der Geometer - Helmut Wenninger - E-Book

der Geometer E-Book

Helmut Wenninger

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dieses Buch gibt Einblick in das Leben des Geometers und Vermessers Helmut Wenninger. Darin beschreibt er seine Erlebnisse vom Einstieg in diesen Berufsstand, seine Expeditionen und Reisen durch die Sahara und ferne Länder bis zur Metamorphose in die moderne 3D Welt der Geoinformation und Geoinformatik. Von vielen eigenen Erfindungen die diese Branche total veränderten, bis hin zum modernen Drohnen-3D Erfassungssystem. Angereichert mit vielen Geschichten über interessante Menschen und Zugang zu geheimen Daten des KGB für den ersten Satellitenatlas von Deutschland oder dem ersten Navigationssystem lange vor Google Maps.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© 2021 Helmut Wenninger

erste Auflage

Herausgeber: Helmut Wenninger

Autor: Helmut Wenninger

Umschlaggestaltung, Illustration: Helmut Wenninger

Lektorat, Korrektorat: tredition GmbH

Übersetzung: tredition GmbH

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN 978-3-347-25956-0 (Paperback)

ISBN 978-3-347-25957-7 (Hardcover)

ISBN 978-3-347-25958-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Helmut Wenninger

der Geometer

die Vermessung der Welt im Wandel

Inhaltsverzeichnis

Vermessung der Welt im Wandel

Die Ausbildung

Die ersten Einsätze

Der Weg zur Selbstständigkeit

Das erste selbstgebautes Haus

Einsatz in Saudi Arabien

Das Ende in Saudi

Die Heimreise

Zurück und was nun?

Alles Laser oder was?

Der erste vollautomatische Plan

Die erste selbstregistrierende Nivellierlatte

CAS – Computer aided Surveying

Die erste Leipziger Messe

Die Gründung des Geomuseums

Durch Afrika - mit dem Flying Surveyor

Das Ipad von 1988 - mit dem Finger zeichnen

GIS – geografische Informationssysteme

Mit dem Notebook durch das Outback

CARDy - das 1. Geografische Navigationssystem

Der neue Roadscout

Das Auge des KGB

Das Wenninger Geodatenzentrum

Terra Bavaria – Als das Kataster digital wurde

ZÜRS – das grosse Zonierungssystem des GDV

Geodatenproduktion in China

Alles neu macht der Euro – der Restart

JGIS –modernes Geodatenmanagement in Java

Vattenfall TaRa – Disposition im Tagebau

Als das Smartphone die Welt der Geometer veränderte

Kleinräumige Photogrammetrie neu definiert

Vermessung 4.0 – 3D erobert die Geoinformatik

Vermessungsroboter übernehmen die Feldarbeit

VERMESSUNG DER WELT IM WANDEL

Als ich diesen Beruf ergriff, konnte ich nicht ahnen, dass er einmal die Welt komplett verändern würde.

Die digitale Erde macht Dinge möglich, die wir uns nie hätten träumen lassen. Autos fahren vollautomatisch von einem Punkt zum anderen, Flugzeuge starten, fliegen und landen ohne fremde Hilfe, autonome Boote suchen systematisch den Grund ab und vermessen ihn und finden verborgene Dinge. Drohnen fliegen den Himmel auf und ab nach cm genau vorgegebenen Bahnen und erstellen die digitale Welt und in Kürze bringen Sie Passagiere selbstständig von A nach B, nachdem man per Sprache sein Ziel definiert hat.

Wir digitalisieren aus der Luft, zu Wasser und auf der Erde mit dem Foto, dem Video, mit Laserstrahlen und vermessen die Oberfläche unserer Erde oder von Gegenständen hochpräzise. Wenn das jemand unseren alten Mathematikern, Geographen und Geometern wie Gauß, Krüger, Mercator, Reichenbach, Senefelder und wie sie alle hießen, gesagt hätte, was wir aus Ihren Formeln und Messverfahren mal machen würden, sie hätten uns für verrückt erklärt.

Warum ich dieses Buch schreibe?

