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Ein Mord ohne Tatwaffe – und ohne Motiv …? Als die zurückgezogen lebende Angela Hathall erdrosselt im Schlafzimmer des Bury Cottage aufgefunden wird, ist der Friede im idyllischen Kingsmarkham empfindlich gestört. Wer wollte der sanftmütigen Frau so ein brutales Ende bereiten? Inspector Wexford, der zu den Ermittlungen hinzugezogen wird, weiß, dass der Täter zumeist im unmittelbaren Umfeld des Opfers zu finden ist. Doch bis auf einen einzigen, nicht identifizierbaren Handabdruck lassen sich keine Spuren finden, die Rückschlüsse auf den Mörder zulassen. Je länger die Ermittlungen dauern, desto sicherer ist sich Wexford, dass der Gatte der Toten etwas verbirgt. Als Wexford schließlich von dem Fall abgezogen wird, beschließt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen … »Ruth Rendells psychologische und soziale Wahrnehmungen schlagen den Leser so in den Bann, dass er darüber leicht vergisst, wie kunstvoll sie ihre Geschichten konstruiert.« The Times Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Elly Griffiths und Martha Grimes – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. In Band 10 muss Inspector Wexford die Geheimnisse einer besonders verschwiegenen Toten lüften …
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2026
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eBook-Neuausgabe Februar 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1975 unter dem Originaltitel »Shake Hands for Ever« bei Hutchinson & Co. Ltd., London.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1975 by Ruth Rendell
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1997 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Frank Wagner, WeerasakBooth und AdobeStock/Autun
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-96898-364-6
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Ruth Rendell
Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 9
Aus dem Englischen von Ilse Bezzenberger
Meinen Tanten Jenny Waldorff, Laura Winfield, Margot Richards und Phyllis Ridgway in Liebe zugeneigt.
Die Frau, die in der Victoria Station unter der Tafel mit den Abfahrtszeiten stand, hatte einen platten, rechteckigen Körper und ein ebenso rechteckiges wie eisenhartes Gesicht. Ein ausgebeulter, hellbrauner Filzhut umschloß ihren Kopf wie eine Walnußschale, ihre Hände steckten in hellbraunen Baumwollhandschuhen, und zu ihren Füßen stand ein robuster, aber kaum benutzter Lederkoffer, den sie vor fünfundvierzig Jahren auf ihre Hochzeitsreise mitgenommen hatte. Ihre Augen suchten den vorbeihastenden Strom der Berufspendler ab, und ihr Mund wurde immer verkniffener, bis die Lippen einer haardünnen Spalte glichen.
Sie wartete auf ihren Sohn. Er hatte sich bereits eine Minute verspätet, und seine Unpünktlichkeit bereitete ihr wachsende Befriedigung. Sie war sich dieser heimlichen Freude kaum bewußt, und hätte man sie ihr vorgeworfen, so hätte sie sie abgestritten, genauso, wie sie abgestritten hätte, daß anderer Leute Fehlschläge und Versagen in ihr stets Vergnügen auslösten. Aber es war da, ein undefinierbares Wohlbehagen, das allerdings bei Roberts plötzlichem, hastigem Erscheinen ebenso rasch verschwand, wie es sich eingestellt hatte, und ihrer üblichen schlechten Laune Platz machte. Er war immerhin noch so pünktlich, daß jede Bemerkung über eine Verspätung absurd geklungen hätte. Also begnügte sie sich damit, seinen Lippen die ledrige Wange hinzuhalten und zu sagen:
»Da bist du also.«
»Hast du schon deine Fahrkarte?« fragte Robert Hathall.
Sie hatte sie nicht. Sie wußte, daß er während der drei Jahre seiner zweiten Ehe immer knapp bei Kasse gewesen war, aber das war schließlich seine eigene Schuld. Wenn sie ihren Anteil selbst zahlte, würde ihn das bloß noch bestärken.
»Du solltest lieber gehen und sie besorgen«, sagte sie, »oder willst du, daß wir den Zug verpassen?« Und sie preßte ihre festverschlossene Handtasche noch enger an sich.
Er brauchte sehr lange. Sie stellte fest, daß der Zug nach Eastbourne, der in Toxborough, Myringham und Kingsmarkham hielt, um sechs Uhr zwölf abfahren sollte, und jetzt war es fünf nach. Wenn sie auch nicht bewußt daran dachte, wie wunderbar es doch wäre, den Zug zu versäumen, so gestand sie sich auch nicht bewußt ein, wie wunderbar es wäre, ihre Schwiegertochter in Tränen aufgelöst anzutreffen, das Haus schmutzig und natürlich keine Mahlzeit vorbereitet, so keimte wieder einmal jener angenehme Groll in ihr auf. Sie hatte sich mit tiefer Zufriedenheit auf dieses Wochenende gefreut, denn bestimmt würde alles danebengehen. Am liebsten wäre es ihr, wenn jetzt schon alles schiefginge. Ohne ihr Verschulden würden sie zu spät ankommen, und ihre Verspätung würde dann einen Streit zwischen Robert und Angela auslösen. Aber alles das schwelte verschwommen unter ihrer augenblicklichen Überzeugung, daß Robert wieder mal alles falsch machte.
