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Die renommierten Journalisten Douglas Farah und Stephen Braun erzählen in ihrem Buch die unglaubliche Geschichte von Victor Bout, dem russischen Waffenhändler, dessen weltweites Netzwerk die Kriege der modernen Welt maßgeblich beeinflusst und gesteuert hat. Sein gigantisches Imperium, bestehend aus Waffen, Flugzeugen und unglaublichen Mengen von Geld, bildete die Basis für die Völkermorde in Afrika und hat sowohl islamistische Fundamentalisten in Afghanistan als auch das amerikanische Militär im Irak beliefert. Farah und Braun zeigen, wie Bout lange Zeit erfolgreich jeden Versuch eines Eingriffs in sein Unternehmen abgewehrt und es zu immer größerem Erfolg geführt hat. Lange haben ihn die Geheimdienste der Welt vergeblich gejagt, bis er 2008 in Thailand verhafet werden konnte. Dieses Buch beleuchtet die Hintergründe einer tödlichen Industrie, in der Victor Bout ein nahezu perfektes Unternehmen betrieb, inklusive der Ereignisse, die sich bis zu seinem Prozess im Herbst 2011 abgespielt haben.
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2011
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2011
© 2011 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englische Originalausgabe erschien 2007 bei John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey unter dem Titel Merchant of Death. Money, Guns, Planes, and the Man Who Makes War Possible. © 2007 by Douglas Farah and Stephen Braun. All rights reserved. This edition published under license.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Martin Rometsch, Mengen
Redaktion: Petra Holzmann, München
Umschlaggestaltung: Pamela Günther, München
Covergestaltung unter Verwendung von Bildern:
Getty Images/Stocktrek Images (Kisten)
Getty Images/PORNCHAI KITTIWONGSAKUL (Victor Bout)
Getty Images/MILpictures by Tom Weber (Soldat)
iStockphoto (Black Hawk)
iStockphoto (American tank)
Satz: HJR – Jürgen Echter, Landsberg am Lech
Epub: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN 978-3-86413-188-2
Weitere Infos zum Thema finden Sie unter
Für Leslie. In Liebe und Dankbarkeit für deine Unterstützung, dein Verständnis und deine Freude an einer guten Geschichte.
D.F.
Für meine Frau und meinen Sohn. Ihr seid meine Inspiration, und ich liebe euch.
Vorwort
1 Der Spediteur
2 Flugzeuge, Waffen und Geld
3 Ein gefährliches Geschäft
4 Kontinentaler Kollaps
5 Am Scheideweg
6 Die Jagd beginnt
7 Geschäfte mit den Taliban
8 Schwarze Charterflüge
9 Kampfhubschrauber und Titan
10 »Besorgt mir einen Haftbefehl«
11 Jetzt oder nie
12 »Unsere Möglichkeiten sind sehr beschränkt«
13 Willkommen in Bagdad
14 Auf der schwarzen Liste – und er fliegt immer noch
Nachwort
The game is over – aktuelles Nachwort des deutschen Verlags vom Juli 2011
Dank
Anmerkungen
Afrika brannte. Witney Schneidman las die Flut schlimmer Nachrichten jeden Morgen, wenn er in seinem Büro im fünften Stock des Außenministeriums in Washington eintraf. Meist lagen Zusammenfassungen der Geheimdienstberichte, die während der Nacht eingegangen waren, auf seinem Schreibtisch, codiert in der Farbe des jeweiligen Geheimdienstes. Die vertraulichen Texte aus der ganzen Welt wurden am frühen Morgen durch prägnante Berichte der hauseigenen Analytiker ergänzt, hinzu kamen Telegramme der Botschaften, Berichte vom CIA in glänzenden Umschlägen und elektronische Daten, abgehört und gesammelt von der National Security Agency (NSA). Im Sommer und Herbst 1999 stapelten sich die dünnen Zusammenfassungen auf Schneidmans Schreibtisch und beschrieben das zunehmende afrikanische Inferno, das nicht die Wälder betraf, sondern Tausende von Menschenleben kostete.
