengottes“ steht, der sich dunkel von der Erde zum Himmel türmt und den der legendenumwobene Pharao Cheops laut Behauptung der Historiker 2 700 Jahre vor Christus aufgerichtet habe, um den Göttern des Himmels zu zeigen, dass auch die Erde Götter trage.
„... Was ist Zeit? ... Was ist Leid? ... Was ist Ewigkeit?“, zieht es durch das Herz des jungen Gelehrten. Wiederum, wie schon so oft in den letzten Wochen, hat er den ganzen Tag in der Pyramide verbracht.
Er kennt nicht nur die gesamte Literatur über die Geschichte, die Bau- und Bildwerke dieses rätselhaften Wunderlandes, sondern ganz besonders die Religion dieses uralten Volkes, das zum Gegensatz aller anderen Völker keine Jugend kennt, sondern in geheimnisumwitterter Vollendetheit, auf höchster Kulturstufe, aus den grauen Nebeln der Menschheitsfrühe trat. Denn er hat seit Jahren, als besondere Liebhaberei, eingehende Studien in vergleichender Religionswissenschaft über die Völker der Erde betrieben. Ihm ist längst über Ahnen und heißes Drängen hinweg die Gewissheit geworden, dass alle Religionen von einer Grund-, einer Urreligion stammen. Und dass diese in graueste Frühzeit zurückreichende Urreligion nicht aus ethisch-sittlichen Grundpfeilern allein geschaffen worden ist – und erst recht nicht aus primitivem Aberglauben –, sondern aus einem die ganze Erde umspannenden Menschheits-Urwissen. Und dass sich hinter diesem Urwissen, wie er ahnt, die Gesetze der Schöpfung, der Natur und des Lebens verbergen.
Er fühlte bei seiner Versenkung in das Geistgut und den Kunstschatz der Frühvölker, dass diese die Fähigkeit herausgebildet hatten, die höchsten und tiefsten Erkenntnisse des Lebens, eben das Menschheits-Urwissen, durch eine vollendete Symbolkunst ebenso meisterlich auszudrücken wie zu verbergen. Und dass der materialistische Gegenwartsmensch diese Bildersprache weder zu enträtseln, geschweige denn nachzuahmen vermochte.
Er aber empfand auf Grund eigener Lebensbetrachtung sowie gründlicher Kenntnis von Religion, Mythe und Sage der alten Völker, dass sie von jenem geheimen übersinnlichen Urgrund des irdischen Lebens wussten, der erst diese schöne, wunderbare und dennoch zu Staub und ins Nichts zerfallende Stoffwelt baute und erhielt. Und der seiner Meinung nach nicht nur der sinnende, wollende, formende und lenkende Herr all dieser vergänglichen Herrlichkeit war – sondern überhaupt erst die wirkliche und einzige Wahrheit aller Schöpfung, von diesem Orion oben bis hinein in die Brust des Menschen und hinab zum Silberglanz der winzigsten Mücke.
Ihm war immer gewisser geworden, dass es hinter dieser irdischen Welt der vergänglichen Formen eine andere, unsichtbare Welt geben musste: die Welt der realen, geistigen Urgründe. Jene einzig wirkliche und wahre Welt, zu der die Gegenwart keine Beziehung mehr, geschweige denn einen Schlüssel hat.
Er fühlte längst, dass alle Religionen und alles Sagengut der Alten nicht primitive Frühmenschen-Spielerei war, sondern letztes und tiefstes, in künstlerischste Gleichnisse, Bilder und Bauwerke gehülltes Wissen um diesen geheimnisverhüllten, geistigen Urgrund alles Lebens! Das war seine unumstößliche Meinung.