Immerhin, sie erreichten noch den Zug. Er war voll, und sie mußten beide stehen. Mrs. Hathall beklagte sich nie. Sie würde lieber ohnmächtig werden, als ihr Alter und ihre Krampfadern anzuführen, um diesen oder jenen Mann zu bewegen, ihr seinen Sitz zu überlassen. Stoische Selbstbeherrschung war ihr eigen. Also pflanzte sie ihren dicken Körper, der – hochgeknöpft bis zum steifen, hellbraunen Kragen – einem Schrank ähnelte, so auf, daß der Reisende auf seinem Fensterplatz weder die Beine bewegen, noch seine Zeitung lesen konnte. Sie hatte Robert nur eine einzige Sache zu sagen, und die konnte warten, bis weniger Zuhörer anwesend waren, außerdem konnte sie sich kaum vorstellen, daß er ihr etwas zu sagen hätte. Hatten sie nicht immerhin während der letzten beiden Monate die Abende sämtlicher Werktage gemeinsam verbracht? Aber wie sie mit einigem Staunen festgestellt hatte, waren die Leute ja imstande, daherzuplappern, auch wenn sie nichts zu sagen hatten. Das traf leider auch auf ihren eigenen Sohn zu. Grimmig hörte sie zu, wie er sich über die schöne Umgebung erging, die bald an ihnen vorbeiziehen würde, über die Annehmlichkeiten von Bury Cottage und wie sehr Angela sich darauf freue, sie bei sich zu haben. Auf diese Bemerkung hin erlaubte sich Mrs. Hathall eine Art Schnauben, ein zweisilbiges Grunzen irgendwo aus den Tiefen ihrer Stimmbänder, das notfalls als Lachen interpretiert werden konnte. Ihre Lippen bewegten sich nicht. Sie dachte an jenes eine und einzige Mal, als sie ihrer Schwiegertochter begegnet war. In diesem Zimmer in Earls Court hatte Angela die Ungeheuerlichkeit begangen, Eileen als habgierige Hexe zu bezeichnen. Viel mußte geschehen, vielfache Wiedergutmachung mußte geleistet werden, ehe diese Taktlosigkeit vergessen werden konnte. Mrs. Hathall erinnerte sich noch gut daran, wie sie damals beschlossen hatte, Angela nie – niemals und unter keinen Umständen – wiederzusehen. Es bewies wirklich, wie nachsichtig sie war, daß sie jetzt nach Kingsmarkham fuhr.
In Myringham stolperte der Mann am Fenster mit taub gewordenen Beinen aus dem Zug, und Mrs. Hathall nahm seinen Platz ein. Robert, das bemerkte sie wohl, wurde allmählich nervös. Das war ja auch kein Wunder. Er wußte sehr wohl, daß Angela sich als Köchin und Hausfrau mit Eileen nicht messen konnte, und er fragte sich wohl, wie weit seine zweite Frau hinter den Maßstäben der ersten zurückbleiben würde. Seine nächsten Worte bestätigten denn auch ihre Vermutung, daß ihn das beunruhigte.
«Angela hat die ganze Woche mit dem Frühjahrsputz zugebracht, damit du es schön hast.«
Mrs. Hathall war schockiert, daß jemand so etwas laut äußerte, noch dazu in einem Abteil voller Leute. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, daß er erstens leiser sprechen sollte und zweitens, daß jede anständige Frau ihr Haus immer sauberhielte. Aber sie begnügte sich mit einem: »Meinetwegen hätte sie sich die Mühe nicht machen müssen.« Kurz und knapp fügte sie hinzu, daß es jetzt Zeit sei, ihren Koffer herunterzuholen.
»Es sind noch fünf Minuten«, wandte Robert ein.
Statt einer Antwort erhob sie sich schwerfällig und mühte sich selber mit dem Koffer ab. Robert und noch ein anderer Mann beeilten sich, ihr zu helfen. Beinahe wäre der Koffer einer jungen Frau mit einem Baby im Arm auf den Kopf gefallen, und als der Zug abbremste, um in Kingsmarkham zu halten, stolperten alle durcheinander, jeder klammerte sich an jeden, und im ganzen Wagen herrschte ein gelindes Chaos.
Draußen auf dem Bahnsteig sagte Mrs. Hathall: »Wenn du mir geholfen hättest, wäre das nicht passiert. Aber du warst ja schon immer eigensinnig.«
Sie verstand nicht, warum er sich nicht zur Wehr setzte und sich verteidigte. Anscheinend war er noch viel nervöser, als sie gedacht hatte. Um ihn noch mehr zu reizen, sagte sie: »Wir nehmen doch ein Taxi?«
»Angela holt uns mit dem Wagen ab.«
Dann blieb also nicht mehr viel Zeit für das, was sie ihm sagen wollte. Sie schob ihm den Koffer zu und hängte sich mit besitzergreifender Miene bei ihm ein. Nicht, daß sie seine Unterstützung und seinen Beistand nötig hätte, aber sie fand es äußerst wichtig, daß diese Schwiegertochter – wie ärgerlich und anrüchig, zwei Schwiegertöchter zu haben! – sie beide gleich beim ersten Anblick vertraut Arm in Arm sehen sollte.
»Eileen ist heute Morgen bei mir vorbeigekommen«, begann sie, als sie ihre Fahrkarten abgaben.
Abwesend zuckte er die Schultern. »Ich wundere mich bloß, daß ihr beiden nicht schon zusammenwohnt.«
»Das würde dir so passen, was? Dann müßtest du ihr nicht mehr ein Dach über dem Kopf finanzieren.« Mrs. Hathall verstärkte den Klammergriff um den Arm, den er ihr entziehen wollte. »Sie sagt, ich soll dich herzlich grüßen, und warum du eigentlich nicht mal abends bei ihr reinschaust, wenn du in London bist.«
»Du machst Witze«, meinte Robert Hathall, aber er sagte es ausdruckslos und ohne Verbitterung. Er ließ seinen Blick über den Parkplatz schweifen.
