Der Junge, der den Wind einfing - William Kamkwamba - E-Book

Der Junge, der den Wind einfing E-Book

William Kamkwamba

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9,99 €

Beschreibung

William Kamkwambas bewegende Geschichte neu aufgelegt

William wächst auf einer Farm in Malawi auf, einem der ärmsten Länder der Welt. Nur kurz kann er zur Schule gehen. Dennoch baut er mit 14 Jahren ein Windrad, mit dem er Strom erzeugen kann. So erfüllt sich der wissbegierige Junge trotz vieler Hindernisse einen Traum und verändert damit das Leben seiner Familie und der Menschen in seinem Dorf.

Diese wahre Geschichte ist die Vorlage für den erfolgreichen Netflix-Film. Eine moderne Heldensaga, die zum Staunen anregt und Mut macht.

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Seitenzahl: 482

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Dies ist die außergewöhnliche und tief berührende Geschichte eines jungen Mannes, dem es trotz zahlreicher Widerstände gelingt, sich einen Traum zu erfüllen. William wächst auf einer Farm in Malawi auf, einem der ärmsten Länder der Welt. Mit 14 Jahren baut er ein zwölf Meter hohes Windrad, mit dem er Strom erzeugen kann. Damit verändert er das Leben seiner Familie und der Menschen in seinem Dorf zum Positiven. Als sich seine Geschichte ausbreitet, überstürzen sich die Ereignisse und machen ihn über Nacht weltweit berühmt. Er wird als Held gefeiert, als jemand, der zeigt, dass sich mit geringen Mitteln und einer Vision Großes für die Gemeinschaft bewirken lässt.

Eine moderne Heldensaga, die zum Staunen anregt, Hoffnung gibt und Mut macht, dass es auch allergrößten Widerständen zum Trotz gelingen kann, das scheinbar Unmögliche zu erreichen.

William Kamkwamba (Jg. 1987) wuchs in Malawi auf. Er war Sprecher auf TED Conferences und hat am Darmouth College, USA Umwelttechnik studiert. Heute pendelt er zwischen Malawi und den USA. Sein Bestseller Der Junge, der den Wind einfing wurde von Chiwetel Ejiofor verfilmt und erschien 2019 auf Netflix. Der Film lief auf dem Sundance Film Festival und wurde 2020 in der Kategorie Bester internationaler Film eingereicht.

Bryan Mealer ist freier Journalist und Autor. Er war amerikanischer Korrespondent der Associated Press in Kinshasa und berichtete aus allen Regionen Afrikas. Mealer lebt mit seiner Familie in Austin, Texas.

William Kamkwamba &

Bryan Mealer

Der

Junge,

der den

Wind

einFing

Eine afrikanische Heldengeschichte

Aus dem Amerikanischen von

Ulrike Kretschmer

Diederichs

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel The Boy Who Harnessed the Wind bei William Morrow, einem Imprint von Harper Collins Publishers LLC, New York.

Bildnachweis:

Karte und Illustrationen im Innenteil: William Kamkwamba

Windmühlenillustration: Mary Schuck

Fotos: Familie Kamkwamba: hier, hier, hier; Bryan Mealer: hier, hier, hier; Tom Rielly: hier, hier, hier, hier; Sangwani Mwafurliwa / Malawi Daily Times: hier, hier

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Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Diederichs Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Erstmals auf Deutsch erschienen 2010 im Irisiana Verlag

Copyright © 2009 by William Kamkwamba und Bryan Mealer

Published by arrangement with William Morrow, an imprint of HarperCollins Publishers LLC. All rights reserved.

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Umschlagmotiv: NETFLIX is a registered trademark of Netflix, Inc. and its affiliates. Artwork used with permission from Netflix, Inc.

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-26644-8V001

www.diederichs-verlag.de

Inhalt

Prolog

Kapitel 1: Das Auge des Zauberers

Kapitel 2: Der geläuterte Papst

Kapitel 3: Ein Freund namens Khamba

Kapitel 4: Die hungrige Jahreszeit

Kapitel 5: Die Entdeckung des Dynamos

Kapitel 6: Der Maisberg

Kapitel 7: Die Schuluniform

Kapitel 8: Nur ein Hund

Kapitel 9: Der Entschluss

Kapitel 10: Der Verrückte vom Schrottplatz

Kapitel 11: Elektrischer Wind

Kapitel 12: Und es ward Licht

Kapitel 13: Der Ziegenmistkoch

Kapitel 14: Der Medienstar

Kapitel 15: Du musst es nur versuchen

Epilog: Ein neues Afrika

Danksagung

Für meine Familie

Prolog

Alles war nun vorbereitet, also wartete ich. Die Muskeln in meinen Armen brannten immer noch, so hart hatte ich gearbeitet, doch jetzt war ich fertig. Das Räderwerk war verschraubt und gesichert. Der Turm war stabil und bewegte sich nicht unter seiner Last, dem Geflecht aus Stahl und Plastik. Als ich ihn betrachtete, erschien er mir als genau das, was er war: ein Gebilde aus einem Traum.

Die Nachricht von meiner Maschine hatte sich in den Dörfern rasch verbreitet; von überallher strömten nun Menschen zusammen. Die fliegenden Händler erspähten die Maschine von ihren Ständen aus und packten ihre Sachen ein. Die Lkw-Fahrer ließen ihre Fahrzeuge am Straßenrand stehen. Sie kamen ins Tal und versammelten sich in den schattigen Ecken. Ich erkannte die Gesichter wieder: Monatelang hatten sich einige von ihnen über mich lustig gemacht. Auch jetzt flüsterten sie noch, lachten sogar. Immer mehr Leute kamen. Es war so weit.

Mit der linken Hand balancierte ich die kleine Zunge und die Drähte, während ich mich mit der rechten Hand auf die erste Stufe des Turms hinaufzog. Das weiche Holz ächzte unter meinem Gewicht, und die Versammlung verstummte. Langsam und zuversichtlich kletterte ich weiter nach oben, bis ich den groben Rahmen der Maschine direkt vor Augen hatte. Ihre Plastikflügel waren schwärzlich verbrannt, ihre metallenen Knochen mit Bolzen gesichert und festgeschweißt. Ich hielt inne und sah mir die Rost- und Farbflecken, die sich gegen die Felder und Berge absetzten, genau an. Jedes einzelne Teil hatte seine eigene Entdeckungsgeschichte zu erzählen, wie es verloren gegangen und in einer Zeit der Not und Angst wiedergefunden worden war. Jetzt endlich fügten sich die Teile zu einem Ganzen zusammen, und wir alle waren wie neugeboren.

Vom Herzen der Maschine baumelten zwei Drähte lose herab und tanzten leise im Wind. Ich verknotete die ausgefransten Enden mit den Drähten, die aus der Zunge hervorsprossen, genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Die Menge unten brach in gackerndes Gelächter aus.

»Ruhe da drüben!«, hörte ich jemanden sagen. »Wir wollen doch mal sehen, wie verrückt dieser Junge wirklich ist.«

Eine plötzliche Brise brachte die Stimmen zum Schweigen und mauserte sich dann zu einem ordentlichen Wind. Er zupfte an meinem T-Shirt und pfiff durch die Stufen des Turms. Ich griff zum Rad hinüber und entfernte ein gebogenes Stück Draht, das das Rad an Ort und Stelle hielt. Gleich darauf begannen Rad und Flügel, sich zu drehen: erst langsam, dann immer schneller, bis der Turm unter der schieren Kraft der Bewegung schwankte. Ich bekam ganz weiche Knie, konnte mich aber festhalten.

Lass mich nicht im Stich.

Ich umklammerte Zunge und Drähte und wartete auf ein Wunder. Als es sich schließlich ereignete, war es zunächst nur ein winziges Licht, das von meiner Handfläche aus flackerte, und dann ein herrliches Leuchten. Die Menge hielt den Atem an; den Menschen da unten lief ein Schauer über den Rücken. Die Kinder drängelten sich nach vorn, um einen besseren Blick auf das, was da passierte, zu erhaschen.

»Es ist wirklich wahr!«, rief jemand.

»Ja«, hörte ich einen anderen. »Der Junge hat es geschafft.«

Kapitel 1

Das Auge des Zauberers

Bevor ich die Wunder der Wissenschaft entdeckte, war meine Welt von Magie beherrscht.

Die Magie mitsamt ihren vielen Rätseln umgab mich Tag und Nacht und ist Gegenstand meiner frühesten Erinnerung – aus der Zeit, in der mich mein Vater vor dem sicheren Tod rettete und zu dem Helden wurde, der er heute noch ist.

Ich war sechs Jahre alt und spielte auf der Straße, als sich eine singende und tanzende Gruppe von Hirtenjungen näherte. Wir lebten damals auf einer Farm in dem Dorf Masitala in der Nähe der Stadt Kasungu; die Hirtenjungen arbeiteten für einen benachbarten Farmer, der viele Kühe besaß. Sie erzählten mir, dass sie an diesem Morgen wie üblich die Kühe gehütet und dabei mitten auf der Straße eine riesige Tasche gefunden hatten. Als sie sie öffneten, war sie voller Kaugummis! Könnt ihr euch einen solchen Schatz vorstellen? Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich Kaugummi liebte.

