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Wir befinden uns in der Nachcorona Ära. In einem unzugänglichen Waldstück in den Alpen entdecken Wissenschaftler durch Zufall ein bisher unbekanntes Höhlensystem. Offensichtlich war dieses ausgebaut um Menschen als Zufluchtsort zu dienen. Doch es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass es als solches in den letzten Jahren genutzt wurde. Lediglich der auf einem Stuhl sitzende mumifizierte Leichnam eines einzelnen Mannes blickt den Archäologen entgegen. Einer seiner Füße steht auf einer Holzkiste, in der sich ein umfangreiches Manuskript befindet.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Eremit
Irgendwann ...
Vierzehn Tag vorher
Irgendwann ...
Der Eremit
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Samstag, 11. Juni 1955
Sonntag, 12. Juni 1955
Montag, 13.06.1955
Dienstag, 14.06.1955
Mittwoch, 15.06.1955
Donnerstag, 16.06.1955
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05.08.1962
Irgendwann ...
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Irgendwann ...
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Irgendwann ....
1972
1972
1972
1972
Irgendwann ...
1972
1972
1972
1958
Irgendwann ...
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Irgendwann ...
1992
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Irgendwann ...
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März 2018
1965
2018
2018
2018
2021
Irgendwann ...
Die Zeit nach der Pandemie
2021
Später
Der finale Lockdown!
Später
Quentin Tarantino
Später ...
Jean Sibelius
Hoffnung
Keine Hoffnung
Das Ende
Irgendwann ...
Nele Bohl stand auf und begann zu lesen
Dieses Buch besteht aus 75.299 Wörtern und trotz vieler Mühe, mehrfacher Kontrolle und diverser Prüfungen, werden sich leider wahrscheinlich einige Fehler eingeschlichen haben.
Lucius Annaeus Seneca
Irgendwann ...
„Was für ein unglaubliches Glück“, freudestrahlend sah sich Christopher Klein immer wieder um. „Oder was sagst du dazu?“, er blickte Nele Bohl erwartungsvoll an. Diese seufzte und setzte sich etwas außer Atem auf den schweren Behälter, den sie gerade zu ihrem Wohnkubus getragen hatte. Es war zum Glück das letzte und eines der leichteren Behältnisse gewesen. Sie konnten jetzt damit beginnen das Innere ihrer Behausung einzurichten. Drei Schlafstellen, einen Tisch zum Essen, das Pult für die Computer und die Aufbewahrungsboxen für die Exponate, die sie in den nächsten Tagen sichern würden. Komfort war dabei zweitrangig. Es war nicht wichtig, ob sie sich in den kommenden Tagen in dem Wohnkubus des archäologischen Instituts wohlfühlen würden. Die meiste Zeit würden sie nämlich sowieso in dem vor Kurzem durch Zufall entdeckten Höhlensystem und seiner unmittelbaren Umgebung verbringen.
„Erde an Nele, ich habe dich gerade etwas gefragt“, erinnerte sie Christopher Klein. Die schlanke Mitdreißigerin schreckte aus ihren Gedanken hoch und blickte sich um, „du hast recht Chris. Ich habe es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können einmal so ein interessantes Objekt untersuchen zu dürfen.“
„Ich hätte mir nicht einmal ausdenken können, dass es so etwas in dieser Gegend überhaupt geben könnte.“ Klein füllte zwei Gläser mit Sekt, ein drittes stellte er auf einen kleinen Tisch. Als er den überraschten Blick seiner Kollegin sah, grinste er. „Den Tropfen hatte ich in einem der Küchenbehälter versteckt. Ich dachte wir stoßen auf unsere gemeinsame Arbeit in den kommenden Tagen an.“
„Dann komme ich ja gerade zur rechten Zeit“, Klaus Bolten schob den Georadar neben den Wohnkubus. Er verpasste dem robusten Gefährt, das speziell für unebene und besonders schwerzugängliche Orte gebaut worden war einen liebevollen Klaps. „Ich habe vorab bereits einige Erkundigungen durchgeführt. Es ist hier ziemlich felsig und bergig. Morgen werde ich dann mit der systematischen Erfassung der Gegend beginnen.“ Er nahm das dritte Glas Sekt in die Hand, gemeinsam stießen die Wissenschaftler auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit an.
Es war ein unglaublicher Zufall gewesen, dass Bernhard Prandt das Höhlensystem überhaupt entdeckt hatte. Als Mitarbeiter des Umweltamtes war es seine Aufgabe als Biologe vermeintlich lange von Menschen unberührte Gegenden zu untersuchen. Insbesondere war es dabei von großem wissenschaftlichem Interesse festzustellen, wie sich Pflanzen und Tiere nach den Jahren, in denen die Menschheit von den Viruswellen heimgesucht worden war, weiterentwickelt hatten. Der drastische Rückgang der durch den Menschen verursachten Umweltzerstörung hatte sich meistens sehr heilsam auf Flora und Fauna ausgewirkt. Unglaublich schnell hatte die urwüchsige Kraft der Natur begonnen sich die Gebiete zurückzuerobern, die man ihr einst abgerungen hatte. Wiesen und Wälder waren wie von selbst in neuer Pracht zurückgekehrt. Viele Flüsse hatten die ihnen aufgezwungen künstlichen Fesseln abgelegt und sich wieder einen eigenen natürlicheren Verlauf gesucht.
Prandt schritt an diesem denkwürdigen Tag durch ein unzugängliches, felsiges Waldgebiet, in dem sicherlich schon seit Ewigkeiten keine menschliche Seele mehr unterwegs gewesen war. Es war anzunehmen, dass aufgrund der unwirtlichen Beschaffenheit dieses Waldstücks auch vor den Viruswellen nur sehr wenige Menschen hier gewesen waren. Falls es überhaupt jemals Jemanden hierher verschlagen hatte. Es gab hier nämlich keine Wanderwege, nicht mal vernünftige Pfade. Der Boden war stattdessen übersäht mit Wurzeln, Steinen und kleineren Felsen. Man benötigte schon einen sehr sicheren Tritt, um nicht zu stolpern und auf den vielen feuchten Stellen einen ausreichenden Halt zu finden.
Der Biologe beschloss bei einer kleinen markanten Felsengruppe eine kurze Rast einzulegen und sich etwas auszuruhen. Er stellte den umgeschnallten Tornister ab, nahm einen Apfel heraus und schlenderte ein wenig umher. Neugierig musterte er die verwitterten Felsen in der Nähe. Ein eigenartig aussehendes Gebilde weckte dabei sein besonderes Interesse. Es war doch immer wieder überraschend zu sehen zu was die Natur in der Lage war. Gespannt ging er auf einen Baum zu, der anscheinend um einen Felsen herum gewachsen war.
Kurz danach blieb er völlig überrascht stehen. Das konnte doch überhaupt nicht sein! Es war einfach völlig unmöglich! Handelte es sich bei dem, was er sah, tatsächlich um ein hölzernes Tor in der Felsenwand? Prandt trat vorsichtig näher heran. Er konnte es einfach nicht glauben. Vor ihm befand sich tatsächlich eine verwitterte Holzwand, welche die hinter ihr liegende Gebirgswand verbarg. Die Konstruktion wirkte trotz ihres vermeintlichen Alters und der Einflüsse durch das Wetter noch recht stabil. Prandt warf den angebissenen Apfel zu Boden und rüttelte ein paarmal an der Holzwand. Es gelang ihm mit etwas Mühe tatsächlich die Konstruktion auf die Seite zu schieben.