Das Feuer, das den Kontinent 1999 verwüstete, war ein anarchistisches Gemetzel, geschürt von Stammesfeindschaften, Gier und Ehrgeiz, das in zu vielen Ländern gleichzeitig ausbrach. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde Afrika ein Jahrzehnt lang von internen Konflikten geplagt, bei denen Millionen Menschen durch Gewalteinwirkung umkamen und weitere Millionen verhungerten. Während der Rest der Welt voller Euphorie auf die Annäherung zwischen den USA und dem Ostblock starrte, schwelten die regionalen Kriege in Afrika weiter und drohten, eine Katastrophe auszulösen. 1994 zeigte die plötzlich ausgebrochene Krise in Ruanda, was passieren konnte, wenn Regierungen unachtsam waren. Ruandas von Hutus geführte Regierung zettelte eine Kampagne an, um den Stamm der Tutsi auszulöschen. Daraus entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der zusammen mit der folgenden Hungersnot bis zu einer Million Menschen das Leben kostete. Ruandas Tortur war im Sommer 1999 vorbei, aber es gab überall auf dem Kontinent weitere böse Vorzeichen:
Sierra Leone, in einem neunjährigen Bürgerkrieg ausgeblutet, befand sich in einem tödlichen freien Fall. Milizen der Revolutionären Vereinigten Front (RUF) starteten im Januar einen brutalen Angriff auf die Hauptstadt Freetown, den Sitz der Regierung; sie mordeten, verstümmelten und brandschatzten. Die RUF exekutierte zweitausend Zivilisten und verstümmelte systematisch Tausende mehr; sie hackten ihren Opfern die Gliedmaßen ab und vergewaltigten Frauen und Teenager. Erschöpft von diesem Blutbad, unterzeichneten die RUF und die Regierung einen Friedensvertrag, der jedoch bald durch Verletzungen des Waffenstillstands mit weiteren Todesopfern gebrochen wurde.
In Angola wurde ein trügerischer Frieden durch Luftangriffe von Rebellen und Regierungstruppen beendet, bei den Angriffen wurden Tausende von Menschen getötet und 1,7 Millionen vertrieben. Zwei von der UNO gecharterte Flugzeuge wurden vom Himmel geschossen, Städte wurden bombardiert und Dorfbewohner massakriert. Beide Parteien warfen sich gegenseitig Kriegsverbrechen vor.
Der siebzehnjährige Bürgerkrieg im Sudan loderte auf, als die muslimisch-fundamentalistische Regierung Stammesgebiete und Flüchtlingslager bombardierte und Zehntausende daraufhin obdachlos wurden.
In der Demokratischen Republik Kongo (DRC) festigten Rebellen ihre Stellung in der Osthälfte des Landes und kämpften immer wieder gegen Regierungstruppen.
Gefechte in Liberia bedrohten einen brüchigen Frieden, während die autokratische Regierung von Charles Taylor ihre Machtbasis vergrößerte und Gegner mit einer Welle von Folterungen und Morden einschüchterte.
Das ganze Jahr über befanden sich amerikanische Botschaften in Afrika im Alarmzustand; sie waren immer noch nervös, nachdem Al Kaida im August 1998 in Nairobi und Daressalam 220 Menschen mit Bomben getötet hatte und sich nach Afrika auszubreiten drohte.1
Schneidman, als stellvertretender Ministerialdirektor im Außenministerium für Afrika zuständig, blätterte jeden Morgen besorgt in den Berichten. Der zerknitterte, fröhliche Atheist und Diplomat war von der Afrikapolitik fasziniert und kümmerte sich normalerweise um soziale und wirtschaftliche Probleme wie Aids und die steigende Verschuldung des Kontinents. Aber die brutalen ethnischen Konflikte und Machtkämpfe, die 1999 wieder aufflackerten, gefährdeten jeden Fortschritt.
Schneidman hatte sich schon auf dem College mit afrikanischer Geschichte und Kultur beschäftigt und reiste in stressig kurzen Abständen immer wieder nach Südafrika und in andere junge afrikanische Demokratien. Er hatte an der Universität Daressalam in Tansania studiert und über die Entkolonisierung von Angola und Portugiesisch-Ostafrika geschrieben, bevor er Ende der Achtzigerjahre mehrere Jahre lang Beamter im Außenministerium gewesen war. In den Neunzigerjahren hatte er in Südafrika für die Weltbank und andere Finanzinstitute gearbeitet. Ende 1997 ging er wieder als stellvertretender Ministerialdirektor ins Außenministerium.