Stur auf ihrem Thema beharrend, fing Mrs. Hathall wieder an: »Es ist eine gottlose Schande ...« und blieb mitten im Satz stecken. Eine geradezu wundervolle Ahnung stieg in ihr auf. Sie kannte Roberts Wagen, hätte ihn überall erkannt, er besaß ihn dank all der Schwierigkeiten, die diese Frau über ihn gebracht hatte, lange genug. Auch sie ließ ihre scharfen Augen suchend über den Platz schweifen, und dann sagte sie in zufriedenem Ton: »Sieht nicht so aus, als hätte sie sich die Mühe gemacht, uns abzuholen.«
Robert schien aus der Fassung gebracht. »Der Zug war ein paar Minuten zu früh.«
»Er hatte drei Minuten Verspätung«, versetzte seine Mutter. Sie seufzte glücklich. Eileen wäre pünktlich gewesen, um sie abzuholen. Eileen hätte auf dem Bahnsteig gestanden, hätte ihre Schwiegermutter geküßt und fröhlich versichert, daß sie ein üppig gedeckter Tisch erwarte. Und ihre Enkeltochter auch ... Mrs. Hathall sagte seufzend zu sich selbst, aber doch so laut, daß man es hören konnte: »Arme kleine Rosemary.«
Es war untypisch für Robert, der schließlich der Sohn seiner Mutter war, daß er derartige Sticheleien ohne Kommentar hinnahm, aber wieder ging er nicht darauf ein. »Macht nichts«, meinte er nur, »es ist ja nicht weit.«
»Ich kann laufen«, sagte Mrs. Hathall im stoischen Ton dessen, der sich darüber klar ist, daß noch schlimmere Prüfungen bevorstanden und daß diese erste und leichteste tapfer ertragen werden muß. »Ich bin ja ans Laufen gewöhnt.«
Der Weg führte sie an der Bahnhofsauffahrt und der Station Road vorbei, über die Kingsmarkhamer High Street und dann die Stowerton Road entlang. Es war ein schöner Septemberabend, die Luft schimmerte im Licht des Sonnenuntergangs, die Bäume hingen noch voller Blätter, in den Gärten leuchteten die letzten und schönsten Blumen des Sommers. Aber Mrs. Hathall bemerkte nichts von alledem. Ihre freudige Vermutung war zur Gewißheit geworden. Roberts Niedergeschlagenheit konnte nur eins bedeuten: Diese Person, seine Frau, diese Diebin, diese Zerstörerin einer glücklichen Ehe, war dabei, ihn im Stich zu lassen, und er wußte es.
Sie bogen in die Wool Lane ein, eine enge, von Bäumen beschattete Nebenstraße ohne Bürgersteig. »Das nenne ich ein schönes Haus«, sagte Mrs. Hathall.
Robert warf flüchtig einen Blick auf die alleinstehende Villa aus der Zeit zwischen den Kriegen.
»Es ist das einzige Haus hier unten außer unserem. Eine Frau namens Lake wohnt da. Sie ist Witwe.«
»Schade, daß es nicht deins ist«, sagte seine Mutter mit bedeutungsschwerem Unterton.
»Ist es noch weit?«
»Gleich hinter der nächsten Biegung. Ich verstehe gar nicht, was mit Angela los ist.« Er blickte sie nervös an.«Es tut mir sehr leid, Mutter. Wirklich, es tut mir leid.«
Sie war so verblüfft, daß er tatsächlich von der Gepflogenheit der Familie abwich und sich allen Ernstes für etwas entschuldigte, daß sie darauf gar nicht antworten konnte. Sie blieb stumm, bis das Haus in Sicht kam. Eine leichte Enttäuschung beeinträchtigte ihre innere Befriedigung, denn es war ein Haus, ein annehmbares, wenn auch altes Haus aus braunen Ziegeln mit einem soliden Schieferdach. »Das ist es?«
Er nickte und öffnete ihr die Gartenpforte. Mrs. Hathall bemerkte, daß in dem ungepflegten Garten die Blumenbeete voller Unkraut und das Gras kniehoch waren. Unter einem vernachlässigt aussehenden Baum lagen verrottete Pflaumen. Sie sagte nur: »Hmm.« Dies undefinierbare Geräusch war typisch für sie und bedeutete, daß sich die Situation genau so entwickelte, wie sie es erwartet hatte. Er steckte den Schlüssel in das Haustürschloß, und die Tür ging auf.
»Komm rein, Mutter.«
Er war jetzt eindeutig aus der Fassung geraten. Daran bestand jetzt kein Zweifel mehr. Sie kannte seine Angewohnheit, die Lippen zusammenzupressen, während in der linken Wange ein kleiner Muskel arbeitete. Und in seiner Stimme schwang ein barscher, nervöser Ton mit, als er rief: »Angela, wir sind da!«
Mrs. Hathall folgte ihm ins Wohnzimmer. Sie traute kaum ihren Augen. Wo waren die schmutzigen Teetassen, die Gingläser mit den Fingerspuren, die herumliegenden Kleidungsstücke, wo waren die Krümel und der Staub? Sie pflanzte sich in ihrer ganzen Rechteckigkeit auf dem fleckenlosen Teppich auf und drehte sich langsam um sich selbst. Sie suchte die Decke nach Spinnweben, die Fenster nach Schmierflecken und die Aschenbecher nach vergessenen Zigarettenkippen ab. Ein merkwürdiges, unangenehmes Frösteln überfiel sie. Sie fühlte sich wie ein Champion, der siegessicher von seiner Überlegenheit überzeugt die erste Runde gegen einen Anfänger verlor.
Robert kam zurück und sagte: »Ich begreife nicht, wo Angela steckt. Sie ist nicht im Garten. Ich sehe mal eben in die Garage, ob der Wagen da ist. Gehst du schon rauf, Mutter? Dein Zimmer ist das große, ganz hinten.«
Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß der Eßzimmertisch nicht gedeckt war und daß es in der makellosen Küche, wo die Gummihandschuhe und Staubhandschuhe nach getaner Hausarbeit noch neben dem Spülbecken lagen, keinerlei Anzeichen für eine vorbereitete Mahlzeit gab, stieg Mrs. Hathall die Treppe hinauf. Sie fuhr mit einem Finger über die Bilderleiste auf dem Treppenabsatz. Kein Staubkorn, nichts – als wäre das Holz frisch gestrichen. Ihr Zimmer war ebenso makellos sauber wie der Rest des Hauses. In dem aufgeschlagenen Bett konnte sie die buntgestreifte Bettwäsche sehen, und eine mit Seidenpapier ausgelegte Schublade des Frisiertisches war herausgezogen worden. Sie bemerkte das alles, aber nie konnte Angelas vorzügliche Leistung ihren Haß mildern. Es war einfach nur schade, daß ihre Schwiegertochter sich mit diesen Waffen ausgerüstet hatte, schade, das war alles. Und kein Zweifel: All ihre anderen Fehler, etwa der, daß sie nicht da war, um ihre Schwiegermutter zu begrüßen, wogen diese geringe Tugend mehr als auf.