Es dauerte eine Weile, bis sich der Biologe an die Lichtverhältnisse hinter der Holzwand gewöhnt hatte. Und dann bekam er den Schreck seines Lebens, der ihn unwillkürlich einige Schritte zurücktaumeln ließ. Er fiel zu Boden und starrte entsetzt auf das Bild, dass sich ihm darbot: Vor ihm saß auf einem hölzernen Stuhl die mumifizierte Leiche eines Menschen, welche ihre toten leeren Augenhöhlen starr auf ihn gerichtet hatte.
Nach dem sie am nächsten Tag ihre Geräte aufgebaut und die Verbindungen zu den Datenträgern installiert hatten gingen sie arbeitsteilig vor. Christopher Klein war der verantwortliche Mann an den Übertragungsgeräten. Bei dem Computerspezialisten liefen sämtliche eingehende Berichte und Bilder zusammen. Er wertete diese umgehend aus. Trug sie in Tabellen ein, erstellte diverse Dateien und konnte bei Bedarf auf den Großrechner ihres Instituts zugreifen und von dort weiteren Informationen abfragen.
Klaus Bolten hing sich einen Beutel mit zwei Flaschen Mineralwasser um, nahm den Georadar und fuhr damit langsam ein vorher erstelltes geometrisches Gitternetz der näheren Umgebung ab.
Die interessanteste Tätigkeit hatte zweifelsfrei Nele Bohl. Da sich der mumifizierte Leichnam eines Menschen in der Höhle befunden hatte war sie als ausgebildete forensische Archäologin prädestiniert dafür die Untersuchung der Höhle vorzunehmen. Sie befestigte an ihrem sterilen Einwegoverall ein mit einer Kamera und Mikrofon ausgestattetes Kommunikationsgerät und konzentrierte sich auf die bevorstehende Arbeit. Dann betrat sie erwartungsvoll das Höhlensystem.
Sie hatten unglaubliches Glück gehabt, dass Bernhard Prandt sehr umsichtig reagiert hatte. Er hatte die Höhle, nachdem er sich von seinem Schock über den Anblick der Mumie erholt hatte, keinesfalls betreten, sondern das Holztor sofort wieder verschlossen. Danach hatte er eilends Kontakt mit dem Umweltamt aufgenommen, um die dortigen Kollegen von seiner Entdeckung zu verständigen. Diese hatten umgehend das archäologische Institut informiert und Prandt angewiesen vor Ort zu warten. Die Spezialisten würden in Kürze bei ihm eintreffen.
Bis auf die originalgetreue Kopie der Mumie aus einem dreidimensionalen Großdrucker war seitdem am Fundort nichts weiter verändert worden. Der mysteriöse Leichnam war mit einem Hubschrauber umgehend in die pathologische Abteilung des Instituts gebracht worden. Sobald Untersuchungsergebnisse vorlagen, würden ihnen diese übermittelt werden.
Langsam schritt Nele Bohl in die Höhle und sprach dabei ihre Eindrücke in das Aufnahmegerät: „Auffällig ist die Sauberkeit, die hier herrscht. Überall stehen Regale, auf denen sich zumeist Lebensmittel befinden. Alles sehr ordentlich aufgereiht. Einige Konservendosen sind wahrscheinlich aufgrund der langen Lagerung allerdings ausgebeult. Es stehen Kartons mit Lebensmittelpaketen herum. Viele mit den primitiven bunten anachronistischen Werbeaufdrucken aus der Zeit vor den Viruswellen. Aber es gibt auch die späteren amtlichen weißen Kartonverpackungen, die lediglich den Aufdruck des Inhalts und das errechnete Haltbarkeitsdatum enthalten. Nudeln, Reis, Milchpulver und etliche von diesen gepressten Notrationen die man vor dem Verzehr durch Zufuhr von Wasser aufquellen lassen musste.“
„Bäh“, meldete sich die Stimme von Klaus Bolten, der mitgehört hatte. „Ich habe die mal bei einem Lehrgang aus reiner Neugierde probiert. Der Ekelfaktor liegt für mich auf einer Skala bis 10 bei 11.“
„Es ging während den Covid 19 Wellen schließlich am Ende nur noch ums nackte Überleben und um die Versorgung von möglichst viel Menschen“, antwortete Nele Bohl, ohne in ihrer Konzentration nachzulassen. „Der Nährwert zählte, nicht der Geschmack. Nach dem Schriftbild auf den Lebensmittelverpackungen müssten sie aus der dritten oder vierten globalen Virenwelle stammen. Man sollte das anhand der Chargennummer aber genau feststellen können. Chris ich richte jetzt die Kamera direkt auf eine der Verpackungen.“
„Danke Nele, ich habe mir die Nummern notiert und versuche herauszufinden, aus welcher Zeit sie stammen“, ertönte prompt die Stimme von Christopher Klein.
Nele Bohl nickte automatisch, obwohl keiner ihre Kollegen diese Geste sehen konnte. „Ich gehe jetzt weiter in den hinteren Teil der Höhle hinein. Es gibt hier mehrere improvisierte, aber unbenutzte Schlaflager für Menschen. Wahrscheinlich war geplant, dass sich hier eine Familie, oder Gruppe in Sicherheit vor der Ansteckung bringen sollte. Warum allerdings alles unbenutzt ist, kann ich momentan nicht sagen. Dafür gibt es bisher keine Hinweise. Spekulativ würde ich sagen, dass die Menschen zu lange gewartet haben. Wir wissen schließlich wie rasend schnell sich aufgrund der Mutationen des Virus die finale Pandemiewelle ausgebreitet hat.“
„Vielleicht wurden die Planungen dieser Menschen von den rigorosen Ausgangsbeschränkungen zunichte gemacht und sie konnten ihre Flucht nicht mehr rechtzeitig antreten?“, warf Christopher Klein ein und fügte rasch hinzu: „Entschuldige Nele, ich wollte dich nicht unterbrechen.“
Nele Bohl verzog grinsend ihr Gesicht. Typisch Christopher, erst brachte er sie aus dem Konzept, dann entschuldigte er sich dafür. Ungerührt fuhr sie fort, „wie bereits gesagt, auffallend ist vor allem die große Sauberkeit, die in der Höhle herrscht. Ich bin jetzt an einem Regal, in dem sich große Behälter aus Kunststoff befinden ...“
„Also Plastik“, hörte man die Stimme von Christopher Klein und kurz darauf, „tut mir leid Nele. Ich halte jetzt ab sofort meinen vorlauten Mund.“
Nele Bohl bezweifelte das, sprach aber ohne die Aussage ihres Kollegen zu kommentieren weiter, „... Bücher. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Der Behälter ist tatsächlich voll davon. Gabriel García Márquez, Dostojewski, Hermann Hesse, Knut Hamsun, Simrock, Martin Welsch, Adalbert Stifter, Karl Dreher ... und hier Moby-Dick von Herman Melville. Eine respektable Sammlung. Ich schau mal kurz in die anderen Plastikbehälter. Wie ich mir es dachte, auch hier ist alles voller Bücher ... eine richtige kleine Bibliothek.“
Eine Weile war es still bevor Nele Bohl weitersprach: „Ich bin jetzt noch ein Stück weiter in das Höhlensystem hineingegangen. Es tropft Wasser von der Felsendecke in ein großes Sammelbecken, dass mit einem Überlauf versehen ist. Von dort aus fließt das überschüssige Wasser in ein Loch im Boden, wo es versickert. Es ist deswegen ein wenig kühl hier drinnen. Ich gehe jetzt wieder nach vorne. Wie wir heute wissen, hätte es auch gar nichts genutzt, wenn sich Menschen hier oben versteckt hätten und in ihrer selbstgewählten Quarantäne abgewartet hätten. Das Virus war so unglaublich raffiniert und bis man seine komplizierten Verbreitungswege herausgefunden hatte war es für den Großteil der Menschheit bereits zu spät gewesen.“
„Dreiundfünfzig Millionen Menschen allein in Deutschland, meine ganze Familie ist gestorben und die meisten meiner Freunde und Bekannten“, erklang die gemurmelte Stimme von Klaus Bolten aus ihrem Kopfhörer. „Dabei haben sich diese pingelig genau an die Vorgaben der Gesundheitsexperten gehalten. Aber ein paar unsoziale, rücksichtlose und dazu noch halbintelligente Unverbesserliche haben in ihrer Verbohrtheit Alles zunichte gemacht – nun wir kennen ja alle das Ergebnis.“
Nele nickte, ihrer ganz privaten Meinung nach waren immer noch genügend Menschen übriggeblieben. Aber das war ihr eigener Standpunkt und sie war klug genug diesen nicht laut auszusprechen. Trotzdem kam es ihr manchmal so vor, als hätte die gute alte Erde kräftig durchgeatmet, als es ihr gelungen war einen Großteil der auf ihr lebenden hominiden Lebewesen abzuschütteln.
