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Kurt von Schuschnigg erlebt bis zu seinem neunten Lebensjahr eine behütete Kindheit als Sohn eines Innsbrucker Anwalts. Nach der Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß wird sein Vater 1934 dessen Nachfolger. Ein Jahr später erleidet die Familie einen schweren Autounfall, bei dem Kurts Mutter Herma von Schuschnigg tödlich verunglückt. Als Bundeskanzler bemüht sich Schuschnigg vergeblich, die westeuropäischen Demokratien für Österreich zu sensibilisieren. Unmittelbar nach dem Anschluß im März 1938 wird er mitsamt seiner Familie im Belvedere "unter Hausarrest" gestellt und schließlich ins Münchner Gestapo-Hauptquartier gebracht. Ende 1941 verlegt man ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wohin ihm Vera von Schuschnigg mit der kleinen Tochter Sissi freiwillig folgt. Sohn Kurt, der mit der Verhaftung seines Vaters ebenso zu einer "Unperson" im Dritten Reich wird, erhält Zutritt als Besucher und wohnt dort während seiner Schulferien. In seiner Biografie erinnert sich Kurt von Schuschnigg an seine Beobachtungen und Erfahrungen sowie an seine Begegnungen mit Himmler und Hitler. Er berichtet in diesem spannenden Zeitzeugenbericht von einem ungewöhnlichen Familienleben als Sohn des Bundeskanzlers in einer politisch unruhigen Zeit, seinen Erlebnissen als Luftwaffenhelfer und Marinesoldat auf der "Prinz Eugen" sowie seiner abenteuerlichen Flucht nach Südtirol.
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kurt von Schuschnigg
Der Sohn des Bundeskanzlers erinnert sich
Aufgezeichnet vonJanet von Schuschnigg
Bildnachweis: Privatarchiv Kurt von Schuschnigg,
Abb. 41 und 43 Österreichisches Institut für Zeitgeschichte,
Wien, Bildarchiv
Lektorat: William C. Eichenberger, Irene Nawrocka
Übersetzung: Douglas Montjoye, Artur Schuschnigg
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http://www.amalthea.at
© 2008 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Herstellung: studio e, Josef Embacher
Umschlagfoto: Privatarchiv Kurt von Schuschnigg
Herstellung und Satz: studio e Josef Embacher
Gesetzt aus der 12,5/14,5 Centaur MT
Gedruckt in der EU
eISBN 978-3-903217-15-7
Vorwort
Verantwortlichkeit
Die Wirklichkeit
Schockwellen
Im Kriegsministerium
Katastrophe
Herumgereicht
Kalksburg
Trennung
München
Große Veränderungen in der Familie
Sommerfrische
Von Feurich zum Haus der Rüstung
Kriegsmarine
Erholung
Weg aus Deutschland
Tirol
In Richtung Süden
Im Widerstand
Der Aufstieg
Der lange Weg zurück
Epilog
Nachwort
Literaturverzeichnis
Register
Für mein Fräulein Alice
12. März 1938. Die Streitkräfte des mächtigen Deutschen Reiches überrollten Österreich. Entlang der gesamten österreichisch-deutschen Grenze zwischen Bodensee und Donau marschierte die deutsche achte Armee unter dem Kommando von General Fedor von Bock in Österreich ein. Am Morgen war sie in Salzburg, zu Mittag in Innsbruck. Um neun Uhr fünfzehn landeten Einheiten der deutschen Luftwaffe in Wien. Insgesamt überquerten 105 000 Mann die Grenze.
Fünf lange Jahre hatte das Land den nationalsozialistischen Hegemoniebestrebungen widerstanden. Vor allem nach dem Wegfall der italienischen Unterstützung hatte Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg geradezu verzweifelt versucht, die großen westeuropäischen Demokratien für Österreich zu sensibilisieren. Vergebens. Ohne irgendeine Unterstützung von dritter Seite ging der Kampf um die Unabhängigkeit des Landes verloren.
Aufregung allerorten. Straßen und Plätze von jubelnden Menschen gesäumt. Die sah man. Die anderen, die zuhause geblieben waren, sah man nicht. Fahnen flatterten im Wind, der Gleichschritt von Kommißstiefeln hallte durch das Land. Viele hoben den Arm zu dem Gruß, den jene »edlen Krieger« forderten. Frauen warfen ihnen Blumen und Kußhände zu.
Die unkontrollierte Herrschaft der NSDAP, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, konnte beginnen. Unverzüglich begann eine Welle politisch motivierter Verhaftungen.
