Der kleine blaue Koffer - Christina Klose - E-Book

Der kleine blaue Koffer E-Book

Christina Klose

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2,99 €

Beschreibung

Das Leben eines jeden Menschen verdient es, aufgeschrieben zu werden. Hier lesen wir von einem Kind, das - mit Kriegsfolgen konfrontiert - sehr früh kämpfen und sich gegen große starke Menschen durchsetzen muss, das jahrelang den Schmerz fühlt, Oma und Opa und liebe Verwandte fast unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang zu wissen. Da ist die junge Frau, die schmerzlich erfährt, dass man sich die Liebe nicht aussuchen kann, sondern dass es umgekehrt ist und man meistens auf das Glück warten muss. Eine beruflich erfolgreiche Frau, der eine Wahrsagerin in Frankfurt voraussagt, dass sie besonderen Menschen begegnen, sie großartige Reisen in die Welt machen wird, aber auch viele Enttäuschungen auf sie warten. Eine Romantikerin, die sich Kraft beim Betrachten einer Blümchenwiese mit dem Summen der Insekten holt, aber auch auf einem warmen Lavastein dicht am Ätna-Krater, auf einer Liege im einst elterlichen Garten oder auch während des Sonnenaufgangs auf Rügen total entspannt und das Leben einfach nur schön findet. Sie schaut mit 75 Jahren dankbar auf ihr bewegtes Leben zurück, von dem sie Spannendes, Lesenswertes in diesem Buch erzählt.

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Seitenzahl: 875

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Der kleine blaue Koffer – Christina Klose

Die Autobiografie einer Autorin

tredition

tredition GmbH

Halenreie 40 – 44

22359 Hamburg

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, Frankfurt; ebenso in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Das Werk (einschließlich aller Abbildungen) ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheber-Rechtsschutzgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags und der Autorin unzulässig und strafbar.

Das gilt besonders für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro-Verfilmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen.

Die Autorin übernimmt die Verantwortung für den Inhalt ihres Werkes.

Einige im Werk verwendete Namen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Covergestaltung: Jasmin Kappelt

Lektorat: Ute Kühn, Birgit-Christine Butte

1. Auflage

Originalausgabe: 2021

ISBN 978-3-347-17519-8

ISBN 978-3-347-17520-4

ISBN 978-3-347-17521-1

Widmung

Dieses Buch meines Lebens widme ich meinen verstorbenen Eltern, die mir gezeigt haben, dass das Wichtigste im Leben nicht irdischer Reichtum, sondern die Liebe ist.

- und meiner treuen Freundin Ute, durch die ich Mut hatte, mit der schwierigsten Phase meines Lebens abzurechnen und meine Biografie zu schreiben.

- und meiner langjährigen Freundin Antje mit ihrem lieben Ehemann Helmut, die mir in Stunden der Verzweiflung beistanden …

Ich war oft einsam, doch fühlte ich mich nie allein; denn auch sie bereicherten mein Leben:

Christel und Manfred (Heusenstamm)

Dr. Christina W. (Rio de Janeiro),

Heidi (Celle),

Marie-Luise (Pößneck),

Ermute und Ulrich (Rudolstadt),

Dr. Claudia T. und James Alfred (Marienberg)

Brunnenfee-Bewohnerinnen, Warmbad

Fam. W. Arnold (Großolbersdorf)

Katrin (Großolbersdorf)

Karin (Zwönitz),

Adelheid (Frankfurt), Thomas (Frankfurt),

Marianne (Bad Füssing)

Gerdi (London), Dr. Anette M. (Schweiz),

Christa und Hans (Obertshausen)

Uschi und Alli (USA)

Gisela, Heike und Eberhardt (Eiserfeld)

und alle Lieben, im Buch erwähnt.

Der kleine blaue Koffer – Christina Klose

Die Autobiografie einer Autorin

Vorwort

„Hast Du Angst vor dem Tod?“, fragte der kleine Prinz die Rose.

Sie antwortete: „Aber nein! Ich habe doch gelebt, habe geblüht,

habe meine Kräfte eingesetzt, soviel ich konnte.

Und Liebe tausendfach verschenkt, kehrt wieder zurück zu dem,

der sie gegeben. So will ich warten auf das neue Leben

und ohne Angst und Verzagen verblühen.“

Antoine de Saint-Exupéry

Mehr als 1,5-Milliarden Mal hat das Herz eines Menschen geschlagen, wenn er 70 Jahre gelebt hat. Faszinierend, was ihm dadurch alles ermöglicht wird … Ich bin 75 und wie viele Leute habe auch ich den Wunsch, mein gelebtes Leben in Worten festzuhalten. Das Leben hat ein Füllhorn voller Geschenke über mich ausgeschüttet, die ich dankbar angenommen habe.

Meine Eltern waren keine Adelssippe, die kunstbeflissen, skrupellos und machthungrig waren. Nein, sie waren wunderbare rechtschaffene Leute, mit Nächstenliebe, die „ihr letztes Hemd für arme Menschen geben“, obwohl sie selbst oft ums Überleben kämpfen mussten. Sie hatten nur eine Tochter, die sie das ‚Glück unseres Lebens‘ nannten: Mich, ein fröhliches, positiv denkendes Menschenkind, das früh lernen musste, dass das Leben nur funktioniert nach dem Motto:

'Hinfallen ist keine Schande, wenn man alles tut, um wieder aufzustehen.'

Wenn ich mit teilweise tapfer erreichten 75 Jahren zurück auf mein Leben schaue, möchte ich es mit einem Bonbonglas vergleichen, gefüllt mit bunten, verführerisch anzusehenden Leckereien. Dass sie sehr unterschiedliche Geschmacksrichtungen hatten, wurde mir bewusst, als sich das Glas von Jahr zu Jahr langsam leerte.

Heute weiß ich, dass es noch nicht abzusehen ist, wann die letzte Süßigkeit gegessen ist. Mir bleibt, den Rest bewusst zu genießen.

Der kleine blaue Koffer – Christina Klose

Die Autobiografie einer Autorin

Inhaltsverzeichnis

1. 1944-5 Heimat adé

2. 1945 – Mein Leben beginnt im Erzgebirge

3. 1947 – Familienleben in der fremden Heimat

4. Wundermittel Honig

5. Großeltern väterlicherseits: Tuttlingen

6. Ein musikalisches Kind

7. 1949 – Kindergartenzeit

8. Papa kann alles!

9. „Komm, wir hau'n ab!“

10. Es klappert die Mühle

11.Die Sache mit der Erbsensuppe

12.Bescheidene, aber wunderschöne Weihnachten

13.Wenn der Vater mit der Tochter Motorrad fährt

14.Eis essen

15.Das rote Fahrrad

16.Das zerrissene Schürzchen

17.Kirmes in Krombach

18.Das Märchen vom Klapperstorch 1950

19.Der kleine blaue Koffer

20.Die Großeltern mütterlicherseits: Luckenwalde

21.Die wundersame Rettung des Huhnes Berta

22.Dieter, der Musikant

23.Onkel Otto und Tante Ida

24.Reiten auf Kuh Erna

25.Windpocken und kleine Schweinchen

26.Hexe und die Lüge

27.Das erste Zeugnis und eine Rechnung an mich

28.Sechs Jahre nach dem Krieg: Ev. Volksschule Krombach 1.4.1951

29.Lehrer Wurmbach

30.Gymnasium adé

31.Ein neues Haus für uns

32.Ein Fernseher!

33.Ein Klavier, ein Klavier!

34.Tante Wanda aus Uganda

35.The Beatles, Rolling Stones usw.

36.1959 Konfirmation

37.Der Ernst des Lebens beginnt

38.Lehrjahre sind keine Herrenjahre!

39.Frühe Jugend 1960

40.Eine neue Arbeitsstelle

41.Führerschein 1963

42.Verkehrsunfall mit bösen Folgen

43.1963 – Auf dem Weg zur guten Sekretärin - Paris

44.Ist es Liebe?

45.Hochzeit

46.Nur Fliegen ist schöner!

47.Janis Joplin

48.Das Auf und Ab der Liebe

49.Urlaub in den Bergen – die Dolomiten

50.Bornholm

51.Love Story

52.Murmel und Christel

53.Sizilien – es ist ein Feuer unter der Erde

54.Sarah

55.Manchmal flüstert das Glück: Jetzt bist Du dran!

56.Am Anfang war die Liebe

57.Lügen haben kurze Beine

58.1977 Hochzeit

59.„Beim Leben meines Kindes“

60.„Hurra! Mama bekommt meinen Namen!“

61.Unsere kleine Familie!

62.Kampf gegen die Schulden

63.Wer einmal lügt…

64.Wenn es dem Esel zu gut geht

65.Angst essen Seele auf

66.1983 „Jenseits von Afrika“

67.Mein Hobby: Steno und Schreibmaschine

68.Begegnung mit Promi Jörg Wontorra

69.Venedig, Bodensee: Muttis 75. Geburtstag

70.Begegnung von bleibendem Werk: Tante Lenchen

71.Begegnung von bleibendem Wert: Autorin Ilse Pohl (103)

72.Begegnungen: Menschen mit Down-Syndrom

73.Malta – Liebe heißt: Niemals um Verzeihung bitten zu müssen

74.Meine neue Arbeitsstelle.

75.1989 „Good bye Lenin“

76.1989 Die Freude am Beruf kehrt zurück

77.1993 Die Goldene Hochzeit meiner Eltern

78.Urselchen

79.1993 Rhodos: Eine Reise für meine Eltern

80.1998 Samy Molcho: Körpersprache

81.1999 – 10 Jahre Betriebszugehörigkeit

82.1999 - Das Tannheimer Tal

83.Gräfin du Pasquier

84.Neue Besen kehren gut

85.Dr. Christina Weyer

86.Begum Aga Khan

87.2000! Was wird das neue Jahrtausend bringen?