»Sollen wir dem Kleinen welche geben?«, fragte einer der Hirtenjungen.

Ich hielt den Atem an und erstarrte. In meinen Haaren hatten sich ein paar tote Blätter verfangen.

»Tja, warum eigentlich nicht?«, sagte ein anderer Junge. »Seht ihn euch doch nur mal an.«

Einer der Hirtenjungen griff in die Tasche und holte eine Handvoll Kaugummis heraus, einen von jeder Farbe. Kugel für Kugel ließ er sie in meine Hände fallen. Ich stopfte sie mir alle auf einmal in den Mund. Als die Hirtenjungen ihres Weges zogen, spürte ich, wie mir der süße Kaugummisaft vom Kinn tropfte und klebrige Flecken auf meinem Hemd hinterließ.

Am nächsten Tag spielte ich gerade unter dem Mangobaum, als ein Händler vorbeikam, von seinem Fahrrad stieg und mit meinem Vater plauderte. Er erzählte ihm, dass er am Morgen zuvor auf seinem Weg zum Markt eine seiner Taschen verloren hatte. Als er es endlich bemerkt und kehrtgemacht hatte, war die Tasche verschwunden. Voller Kaugummis sei sie gewesen, erzählte er. Einige seiner Kollegen berichteten ihm davon, dass ein paar Hirtenjungen die Kaugummis freigiebig in den Dörfern verteilten, was ihn sehr wütend machte. Seit gestern fuhr er mit dem Rad die Gegend ab und suchte überall nach den Jungen. Schließlich stieß er eine schreckliche Drohung aus.

»Ich war beim sing’anga; wer auch immer die Kaugummis gegessen hat, dem wird es bald sehr leidtun.«

Der sing’anga ist der Medizinmann.

Ich hatte die Kaugummis schon längst heruntergeschluckt. Nun verwandelte sich die süße Erinnerung daran auf meiner Zunge in ätzendes Gift. Ich fing an zu schwitzen, mein Herz pochte wild. Unbemerkt rannte ich in das Eukalyptuswäldchen hinter unserem Haus, lehnte mich an einen Baum und versuchte, mich der gefährlichen Substanz wieder zu entledigen. Ich würgte und spuckte, steckte mir den Finger in den Hals und tat alles, um den Fluch loszuwerden. Doch es war nur ein trockenes Würgen. Einzig ein wenig farbiger Speichel hatte sich auf den Blättern zu meinen Füßen gesammelt; rasch bedeckte ich ihn mit Erde.

Doch plötzlich, als verdeckte eine dunkle Wolke die Sonne, spürte ich, wie das allwissende Auge des Zauberers mich durch die Bäume hindurch beobachtete. Ich hatte sein juju (religiöse Praktik) gegessen, und jetzt ergriff seine Dunkelheit Besitz von mir. Heute Nacht würden mich die Hexen aus meinem Bett holen, mich in ihren Flugzeugen mitnehmen und mich dazu zwingen, auf ihren magischen Schlachtfeldern zu kämpfen, wo sie mich halb tot liegen lassen würden. Und während meine Seele allein und verlassen über den Wolken dahintrieb, würde alles Leben bis zum Morgengrauen aus meinem Körper weichen. Todesangst erfasste mich wie ein Fieber.

Ich fing so sehr zu schluchzen an, dass ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte. Heiße Tränen verbrannten mir die Wangen und hinterließen in meiner Nase einen giftigen Gestank. Das Gift hatte sich in meinem ganzen Körper ausgebreitet. So schnell ich konnte, rannte ich aus dem Wald und versuchte, dem riesigen Auge des Zauberers zu entfliehen. Den ganzen Weg nach Hause rannte ich, bis zu meinem Vater, der vor unserem Haus saß und Maiskolben schälte. Ich wollte mich unter ihm verkriechen, damit er mich vor dem Teufel beschützen konnte.

»Ich war das«, stieß ich unter Tränen hervor. »Ich hab die gestohlenen Kaugummis gegessen. Ich will nicht sterben, Papa. Lass nicht zu, dass sie kommen und mich holen!«

Mein Vater sah mich eine Sekunde lang an und schüttelte dann den Kopf.

»So, das warst also du?« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Merkte er denn nicht, dass ich in furchtbaren Schwierigkeiten steckte?

»Also gut.« Er stand auf. Immer wenn er aufstand, knackten seine Knie. Mein Vater war ein großer Mann. »Mach dir keine Sorgen. Ich gehe noch mal zu dem Händler und erkläre ihm alles. Ich bin mir sicher, dass wir irgendeine Lösung finden werden.«

An diesem Nachmittag ging mein Vater acht Kilometer zu Fuß nach Masaka, wo der Händler wohnte. Er erzählte dem Mann, was geschehen war, von den Hirtenjungen, die mir die gestohlenen Kaugummis gegeben hatten. Dann bezahlte mein Vater die ganze Tasche, ohne dass der Händler dies von ihm verlangt hätte – es war so viel Geld, wie mein Vater in einer Woche verdiente.

Nachdem mein Leben nun gerettet war, fragte ich meinen Vater nach dem Abendessen, ob er wirklich an den Fluch geglaubt hatte. Plötzlich wurde er sehr ernst und sah mich an.

»Oh ja, das war gerade noch rechtzeitig«, sagte er – und begann zu lachen. Sein Lachen machte mich glücklich. Seine gewaltige Brust bebte und ließ den Stuhl knarren, auf dem er saß. »William, wer weiß, was dich erwartet hätte?«

Mein Vater war sehr stark und hatte keine Angst vor Zaubersprüchen, kannte aber alle Geschichten. In den Neumondnächten zündeten wir eine Lampe an und versammelten uns im Wohnzimmer. Dann saßen meine Schwestern und ich zu Füßen unseres Vaters, während er uns die Welt erklärte. Zauberei habe es von Anfang an gegeben. In diesem Land der armen Farmer gebe es zu viel Mühsal für Gott und die Menschen allein; und um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, gebe es die Magie als dritte und mächtige Kraft. Im Gegensatz zu einem Baum oder einer Frau, die Wasser holt, könne man Magie nicht sehen, erzählte er uns. Die Magie sei eine unsichtbare Macht, aber dennoch stark – so stark wie der Wind oder wie ein Spinnennetz, das sich über einem Pfad spannt. Auch in unseren Sagen kam Magie vor, und eine unserer Lieblingsgeschichten war die von Häuptling Mwase und der Schlacht von Kasungu.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert herrschte das Volk der Chewa über die Zentralebenen und tut dies noch heute. Dorthin war es viele Generationen zuvor aus dem Hochland des südlichen Kongo in einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen und verheerender Seuchen geflohen. Die Menschen ließen sich nieder, wo die Erde so rötlich-schwarz und fruchtbar wie der Tag lang war.

Zu jener Zeit trieb nordwestlich unseres Dorfes ein furchterregendes schwarzes Nashorn sein Unwesen. Es war größer als ein Dreitonner, seine Hörner waren länger als die Arme meines Vaters und so spitz wie Dolche. Damals teilten sich die Menschen aus dem Dorf und die Tiere dasselbe Wasserloch. In diesem Wasserloch versteckte sich das Nashorn und lauerte knapp unter der Wasseroberfläche auf seine Opfer. Meist hielten sich Frauen und Mädchen wie meine Mutter und meine Schwestern am Wasser auf. Sobald sie ihre Eimer ins Wasser tauchten, griff das Nashorn an und stampfte mit seinen gewaltigen Hufen auf ihnen herum, bis nur noch blutige Fetzen übrig waren. In nur wenigen Monaten hatte das gefürchtete schwarze Nashorn über einhundert Menschen getötet.

Eines Tages trampelte das Nashorn ein kleines Mädchen aus der Familie des Stammesoberhauptes an der Wasserquelle zu Tode. Als der Häuptling dies erfuhr, wurde er sehr zornig und beschloss zu handeln. Er versammelte die Stammesältesten und die Krieger um sich, um einen Plan zu fassen.

»Dieses Tier verbreitet Angst und Schrecken«, sagte der Häuptling. »Wie können wir es nur loswerden?«

Die Stammesältesten und Krieger hatten viele Ideen, wie man dies bewerkstelligen könnte, doch keine davon schien den Häuptling wirklich zu überzeugen. Schließlich stand einer von ihnen auf.