Während seines früheren Einsatzes war er zwei Jahre lang Mitarbeiter des Geheimdienstes im Außenministerium gewesen; daher war er mit den trockenen, verschlüsselten, stichwortartigen Zusammenfassungen vertraut, die sich auf seinem Schreibtisch häuften. Er arbeitete bis spät in die Nacht in einem kleinen Büro, das mit einigen Stammesmasken und Totems – Mitbringseln von seinen Reisen – geschmückt war, und suchte nach aufschlussreichen Informationen. Im Laufe der Monate fiel ihm etwas am SIGINT-Material auf. Diese auf elektronischem Wege und mithilfe von Satelliten gewonnenen Daten der NSA erwähnten immer wieder einen Russen, der offenbar tonnenweise Waffen mit dem Flugzeug nach Zentral- und Westafrika schaffte, wo die schlimmsten Konflikte tobten. Der Familienname dieses Mannes war nicht bekannt – er benutzte zu viele Tarnnamen. Die Geheimdienstberichte nannten ihn einfach »Victor B.«.
»Nachdem ich dieses Zeug zwei oder drei Monate lang gelesen hatte, ging mir ein Licht auf«, erinnerte sich Schneidman sieben Jahre später. »Wir mussten diesen Kerl schnappen.«
Bald erfuhr er, dass einige andere Regierungsbeamte seine Neugier teilten. Einer von ihnen war ein fleißiger junger CIA-Analytiker im Hauptbüro in Langley, der für grenzüberschreitende »Gauner und Kanonen« zuständig war. Mehrere Jahre lang hatte er still Akten über den Russen und andere Waffenhändler in Afrika angelegt und darauf gewartet, dass ein Politiker sich dafür interessierte. Er hatte bereits eine eindrucksvolle Menge von Beweisen gesammelt, die belegten, dass die Waffenlieferungen des rätselhaften Russen die unlösbaren Konflikte in Sierra Leone, Liberia, Angola, der DRC und anderen afrikanischen Ländern schürten. Als er sich die Bewegungen der umfangreichen Lieferungen relativ neuer, moderner Waffen in die Kriegsgebiete näher ansah, fand er mehrere Male Hinweise auf alte russische Frachtflugzeuge, die immer wieder über der Region auftauchten und von hoch fliegenden amerikanischen Radarflugzeugen in der Nähe von Absetzplätzen und Rollbahnen geortet wurden, wo die russischen und osteuropäischen Waffen und die Munitionskisten entladen wurden. Der CIA-Mann notierte sich die Leitwerknummern der Antonow- und Iljuschin-Frachter, die mehrfach auftauchten, und stellte fest, dass die viel beschäftigten Flugzeuge manchmal sogar beide Kriegsparteien belieferten.
Im Verlaufe dieser umfangreichen Aktionen wurden Waffen in erstaunlicher Menge Tausende von Meilen von Osteuropa bis ins tiefste Afrika geschafft. Verblüffend war auch die Vielfalt der Waffen: zerlegte Kampfhubschrauber, schwere Flugabwehrkanonen, eine Menge AK 47 in Kisten sowie von der Schulter startende Raketenwerfer, Landminen, Granatwerfer, Artilleriemunition und Millionen und Abermillionen von Patronen. Monat für Monat gelangten auf diese Weise Waffen nach Kisangani, Monrovia und Goma. Aber die schäbigen, uralten russischen Flugzeuge landeten auch auf Dutzenden von entlegenen Pisten im Busch und in den Bergen und belieferten marodierende Banden von Kindersoldaten und Söldnern. Woche für Woche lieferten die Berichte neue Hinweise auf den Mann, der den Nachschub in Gang hielt. »Russe bringt Waffen nach Liberia«, stand in den Depeschen. Oder: »Von einem Russen gechartertes Flugzeug in Angola gesichtet.«
Als immer mehr solcher Berichte eintrafen, stellten sich Schneidman und der kleine Kreis von Geheimdienstlern, mit denen er sich beriet, zwei unangenehme Fragen: »Wer ist dieser Kerl?« und »Was können wir gegen ihn unternehmen?«
Der mysteriöse Russe war Victor Bout, ein stämmiger Weltreisender mit hartem Blick, der wahrscheinlich in Tadschikistan geboren worden war und seinen dreißigsten Geburtstag gerade erst hinter sich hatte. Er war ein begabter Linguist, und es gab vage Hinweise darauf, dass er früher für den sowjetischen militärischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Eine Weile war der zähe, schlaue Geschäftsmann Offizier der Luftwaffe und Dolmetscher der russischen Regierung in Afrika gewesen. Das waren günstige Voraussetzungen für den Waffenhandel. Als sich die Amerikaner genauer mit Bout und seinem Geschäft befassten, stießen sie auf ein globales Netz aus Firmen und Agenten auf fünf Kontinenten, auch in Amerika. Anfangs fanden sie nur wenige verschwommene Fotos des schwer fassbaren Russen – Passbilder, die ein Oval mit borstigem Schnurrbart zeigten.