88.11.9.2001: Ein furchtbares Unglück in den USA

89.2002: Der Tod meiner Mutter

90.Vater und Tochter 2002-2010

91.2010: Der Tod meines Vaters

92.Ausgerechnet auf dem Friedhof

93.Flucht ins Erzgebirge – auf der Suche nach Heimat

94.Kloster St. Marienstern, Panschowitz-Kuckau

95.Meine Taufe in Komptendorf – 29. Juli 1945

96.Gäste im Erzgebirge – Brief an Ela

97.Ein Besuch in Liegnitz: der alten Heimat meiner Vorfahren

98.Zurück mit vielen Gedanken

99.Deutsche Politiker, die mein Leben begleiteten

100.Etwas, von dem man nicht gern spricht: Krankheiten

101.Was mir jetzt noch einfällt:

a) Norwegen

b) Ein Wirtschaftskrimi

c) USA: Die Demokratie hat gesiegt

d) Flughafen BER ersetzt Tegel

e) Greta Thunberg

f) Mein zweitletzter Wunsch

g) Mein letzter Wunsch

1.1944/5 – Heimat adé

Gemeinsam mit meinen Großeltern (meiner kleinen, pummeligen, und total gutmütigen Oma Elfriede Klein geb. Bittner (sie gab ihr letztes Hemd) und meines stattlichen, strengen, trotzdem von mir abgöttisch geliebten Opas, des Zimmerpoliers Heinrich Klein, lebte meine Mutti Ina mit ihrem knapp ein Jahr älteren Bruder Heinz in Liegnitz (Niederschlesien) im Damaschkeweg 19. Es soll ein schmuckes Siedlungshaus gewesen sein, das meine Großeltern 1926 erbaut hatten. Man habe am Rande der Stadt, umgeben von Gärten, ein bescheidenes, aber glückliches Familienleben geführt, wie es viele Menschen nach Ende des Ersten Weltkriegs konnten. Die kleine Familie musizierte gern, wie meine Mutter mir erzählte: Sie spielte sehr früh voller Leidenschaft Klavier, ihr Bruder Heinz lernte (nicht immer mit großer Lust) die Geige zu spielen, was auch bestens vom Vater beherrscht wurde, und die Mutter sang mit einer glockenhellen Stimme dazu. Die habe ich wohl von ihr, meiner Großmutter, geerbt.

1942 wurde der geliebte Sohn, mein Onkel Heinz, in Russland im Einsatz für das Vaterland mit einer ‚Tante Ju‘ abgeschossen, die er mit 21 Jahren schon alleine für den Kriegseinsatz zu fliegen hatte. Beim Verabschieden soll er kurz vor seinem Tod zu seinen Eltern gesagt haben: „Gern will ich mein Leben hingeben, wenn ich nur weiß, dass Ihr gesund bleibt und nicht aus der Heimat vertrieben werdet!“ Sein Wunsch wurde nicht mehr erfüllt: Er musste nicht nur sein Leben hingeben, die Familie wurde im Januar 1945 aus der Heimat vertrieben (s. mein Buch ‚Das erfüllte Versprechen‘).

Nach dem Trauerjahr um den Bruder Heinz heirateten meine Eltern am 11. September 1943: Erich Klose und Ina Klein. Sie hatten im Liegnitzer Haus im ersten Stock ihre Wohnung eingerichtet. Anschließend musste mein Vater wieder hinaus in den Krieg, wo er alle Feldzüge (als junger Mann) erleben musste und schwer verwundet wurde, gezeichnet für sein Leben. Er erzählte mir später, dass er immer nur einen Wunsch gehabt hätte, wenn er seine junge Frau verlassen musste, dass der Krieg bitte endlich ein Ende hätte!

Irgendwann in 1944 hatte er nochmal Urlaub bekommen und konnte mit seiner Ina tatsächlich eine zehntägige Hochzeitsreise nachholen. Sie fuhren nach Wien, zu zweit – und kamen zu dritt zurück!! Mit mir! Dabei wollte mein Vater unbedingt mit Nachwuchs abwarten, bis der Krieg zu Ende war.

Doch seine Frau war so glücklich! Denn: Sollte ihm etwas geschehen und er nicht zurückkommen, dann hätte sie doch eine wunderbare Erinnerung an ihn … Sie konnte ja nicht ahnen, was vor meiner Geburt Furchtbares geschehen und ihr Leben zeitweilig zur Hölle machen würde.

Meine Großeltern müssen sich unglaublich gefreut haben, als sich ein Enkelkind angesagt hatte. Nach dem Tod des Sohnes Heinz war ihre einzige Tochter Ina das Wertvollste, das ihnen geblieben war. Und nun käme ihr erstes Enkelkind! Opa Heinrich hat dann sofort als tüchtiger Zimmerpolier im Dachgeschoss ein Kinderzimmer mit Wiege und kleinen Möbeln für mich gebaut und Oma Elfriede muss wie toll Kissen und Zudecke genäht, für mich Babysachen gestrickt und viel gebetet haben, dass alles gutgeht und der Krieg bald aus ist.

Mein Vater hatte vor dem Krieg eine Lehre in einem großen Malergeschäft namens Parten begonnen. Er wollte Maler und Anstreicher werden, im wunderschönen Liegnitzer Piastenschloss an Stuckarbeiten Gold verlegen lernen und nach dem Krieg sofort die Meisterprüfung machen. Sein Chef mochte ihn so gern, dass er ihm nach gründlicher Ausbildung sein Geschäft übergeben wollte, da dessen Sohn Pharmazie studierte, um Apotheker zu werden. Er soll keine handwerklichen Fähigkeiten besessen haben, eine so große Firma zu übernehmen.

Aber es kam alles anders. Die Familie Parten war jüdischer Abstammung und sie ereilte das furchtbare Schicksal der meisten jüdischen Bevölkerung. Und 1945 war plötzlich alles nicht mehr da: Familie, Firma, Heimat! Kurz vor Kriegsende zeigte das Schicksal so richtig seine Krallen: Opa wurde als alternder Mann zur Organisation Todt eingezogen und musste seine Frau mit der schwangeren Tochter alleine im Haus zurücklassen. Er muss geahnt haben, dass alles ein böses Ende nehmen würde, und hat seine Ina am Gartentor innig lieb an sich gedrückt mit den Worten: „Sei tapfer, mein Mädel, denn ich weiß: Wenn wir uns wiedersehen, gehört uns nichts mehr!“ Er sollte leider recht behalten.

In den letzten Januartagen des Jahres 1945 erschrak meine mit mir schwangere Mutter oft durch ganz in der Nähe des Elternhauses unheimlichen Kanonendonner. Wie es im Wehrmachtsbericht nach Muttis Aufzeichnungen hieß (die sie mir schenkte, als ich erwachsen war), waren die Russen nur noch ca. 18 km von Liegnitz entfernt in Steinau an der Oder. Sie habe mit ihrer Mutter Elfriede total verängstigt und in heller Aufruhr Betten in die Waschküche im Keller geschleppt, um im Notfall (wie auch immer der aussehen würde) dort Zuflucht zu finden. Immer wieder habe sie ihren Bauch gestreichelt, damit ich winziges Etwas bloß wegen der Aufregungen keinen Schaden nähme.

Es war der erste Monat im Jahr 1945 und entsetzlich kalt. Und plötzlich seien einige unserer Verwandten aus Breslau nach Liegnitz geflüchtet. Sie baten meine gütige Oma, mit im Haus bleiben zu dürfen. Breslau war bereits vom Krieg furchtbar heimgesucht worden. Natürlich half man sich, doch wenige Tage später kam der Befehl, dass alle aus dem Haus müssten, mit max. 20 kg Gepäck! In höchster Aufregung wurde zitternd zusammengepackt, was man für am nötigsten hielt. Ina und ihre Mutter Elfriede zogen über ihre Wintermäntel noch die Mäntel ihrer irgendwo im Feindesland kämpfenden Ehemänner an. Die in Eile gepackten Koffer wurden auf einen großen Schlitten gepackt und die beiden Frauen stapften mit ihren Verwandten, vor Kälte, Angst und Aufregung zitternd, durch den Schnee zum Bahnhof.

Die Bahnstation Liegnitz hatte fünf Bahnsteige. Alle waren überfüllt mit zitternden, von Angst getriebenen Menschen. Es gelang meinen Lieben nicht, einen der Bahnsteige zu erreichen. Sie mussten im Gedränge auf den Gängen bis zur Erschöpfung in der Kälte stehen bleiben. Und das stundenlang! Immer wieder versuchten sie, sich durchzuschlängeln, um in einen der wartenden Züge einsteigen zu können. Nur fort! Dem Chaos entgegen! Die Verwandten waren plötzlich in der Menge verschwunden. Man fand sich erst nach Jahren wieder!

Bis weit nach Mitternacht warteten Mutter und Tochter bei 20°C minus, verzweifelt und übermüdet. Ihre Füße ließen sich vor Kälte kaum noch bewegen. Und völlig erschöpft und am Ende ihrer Kräfte beschlossen die beiden plötzlich wieder nach Hause zu eilen und dortzubleiben. Lieber erschossen werden, als so weiterzumachen. Mutti wollte mich doch in der Heimat zur Welt bringen, wo schon ein Kinderzimmer wartete. Und ihr wunderbares Seiler-Klavier im gemütlichen Wohnzimmer stand! Heimat! Fast war ihr Traum doch schon erreicht, Konzertpianistin zu werden. Ihr Lehrer hatte ihr das beste Zeugnis dafür ausgestellt. Das sollte sie alles hergeben!? Wie oft hatte sie in Liegnitz schon kleine Konzerte geben dürfen. Beethovens Mondschein-Sonate liebte sie so sehr und vieles von Chopin und überhaupt Mozart!