»Ich kenne da einen Mann in Lilongwe«, sagte er. »Er ist zwar kein Häuptling, besitzt aber eine der Waffen des azungu (eines Weißen) und kennt sich mit Zauberei aus. Ich bin mir sicher, dass seine Magie stark genug sein wird, um diesem schwarzen Nashorn den Garaus zu machen.«

Dieser Mann war Mwase Chiphaudzu, der für seine überragenden Zauberkünste im ganzen Königreich bekannt war. Mwase war ein Zauberjäger. Sein Name bedeutete »Gras, das tötet«, da er sich als Steppengras tarnen konnte und in dieser Gestalt seiner Beute auflauerte. So sandte der Häuptling einige Männer in das einhundert Kilometer entfernte Lilongwe, um Mwase um Hilfe zu bitten, der seinen Brüdern in Kasungu diesen Gefallen auch tun wollte.

Eines Morgens kam Mwase lange vor Sonnenaufgang an das berüchtigte Wasserloch. Er stellte sich ins hohe Gras am Ufer der Quelle und besprengte seinen Körper und sein Gewehr mit Zauberwasser. Daraufhin wurden er und seine Waffe unsichtbar und waren nur noch als Musik im Atem des Windes wahrnehmbar. Kurze Zeit später donnerte das schwarze Nashorn über den Hügel heran und hielt direkt auf das Wasserloch zu. Als es seinen massigen Körper in das seichte Wasser warf, schlich Mwase sich von hinten an das Nashorn heran und schoss ihm eine Kugel in den Kopf. Das Nashorn brach tot zusammen.

Man begann umgehend damit, diesen Sieg zu feiern. Drei Tage lang aßen die Bewohner der Gegend vom Fleisch des schrecklichen Tieres, das so viele Menschen auf dem Gewissen hatte. Auf dem Höhepunkt der Feierlichkeiten führte der Häuptling Mwase auf den höchsten Hügel hinauf und sah mit ihm auf das Land der Chewa hinab. Der Hügel trug den Namen »Mwala wa Nyenje«, was so viel wie »Felsen der essbaren Fliegen« bedeutet, da die steinigen Gipfel vor fetten, köstlichen Fliegen geradezu wimmelten, die dort in den Bäumen lebten.

So stand der Häuptling mit Mwase auf dem Felsen der essbaren Fliegen, deutete auf ein riesiges Stück Land hinab und sah Mwase an.

»Weil du dieses schreckliche, Angst und Furcht verbreitende Tier getötet hast, habe ich eine Belohnung für dich. Hiermit verleihe ich dir Macht über diese Seite des Berges und über alles, was man von seinem Gipfel aus sieht. Hole deine Familie und lasse dich mit ihr hier nieder. Du bist nun der Herrscher über dieses Land.«

So kehrte Mwase nach Lilongwe zurück, um seine Familie zu holen. Es dauerte nicht lange, da hatte er eine blühende Dynastie gegründet. Sein fruchtbares Ackerland brachte so viel Mais und anderes Gemüse hervor, dass sich die ganze Gegend davon ernähren konnte. Die Männer seines Clans waren stark und als mächtige Krieger gefürchtet.

Doch brach zu dieser Zeit auch eine große Unruhe im Zulu-Reich von Südafrika aus. Die Armee des Zulu-Königs Shaka führte einen blutigen Feldzug, um sein eigenes Königreich zu vergrößern. Der Krieg, mit dem er das Land überzog, trieb Millionen von Menschen in die Flucht. Zu diesen Menschen gehörten auch die Ngoni.

Das Volk der Ngoni floh viele Monate nach Norden, bis es schließlich im Land der Chewa haltmachte. Denn hier war die Erde feucht und fruchtbar. Da die Ngoni jedoch ständig auf der Flucht waren, wurden sie auch oft vom Hunger heimgesucht. So zogen sie immer wieder ein wenig weiter nach Norden und baten Häuptling Mwase um Hilfe, der ihnen jedes Mal Mais und Ziegen gab. Eines Tages, nachdem die Ngoni wieder einmal Mwases Geschenke angenommen hatten, setzten sie sich zusammen, um Rat zu halten. »Was können wir tun«, so fragten sie sich, »um solche Nahrung immer zu haben?«

»Die Chewa auslöschen«, antwortete einer.

Häuptling der Ngoni war Nawambe; er wollte den »Felsen der essbaren Fliegen« und all das Land, das man von seinem Gipfel aus sehen konnte, erobern. Doch ahnten die Ngoni nicht, was für ein mächtiger Zauberer Häuptling Mwase war.

Eines Morgens erklommen die Ngoni, in Tierhäute gekleidet und mit riesigen Schilden und Speeren bewaffnet, den Hügel. Doch hatten die Krieger des Häuptlings Mwase die Ngoni schon von Weitem erspäht. Als sie den Hügel erreichten, wurden sie von den als Gras getarnten Chewa-Kriegern mit Messern und Speeren niedergemetzelt. Als Letzter starb Häuptling Nawambe, und deshalb nannte man diesen Hügel fortan nicht mehr »Felsen der essbaren Fliegen«, sondern »Nguru ya Nawambe«, was so viel wie »Der tödliche Sieg über Nawambe« heißt. Den Hügel gibt es heute noch. Noch immer wirft er seinen langen Schatten auf die Stadt Kasungu, ganz in der Nähe meines Dorfes.

Geschichten wie diese wurden von Generation zu Generation weitergegeben; mein Vater hatte sie von seinem Vater gehört. Mein Großvater war so alt, dass er sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wann er geboren worden war. Seine Haut war ausgetrocknet und runzelig, seine Füße sahen wie aus Stein gemeißelt aus. Sein Mantel und seine Hosen wirkten mit ihren unzähligen Flicken noch älter als er; die Kleidung hing an seinem Körper wie die Rinde an einem uralten Baum. Er rollte sich immer fette Zigarren aus Maisblättern und Bauerntabak, und vom vielen kachaso waren seine Augen blutunterlaufen. Der Maisschnaps war so stark, dass schwächere Männer davon erblinden konnten.

Ein bis zwei Mal im Monat kam Grandpa uns besuchen. Wenn er in seinem langen Mantel und mit dem Hut auf dem Kopf vom Rand des Waldes auf unser Haus zukam, sah es so aus, als hätte der Wald selbst Beine bekommen. Immer zog er eine kleine Rauchfahne hinter sich her, die sich von seinen Lippen in den Himmel kräuselte.

Die Geschichten, die uns Grandpa erzählte, stammten aus einer anderen Zeit und von einem anderen Ort. Als er noch jung war – lange bevor der Staat Mais und Tabak anpflanzen ließ und fast alle unsere Bäume rodete –, waren die Wälder so dicht und dunkel, dass man in ihnen kein Gefühl für Zeit und Raum hatte. Hier fand sich die unsichtbare Welt näher am Erdboden und vermischte sich in den Hainen mit der Dunkelheit. Außerdem lebten in den Wäldern viele wilde Tiere wie Antilopen, Elefanten und Gnus, aber auch gefährliche Tiere wie Hyänen, Löwen und Leoparden.

Als Grandpa klein war, wurde seine Großmutter von einem Löwen angegriffen. Sie arbeitete auf den Feldern am Rand des Waldes und versuchte gerade, ein paar Affen zu verscheuchen, als die Löwin sie anfiel. Die Dorfbewohner hörten ihre Schreie und ließen rasch die Trommeln erklingen – nicht im schnellen Rhythmus der Tänze und Zeremonien, sondern langsam und ernst. Sie nannten diesen Rhythmus musadabwe, was so viel heißt wie: »Frag nicht lange, komm einfach!« Bei euch würde man die 110 wählen – nur dass statt der Polizei die Leute aus dem Dorf kamen.

Als Grandpa und die anderen mit ihren Speeren und Pfeil und Bogen bei seiner Großmutter ankamen, war es schon zu spät. Sie sahen gerade noch, wie die Löwin, die fast so groß wie eine Kuh war, den leblosen Körper meiner Ururgroßmutter ins dornige Dickicht schleppte, wo sie mit ihm wie mit einer Maus spielte. Dann drehte sich die Löwin zu den anderen Dorfbewohnern um, ließ ein schreckliches Brüllen ertönen und verschwand mit ihrer Beute. Die Leiche meiner armen Ururgroßmutter hat man nie gefunden.

Grandpa sagt immer, dass ein Löwe, der einmal menschliches Blut kostet, mit dem Töten nicht wieder aufhören wird, bis er ein ganzes Dorf aufgefressen hat. Also benachrichtigte man am nächsten Tag die britischen Behörden, die unser Land immer noch regierten. Sie schickten Soldaten in den Wald, und die Löwin wurde erschossen. Ihren Kadaver stellte man zur Beruhigung auf unserem Dorfplatz aus.

Kurze Zeit später traf mein Großvater beim Jagen im Wald einen Mann, der von einer Kobra gebissen worden war. Die Schlange hatte auf einem Ast gelegen und den Mann angegriffen, als dieser unter dem Baum vorbeigegangen war. Mein Großvater musste mit ansehen, wie die Haut des Mannes grau wurde; in Minutenschnelle war der Mann tot. Grandpa lief ins nächste Dorf und holte die Dorfbewohner samt Medizinmann. Der Zauberdoktor stellte einen Fuß auf die Brust des Toten und verstreute etwas Medizin in alle Richtungen des Waldes. Sekunden später wurde die feuchte Erde lebendig, als von überallher Hunderte von Kobras angekrochen kamen und sich unter dem Bann des Zaubers um den Toten versammelten.