Weil ich glaube, dass viele Begebenheiten in diesen 50 Jahren, in denen mir dieser Beruf und die Bedeutung für unsere Umwelt und Gesellschaft bewusst wurde und in der sich so unglaublich viel verändert hat, auch für die Nachwelt interessant ist und weil es nicht gut wäre, dass bestimmte Dinge vergessen werden oder später in einem falschen Licht dargestellt werden. Unser deutsches Verwaltungswesen und seine Bürokratie hat einiges gut gelöst, aber auch viel behindert und Daten teilweise ins Ausland getrieben, dass dieser Prozess aufgearbeitet werden sollte. Ja, er wird momentan aufgeweicht und neu strukturiert, aber halt 30 Jahre zu spät. Verschenkte 30 Jahre.

Vielleicht lesen ein paar einflussreichere Menschen als ich diese Zeilen und helfen mit, den Datenschatz, der mit den beschriebenen Technologien erhoben wurde, endgültig zu heben und frei zu bekommen für die gesamte Gesellschaft, aus unseren versteinerten Verwaltungen loszueisen und daraus Informationsprodukte zu formen, die jedem Bürger Wissen geben auf das er ein Anrecht hat, ohne dafür extra zu bezahlen. Vieles ist zwar auch ohne „Freiheit für Geodaten“ passiert und hat sich ohne Zutun der Verwaltung selbst entwickelt, aber es wäre leichter, und zwar nicht nur für die großen Internetkonzerne, sondern für den gesamten Mittelstand der Geobranche und der Medienwirtschaft, wenn der Zugang zu den Diensten und den Daten freier und liberaler wäre.

„Ja, wir waren dabei“ und wir haben vieles neu gemacht, aber auch einiges übersehen und falsch gemacht. Alle zusammen, die in diesem Berufsumfeld arbeiten oder gearbeitet haben. Das Ergebnis war, dass das Hauptgeschäft im Geobereich heute über Google, Microsoft, OpenStreetMap, die Automobilindustrie und ähnliche Konsortien abläuft und die großen Umsätze und Produkte woanders generiert werden als im heimischen Mittelstand. Aber lassen Sie mich erzählen wie alles begann.

WIE ES BEGANN

Irgendwann ist es soweit. Man hat das Gefühl, Du hast so viele Dinge erlebt, bist weit gereist, hast interessante Menschen kennengelernt, tolle Projekte begleitet, gute und schlechte Ideen gehabt und warst Teil einer faszinierenden Epoche und Entwicklung, jetzt ist es an der Zeit es aufzuschreiben. Denn irgendwann werden deine Kinder, Enkel und Urenkel fragen, „was hast Du gemacht in deinem Leben“.

Du hast es immer wieder erzählt und Du hast das Gefühl, die Menschen hören Dir gerne zu. Du hast das Gefühl, es interessiert sie, zumindest einige von Ihnen und vielleicht solltest Du es festhalten, damit es auch mal Deine Enkel und Freunde miterleben können oder bevor der Schleier des Vergessens drüber fällt. Es gab so viele Erlebnisse und sehr viele Dinge dabei, die Dein Leben, das Deiner Mitmenschen und auch das berufliche Umfeld, und ja, ich traue mir das zu sagen, auch das Vermessungswesen, und etwas über den Tellerrand gesehen, die Geoinformatik geprägt und auch verändert haben.

Meine Kindheit verlief unspektakulär, war aber im Nachhinein betrachtet sehr schön und harmonisch. Mein Vater hatte seine erste Frau durch eine schwere Krankheit verloren und er heiratete ein zweites Mal. Ich war also ein Nachzügler und wuchs auf im Umfeld von 2 deutlich älteren Brüdern, die mich natürlich am Anfang schon skeptisch betrachteten. Ich war dann wohl derjenige, der die meisten Freiheiten hatte, undenkbare Freiheiten für heutige Verhältnisse. Bei meinen „Stiefbrüdern“ war ich aber derjenige, der alles durfte und machen konnte. Aber das führte nicht zu Eifersucht und Ablehnung, sondern zu einem tiefen Verständnis und Zuneigung. In meinem ganzen Leben gab es kein einziges Mal in dem wir uns gestritten haben (doch einmal, als ich meinem älteren Bruder den Auspuff zugegipst habe und sein neues Auto nicht ansprang). Selbst als die Aufteilung der Erbschaft anstand, wurde über die Entscheidung meines Vaters wie aufgeteilt wurde, kein einziges Wort verloren. Man hätte nie die Entscheidung des „Chefs“ angezweifelt oder nicht respektiert. Diese tiefe innere Zuneigung und der Respekt, den wir untereinander hatten, nehme ich heute nach vielen Jahren nicht mehr als selbstverständlich hin. Ich weiß heute, dass es ganz was Besonderes war und nicht selbstverständlich, so ein Verhältnis in der Familie zu haben und ich schöpfte sehr viel Kraft daraus.