Mrs. Hathall ging ins Badezimmer. Blankgeputzte Kacheln, duftig saubere Handtücher, Gästeseife ... Sie verzog grimmig den Mund. Das Geld konnte doch nicht so knapp sein, wie Robert ihr immer weisgemacht hatte. Immer wieder sagte sie sich, wie sehr sie diese Täuschung verabscheue, ohne sich einzugestehen, daß sie erneut um einen Triumph gebracht worden war, denn nun konnte sie den beiden nicht mehr ihre Armut vorhalten und ihnen die Gründe dafür ins Gesicht sagen. Sie wusch sich die Hände und trat wieder auf den Korridor hinaus. Die Tür zum Schlafzimmer der beiden war nur angelehnt. Mrs. Hathall zögerte. Aber die Versuchung, hineinzusehen und womöglich ein zerwühltes Bett, ein Durcheinander schäbiger Kosmetikartikel vorzufinden, war zu groß, um ihr zu widerstehen. Vorsichtig trat sie ein.
Das Bett war nicht zerwühlt, sondern ordentlich gemacht. Auf der Decke lag ein Mädchen mit dem Gesicht nach unten, anscheinend in tiefem Schlaf. Ihr dunkles, ziemlich ungepflegtes Haar bedeckte die Schultern, und der linke Arm war weit ausgestreckt. Mrs. Hathall sagte wieder »Hmm ...«, und jene warme innige Befriedigung strömte ungetrübt in sie zurück. Hier lag Roberts Frau und schlief, war vielleicht sogar betrunken. Sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, ihre Leinenschuhe auszuziehen, ehe sie dort zusammensackte. Sie hatte die gleichen Sachen an wie an jenem Tag in Earls Court, wahrscheinlich war sie immer so angezogen. Sie trug abgenutzte Jeans und ein rotkariertes Hemd. Mrs. Hathall dachte an Eileens hübsche Kleider für den Nachmittag und an ihr kurzes, zu einer Dauerwelle frisiertes Haar, an Eileen, die höchstens am Tag schlief, wenn sie sich an der Schwelle des Todes befände. Und dann ging Mrs. Hathall hinüber zu dem Bett, blickte darauf nieder und runzelte die Stirn. »Hm ...« sagte sie wieder, aber diesmal hatte sie ein warnendes »Hm ...« geäußert, um ihre Gegenwart kundzutun und eine sofortige, beschämte Reaktion auszulösen.
Aber es passierte nichts. Der natürliche Zorn eines Menschen, der sich unerträglich beleidigt fühlt, ergriff Mrs. Hathall. Sie legte eine Hand auf die Schulter ihrer Schwiegertochter, um sie zu schütteln. Aber sie tat es nicht. Das Fleisch des Nackens war eiskalt, und als sie die Haarmähne anhob, sah sie eine bleiche Wange, aufgedunsen und bläulich.
Die meisten Frauen hätten geschrien. Mrs. Hathall gab keinen Laut von sich. Ihr Körper wurde noch ein wenig kompakter und schrankähnlicher, als sie sich aufrichtete und die dicke, große Hand auf ihr pumpendes Herz legte. Schon oft in ihrem langen Leben hatte sie den Tod gesehen – den ihrer Eltern, ihres Mannes, den von Onkel und Tanten, aber noch nie zuvor hatte sie gesehen, was das dunkelrote Mal auf diesem Nacken signalisierte – Tod durch Gewalt. Sie empfand weder Triumph noch Furcht, sie fühlte nichts als den Schock. Schwerfällig ging sie durch das Zimmer und begann die Stufen hinabzusteigen.
Robert wartete am Fuß der Treppe. In dem Maße, in dem sie zur Liebe fähig war, liebte sie ihn, und als sie jetzt auf ihn zuging, ihm die Hand auf den Arm legte und ihn mit verhaltener, zögernder Stimme ansprach, da war sie der Zärtlichkeit so nahe wie nur irgend möglich. Und sie benutzte die einzigen Worte, die sie wußte, um eine solche Hiobsbotschaft zu überbringen.
»Da ist ein Unfall geschehen. Geh am besten hoch und sieh es dir an. Es ist ... es ist zu spät, um irgendetwas zu tun. Versuch es wie ein Mann zu nehmen.«
Er stand ganz still. Er sagte nichts.
»Sie ist gestorben, Robert. Deine Frau ist tot.« Sie wiederholte die Worte, denn er schien sie nicht zu begreifen.
»Angela ist tot, mein Sohn.«
Sie empfand das vage, unangenehme Gefühl, daß sie ihn umarmen, ein paar zärtliche Worte sagen müßte, aber sie hatte seit Langem vergessen, wie man das machte. Außerdem zitterte sie jetzt, und ihr Herz pumpte unregelmäßig. Er war weder blaß noch rot geworden. Beherrscht ging er an ihr vorbei und stieg die Treppe hinauf. Sie stand wartend da, zu nichts fähig, rieb die Hände gegeneinander und zog die Schultern nach vorn. Dann rief er mit rauher, aber ruhiger Stimme von oben:
»Ruf die Polizei an, Mutter, und sag ihnen, was passiert ist.«
Sie war froh, etwas tun zu können, und als sie das Telefon auf dem niedrigen Tisch unter einem Bücherregal gefunden hatte, setzte sie den Finger auf die Neun in der Wählscheibe.
Er war ein großer Mann mit unzureichendem Gewicht für seinen ausladenden Körperbau. Und er hatte ein ungesundes Aussehen, der Bauch hing ein wenig schlaff, und die Farbe der Haut war ein fleckiges Rot. Seine Haare, obgleich noch schwarz, waren spröde und schütter, die Gesichtszüge hart und anmaßend. Er saß in einem Sessel, zusammengesackt, als ob er verwundet und dann dort hingeschleudert worden sei. Im Gegensatz dazu saß seine Mutter kerzengerade, die schweren Beine eng zusammengepreßt, die Hände mit den Innenflächen nach unten im Schoß, die Augen auf den Sohn gerichtet, mehr Strenge als Mitleid.