Im Schutze seiner Anonymität hatte der Phantomrusse die weltgrößte Privatflotte aus alten sowjetischen Frachtflugzeugen zusammengekauft. Unaufhörlich starteten seine Frachtmaschinen im Flughafen des mit Dünen bedeckten Golfscheichtums Schardscha und auf kleineren Rollbahnen von Belgien bis Südafrika und drehten ihre Runden über Afrika und Asien. Bout tauchte regelmäßig in den gefährlichsten Todeszonen der Welt auf und verhandelte mit Diktatoren und Kriegsherren, bevor er in seine sicheren Luxuswohnungen in Russland, Belgien, Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückkehrte.
Das wenige, was die Amerikaner über Bout und seine Organisation erfahren hatten, stammte nicht nur von ihren eigenen elektronischen Abhöreinrichtungen und von US-Geheimdiensten, sondern auch von europäischen Geheimdiensten, UNO-Ermittlern und einem kleinen Kreis von findigen europäischen Aktivisten, die verbissen daran arbeiteten, Bouts Machenschaften zu entlarven und seine Waffenlieferungen in die Dritte Welt zu unterbinden.
Die wachsende Datenfülle über die Waffentransporte ermöglichte einen ernüchternden Blick in die »Schatteninfrastruktur«, das tödliche, symbiotische Netz aus Waffenkäufern und Waffenlieferanten, die Konflikte auf der ganzen Welt anheizten.
Bout hatte viele Konkurrenten im Waffenhandel, aber sein einzigartiges Monopol über den Lufttransport, der die Masse der Waffenströme nach Afrika lenkte, machte ihn zum Branchenführer, gegen den die Amerikaner vorgehen wollten. Ihre Sorgen nahmen zu, als Geheimdienstberichte den Verdacht aufwarfen, dass Bouts Flugzeuge auch das militante Talibanregime in Afghanistan sowie deren Förderer bin Laden und sein Terrornetz Al Kaida belieferten.
»Bout war eindeutig ein Typ, mit dem wir uns befassen mussten«, erinnerte sich Schneidman. »Es gab Beweise dafür, dass er Kriege in ganz Afrika anfachte. Wir wollten Stabilität und Frieden in der Region. Das lag im Interesse unseres Landes.«
Die Bemühungen der Amerikaner, Bouts Aktivitäten zu unterbinden, gewannen rasch an Fahrt. Schneidman bat um ein informelles Gespräch mit einem CIA-Mitarbeiter. Einige Tage später erschien ein Analytiker mit einer eindrucksvollen Akte über den Russen. Sie enthielt die wenigen bekannten biografischen Daten, eine Liste seiner Flugzeuge und ihrer umfangreichen Flugbewegungen sowie eine Zusammenstellung der zahlreichen Waffengeschäfte, die er in Afrika eingefädelt hatte. Erfreut darüber, dass sich endlich ein Politiker für die Waffenströme nach Afrika interessierte, brachte der Analytiker einen Übersetzer der NSA mit, der das gleiche Umgangsrussisch sprach, das Bout und seine Kollegen bei ihren Ferngesprächen mit Funk- und Satellitentelefonen benutzten. Der NSA-Beamte hatte zugehört, als Bout und seine Kumpane ihre Geschäfte in Afrika abgeschlossen und in ihrem Stützpunkt Schardscha Pläne geschmiedet hatten. Dieses Scheichtum war eines von sieben Vereinigten Arabischen Emiraten, zu denen auch die reichen Scheichtümer Dubai und Abu Dhabi gehörten. Die Erläuterungen des NSA-Beamten waren »absolut erschütternd«, wie sich ein Gesprächsteilnehmer erinnerte.