Ab dem Schulende waren wir im Münchner Osten mit unseren auffrisierten Fahrrädern unterwegs und unsere Eltern wussten nicht, wo wir rumstreunten. Unsere Spielwiese war der Münchner Osten und oft waren wir im Umfeld des Münchner Flughafens unterwegs, kletterten unter der Absperrung durch und waren direkt auf dem Flughafen München unterwegs. Über uns der Flügel einer „Lockheed Super Constellation“ und hinter uns die verschlungenen Gänge der alten Zuschauertribünen. Wenn uns das Sicherheitspersonal gesehen hatte mussten wir schnell abhauen oder uns in den Gängen verstecken. Sogar bis in den Tower haben wir es geschafft, bis wir verjagt wurden.

Oder wir waren auf den Sportplätzen des Münchner Ostens unterwegs, veranstalteten unsere eigenen olympischen oder Fußballweltmeisterschaften. Auch die großen freien Felder gehörten zu unserem Einzugsbereich und wir machten Kartoffel- und Lagerfeuer oder ließen Drachen oder Modellflieger starten. Es war eine schöne Jugendzeit. Wir konnten uns entfalten wie es in der Zeit der Flügel- und Glucken-Eltern gar nicht mehr möglich ist. Wahrscheinlich legte ich schon damals den Grundstein „zum Flying Surveyor“. Ich baute nämlich mehrere Modellflieger, allerdings war meine Absturzquote erschreckend hoch und meine Ziele hatten nichts mit Vermessung oder Photogrammetrie zu tun, sondern ich wollte einfach, dass meine Flugzeuge länger in der Luft blieben, also die meiner Freunde. Das gelang mir aber sehr selten. Meist ging ich voller Stolz mit meinem Flieger auf die Felder und brachte ihn im Rucksack und in Einzelteilen wieder zurück.

DIE ERSTEN EINSÄTZE

Ich weiß es noch wie heute, der erste Einsatz war die Absteckung von ein paar Schächten an der Autobahn kurz vor Eschenlohe. Das Gebiet kannte ich noch sehr gut, war ich doch im Studium oft mit einem Trupp des Münchner Ingenieurbüros Richter, eines der ersten klassischen privaten Vermessungsbüros in München, an der gleichen Stelle gewesen, um die Trasse abzustecken. Ich war damals tief beeindruckt vom Truppleiter, weil wir immer um 14 Uhr fertig waren und dann auf dem Dorfplatz zum Fußballspielen antreten mussten. Das hat mir wahnsinnig imponiert, Sport und Arbeit zu vermischen. Der Chef durfte das natürlich nicht erfahren, aber da hielten alle zusammen.

Ein weiterer Einsatz, der meine berufliche Karriere beeinflussen sollte, war die Neugestaltung der Startbahn des Münchner Flughafens. Eigentlich auch keine sehr spektakuläre Aufgabe, handelte es sich doch „nur“ um eine kilometerlange Straße, die sehr breit und schnurrgerade war und sehr höhengenau neu „asphaltiert“ werden musste, also eine neue Verschleißschicht bekam, weil die Flieger bei Start und Landung die alte Decke gehörig ramponiert hatten. Die Einsätze erfolgten nur nachts, da der Flugbetrieb natürlich weiterlaufen musste. Schon bald wurde mir aber klar, was es bedeutete, sehr „höhengenau“ zu planen und vor allem, das in der Praxis beim Deckenbau auch durchzusetzen. Schon damals kam mir die Idee, das mit einem Lichtstrahl zu machen, aber die Technik war noch nicht so weit und vor allem war ich als Student überhaupt nicht in der Lage, Ideen dazu umzusetzen, geschweige denn anzuwenden.