Chief Inspecter Wexford mußte an jene Mütter aus Sparta denken, die eher erduldeten, daß ihre Söhne auf dem Schild nach Hause getragen wurden, als zu hören, daß sie gefangengenommen worden waren. Es hätte ihn nicht verwundert, wenn sie diesem Mann gesagt hätte, er solle sich zusammenreißen, aber abgesehen von einem kurzangebundenen Nicken, als sie Inspector Burden und ihn ins Haus ließ, hatte sie sich bisher überhaupt noch mit keinem Wort und keiner Geste geäußert. Er fand, sie sah aus wie eine Gefängniswärterin oder wie die Vorsteherin eines Arbeitshauses aus alten Zeiten.
Von oben hörte man die Schritte weiterer Polizisten, die dort hin und her gingen. Die Leiche der Frau war so, wie sie lag, fotografiert worden, der Witwer hatte sie identifiziert, und dann hatte man sie ins Leichenhaus geschafft. Trotzdem hatten die Männer noch viel zu tun. Das Haus wurde nach Fingerabdrücken abgesucht, nach der Tatwaffe, nach irgendwelchen Hinweisen, wie diese junge Frau zu Tode gekommen war. Und es war ein ziemlich großes Einfamilienhaus, mit fünf geräumigen Zimmern außer der Küche und dem Badezimmer. Seit acht Uhr waren sie hier, und jetzt war es fast Mitternacht.
Wexford stand an einem Tisch, auf dem der Führerschein der Toten, die Geldbörse und der übrige Inhalt ihrer Handtasche lagen, und untersuchte gerade ihren Paß. Danach war sie britische Staatsbürgerin, in Melbourne/Australien geboren, zweiunddreißig Jahre alt, Beruf Hausfrau, Haare dunkelbraun, Augen grau, Größe 1,65 m, keine unveränderlichen Kennzeichen. Angela Margaret Hathall. Der Paß war drei Jahre alt und ohne jeden ausländischen Stempel. Das Foto darin hatte so viel Ähnlichkeit mit der toten Frau, wie solche Fotos es gewöhnlich mit den dazugehörigen Personen haben.
»Ihre Frau lebte allein hier während der Woche, Mr. Hathall?« fragte er, während er sich von dem Tisch abwandte und sich setzte.
Hathall nickte. Er antwortete mit leiser Stimme, die kaum mehr war als ein Flüstern. »Ich habe früher in Toxborough gearbeitet. Als ich eine neue Stellung in London bekam, konnte ich nicht dauernd hin- und herfahren. Das war im Juli. Ich habe während der Woche bei meiner Mutter gewohnt und bin immer an den Wochenenden nach Hause gefahren.«
»Sie und Ihre Mutter sind hier um halb acht angekommen?«
»Zwanzig nach sieben«, korrigierte Mrs. Hathall. Es war das Erste, was sie sagte. Sie hatte eine rauhe, metallische Stimme. Unter dem Südlondoner Akzent lag eine Spur nordenglischen Dialektes.
»Dann hatten Sie also Ihre Frau nicht mehr gesehen seit ... seit wann? Seit letzten Sonntag? Montag?«
»Sonntagabend«, erklärte Hathall. »Ich bin am Sonntagabend mit dem Zug zu meiner Mutter gefahren. Meine ... Angela fuhr mich zum Bahnhof. Ich ... ich habe sie jeden Tag angerufen. Ich habe sie auch heute angerufen. Um die Mittagszeit. Es ging ihr gut.« Er sog scharf den Atem ein, es klang wie ein Schluchzen, und sein Körper schwankte vorwärts. »Wer ... wer kann das getan haben? Wer hätte denn Angela töten wollen?«
Seine Worte hatten etwas Bühnenhaftes, einen falschen Ton, wie eingelernt aus einem Fernsehrührstück oder einem klischeestrotzenden Thriller. Aber Wexford wußte, daß Schmerz manchmal nur durch Platitüden ausgedrückt werden kann. Originell sind wir nur in unseren glücklichen Momenten. Kummer hat nur eine Stimme, ein Weinen.
Er beantwortete die Frage denn auch mit ähnlich abgedroschenen Worten. »Das werden wir eben herausfinden müssen, Mr. Hathall. Sie waren den ganzen Tag auf Ihrer Arbeitsstelle?«
»Marcus Flower, Public-Relation-Beratung. Half Moon Street. Ich bin da Buchhalter.« Hathall räusperte sich. »Man wird Ihnen dort bestätigen, daß ich den ganzen Tag dort gewesen bin.«
Wexford hätte beinahe die Augenbrauen gehoben; er strich sich übers Kinn und betrachtete den Mann schweigend. Burdens Gesicht verriet zwar nichts, aber er wußte, daß der Inspector das gleiche dachte wie er. Und in diese Stille hinein stieß Hathall, der den letzten Satz geradezu eifrig gesprochen hatte, einen noch lauteren Schluchzer aus und vergrub das Gesicht in den Händen.
Gefühllos wie ein Stein sagte Mrs. Hathall: »Laß dich nicht gehen, Sohn. Trag es wie ein Mann.«
Doch muß ich’s fühlen wie ein Mann ... Während ihm diese Zeile aus »Macbeth« in den Sinn kam, überlegte Wexford flüchtig, warum er so wenig Mitleid mit Hathall empfand, warum er nicht bewegt war. Wurde er nun gleichgültig und abgebrüht, wie er immer geschworen hatte, nicht zu werden? Oder lag tatsächlich etwas Falsches im Verhalten dieses Mannes, das diese Schluchzer und diese Hingabe an den Schmerz Lügen strafte? Aber wahrscheinlich war er bloß müde und vermutete überall Bedeutungen, wo es gar nichts gab. Wahrscheinlich hatte die Frau irgendeinen Fremden aufgegabelt, und dieser Fremde hatte sie umgebracht. Er wartete ab, bis Hathall die Hände vom Gesicht nahm und den Kopf hob.
»Ihr Auto ist nicht da?«
»Es war aus der Garage verschwunden, als ich nach Hause kam.« Auf den harten, mageren Wangen waren keine Tränen. Aber wäre der Sohn dieser steingesichtigen Frau überhaupt fähig, Tränen hervorzupressen?