Erschöpft und völlig durchgefroren kamen beide wieder zu Hause an. Komme nun, was da wolle. Beide schliefen fest, warm eingepackt in ihren Betten.

Doch der nächste Tag begann gleich wieder mit größter Angst. Und so begannen beide wie wahnsinnig, sich zu beschäftigen, das Haus zu putzen. Sie wollten sich ablenken, auf ein Wunder hoffend. Doch bereits in der nächsten Nacht, am 31. Januar 1945, rüttelte nachts gegen 3 Uhr jemand an der Tür. Erschrocken sprang Ina auf und fragte zitternd, wer denn da sei. Es folgte nur die schreckliche Anweisung eines Soldaten: „Alle, die hier noch wohnen: Raus! Um 4 Uhr habt Ihr an der Blücher Kaserne zu sein. Pro Person dürft Ihr 25 Pfund Gepäck mitnehmen. Wer sich weigert, das Haus zu verlassen, wird sofort erschossen.“

Nein, es war kein Albtraum, es war Realität! Zu Tode erschrocken rannten die inzwischen auch wach gewordene Oma Elfriede und meine Mutter durchs Haus. Ina hatte einen kleinen Koffer mit Säuglingswäsche seit Tagen bereitstehen. In einen größeren Koffer packte sie in Panik und totaler Eile, vor allem aber in kraftraubender, schrecklicher Angst, etwas Unterwäsche und ein paar Kleider. Eine Aktentasche füllte Oma Elfriede mit den Papieren ihres Hauses. Ina rannte in die Küche, suchte Lebensmittel zusammen und warf alles in eine große Einkaufstasche, zusammen mit der Aktentasche in ein Tragebett für mich. Es durfte ja 25 Pfund nicht überschreiten! Da es so kalt war, zogen die beiden Frauen wieder die Wintermäntel ihrer Männer über die eigenen.

Im Morgengrauen verließen sie nun zum zweiten Mal ihr Zuhause, die Heimat. Ein Schmerz, den man nicht beschreiben kann und den Oma und Mutti bis zu ihrem Tode nie verwinden konnten.

Elfriede soll wie besessen, beladen mit beiden Koffern, voller Angst zur Bushaltestelle gerannt sein. Ina konnte ihr nur mühsam mit dem restlichen Gepäck und bereits kräftigem Babybauch folgen. Die Schwangerschaft hatte sie, die eine gute Sportlerin war, doch ungelenk gemacht. Sie erreichten mühsam den Bus, der sie zur Kaserne fuhr, wo sich wieder Menschenmassen versammelt hatten. Dann wurden alle durch Eis und Schnee zum Hauptbahnhof getrieben – ja, wie man eine Herde Tiere auf die Weide treibt! Wieder war es furchtbar kalt, um die 20° C minus und überall lag hoher Schnee. Obwohl die Beiden wollene Schals um den Kopf gebunden hatten, schmerzten Gesicht und Ohren vor Kälte.

Am Bahnhof ging die Hetze weiter. Wieder wie Tiere wurden die verängstigten Menschen von Männern in Uniform von Bahnsteig zu Bahnsteig gejagt. Niemand wusste, von welchem Bahnsteig ein Zug abfahren würde, der die sich fürchtenden Menschen in Sicherheit bringen würde, wie sie glaubten oder wenigstens hofften.

Nach Stunden saßen und standen sie total erschöpft in einem völlig überfüllten Abteil. Angstvolles Schweigen! Jeder wünschte sich: Wenn der Zug doch endlich fahren würde. Aber sie warteten die ganze Nacht und den nächsten Tag. Erst in der nächsten Nacht setzte sich der Zug endlich in Bewegung: Kurz vor Mitternacht war es, als die Fahrt nach Unbekannt begann. Wenn ich meine Mutter später mal fragte, wie das denn auszuhalten war wegen Toilette usw., sagte sie nur zu mir: „Frage mich das bitte nie mehr!“ Und ich verstand!

Am folgenden Freitag gegen Mittag erreichte der Zug sein Ziel: Marienberg im Erzgebirge. Alle waren völlig erschöpft und durften endlich das Abteil verlassen. Und offensichtlich, weil Ina schwanger war, wies man ihr rasch ein Quartier in der Nähe zu. Ihre Mutter bekam ein anderes. Ina kam zu einer Lehrerin, die sehr nett und freundlich zu ihr war. Ihr Mann, auch Lehrer, sei auch ‚im Feld‘. Sie brachte heißen Tee und Ina durfte ihre eiskalten Füße in eine Schüssel mit warmem Wasser stecken, für das sie nicht dankbar genug sein konnte.

Mutti erzählte mir, dass sie im Zug immer wieder zärtlich ihren Bauch gestreichelt habe, um mir zu signalisieren: Habe keine Angst, es wird alles gut. Aber ich hätte mich stundenlang nicht bewegt, sodass sie unbemerkt ganz still ihre Hände gefaltet und gebetet habe: „Lieber Gott, bitte, bitte, lass mein Baby nicht sterben. Ich bitte Dich!“ Und nun im warmen Bett hätte ich tüchtig durch eifrige Bewegungen gezeigt, dass ich noch sehr lebendig war. Jetzt würde sicher alles wieder gut werden. Wir hatten einen Unterschlupf gefunden, wo wir die Rückfahrt in die Heimat abwarten könnten.

Aber leider passten wir ‚Dahergelaufenen‘ nicht in das ehrbare Haus eines Lehrers, was eine böse Schwiegermutter am nächsten Tag sehr deutlich machte. Ina war verzweifelt und als ihre Mutter morgens kam, die kurz vor ihrem 50. Geburtstag stand und woanders notdürftig untergekommen war, ging sie (verzweifelt um das Wohl ihrer Tochter besorgt) zum Marienberger Bürgermeister und bat um Hilfe. Er soll ein sehr netter, hilfsbereiter Mann gewesen sein, der sich über das Verhalten der Familie, besonders der Schwiegermutter, böse geäußert habe. Ruckzuck hat er Kinder mit einem Schlitten beauftragt, die beiden Frauen mit ihren Koffern abzuholen und zu einer anderen Familie zu bringen.

Und das wurde ein langer, beschwerlicher Weg. Er führte einige Kilometer durch Felder nach Niederlauterstein. Die neuen Wirtsleute waren sehr freundlich, und die beiden Frauen konnten sich endlich geborgen fühlen. Ja, sogar die Nachbarn kamen und brachten gekochte Kartoffeln, Salz, Holz und Kohle. Damit konnte ein kleines Zimmer gleich erwärmt und der große Hunger der Frauen mit Kartoffeln und Salz gestillt werden. Ein Festmahl! Und jeder der beiden übermüdeten Frauen hatte zudem ein eigenes warmes Bett. Endlich wurden die beiden wie Menschen behandelt, die willkommen sind.

Viele Bombenangriffe haben sie mit der streng gläubigen Familie ertragen müssen, und wenn das Haus zitterte und bebte, so machten sie sich gegenseitig Mut und beteten gemeinsam. Man hielt sich bei den Händen – so war keiner allein, sollten die Bomben einschlagen.

2.1945 – Mein Leben beginnt im Erzgebirge

Und dann kam der 14. März 1945: Wieder ein Fliegerangriff.

Gemeinsam floh man aus dem Haus und suchte in der nahe gelegenen Kartoffelmiete Schutz. Doch auf dem Hof rutschte Ina, die inzwischen große Schwangerschaftsbeschwerden hatte, auf dem Schnee aus, stürzte, und sie sah mit Entsetzen: Der linke Fuß war gebrochen, sogar kompliziert, wie sich im Krankenhaus dann herausstellte.

Sie schrie um Hilfe. Das nette Familienoberhaupt war sofort zur Stelle und rannte zu einem Fuhrwerksbesitzer, der Ina trotz des Fliegerangriffs mit Pferd und Wagen in die Kreisstadt Marienberg brachte. Sie erzählte mir später, wie schrecklich diese etwa einstündige Fahrt durch die Kälte gewesen sei. Ihr Fuß habe unerträglich geschmerzt und dazu sei die Sorge um mich, ihr Baby, furchtbar belastend gewesen.

Über der Klinik in Marienberg (die es heute leider nicht mehr gibt) waren schon wieder Flugzeuge im Anflug, und daher gab es keinen Strom. Bei unzureichendem Kerzenlicht wurde Inas verunglückter Fuß provisorisch ruhiggestellt, was zur Folge hatte, dass das gesamte Bein am Morgen angeschwollen, schon blau war und unerträglich schmerzte. Ich mag mir heute gar nicht mehr ausmalen, wie es meiner geliebten Mutti damals erging. Man vermochte den Fuß wegen eines doppelseitig komplizierten Knöchelbruchs nicht in die richtige Lage zu bringen – an eine Operation war nicht zu denken –, und so bekam sie einen ‚vorläufigen Gips‘. Viele Tage lag sie hilflos mit großen Schmerzen im Krankenhaus. Schmerzmittel gab es längst nicht mehr, die brauchte man für die verwundeten Soldaten.

Oft habe sie an Suizid gedacht, doch dann hätte ich mich kräftig in ihrem Bauch gemeldet und sie habe mir versprochen, für mich da sein zu wollen. Das habe ihr die Kräfte zum Weiterleben gegeben.

Viele Tage später, kurz vor meiner Geburt, versuchten die Ärzte umsonst, den Fuß, wie auch immer, durch einen neuen Gipsverband in die richtige Lage zu bringen. Für den Rest des Lebens quälten sie Schmerzen. Der Fuß blieb völlig unbeweglich steif.