Die beiden CIA-Analytiker besaßen zudem einige Schwarz-Weiß-Satellitenfotos, die Dutzende von Flugzeugen auf dem Flughafen von Schardscha zeigten. Alle gehörten Bouts Firmen oder Transportunternehmen, die mit ihm zusammenarbeiteten. »Diese Kerle schürten den Krieg in Angola«, sagte Schneidman später. »Das war mein Aufgabenbereich. Und dieser Typ machte mit beiden Parteien in Angola Geschäfte. Er verkaufte Waffen an die Regierung und an die Rebellen. Es war empörend.«
Das Gespräch im Frühsommer 1999 löste eine Kette von Ereignissen aus, die Anfang 2000 in aller Stille dazu führten, dass Bout zum meistgesuchten internationalen Verbrecher nach bin Laden und seinem engsten terroristischen Führungskreis ernannt wurde. »Der Kerl ging uns auf die Nerven«, erinnerte sich Schneidman. »Wir mussten ernsthaft mit Krisen in Afrika rechnen, und das erregte Aufmerksamkeit. Außerdem war Bout ein faszinierender, rätselhafter Charakter, auch der enorme Umfang seiner Geschäfte öffnete viele Augen.«
Anfang 2000 stieß Lee Wolosky, ein ungehobelter, aggressiver Berater des Nationalen Sicherheitsrats (NSC) des Weißen Hauses, zu Schneidman. Er hatte die Aufgabe, Strategien gegen transnationale Bedrohungen zu entwickeln. Als Experte für das organisierte Verbrechen in Russland und für politische Korruption griff Wolosky die Operation Bout schnell auf, denn seiner Meinung nach war sie beispielhaft für den Kampf gegen die unvorhergesehenen Gefahren des neuen Zeitalters: Staatenlose kriminelle Organisationen belieferten jede militante Gruppe, die bereit war, für Waffen zu zahlen. Wolosky hatte zu Beginn des chaotischen russischen Experiments mit dem Kapitalismus in Moskau gearbeitet und war äußerst besorgt über die mächtige neue Schicht aus Plutokraten und Gangstern. Aber Bout übertraf seiner Meinung nach alle anderen und war eindeutig eine Gefahr für die Welt – eher wegen seiner Fähigkeit, Waren zu befördern, als wegen der Waren, die er beförderte. »Victor Bout war ein größeres Problem als die Waffenlieferungen«, sagte Wolosky. »Er hatte ein logistisches Netz aufgebaut, das beste der Welt.«
Da sich Wolosky und Schneidman nicht auf die amerikanische Justiz verlassen konnten – Bout wickelte seine Geschäfte außerhalb der USA ab –, reisten sie 2000 und 2002 mehrere Male nach Europa und Afrika und drängten befreundete Länder, Bout gemeinsam mit ihnen zu verhaften und wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu stellen. CIA-Analytiker verfolgten seine Flugzeuge, Kriminalpolizisten überwachten seine Telefongespräche und finanziellen Transaktionen. Britische Geheimdienstler und andere europäische und westliche Stellen wurden hinzugezogen. Auf Drängen von Richard A. Clarke, dem eigenwilligen Antiterrorexperten des NSC, wurde Bouts Name sogar als einer der Ersten auf die umstrittene Liste jener Ausländer gesetzt, die in fremden Staaten festgenommen und dann in einem dritten Land inhaftiert werden durften.
Aber der erhebliche Einfluss des diplomatischen und geheimdienstlichen Apparates der USA stieß auf unerwartete Grenzen. Amerikas ausländische Partner verfolgten ihre eigenen Interessen. Streitigkeiten zwischen den Behörden verschiedener Länder forderten ebenso ihren Tribut wie die Unfähigkeit der internationalen Strafverfolger, mit dem Waffenhandel Schritt zu halten. Bout blieb auf freiem Fuß, und seine Luftflotte flog weiter. Die Aufmerksamkeit der Regierung Bush wurde abgelenkt, zuerst vom Terroranschlag am 11. September 2001 und dann vom Einmarsch in den Irak und dem Fiasko, das diesem Krieg folgte. Obwohl sich herausstellte, dass seine Flugzeuge insgeheim die militanten Islamisten in Afghanistan unterstützten, überlebte Bouts Organisation nicht nur, sondern blühte sogar auf – erstaunlicherweise deshalb, weil er das amerikanische Militär und Privatfirmen im Irak mit Waffen und Proviant belieferte und so Millionen Dollar von dem Land bekam, das ihn einst verfolgt hatte.
Victor Bout tauchte Anfang der Neunzigerjahre als Mitspieler im internationalen Waffenhandel auf, also in der unruhigen Ära nach dem Kalten Krieg, in der die meisten außenpolitischen Experten annahmen, die Sicherheit Amerikas sei immer noch allein von jenen Ländern bedroht, die Atomwaffen, ein stehendes Heer und feste Grenzen besaßen und traditionelle ideologische und pragmatische Interessen verfolgten. Kaum jemand dachte daran, dass transnationale Bedrohungen – so nannte die Regierung Clinton Terroristen, Drogenkartelle, das globale organisierte Verbrechen und andere gefährliche »nichtstaatliche Akteure« – ebenso gefährlich sein konnten wie feindliche Länder.