Um 1926, acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, sieben nach der Unterzeichnung der Verträge von Versailles und St. Germain, bewegte sich die Welt wieder langsam in Richtung Stabilität und relativem Wohlstand. Auf der anderen Seite des Atlantiks standen die mächtigen Vereinigten Staaten unter der Führung ihres bescheidenen konservativen Präsidenten Calvin Coolidge. Die Arbeitslosenrate lag dort bei nur 1,8 % und die Wirtschaft florierte. Amerikaner stellten sich unglaublichen Wagnissen, wie Admiral Richard Byrd dem Flug zum Nordpol. Die Nation war zwar noch jung, und doch galt sie dem Rest der Welt bereits als Leitstern.
In England saß König George V. auf dem Thron und Stanley Baldwin, der Führer der Konservativen, hatte die Regierung fest im Griff. Aber die Arbeitslosigkeit war groß, und eines Maitages erwachte das Land im Ausnahmezustand, ausgelöst durch einen von Bergarbeitern angeführten Generalstreik.
In dem durch Inflation und einen instabilen Franc geschwächten Frankreich war Ministerpräsident Herriot und sein »Cartel des Gauches« durch die Konservativen unter Poincaré ersetzt worden, und man hoffte auf eine Belebung der Wirtschaft.
Währenddessen zementierte in Italien ein früher linksgerichteter Journalist an der Spitze der einzigen erlaubten Partei, der Nationalen Faschistischen Partei, seine Macht mit harter Hand: Benito Mussolini, der Gründer dieser Partei, wurde von seinem Volk »il Duce«, der Führer, genannt.
Deutschland war durch die Folgen des verlorenen Krieges dramatisch geschwächt. Die Parteienvielfalt, eine der argen Schwächen der Weimarer Verfassung, erschwerte solide Regierungsmehrheiten und damit grundsätzliche Reformen zur Stärkung der Wirtschaftskraft. Das Heer der Arbeitslosen und der ehedem breite, durch die Hyperinflation völlig verarmte Mittelstand waren leichte Beute für politische Extremisten. In Rußland war der Kampf um die Nachfolge Lenins entbrannt. Der Stern Leo Trotzkis war im Sinken, jener Josef Stalins stieg auf.
Österreich hatte sich noch längst nicht in seine neue Rolle als Kleinstaat gefunden. Es war die Zeit, als Kriegsheimkehrer sich keine Zivilkleidung kaufen konnten, in aller Öffentlichkeit bespuckt und ihnen die Auszeichnungen von der Uniform gerissen wurden. Ernüchterung, fehlende Zukunftshoffnung, der Mangel an Perspektiven beherrschten die Stimmung weiter Kreise der Bevölkerung. Seit Anfang der Zwanzigerjahre hatten die Sozialdemokraten ihren Haß auf Kirche und Klerus deutlich gemacht, aus ihrer Sicht erstickte die katholische Kirche das freie Denken. Um so suspekter war ihnen die andere große politische Partei, die Christlichsozialen, die seit Anfang der Zwanzigerjahre die Regierung stellten. Im November 1926 drohte der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Österreichs in einer Rede in Linz mit der »Diktatur des Proletariats«.
Das war die Lage der Welt, als ich sie betrat.
Meine Mutter Herma Masera, geboren 1900, und mein Vater lernten sich 1921 kennen und heirateten drei Jahre später. 1926, dem Jahr meiner Geburt, war Vater, damals 29 Jahre alt, seit fünf Jahren als Anwalt in Innsbruck tätig. Wie viele andere seiner Klasse am Jesuitenkolleg »Stella Matutina« in Vorarlberg war er direkt nach der Matura in den Krieg gezogen und blieb bis zum Kriegsende auf dem italienischen Kriegsschauplatz. 1918 geriet er gemeinsam mit seinem Vater, einem kaiserlichen Generalmajor, für fast ein Jahr in Gefangenschaft in Caserta bei Neapel. Als Vater 1919 nach Hause zurückkehrte, hatte für ihn der Abschluß seiner Ausbildung höchste Priorität. Mit seinem brillanten, bei den Jesuiten noch geschärften Verstand und bienenhaftem Fleiß erlangte er nach kürzestmöglichem Studium sein Doktorat der Rechte an der Universität Innsbruck, wie immer als einer der Besten seines Jahrgangs. Anschließend absolvierte er den einjährigen, sogenannten Abiturientenkurs der Handelsakademie. »Für Söhne von Berufsoffizieren ist eine erstklassige Ausbildung der einzige Luxus«, pflegte er zu sagen.