Viel später, im Erwachsenenalter, fand ich in Oberhessen einen tüchtigen, berühmten Chirurgen, der Mutti im hohen Alter noch mal erfolgreich operierte und ihr die schlimmsten Schmerzen nahm.

Am 27. März 1945 besuchte ‚uns‘ meine Omi. Eine Pferdekutsche nach Marienberg hatte sie mitgenommen. Es war an ihrem 50. Geburtstag. Traurig saß sie am Bettrand.

Ihre Hoffnung, dass ihr Enkelkind am 27.3. zur Welt kommen würde, blieb leider unerfüllt. Oh ja, ich war schon immer ein Widderchen, das sich bei Mutti so sicher fühlte und außerdem seinen eigenen Geburtstag haben wollte.

Doch die Freude war trotzdem riesengroß, als ich drei Tage später, am Karfreitag 1945, dem 30. März, im Marienberger Krankenhaus das Licht der Welt erblickte. Ich soll so niedlich und vor allem kerngesund gewesen sein, obwohl Mutti mit einem Peter gerechnet hatte. Als sie das der netten Ärztin sagte, soll die gefragt haben, ob sie mich zurückgeben solle, denn ich sei nun mal ein Mädelchen!

Oh nein! Mutti freute sich auch über eine vor allem gesunde Tochter und nannte mich auf Papas Wunsch hin ‚Birgit‘. Seine Schwester, meine Patentante Martel (später Schauspielerin in München: Oh, was war ich stolz, als ich sie ab und zu im Theater sehen konnte) hatte diesen damals seltenen Namen ausgesucht. Ja, Brigitte, den gab es, doch Birgit! Mutti erzählte mir ein paar Jahre später, dass man gern Brigittchen zu mir gesagt hätte und vor allem Tante Liese Bäcker, wo wir Brot kauften. Es machte ihr unsagbar Freude, mich zu ärgern. Wann immer wir in den Laden kamen, sagte sie ‚Brigittchen‘ zu mir, worauf ich kleine Gewalt verärgert geantwortet hätte: „Heiß' nicht Brigittchen, heiß' Birgit!“ Und zur Entschuldigung gab mir Tante Liese immer etwas zu naschen: ein Karamellbonbon oder gar einen Schaumkuss! (Negerkuss hieß er damals!)

Da es Karfreitag war, fügte meine stolze Mutti der Birgit noch den Namen ‚Christine‘ hinzu. Alle bisherigen Ängste, dass die Lebensumstände mir geschadet hätten, waren verflogen. Wie gern hätte Mutti mich gleich meinem Papa präsentiert. Doch wo war er? In irgendeinem Panzer kurz vor Moskau wahrscheinlich! Ob er noch lebte und man sich wiedersehen würde? Das war Muttis größter Wunsch, der tatsächlich nach knapp zwei Jahren erfüllt wurde.

Bis zu ihrem 23. Geburtstag am 16. April lag sie, lagen wir zwei noch im Krankenhaus Marienberg. An diesem Tag wurde ein Zug von Tieffliegern angegriffen, und da mussten sofort viele Patienten entlassen werden, damit man die Schwerverletzten versorgen konnte. Ina gehörte dazu, obwohl sie noch nicht laufen konnte. Und wie sollte sie nach Niederlauterstein kommen? Die immer um uns besorgte und schon so sehr abgemagerte Oma bemühte sich bei einem Fuhrwerksbesitzer in Niederlauterstein um Pferd und Wagen.

Aber niemand hatte den Mut, bei den ständigen Angriffen zu fahren.

Völlig verzweifelt muss meine Oma gewesen sein. Sie klagte dann ihr Leid einem 70-jährigen Vertriebenen, der in der Nachbarschaft aufgenommen worden war. Und der wagte es. Er durfte das Fuhrwerk eines Gasthofbesitzers nehmen und fuhr tatsächlich mit Oma Elfriede durch die Kälte nach Marienberg zum Krankenhaus. Beide holten meine junge Mutti mit mir Winzling, warm in eine Decke eingewickelt, ab. Unendlich kam den beiden Frauen das Geholper mit der alten Pferdekutsche vor, doch dann sahen sie von Weitem dankbar das Haus, indem man eine Zuflucht gefunden hatte. Nun ging es nur noch ein steiles Stück des Weges bergab: Plötzlich kippte der Wagen. Die Deichsel war gebrochen. Die beiden Frauen schrien, doch der Wagen fiel nicht ganz um. So konnten sie mit Hilfe des alten Mannes vorsichtig auf festen Boden klettern. Mutti hatte mich fest im Arm, und nach kurzer Zeit erreichten die beiden – wir drei – das Haus. Oma hatte Mutti gut gestützt und dann gab es eine Begrüßung, von der mir Mutti noch manches Mal gerührt erzählte. Ich sei ja so bewundert worden und von Arm zu Arm gewandert. Man soll mich geherzt und geküsst haben.

Oft fügte Mutti bei ihren Erzählungen hinzu: „Du warst damals mein Sonnenschein und bist es bis heute geblieben!“

Kann eine Mutter etwas Schöneres sagen?

Und einen Verehrer hatte ich dann sofort: Der kleine fünfjährige Friedrich. Er hätte mich geküsst und gestreichelt, mich im Haus rumgeschleppt, um mir die Welt zu zeigen. Sein Vater hatte ihm ein kleines Auto gebaut: eine Holzkiste auf vier Rädern und einer Deichsel, mit dem er eigentlich Spielsachen transportierte. Plötzlich habe Mutti gesehen, wie er mich hineinlegen wollte, was sie noch soeben voller Sorge um mich verhindern konnte. Ich war ja erst ein paar Tage alt.

Leider mussten wir drei wenige Wochen später das Haus in Niederlauterstein verlassen. Es war den Flüchtlingen nicht erlaubt, lange zu bleiben. Die Bürgermeister hatten das Recht, die Anzahl der Tage zu begrenzen, in denen die Heimatlosen bleiben durften. Friedrichs Mutter sei traurig gewesen, denn Mutti und Oma hatten ihr, so gut es ging, im Haushalt geholfen. Sie bat dann aber die beiden Frauen, möglichst am nächsten Morgen früh das Haus zu verlassen, damit Friedrich das nicht miterleben müsse.

Er hatte mich als kleine Schwester und Mutti und Oma bereits als Familienangehörige längst in sein Herz geschlossen und würde sicher so traurig sein, wenn er wieder allein zurückbleiben müsse. So sind wir drei bei Nacht und Nebel leise am frühen Morgen wieder ins Ungewisse. Wohin? Das wusste niemand. Als ich von 2014-2017 im Erzgebirge wohnte, ging ich auf die Suche nach dem inzwischen sicher über 75-jährigen Friedrich. Ob er noch leben würde? Ich unterließ nichts, das Haus zu finden, in dem meine allererste Wohnung nach dem Krankenhaus Marienberg war. Niederlauterstein! Der Straßenname existierte nicht mehr. Mein Navi konnte nicht helfen. Dann rief ich in der Stadtverwaltung Marienberg an, erklärte mein Anliegen einer netten Dame. Wenigstens konnte ich ihr sagen, dass es sich um eine Familie Schönherr gehandelt habe – und siehe da: im Büro saß zufällig eine alte Dame aus Niederlauterstein, die sagen konnte, wie die Adresse von damals heute lautete: Ganz einfach: Postweg. Mein Herz klopfte vor Freude! Ich stieg in mein Auto und siehe da, mein Navi war jetzt einverstanden: Postweg 19 gab ich ein. Die Hausnummer wusste ich von Muttis Aufzeichnungen. Sie war geblieben.

Und dann sah ich das alte, aber gepflegte Haus am Berg mit einer 19 über der Tür – im typisch erzgebirgischen Baustil. Und ich hatte ein Foto, wo meine Mutter mit mir auf dem Arm 1945 auf dem Balkon stand. Genau das war der Balkon, den ich da sah! Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich klingelte. Ein alter Mann mit Strickmützchen schaute aus dem Fenster.

Ich muss noch etwas erklären: Mit mir im Haus lebte eine Dame, die aus diesem Dorf stammte und einen Friedrich Sch. kannte. So hatte ich sie mitgenommen, was sie sehr froh machte. Und als nun dieser alte Mann aus dem Fenster schaute, mich fragend ansah, rief sie ihm in Befehlston zu: „Los! Komm mal runter, Friedrich, hier will Dich jemand wiedersehen!“ Er schüttelte mit dem Kopf, er kenne mich doch nicht. „Los, komm runter!“, rief sie, und er entschuldigte sich, er hätte soeben eine Hüftoperation überstanden und brauche Zeit, die Treppe herunterzusteigen. Doch dann kam er, reichte meiner Begleiterin zur Begrüßung die Hand und schaute mich an: „Sie kenne ich nicht!“

Frau M. stupste mich an. Sie konnte es gar nicht erwarten, was nun geschehen würde. Ich fragte ihn, ob seine Mama Lina geheißen habe. Ja! Ob er so etwa knapp 80 sei. Ja! Ob er sich erinnern könne, dass bei Kriegsende zwei aus ihrer Heimat vertriebene Frauen mit Baby ein paar Monate im Hause mitgelebt hätten! Ja! Und gleich sagte er: „Ja, das waren Vertriebene, die leider wieder wegmussten. Meine Mama hat ab und zu von ihnen erzählt, auch von der netten jungen Frau, die ein Kind bekommen hatte!“

Die schon über 80-jährige Frau M. platzte fast vor Glück und schrie ihn regelrecht an: „Nu nimm die Frau mal in den Arm. Die ist doch das Baby gewesen!“ Er schüttelte mit dem Kopf und ich sah seine Augen feucht werden. Meine auch! Und er nahm mich in den Arm und sagte: „Nein! Sie waren das kleine Püppchen?“

Ja, wir lachten dann alle drei und nun umarmte er mich noch mal, als hätte er etwas längst Verlorenes wiedergefunden, das er nun festhalten müsste.