DER WEG ZUR SELBSTSTÄNDIGKEIT

Die ersten Aufträge

Als das Studium zu Ende ging, war es an der Zeit sich nach einer Stelle umzuschauen. Das war zu diesem Zeitpunkt nicht sehr schwierig. Für meinen Horizont gab es damals für einen Vermessungsingenieur nur den Weg zum Staat. Dachte ich. Es kam aber ganz anders. Ein Studienkollege schwärmte mir vor, dass es in der Bauindustrie keine Anwärterzeit und sofort volles Gehalt geben würde. Das imponierte und gefiel mir.

Ich stellte mich bei der Fa. Hinteregger vor. Einem deutschen Ableger einer österreichischen Baufirma, die zum damaligen Zeitpunkt sehr erfolgreich auf dem deutschen Markt tätig war. Die erste Baustelle war in Ehra-Lessien, das Hochgeschwindigkeitstestfeld von VW. Eine durchaus interessante Baustelle. War doch nichts einfach beim Abstecken und in der Bauausführung. 100% (also 45 Grad) geneigte Fahrbahnen sind halt nicht so einfach zu bauen, und dann noch eine außergewöhnliche Ebenheit herzustellen, die für Hochgeschwindigkeitsstrecken unabdingbar ist, war eine große Herausforderung.

Schon gleich nach der Ankunft verlangte der leitende Vermessungsingenieur von mir am nächsten Morgen „Profile“ abzustecken. Das ist im Nachhinein betrachtet nichts Kompliziertes, ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit, für mich aber war es das aber schon, hatte ich im Studium doch noch nie was von Profilen gehört. Die brauchte ein Katastervermesser nicht. Profile dienen dazu die Schüttung für Straßen, Dämmen oder sonstigen Baukörpern für den Baggerfahrer und die Planierraupe genau vorzugeben. Dazu muss der Geländeunterschied zu „Ist“ und „Soll“ ermittelt werden und dann das Holzprofil mit der richtigen Neigung gesetzt werden. Unsere Ausbildung war immer noch auf Kataster, Flurbereinigung und allgemeiner Ingenieurvermessung aufgebaut, aber nicht auf Tiefbau und Straßenbau. Das sollte sich erst später ändern, auch dank meiner und meiner Kollegen, die den Praxisbezug der Fachhochschulausbildung noch stärker in den Vordergrund stellen sollten.

Aber dass ich das nicht wusste und konnte, hätte ich nie zugegeben. Ich war Ingenieur und hatte eine gute Grundausbildung und konnte „technisch denken“, da kann ich doch so profane Profile abstecken. In der Nacht vor meinem ersten selbstständigen Außendienst legte ich mir ein Konzept zurecht, wie ich diese dämlichen Profile in die Landschaft zaubern könnte und um die Mittagszeit konnte ich die Profile an den zuständigen Schachtmeister übergeben. Augenzwinkernd sagte er „hat aber gedauert“. Das war mir egal, ich war stolz auf meine ersten Profile und legte die Grundlage für meine Selbstständigkeit, bei der ich viel Geld mit Profilen verdienen sollte. Schon nach kurzer Zeit wurde ich nach Dingolfing versetzt, wo mein erster Arbeitgeber die Erdbauarbeiten für die neuen BMW-Werke bekommen hatte. Ich erstellte nebenbei die Renaturisierungspläne und überwachte die Rückbefüllung der großflächigen Teichlandschaft. Besonders in Erinnerung blieben mir die Befischung der Teiche und das Leeren der Teiche mit Sprengstofffischern. Aale von 1,50 m Länge und Mäulern wie Umweltungeheuer kamen zum Vorschein. Keiner der erfahrenen Angler, die damit beauftragt waren, konnte die Ungeheuer festhalten. Sie verschwanden alle wieder in der Nacht.