„Im Grunde können wir froh sein, dass diese Menschen es nicht in die Höhle geschafft haben. Sonst hätten wir hier unter Umständen noch mehr Leichen herumliegen. Ich bin jetzt wieder nach vorne zu den ersten Regalen gegangen. Es steht hier ein alter Rundfunkempfänger und ihr werdet es nicht glauben: ein Kaffeeautomat, einer dieser vorsintflutlichen Luxusgeräte. Hier hängen auch einige Kabel herum ... sie führen zu einem alten Stromgenerator. Nicht einer mit Solar oder Wind ... nein einer für fossile Brennstoffe. Ich bin jetzt wieder bei dem Toten ... sorry, natürlich bei der Kopie aus dem Drucker ... unsere Kollegen haben da wirklich gute Arbeit geleistet. Man könnte tatsächlich meinen der mumifizierte Mann wäre echt. Sie haben ihm sogar die ursprüngliche Kleidung wieder angezogen. Ich schätzte das Alter des Mannes, unter Berücksichtigung der Kleidungsstücke, bei Eintritt seines Todes auf zirka 60 Jahre. Der Mann sitzt vor einem kleinen Tisch. Auf dem steht ein Trinkgefäß, in dem sich eine rötliche Flüssigkeit befunden haben muss, da sich darin ein rotbrauner Bodensatz gebildet hat. Daneben steht ein weiteres leeres Glas. Was sich da darin befunden hat lässt sich wahrscheinlich nur im Labor herausfinden. Auf dem Tisch liegt eine Tablettenschachtel mit dem Aufdruck Pentobarbital. Christopher kannst du recherchieren um welches Medikament es sich dabei gehandelt hat?“
„Da kann ich euch helfen“, überraschend mischte sich Klaus Bolten in das Gespräch ein, „das Mittel hat man in der Sterbehilfe eingesetzt. Ich weiß das, weil mein Großvater Tierarzt war. Pentobarbital hat er benutzt, wenn er Tiere einschläfern musste.“
„Der Mann hat also Selbstmord begangen?“, Christopher Klein wirkte nachdenklich, „vielleicht aus Verzweiflung über die lange Einsamkeit, oder weil viele seiner Familienangehörigen und Freunde verstorben waren.“
„Nein, die Medikamentenschachtel ist unbenutzt“, meldete sich Nele Bohl. „Warten wir ab, welche Todesursache uns die Pathologen melden. Der Verstorbene muss, wie bereits gesagt, etwa sechzig Jahre alt sein. Er hat normale Kleidung an. Etwas abgenutzt, aber wir wissen schließlich nicht, wie lange er sich hier oben aufgehalten hat. Er sitzt in einem dieser Liegestühle, die man früher verwendet hat, wenn man in Parks oder Gärten lag. Ein Fuß des Toten steht auf einer alten Holzkiste. Ich werde jetzt den Fuß ein wenig auf die Seite schieben, damit ich einen Blick in die Kiste werfen kann.“
Eine Weile herrschte Stille, man hörte nur Geräusche, die damit zusammenhängen mussten, dass Nele Bohl den Fuß des Mannes bewegte und die kleine Holzkiste zu sich herzog.
„Ich habe auch etwas gefunden, was nicht natürlichen Ursprungs sein kann“, meldete sich plötzlich Bolten. „Es sieht aus, als hätte man hier auf den Waldboden mit Steinen eine Art Muster ausgelegt. Ich kann allerdings keinen Sinn dahinter erkennen.“
„Vielleicht spielende Kinder“, warf Christopher Klein ein, „wie weit bist du übrigens Nele?“
„Ich habe die Kiste bereits geöffnet und etwas sehr Interessantes gefunden“, kam die Antwort. „Ich schau mich jetzt noch ein wenig auf dem Regal dort drüben um, dann komme ich zurück.“
„Du willst uns also nicht sagen, was du so Geheimnisvolles entdeckt hast?“, fragte Christopher Klein neugierig nach.
„Abwarten Jungs: nur so viel: ihr werdet überrascht sein. Aber jetzt zum Regal, hier liegt ein altes Portemonnaie. Es sind einige dieser alten Eurozahlungsmittel darin und ... das nennt man dann wohl Glück: ein Personalausweis ... eines dieser kleinen laminierten Dokumente. Was wollen wir mehr, gleich werden wir wissen, um wen es sich bei unserem Toten handelt. Der Mann heißt Joseph Sebastian Flooth und war geboren am 20.03.1965 nach der alten Zeitrechnung.“
“1965?“, erklang die fragende Stimme von Klaus Bolten aus ihrem Kopfhörer. „Richtig“, bestätigte Nele Bohl „dann war er, falls er sich bei der zweiten oder dritten Viruswelle hier befunden hatte, 64 Jahre alt. Ich habe also bei der Schätzung des Alters gar nicht so danebengelegen.“
„Wir haben jetzt genug Daten für eine erste Analyse gesammelt“, meldete sich Christopher Klein. „Ihr könnt zurückkommen. Ich denke es genügt für heute, wir wollen es schließlich nicht übertreiben mit der Arbeit. Und Nele vergiss deine geheimnisvolle Überraschung nicht!“
Klaus Bolten und Nele Bohl trafen gleichzeitig am Wohnkubus an. Christopher Klein grinste seine Kollegen an, „ich habe bereits die ersten Auswertungen des Bodenradars. Ihr werdet nie erraten, was ich darauf entdeckt habe.“ Er drehte den großen Bildschirm um, damit seine Kollegen die Aufnahmen betrachten konnten. „Voilà: darf ich vorstellen: Adam und Eva!“
Bohl und Bolten starrten auf das Bild. Sie sahen deutlich zwei Skelette, die eng nebeneinander begraben worden waren und sich offenbar an den Händen hielten. „Aus den angefertigten Vergrößerungen ergibt sich, dass die beiden Personen mehrere Knochenbrüche erlitten haben. Verletzungen an denen sie wahrscheinlich verstorben sind. Bevor ihr jetzt zu spekulieren beginnt“, Christopher Klein hob eine Hand, „möchte ich euch noch etwas anderes zeigen.“ Er tippte kurz auf die Tastatur und auf dem Bildschirm erschien die nächste Darstellung. „Das hier“, Klein zeigte auf den Bildschirm, „sind nicht Adam und Eva. Diese beiden Skelette liegen an einer völlig anderen Stelle. So“, er lehnte sich zufrieden zurück, „und jetzt liebe Kollegen dürft ihr gerne zu spekulieren beginnen.“
Bis spät in die Nacht hatten die drei Wissenschaftler anschließend über die überraschende Entdeckung diskutiert, konnten sich aber nicht vorstellen in welchem Zusammenhang die vier Toten mit der mysteriösen Höhle standen.