Nach dem Mauerfall fiel auch dieses Paradigma. Dezentrale, weit verstreute Organisationen, die zuerst von Drogenkartellen und dann von kriminellen ethnischen Syndikaten gegründet wurden, machten internationale Grenzen und traditionelle Loyalitäten bedeutungslos. Al Kaida trat Ende der Neunzigerjahre als berüchtigtste und gefährlichste transnationale Bedrohung ins Rampenlicht; aber Afrikas Guerillas und lokale Kriegherren gehörten in die gleiche Kategorie, denn sie besetzten weite Landstriche, terrorisierten und ermordeten Tausende von Menschen und machten Millionen Überlebende obdachlos und bettelarm.
Bout gehörte einer dritten Gruppe an. Er war einer der Unternehmer, die sich auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion aus der Asche des Kalten Krieges erhoben. Diese Geschäftsleute hatten mühelos Zugang zu den riesigen Waffen- und Munitionslagern, die jahrzehntelang angelegt worden waren, um eine gewaltige Armee zu versorgen, die jetzt plötzlich schrumpfte. Bald erkannten sie, dass mit Kunden aus der Dritten Welt ein Vermögen zu verdienen war, denn diese Leute wollten von ihren ehemaligen kommunistischen Verbündeten Waffen kaufen. Man musste nur Geld investieren, um erneut ins Geschäft zu kommen. In ihrer neuen Form konnten die wiederbelebten Waffenkanäle jeden Interessenten versorgen, weil es keine ideologischen Feinde mehr gab, nur potenzielle Kunden.
Dank der enormen logistischen Kapazität seines Netzwerks und seines uneingeschränkten Zugangs zu Waffen wurde Bout zum »Paradebeispiel für transnationale Bedrohungen«, wie Gayle Smith es ausdrückte, die Leiterin des Afrikabüros des NSC in den letzten zwei Jahren der Regierung Clinton. »Sie wollen über transnationale Bedrohungen reden? Nun, wir hatten Ostafrika [wo Al Kaida Bomben auf amerikanische Botschaften warf], die globale Erwärmung und Victor Bout.«
Transnationale Bedrohungen machten auch der UNO Sorgen, aber der Sicherheitsrat verfolgte Bout auf seine Weise und war mehr daran interessiert, Verletzungen von Waffenembargos zu dokumentieren, als die Kanäle trockenzulegen. Während Woloskys und Schneidmans Team im Verborgenen arbeitete, unternahm die UNO mehr als jede Regierung, um Bouts Aktivitäten in Afrika zu entlarven. In den Neunzigerjahren hatte der Sicherheitsrat gegen die vom Krieg verwüsteten afrikanischen Länder ein Waffenembargo verhängt, um den Handel mit Kriegsgeräten einzudämmen, der die Gewalt schürte. Doch ohne internationale Friedenstruppen zur Durchsetzung der Embargos konnte sich die UNO nur auf die öffentliche Brandmarkung durch ihre Ermittlungen sowie auf finanzielle Sanktionen und Reiseverbote stützen.
Um seinen Standpunkt zu untermauern, schickte der Sicherheitsrat Experten in verschiedene Länder Afrikas, um Informationen über Waffenverkäufe zu sammeln und die dafür Verantwortlichen zu ermitteln. Ende der Neunzigerjahre stapelten sich die Embargoberichte der UNO – und oft wurden Bouts Firmen als Täter genannt. Immer öfter stützte sich die UNO auf Berichte des belgischen Ermittlers Johan Peleman und seine umfangreichen Recherchen. Der Kettenraucher und ehemalige Philosophiestudent Peleman dokumentierte die Bewegungen von Bouts Flugzeugen und die Aktivitäten seiner Firmen und galt bald als bester unabhängiger Kenner des Russen und seines Imperiums. Als Globetrotter und Detektiv war Peleman sehr geschickt darin, Bouts Unternehmen und Flüge zu entlarven, indem er geheime Flugaufzeichnungen und »Endnutzerzertifikate« aufspürte. Diese internationalen Transitfrachtbriefe dienten normalerweise dazu, Waffenkäufer zu identifizieren; aber sie ließen sich leicht fälschen. Kathi Austin, ebenfalls UNO-Mitarbeiterin und leidenschaftliche amerikanische Aktivistin, die für mehrere Nichtregierungsorganisationen und für das UNO-Büro in der DRC arbeitete, unternahm kühne Reisen in Flüchtlingslager von Terroristen und in Barackenstädte, um danach zu demonstrieren, welche tödlichen Folgen die Handwaffen haben, die in die ärmsten Regionen geliefert werden.