Und somit ganz besonders dieses 146 Meter hohe Wunderwerk, das dort in naher Ferne vor seinen Augen lag, das voll sein musste von kosmischen, astro-physikalischen und biologischen Kenntnissen. Ja, dass es in seiner Gänze nichts anderes darstellte als in Stein gebändigte Schöpfungsgesetze! Das musste auch der Grund sein, warum dieses gewaltigste Bauwerk der Erde ihn so machtvoll anzog und ihn, wenn er in seinem Innern, besonders in der Königskammer, weilte, mit einer Erregung erfüllte, ja bedrängte, die weit über jeder materiellen Bedrängnis stand.
Abwechselnd seine Blicke auf das Gestirn des Himmels und die Pyramide wandern lassend, steigt das ungestüme Verlangen in ihm auf, zu diesem Frühwissen der Menschheit, diesem geheimnisverhüllten Muttergrund des Ur, dringen zu dürfen, aus dem alle Kenntnisse entsprungen, alle Religionen erwacht und alle Kulturen erblüht sind.
Heiß flammt sein Wunsch zu Dem empor, der tief hinter dem Orion im Weltenraum thront und von Dem ein großer Weiser dieses versunkenen Volkes, Hermes Trismegistos, die Worte gesprochen hat:
„Gott ist ein kosmischer Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends ist.“
Ernst, als habe er eine Weihe empfangen, begibt sich der junge Gelehrte zur Ruhe.
Eine Weile noch wellt der Gesang der Nilschiffer an sein Ohr, dann versinkt er in tiefen Schlaf.
Plötzlich geschieht etwas ganz Seltsames. Wie ein starker Wind, der unvermittelt über die Landschaft zieht, tönt es im Innern des Schlafenden:
„Steh auf! ... Steh auf! Komm!“
Noch nicht munter, zwischen Halbschlaf und Erwachen, vernimmt der Schlummernde erneut die Worte, diesmal lauter, klarer, bestimmter:
„Steh auf! ... Komm! ... Komm an den Nil!“
Bei diesen Worten wird der Schlafende wach. Jäh fährt er vom Lager empor. Er hat jedes Wort vernommen. Ganz klar, in seltsam fremder Klangfarbe, steht es in ihm. Was war das?
Oswald Niebergall lauscht angestrengt in das Schweigen der Nacht.
Kein Laut, nicht einmal das Gurren einer Taube oder das Rascheln eines Palmwedels, ist in der Finsternis.
Einzig nur regungslose Stille.
Doch er hat nicht geträumt! Kein noch so blasses Bild steht in ihm! Einzig nur diese Worte! Diese so bestimmten körperhaft klaren Worte! Er sieht sich im dunklen Raum um. Ihm ist, als müsse der Klang der Worte noch in diesem nachzittern.
Lange starrt er vor sich hin, von einem eigentümlichen Empfinden durchdrungen.
Schließlich legt er sich wieder hin. Doch kaum dass sein Bewusstsein erneut schwinden will, hört er wieder die Worte:
„Steh auf! ... Folge! ... Komm!“
Von gebieterischer Wirklichkeit war der Ruf.
Oswald Niebergall ist wie gebannt.
Während alles in ihm voll Spannung ist, fühlt er sich merklich an der Schulter gefasst und gerüttelt. So deutlich ist die Kraft dieses Druckes, dass er hastig nach der Schulter blickt. Und hellklar, in einem unaussprechlichen Wohlklang von Strenge und Güte, hört er zum vierten Male die Stimme, jetzt bei vollem Wachsein, so dass ein Zweifel ausgeschlossen ist:
„Zweifle nicht! Gehorche! ... Komm an den Nil!“
Hierbei fühlte der junge Gelehrte mit allem Nachhalt erneut den Druck auf seiner Schulter.
Willenlos, fast taumelnd, steht er auf, kleidet sich nahezu unbewusst an. Er ist in einem eigentümlichen Zustand klaren Bewusstseins und befremdlicher Niedergehaltenheit – vollkommen wach und doch, als ob das Denkvermögen ausgeschaltet wäre. Wie wenn eine unsichtbare, ferne Macht ihn zwänge.