Oh, wie viel hatten wir uns dann zu erzählen. Friedrich wusste noch einiges von seiner leider längst verstorbenen Mama Lina. Er selbst konnte sich an Mutti und Oma nicht erinnern, aber an das kleine Püppchen, das er damals nicht mehr hergeben wollte. Er fragte, was ich denn nun im Erzgebirge wolle. Ich habe ihm gesagt, dass es mir so am Herzen läge, die vielen Orte zu besuchen, die meine Mutter dann in einem halben Jahr noch zu Fuß mit Oma und mir – immer auf der Suche nach dem Rückweg in die Heimat – als Hölle – erlebt hatte. Vor allem interessiere mich nun auch der Ort, wo ich im Sommer 1945 getauft worden sei (was ich später beschreibe). Ich schenkte ihm zum Abschied mein Buch ‚Das erfüllte Versprechen‘ das er mit spürbarem Stolz entgegennahm, denn auch Friedrich ist darin beschrieben.

Nun mache ich wieder den Sprung zurück ins Jahr 1945, wo Oma und Mutti wieder zurück auf die Landstraße und Friedrich mit seinen guten Eltern verlassen mussten. Sie war so traurig, die nette Familie, doch andererseits bestätigte mir meine Mutter später, hätten Oma und sie doch große Hoffnung gehabt, nun endlich den Weg in die Heimat antreten zu können.

Sie ahnten noch nichts von der Oder-Neiße-Grenze, die sie bereits endgültig von der Heimat getrennt hatte.

Mit einem auf dem Müllplatz gefundenen Zwillingswagen mit drei Rädern zogen Mutti und Oma nun mit mir durch das Erzgebirge weiter. Da, wo das vierte Rad fehlte, hatte Oma ein Seil um die Achse gebunden. Sie zog den Wagen, Mutti hinkte mit ihrem gebrochenen Bein schiebend hinterher. Sie übernachteten in Pferdeställen und wurden teilweise sogar von herzlosen Bauern im Erzgebirge davongejagt. Ab und zu habe man die Hunde auf sie gehetzt, wenn Oma um eine Schlafstelle oder eine Kleinigkeit zu essen bat. Wenn Mutti mir etwas vom Erzgebirge erzählte, war das meistens nicht sehr nett. Lediglich diese Familie im Postweg 9 erwähnte sie mit großer Dankbarkeit.

Ich soll munter in die Welt gesehen und mich an den Bäumen erfreut haben, die sich über mir bewegten. Mutti konnte mich trotz ihres furchtbaren Hungers stillen, wusch meine Windeln in Bächen und trocknete sie an einem Seil, das sie um den Wagen gespannt hatte. Sie nannte mich nur ‚Sonnenschein‘ in einer Welt, in der die Sonne nur noch am Himmel schien. In den Herzen der meisten Menschen suchte man sie vergebens. Die Erlebnisse während der vielen Kilometer, die Elfriede und Ina mit mir auf der Suche nach der Heimat meistens zu Fuß bewältigen mussten, beschreibe ich in „Das erfüllte Versprechen“ und in der bebilderten Neuauflage in ‚Eine Heimat ist noch kein Zuhause‘.

3.1947 – Familienleben in der fremden Heimat

In diesem Buch beschreibe ich, wie Mutti und Oma mit mir endlich meinen Großvater wiederfanden und wir drei erst mal eine kurze Zeit in Luckenwalde (im Brandenburger Land) zur Ruhe kommen konnten. Das Rote Kreuz half vielen Menschen, die sich durch den unseligen Krieg verloren hatten, wieder zueinanderzufinden. Und so gelang es dann tatsächlich auch meinen Eltern, sich wiederzufinden.

Mutti verließ zu diesem Zweck, doch schweren Herzens, ihre lieben Eltern. Oma blieb bei Opa in Luckenwalde, wo sie noch etwa zehn Jahre lebten, bevor sie aufgrund Opas schwerer Herzerkrankung zu meinen Eltern nach Westfalen übersiedeln durften.

Mutti war (wie Millionen Flüchtlinge und Vertriebene) nach der Vertreibung völlig verarmt. Genaues von ihrem Weg nach Krombach erzählte sie mir nie. Nur eins bleibt mir unvergessen.

Sie besaß einen alten Koffer, den Opa ihr mitgegeben hatte. Alles, was sie noch an Wäsche, Garderobe oder auch Babysachen hatte, befand sich in diesem Koffer. Ein wenig Geld und Essbares hatte ihr Oma mitgegeben, was sie in einer kleinen Handtasche bewachte. Mich kleines Mädchen trug sie auf dem Arm, denn den hässlichen Zwillingswagen wollte und konnte sie nicht im Zug transportieren. Sie musste mehrfach umsteigen und schleppte tapfer Kind und Koffer. Sie war von der Vertreibung und allem Furchtbaren, das sie erlebt hatte, nicht zuletzt auch durch meine Geburt und ihren komplizierten Beinbruch oft der Erschöpfung nahe. Ein junger Mann hatte das erkannt und bot ihr Hilfe an. Ob er mich tragen dürfe. Nein, das wollte sie auf keinen Fall. Aber den Koffer zu tragen, das Angebot nahm Mutti gern an. Er griff nach ihrer Handtasche. Die hielt sie fest, aber dann verschwand der Kerl mit ihrem Koffer in der Menge. Sie war verzweifelt, doch war froh, mich und die Handtasche festgehalten zu haben.

Und nun stieg sie irgendwann völlig erschöpft in Kreuztal, Kreis Siegen, aus dem Zug. Mein Vater hielt Ausschau, wie er mir später einmal erzählte. Da sei eine ganz armselige Person, unterernährt, mit grauen Haaren und einem Kleinkind auf dem Arm ausgestiegen. Sonst niemand mit Kind. Nein, habe er gedacht, das ist nicht meine Ina, die ich geheiratet habe. Wo ist die bildschöne Frau mit den schwarzen Locken, dem lustigen Lachen und der geschmackvollen Kleidung?

Mutti erkannte ihn sofort. Mir hatte sie mehrfach ein Foto von Papa vorgehalten und gefragt: „Wer ist das?“

Und ich soll freudig gesagt haben: „Papa!“

Doch jetzt! Keine Freude! Im Gegenteil. Als Erich uns beide in den Arm nehmen wollte, muss ich fürchterlich gebrüllt haben. Kannte ich doch außer meinem Opa mit Hut und Brille, die ich ihm beim Zeitunglesen immer wieder vom Gesicht gemopst habe, keinen Mann näher. Und so wurde es ein trauriges Wiedersehen! Und ich brachte zunächst nur Probleme, nicht das erhoffte Glück, das junge Eltern empfinden.

Mein Vater hatte eine winzige Wohnung (winzige Küche und winziges Schlafzimmer) mieten können. Ein altes Bett mit Kissen und Zudecke sowie ein alter wurmstichiger wackliger Schlafzimmer-Schrank und eine uralte, zerschlissene Couch standen im Zimmer. In der winzigen Küche gab es einen ausgedienten defekten Kühlschrank, einen Tisch, zwei Stühle und einen Kohleherd, der furchtbar qualmte! So begann das bescheidene Glück nach der Zusammenführung dreier Menschen, die Furchtbares erlebt hatten.

Für mich ist es unglaublich, was diese beiden so gebeutelten Menschen, meine Eltern, schafften. Sie waren in der Fremde! Heimatlos! Arm wie Kirchenmäuse. Ich höre immer noch Mutti sagen: „Kein Löffel gehörte uns mehr!“ Hinzu kam, dass in diesem kleinen Ort im Siegerland Flüchtlinge und Vertriebene ungewollt waren! Kein Geld! Schwere gesundheitliche Probleme! Sie besaßen nichts mehr. Kein Renommee für einen feinen Ort, an dem der Krieg fast vorbeigelauen war. Wir aber hatten uns! Und wenn Mutti später oft sagte: „Uns gehörte nicht mal ein Löffel, aber wir hatten uns!“, dann wusste ich, was sie meinte und welchen Wert Menschen für sie immer hatte. Für diese mir immer wieder vorgelebte Menschlichkeit liebe ich sie noch heute – über ihren Tod hinaus.

In der winzigen Küche hielt ich kleines Ding mich voller Angst am Bein meiner einzigen Vertrauten fest und begann zu weinen, sobald Papa mich ansprach. „Und Du bist also mein Töchterchen“, sagte er zu mir, „wie heißt Du denn?“

Ich trug einen viel zu großen dunkelblauen, von einer Frau in Luckenwalde geschenkten Mantel, dazu eine von Oma selbst gestrickte rote Wollmütze, unter der zwei blonde Zöpfchen hervorschauten – und gab keine Antwort. Dafür sagte Mutti liebevoll: „Sag dem Papa, dass Du Birgit heißt – Birgit-Christine!“

Aber ich schüttelte trotzig den Kopf und weinte immer lauter. Ich lehnte jegliche Berührung von diesem fremden Mann ab. Und wenn er sagte: „Mein Töchterchen, komm doch mal zu mir!“, rief ich weinend: „Weg, weg!“ Mehr hatte ich nicht für ihn übrig.

Ina versuchte, die Lage zu retten und sagte leise und beruhigend zu ihm: „Sie muss erst einmal ausschlafen, dann wird sie Dich schon liebgewinnen. Wir sind beide übermüdet!“

Aber jetzt änderte ich mein Verhalten zunächst nicht. Sobald der Vater die Wohnung betrat, weinte ich und klammerte mich an die Mutter oder kroch unter den wackeligen Küchentisch.