Ein Skiunfall änderte alles. Ich war damals noch so skifanatisch, dass ich auch im Sommer zum Skilaufen ging und dabei passierte es. Ich verletzte mich in einem sehr sommerspezifischen Schnee sehr schwer am Knie und damit war die Außendienstarbeit vorläufig beendet. Die Verletzung war so schwer, dass sie mich später sogar die Bundeswehrtauglichkeit kostete, was aber ich verschmerzen konnte. Ich sollte nie mehr auf diese Baustelle zurückkehren. Es begann meine Selbstständigkeit, weil natürlich Planungsarbeiten auch mit einem kaputten Knie möglich waren. Noch während der Verletzungspause bekam ich Aufträge zur Planung von ein paar Zweifamilienhäusern, was mir sehr entgegen kam, da der Außendienst mit der Knieverletzung immer noch sehr schwierig war.

Das war damals gut möglich, weil auch Vermessungstechniker und Ingenieure bis zum Zweifamilienhaus Pläne einreichen konnten. So stand auf meinem ersten Firmenschild neben Vermessung auch Architektur und Straßenplanung.

Und das war´s dann. Ich meldete ein Gewerbe an, obwohl das gar nicht notwendig gewesen wäre, (Ingenieurbüro war ja ein freier Beruf wie Notar oder Rechtsanwalt), aber sicher ist sicher. Im Sommer 73 bekam ich dann von der Erdbaufirma Putz den Auftrag, den Erdbau für die neue Ringautobahn A99 zu überwachen. Das interessante war aber meine Vertragsgestaltung. Ich merkte schon bei den Vertragsverhandlungen, dass man schnelle jemand brauchte und Vermessung eher gering einschätze. Schon bei den ersten Kontrollfahrten über die Baustelle erkannte ich die schlingernden Erdbauungetüme, die da zum Einsatz kamen. Ich legte also großen Wert auf die Wiederherstellungskosten von einmal erstellen Höhenmarken und Einweisungsprofilen. Zurecht wie sich herausstellen sollte. Ich bekam pro Richtungs- und Höhenpflock und pro Profil einen Festpreis, egal ob Erst- oder Zweitvermessung. Der Bauleiter ging darauf ein und ich konnte noch gar nicht abschätzen, was das für mich als „grünen“ Newcomer in der „Freiberuflerszene“ bedeutete. Aber bald wurde mir das klar. Auf der Baustelle wurden nur sogenannte Muldenkipper eingesetzt, die eine Hydrauliklenkung hatten. Der Bauunternehmer hatte sie von einer südafrikanischen Großbaustelle eingekauft und dementsprechend waren sie auch gewartet. Ein genaues Fahren war damit unmöglich. Ich musste mich oft mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringen, wenn die Fahrer im Zickzack mit hoher Geschwindigkeit auf mich zukamen. Dass sie dabei oft 10 Profile und Höhenpflöcke in einem Stück umfuhren, war mir am Anfang unangenehm. Als ich aber die Profile immer wieder abrechnen konnte, merkte ich schnell, dass ich einen Supervertrag abgeschlossen hatte. „Welcher Depp hat diesen Vertrag mit dem Wenninger abgeschlossen“ fragte der Firmenchef in der rauen Baustellensprache in die Runde, keiner meldete sich und ich war auch still, der Bauleiter auch. „Wahrscheinlich der Kaufmann“ kam es aus der Runde, wohlwissend, dass dieser erst gefeuert worden war. Ich nickte nur … und grinste und der Putz lachte auch. „Gut gemacht, kriegst noch mehr Arbeit“ und schlug mir lobend auf die Schulter. So war Baustelle: grob, rau, aber auch lobend und herausfordernd, ich fühlte mich wohl auf der Baustelle.

Schon bald gab es zusätzliche Aufträge. Ich bekam fast alle Brücken des Münchner Ostringes zur vermessungstechnischen Betreuung, auch von der Firma Hinteregger, für die ich mal das BMW-Werk Dingolfing und die Versuchsstrecke in Ehra-Lessien (VW) betreut hatte. Ein Detail möchte ich noch erwähnen, weil es auch in meiner weiteren Laufbahn immer wieder zum Ausbruch kam. Ich konnte mit wenigen Mitteln vermessen. Meine ersten Aufträge wurden mit Fluchtstäben, Winkelprisma und Nivelliergerät durchgeführt, und ja, das funktionierte. Manchmal etwas umständlich und auch rechenintensiver, aber es war möglich und schon bald kaufte ich höherwertige Vermessungsgeräte, wie Theodolit und elektronische Entfernungsmesser dazu.