Fast schlafwandlerisch schließt er die Tür hinter sich zu, steigt die Treppe hinab, geht mit stummem Gruß am Türhüter vorbei und tritt in die sternklare Nacht hinaus.
Draußen ist es sehr kühl. Er tut einen tiefen Atemzug. Die Frische macht ihn vollends wach. Einen Augenblick sieht er unentschlossen um sich, aber schon schreitet er zielsicher, wie geführt, die Straße vorwärts, die in die Richtung der großen Pyramide führt. Er durchquert den kleinen Palmenwald, zweigt nach ihm bei einer armseligen Lehmhütte von der Hauptstraße ab und geht, ohne auch nur von leisestem Zweifel befallen zu sein, zwischen Mais- und Durrahfeldern auf den Nil zu.
Gespannte Neugier und Beklommenheit erfüllen seinen Geist, der sich fühlbar unter dem Einfluss eines mächtigen Willens befindet. Endlich erreicht er den Fluss. Breit liegt das Wasser mit seinen stummen, glitzernden Wellen vor ihm, als befände der Strom sich in tiefem Schlaf.
Oswald Niebergall sieht eine Weile in das stille, unmerklich ziehende Wasser, dann wendet er sich stromaufwärts. Immer stärker wird das Gefühl der Spannung in seiner Brust. Was war das? Was geschah mit ihm? Noch nie in seinem Leben hat er sich in einem ähnlichen Zustand befunden. Ist er so machtvoll von einer anderen Welt angerührt worden! Aber er weiß, dass er gehorchen und auf das Unheimliche zugehen muss, willenlos und doch eigentümlich gelassen.
Sein Fuß schreitet zwischen stark duftenden Gebüschen hindurch, an einer Wiese voller weißer, schlafender Pelikane vorbei. Dann sieht er in der Ferne eine hohe, alleinstehende Palme. Ein Gefühl sagt ihm, sie ist das Ziel. Unwillkürlich stockt sein Fuß. Ober ihm klirrt laut der Schrei eines einsam durch die Nacht ziehenden Falken.
Wie angezogen geht er in starker Erregung auf den mächtigen Baum zu.
Unter der riesigen Palme sitzt aufrecht, den Rücken an den Stamm gelehnt, ein alter, weißbärtiger Mann.
Oswald Niebergall klopft das Herz bis zum Hals hinauf. Scheu und Ehrfurcht ergreifen ihn beim Anblick der regungslosen Gestalt. Er hält den Schritt an und neigt grüßend den Kopf. Er weiß, er befindet sich vor dem geheimnisvollen Mann, der ihn rief, der ihn zu rufen vermochte und dessen Befehl er gefolgt ist.
Stumm blicken die beiden Männer sich an. Nicht die geringste Fremdheit ist in der Brust des jungen Gelehrten, vielmehr ein Gefühl unendlich wohltuender Vertrautheit. So wie wenn ein Mensch nach langer Reise wieder in der Heimat ist.
Der alte Mann wirkt auf ihn wie ein Prophet. Aus seinen großen Augen strahlt der warme Glanz unsäglicher Liebe.
Grüßend hebt er die Hand:
„Sei mir willkommen – Bruder!“
Und mit einladender Geste, sanfte Milde in der Stimme:
„Setz dich zu mir, und sei nicht erstaunt, dass ich dich so vertraut anrede!“
Gehorsam setzt sich der also Angesprochene.
Mit einem unbeschreiblichen Lächeln fährt der greise Fremde fort:
„Du kennst mich noch nicht. Aber ich kenne dich wohl. Als du ein Kind warst und im Dorf deiner fernen Heimat spieltest, waren meine Augen oft auf dich gerichtet.“
Durch die Brust des jungen Mannes geht es wie ein Schlag.
Der Fremde spricht weiter:
„Uralt ist unsere Verbindung, unendliche Zeiträume hindurch. Was immer dich im Augenblick befremden mag, was dir heute noch nicht bewusst ist, das wird dir nur zu bald klar sein – wenn du erwacht bist.“
„... Erwacht?“, kommt es leise fragend von den Lippen des jungen Mannes.