Ina war völlig hilflos und verzweifelt. Durch die schlimmen Erlebnisse während der Vertreibung lagen die Nerven ohnehin blank. Mit einem solchen Problem hatte sie nicht im Traum gerechnet. Und nach Tagen überlegte sie, ob sie nicht mit mir zurück zu den Eltern in die Ostzone gehen sollte. Doch woher das Fahrgeld nehmen?

Auch ihr erträumtes Eheleben gestaltete sich neben den täglichen Sorgen, dem Mangel an Geld und Lebensmitteln, besonders durch mein Verhalten, immer schwieriger.

4.Wundermittel Honig

Papa war ebenfalls ratlos und unendlich traurig. Was war wohl der Grund, dass seine Tochter ihn ablehnte? Vielleicht ein anderer Mann in der Zeit, als er seine Frau aus den Augen verloren hatte? Nein, das konnte ja nicht sein nach allem Unglück und aller Tragik, die sie erlebt hatten und ihm mühsam erzählte. Er suchte verzweifelt nach einer Erklärung und auch Lösung des Problems, das ihn so fertigmachte. Denn auch er verkraftete nur mühsam seine furchtbaren Kriegserlebnisse und Qualen der Verletzungen.

Und dann kam er eines Tages früher als sonst heim. Er hatte für besonders gute Arbeit von seinem netten Chef (für mich war es später der Onkel Ferdl, ein Maler und Künstler, aber auch nach dem Krieg mangels Aufträgen „nur noch“ Anstreicher und Tapezierer) ein Glas Honig geschenkt bekommen, gleich nach dem Krieg eine Rarität.

Mutti erschrak, als er entschlossen zu mir ins Schlafzimmer kam, wo ich auf der zerschlissenen Couch in eine Decke eingepackt schlafen sollte. Sofort rief ich nach Mama, weinte und jammerte. Papa nahm mir den Schnuller (genannt Nutta) aus dem Mund, bestrich ihn mit köstlichem Honig und steckte ihn mir furchtbar jammernden Person wieder zurück. Er hoffte auf meine Leidenschaft in Bezug auf Süßes. Volltreffer! Die cremig-süße Masse verfehlte ihre Wirkung nicht. Prompt lutschte ich, schmatzte vergnügt, nahm den Schnuller heraus, und während ich ihn dem eigentlich fremden Mann hinhielt, soll ich freudig gerufen haben: „Da Papa, mehr!“ Aber er ließ sich nicht erpressen, sondern verlangte, dass ich erst auf seinen Arm käme.

Für Honig tue ich alles … fast!!

Mutti, die das später manchmal erzählte, hatte die Aktion heimlich von der Tür aus beobachtet. Dann seien ihr die Tränen der Erleichterung übers Gesicht gelaufen. Sie sei leise in die Küche zurückgegangen und habe die Hände gefaltet: „Lieber Gott, ich danke Dir! Nun wird alles gut.“

Endlich konnte sie sich auch an der Liebe ihres Mannes zu der kleinen Tochter erfreuen. Mein Papa genoss jede Stunde, die er nun mit der Familie verbringen konnte, auch wenn es wegen der vielen Arbeit nur wenige waren. Es galt, ein neues Heim und die Zukunft der Familie zu sichern. Was wir besaßen, war bestenfalls geschenkt, meistens aber geliehen. Ein langer Kampf ums Überleben wartete…

Ina spürte, wie ihre Kräfte wiederkehrten. Die Freude des Vaters über seine Tochter war unbezahlbar für sie. Um jeden Preis wollte sie eine glückliche Familie. Und heute war ein großer Schritt dazu gelungen: Ich akzeptierte meinen Papi – und wie!! Abends hätte ich am Küchenfenster auf dem Stuhl gestanden und wenn Papa mit dem Fahrrad oder später mit dem Motorrad kam, soll ich freudig gerufen haben: „Papa tommt, Papa tommt!“

Der Krieg hatte unserer Familie Furchtbares angetan, doch er hatte den Kampf gegen meine starken Eltern verloren …

5.Großeltern väterlicherseits: Tuttlingen

Mutti erklärte mir später, als ich es verstand, dass mein Vater Erich 1919 als uneheliches Kind eines französischen Soldaten, der in Schlesien arbeiten musste, zur Welt gekommen sei. Meine Oma Anna Franke war ‚in Stellung‘, wie man das damals nannte. Das heißt, sie war bei Adeligen zum Silberputzen und niedere Arbeiten angestellt. Ein Kind passte nicht in ihre Welt, und so musste der arme, kleine Erich sofort in ein Kinderheim, wo es außer eisiger Strenge und Schläge keine Liebe gab.

Omas Bruder, den ich sehr gern hatte, weil er mit mir immer Spaß machte, mein längst verstorbener Onkel Gustav Franke, erzählte mir manchmal, wie er seinen kleinen Neffen sonntags aus dem Heim geholt und bemerkt habe, wie streng man mit den Kindern dort umgegangen war. Wenn seine liebe Frau den kleinen Erich aufforderte, selbst gebackene Plätzchen vom Teller zu naschen, habe er die Händchen hinter dem Rücken belassen und mit dem Kopf geschüttelt: „Nein, Erich darf das nicht!“

Irgendwann lernte Oma Anna dann ihren Hermann Klose kennen und lieben. Die beiden heirateten und mein Opa Hermann adoptierte den kleinen Erich. Nun hatte er einen wunderbaren Stiefvater, den auch ich sehr liebte. Die beiden bekamen dann noch zwei Töchter, meine Tante Martel (Patentante) und Tante Kätel.

Opa Hermann war so lustig, machte mit mir auch viel Spaß, starb aber leider sehr früh an Speiseröhrenkrebs. Er hatte beruflich Autos lackiert und sicher die giftigen Farben zu intensiv eingeatmet. Allerdings sagte er dem Alkohol auch gerne zu.

Die Eltern meines Vaters, also Oma Anna und Opa Hermann, lebten nach dem Krieg in Tuttlingen. Als kleines Mädel durfte ich alleine mit dem Zug von Siegen nach Tuttlingen fahren. Es gab zu der Zeit ein Abteil nur für den Schaffner. Dort setzte dieser die allein reisenden Kinder hinein. Man hatte ein Schild um den Hals: ‚Ich fahre von Siegen nach Tuttlingen‘.

Wenn er seine Arbeit im Zug erledigen musste, wurden wir kleinen Gäste eingeschlossen. Oh wie freute ich mich auf Oma und Opa. Vor allem war da meine ein Jahr jüngere Cousine Maria (die ich später Manja nannte), die liebte ich wie eine Schwester. Kein Wunder, dass meine Eltern sie sogar adoptieren wollten, denn ihr Zuhause war nicht da beste. Schade, dass Tante Martel es nicht erlaubte. Es hätte uns beiden sicher gutgetan, geborgen in meinem Elternhaus wie n Geschwisterpaar aufzuwachsen. Sehr früh ließ sich Tante Martel von Marias Papa, meinem lieben Onkel Otto, scheiden und so hatte Maria nur noch ihre Mutter, die in München als Schauspielerin tätig war und wenig Zeit für ihr Kind hatte und oft fremde Männer mitbrachte. Was meine Eltern leider zu spät erfuhren …

Wir verstanden uns prima, spielten am Tag in der Donau, die bei Tuttlingen ‚verschwindet‘ und am Abend hatten wir eine Taschenlampe und Maria las mir etwas Schönes unter der Bettdecke vor. Das Lesen war ihre Leidenschaft. Wenn uns Oma erwischte, bekam ich (die ein Jahr ältere) ein paar Schläge mit dem Kochlöffel auf den Po.

Mich hatte sie anfangs recht gern, doch als Opa Hermann einmal angetrunken nach Hause kam und sie den Deckel der Bratpfanne hochhob, um Opa zu schlagen, war es aus mit der Liebe. Ich ging dazwischen und verhinderte, dass mein lieber Opa einen Schlag abbekam. Opa liebte mich nun erst recht – doch Oma war nie mehr so nett zu mir …

Sie zog nach Opas frühem Tod in die Nähe der Tochter Kätel ins Siegerland. Auch wir hatten dadurch vielmehr Kontakt zu ihr, doch der war meistens schwierig. Als Kind verstand ich nicht, warum. Als Oma starb, war mein Vater wegen eines schweren Kreislaufkollapses im Krankenhaus. Er bat mich, Tante Kätels Mann, meinen Onkel Jost-Heinrich (der Papa von meinem kleinen Cousin Franki) bei all den Aufgaben, die eine Beisetzung mit sich bringen, zu unterstützen. Das tat ich, denn wir beide verstanden uns prima. Er war für mich das, was man einen ‚Onkel‘ nennt. Ich erinnere mich noch daran, wie ich eine Torte für Mutti ins Wohnzimmer tragen sollte – Onkel Jost machte oft Blödsinn, ich musste lachen und die Torte fiel aufs Gesicht … Oma war in Dahlbruch in einer Halle aufgebahrt und ich wollte sie unbedingt noch einmal sehen. Onkel Jost riet mir ab. Sie war an Leberzirrhose gestorben und sehe unnatürlich braun aus. Doch, ich wollte ihr noch einmal ein Küsschen geben, denn sie hatte im Krankenhaus zu mir gesagt: „Du warst mir immer die Liebste!“ Das hatte mich zu Tränen gerührt. Onkel Jost öffnete die Tür, ich trat zum Sarg und erschrak fürchterlich. Das war nicht mehr meine Oma.