Schließlich krochen Klein und Bolten müde in ihre Schlafsäcke. Nele Bohl zog sich in eine beleuchtete Ecke des Wohnkubus zurück, um ungestört lesen zu können. Was die Wissenschaftlerin durchblätterte, war so interessant, dass sie in dieser Nacht nur sehr wenig Schlaf fand.
Die beiden Männer saßen bereits beim Frühstück als die Wissenschaftlerin am Morgen bei ihnen auftauchte. Sie warf einen dicken Packen Papier auf den Tisch, „hier steht alles drin.“
„Ah - natürlich, deine ominöse Überraschung!“, Christopher Klein schlug sich mit der flachen Hand an den Kopf, „daran haben wir gestern überhaupt nicht mehr gedacht“, neugierig blickte er das Papierbündel an. „Und was sind das für Aufzeichnungen?“
„Es handelt sich um eine Art Manuskript“, antwortete Nele Bohl, „ich habe es noch nicht komplett gelesen. Aber anscheinend hat der Tote in der Höhle seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Der Titel lautet: Der Eremit. Auf der nächsten Seite folgt dann ein Spruch von Friedrich Schiller: Große Seelen dulden still. Die anschließende Erzählung wird mit Jahreszahlen statt Kapiteln unterteilt. Sie beginnt mit 2018 ...“
„Also einige Jahre vor der ersten Coronawelle“, unterbrach sie Christopher Klein nachdenklich, „aber kann es wirklich sein, dass sich der Mann so lange unerkannt hier oben aufgehalten hat?“
„Vorschlag“, Klaus Bolten öffnete drei Flaschen Bier und stellte sie auf einen kleinen Tisch, „es ist zwar noch etwas Früh dafür, aber wenn diese Geschichte wirklich so interessant ist wie Nele angedeutet hat, halten wir beide jetzt unseren Mund und lassen sie einfach vorlesen.“
„Danke“, Nele Bohl lächelte Klaus Bolten zu und nahm das Manuskript zur Hand.
Friedrich Schiller
Völlig erschöpft setzte er sich auf den nassen moosbewachsenen Baumstumpf einer umgestürzten Kiefer. Der Rucksack rutschte ihm dabei wie von selbst zu Boden. Das Gewicht des Ranzens war in den letzten Stunden zum Glück stetig leichter geworden. Nur eine der mitgenommenen Trinkflaschen enthielt noch etwas Wasser, dass der Mann jetzt gierig trank.
Er fühlte sich so unglaublich müde. Jeder Muskel seines Körpers schmerzte. Die Kleidung klebte feucht von seinem Schweiß auf seiner Haut. So entkräftet war er trotz seines hohen Alters schon lange nicht mehr gewesen. Er wollte jetzt nur noch eines: schlafen, sich einfach nur hinlegen die Augen schließen und schlafen.
Doch noch war es nicht so weit. Aber bald würde er es geschafft haben und konnte sich endlich seinen langersehnten Wunschtraum erfüllen: Die wenigen letzten Tage, die ihm in diesem Leben noch vergönnt waren, weit abgeschieden vom Rest der Familie, der Firma, der ganzen ihm so fremdgewordenen Menschheit verbringen und einfach die vergangenen achtundachtzig Jahre seines Lebens ein letztes Mal revuepassieren lassen. Anschließend würde er dann den Medikamentencocktail, der sich seit einigen Monaten in seinem Besitz befand, trinken und endgültig diesem für ihn so mühsam gewordenen Erdenleben ade sagen und loslassen.
Loslassen!
Der Mann lächelte bei dem Gedanken daran final einzuschlafen und frei zu sein. Andererseits, er schüttelte voller Resignation seinen Kopf: war es nicht makaber, dass man sterben musste, um glücklich zu sein?
Langsam erhob sich der alte Mann und lehnte sich schweratmend gegen einen Baumstamm. Ein leichter Schwindelanfall hatte ihn erfasst. Er wartete eine Weile bis sich sein Gleichgewicht wiedereingestellt hatte, dann ballte er entschlossen beide Fäuste. Jetzt galt es zunächst ein letztes Mal die verbliebenen Reserven seines geschundenen Körpers abzurufen. Er würde so nah an seinem Ziel auf keinem Fall aufgeben!
Entschlossen griff er nach seinem Rucksack. Er hatte jetzt geschätzt noch eine Strecke von etwa einem Kilometer vor sich. Ein richtiger Weg, oder Wanderpfad war zwar nicht vorhanden, doch der Mann wusste, wie er weiterzugehen hatte. In einer knappen Stunde würde er in seinem verborgenen Refugium sein. Einem stillen einsamen und friedlichen Platz. Der Ort an dem er aller Voraussicht nach sterben würde.
Etwas schwermütig murmelte er die Worte der Eselsbrücke, die er von seinem Vater vor vielen Jahren gelernt hatte, damit man in diesem naturbelassenen Wald nicht die Richtung verlor: Das alte Ehepaar kehrt mit dem Reisigbesen ihre Gartenbank sauber, weil sie grillen wollen, bevor die Sonne untergeht. Nicht dass der Mann die Eselsbrücke gebraucht hätte. Den Weg kannte er inzwischen auswendig.
Als er an dem Felsen vorbeikam, der in der Eselsbrücke das Synonyme der Gartenbank hatte, streichelte er ihn versonnen. Gleichzeitig kam ihm ein Spruch von Erich Fried, einem österreichischen Lyriker in den Sinn: Zu den Steinen hat einer gesagt: Seid menschlich. Die Steine haben gesagt: Wir sind noch nicht hart genug.
Warum fiel ihm dieser Spruch gerade jetzt ein? Vielleicht weil Erich Fried am gleichen Tag gestorben war wie sein Vater ... und immer, wenn er hier entlang ging, lief dieser schließlich, obwohl er schon lange verstorben war in seinen Gedanken neben ihm her.