Der Greis nickt.
„Ja, erwacht! Denn noch liegst du im großen Schlaf, den die heutige Menschheit schläft ... Wenn du aber den Schleier von deiner Seele nehmen und die Große Verwandlung an dir vollziehen wirst, dann erst wirst du wirklich wach sein. Dann wirst du auferstehen wie der Schmetterling, der aus der Puppe sich losringt, und wirst wie er die Fessel der irdischen Welt erbrechen und eintreten in die andere Welt ... in das Reich der Urgründe.“
„Die Große Verwandlung? ... Das Reich der Urgründe? Wie soll ich das alles verstehen, Ehrwürdiger?“
Der Alte, der trotz seiner weißen Haare nicht der Macht der Zeit unterworfen scheint, neigt sich vor und legt seine Hand auf die des Fragenden. Ein warmer Kraftstrom fließt aus dieser Hand:
„Sei ruhig und sorge dich nicht! Nach der heutigen Nacht wirst du alles wissen, bis du erwacht bist im Innern der großen Pyramide, dem Erdenhaus der Gottheit. Ich werde dich führen, vorbei an dem wachenden Löwen mit dem Menschenhaupt.“
Der Körper des Zuhörenden erbebt wie ein junger, windgeschüttelter Baum.
Der Alte, der es sieht, lächelt:
„Sei getrost, mein Bruder, bald wird die große, heitere Gelassenheit in dir sein, die jeder in sich trägt, der die Wiedergeburt vollzogen hat bei lebendigem Leibe. Mir, deinem altvertrauten Gefährten, ist diesmal das Amt zugefallen, dich zur Erweckung zu führen. Darum habe ich dich gerufen. Denn die Stunde ist gekommen, in der du bewusst wieder eintreten sollst in den Orden der ‚Weißen Brüder‘, die verstreut sind über die ganze Erde.“
„... Der ‚Weißen Brüder‘?“, kommt die staunende Frage über die Lippen des Lauschenden.
„So gibt es diese Bruderschaft, von der ich schon gehört habe, also wirklich?“
Der Geheimnisvolle nickt:
„Ja, mein Bruder! Sie ist die älteste Bruderschaft der Erde. Hunderttausende von Jahren reicht sie zurück. Sie hat das Feuer der Götter vom Himmel geholt, sie hütet seit ewigen Zeiten das Urwissen der Menschheit und ist seit jeher ihr heimlicher Führer und Lehrer.“
Die Gestalt des Lauschenden strafft sich unwillkürlich.
„Und ich ... ich soll diesem ältesten Orden der Welt zugehören?“
,,So ist es! Und damit du dir deines wahren Seins wieder bewusst wirst und dein helfendes Werk bald wieder aufnehmen kannst, habe ich dich heute gerufen, um dich nach unserem höchsten Gebot zu erwecken und die Lichter in dir umzustellen –“
„Die Lichter in mir umzustellen ...?“, fällt der junge Gelehrte erregt ein.
„Ja, Bruder, damit du wiedergeboren wirst in deinem Leibe und wissend weiterwirken kannst an deiner großen Aufgabe.“
Der junge Mann senkt überwältigt das Haupt. So verharrt er lange Zeit.
„All das ist mir den Worten nach wohlbekannt. Aber ich fasse es nicht, wieso ich teilhaben darf an dem heiligen Kreis! Es ist ein Gefühl in meiner Brust, wie ich es nie gekannt!“
„Du fühlst die wahre Heimat, Bruder!“
„... Die wahre Heimat“, kommt es flüsternd über die Lippen des Versunkenen. „Was ist das ... die wahre Heimat?“
Auf dem edlen Antlitz des Greises erscheint ein unirdischer Glanz.