Daraufhin hockte sich der Medizinmann auf die Brust des Toten und trank eine Schale magischen Breis, der aus seinen Füßen heraus in den Körper des Toten floss. Dieser bewegte zuerst seine Finger, dann seine Hände.

»Lass mich aufstehen«, sagte er, stand auf und sah sich einer Armee von Schlangen gegenüber.

Gemeinsam prüften sie die Giftzähne aller versammelten Kobras, bis sie die Schlange fanden, die den Mann gebissen hatte. Normalerweise schlug der Medizinmann der schuldigen Schlange rasch den Kopf ab, doch dieses Mal ließ der wiederauferstandene Mann Gnade walten und gestattete es der Kobra, weiterzuleben. Für seine Dienste wurde der Zauberdoktor mit drei britischen Pfund entlohnt. All das hat mein Großvater mit eigenen Augen gesehen.

Als junger Mann ging mein Vater oft gemeinsam mit seinem Vater auf die Jagd. Auch zu dieser Zeit war der Wald noch so gefährlich, dass die Jäger vorher ein heiliges Ritual praktizierten. Für gewöhnlich gab es einen Mann, der die Jagd anführte, den mwini chisokole oder »Besitzer der Jagd«, der die Leute, die sich daran beteiligen wollten, aus den umliegenden Dörfern zusammenrief. Der Anführer beschloss, wo und wann die Jagd stattfinden würde. War sie erfolgreich, stand ihm das größte Stück Fleisch – meist das Hinterviertel – zu. Oft führte mein Großvater die Jagd an.

In der Nacht vor der Jagd war es dem Anführer nicht gestattet, mit seiner Frau zu schlafen – noch nicht einmal im selben Raum durften sie sich aufhalten. Ziel und Zweck dieser Maßnahme war es, die Aufmerksamkeit des Mannes zu schärfen und allein auf die Jagd zu richten, wofür eine Nacht ungestörten Schlafs das geeignetste Mittel schien. Unaufmerksamkeit konnte im Wald tödlich sein; außerdem fiel ein unaufmerksamer Mann leichter Zaubereien zum Opfer. So schlief der Anführer der Jagd entweder allein im Haus eines Nachbarn oder mit seinen Söhnen in einer abgelegenen Hütte. Bevor er schlafen ging, kochte er einen Topf roten Mais mit verschiedenen Wurzeln und Kräutern auf; dieses Gebräu gab er am Morgen der Jagd jedem einzelnen Jäger zu trinken. Ein magisches Ritual, das die Jäger vor Unheil schützen sollte.

Bevor sie aufbrachen, gemahnten die Männer ihre Frauen, im Haus zu bleiben, bis die Jagd vorüber war; am besten sollten sie sich ins Bett legen und schlafen. Denn dann, so glaubte man, schliefen auch die Tiere und waren den Jägern eine leichte Beute.

Als ich ein kleiner Junge war, machte ich mir im Wald nicht so viele Gedanken über Kobras oder Löwen, weil die größtenteils schon ausgerottet waren. Doch warteten entlang den ruhigen, leeren Feldern, auf denen die Geister der verbliebenen Bäume von ihrer Traurigkeit zu flüstern schienen, andere Gefahren auf mich. Am meisten Angst hatte ich vor dem Gule Wamkulu.

Der Gule Wamkulu bestand aus einer geheimen Gruppe von Tänzern. Auf Bitte des Häuptlings trat er bei Bestattungen und Initiationszeremonien auf, bei denen aus Chewa-Jungen Männer wurden. Es hieß, der Gule Wamkulu setze sich aus den Geistern unserer verstorbenen Ahnen zusammen, die aus der Unterwelt zurückgekehrt waren und nun auf der Erde umherstreiften. Sie erinnerten kaum mehr an Menschen, trugen Tierhäute und furchterregende Masken – Kreaturen der Hölle, teuflische Vögel und heulende Dämonen.

Dem Tanz des Gule Wamkulu wagte man nur aus der Ferne zuzusehen. Meist kamen die Tänzer auf Stelzen aus dem Busch, überragten die Menge und schrien in fremden Zungen durcheinander. Einmal habe ich sogar einen der Tänzer einen Eukalyptusbaum hinaufkrabbeln sehen – nur dass er rückwärts lief wie eine Spinne. Wenn sie tanzten, war es, als hätten tausend Männer von ihnen Besitz ergriffen, von denen sich jeder in eine andere Richtung bewegte.

Viel gefährlicher waren sie allerdings, wenn sie nicht auftraten. Dann nämlich suchten sie in den Wäldern und Sümpfen nach kleinen Jungen, die sie zu den Friedhöfen mitnehmen konnten. Was dann mit den kleinen Jungen passierte, wollte ich gar nicht wissen. Es brachte sogar schon Unglück, über den Gule Wamkulu zu sprechen, aber am schlimmsten war es, wenn man an seiner überirdischen Herkunft zweifelte. Sagte man etwa: »Sieh dir doch nur mal ihre Hände an. Fünf Finger, genau wie bei mir. Die Kerle sind doch nicht echt!«, war man damit sicherlich schon verflucht. Und da der Gule Wamkulu nur dem Häuptling Rechenschaft schuldig war, gab es niemand, der einen beschützen konnte. Tauchten die Tänzer in einem Dorf auf, ließen die Frauen und Kinder alles stehen und liegen, nahmen die Beine in die Hand und rannten so schnell wie möglich davon.

Als ich noch sehr klein war, stand plötzlich einer der Zaubertänzer in unserem Hof. Er stolzierte wie ein Hahn umher und zischte dabei wie eine Schlange. Sein Kopf steckte in einem Mehlsack. Dort, wo der Mund war, gähnte ein schwarzes Loch, anstelle der Nase hing ein langer Rüssel herab. Meine Mutter und mein Vater arbeiteten auf dem Feld, also suchten meine Schwestern und ich Zuflucht in den nahe gelegenen Bäumen. Von dort aus beobachteten wir, wie der Geist eines unserer Hühner stahl.

(Die einzigen Lebewesen, die keine Angst vor dem Gule Wamkulu haben, sind Esel. Sieht ein Esel einen solchen Tänzer, jagt er ihn in den Busch und tritt mit seinen kräftigen Hinterläufen nach ihm. Fragt mich nicht, warum, aber Esel sind sehr mutige Tiere.)

Wann immer ich durch den Wald ging, versuchte ich, so mutig wie mein Freund, der Esel, zu sein. Doch enthüllen Hexen und Zauberer nie ihre wahre Identität, deshalb weiß man auch nie, wo sie einem auflauern. An den Orten, wo sie ihre mächtige Zauberkunst ausüben, nimmt die Magie viele Gestalten an. Angeblich gibt es auf den Straßen um Ntchisi sechs Meter große, glatzköpfige Riesen, die sich im Nu vermehren und plötzlich zu Dutzenden vor dir auftauchen. Auf denselben Straßen fahren nachts Geisterlastwagen. Sie brausen mit hoher Geschwindigkeit heran, blenden jeden mit ihren grellen Scheinwerfern und erschrecken einen mit ihren heulenden Motoren. Sind sie vorübergefahren, sieht man jedoch, dass hinter den Scheinwerfern gar keine Lastwagen sind. Auf den Straßen sind keine Reifenspuren zu sehen, und wenn man selbst mit dem Auto unterwegs ist, springt der Motor bis zum Morgen nicht mehr an.

In den Dörfern treiben sich nachts Geisterhyänen herum. Mit ihren rasiermesserscharfen Zähnen schnappen sie sich mehrere Ziegen auf einmal und legen sie Zauberern vor die Tür. Säumige Schuldner werden von Geisterlöwen getötet, und auf den Feldern verbergen sich Schlangen, von denen jede so groß wie ein Traktor ist.

Für Kinder sind all diese Gefahren sogar noch größer. Wie ich schon erzählt habe, rekrutieren Zauberer ganze Armeen von Kindern, die ihnen dann beim Zaubern helfen müssen. Jede Nacht sind die Zauberer unterwegs, um nach Kindern Ausschau zu halten. Sie verführen sie mit köstlichen Speisen und gaukeln ihnen vor, diese seien der einzige Weg, um in den Himmel zu kommen. Haben die Kinder die leckeren Fleischstückchen erst einmal verschlungen, erklären die Zauberer ihnen höhnisch, dass es sich dabei um Menschenfleisch gehandelt habe. Doch dann ist es schon zu spät, denn wenn das Böse des Zauberers erst einmal von deinem Körper Besitz ergriffen hat, kann es für immer Macht über ihn ausüben.