Den Erwachsenen, die ab und zu einen Blick auf den spielenden Jungen warfen, fiel nicht auf wie hochkonzentriert das Kind ihren Gesprächen lauschte. Für sie sah es aus als wäre der kleine Junge voll in seiner eigenen Welt versunken.
Joseph versuchte mit Hilfe seiner Holzklötze die Västerbron nachzubauen. Diese faszinierende Brücke, welche in Stockholm die Stadtteile Södermalm und Kungsholmen verbindet, war nach ihrer Eröffnung aktuell eines der Tagesgespräche. Die zwei Bogenkonstruktion der Brücke war eine architektonische Sensation. Ein halbseitiges schwarzweißes Foto, das sein Vater aus einer Zeitung ausgeschnitten hatte, lag ausgebreitet auf dem Boden vor Joseph.
Mit großer Geduld legte er über die beiden Bogen als Fahrbahn flache Holzstücke. Andere Kinder in seinem Alter hätten schon längst aufgegeben, wenn ein Teil der Holzbausteine immer wieder einstürzte, oder irgendwann alle Steine frustriert in eine Ecke geworfen. Joseph fing immer wieder geduldig von vorne auf.
„Dieses Gesetz ist eine Schande“, ereiferte sich gerade sein Vater, der wie alle erstgeborenen männliche Abkömmlinge der Familie Flooth traditionsgemäß als ersten Vornamen den Namen Joseph führte. Der zweite Vorname begann dann mit dem ersten Buchstaben des Vornamens der Mutter. Deshalb hieß Joseph mit zweiten Namen Maria nach seiner Mutter und sein Vater Joseph Stephan. Wobei die Familie stets großen Wert auf die besondere Schreibweise der Namen legte.
„Schon dieser eklige Titel“, fuhr Josephs Vater erregt weiter, „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre! Und dann diese Wortwahl der Redner, als man über dieses Gesetz debattierte: Rassenschande, Mischlinge, deutsches Blut ... ich könnte ...“
„Es reicht“, fiel ihm seine Mutter scharf ins Wort, „bitte etwas ruhiger.“ Sie machte eine angedeutete Kopfbewegung in Richtung des spielenden Kindes. „Entschuldige, aber ich finde dieses Gesetz so etwas von ...“, Josephs Vater ballte vor unterdrückter Wut seine Fäuste und schüttelte verärgert seinen Kopf. Er wandte sich nach vorne und sprach etwas leiser weiter: „Die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden ist ab sofort verboten und auch der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden steht unter Strafe.“
„Ich muss mich also beim Kennenlernen sicherheitshalber danach erkundigen, ob ich einen Juden vor mir habe“, seine Schwester versuchte einen Scherz.
„Ich finde das nicht lustig Konstanze“, ihr Vater schüttelte resigniert seinen Kopf, „es ist doch sehr bezeichnend für den geistigen Entwicklungsstand eines Volkes, wenn es Politiker bewundert, die solch ein primitives Vokabular verwenden.“
„Rattenfänger“, knurrte sein Sohn immer noch verärgert. Dann wandte er sich an seine Schwester und raunte ihr halblaut zu. „Übrigens halten diese sogenannten Herren euch Frauen nur für Menschen zweiter Klasse. Die Strafandrohung richtet sich nämlich nur gegen Männer. Wahrscheinlich hält man Frauen für sexuell unmündig.“
„Lasst uns jetzt bitte an einem solch schönen Tag von etwas anderem reden“, der Großvater hatte seinen Enkel in den letzten Minuten genau beobachtet. Er ließ sich von dessen Spiel nicht täuschen. Der Kleine hatte jedes Wort begierig in sich aufgesogen. Als Joseph jetzt aufsah und sich ihre Blicke trafen, mussten beide unwillkürlich lächeln. Sie verstanden sich ohne große Worte. Waren sie sich doch so ähnlich.
Wie ihm ein erschöpfter müder Blick auf seine Armbanduhr, einer Rolex Milgauss Stahl verriet, war es bereits nach Mitternacht ... egal, in Kürze würde er sein Ziel erreicht haben.
Die wertvolle Uhr war sein letztes Bindeglied zu der Welt, die er hinter sich gelassen hatte. Sie war ein Geschenk von seinen Mitarbeitern zu seinem achtzigsten Geburtstag gewesen. Er schätzte die Uhr aus diesem Grunde sehr. Sie war nicht billig gewesen. Er selbst hätte sich so ein teures Modell niemals gekauft. Nicht, weil er geizig war, oder die nötigen finanziellen Mittel dazu nicht gehabt hätte. Es war für ihn einfach eine Verschwendung von Geld, da es wesentlich billigere und wahrscheinlich gleich gute Uhren gab. Außerdem hatte es seiner Meinung nach schon etwas mit Protz und Prahlerei zu tun, wenn man mit so einer Uhr am Handgelenk herumlief. Das sich seine Mitarbeiter in solche Unkosten gestürzt hatten, bewies die große Wertschätzung, die sie ihm bis zuletzt entgegengebracht hatten. Das machte ihn stolz und gab ihm ein zufriedenes Gefühl.
Vielleicht lag es daran, wie er seinen Betrieb geführt hatte? Joseph hatte selbstverständlich bemerkt, wie sich die Arbeitswelt über die Jahre veränderte, moderner wurde und sich dabei immer wieder dem sogenannten Zeitgeist anpasste. Und natürlich musste auch er, ob er nun wollte oder nicht, diesen Weg mitgehen. Aufgrund seines hohen Alters und seiner langen Jahre im Betrieb konnte er aber über manche der hochgelobten Neuerungen schmunzeln. Es gab tatsächlich Vorschläge seitens des Betriebsrats, die man schon vor fünfzig Jahren einmal an ihn herangetragen hatte. Diese waren damals umgesetzt, und nach einigen Jahren wieder rückgängig gemacht worden. Jetzt griff man die gleichen Ideen wieder auf und pries sie als ultramodern und unentbehrlich an. Selbstverständlich wurden solche Vorschläge seitens der Geschäftsführung, die seit einigen Jahren in den Händen seines Sohnes und Enkels lag, aufgegriffen. Zu Recht, wie Joseph stets betonte. Verbesserungsvorschläge, Seminarwünsche, Weiterbildungsanfragen galt es, wenn möglich, umzusetzen. Man musste seine Mitarbeiter stets ernst nehmen und nicht abweisen. Trotzdem hatte Joseph immer wieder einige Wetten mit seinem Sohn laufen gehabt, wie lange manche Änderungswünsche bestand haben würden, bis man wieder zum altbewährten Verfahren zurückkehrte.
Er selbst hatte in seinem Betrieb gegenüber seinen Mitarbeitern stets einen anständigen offenen und respektvollen Umgang geführt und glaubte damit letztendlich auch Erfolg gehabt zu haben.
Nun auch das gehörte jetzt der Vergangenheit an. Aus und vorbei! Er konzentrierte sich wieder auf den vor ihm liegenden Weg. Seine beiden Handys, das private und das firmeneigene, hatte er zusammen mit seinem Tablet und einigen schriftlichen Vollmachten und Verfügungen seinem Sohn übergeben. Die Fahrt zu dem Parkplatz, wo sie sich still voneinander verabschiedet hatten, war schweigend verlaufen. Zum Abschied eine letzte innige Umarmung, dann war der Porsche Cayenne seines Sohnes in der Dunkelheit verschwunden und er, ohne sich noch einmal umzudrehen, langsam und entschlossen losmarschiert.