„Die wahre Heimat alles irdisch vergänglichen Seins, die unsichtbare Wirklichkeit, der ewige Urgrund der Schöpfung ist die GEISTIGE WELT. Oder wie Christus sagt: – das Reich des Vaters. Dieses ist Heimat und Schoß des unsichtbaren Lebens.“
„Des unsichtbaren Lebens! ... Wieso ist das Leben unsichtbar? Man sieht es doch überall in seinen Erscheinungsformen!“
Der Alte lächelt fein:
„Das was du siehst, ist nicht das Leben! Was du siehst, ist nur das Haus, das sichtbare, stoffliche Spiegelbild des Lebens. Es ist das LEBENDIGE.“
Der junge Zuhörer verharrt eine Weile, hierauf sagt er:
„Ich verstehe das nicht. Was ist dann eigentlich das LEBEN, wenn es, wie du sagst, unsichtbar ist?“
Der Gefragte nickt:
„Du tust gut daran, diese Frage um das Leben zu stellen. Denn sie ist die Urfrage der gesamten Menschheit. Seit es denkende Menschen gibt, ist diese Frage um das Geheimnis des Lebens die nachhaltigste aller ihrer Fragen.
Nichts hat die Völker der Erde zu allen Zeiten so tief beschäftigt wie diese Frage.
Denn gäbe es kein Leben, so würde es keine Geschöpfe und somit auch keine Menschen geben. Wenn es aber keine Menschen gäbe, dann würde es keine Sprachen, keine Religionen, keine Künste, keine Wissenschaften und keine sozialen Ordnungen geben. Mit einem Wort: – Nichts!
Das LEBEN ist somit der URGRUND alles Stofflich-Seienden.
Doch verstehe mich recht. Ich sage: Das Leben! Nicht aber das LEBENDIGE!“
Der junge Gelehrte ruft überrascht aus:
„Ist denn darin ein Unterschied? Ist das Leben und das Lebendige nicht ein und dasselbe!“
„Nein, mein Sohn. In diesem Irrtum liegt die ganze Tragik der Menschheit und der Wissenschaft. Denn in diesen beiden Tatsachen steckt ein großer Unterschied. Dieser Irrtum trägt die Hauptschuld an dem ganzen Chaos und dem Leid der Menschheit!“
Und nach einer Weile:
„Doch ehe ich dir das alles klar darlege, wollen wir zuerst die Wissenschaft hören.
Die Gelehrten sagen freimütig, dass sie nicht wissen, was das Leben ist. Dass es aber ein Phänomen sei, das sich an Stoffen abspielt.
Das aber ist ein ebenso verschleierter wie verzweifelt hilfloser Satz! Denn dieser Meinung zufolge wäre der STOFF das Erste in der Schöpfung. Und dieser Stoff würde das mysteriöse Leben erzeugen.
Schon der Grieche Demokrit sagt:
‚Die Materie produziert das Leben.‘
Diese Meinung ist seit jeher der große, trostlose Irrtum der materialistischen Wissenschaft! Denn dass Materie Leben produzieren soll, ist so unmöglich, wie dass ein Kind seine Mutter hervorbringt!
Denn aller STOFF ist letzten Endes unbewusster, bestimmungsloser, unintelligenter, willenloser und somit unbeweglicher Staub.
LEBEN aber ist bewusste, zielsichere, intelligente, willentliche und somit bewegliche Realität.
Wie sollte also der unbewusste, hinfällige Stoff ein klares, tiefes, umfassendes und allzeit unverlierbares Wissen und nicht endenden Willen hervorbringen können?
Wie sollte das Unwissende, Bestimmungslose und Unbewegliche, das gleichsam Tote, das von höchster Weisheit getragene Leben schaffen?
Somit ist der Lehrsatz der materialistischen Wissenschaft, dass alles Leben aus einer stofflichen Grundlage stammt und aus ihr hervorgeht, ein mehr als tragischer Irrtum.
Der STOFF ist und bleibt unbewusst und willenlos.
Das LEBEN aber ist bewusst und weise.