Abgesehen von den vielen Verwünschungen und Racheflüchen bekämpfen sich die Hexen und Zauberer oft auch gegenseitig. Dies führt im Reich des Teufels zu einer großen Verwirrung, die zahlreiche Tote und Verletzte fordert. Und Kinder sind die begehrtesten Soldaten in der Teufelsarmee.

Nachts drängen sich Kinder in den Flugzeugen der Hexen aneinander, die durch die Lüfte sausen und in Minutenschnelle nach Sambia oder London fliegen können. Diese Hexenflugzeuge können alle möglichen Gestalten annehmen, sich in eine Holzschale, einen Tontopf oder sogar in einen simplen Hut verwandeln. Im Zuge ihres magischen Dienstes sendet man die Kinder zu gegnerischen Zauberern, um deren Kräfte zu testen. Wenn das Kind dabei ums Leben kommt, kann der Zauberer auf die Art der Waffe seines Gegners schließen und eine stärkere entwickeln. Bei anderen Gelegenheiten müssen die Kinder zur Unterhaltung der Hexen und Zauberer untereinander Wettkämpfe austragen. Dann finden geisterhafte Fußballspiele an Orten statt, von denen ich noch nie gehört habe, und die mit einem Fluch beladenen Kinder müssen mit Menschenköpfen als Fußbällen um einen Pokal voll Menschenfleisch spielen.

Nachdem ich dem Fluch des Kaugummiverkäufers entkommen war, hatte ich große Angst davor, Hexen oder Zauberern in die Hände zu fallen, und versuchte, mich so gut es ging zu schützen. Zauberer reagieren allergisch auf Geld, das sie für etwas konkurrierendes Böses halten. Es kann ihnen ihre Zauberkraft rauben und sie in ihre menschliche – und dann meist nackte – Gestalt zurückverwandeln. Aus diesem Grund versehen viele Menschen ihre Wände und Matratzen mit Kwacha-Scheinen, um sich nachts vor Zauberei zu schützen. Erwischen sie beim Aufwachen einen Nackten, der zu entkommen versucht, hat sich ihr Verdacht als richtig erwiesen.

Eine andere Möglichkeit, sich zu schützen, besteht darin, jede Nacht am Fußende des Bettes zu beten, womit man seine Seele reinwaschen kann. Auch das hatte ich getan. Die Heimstätten von Vielbetern bleiben den Hexenflugzeugen verborgen – etwa so, als flögen sie durch eine Wolke hindurch.

»Papa, bitte, nur ein paar Kwacha-Scheine für meine Wände«, bettelte ich eines Nachmittags meinen Vater an. »Ich kann nachts nicht schlafen.«

Mein Vater wusste zwar viel über Zauberei, hatte in seinem eigenen Leben jedoch keinen Platz für Magie. Mir schien er dadurch nur noch stärker zu sein. Meine Eltern hatten uns zu braven Presbyterianern erzogen, die in die Kirche gingen und glaubten, dass Gott ihr bester Schutz sei. Wenn du dein Herz erst einmal der Zauberei öffnest, so sagten sie uns, weißt du nie genau, was du sonst noch so alles hineinlässt. Wir respektierten die Macht des juju, hatten sogar Angst davor, vertrauten jedoch grundsätzlich auf unseren Glauben.

Als ich meinen Vater um Geld bat, reparierte er gerade einen Gartenzaun. Er hielt mit seiner Arbeit inne. »Ich erzähl dir mal eine Geschichte«, sagte er. »Es war 1979, und ich verdiente mein Geld als Händler. Ich saß auf der Ladefläche eines Pick-up auf dem Weg nach Lilongwe, wo wir auf dem Markt getrockneten Fisch verkaufen wollten. Ich und noch ein paar andere. Plötzlich verlor der Fahrer die Kontrolle über den Wagen, und wir wurden auf der offenen Ladefläche in die Luft geschleudert. Als wir landeten – auf der Straße –, kam der Pick-up direkt auf uns zu. In diesem Moment sagte ich mir: ›Jetzt sterbe ich. Es ist an der Zeit für mich.‹ Doch kurz bevor der Lastwagen meinen Körper überrollte und mich wie eine Ameise zerquetschte, kam er mit quietschenden Reifen zum Stehen. Er war so nah, dass ich die Hand ausstrecken und ihn anfassen konnte. Ein paar andere Leute lagen im Gras – sie waren tot. Ich hatte nicht einmal einen Kratzer abbekommen.«

Er drehte sich zu mir um und sah mich an, um dem, was er sagte, mehr Nachdruck zu verleihen.

»Wie kann ich nach so einem Erlebnis noch an Zauberer und Flüche glauben? Wäre ein Zauberer an meiner Stelle gewesen, wäre er gestorben. Ich aber wurde durch die Macht Gottes gerettet. Respektiere die Zauberer, Junge, aber denk immer daran: Wenn du Gott auf deiner Seite hast, haben sie keine Macht über dich.«

Ich vertraute meinem Vater, fragte mich aber, wie man damit Rambo und Chuck Norris erklären konnte, die in diesem Sommer in der Stadt auftauchten und einige Verwirrung stifteten. Genau genommen tauchten sie in Filmen auf, die im örtlichen Kino gezeigt wurden, das eigentlich nicht viel mehr als eine strohgedeckte Hütte mit Holzbänken, einem kleinen Fernseher und einem Videorekorder war. Deshalb nannten wir die Vorführungen auch immer Videoshow. Nachts geschahen dort wundervolle und rätselhafte Dinge, die ich alle nicht mitbekam, weil ich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr draußen sein durfte. Stattdessen musste ich mich auf die Geschichten meiner Freunde verlassen, die in der Nähe wohnten und deren Eltern nicht so streng wie meine waren. Bei nächster Gelegenheit bekam ich alles brühwarm erzählt, so zum Beispiel von meinem Freund Peter Kamanga.

»Gestern Abend habe ich den besten Film überhaupt gesehen«, schwärmte Peter. »Rambo ist von einem Berg gesprungen und hat immer noch seine Waffe abgefeuert, als er unten ankam. Er hat alle Gegner umgenietet, und dann ist auch noch der ganze Berg in die Luft geflogen.« Er riss ein imaginäres Maschinengewehr in die Höhe und feuerte damit lautstark in der Maismühle herum.

»Oh«, erwiderte ich enttäuscht, »wann zeigen sie solche Filme bloß tagsüber? Nie kann ich mir irgendwas ansehen.«

Einige der Dorfbewohner ließen sich von den Abenteuern von Rambo und der Delta Force verwirren. Sie konnten nicht begreifen, wie einzelne Männer ganzen Armeen entkommen und dabei noch so viele Menschen umbringen konnten. Als man Terminator in der Videoshow zeigte, war man fast ebenso schockiert. Peter suchte mich am nächsten Tag auf und war immer noch ganz aufgeregt.

»William, gestern Abend habe ich einen Film gesehen, den ich immer noch nicht verstanden habe«, erzählte er. »Die haben den Mann mit ihren Pistolen links, rechts und in der Mitte getroffen – aber er hat es trotzdem geschafft zu überleben. Seine Feinde haben ihm Arme und Beine weggeschossen, sogar den Kopf, und doch waren seine Augen noch lebendig. Ich sag dir eins: Der Mann muss der größte Zauberer sein, der je gelebt hat.«

Das klang fantastisch. »Glaubst du, dass die azungu in Amerika so große Macht haben?«, fragte ich Peter. »Ich glaube das nicht.«

»Aber ich hab’s doch selbst gesehen! Ich sag dir: Das ist die Wahrheit.«

Obwohl es noch Jahre dauern sollte, bis ich mir selbst einen solchen Film in der Videoshow ansehen konnte, beeinflussten die Filme schon unsere Spiele zu Hause. Für eines dieser Spiele bastelten wir uns Spielzeuggewehre aus dem Holz des mploni-Buschs.

Wir nannten das Spiel »USA gegen Vietnam«.

Um die Gewehre zu bauen, höhlten wir mploni-Zweige aus, als nehme man einen Kugelschreiber auseinander, und benutzten die Rohre sowohl als Ladestock als auch als Abzug. Nachdem wir die Zweige ausgehöhlt hatten, kauten wir auf ein paar Stückchen Maiskolben herum, stopften diese in den Lauf und versiegelten das Ganze mit eingespeichelten Papierkügelchen. Drückte man den Ladestock in den Lauf, erzeugte dies genug Druck, um den Gegner mit einem klebrigen Schleimregen zu überschütten.

Ich war der Kapitän des eines Teams, mein Cousin Geoffrey der des anderen. Gemeinsam mit weiteren Cousins und Nachbarn teilten wir uns in fünf Teams auf, die sich gegenseitig durch die Maisfelder und den Hof jagten, der unser Haus von dem Geoffreys trennt.

»Ihr geht nach links, ich nach rechts«, instruierte ich meine Kameraden eines Nachmittags und kroch dann auf Knien und Ellbogen durch den roten Staub. Sauber waren wir eigentlich nie.