Nach dem Krieg und den folgenden politischen Wirren bemühte sich die junge Republik Fuß zu fassen, und Vater war brennend interessiert, die Fehler des »Systems« zu korrigieren. Daraus entwickelte sich seine politische Tätigkeit, zuerst mit abendlichen Veranstaltungen an seiner Universität und dann bei öffentlichen Bürgerversammlungen. Von seinem klaren und ausgewogenen Denken beeindruckt, bewogen ihn seine Kollegen und die Bundesbrüder seiner CV-Verbindung »Austria Innsbruck«, sich der Wahl zum Nationalrat zu stellen, und 1927 wurde der erst Neunundzwanzigjährige tatsächlich zum Abgeordneten gewählt. Wie immer stürzte er sich mit Feuereifer auf die neue Aufgabe, die ein ständiges Pendeln zwischen Innsbruck und Wien bedingte. Die daneben noch bleibende Zeit ging dafür auf, in seinem Wahlkreis herumzufahren, mit den Menschen zu sprechen und Reden zu halten. Entsprechend selten sahen wir ihn schon damals zuhause.
Meine erste deutliche Kindheitserinnerung ist mit Nikolo verbunden. Traditionellerweise läßt der Krampus am 5. Dezember eine seiner Ruten in jedem Haus zurück, um die Kinder an das Bravsein und gutes Benehmen zu erinnern. In jenem ersten Jahr, an das ich mich erinnere, wurde ungefähr eine Woche nach Nikolo für mein Zimmer eine blau lackierte Bank mit aufklappbarem Sitz für meine Spielsachen geliefert. Während ich meine Bücher und Spielsachen in der neuen Bank verstaute, entdeckte ich irgendwo einen vergessenen Werkzeugkasten und darin einen Hammer, mit dem ich mich daran machte, an dem Möbel »Verbesserungen«, wie ich sie verstand, vorzunehmen. Mit dieser Arbeit war ich schon sehr weit gediehen, als ich Mutter kreischen hörte: »Kurti, was um Gottes willen machst du da?« Es war ein schlechtes Zeichen, denn an sich erhob Mutter kaum einmal die Stimme, hatte mich auch noch nie vom Boden weggerissen. Dann kamen die Worte, vor denen sich jedes Kind fürchtet: »Warte nur, bis Vater sieht, was du da angestellt hast.« Ihre wiedergewonnene Fassung und ruhige Stimme machten diesen Satz um so bedrohlicher.
Für den Rest des Nachmittags blieb ich in meinem Zimmer. »Denk darüber nach, was du getan hast …« Das war insofern nicht schwer, als mein »Werk« direkt vor mir stand. Wer hätte gedacht, daß ein Ausdruck meines individuellen Geschmacks zu einem derartigen Aufruhr führen würde. Die Zeit verging. Mein Abendessen kam auf einem Tablett. Das ließ Böses ahnen. Dann ein weiteres schlechtes Zeichen: keine Konversation, nur Anordnungen, »sitz gerade«, »verwend’ deine Serviette«, »iß dein Gemüse«. Ich tat wie geheißen. Kurze Zeit später hörte ich Vaters Stimme im Nebenzimmer, einen Ton, der mich normalerweise begeisterte, doch nicht an diesem Tag. Ich war fünf Jahre alt. Meine Gefühle schwankten zwischen Panik und Furcht. Die Tür ging auf und ich sah Vater mit der Krampusrute in der Hand. Für Verhandlungen bleib keine Zeit. Ich schoß an meinen überraschten Eltern vorbei, durch den Gang in den Salon und tauchte unter das seidenbespannte Sofa. Mit einer Wendigkeit, die mich überraschte, war Vater auf dem Boden, ergriff meinen Knöchel und zog mich wie einen Sack Kartoffeln hervor. Was folgte, war zu schmerzvoll, um hier dargestellt zu werden.
Das hassenswerte Möbelstück wurde repariert, »mit hohen Kosten«, wie mir gesagt wurde. Am liebsten hätte ich es angezündet. Doch es blieb da, als dauerhafte und schmerzliche Warnung.
Anfang 1932 wurde Vater zum Justizminister bestellt, zum jüngsten in der Geschichte Österreichs, und wir übersiedelten nach Wien. Eine neue Stadt, eine neue Wohnung, eine neue Schule und neue Freunde, hier fing mein Leben richtig an.
Die wesentlichsten Ziele der neuen Regierung waren ein ausgeglichener Budgethaushalt, die Verringerung der Arbeitslosigkeit und der Wiederaufbau der Wirtschaft. Als Folge der Weltwirtschaftskrise war Österreichs führende Bank, die Creditanstalt, 1931 in Konkursgefahr geraten und mußte durch eine Staatshaftung aufgefangen werden. Ein für das Land überlebenswichtiger Völkerbund-Kredit wurde gegen den heftigen Widerstand der politischen Linken durchgesetzt. Die Reaktionen selbst gemäßigter deutscher Blätter wie der »Frankfurter Zeitung«, die von einem »Diktat von Lausanne« schrieben, trugen naturgemäß kaum zur Beruhigung der öffentlichen Meinung bei.