Sie war dunkelbraun und ich weinte erschüttert. Onkel Jost nahm mich sofort in den Arm und führte mich hinaus. Er hatte mich gewarnt. Manchmal fragte ich ihn, warum er so selten mit Tante Kätel und Franki zu seinen lieben Eltern fährt, die ich so gernhatte: Meine Tante Ida und mein Onkel Otto – da kommt später noch einiges an Erzählungen. Doch das wollte er nicht beantworten. Wie schade!

Erich und seine beiden Schwestern Kätel und Martel wuchsen in Liegnitz (Niederschlesien) in der Bölkow-Straße (?) auf. Sie müssen sich als Kinder so geliebt haben. Wenn Papa als junger Soldat aus dem Krieg kam und mit seinem Motorrad mit Beiwagen ein paar Tage Urlaub bei seinen Eltern verbrachte, bettelte seine zehn Jahre jüngere Schwester Kätel immer um eine kleine Ausfahrt. Sie hüpfte in den Beiwagen und war überglücklich. Papa erzählte mir davon, und dass er sie mit einer Plane abgedeckt habe, denn es sei ihm bei Strafe verboten gewesen, mit einer Militärmaschine Privates zu transportieren. Leider hat die geschwisterliche Liebe nur bis zum Erwachsenenalter bestanden. Wie sehr sehnte ich mich nach einer großen Familie, nach Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen. Selten gab es ein Treffen.

Meine Cousine Maria und meinen zweiten Sohn von Tante Kätel und Onkel Jost, Cousin Holger, sah ich selten. Von ihren Kindern weiß ich wenig. Meine Versuche, familiäre Harmonie herzustellen, scheiterten. Was soll man da machen? Ich bin dankbar, nun ab und zu etwas von meinem Cousin Frank zu hören, den ich als Kind so liebte und glücklich im hölzernen Puppenwagen spazieren fuhr.

6.1949 – Ein musikalisches Kind

Bereits als kleines Mädel mit lustigen blonden Zöpfen und roten Haarschleifen trällerte ich munter, oft nach Meinung der Erwachsenen, viel zu laut, wann immer es mir in den Sinn kam. Ganz besonders am Abend beim Gang durch einen dunklen Stall, durch den ich musste, wenn ich mal musste. Es standen zwei Ziegen im Stall, angebunden, meckernd und neugierig schauend, was die Zweibeiner wohl hinter der alten Holztür machten, wo sie für kurze Zeit verschwanden.

Ich hatte Angst vor der Dunkelheit, dem Stall, den Mäusen und hoffte, durch lauten Gesang meiner Angst Paroli zu bieten. Die kleine Stalllaterne war einfach zu winzig, um den Gang zur Toilette auszuleuchten. Im Gegenteil – es sah dadurch alles noch viel gespenstischer und unheimlicher aus, und die Mäuse huschten durchs Stroh und überall gab es unheimliche Schatten. Um zu verhindern, dass alle Mitbewohner durch meinen Gesang auf mich aufmerksam wurden, kam Mutti oft mit und wartete geduldig im Ziegenstall, bis ich fertig war. Irgendwann hatte Papas Freund, der kinderliebe Onkel Günther, mir beigebracht, wie man als kleines Mädchen pfeift. Es klappte … Papa fand das gar nicht gut und drohte: „Die Mädel, die pfeifen, die Hähne, die kräh’n, den soll man beizeiten die Hälse rumdrehen!“ Aber ich fand es prima, die Lippen zu spitzen und – wenn auch wenig melodisch – einen quietschenden Pfeifton herauszubringen. Besonders gern, wenn ich des Abends in den Stall musste, weil ich ja auch bei Dunkelheit immer wieder mal musste. Wie bereits oben beschrieben, beschwor ich dadurch meine Angst vor Mäusen, Spinnen und überhaupt vor der Dunkelheit. Und selbst die Ziegen schauten erstaunt, verdrehten sich die Köpfe nach mir und vergaßen zu meckern. Solche Töne waren sie von mir nicht gewöhnt. Singen ja, aber pfeifen? Mäuse huschten durch das Stroh, weil sie sich vor mir fürchteten. Mutti ermahnte mich mit „Pst“ und verschloss mit ihrem Zeigefinger den Mund als Warnung für mich. Und Papa, der meine Angst kannte und mich auch ab und zu am Abend durch den Stall begleitete, sagte, sobald ich das Pfeifen begann: „Pst, jetzt bin ich ja bei Dir, da brauchst Du nicht pfeifen! Du bist doch kein Junge!“

Natürlich war ich kein Junge. Doch warum dürfen Jungens auf der Straße pfeifen … und ich nicht?

In der Wohnung durfte ich singen, sooft ich wollte (aber nie pfeifen!) Aber auch wieder nur piano, denn die Nachbarn sollten nicht gestört werden. Am schönsten war es, wenn Mutti mit ihrer wunderbaren Sopran-Stimme mich begleitete – oder sagen wir, umgekehrt, ich sie! Ich erinnere mich, dass sie von klein auf an meinem Kinderbett Lieder zum Einschlafen sang. Von den vielen Sternchen, vom Mond, von den Schäfchen, die ich aber vergebens da oben suchte. Geschichten brauchte sie mir nicht zu erzählen; die erfand ich schon als Kleinkind selbst, zur Freude der Erwachsenen. Aber singen! Das machte mich so glücklich. Da ich auch im Kindergarten gern sang und man damals schönste Kinderlieder erlernte, wurden meine musikalische Mutti und ich so ein wunderbares Duett. Und Muttis beste Freundin, meine allerliebste Tante Ruth, die im Mozarteum in Salzburg Musik studiert hatte, sagte einmal zu Mutti: „Wenn die Kleine so weitersingt, wird sie eine Opernsängerin!“ Und gleich wollte ich Opernsängerin werden, begann mich für Operetten zu interessieren und dann als erstes für Nabucco! Ich konnte nicht aufhören, den Gefangenenchor zu hören und sang kräftig mit. Ich lernte Verdi kennen: genau mein Geschmack. La Traviata war meine erste Oper von ihm, die ich von vorn bis hinten textsicher sang. Doch das Geld fehlte leider für ein Musikstudium. Schade!

Aber nun zurück zu der kleinen Sängerin Birgit-Christine: Unser Gesangsrepertoire wurde immer anspruchsvoller. Ich lernte mit Mutti Volkslieder (solche, wie sie heute noch der 80-jährige Heino singt; das Lied von der schwarzbraunen Haselnuss und der klappernden Mühle usw.). Und dann führte mich Mutti langsam in die Welt der Klassik ein. Vor allem liebte ich den Abendsegen aus der Oper Hänsel und Gretel. „Abends will ich schlafen geh’n …“, und Mutti drohte mir lachend, weil ich gern rumblödelte, was sie gar nicht mochte. Zum Beispiel sang ich: „Abends muss ich schlafen geh’n“… Denn das tat ich gar nicht gern, ich musste doch so viel spielen und meine bunte Fantasie musste ich doch ‚an den Mann‘ bringen. Und alles auf den nächsten Morgen zu verschieben, war fast nicht möglich, denn da wartete so viel Neues!

Als ich mit meiner kindlichen Stimme ‚fester im Sattel‘ saß, sang Mutti mit mir die zweite Stimme – und das klang so schön! Die alte Vermieterin Tante Lina, gab irgendwann zu, an unserer Tür immer stehen zu bleiben, wenn sie uns singen höre. Ab und zu bat sie uns, den Abendsegen für sie zu singen. Zur Belohnung brachte sie uns manchmal Äpfel vom herrlichen Apfelbaum hinter dem Haus oder etwas Gebäck oder Kuchen, selbst gebacken, aus ihrem alten Backofen. Oh ja, das war damals etwas ganz Besonderes, zumal es so wenig zu essen gab.

Mutti arbeitete oft an ihrer Singer-Nähmaschine, die Frau Schreiber ihr geschenkt hatte. Sie brauche keine Nähmaschine mehr, hatte sie erklärt, als Mutti verlegen und bescheiden, äußerst dankbar, auf das Geschenk reagierte. Tante Lina wusste, wie arm meine Eltern waren und dass Mutti unsere Garderobe selbst nähen musste. Ich erinnere mich an einen warmen, karierten Mantel, den sie aus altem Vorhangstoff zauberte. Der war mal Tante Linas Übergardine!

Und eines Tages entdeckte Mutti bei einem Einkaufsbummel durch Siegen ein Modemagazin mit Schnittmustern von einer Aenne Burda.

Aenne Burda führte den Burda-Verlag zu großem Erfolg im In- und Ausland, da sie seit 1949 Mode für Frauen in den Nachkriegsjahren schuf. Durch meine Arbeit in einem großen Unternehmen in Frankfurt hatte ich später Kontakt zum Verlag Burda, nicht zuletzt durch unseren Geschäftsführer, der früher mit Aenne Burda gereist ist und mir einiges von dieser geschäftstüchtigen Frau erzählte. Sie ist 2005 im Alter von 96 Jahren gestorben.

Meine Mutter kaufte das Modemagazin, wo sie auch Kleider für Kinder fand, und ich durfte mir etwas Hübsches aussuchen. Durch die Zuschneidepläne konnte man nach einiger Arbeit mit einem Kopierrädchen ein Schnittmuster herausfinden.

Ich erkläre mal laienhaft, wie ich das als Kind sah: Der Burda-Schnittmusterbogen war ein zartes, weißes Blatt Papier mit viel undefinierbarem Gekritzel. Wenn man sich für ein Kleid entschieden hatte, waren bestimmte Zeichen vorgegeben, denen man zu folgen hatte: Punkte oder Kreuzchen oder irgendwelche Figuren, die mit dem Kopierrädchen verfolgt und durchgeradelt wurden.