Von meinem Versteck an der Ecke des Hauses aus konnte ich ein Stückchen von Geoffreys Hose sehen, also schlich ich mich in die entgegengesetzte Richtung, immer darauf bedacht, die Hühner nicht zu erschrecken. Als der Weg frei war, brach ich aus meiner Deckung hervor – ein geradezu lächerlicher Hinterhalt.

»Tonga!«

Ich stopfte den Ladestock in den Lauf und feuerte eine Speichel-Maisbrei-Salve ab, die meinen Cousin voll ins Gesicht traf.

Er ließ sich zu Boden fallen, die Hand an die Brust gedrückt.

»Eh, mayo ine! Ich bin tot.«

Das Gewinnerteam durfte in der nächsten Runde Amerika sein, weil Amerika Vietnam in der Videoshow immer schlug.

Unsere Gang bestand aus Geoffrey, mir selbst und unserem Freund Gilbert, dessen Vater unseren gesamten Wimbe-Bezirk beaufsichtigte. Deshalb nannte jedermann Gilberts Vater auch Chief Wimbe, obwohl er eigentlich Albert Mofat hieß.

Als es uns zu langweilig wurde, »USA gegen Vietnam« zu spielen, beschlossen Geoffrey und ich, Gilbert zu besuchen. Ein Besuch bei Gilbert war eine spannende Sache, weil der Chief immer alle Hände voll zu tun hatte. Wie üblich standen auch dieses Mal die Menschen Schlange vor Gilberts Haus: Unter den Eukalyptusbäumen warteten Lastwagenfahrer, Marktfrauen, Farmer und Händler, die alle etwas auf dem Herzen und ein Huhn unter dem Arm oder ein bisschen Kleingeld für den großen Chief in der Tasche hatten. Im persönlichen Gespräch redeten die Leute den Chief mit »Charo«, Herrscher über das ganze Land, an.

»Odi, odi«, sagte ein Farmer, der im Begriff war, das Haus zu betreten. Das bedeutet etwa so viel wie: »Hallo, darf ich reinkommen?«

Der Bote und Leibwächter des Chiefs, Mister Ngwata, stand in seinen kurzen Hosen und Armeestiefeln an der Tür. Er war wie ein Polizist angezogen. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den Chief zu beschützen und zu entscheiden, welcher Besucher zum Chief vorgelassen wurde und welcher nicht. Außerdem kümmerte er sich um die Hühner.

»Komm rein, komm rein«, entgegnete er.

Der Chief saß auf dem Sofa. Er trug ein gestärktes Hemd und feine Hosen. Chiefs ziehen sich im Allgemeinen eher wie Geschäftsleute an. Sie erscheinen jedenfalls nie mit Federkopfschmuck und Lederkostüm – das ist nur etwas für Indianerhäuptlinge im Film. Außerdem liebte Chief Wimbe seine Katze, die ein schwarz-weißes Fell, aber keinen Namen hatte. Ich weiß auch nicht, warum, aber in Malawi geben wir nur Hunden einen Namen. Die Katze hatte es sich wie immer auf Chief Wimbes Schoß gemütlich gemacht; sie schnurrte, während der Charo ihr den Nacken kraulte.

»Charo, Charo«, begann der Farmer, beugte ein Knie und klatschte als Zeichen des Respekts leise in die Hände. »Wir kommen mit einer Angelegenheit zu dir, die deiner Intervention bedarf. Vor fünfzehn Jahren hast du mir Land geschenkt, das nun jedoch der Sohn meines Bruders begehrt. Ich brauche deine Hilfe, damit es nicht zu einem Blutvergießen kommt.«

»Nun gut«, antwortete der Chief. »Lass mich ein wenig darüber nachdenken und einige Nachforschungen anstellen. Komm am Sonntag wieder her, dann werde ich dir eine Antwort geben.«

»Oh, zikomo kwambiri, Charo. Ergebensten Dank.«

Wir warteten, bis der Farmer das Haus verlassen hatte, und näherten uns dann Mister Ngwata.

»Wir wollen Gilbert besuchen«, sagten wir beim Eintreten.

»Hmmph.«

Gilbert war in seinem Zimmer, hörte eine Kassette von Billy Kaunda, der gerade zu Malawis Musiker des Jahres gekürt worden war, und sang laut mit. Für einen Jungen hatte Gilbert eine wunderschöne Singstimme; er sollte später sogar zwei eigene Alben in Blantyre aufnehmen. Ich selbst klang wie eines der Perlhühner, das beim Kacken in den Bäumen kreischte, was mich allerdings nicht davon abhielt, auch zu singen.

»Gilbert, bo?«

»Bo!«

»Verschärft?«

»Verschärft!«

Mit diesem Slang begann jedes unserer Treffen. »Bo« war die Kurzform von »Bonjour«, das wir von ein paar Jungs aufgeschnappt hatten, die schon Französisch hatten und damit angeben wollten. Woher »verschärft« eigentlich kam, weiß ich nicht; jedenfalls sollte es so viel wie »Alles cool« heißen. Und wenn wir richtig gut drauf waren, fuhren wir noch fort:

»Klar?«

»Klar!«

»Passt?«

»Passt!«

»Ehhh.«

»Gehen wir einkaufen«, sagte ich und meinte damit das Einkaufszentrum. »Anscheinend war das Ofesi gestern Abend voller Betrunkener.«

In das Ofesi Boozing Centre durften wir nicht hinein, weshalb es natürlich eine besondere Anziehungskraft auf uns ausübte. Es lag als einer der letzten Läden am Rand des Einkaufszentrums an der Straße nach Chamama. Aus dem dunklen und verheißungsvollen Eingang dröhnte sogar schon mittags laute Musik. Dort erschienen dann auch Männer, die sich kaum auf den Beinen halten konnten, eine Zigarette rauchten, einen leeren Getränkekarton wegwarfen und sich zu den anderen Besoffenen in der Gosse gesellten. Doch während diese leeren Getränkekartons für andere nur Müll darstellten, steckten sie für uns voller Schätze und Möglichkeiten.

Obwohl Geoffrey, Gilbert und ich in einem kleinen Ort in Afrika aufgewachsen sind, spielten wir dieselben Spiele, die alle Kinder auf der ganzen Welt spielen – nur standen uns andere Sachen dafür zur Verfügung. Das weiß ich auch von Freunden aus Amerika und Europa; die Spiele waren die gleichen, wenn auch mit etwas anderen Spielsachen. So gesehen ist die Welt gar nicht so groß.

Wir spielten zum Beispiel gerne mit Lastwagen. Welche Art von Lastwagen, war völlig egal: Viertonner, die die Straße entlangrumpelten und dabei Staub aufwirbelten, oder Pick-ups, die nach Kasungu und zurück fuhren. Die Fahrt dauerte nur eine Stunde, und auf der Ladefläche stapelten sich die Mitfahrer wie die Hühner in einem Stall. Wir liebten jede Art von Lastwagen und veranstalteten wöchentliche Wettbewerbe, wer den größten und stärksten bauen konnte. Heute weiß ich, dass die Kinder in Amerika Minilastwagen in Spielzeuggeschäften kaufen können – wir bastelten uns unsere eigenen aus Draht und leeren Getränkekartons. Ich bin mir ganz sicher, dass unsere genauso schön waren wie die aus den Geschäften.

Die Kartons, die die Betrunkenen vor dem Ofesi wegwarfen, hatten zuvor Chibuku Shake Shake enthalten, eine Art Bier aus vergorenem Mais, das in Malawi sehr beliebt ist. Es schmeckt säuerlich, und am Boden setzen sich immer kleine Maisstückchen ab, weshalb man das Bier erst schütteln muss, bevor man es trinken kann – daher der Name. Außerdem soll es sehr nahrhaft sein. Ich trinke selbst nicht, habe aber gehört, dass man schon mehrere Kartons Shake Shake leeren muss, bevor man auch nur annähernd so etwas wie einen Rausch spürt. Deshalb war der Eingang des Ofesi für uns eine wahre Kartonfundgrube.

Wenn man die Kartons auswusch, eigneten sie sich ideal zur Herstellung eines Spielzeuglastergestells. Für die Räder verwendeten wir die Kronkorken von Bierflaschen, die in der Schule auch zum Rechnen benutzt wurden (»Drei Coca-Cola plus zehn Carlsberg macht dreizehn«).

Wir pflückten Mangos aus Nachbars Garten und tauschten sie gegen Drahtstückchen ein, aus denen wir die Radachsen bastelten und mit denen wir die Kronkorkenräder befestigten. Später entdeckten wir, dass sich die Plastikverschlüsse von Speiseölflaschen viel besser eigneten, weil die Lastwagen damit länger hielten. Mit den Rasierklingen unserer Väter schnitten wir sogar kleine Muster in das Plastik, um jedem Fahrzeug seine eigene Note zu verleihen. Auf diese Weise konnte man an der Reifenspur unserer Laster im Staub sofort erkennen, ob es sich etwa um ein Fahrzeug des riesigen Kamkwamba-Toyota-Fuhrparks oder um eines der Gilbert Company LTD handelte.