Waren organisierte Störungen des Alltagslebens schon zur Routine geworden, so steigerten sich 1932 solche Unruhen in besorgniserregendem Ausmaß. Scharmützel zwischen der rechtsgerichteten Heimwehr und dem linken Schutzbund trugen dazu ebenso bei wie das Aufkommen des österreichischen Ablegers der NSDAP. Deren Anhänger begannen um diese Zeit ihr Hauptaugenmerk auf die jüdische Bevölkerung zu richten. In der Weihnachtszeit 1932 wurden »jüdische« Kaufhäuser Opfer von Tränengasattacken. Immer öfter prangten NSDAP-Symbole als Graffiti auf Hausfassaden, Gehsteigen, Brücken und Parkbänken. Das Hakenkreuz wurde geradezu allgegenwärtig.
Unser Privatleben normalisierte sich insofern, als wir wieder zusammen waren. Die Wohnung in der Mariahilfer Straße war nicht weit von Papas Büro am Minoritenplatz entfernt, ein angenehmer, viertelstündiger Spaziergang oder bei Regen eine kurze Fahrt mit der Straßenbahn. Mutter schien glücklich in der Großstadt und lebte sich rasch ein. Meine Erziehung verlief auf zwei Schienen, in einer öffentlichen Knabenschule des Katholischen Schulvereins und in der Tanzschule Elmayer.
In der Schule, wir waren zwanzig in meiner Klasse, machte man uns deutlich, daß wir zum Lernen hierwaren. Als Neuzugang, und noch dazu eher schüchtern, zögerte ich, Fragen zu stellen. Die einheimischen Buben waren für mich erschreckend selbständig. Nachdem ich wußte, daß sie mich nicht auslachen würde, fragte ich meine Mutter um Rat.
»Ein Bub hat mich gefragt, ob ich Katholik, Protestant oder Jude bin.«
»Und was hast du gesagt?«
»Ich war mir nicht sicher, also hab ich nur gesagt: ›Ich bin Tiroler.‹ War das falsch?«
Ihre Antwort war netter und ausführlicher als der kurze Kommentar der Mutter des anderen Buben: »Provinzler«.
»Der Elmayer« bemühte sich zu verhindern, daß wir zu gesellschaftlichen Witzfiguren würden. Rittmeister Wilhelm Elmayer hatte die Schule für Unterweisung in Tanz und gutem Benehmen nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Der beeindruckende Kavallerieoffizier war von der Front mit einem steifen Bein zurückgekommen. Sein goldbesetzter Stock betonte noch, als ob es notwendig gewesen wäre, die monokel-bewehrte Autorität. Offensichtlich war mit dem Herrn Rittmeister nicht gut Kirschen essen. »Onkel Willys« Manieren und sein Auftreten zeugten von Stil in jeder Lebenslage, vom Scheitel des perfekt gekämmten, dünner werdenden braunen Haares bis zur Sohle seiner stets polierten, handgemachten Schuhe.
Elmayer-Kurse waren in Altersklassen aufgeteilt. Wir Sechsjährigen wurden einer kleinen Gruppe von Damen anvertraut, die für die Durchsetzung von Onkel Willys Lehrplan zuständig war. Manchmal unterrichtete er uns auch selbst, aber nur diejenigen, die er persönlich auswählte. Unter seiner Anleitung wurde perfektes Verhalten erwartet. Er kombinierte militärische Disziplin mit dem Blick eines Scharfschützen, dem nichts entging. Ein falscher Schritt bei einem Menuett, ein Stolpern über die eigenen Füße oder, schlimmer, über die der Partnerin, die geringste Unaufmerksamkeit, und schon mußte man in der Ecke stehen, mit Blick auf die Wand. Diese besondere Art der erhöhten Aufmerksamkeit dauerte vier bis fünf Minuten, und früher oder später besuchte jeder die Ecken des Salons in der Bräunerstraße. Aber der gestrenge Onkel Willy konnte auch nett sein. Wir fanden ihn alle großartig. Unser Erfolg als Elmayer-Schüler war die treibende Kraft in seinem Leben.