»Ich brauche eine Beschreibung Ihres Wagens und die Nummer. Sergeant Martin wird sich diese Einzelheiten gleich von Ihnen geben lassen.« Wexford stand auf. »Der Arzt hat Ihnen ein Beruhigungsmittel dagelassen, glaube ich. Ich schlage vor, Sie nehmen das und versuchen, etwas zu schlafen. Morgen früh würde ich gern noch einmal mit Ihnen sprechen, heute Nacht können wir nichts mehr tun.«
Mrs. Hathall schloß die Tür hinter ihnen mit einer Miene, als fertige sie mit einem »Heute nicht. Danke!« ein paar Hausierer ab. Eine Weile blieb Wexford auf dem Gartenweg stehen und blickte sich auf dem Grundstück um. In dem Licht aus den Schlafzimmerfenstern sah er zwei Rasenstücke, die seit Monaten nicht gemäht worden waren, und einen abgeernteten Pflaumenbaum. Der Gartenweg war gepflastert, die Einfahrt jedoch, die zwischen der Häuserwand und dem Zaun rechter Hand verlief, war betoniert.
»Wo ist denn die Garage, von der er gesprochen hat?«
»Muß wohl hintenrum sein«, meinte Burden. »An der Seite war ja kein Platz für einen Garagenanbau.«
Sie folgten der Auffahrt um die hintere Hausecke herum und stießen auf einen billigen Schuppen mit einem Dach aus Preßfaser, den man von der Straße aus nicht sehen konnte.
»Wenn sie losgefahren ist«, meinte Wexford, »und jemanden aufgegabelt und mitgebracht hat, dann können die beiden den Wagen sehr leicht in der Garage abgestellt haben, ohne daß eine Seele sie gesehen hat. Sie sind dann wahrscheinlich durch die Küchentür ins Haus gegangen. Wenn wir jemanden finden, der sie gesehen hat, haben wir Glück gehabt.«
Schweigend betrachteten sie die mondbeschienenen, leeren Felder, die sich bis zu den bewaldeten Hügeln hinaufzogen. Hier und da blinkte in der Ferne ein einzelnes Licht. Und während sie zur Straße zurückgingen, wurde ihnen bewußt, wie isoliert das Haus, wie abgelegen der Weg war. Seine hohen Böschungen, überwölbt von dichten, überhängenden Bäumen, machten ihn nachts zu einem schwarzen Tunnel und zu einem verwunschenen, wenig benutzten Korridor bei Tage.
»Das nächstgelegene Haus«, bemerkte Wexford, »ist diese Villa oben bei der Stowerton Road, und das einzige sonst ist die Wool Farm. Die liegt einen reichlichen halben Kilometer da runter.« Er deutete durch den Baumtunnel, dann ging er zu seinem Wagen. »Unser Wochenende können wir vergessen«, meinte er. »Also, wir sehen uns gleich morgen früh.«
Das Haus des Chief Inspectors lag im Norden von Kingsmarkham an der gegenüberliegenden Seite des Kingsbrook. Im Schlafzimmer brannte noch Licht, und seine Frau war noch wach, als er heimkam. Dora Wexford war zu gelassen und zu vernünftig, um auf ihren Mann zu warten, aber sie hatte bei ihrer älteren Tochter Kinder gehütet und war gerade erst zurückgekommen. Er fand sie im Bett sitzend und lesend, ein Glas warmer Milch neben sich, und obwohl er sich erst vor vier Stunden von ihr getrennt hatte, ging er auf sie zu und küßte sie zärtlich. Der Kuß war inniger als gewöhnlich, denn glücklich, wie seine Ehe war, und zufrieden mit seinem Los, wie er war, bedurfte es manchmal äußerer Katastrophen, um ihm sein gütiges Geschick bewusst zu machen und ihn daran zu erinnern, wie sehr er seine Frau schätzte. Die Frau eines anderen war tot, war auf üble Weise gestorben ... Entschlossen verdrängte er seine Überempfindlichkeit, diese Dünnhäutigkeit der späten Nachtstunden, und während er anfing, sich auszuziehen, fragte er Dora, was sie von den Bewohnern von Bury Cottage wisse.
»Wo ist Bury Cottage?«
»In der Wool Lane. Ein gewisser Hathall wohnt da. Seine Frau ist heute Nachmittag erdrosselt worden.«
In den dreißig Jahren ihrer Ehe mit einem Polizisten war Dora Wexford weder abgestumpft noch kaltschnäuzig geworden, doch auf eine solche Mitteilung reagierte sie natürlich nicht mehr mit dem Entsetzen einer Durchschnittsfrau.
»Ach je«, sagte sie und fügte hinzu: «Wie schrecklich! Ist es eine einfache Sache?«
»Weiß noch nicht.« Ihre sanfte, ruhige Stimme tat ihm gut, wie immer in solchen Fällen. »Bist du diesen Leuten je begegnet?«
»Der einzigen Person aus der Wool Lane, der ich je begegnet bin, ist diese Mrs. Lake. Sie ist ein paar Mal im Fraueninstitut aufgekreuzt, aber ich glaube, sie ist anderweitig zu beschäftigt, um sich groß dafür zu engagieren. Sie interessiert sich entschieden mehr für Männer, weißt du.«
»Heißt das, das Fraueninstitut hat sie ausgeschlossen?« fragte Wexford in gespieltem Entsetzen.