Schon bald darauf bauten wir unsere eigenen Monstertrucks, die wir chigirigiri nannten und die an die Gokarts in Amerika erinnerten. Sie hatten riesige Gestelle; an einem Ende gabelten sich dicke Äste, in deren Verzweigung der Fahrer saß. Für die Räder gruben wir große, runde kaumbu-Knollenwurzeln aus und schnitzten sie zurecht, die Achsen bildeten Eukalyptuszweige. Anschließend banden wir die Einzelteile mit Kletterranken und Baumrinde zusammen.

Die Wagen wurden mit einem Seil von dem einen gezogen, während der andere im Wagen saß und mit den Füßen lenkte. Manchmal veranstalteten wir mit zwei Wagen regelrechte Rennen auf der unbefestigten Straße.

»Lass uns ein Wagenrennen machen.«

»Na klar!«

»Wer als Erster bei Iponga ist!«

»Los!«

Der Iponga Barber Shop war der erste seiner Art im Wimbe-Einkaufszentrum. Dort wurden mir all meine Haarschnitte verpasst. Immer wenn mein Vater mich einmal im Monat zum Barber Shop brachte, legte mir Mister Iponga einen zerschlissenen Umhang um und fragte: »Was darf’s denn diesmal sein?« An den Wänden hingen Bilder von Männern mit den verschiedensten Frisuren: Da gab es den Tyson, der nach dem berühmten amerikanischen Boxer benannt war, den englischen oder nigerianischen Schnitt oder die Buddha-Frisur, eine Vollglatze. Normalerweise entschied ich mich für den Büroschnitt, eine Kurzhaarfrisur ohne jeden Schnörkel, die, glaube ich, auch die preiswerteste war.

Das Problem beim Haareschneiden im Einkaufszentrum waren natürlich die regelmäßigen und dennoch unvorhersehbaren Stromausfälle im ganzen Land, die auch dann auftreten konnten, wenn der Friseur deinen Kopf gerade mit dem elektrischen Rasierer bearbeitete.

»Ups. Stromausfall. Bin in ein paar Stunden wieder da.«

»Aber…«

Daher war es eine gute Idee, zum Friseur einen Hut mitzunehmen, falls dein Kopf gerade mal halb geschoren war. Viele Leute gingen nur nachts zum Friseur, um im Schutz der Dunkelheit nach Hause schlüpfen und am nächsten Morgen wiederkommen zu können, damit das Werk vollendet wurde.

Wenn uns unsere Eltern ein wenig Kleingeld mitgegeben hatten, kauften wir uns in Mister Bandas Laden eine kühle Fanta oder eine Handvoll Dandy-Süßigkeiten, die Banda in einem Glas unter dem Regal mit Drews-Magensalz, Con-Jex-Hustenpastillen, Top-Society-Luxus-Lotion, Easy-Black-Haartönung, Blue-Band-Margarine, Lifebuoy-Seife und Cowbell-Milchpulver aufbewahrte.

Wenn wir Hunger hatten, legten wir unser Geld zusammen und gingen zum kanyenya-Stand neben dem Ofesi, der eigentlich nur aus einem großen Kübel siedenden Fetts über einem offenen Feuer bestand. Dort kauften wir uns für ein paar Kwacha köstliche Streifen frittiertes Ziegenfleisch und Chips. Der Mann am Kübel fragte durch die geschlossenen Zähne hindurch: »Wie viel?«, und wir antworteten: »Für fünf Kwacha.« Daraufhin sägte er einen ansehnlichen Klumpen von dem Kadaver am Fleischhaken, wobei ein Schwarm schwarzer Fliegen kurz aufflog und sich sofort wieder auf dem Fleisch niederließ. Er ließ das Fleisch ins Fett fallen und legte noch ein paar Holzstückchen nach, damit das Fett auch ordentlich blubberte. Anschließend warf er noch eine Handvoll Kartoffelscheiben in den Kübel. Wenn alles knusprig braun war, fischte er es aus dem Fett und legte es neben einem kleinen Haufen Speisesalz auf die Theke, mit dem man Fleisch und Chips würzen konnte.

»Deine Mutter kann gut kochen«, sagte Gilbert zu mir. »Aber so etwas Gutes hat sie noch nie gemacht.«

»Stimmt.«

Doch meistens hatten wir kein Geld und verbrachten den Nachmittag mit Hunger und Träumen. Auf dem Nachhauseweg spielten wir ein Spiel mit dem mphangala-Busch. Seine hellroten Blüten dienten Kindern nicht nur als Malstifte, sondern auch zum Vorhersagen der Zukunft. Dafür musste man einen Stängel ausgraben und in der Mitte der Länge nach zerteilen. Brach der Stängel dabei nicht auseinander, wartete zu Hause zum Abendessen Fleisch auf einen.

»Hey, Mann, hast du ein Glück! Ich komm zum Essen rüber zu euch!«

Wenn der Stängel allerdings brach, sah das mit dem Glück ganz anders aus.

»Oh, tut mir leid, mein Freund, deine Mutter ist auf einer Beerdigung. Zu Hause wartet nur Wasser auf dich. Ha, ha!«

Die Abende in unserem Dorf, kurz nachdem die Sonne hinter den Eukalyptusbäumen untergegangen war, waren mir die liebste Zeit des Tages. Dann nämlich kamen mein Vater und Onkel John, Geoffreys Vater, von den Mais- und Tabakfeldern zum Abendessen nach Hause. Meine Mutter und meine ältere Schwester Annie bereiteten in der Küche das Essen vor, das seinen verführerischen Duft mit der Abendbrise verbreitete. All meine Cousins versammelten sich im Hof zwischen meinem und Geoffreys Haus, um Fußball zu spielen. Die Bälle hatten wir aus großen, Jumbos genannten und mit Bindfaden umwickelten Einkaufstüten gebastelt. Wenn sich die Dämmerung über das Land legte, kam manchmal auch ein Farmer aus dem Nachbardorf vorbei.

»Mister Kamkwamba, ich habe etwas aus meinem Garten für Sie mitgebracht«, sagte der Farmer dann und rollte ein Bündel Papier auseinander, in dem eine hübsche Tomatenpflanze lag. Mein Vater handelte einen guten Preis aus und pflanzte den Tomatensetzling hinter unserem Haus ein.

In der Regenzeit, wenn die Mangos reif sind, holten wir immer Eimer voller Mangos aus Nachbars Garten und wässerten sie gründlich, während wir zu Abend aßen. Anschließend teilten wir die Früchte unter uns auf, bissen genüsslich in ihr saftiges Fleisch und ließen uns den süßen Fruchtsaft von den Fingern tropfen. Reichte das Mondlicht nicht aus, um weiterzuspielen, versammelte mein Vater alle Kinder im Wohnzimmer um sich, zündete eine Kerosinlampe an und erzählte uns Geschichten.

»Setzt euch und seid still«, sagte er. »Hab ich euch schon die Geschichte vom Leoparden und dem Löwen erzählt?«

»Erzähl sie uns noch mal, Papa!«

»Na gut… Eines Tages, vor langer, langer Zeit, waren zwei Mädchen auf dem Weg von Kasungu nach Wimbe, als sie plötzlich zu müde wurden, um weiterzugehen.«

Wir kauerten auf dem Boden, drückten unsere Knie gegen die Brust und hingen meinem Vater an den Lippen. Er kannte viele Sagen, doch die vom Leoparden und vom Löwen war eine meiner Lieblingsgeschichten. Sie geht so weiter:

Da die beiden Mädchen nicht im Staub schlafen wollten, machten sie sich auf die Suche nach einem sauberen und ruhigen Platz. Nach einiger Zeit trafen sie auf die Hütte eines alten Mannes. Sie baten ihn höflich um ein Nachtquartier, woraufhin der alte Mann antwortete: »Natürlich könnt ihr hierbleiben. Kommt herein.«

Als die beiden Mädchen fest eingeschlafen waren, schlich sich der alte Mann aus der Hütte in den dunklen Wald zu seinen besten Freunden, dem Leoparden und dem Löwen.

»Ich habe ein köstliches Mahl für euch, meine Freunde. Folgt mir.«

»Super, danke, alter Mann«, sagte der Leopard. »Wir kommen gleich mit.«

Der alte Mann führte seine Freunde aus dem Wald zu seiner Hütte. Der Leopard und der Löwe freuten sich so sehr auf ihre leckere Mahlzeit, dass sie ein fröhliches Liedchen anstimmten. Das jedoch weckte die beiden Mädchen auf. Sie fühlten sich nach ihrem Nickerchen erfrischt und beschlossen, die Wanderung fortzusetzen. Da sie ihren Gastgeber nirgends finden konnten, hinterließen sie ihm einen Zettel, auf dem sie sich höflich für das Nachtlager bedankten.

Schließlich kam der alte Mann mit dem Leoparden und dem Löwen bei der Hütte an.