Manchmal wurden Schüler ausgewählt, um an Theater- oder karitativen Auftritten mitzuwirken. Besonders diesen schenkte Onkel Willy sein Talent und seine Zeit. Er hielt solche Aktivitäten für notwendig, um an »Präsenz« zu gewinnen. Manchmal mußten wir in Biedermeierkostümen herumstiefeln, doch meistens spielten wir einen Teil einer Schneeflocke, einen Busch oder ähnlich Harmloses. Wir nahmen das überaus ernst, alles andere wäre ein Verrat an Onkel Willys Lehren gewesen. Keiner von uns ließ zu, daß auch nur ein Blatt sich vom Kostüm löste. Während einer Aufführung versuchte ein Neuling neben mir, heldenhaft ein Niesen zu unterdrücken, hielt den Atem an, bis sein Gesicht knallrot wurde und seine Augen durch die ziegeldicke Brille zu stoßen drohten. Nach ein paar Sekunden schüttelte es ihn, und die Brille fiel von seiner Stupsnase auf die Bühne. In einer fließenden Bewegung bückte er sich nach seiner Brille, trat dabei aber darauf und zerbrach sie. Und Onkel Willy? Onkel Willy war begeistert.
Die Gespräche der Erwachsenen wurden von nur einem Thema beherrscht, dem beunruhigenden Wachstum der NSDAP in Österreich. Schon Ende 1932 waren die Auswirkungen bereits auf der Straße spürbar. Öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte oder Kinos wurden von Nazidemonstranten gestört. Gruppen von Nazis versperrten die Ein- und Ausgänge der Universität Wien, bis die Polizei die Ordnung wiederherstellte.
Im März 1932 erschreckte die Entführung des Sohnes des amerikanischen Fliegers Charles Lindbergh die gesamte zivilisierte Welt. Nicht nur amerikanische Publikationen, auch alle europäischen berichteten in allen Details über das »Lindbergh Baby«, und alle Eltern waren entsetzt. Das sollte auch für mich Konsequenzen haben. Fortan hatte ich nicht nur mein Kinderfräulein, sondern auch einen Polizeibeamten in Zivil als Dauerbegleiter. Auch wenn dieser drei Meter hinter mir ging, war er so unauffällig wie eine ganze Rinderherde. Noch peinlicher war, daß er während des Unterrichts auf dem Gang vor meiner Klasse sitzen mußte. Ich flehte wochenlang, von dieser Qual erlöst zu werden, und stellte schließlich fest, daß das nicht mehr auszuhalten war. Daß Vater in der Öffentlichkeit stand, war mir egal, und daß es Unruhen auf den Straßen Wiens gab, erst recht. Meinen Eltern erklärte ich, es lieber mit einem Kidnapper aufnehmen zu wollen, als noch einen Tag diese Peinlichkeit zu ertragen. Die Sticheleien meiner Klassenkollegen waren einfach zuviel. Ich stampfte mit dem Fuß auf, um deutlich zu machen, daß es mir ernst war. Die Reaktion meines Vaters: »Was fällt dir ein, vor deiner Mutter mit dem Fuß zu stampfen!« Nachdem ich alles aufgeboten hatte, schwieg ich. Eine Art wortloser Kommunikation schien zwischen meinen Eltern stattzufinden, und schließlich gaben sie nach.
Am nächsten Tag ging ich mit einem außergewöhnlichen Gefühl von Befreiung und Leichtigkeit in die Schule, ohne über meine Schulter schauen zu müssen. Ich grüßte meinen Freund Peter Mayer und erzählte ihm sofort die guten Neuigkeiten. Er sah mich erstaunt an. Dann hob er den Kopf und drehte die Augen seitwärts. »Wenn das so ist, dann hat der einen Zwilling.« Ich drehte mich schnell um und sah ihn keine zehn Meter weit weg. Er hatte eine Zeitung vor dem Gesicht, aber auch wenn ihn das kurzfristig verdeckte, waren der karierte Anzug, die Melone und die braunen Schuhe das untrügliche Zeichen des Staatspolizisten. Mir fiel nichts mehr ein. Hatte der Mann es vergessen? Hatte man ihm nicht gesagt, daß er mir nicht mehr folgen sollte? Mittags wieder zuhause, schmollte ich, stellte meine Mutter zur Rede und erfuhr eine häßliche Wahrheit: Ist es im Interesse ihrer Kinder, dürfen Eltern auch lügen.
Um mich zu beruhigen, gab es doch ein paar kleine Änderungen. Mein »Schatten«, wie ich ihn nannte, mußte sich nun wirklich bemühen. Blitzschnell sprang er hinter Bäume (wenn es welche gab), versteckte sich hinter Autos (sofern sich diese nicht bewegten), manchmal unternahm er sogar das abgeschmackteste aller Manöver, die plötzliche Kehrtwendung. Ihn zu überraschen, verschaffte mir einige Befriedigung. Indem ich mich grundlos umdrehte, ertappte ich ihn manchmal. Er saß nicht mehr auf dem Gang in der Schule, sondern in einer Kammer. Er war da. Ich wußte, daß er da war, und er wußte, daß ich es wußte. Vermutlich hätte er mich gern dafür erwürgt, daß ich ihm das Leben zur Hölle machte.