»Sei nicht albern, Liebling. So spießig sind wir nicht. Schließlich ist sie ja auch Witwe. Ich verstehe gar nicht, weshalb sie nicht wieder geheiratet hat.«
»Vielleicht ist sie wie Georg der Zweite.«
»Kein bißchen. Sie ist sehr hübsch. Was meinst du überhaupt damit?«
»Der versprach seiner Frau auf ihrem Totenbett, er werde nie wieder heiraten, sondern sich nur Geliebte nehmen.« Während Dora kicherte, betrachtete Wexford seine Gestalt im Spiegel und zog dabei die Bauchmuskeln ein. Im vergangen Jahr hatte er durch Diät, körperliche Bewegung und den Schrecken, in den ihn sein Arzt versetzt hatte, zehn Kilo abgenommen, und zum erstenmal seit zehn Jahren konnte er sein Spiegelbild wieder mit Zufriedenheit, wenn nicht gar mit Vergnügen betrachten. Jetzt empfand er deutlich, daß es sich gelohnt hatte. Jawohl, die Quälerei, sich alles zu verkneifen, was er gern aß und trank, hatte sich gelohnt. Il faut souffrir pour être beau. Wenn es doch bloß auch ein Mittel gegen Haarausfall gäbe.
»Komm ins Bett«, sagte Dora. »Wenn du nicht aufhörst, dein Gefieder zu spreizen, dann denk ich noch, du willst dir eine Geliebte zulegen. Und ich bin noch nicht tot.«
Wexford grinste und ging zu Bett. Schon sehr früh in seiner Karriere hatte er sich verboten, sich nachts mit seiner Arbeit zu beschäftigen, und wirklich hatte die Arbeit ihn selten wachgehalten oder ihn bis in seine Träume verfolgt. Aber als er jetzt die Nachttischlampe ausknipste und sich an Dora schmiegte – was so viel leichter und angenehmer ging, jetzt, wo er schlank war –, da gestattete er sich, ein paar Minuten über die Geschehnisse des Abends nachzudenken Es konnte sehr wohl ein unkomplizierter Fall sein, wirklich. Angela Hathall war jung gewesen und wahrscheinlich hübsch anzuschauen. Sie war kinderlos, und auch wenn sie eine putzsüchtige Hausfrau gewesen war, so mußte ihr die Zeit doch oft lang geworden sein während jener einsamen Wochentage und der einsamen Abende. Was also lag näher, als daß sie irgendeinen Mann aufgegabelt und ihn mit nach Bury Cottage genommen hatte? Wexford wußte, daß eine Frau nicht unbedingt verzweifelt oder nymphoman oder auf dem Wege zur Prostitution sein mußte, um so etwas zu tun. Wahrscheinlich dachte sie noch nicht einmal an Untreue. Denn die Einstellung der Frau zur Sexualität war, wie immer auch die moderne Auffassung lautete, nicht die gleiche wie die des Mannes. Obwohl es fast immer zutraf, daß ein Mann, der eine unbekannte Frau aufgabelt, nur auf ›das eine‹ aus war, und obwohl sie das auch fast immer wußte, klammerte sie sich doch an die edle Vorstellung, daß er nur ein Gespräch und allenfalls einen Kuß wolle. War das auch Angela Hathalls Einstellung gewesen? Hatte sie einen Mann in ihrem Wagen mitgenommen, einen Mann, der mehr wollte als das, und der sie stranguliert hatte, weil er es nicht bekommen konnte? Hatte er sie umgebracht, sie auf dem Bett liegenlassen und sich mit ihrem Wagen aus dem Staub gemacht?
»Mr. Hathall«, sagte Wexford, »Sie haben zweifellos Ihre eigenen Vorstellungen, wie diese Untersuchung durchgeführt werden sollte. Sie halten meine Methoden vielleicht für unorthodox, aber es sind nun mal meine Methoden, und ich kann Ihnen versichern, sie führen zu Ergebnissen. Ich kann mich bei der Aufklärung dieses Falles nicht allein auf Indizienbeweise beschränken. Es ist für mich unerläßlich, so viel wie möglich über alle betroffenen Personen zu erfahren. Also, wenn Sie meine Fragen einfach und zutreffend beantworten würden, kämen wir sehr viel schneller voran. Ich versichere Ihnen, ich stelle sie in der reinen und einzigen Absicht, herauszufinden, wer Ihre Frau getötet hat. Wenn Sie sich dadurch gekränkt fühlen, geraten wir nur in Verzug. Wenn Sie darauf bestehen, daß gewisse Dinge ausschließlich Ihr Privatleben betreffen, und sich weigern, sie offenzulegen, dann kann dadurch sehr viel kostbare Zeit verlorengehen. Können Sie das bitte verstehen und sich entsprechend kooperativ verhalten?«
Diese kleine Rede war nötig geworden durch Hathalls Reaktion auf die erste Frage, die Wexford am Sonntagmorgen um neun bei der Vernehmung an ihn gestellt hatte. Er hatte wissen wollen, ob Angela die Gewohnheit hatte, Fremde im Wagen mitzunehmen, aber Hathall, der nach seinem durch Medikamente bewirkten Nachtschlaf eigentlich ganz ausgeruht schien, hatte einen Wutanfall bekommen.
»Was für ein Recht haben Sie, die Moral meiner Frau in Zweifel zu ziehen?«
Ruhig hatte Wexford geantwortet: »Die überwiegende Mehrheit der Leute, die Anhalter mitnehmen, wollen einfach hilfsbereit sein«, und dann, als Hathall ihn weiterhin mit zornigen Augen anstarrte, hatte er diesen Sermon vom Stapel gelassen.