Doch es war selbst für die erfahrensten Ermittler unerträglich schwierig, Bouts komplexe Unternehmensstruktur aufzudecken. Der Russe hatte auf der ganzen Welt ein verwirrendes Geflecht von Tarnfirmen gegründet, darunter Firmen in Texas, Delaware und Florida. Geldströme flossen unaufhörlich von einer Firma zur anderen. Erleichtert wurden die Flüge Bouts durch die widersprüchlichen internationalen Bestimmungen für den Luftverkehr. Flugzeuge und Firmen zu tarnen war fast ebenso leicht wie der Waffentransport in Kriegsgebiete, und das Bout-Netzwerk war sehr geschickt darin, die internationale Flugüberwachung auszutricksen, indem es seine Flugzeuge in Staaten wie Liberia registrieren ließ. Dort hatte der Kriegsherr Charles Taylor die Regierung seines Landes in ein gut geschmiertes kriminelles Unternehmen umgewandelt. Andere Standorte waren winzige, entlegene Länder wie Swasiland und Äquatorialguinea, wo die Kontrollen lax waren. »Wenn man die verschiedenen Eskapaden von Bout betrachtet und sieht, wie einfach es für ihn war, Flugzeuge und Waffen zu bewegen, Endnutzerzertifikate zu erhalten und Flugzeugregistrierungen zu ändern, dann bekommt man ein erstaunliches Bild davon, wie korrupt viele Teile der Welt sind«, sagte Michael Chandler, ein pensionierter britischer Oberst, der das Expertengremium der UNO geleitet hatte, das sich mit den Taliban und Al Kaida befasste.
Als seine Profite rasant stiegen, pflegte Bout enge geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen zu einigen der gewalttätigsten Machthaber der Welt. Er machte Geschäfte mit Charles Taylor in Liberia, Mobutu Sese Seko in Zaire, Paul Kagame in Ruanda sowie den Rebellenführern Jonas Savimbi in Angola, Jean-Pierre Bemba in der DRC und Sam »Moskito« Bockarie in Sierra Leone. Bout bewaffnete auch den Widerstandskämpfer und Führer der Nordallianz Achmed Schah Massud und ging mit ihm auf die Jagd. Massud wurde in Afghanistan zum Helden, aber man warf ihm auch Massaker an seinen Gegnern vor. Dann wechselte Bouts Organisation flink die Seiten und unterstützte heimlich das despotische Talibanregime. Sie stellte den militanten Islamisten ihre Frachtflugzeuge zur Verfügung und flog Waffen und Ausrüstung ein, sowohl für die Mullahs als auch für deren Finanziers bei der Al Kaida.
Bouts scharfes Auge für Verbündete ergänzte sein organisatorisches Talent. Er wählte seine Helfer sorgfältig aus und stellte loyale Banker und Steuerberater, Piloten und harte Burschen als Wachen ein, die ihre Arbeit professionell, diskret und immer zuverlässig erledigten. »Victor Bout glich einem Juwelier, der seine Leute an den richtigen Platz stellt«, sagte ein langjähriger Geschäftspartner. »Er musste jeden Einzelnen selbst aussuchen, und er erkundigte sich, wer das Land kannte, damit er sicher sein konnte, dass er dort nicht in Schwierigkeiten geraten würde. Das kostete ihn viel Zeit, wie die Herstellung von Schmuck. Jedes Teil musste da sein. Darum ist er so erfolgreich.«2
Das Geschäft des Juweliers floriert immer noch. Freunde und Partner von Bouts sagen, er habe eine Menge Geld für sein Personal ausgegeben und eine internationale Organisation geleitet, die von den Vereinten Nationen und den Supermächten heute noch genau beobachtet und mit harten finanziellen Sanktionen belegt wird. Richard Chichakli, ein langjähriger amerikanischer Partner und wegen seiner Geschäfte mit dem Russen ebenfalls ein Ziel von Sanktionen der UNO und der USA, sagte, Bout sei ein anständiger Mann, der missverstanden werde und dem man großes Unrecht tue, wenn man ihn als führenden Waffenhändler der Welt bezeichne. Das sei ein Mythos, den sich feindselige Beamte, Geheimdienste und Journalisten ausgedacht hätten.