Manchmal durfte ich Detektivarbeit leisten und aus dem Durcheinander der Striche immer die suchen, die mit demselben Zeichen ausgestattet waren. Mutti ‚rädelte‘ dann kräftig über diese von mir mit dem Fingerchen aufgezeigten Linien, die dann so auf dem darunterliegenden Papierbogen abgedruckt wurden. Und das durfte ich dann mit einer Schere vorsichtig ausschneiden.

Mutti legte die ausgeschnittenen Papierbögen gewissenhaft auf den schönen Stoff und schnitt die Einzelteile vorsichtig aus. Und wenn sie dann gekonnt alle Teile mit einem Reihfaden richtig zusammengeheftet hatte, sah man schon, was es mal werden würde. Ich durfte es dann ganz vorsichtig überziehen und Mutti schaute, ob die Teile passend waren – wenn nicht, wurde nachgebessert. Dann begann die wichtigste Arbeit, das Fertigstellen mit der Nähmaschine. Ich war immer sehr ungeduldig, aber total stolz, wenn ich dann irgendwann das neue Kleid anziehen durfte und mein Vater anerkennend die Augenbrauen hochzog und leise durch die Zähne pfiff.

So war das nach dem Krieg. Die Menschen hatten wenig Geld und mussten in vielen Dingen erfinderisch sein. Und wenn meine Mutter wieder an der Nähmaschine saß (meistens im Winter, wenn es draußen schneite und in unserem Herd die im Backofen vorher getrockneten Tannenzapfen knackten), hockte ich auf der braunen Ritsche (Fußbank) von Onkel Otto, dem Stellmachermeister, und verarbeitete Muttis mir großzügig überlassenen Stoffrest für meine Puppenkinder. Und das waren ganz besondere, das muss ich mal erzählen: Es gab damals beim Einkaufen, wenn ich sehr brav gewesen war, eine Leckerei, die ich über alles liebte: ein Waffelhörnchen für zehn Pfennig! Es war mit einer schaumähnlichen, klebrigen Masse gefüllt, die mir himmlisch schmeckte, zumal sie ein für mich ganz wichtiges Innenleben hatte: Wenn man ganz vorsichtig die Masse aus dem Hörnchen schleckte, fand sich ein etwa drei Zentimeter großes (kleines) Püppchen, braun oder weiß. Ich liebte die braunen, die man damals noch problemlos Negerpüppchen nennen durfte. Sie waren natürlich in ihrer Winzigkeit nackt. Und ich nutzte kleine Stoffreste von Mutters Näharbeit, um dem nackerten Kindel einen winzigen Umhang oder einen noch winzigeren Rock zu nähen. Es waren nur wenige klitzekleine Stiche nötig, die mir Mutti geduldig gezeigt hatte.

Und wenn es bei unserer Hausfrauenarbeit mal nichts zu erzählen gab, sangen wir halt. Mutti war sehr textsicher, und wenn wir das Lied ein paarmal gesungen hatten, konnte auch ich Vier- oder Fünfjährige den Text.

Besonders freute ich mich, wenn mein Vater früher von der Arbeit heimkam. Er hatte im furchtbaren Krieg viele schwere Verletzungen erlitten, die ihm oft sehr zu schaffen machten.

Ich erinnere mich, dass er oft im Krankenhaus bleiben und längere Zeit operiert und behandelt werden musste. Da holte der Arzt ihm immer wieder irgendetwas aus dem Körper, das da nicht reingehörte, aber der Krieg ihm mitgegeben hatte. Irgendwelche Splitter – sagte mir Mutti. Und die müssten raus, damit Papa nicht schwer krank würde. Oh, wie war ich da immer in Sorge um ihn. Und Mutti natürlich auch, denn sie fuhr ihn bei Wind und Wetter täglich mit dem Fahrrad im 15 km entfernten Krankenhaus besuchen, um ihm von der lieben Tante Lina Schreiber Ziegenmilch zu bringen. Die sollte ihm nach schweren Operationen und dem großen Blutverlust wieder neue Kraft verleihen. Bei schönem Wetter nahm Mutti mich mit. Ach, wie freute ich mich, wenn Papa im Bett lag und strahlte, dass ich mitkam. Er zog mich zu sich auf die Bettdecke, und ich ließ seine Hand nicht mehr los, was ihn und mich so glücklich machte.

Es war schon eine große Leistung für mich kleines Mädchen, so ruhig auf dem Gepäckträger zu sitzen. Oft tat mir mein Popo so weh, wenn wir angekommen waren und ich von ihr vom Rad gehoben wurde. Doch das tat ich für Papa! Beim Fahren krallte ich mich an Muttis Rock fest und selbst da sang ich vor mich hin. Ich nahm das holprige Fahrradfahren gern auf mich, denn ich wollte unbedingt bei Papa am Bett sitzen und ihm sagen, wie lieb ich ihn hatte. Manchmal machte er Spaß mit mir und hielt seinen Arm hin: „Fass mal über diesen Knubbel!“ Ich erschrak. Was war das denn? „Tut das weh?“, fragte ich dann. Er lachte und sagte: „Nein, das habe ich aus dem Krieg mitgebracht.“

Überall, sogar im Kopf, hatte er Granatsplitter – die zum Teil sogar bis an sein Lebensende noch spürbar waren und angeblich nicht entfernt werden konnten, weil die OP zu aufwendig oder auch gefährlich gewesen wäre.

Wenn er endlich aus der Klinik zurück war, musste er oft noch eine Weile im Bett liegen. Dann freute er sich, wenn Mutti und ich ihm etwas Schönes vorsangen.

Manchmal saß er dann auf der alten Couch mit einer Decke um die Beine und hörte uns mit geschlossenen Augen zu. Auch wenn er später wieder gesund war und müde von der Wochenarbeit am Sonntag entspannt auf der Couch saß und eine Zigarette rauchte, freute er sich, wenn ich sang. Dann lächelte er mich an und ich spürte: Er hat mich ja so lieb.

7.1949 - Kindergartenzeit

Oh, ich liebte die Zeit im Kindergarten! Endlich hatte ich ganz viele ‚Geschwister‘! Mit denen konnte ich spielen, zanken, Frühstücks-Brote tauschen, schaukeln, herumtoben! Besonders der kleine Wolfgang aus dem Nachbarhaus war ein mich faszinierender Rabauke!

Er tat nie etwas Schlimmes, oh nein! Aber er verstand es, die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder durch kleine Streiche und Albernheiten auf sich zu ziehen. Er klaute das Frühstücksbrot eines anderen Kindes, streckte Erwachsenen die Zunge heraus, was ich dann gleich freudig mit übernahm. Doch meine Eltern fanden das nicht so gut und verboten es mir sogar. Aber heimlich, heimlich machte ich das weiter! Herrlich! Aber leider pieselte Wolfgang auch ständig in die Hose. Und als er einmal sogar ein großes Geschäft machte, schimpfte unsere Erzieherin, Tante Helga, so sehr mit ihm, und das war weniger schön.

Zudem brachte ihm das den Schimpfnamen ‚Stinker‘ ein. Das wiederum tat mir so leid und prompt erklärte ich ihn zu meinem Freund, was er dankbar annahm.

Er hatte noch zwei kleine Geschwister, daher war seine Mama, die gütige Frau Burbach, immer sehr beschäftigt und freute sich, wenn ihr Ältester zum Kindergarten von mir pünktlich abgeholt wurde.

Beide hatten wir ein kleines, braunes Ledertäschchen umhängen. Eine Scheibe Brot mit Leberwurst hatte Wolfgang von seiner Mama, in Butterbrotpapier gewickelt, als zweites Frühstück im Kindergarten mitbekommen. Und ich freute mich auf meine Scheibe Brot mit selbst gemachter Marmelade von Tante Lina. Manchmal ließ ich meinen Freund sogar abbeißen, denn ein Tauschgeschäft mit Leberwurstbrot war mit mir nicht zu machen. Alles, nur keine Leberwurst!! Im Sommer lagen oft ein paar Apfelscheiben, mundgerecht geschnitten, im kleinen metallenen Brotkästchen, und die teilte ich mit meinem Freund; er hatte nur Leberwurstbrote!

Hand in Hand marschierten wir fast täglich zum Kindergarten. Das war immer so schön, denn Wolfgang war ein lustiger Fußballer. Da er keinen Ball hatte, wurde jeder Stein, der im Weg lag, in ein fiktives Tor geschossen. Es dauerte nicht lange, bis auch ich Gefallen daran fand und mitkickte. Mutti Ina wunderte sich, warum die grauen geschenkten Lederschuhe von Tante Liselotte, drei Nummern zu groß, in der Spitze mit Zeitungspapier versehen (und von mir nicht geliebt) so hässlich abgestoßen waren. Ich mochte die hässlichen Schuhe nicht und sah keinen Grund, mit ihnen pfleglich umzugehen. Damals verstand ich noch nicht, wie wichtig geschenkte Schuhe für mich waren. Meine Eltern konnten einfach keine neuen kaufen, wenn die kleinen Füßchen mal wieder so rasch gewachsen waren.

Und dann zeigte mir Wolfi, wie man auf unseren alten Apfelbaum im Garten klettert. Das machte aber Spaß! Ich konnte gleich mithalten, denn der Baum war nicht so hoch und hatte eine wunderschöne Gabelung, auf der man herrlich sitzen konnte. Der alte Onkel Karl Schreiber, dem der Baum gehörte, kam manchmal mit einem Reisigbesen und wollte die bösen Hühner auf dem Baum vertreiben. Er drohte uns mit dem Besen. Dann lachte er und rief nur: „Kinnercher, fallt mir ja net runner!“ Manchmal fing er mich sogar auf und schenkte mir einen Apfel, weil ich so ein mutiges Mädchen sei …