Mein Auftragsspektrum erweiterte sich und auch die Querstraßen- und Feldwege mit den Parkanlagen kamen dazu oder komplexe Gebäudeabsteckungen mit komplizierten Fertigfassaden. Bald kam auch mein erster Arbeitgeber, die Fa. Hinteregger auf die Baustelle, mit dem Los der Deckenarbeiten und einem weiteren Los der Erdarbeiten. Ich konnte Erfahrung sammeln in der Abrechnung, der Absteckung und der Steuerung der neuen Fertiger-Technik, mit neuer hochgenauer Drahtsteuerung.

Besonders die Überquerung der bestehenden Salzburger Autobahn ist mir dabei in Erinnerung geblieben. Am 30. Oktober 1974 war das Widerlager auf den Mittelpfeilern zwischen den Fahrspuren der alten Autobahn einzumessen. Schwierig und fast 7 m hoch, nur einen Meter im Durchmesser, war das nicht ganz ohne, wenn man mit dem Instrument darauf stand. Unten der laufende Verkehr, und gegenüber die Poliere der Schalungsbauer, die man mm-genau einweisen musste. Heute sicherheitstechnisch gar nicht mehr so machbar. Damals fragte keiner nach der Sicherheit für den Vermesser und der Vermesser ist halt mal der Erste und Letzte auf der Baustelle.

Die Nacht davor verlief aber ganz anders als geplant. Es war der 30. Oktober 1974 und meine Tochter Katrin kam zur Welt. Die ganze Nacht war ich schon in der Klinik und lief mit meiner Frau die Treppen rauf und runter, um die Geburt einzuläuten. Um 3:03 war es soweit, Katrin tat den ersten Schrei und ich hätte es mir um kein Geld der Welt nehmen lassen dabei zu sein, wenn meine Tochter das Licht der Welt erblickte. Es war für einen jungen Burschen mit 25 Jahren ein beeindruckendes Erlebnis, wenn ein Mensch das Licht der Welt erblickt. Ich habe das auch bei meinen anderen Kindern so gehandhabt und würde es immer wieder so machen. Kein Vater sollte es sich nehmen lassen bei der Geburt seiner Kinder dabei zu sein.

Unser Leben war in eine neue Phase getreten. Kurzfristig merkte ich das noch nicht, ich war ja voll im Trott. Nachdem alle schliefen, fuhr ich nach Hause, legt mich hin und schaltete den Fernseher ein. Muhammed Ali kämpfte gerade gegen George Foreman – „Rumble in the Dschungle“. Der berühmteste Boxkampf aller Zeiten. Als der beendet war, stand ich auf und fuhr auf die Baustelle. Die Schalung musste noch fertig eingemessen werden, um 10:00 kam der Beton. Mein Messgehilfe war nicht schwindelfrei und verweigerte den Aufstieg auf den 7 m hohen Pfeiler, um die Zieltafel anzubringen. Dieser Pfeiler steht heute direkt zwischen den Fahrbahnen der Salzburger Autobahn, dort wo die Umgehung einmündet.

Verweigern ist das falsche Wort, er stieg hoch und lag wie ein Protz auf dem Pfeiler und rührte sich nicht mehr. Ich war froh, ihn nach gutem Zureden wieder runter zu bringen. Das Wetter war extrem hässlich, es schneite aus vollem Rohr, auf dem Pfeiler warst Du in Minuten zu einem starren Schneemann gefroren. Aber die Betonlaster kamen um 10, da gab es kein Entkommen. Ich musste zuerst meinen Gehilfen auf dem festen Zielpunkt zu den Polieren versetzen und entsprechend „Einweisen“ was zu tun ist. Ich stieg also selbst auf den hohen Pfeiler. Ich war extrem konzentriert, denn ich wollte nicht, dass meine Tochter gleich zur Waise wird.

Als ich um die Mittagszeit wieder im Krankenhaus war und meine kleine Tochter in den Armen hielt, war ich müde, glücklich und zufrieden.