»Er will kein Gott sein«, sagte Chichakli. »Er wollte sich nur in Afrika, in der Nähe des Regenwaldes, zur Ruhe setzen, um seine Tochter großzuziehen. Ihn haben sie nicht erwischt, aber sie haben auf jeden Fall seinen Traum zerstört.«3
In einer Welt, die Präsident George W. Bush kühn zwischen »denen, die für uns sind, und denen, die gegen uns sind«, aufteilte, steht Bout auf beiden Seiten. Er ist Feind und Verbündeter; er wird gejagt und angeheuert; er ist für Regierungen ebenso nützlich wie für die gewalttätigen Bewegungen, die Regierungen bedrohen. Die Festigkeit seines Netzwerks ist ein Daumen im Auge der neuen Weltordnung und ein klarer Beweis dafür, dass die Nationen gemeinsam gegen den internationalen Waffenhandel vorgehen müssen.
»Victor Bouts Geschichte ist für die amerikanische Regierung eine Geschichte des Scheiterns«, sagte Lee Wolosky, der sich laut für die Verhaftung Bouts einsetzte, nachdem er aus dem Staatsdienst ausgeschieden war. Aber die Beamten, die ihn ersetzten, schweigen. »Ich mache mir keine Illusionen.«
Die Bemühungen, Bouts Imperium zu zerschlagen, gehen weiter. Sie sind eine Chronik von Ländern, die halbherzig gegen einen einzelnen schlauen Mann vorgehen.
Kapitel 1
Eines Abends im April 2001 merkte Jean-Pierre Bemba, ein kongolesischer Kriegsherr, der eine Armee aus Guerillas und mit Gewehren beladenen Teenagern anführte, dass er ein Problem hatte. Er lagerte mit seinen zusammengewürfelten Kämpfern auf einem entlegenen Berg im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRC, früher Zaire), der einen herrlichen Ausblick auf den Albertsee bot. Aber Bemba hatte kaum noch Bier. Der rundliche Bemba eignete sich kaum für die Rolle eines spartanischen Revolutionärs. Da er nicht auf häuslichen Komfort verzichten wollte, während er mit seinen unterprivilegierten Soldaten das Land plünderte, reiste der redegewandte, tadellos gekleidete Rebellenführer mit seinen eigenen Generatoren, chemischen Toiletten und zerlegbaren Hütten nebst Klappbetten herum. Er hatte keine Lust, auf ein nächtliches Zechgelage zu verzichten, nur weil die Logistik nicht geklappt hatte.
Zum Glück wusste sein Reisegefährte Rat. Victor Bout, der mit dem Rebellenführer unterwegs war, weil er ihm Waffen in seinen entlegenen Stützpunkt liefern wollte, besaß nicht nur Waffen- und Munitionslager, sondern konnte auch Bier beschaffen. Im Rahmen seines umfassenden Serviceangebots an Bemba hatte er ihm auch zwei alternde sowjetische Mi-24-Hubschrauber vermietet. Bemba und sein Gefolge benutzten normalerweise diese Helikopter, um die beschwerlichen Märsche zu vermeiden, zu denen ihre Kämpfer gezwungen waren. Immerhin waren die Berge mit Unterholz bedeckt, und in der Luft hingen ganze Wolken von Moskitos und anderen kleinen, stechenden Fliegen. Aber in dieser Nacht erwiesen sich Bouts Hubschrauber in anderer Hinsicht als ungewöhnlich hilfreich.
Bout reagierte wie ein erfahrener General. Er versammelte sein Team und flog über den Albertsee nach Uganda, begleitet von zwanzig schwer bewaffneten Männern Bembas. Etwa eine Stunde lang besetzte der Trupp eine ugandische Kleinstadt und befahl den Händlern auf dem Marktplatz, alles verfügbare Bier herbeizuschaffen. Als die Einwohner ein paar Kisten zusammenhatten Bout gab ihnen ein wenig Geld dafür, stieg er mit seinen Besatzungstruppen wieder in den Hubschrauber und flog davon. Jetzt hatten die Männer genug Bier für eine Nacht. Sie verteilten sich auf einem gut bewachten Berggipfel, während auf dem See unter ihnen die Lichter der Fischerboote blinkten.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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