Sein Sohn und sein Enkel waren die einzigen Menschen, die wussten, wohin ihn sein letzter Weg führen würde. Aber auf die Verschwiegenheit der beiden konnte er sich absolut verlassen. Sie würden ihren Mund halten und ihm diese letzten stillen Tage gönnen.
Müde blickte Joseph in den nächtlichen Himmel. Es war eine laue wolkenlose Augustnacht und man konnte wie jedes Jahr um diese Zeit die Perseiden-Sternschnuppen bewundern. Dem Volksglauben nach durfte man sich etwas wünschen, wenn man eine Sternschnuppe sah. Er würde sich nichts wünschen. Das würde er auf keinen Fall tun. Seiner Erfahrung nach gingen Wünsche nämlich nicht in Erfüllung.
Und wie hätte sein Anliegen schon lauten sollen? Er war jetzt achtundachtzig Jahre alt. Die beiden Menschen. die ihn von dem Weg, der vor ihm lag, hätten abhalten können waren bereits tot.
Für sein hohes Alter war er immer noch erstaunlich fit. Nun dafür hatte er auch Einiges getan. Tägliche Fitnessübungen, gesundes Essen, regelmäßige Checkups, gute ärztliche Versorgung.
Trotzdem war sich Joseph bewusst, dass jeder Tag, an dem er wieder aufwachte, ein Geschenk war. Den von ihm seit Jahren gehegten Plan hatte er erst vor sechs Wochen in die Tat umsetzen können. Am 14. März war Susanne, mit der er über sechsundfünfzig Jahre verheiratet gewesen war, friedlich eingeschlafen. Endlich! Die gesamte Familie war dankbar gewesen als dieser Tod eingetreten war. Susanne litt nämlich seit ihrem sechzigsten Lebensjahr an Alzheimer und benötigte zuletzt rund um die Uhr die Betreuung einer Pflegekraft. Sie erkannte schon lange Niemanden mehr, starrte nur noch ziellos und hilflos vor sich hin. Zuletzt war die einst so vitale Frau nur noch eine abgemagerte körperliche Hülle ohne Hirn und Verstand gewesen.
Als er die Vorbereitung zur Beerdigung traf hatte er nebenbei errechnet, dass er mit Susanne sage und schreibe 20.668 Tage verheiratet gewesen war. 20.668 Tage! Eine unfassbare Zahl!
Mit Corinna, der Liebe seines Lebens, waren ihm nur drei Tage vergönnt gewesen. Seine eigenen achtundachtzig Jahre Leben entsprachen 32.142 Tagen. Rückblickend waren die meisten davon auch gut gewesen. Einigermaßen ... nein, er konnte zufrieden sein und hatte keinen Anlass sich zu beschweren. Verglichen mit vielen anderen Menschen hatte er ein gutes Leben gehabt.
Allerdings nur der 11.06.1955, 12.06.1955 und 13.06.1955 also die drei Tage mit Corinna hatten sich unauslöschlich als besonders glückliche Zeit in sein Gedächtnis gebrannt.
Solche Zahlenspiele brachten natürlich nicht viel. Die unvergesslichen Tage lagen weit in der Vergangenheit und waren schon längst von der Zeit verschluckt worden. Aber sie machten auch deutlich, dass er ... nun was? 20.668 Tage verschleudert hatte und lediglich drei Tage glücklich gewesen war? Hatte er seine Lebenszeit tatsächlich vertan? Hatte er sich selbst, Susanne, Corinna und andere um ein vielleicht viel glücklicheres Leben betrogen? Nun er hatte jetzt genügend Zeit, um über diesen wunden Punkt in seinem Leben nachzudenken.
Susannes Tod war leider zu spät eingetreten. Durfte man solche Gedanken überhaupt haben? Mit achtundachtzig Jahren war er auch viel zu alt, um einen Neubeginn zu starten. Ein Reset war jetzt nicht mehr möglich und Corinna, die einzige Frau, mit der er sich einen Neubeginn erhofft hätte, war auch schon lange verstorben. So konnte er nur noch auf ein Wiedersehen auf der anderen Seite hoffen. Wo immer das auch war und falls dieses kurze Erdenleben nicht doch ein endgültiges war.
Traurig wegen dem Tod seiner Frau war Joseph nicht gewesen. Susanne hatte abgesehen von der hinterhältigen Alzheimer Erkrankung ein gutes Leben gehabt. Das einzig wirklich Schmerzliche am 14.03.2018 war für ihn gewesen, als er in der Zeitung lesen musste, dass an diesem Tag auch Stephen Hawking das englische Physikgenie verstorben war. Diesen genialen Wissenschaftler hatte er stets bewundert. Nicht nur wegen seiner Thesen, sondern vor allem auch um die Art wie dieser Mann sein schwieriges Leben angenommen und gemeistert hatte.
Joseph bemerkte es als Kind selbst, dass er anders war als Gleichaltrige. Er war in sich gekehrt - nachdenklich - still - dabei aber ungewöhnlich neugierig und vor allem ruhig. Er genügte sich selbst!
Als Erwachsener hätte er später wahrscheinlich die Charaktereigenschaften introvertiert, melancholisch, frei von Arroganz und intelligent hinzugefügt.
In seiner Kindheit belauschte er gerne konzentriert die Gespräche von Erwachsenen. Die vor den Kindern oft nur geflüsterten Worte, deren Sinn er nicht immer verstand, faszinierten ihn. Stundenlang konnte er sich anschließend mit ihnen befassen und über ihre Bedeutung nachdenken.
So kam es häufig vor, dass er, statt mit den anderen Mädchen und Jungen seines Alters im Freien herumzutoben, sich viel lieber in der großen Bibliothek seines Großvaters verkroch. Stundenlang konnte er dort, sobald er lesen konnte, in den zahlreichen Lexika seines Großvaters nach Antworten auf seine zahlreichen Fragen suchen.
Besonders interessierten ihn dabei einzelne herausragende Begebenheiten auf der Welt die zeitgleich mit wichtigen Tagen seiner Familie zusammenfielen. Allein die Suche nach solchen Zusammentreffen war zu der damaligen Zeit eine große Herausforderung und ein richtiges Abenteuer. Schließlich gibt es die Möglichkeit einer Internetsuche mit Google erst seit 1997.
Josephs Ermittlungen in den Zeitschriften oder Büchern war eine zeitraubende aber auch eine sehr erfüllende Beschäftigung. So stellte er zum Beilspiel eines Tages erstaunt fest, dass seine Mutter am gleichen Tag geboren war wie Abraham Zapruder. Nun genaugenommen wusste er dies seit dem 65. Geburtstag seiner Mutter. Damals hatte er wieder einmal nach Informationen in den diversen Lexika seines Großvaters gestöbert. Als er über das Attentat auf John F. Kennedy recherchierte, stolperte er über den Namen Abraham Zapruder. Das war der Mann, der als Amateurfilmer das Attentat auf den damaligen US-Präsidenten aufgenommen hatte. Reiner Zufall wie unzählige andere Geschehnisse täglich auf der Erde. Sonst war nichts über diesen Mann bekannt. Lediglich dessen Geburtsdatum ließ Joseph aufmerksam werden. Das war nämlich der 15.05.1905. Der gleiche Tag an dem seine Mutter in Mannheim geboren war. Abraham Zapruder erblickte in der Ukraine das Licht der Welt. Es konnte davon ausgegangen werden, dass sich die beiden, wie so viele andere Menschen, die den gleichen Geburtstag hatten, niemals im Leben begegnet waren.