Der Witwer machte eine unwirsche Gebärde, zuckte die Schultern und gestikulierte mit den Händen. »In einem Fall wie diesem sollte man doch meinen, Sie würden sich an Fingerabdrücken und – na ja, eben an solche Sache halten. Ich meine, es ist doch offensichtlich, daß irgendein Mann hier reingekommen ist und ... Er muß doch Spuren hinterlassen haben. Ich habe darüber gelesen, wie solche Untersuchungen geführt werden. Ist doch alles eine Frage der Deduktion aufgrund von Haaren und Fußspuren und – na ja, Fingerabdrücken.«
»Ich sagte Ihnen ja bereits, ich bin überzeugt, Sie haben Ihre eigene Vorstellung, wie eine Untersuchung geführt werden sollte. Meine Methoden schließen aber das, was Sie empfehlen, auch ein. Sie haben doch selbst gesehen, wie gründlich wir uns gestern Abend dieses Haus vorgenommen haben. Aber wir sind keine Zauberer, Mr. Hathall. Wir können nicht um Mitternacht einen Fingerabdruck oder ein Haar finden und Ihnen neun Stunden später sagen, von wem sie sind.«
»Wann dann?«
»Das kann ich nicht sagen. Sicher werde ich in ein paar Stunden wissen, ob gestern Nachmittag ein Fremder hier in Bury Cottage gewesen ist.«
»Ein Fremder! Natürlich war es ein Fremder. Das hätte ich Ihnen schon gestern Abend um acht sagen können. Ein pathologischer Killer, der hier reingekommen, nein eingebrochen ist – und dann hinterher meinen Wagen gestohlen hat. Haben Sie meinen Wagen schon gefunden?«
Sehr verbindlich und kühl erwiderte Wexford: »Ich weiß es nicht, Mr. Hathall. Ich bin weder der Herrgott, noch kann ich hellsehen. Ich habe noch nicht einmal Zeit gehabt, mit meinen Leuten zu reden. Wenn Sie mir die eine Frage beantworten, die ich Ihnen gestellt habe, dann lasse ich Sie eine Weile in Ruhe und spreche mit Ihrer Mutter.«
»Meine Mutter weiß nichts über das alles. Meine Mutter hat bis gestern Abend noch nie einen Fuß in dieses Haus gesetzt.«
»Meine Frage, Mr. Hathall.«
»Nein, sie hatte nicht die Gewohnheit, jemanden mitzunehmen!« brüllte Hathall, das Gesicht rot und verzerrt. »Sie war sogar zu schüchtern und nervös, um hier unten Freunde zu gewinnen. Ich war der einzige Mensch, dem sie vertrauen konnte, und das ist auch kein Wunder nach allem, was sie durchgemacht hat. Der Mann, der hier reingekommen ist, hat das gewußt, der hat gewußt, daß sie immer allein war. Darum sollten Sie sich kümmern, da sollten Sie ansetzen! Und dies ist mein Privatleben, wie Sie es nennen: Ich bin erst drei Jahre verheiratet gewesen, und ich habe meine Frau angebetet. Aber ich habe sie die ganze Woche über allein gelassen, weil ich die Hin-und-her-Fahrerei nicht auf mich nehmen wollte, und das ist nun dabei herausgekommen! Sie hat sich zu Tode geängstigt hier so allein, aber ich hab gesagt, es sei doch nicht mehr für lange, und sie solle es um meinetwillen aushalten. Es war ja tatsächlich auch nicht mehr für lange, nicht wahr?«
Er warf den Arm über die Rückenlehne des Sessels und vergrub das Gesicht in der Armbeuge. Sein Körper zitterte. Wexford betrachtete ihn gedankenvoll, sagte aber nichts weiter. Er ging in die Küche, wo er Mrs. Hathall am Spülbecken beim Abwaschen des Frühstücksgeschirrs vorfand. Auf der Arbeitsplatte lag ein Paar Gummihandschuhe, aber die waren trocken, und Mrs. Hathalls nackte Hände steckten in der Lauge. Sie gehörte zu der Sorte Frauen, vermutete Wexford, die sich der Hausarbeit gegenüber geradezu masochistisch verhielten, die eher eine Bürste benutzten als einen Staubsauger, und die behaupteten, Waschmaschinen kriegten die Wäsche nicht sauber. Er sah, daß sie anstelle einer Schürze ein kariertes Geschirrhandtuch um die Taille gebunden hatte, und das kam ihm merkwürdig vor. Natürlich würde sie sich für ihren Wochenendbesuch keine eigene Schürze mitbringen, aber sicherlich besaß doch eine so gute Hausfrau wie Angela etliche davon? Aber er erwähnte das nicht, sondern sagte guten Morgen und fragte Mrs. Hathall, ob es ihr etwas ausmache, ihm während der Arbeit ein paar Fragen zu beantworten.
»Hmmm«, sagte Mrs. Hathall. Sie spülte ihre Hände ab, drehte sich behäbig um und trocknete sie an einem Handtuch ab, das an einem Haken hing. »Es hat gar keinen Zweck, mich zu fragen. Ich weiß ja nicht, was die so gemacht hat, während er weg war.«
»Ich habe gehört, Ihre Schwiegertochter war sehr schüchtern und einsam und hielt sich sehr für sich?« Der Ton, den sie von sich gab, faszinierte ihn. Es war eine Art ersticktes Grunzen, das einem Todesröcheln ähnelte. Tatsächlich aber war es wohl ein Lachen, vermutete er. »Sie hatten nicht diesen Eindruck von ihr?«
»Erotisch war sie«, sagte Mrs. Hathall.
»Wie bitte?«
Sie sah ihn grimmig an. »Nervös. Eigentlich schon hysterisch.«
»Ah«, sagte Wexford. Diese Version eines falsch angewandten Fremdwortes war ihm noch nicht vorgekommen, und er fand sie amüsant. »Und warum war sie wohl so? Ich meine, warum war sie so – äh – neurotisch?«
»Kann ich nicht sagen. Ich hab sie nur einmal gesehen.«
Aber die beiden waren doch drei Jahre verheiratet gewesen ... »Ich verstehe das nicht ganz, Mrs. Hathall.«
Sie wandte den Blick von seinem Gesicht zum Fenster, vom Fenster zum Spülbecken, dann griff sie nach einem Tuch und begann das Geschirr abzutrocknen. Dieser massive Klotz von einem Körper, den Rücken gegen ihn gewandt, drückte genausoviel Abweisung aus wie eine geschlossene Tür. Schweigend trocknete sie jede Tasse, jedes Glas und jeden Teller, jedes Besteckteil einzeln ab, scheuerte dann das Tropfbrett sauber, trocknete auch das ab und hängte endlich das Handtuch weg – alles mit einer Konzentration, als praktizierte sie ein kompliziertes, mühsam erworbenes Ritual. Zu guter Letzt aber war sie doch gezwungen, sich wieder umzudrehen und sich seiner stur ausharrenden Person zu stellen.
»Ich muß noch die Betten machen«, sagte sie hastig.
»Ihre Schwiegertochter ist ermordet worden, Mrs. Hathall.«