Meine engsten Freunde, Peter Mayer und Rudi Fugger, ignorierten den Klotz an meinem Bein. Der vernünftige und ernste Peter war die Sorte Bub, von der jede Mutter träumt: Immer gekämmt, die Socken immer oben, schien er auch nie schmutzig zu werden. Seine dunklen Augen und sein dünnes, eckiges Gesicht strahlten Ernst und Ehrlichkeit aus. Er war ein durch und durch netter und treuer Freund. Nur sechs Jahre später würde er mit seinen Eltern und seinem Bruder aus Österreich fliehen müssen, denn obwohl gläubige Katholiken, gab es einen Tropfen jüdischen Blutes in der Familie. Und dann war da Rudi: stürmisch, witzig, abenteuerlustig, wie ich dünn und drahtig. Seine elektrisierenden blauen Augen und sein Grinsen schienen immer auf der Suche nach dem nächsten Streich. Wir drei waren vollkommen verschieden und standen in dauernder, spielerischer Konkurrenz.
Rudi: »Ich hab von einem Buben gehört, der auf einer Wiese eingeschlafen ist. Ein Wurm ist in seinen Mund gekrochen, hinunter in seinen Magen und hat das Ganze aufgefressen.«
Ich: »Na, und ich hab gehört, daß eine Raupe einem Mann ins Hirn gekrochen ist, durch das Ohr. Dort ist sie gestorben und alles ist verfault.«
Der ernste Peter, mit vor lauter Konzentration gerunzelten Augenbrauen, schaute uns an und explodierte. »Ihr seid beide verrückt. Der Magen würde den Wurm verdauen, und eine Raupe ist viel zu groß, um durch den Gehörgang ins Gehirn zu kommen. Ich glaub’ euch kein Wort.« Peter war auf ruhige Art intelligent und hatte einen gesunden Menschenverstand. Unsere sehr verschiedenen Charaktere ergänzten einander. Vielleicht hatten wir deshalb eine so ausgleichende Wirkung aufeinander.
Die Freundschaft zwischen Rudi und mir führte dazu, daß auch unsere Mütter Freundinnen wurden, eine Freundschaft, die später entscheidende Auswirkungen auf Vater haben sollte. Rudis Mutter Vera war eine geborene Gräfin Czernin-Chudenitz. Sehr jung hatte sie Leopold Graf Fugger-Babenhausen geheiratet. Rudi hatte drei Schwestern, Nora, Rosemarie und Sylvia. Ihre Eltern lebten getrennt, die Mutter in Wien, der Vater in Deutschland. War dieses Arrangement außergewöhnlich, so schien es doch besser, als das ungeschriebene elfte Gebot zu brechen: »Du sollst dich nicht scheiden lassen.« Im katholischen Österreich und in Bayern sprach man dieses Wort nicht einmal leise aus. Das Thema war so tabu, daß ich Rudi niemals danach fragte.
Mutter und Vera waren ungefähr gleich alt. Beide galten als Schönheiten. Mama hatte leicht gewelltes, kurzes blondes Haar, leuchtende blaue Augen, hohe Wangenknochen und eine vollere Unterlippe, sie war schlank und mittelgroß. Vera, größer und auch blonder, dies freilich etwas weniger natürlich, schien um ihren Mund herum immer zu lachen. Beide waren sie auffallend hellhäutig. Veras hervorstechendes Merkmal aber waren ihre Augen, was weniger an deren Farbe als an der Form lag. Wie große Mandeln sahen sie aus und gaben ihr einen exotischen, fast ein bißchen asiatischen Anstrich.
Wenn Rudis Schwestern die Ferien bei ihrem Vater verbrachten, wuchs unsere Dreierfamilie durch Rudi und seine Mutter auf fünf Personen an. Im Winter fuhr man Ski, nicht im schicken Kitzbühel, sondern im ruhigeren St. Anton. Das komfortable Hotel Post lag gleich am Ende der Kandaharpiste. Rudi, mein Kinderfräulein und ich wohnten nebenan, in der bescheideneren Dependance, mit dem großen Vorteil, nicht immer unter der Kontrolle der Eltern zu sein.