Josephs Vater wurde am 10.12.1901 geboren. Dieser Tag fiel, wie Josephs Suche ergeben hatte mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Henry Dunant dem Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zusammen. Dunant hatte den Preis zusammen mit dem französischen Pazifisten Frédéric Passy bekommen. Das besondere war, dass es der erste Friedensnobelpreis überhaupt war der vergeben worden war.
Joseph konnte tagelang über so vermeintlich banale Dinge nachdenken wie: Ob sich heutzutage überhaupt noch Jemanden Gedanken über Frédéric Passy machte? Die meisten Menschen kannten diesen Mann sicherlich überhaupt nicht. Henry Dunant, dürfte zumindest dem Namen nach bekannter sein. Als Joseph einige seiner Mitschüler neugierig fragte, ob sie diesen Namen schon einmal gehört hatten, erhielt er zu seiner Überraschung mehrmals die Antwort, „klar, dass war doch der Gründer der Olympischen Spiele.“ Joseph hatte wie üblich bei solchen Antworten nur ergeben genickt. Er wies seine Mitschüler nicht daraufhin, dass sie gerade Henry Dunant mit Pierre de Coubertin verwechselt hatten. Keinesfalls wollte er als Besserwisser, Streber oder neunmalkluger Rechthaber dastehen. So schwieg er wie so oft in seinem späteren Leben, dachte sich aber seinen Teil. Jahre später hatte Joseph einmal ein Zitat von Albert Einstein gelesen, in dem er sich selbst wiederfand, obwohl er sich selbstverständlich niemals mit dem grandiosen Denker verglichen hätte: Wer schweigt, stimmt nicht immer zu. Er hat nur manchmal keine Lust mit Idioten zu diskutieren.
Er hatte es sowieso nicht so leicht. Die anderen Jungen in der Klasse interessierten sich gerade nur für den Bürgerkrieg in Spanien und die dortigen Erfolge der deutschen Luftwaffe. Mit nachgebauten Holzflugzeugen spielten sie Legion Condor. Sein Vater hatte den Luftangriff der Legion Condor auf Guernica verächtlich als feiges hinterhältiges primitives Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung tituliert. Solche Äußerungen machte er natürlich nur innerhalb der Familie. Und Joseph war klug genug, um zu wissen, dass die regierungskritischen Meinungen seines Vaters die heimischen Wände auf keinen Fall verlassen durften. „Eine völlig schutzlose Stadt gnadenlos dem Erdboden gleichzumachen, ich denke da kann man als Heerführer wirklich mächtig stolz auf sich und seine Männer sein.“ Sein Vater hatte die Tageszeitung verächtlich zusammengefaltet. „Meine Befürchtung ist, dass unser verehrter Führer Blut geleckt und Gefallen an solchen feigen unehrenhaften Einsätzen gefunden hat und sich zukünftig noch mehr in die Belange anderer Länder einmischen wird.“
Joseph hatte endlich den höchsten Punkt seines nächtlichen Marsches erreicht. Er war in der Zwischenzeit aber auch am Ende seiner körperlichen Kräfte angelangt. Zu seinem Glück ging es jetzt nur noch bergab zu der kleinen verborgenen Senke, in der das Geheimnis seiner Familie lag.
Sein von ihm selbst gewähltes Hospiz wartete dort auf ihn. Der Platz an dem er seine letzten Tage verbringen wollte. In Ruhe und völliger Abgeschiedenheit von der übrigen Welt. Er hatte diesen Plan so lange seine Frau lebte niemals umsetzten können. Das hatte sein Verantwortungsgefühl ihr gegenüber nicht zugelassen. Doch jetzt konnte er sich seinen langgehegten finalen Wunsch erfüllen. Endlich dieser Welt den Rücken kehren und die restlichen ihm verbleibenden Lebenstage mit Nachdenken verbringen. In aller Ruhe, großer Sille, ohne Menschen und nach dem Tod würde er nur von ursprünglicher Natur umgeben sein. Eine Art abschließende Meditation über sein abgelaufenes Leben lag vor ihm. Und sicher würde er auch wieder von Corinna träumen, seiner Corinna, dieser großen unerfüllten Liebe.
Als sein Weg steil nach unten führte kam der betagte Mann kurz ins Stolpern. Er fing sich aber schnell wieder. Die alte Wurzel, an der er in der Vergangenheit schon ein paarmal hängen geblieben war, hätte ihm diesmal tatsächlich fast das Gleichgewicht gekostet. Er hob wie immer an dieser Stelle einen am Boden liegenden Stein auf und steckte ihn in seine Jackentasche.
Nur noch wenige Schritte zu dem großen verwitterten Felsen hin und er würde am Ziel seiner Reise sein. Als Joseph den Felsen umrundet hatte lag die kleine Senke vor ihm. Der Anblick war für ihn jedes Mal ein Wunder der Natur: Eine winzige Waldlichtung, nicht einmal so groß wie ein Tennisplatz, schützend umschlossen von hohen Felsen in einem unerschlossenen im Urzustand belassenen Waldgebiet, dass sich seit mehreren Generationen im Besitz der Familie Flooth befand.
Das ganze Gebiet war so unzugänglich, dass nicht damit zu rechnen war, dass sich ein anderer Mensch jemals hierher verirren würde. Die Zufahrt in dieses Waldgebiet, eigentlich nur ein besserer Feldweg, endete in einiger Entfernung. Der einzige Wanderpfad, der von dort abging, führte genau in die entgegengesetzte Richtung. Warum sollte Jemand freiwillig ein altes unerschlossenes Waldgebiet betreten, dass zudem aufgrund der vielen herumliegenden Felsbrocken äußerst abweisend und gefährlich aussah?
Das eigentliche Geheimnis dieses Flecken Erde befand sich gut verborgen tief im Inneren des urtümlichen Waldes am anderen Ende der Lichtung unter einer schrägen Felsenwand. Joseph erinnerte sich noch gut daran, wie ihn sein Vater das erste Mal hierher mitgenommen hatte. Es war der 12.04.1945, ein Donnerstag, gewesen.
Erschöpft und glücklich ließ sich der alte Mann schweratmend in das feuchte Gras fallen, er hatte es tatsächlich geschafft und war endlich am Ziel seiner finalen Reise angekommen.
Mitten in der Nacht hatte ihn sein Vater wachgerüttelt und aufgefordert sich sofort anzuziehen. Seine Mutter hatte ihren schlaftrunkenen Sohn mehrmals umarmt und unter Tränen immer nur geflüstert, dass Alles gut werden würde. Als sie kurz danach in dem Kübelwagen seines Vaters einem Volkswagen Typ 87 saßen, erklärte ihm dieser den Grund für den überstürzten Aufbruch.