Aber das Leben geht weiter. Der Tod meines Schwiegervaters änderte die Situation noch einmal. Ich hatte jetzt auch die Verantwortung für meine Schwiegermutter und meine Eltern und meine kleine Familie. Mein Vater war ja schon ein bisschen älter, ich war ein Nachkömmling von seiner zweiten Frau, und daher fühlte ich schon früher als üblich die Verantwortung für Ihn. Die Baustelle A99 lief langsam aus und ich musste mich einer neuen Aufgabe widmen. Zuerst investierte ich das auf der Baustelle verdiente Geld (durch die vielen 10fach wieder hergestellten Profile) in ein Ferienhaus im Voralpenland. Nichts Großes, aber sehr individuell, und vor allem – ich machte alles selber. Von der Elektrik bis zur Wasser- und Heizungsinstallation.

Das war teilweise eine harte Schule, aber es brachte mir wieder eine Menge an Wissen in den unterschiedlichsten Disziplinen und half mir später, auf der Basis meines Ingenieurswissen viele Entwicklungen zu verstehen und auch zu verbessern und neu zu konzipieren.

DAS ERSTE SELBSTGEBAUTES HAUS

Es war schon immer ein Kindheitstraum im Gebirge einen Stützpunkt zu haben. Jetzt war es soweit und ich setzte den Traum in die Realität um. Aus den Einnahmen meiner ersten Großbaustelle konnte ich ein Grundstück auf Erbpacht in Hausham bei Miesbach ergattern und kaufte mir dazu ein kleines Fertigferienhaus. Ich baute fast alles selbst, bis auf den Rohbau. Ein Vermesser kann alles, war mein Motto.

Das war natürlich Blödsinn. Ich war in einer Baufamilie aufgewachsen und mein Vater und meine Brüder waren Maurer mit Meisterprüfung und mein ältester Bruder war Feinmechanikermeister. Alle waren Handwerker und wussten sich zu helfen und ich war in meiner Zeit zwischen dem 15. und zwanzigsten Lebensjahr beinahe täglich auf den Baustellen meiner Brüder und wir bauten uns jedem ein eigenes Haus. Bei mir natürlich erst später, ich war ja das Nesthäkchen, aber so war es eben früher. Ein Mann baut ein Haus, pflanzt einen Baum und zeugt Kinder (wenn möglich einen Sohn). Das war zwar schon in dieser Zeit sehr umstritten und wurde belächelt, aber es war immer noch ein verwurzeltes Ideal in der Bevölkerung, obwohl als 68iger Generation, zu der ich mich zugehörig fühlte, war ich damals schon nicht mehr ganz links, wie ich in meiner Studentenzeit einzuordnen war. Alte Zöpfe abschlagen war modern in dieser Zeit der neuen Aufklärung und das zog sich durch die ganze Generation. Trotzdem wurde auch das Bestehende geachtet, vor allem was Familie betraf. Da wurde zusammengehalten.

Nun ja, für mich war es eher so, dass ich die Zeit, in der ich mit meinen Brüdern und mit meinem Vater an deren Häusern baute, sehr genoss. Ich konnte sehen, was man schaffen konnte, wenn man zusammenhielt. Haften blieb bei mir der Eindruck, wie die Übergabe von Sachwerten, auch wenn es keine großen Werte waren, aber doch je ein Haus im Münchner Osten so ganz ohne Problem vonstatten ging. Mein Vater versuchte das Ganze so gerecht wie möglich zu verteilen und keiner der Brüder hat je ein Wort verloren, wie das aufgeteilt wurde. Zusammenhalt wurde großgeschrieben und was der „Chef“ sagte (so wurde mein Vater damals genannt) wurde nicht in Zweifel gezogen. Er wusste schon was er sich dabei gedacht hatte. Am Ende hatte jeder eine Immobilie im Münchner Osten, gemeinsam gebaut und man konnte gar nicht einschätzen, wie hoch der Wert und Rückhalt dieser belastbaren Sachwerte, vor allem für die weitere Geschäftsentwicklung später, sein sollte.