Im Sommer gab es unterschiedliche Reiseziele. In der italienischen Stadt Sistiana erlebte ich zum erstenmal, was für ein Draufgänger Rudi war. In dem zutreffend »Grand Hotel« genannten Haus logierten die Eltern und Tante Vera. Rudi, mein gleichmütiges, leicht nachgiebiges Kinderfräulein und ich wurden in einer nahen Pension untergebracht. Dort machten wir uns nach kurzer Orientierung im Haus an die Erkundung der Umgebung. Rudi ließ sich bei einem Teich, in Wahrheit einem mit braunem Wasser gefüllten Loch, zu Boden fallen und erklärte Sistiana zum Altersheim. Zunächst warfen wir gelangweilt Kieselsteine ins Wasser, bis wir bemerkten, daß die Pfütze voller Kaulquappen war.
»Arme Kleine«, sagte Rudi, »die sind in diesem Dreck gefangen. Wir sollten ihnen ein besseres Zuhause verschaffen« – nämlich in den Wasserkrügen der Gästezimmer. Die Idee war gut, aber mich störte die Angst, bei solcher Untat erwischt zu werden. Die Reaktion meines Vaters war nur allzu leicht vorhersehbar. Rudi hingegen war überzeugt, daß die Sache schlimmstenfalls nicht über das Kinderfräulein hinausgehen werde. Für ihn war das Risiko Teil des Reizes, zumindest solange sich seine Mutter nicht einschaltete, vor deren Zorn er großen Respekt hatte.
Nachdem wir uns mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht hatten, arbeiteten wir einen Plan aus. Die Zimmer wurden aufgeräumt, während die Gäste beim Frühstück saßen. Das war der entscheidende Moment. Nachdem wir keine Mahlzeit versäumen wollten, kamen wir am nächsten Morgen schon so früh ins Speisezimmer, daß wir gefrühstückt hatten, als die ersten Gäste auftauchten. Ich lief in unser Zimmer und griff mir den mit Wasser und Kaulquappen gefüllten Krug und ein Zahnputzglas zwecks »Überführung« der Tierchen – und rannte mit beidem direkt in den Bauch der Putzfrau. Irgendwie drängte ich mich an ihr vorbei, traf Rudi im Stiegenhaus, und hinter einem Vorhang auf dem Gang leerte ich das Wasser und ein paar Kaulquappen in das Zahnputzglas. Während die Zimmerfrau sich an ihrem Wäschewagen zu schaffen machte, schlüpfte Rudi katzengewandt an ihr vorbei in ein offenes Zimmer und leerte die Kaulquappen in den Krug auf dem Waschtisch. Zurück hinter den Vorhängen auf dem Gang, bogen wir uns zunächst vor Lachen und warteten auf die nächste Gelegenheit – und da ist es dann schiefgelaufen. Wieder war die Zimmerfrau auf dem Gang beschäftigt, als Rudi und ich mit einem weiteren Glas voll Kaulquappen in das offenstehende Zimmer schlichen. Nur leider: Vom Gang aus bemerkte die Bedienerin in einem großen Spiegel, der gegenüber dem Waschtisch in jenem Zimmer hing, wie ich die kleinen Wesen aus meinem Glas in ihr neues Heim verfrachtete. Obwohl nicht mehr jung, bewegte sich die Frau blitzschnell, und ebenso prompt brannten unsere Hintern. Dann schleppte sie uns, mit kräftigen Händen unsere Nacken fest umschlossen haltend, zu »la Signora«, der Besitzerin der Pension, und diese ließ unsere »Signorina« holen. Auch deren Reaktion fiel höchst unangenehm aus, immerhin zeigte sie uns aber nicht bei den von uns am meisten gefürchteten Autoritäten an.
Wenn ich im großen und ganzen mit meinen Kinderfräuleins Glück hatte, gab es da doch eine Ausnahme. Frau Soundso, in dem »gewissen Alter« und absolut unerbittlich, war uns von den Nonnen des Katholischen Schulvereins empfohlen worden. Während ihrer dankenswert kurzen Herrschaft sah ich sie nie anders als in Schwarz. Nun ist an schwarzer Kleidung im Prinzip nichts auszusetzen, aber bei Frau Soundso verstärkte das noch ihre an und für sich schon unangenehme Ausstrahlung. Vom ersten Augenblick an wußte ich, dieser Mund mit den kaum sichtbaren Lippen würde nie Schlaflieder singen. Ihr Haar war so eng zusammengebunden, daß es wie aufgemalt aussah, und ihre Adlernase trug nicht dazu bei, den Eindruck von Strenge zu mildern. Als wäre das nicht genug gewesen, gab es da noch diese Augen: kleine, schwarze Knopfaugen mit schweren Lidern. Wenn Frau Soundso mit den Händen im Schoß und den Blick nach unten gerichtet dasaß, war kaum auszumachen, ob sie wach war oder schlief.