„Ich habe über den Buschfunk erfahren, dass gestern das Konzentrationslager Buchenwald befreit worden ist. Dieser unmenschliche Krieg ist deshalb aber leider immer noch nicht zu Ende. Mich könnte die SS aufgrund der unsäglichen Volkssturmgesetze trotz meiner dreiundvierzig Jahre jederzeit noch zum Kriegseinsatz zwingen. Doch der eigentliche Grund, warum wir beide uns jetzt absetzen und das Ende dieses Krieges in einem sicheren Versteck abwarten, bist du. Die Verantwortlichen dieser vermaledeiten Schutzstaffel drehen jetzt nämlich völlig durch und halten sich nicht einmal mehr an ihre eigenen Gesetze. Du fällst mit deinen sechzehn Jahren Gott sei Dank noch nicht unter dieses krankhafte Volkssturmgesetz. Aber die SS rekrutiert alle jungen Männer, denen sie habhaft werden kann, ohne Rücksicht auf ihr Alter. Wie verroht muss man sein um unschuldige Kinder, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben als Kanonenfutter einzusetzen? Diese primitiven Unmenschen klammern sich mit allen Mitteln an ihre Macht. Als ob sie mit einem aus Kindern und alten Männern zusammengewürfelten Haufen einen längst entschiedenen Krieg doch noch gewinnen könnten. Wenn sie nur über etwas Hirn und Anstand verfügen würden, hätten sie schon längst kapituliert. Wahrscheinlich haben sie einfach eine Heidenangst was mit ihnen geschieht, wenn man ihnen ihre Waffen und Uniformen abnehmen wird. Dann werden aus diesen ungebildeten Herrenmenschen plötzlich ganz einfache ...“, Josephs Vater murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin.
Nach einigen Kilometer sprach er weiter: „Deine Mutter und ich werden auf keinen Fall zulassen, dass dich diese Verbrecher so kurz vor Kriegsende noch für ihre unmenschlichen Zwecke einspannen. Und jetzt schlaf Joseph, wir haben noch einige Stunden Fahrt vor uns.“
„Stimmt das, was man über die Juden und diese Lager spricht?“, fragte Joseph leise und starrte in die Dunkelheit hinaus.
„Ja“, sein Vater seufzte, „aber ich befürchte, dass in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer ist. Die Welt wird uns Deutsche generationenlang verachten.“
Eine Weile herrschte Stille. Dann fragte Joseph, „besteht nicht die Gefahr, dass wir irgendwann auf eine Patrouille stoßen? Was machen wir dann Vater?“
„Dieses Kraftfahrzeug ist für die Bonzen des Militärs gebaut worden. Ein ziemlich robustes Auto mit Allradantrieb. Die Soldaten werden deshalb glauben, dass damit irgendwelche Offiziere unterwegs sind. Sie werden es sich zweimal überlegen uns anzuhalten. Ich glaube nicht, dass eine Streife den Mut dazu aufbringen wird.“
„Und wenn doch?“
„Dann“, seufzte sein Vater, griff in seine Jackentasche und zog eine Walther PPK hervor, „werden ich alles was nötig ist unternehmen, damit wir unseren Weg fortsetzen können. Du wirst mir auf jeden Fall keine Uniform tragen! Aber jetzt muss ich mich auf die Straße konzentrieren. Versuch ein wenig zu schlafen Joseph.“
Das war leichter gesagt als getan. Joseph war viel zu aufgeregt und nervös, um schlafen zu können. Starr blickte er in die Dunkelheit hinaus und versuchte zu erkennen, wohin sein Vater ihn fuhr. Ein Gespräch wollte zwischen den beiden lange Zeit nicht mehr aufkommen.
Gegen Mitternacht hielt sein Vater dann am Wegesrand an und füllte den Tank mit einem der zwei großen militärischen Reservekanister auf. Anschließend öffnete er die mitgebrachte Thermoskanne und goss zwei Blechbecher mit Kaffee voll. „Am 13. und 14. Februar wurde Dresden bombardiert“, begann er übergangslos. „Es muss dort furchtbar aussehen. Der 13. Februar war der Faschingsdienstag. Nach diesem schrecklichen Ereignis sollte es keinen Fasching mehr geben. Erinnerst du dich noch, wie wir uns den Zwinger und die Semperoper angesehen haben? Die Innenstadt von Dresden wurde angeblich völlig zerstört. Diese unglaublichen Kulturschätze die sich dort befunden hatten. Ich darf gar nicht daran denken, welche einmaligen Wertgegenstände wohl für immer vernichtet worden sind. Die Frauenkirche soll am 15. Februar eingestürzt sein. Kannst du dir das vorstellen Joseph. Und das alles nur, weil einige völlig ...“
„Vielleicht kann man die Kirche wiederaufbauen?“, warf Joseph hoffnungsvoll ein, während er vorsichtig an seinem heißen Kaffee nippte.
„Das ist nicht möglich! So ein erhabenes Bauwerk kann man kein zweites Mal …“ Der Vater beendete seinen Satz nicht, sprang plötzlich in das Auto und schaltete dort eilig sämtliche Lichter aus. Kurze Zeit später hörte man näherkommenden Flugzeuglärm. Eine ganze Formation von Flugzeugen rauschte heran „Das hört sich nach Douglas an. Es könnte sich um mehrere R2D handeln. Das wären dann Passagierflugzeuge. Uns droht also momentan keine Gefahr. Komm wir fahren jetzt weiter. Wir haben noch einige Kilometer vor uns.“
Rasch tranken sie ihre Becher leer. Joseph war sich nicht sicher, ob sein Vater wirklich wusste, welche Flugzeugtypen gerade im Formationsflug über ihnen hinweggedonnert waren. Vielleicht wollte er wegen der Anwesenheit seines Sohnes auch nur Zuversicht verbreiten. Die Flugzeugmotoren hatten sich, auch wenn es tatsächlich nur Passagierflugzeuge gewesen waren, äußerst bedrohlich angehört. Die nächsten Kilometer fuhren sie weiter, ohne das Scheinwerferlicht ihres Kraftfahrzeuges wieder einzuschalten. Das tat Josephs Vater erst, als der Flugzeuglärm völlig verstummt war.
Es dämmerte bereits, als sie schließlich in einen holprigen Feldweg einbogen und diesem langsam folgten. Der Weg wurde zunehmend schlechter und endete dann abrupt hinter einer Kehre. Vorsichtig fuhr Josephs Vater das Auto unter mehrere dicht beieinanderstehenden Bäume. Er atmete tief aus, „wir haben es fast geschafft Joseph. Den Rest müssen wir zu Fuß bewältigen. Und dann werden wir in aller Ruhe das Ende des Krieges abwarten.“
Sie stiegen aus und holten aus dem Kofferraum ein Tarnnetz, dass sie über das Auto warfen. Anschließend schulterte jeder von ihnen einen schweren Rucksack und nahm einige der vollgepackten Taschen in die Hände. Unwillkürlich schritt Joseph in Richtung des Wanderpfads, der sich am Ende des Weges befand.
„Nein“, sein Vater schüttelte den Kopf. „Falsch gedacht mein Sohn. So einfach wird unser Weg nicht. Du musst dir jetzt die folgende Strecke genau einprägen. Ich nenn dir dann am Ende eine Eselsbrücke, damit du hier auch allein zurechtkommen kannst.“