Niemals kann darum Stoff das Erste, der Urgrund, die Wirklichkeit der Geschöpfe sein!
Das Erste, die Wirklichkeit der Schöpfung, muss das unsichtbare Leben sein!“
Der aufmerksam Lauschende fällt ungestüm ein:
„Was aber, um des Himmels willen, ist dann das Leben? Das Leben, das bis heute, wie die Wissenschaft sagt, in der unvorstellbaren Fülle von rund zwei Millionen verschiedenen Geschöpfen auf der Erde vorhanden ist!“
Der Alte nickt zustimmend:
„Ich verstehe dein Ungestüm nur zu gut. Doch gedulde dich eine kleine Weile, und lass uns noch einmal das materialistische Weltbild der Wissenschaft betrachten.
Die Gelehrten mühen sich seit Jahrhunderten um die Ergründung des Weltalls und die Erforschung des Lebensrätsels in den stofflichen Erscheinungsformen der Geschöpfe unserer Erde. Sie halten den Stoff, die leiblichen Geschöpfe, für das Wahre. Für sie galt durch Jahrhunderte der Standpunkt: – Wahr und wirklich ist nur, was wir sehen, greifen, wägen, messen, mit einem Wort, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können.
Materie, Stoff nehmen wir wahr, also gibt es ihn. Somit ist er das Wahre, Wirkliche!
Geist, Seele hingegen nehmen wir nicht wahr, also gibt es sie als Realität nicht!
Darin aber liegt der große Trugschluss und alle Tragik der Wissenschaft. Denn der Stoff, das körperlich sichtbare Geschöpf, ist nicht das Wahre! Er ist nur die wehrende Mauer, die von der Wirklichkeit, dem Leben, fernhält und die Menschen auf den Irrweg führt.“
In größter Gespanntheit hängen die Augen des Lauschenden am Antlitz des Sprechers.
„Wenn wir nun die Wissenschaft fragen“, fährt der Greis fort, „was das Leben ist, woraus es besteht, dann antwortet sie uns: – Das Leben besteht aus ÄTHER, MATERIE und ENERGIE.
Ich will hier, ohne vorerst weiter darauf einzugehen, nur einfügen, dass sie schon zu Beginn ihrer Erwägungen und Meinungen, von der dämonischen Gewalt der Materie erfasst, vom Leben, das sie sucht, in den Stoff abgleitet.
Fragen wir nun, was der Äther ist, bekommen wir die Antwort:
Der Äther ist uns durch keine Merkmale, von denen die Sinne Kenntnis nehmen können, wirklich bekannt. Er ist eine Art erdachte, mathematische Substanz, die anzunehmen wir gezwungen sind, um die Erscheinungen von Licht und Wärme zu erklären.
Er ist das rätselhafte Mittel, das das ganze Weltall erfüllen muss und das der geheimnisvolle, unerfassbare Träger und Leiter des Lichtes und der Wärme der Sonne durch den Weltenraum zu uns ist.
Somit ist der Urgrund der Stoffwelt nach der Meinung der Gelehrten eine winzige, mit den Sinnen nie zu erfassende Materie! Also gleichsam eine unwirkliche Wirklichkeit!
Und wenn wir uns nun weiter fragen, was der zweite Teil, eben diese Materie, sei, aus der die Geschöpfe bestehen, antwortet uns darauf dieselbe Wissenschaft: – Ganz streng genommen müssen wir zugeben, dass chemische Untersuchungen uns nichts unmittelbar sagen können über die Zusammensetzung der Materie. Und es ist ferner auch richtig, dass wir nichts wissen über die Zusammensetzungen irgendeines materiellen, stofflichen Körpers, so wie er ist.