Mein erstes selbstgebautes Haus war natürlich nur ein Ferienhaus, aber es war vom Sockel bis zum Dach selbstgebaut und machte mich sehr stolz, und ich war ja erst 25 Jahre alt. Also das konnte sich schon sehen lassen, war damals meine Meinung und gab mir jede Menge Selbstvertrauen. Das Haus kam auch bald in die Ferienhausvermietung und lieferte schon nach kurzer Zeit Profit ab bzw. erwirtschaftete seinen Beitrag zum Familieneinkommen. Aber es war natürlich nicht das einzige Haus, dass ich bauen sollte. Es kamen noch mehrere Baustellen im Laufe der Jahre hinzu und bauen blieb immer eine meiner Leidenschaften (neben vielen anderen).

Gleichzeitig kam die Einberufung zur Bundeswehr. Im Studium war ich ja freigestellt, aber jetzt 2 Jahre nach der Beendigung des Studiums, kam Vater Staat wieder auf mich zu und wollte meine Dienste in Anspruch nehmen. Aufgrund meiner Knieverletzung und meiner Familie mit Tochter, konnte ich aber eine Argumentationskette aufbauen, die es nicht so interessant für den Vater Staat machte mich zu beschäftigen. Also bekam ich mit 27 Jahren meine Freistellung vom Bundeswehrdienst.

Aber ich musste wieder schauen und ein paar größere Fische an Land zu ziehen. Die Zeit war nach Abschluss der großen Baumaßnahmen in München wieder rauer geworden und die Aufträge kamen nicht mehr von alleine rein.

EINSATZ IN SAUDI ARABIEN

Schon bald kam eine Anfrage von Held & Franke, einer der damals größten Baufirmen in Deutschland. Sie hatten eine Baustelle in Saudi-Arabien.

Straßenvermessung 100 km Straße

„Normal Maintenance“,

„normale Straßenerhaltung“, für ca. 300 km Straße zwischen Riad und Taif, der Sommerresidenz der Königsfamilie. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Saudi waren damals noch sehr gut und deutsche Firmen bekamen oft Aufträge, auch wenn sie teurer waren als Firmen aus den Golfstaaten. Man schätzte die deutsche Verlässlichkeit und Bauqualität. Außerdem waren deutsche Firmen auch sehr gut im Verteilen von Geschenken oder wie man im Nahen Osten eher sagte, „Wertschätzung“ der Auftraggeber. Den Begriff „Compliance“ kannte man damals noch gar nicht und das wird für arabische und wohl auch afrikanische Firmen auch in Zukunft schwer verständlich sein. Eine Anerkennung gehört eben zum Geschäft, vor allem wenn man deutlich teurer ist und in Zukunft wohl noch mehr sein wird. Damit möchte ich auf keinen Fall einer Bestechungskultur das Wort reden. Wir alle müssen froh sein, wenn wir Aufträge durch Qualität und Preis bekommen. Aber wir sollten spezielle Kulturen im arabischen Raum nicht ignorieren und die Pflege von Geschäftsbeziehungen nicht ganz aus den Augen lassen, wenn man wieder Fuß fassen möchte bei Großaufträgen in diesem Raum. Aber natürlich, es ist schon richtig hier immer ein scharfes Auge drauf zu haben, die Grenze zwischen Wertschätzung und Bestechung verläuft fliesend.

Technisch konnten wir das Beste auffahren was zu dem Zeitpunkt machbar war. Wir bauten einen eigenen Steinbruch mit Brecher und eine eigene Mischanlage. Wir durften ja von niemand abhängig sein. Arabische Geschäftsleute sind knallhart, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Das konnten wir später am Bitumenpreis erkennen. Sobald sie merkten, das Bitumen geht zu Ende, verdreifachte sich der Preis.

Man hatte sich für ein System der „ausgleichenden Gradiente“ entschieden. Das bedeutete unterschiedliche Dicken der Tragschicht. Das bedeutete weiterhin einen schwierigen Einbau, da die Dicken unterschiedlich komprimiert wurden durch die schweren Walzen, und das musste vorab berechnet werden. Ein neues Programm der Strabag sollte das angeblich machen. Aber es klappte nicht. Man baute ein Wellenmuster. Das bekam man nicht abgenommen und der Einbau wurde zum Desaster. Ursächlich war aber nicht alleine die mangelnde Erfahrung im Vermessungsbereich und in der Berücksichtigung unterschiedlicher Verdichtung, sondern natürlich auch die fehlende Erfahrung in der Asphaltmischung.