»Wartet hier. Ich gehe hinein und hole sie«, sagte er.

Als er das leere Bett sah, fragte er sich, wo die Mädchen wohl hingegangen waren. Er suchte nach ihnen, fand sie jedoch nicht. Schließlich entdeckte er den Zettel, den die Mädchen geschrieben hatten. Vor der Hütte waren der Leopard und der Löwe mittlerweile ungeduldig geworden.

»Hey, wo bleibt unser Essen?«, rief der Leopard. »Siehst du denn nicht, dass uns hier draußen schon das Wasser im Maul zusammenläuft?«

Der alte Mann rief zurück: »Moment noch, sie müssen hier irgendwo sein. Ich muss sie nur finden.«

Er wusste, dass der Leopard und der Löwe sicherlich ihn zum Abendessen verspeisen würden, wenn sie herausbekamen, dass die beiden Mädchen fort waren. In einer Ecke des Hauses stand ein großer Behälter, mit dem der alte Mann immer Trinkwasser holte. Er sah keine andere Möglichkeit, als sich darin zu verstecken.

Nach einer Weile hatte der Löwe vom Warten die Nase voll und sagte: »Lass uns reingehen und selbst nachsehen.«

Sie brachen die Tür auf, fanden in der Hütte aber niemanden vor. Keine Mädchen, keinen alten Mann, kein Abendessen.

»Hey, der alte Mann hat uns reingelegt«, sagte der Leopard. »Er ist sogar selbst abgehauen.«

Doch in diesem Augenblick erblickte der Leopard einen Hemdzipfel des alten Mannes, der aus dem Behälter hervorlugte. Gemeinsam mit dem Löwen stieß er so lange gegen das Gefäß, bis der alte Mann freiwillig herauskam.

»Bitte, ich kann alles erklären!«, flehte er. Doch der Löwe und der Leopard hatten keine Geduld für Geschichten und fraßen den alten Mann rasch auf.

Mein Vater klatschte in die Hände, um anzuzeigen, dass die Geschichte nun zu Ende war. Dann sah er jedes Kind einzeln an.

»Wenn ihr etwas Böses mit euren Freunden vorhabt«, warnte er uns, »müsst ihr vorsichtig sein, weil euch das Böse dann heimsuchen wird. Ihr müsst anderen gegenüber immer wohlwollend sein.«

»Erzähl uns noch eine Geschichte, Papa!«, riefen wir.

»Hmmm, na gut… Wie wäre es mit der von der Schlange und dem Perlhuhn?«

»Ja, toll!«

Manchmal vergaß mein Vater, wie die Geschichte weiterging, und erfand einfach etwas Neues beim Erzählen. Diese Geschichten zogen sich dann oft eine ganze Stunde lang hin, wobei sich Inhalt und Figuren ständig veränderten. Doch irgendwie brachte es mein Vater mit seiner ganz eigenen Magie fertig, dass die Geschichten alle gleich endeten. Mein Vater war der geborene Geschichtenerzähler, was sicherlich daran lag, dass sein eigenes Leben eine einzige fantastische Geschichte war.

Kapitel 2

Der geläuterte Papst

Als junger Mann war mein Vater Trywell ziemlich berühmt. Heute ist er ein Farmer, so wie sein Vater und der Vater seines Vaters. Offensichtlich wird jeder, der in Malawi zur Welt kommt, automatisch Farmer; das scheint in der Verfassung verankert zu sein wie ein Gesetz, das schon Moses auf seinen Tafeln stehen hatte. Und wer das Land nicht bearbeitete, kaufte und verkaufte Sachen auf dem Markt. Bevor sich mein Vater also mit Haut und Haar dem Feld widmete, führte er das verrückte Leben eines umherziehenden Händlers.

Damals lebte er in Dowa, einer kleinen Stadt südöstlich von Masitala hoch oben in den braunen Hügeln. In den 70er- und 80er-Jahren war in Dowa einiges los; hier konnte ein junger Bursche gut sein Geld verdienen. Zu der Zeit wurde Malawi von Hastings Kamuzu Banda regiert, einem mächtigen Diktator, der über dreißig Jahre lang in unserem Land herrschte.

Die Geschichte des Diktators Banda kannte jedes Kind in Malawi. Er ist in Kasungu, im Schatten des großen Hügels, aufgewachsen, wo die Chewa die Ngoni besiegt hatten. Als Junge ist Banda barfuß eintausend Meilen weit gelaufen, um in den Goldminen Südafrikas zu arbeiten. Später bekam er Stipendien an den Universitäten von Indiana und Tennessee, wo er ein Medizinstudium absolvierte. Er praktizierte als Arzt in England, bevor er nach Malawi zurückkehrte, um uns vom britischen Joch zu befreien. Er wurde unser erster großer Anführer und bekam 1971, nachdem er das Parlament extrem unter Druck gesetzt hatte, von diesem den Titel »Präsident auf Lebenszeit« verliehen.

Banda war ein zäher Bursche. Er verlangte von jedem Händler in Malawi, dass er das Porträt des Präsidenten in seinem Laden aufhängte. Kein anderes Foto durfte höher hängen als dieses. Wurde man dabei erwischt, kein Foto von unserem verehrten Präsidenten aufgehängt zu haben – auf diesen Fotos trug der Präsident immer einen dreiteiligen Anzug und hatte einen Fliegenwedel in der Hand –, musste man eine saftige Strafe bezahlen. Zu dieser Zeit hatten die Menschen in Malawi Angst und waren verwirrt. Banda verbot es Frauen auch, Hosen oder Kleider zu tragen, die ihre Knie entblößten. Männer mit langen Haaren ließ er ins Gefängnis werfen. Auch das Küssen in der Öffentlichkeit war verboten, ebenso wie Filme, in denen Kussszenen vorkamen. Der Präsident hasste das Küssen, und auch heute noch haben die Menschen in Malawi Angst, öffentlich zu schmusen. Und zu allem Überfluss griffen die Polizisten und die MYP – die »Malawi Young Pioneers«, Bandas persönliche Schläger – Menschen auf der Straße auf, die es wagten, die Politik des Präsidenten zu kritisieren. Viele Malawier landeten im Gefängnis, wo sie gefoltert oder sogar hungrigen Krokodilen zum Fraß vorgeworfen wurden.

Doch trotz allem war es zu dieser Zeit sehr aufregend, ein Händler zu sein. Immer wieder erzählte mein Vater davon, wie er damals per Anhalter auf Pick-ups über Land an den Malawisee gefahren ist, wo er getrockneten Fisch, Reis und gebrauchte Kleidung kaufte, die er dann auf dem Markt in Dowa wieder verkaufte. Der Malawisee ist einer der größten Seen der Welt; er bedeckt fast die gesamte Osthälfte unseres Landes. Der See ist so groß, dass sich darauf sogar Wellen wie auf einem Ozean bilden. Obwohl ich nur zwei Stunden entfernt von dem See aufgewachsen bin, habe ich ihn mit eigenen Augen erst gesehen, als ich schon zwanzig war. Doch als ich an seinem Ufer stand und über das schier endlose Wasser blickte, füllte sich mein Herz mit inniger Liebe für mein Heimatland.

Waren die Händler erst einmal am See angekommen, reisten sie mit Dampfern wie dem Ilala oder dem Chauncy Maples in Städte wie Nkhotakota oder Mangochi weiter. Auf den Dampfern gab es gutes Essen, und die Händler tranken und tanzten während der Überfahrt an Deck. Am See betrieb mein Vater Tauschhandel mit den Muslimen, den sogenannten Yao, die diesen Teil des Landes bevölkern.

Die Yao leben seit über hundert Jahren in Malawi; sie kamen von der anderen Seite des Sees aus Mosambik. Die Araber aus Sansibar hatten sie zum Islam bekehrt und dann angeheuert, die Chewa zu unterjochen. Sie griffen unsere Dörfer an, töteten die Männer und schickten Frauen und Kinder in Booten über den See. Dort legte man den Sklaven Halseisen an und trieb sie durch Tansania. Diese »Reise« dauerte drei Monate. Als sie am Meer ankamen, waren die meisten von ihnen tot. Später verkauften uns die Yao für Waffen, Gold und Salz an die Portugiesen.

Hätte es den großen schottischen Missionar und Entdecker David Livingston nicht gegeben, würden sich die Yao und Chewa wahrscheinlich heute noch nicht vertragen. Livingston setzte sich für das Ende der Sklaverei ein, öffnete Malawi dem Handel und sorgte für den Bau guter Schulen und Missionen. Die jungen Männer erhielten nun eine Ausbildung und verdienten Geld, und als diese wirtschaftlichen Möglichkeiten schließlich allen offenstanden, hatten die Yao und Chewa eigentlich keinen Grund mehr, gegeneinander zu kämpfen. Heute betrachten wir die Yao als unsere Brüder und Schwestern. Meine Mutter ist selbst eine Yao, und so bin auch ich zur Hälfte ein Yao.