Diese ohnmächtige Antwort ist ein mehr als niederdrückendes Bekenntnis. Denn wenn die Wissenschaft behauptet, sie lasse nur das gelten, was sie sieht, also eben die Materie und uns gleichzeitig freimütig bekennt, dass sie letztlich über die Herkunft dieser sichtbaren Materie nichts wisse, dann ist es allerdings begreiflich, wenn sie nichts über das auszusagen vermag, was sie unter Leben versteht.“
Der junge Gelehrte neigte sich lebhaft vor. Der Alte fährt fort:
„Wir sehen also, dass die Wissenschaft weder etwas über den unsichtbaren Urstoff, den Weltäther, aus dem die Materie stammt, noch über die Materie selbst, mit der das Geschöpf sichtbar aufgebaut ist, Letztes weiß, sondern dass sie bloß das Geschaffene – und auch dieses nur in sehr begrenztem Maße – zu durchforschen vermag.“
Aus dem Munde des Zuhörers kommt ein tiefer Atemzug.
Der Lehrer fährt fort:
„Und wenn wir sie nun das große Dritte fragen: – Was ist Energie?, dann antwortet sie uns mit den nicht weniger erfreulichen Worten: – Energie ist das, was uns durch ihre Wirkungen bekannt ist. Das aber ist kein Wissen, wie diese Kraft entsteht, sondern nur eine Aussage über eine vorhandene Tatsache, die alle Geschöpfe erfüllt und bewegt. Also kein Erkennen!
Dies aber ist nun schon die zweite unsichtbare Macht im materialistischen Weltbild der Wissenschaft, die sich ihrer Kontrolle völlig entzieht.“
„So steht eigentlich das ganze Wissen, auf das die Gelehrten so stolz sind, auf zwei unmateriellen, unsichtbaren Grundpfeilern!“, fällt Oswald Niebergall lebhaft ein.
Der Alte nickt:
„Ja, es ist geradezu das Verhängnis der Wissenschaft, und es sieht aus, als ob die Natur ihre königliche Erhabenheit damit ausdrücken wollte, dass die beiden Bausteine ihres materiellen Weltbildes aus zwei unsichtbaren, unwirklichen Mächten bestehen, von denen die erste Macht, der Weltäther, nur zufolge zwingender Notwendigkeit sich aus seiner ewigen Unfassbarkeit in die Welt des Realen hebt und dass die zweite unsichtbare Macht, die Energie, ebenfalls nur zufolge der überall wahrnehmbaren Wirkungen erkennbar ist.
Und dass auch das Ergebnis dieser unsichtbaren Mächte – die sichtbare Materie, der Stoff – sich in seinem Urgrund völlig der Erfassbarkeit entzieht.
Zusammenfassend ist somit zu sagen: Die nahezu erschütternde Tragik der ganzen wissenschaftlichen Forschungsarbeit liegt darin, dass ihr materialistisches Weltbild, an das sie unerschütterlich glaubt, auf dem Boden unsichtbarer und unerfassbarer Mächte und Kräfte steht, die sie jedoch mit aller Leidenschaft leugnet.“
Der Alte macht eine Pause. Der junge Forscher bedeckt tief überwältigt lange seine Augen mit beiden Händen.
Aus der Stille lösen sich die Worte:
„Abermillionenmal hat sich die Wissenschaft mit dem Stoff geplagt, um dem Geheimnis des Lebens nahezukommen und es zu ergründen.
Aber es ist ihr nicht einmal gelungen, den Boden des rätseltiefen Abgrundes in einem Sandkorn zu ergründen!
Dieses Sandkorn wird seit Jahrhunderten von der Wissenschaft studiert. Sie hat es gewendet und wieder gewendet. Sie hat es geteilt und wieder geteilt und weiter geteilt. Sie hat es mit ihren Experimenten gequält, um ihm das letzte Wort über seine verborgene Zusammensetzung zu erpressen und sein Geheimnis zu erfassen.
Die Wissenschaftler haben es mit unersättlicher Neugier gefragt:
– Wie weit lässt du dich teilen und wieder teilen, denn wir wollen zum Grunde des Lebens kommen?
Aber die Natur gab ihr Geheimnis nicht preis.