Eines Nachmittags entdeckte ich sie in genau dieser Stellung. Auf dem Tisch neben ihr stand ein Teller Kekse. In der Meinung, sie sei eingenickt, näherte ich mich der regungslos Sitzenden. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Als ich aber nach den Keksen griff, schoß ihre knochige Hand schneller als ein Jagdfalke vor und packte mein Handgelenk. Ihr kalter, wimpernloser Blick wirkte auf mich wie der Schlangenbeschwörer auf die unglückselige Kobra. Sie sagte kein Wort. Da schlug die Uhr und weckte mich aus meiner kurzen Trance. Ich riß mich los und rannte so schnell aus dem Zimmer, daß hinter mir Papiere vom Tisch flogen. Sogar schon in Sicherheit glaubte ich noch immer, diese schrecklichen Augen zu spüren, die sich in meinen Rücken bohrten.
Für Liesl, unsere Köchin, war Frau Soundso zu dünn, als daß in ihrem Körper Platz für ein Herz bliebe. Selbst gut gepolstert, hielt Liesl »dünn« und »unausstehlich« für Synonyme, und mit ihr zweifelte ich nicht, daß das im Fall der Frau Soundso zutraf. Ihre ganze Art war so unangenehm, daß selbst Vater sich in ihrer Gegenwart unwohl zu fühlen schien. Für meinen Teil hatte ich nur fürchterlich Angst vor ihr. Irgendwann machte Mutter, nachdem sie wochenlang still gelitten hatte, dem allen ein Ende und kündigte Frau Soundso, obwohl es ihr an sich schwerfiel, jemanden zu entlassen.
Und dann erschien Fräulein Alice in unserem Leben, das einzige Kinderfräulein, an dessen Namen ich mich erinnere. Sie war eine von zwei Töchtern guter, hart arbeitender Eltern. Ihr Vater war ein erfolgreicher Tapezierer. Die Familie lebte in einer großen, sonnigen Wohnung in der Neubaugasse. Alice hatte das Sacré-Cœur-Gymnasium in Wien besucht, sprach außer Deutsch auch Französisch und Englisch und war schon in Belgien und England »im Dienst« gewesen. Mittelgroß und von sportlicher Figur, hatte sie kurzes, braunes Haar, das ihre großzügigen, immer leuchtenden braunen Augen betonte. Doch weder dieses ansprechende Äußere noch ihre Erfahrung, schon gar nicht die Empfehlung durch die Klosterschwestern war es, was Fräulein Alice so besonders machte. Sie hatte ein Herz aus reinem Gold. Scheinbar mühelos fügte sie sich in unser Leben ein. Niemand hätte vorhersagen können, wie sehr sie uns verbunden bleiben würde. Ihre außergewöhnlich guten Nerven wurden fast sofort nach ihrer Ankunft auf die Probe gestellt.
Das schöne Augarten-Palais, Eigentum der Republik, war in Wohnungen für Regierungsvertreter umgewandelt und eine davon meinem Vater zugeteilt worden, der seit Mai 1933 neben dem Justizressort auch noch das Unterrichtsministerium übernommen hatte. Bei soviel Arbeit kam er immer erst spät nach Hause und war dort nie lang genug, um das großzügige Palais und den umliegenden Park zu genießen. Mutter, Fräulein Alice und ich taten das um so regelmäßiger. Nicht nur war die neue Wohnung doppelt so groß wie jene auf der Mariahilfer Straße, plötzlich gab es ringsherum Bäume und Gärten. Fräulein Alice und ich kamen endlich wieder an die frische Luft, während die Parkanlagen in der Nähe unserer früheren Wohnung seit den Konflikten zwischen Heimwehr und Schutzbund für uns zu verbotenen Zonen geworden waren.
In den Gefilden der österreichischen Politik, die nicht gerade für ihre Objektivität und die Aufrichtigkeit der handelnden Personen bekannt war, hatte Vater einen unantastbaren Ruf. Sein unerschütterlicher Glaube und die Liebe zum Vaterland machten ihn immun für Einflußnahmen oder gar Korruption. Wie überall sonst, gab es auch in Österreich genügend Menschen, die einflußreiche Persönlichkeiten auf mancherlei Art in Versuchung zu bringen trachteten. Da bekannt war, daß Vater Geschenke entweder sofort zurückschickte oder gleich ablehnte, versuchte man es anders. Das Ergebnis blieb immer dasselbe. Auch Geschenke »für den kleinen Kurti« langten ein. Wäre ich nicht zufällig einmal im Büro meines Vaters aufgetaucht, hätte ich das nie erfahren: Fräulein Alice und ich kamen gerade in dem Moment herein, als der Sekretär meines Vaters höflich die Annahme eines glänzenden, mit Maschen versehenen Fahrrads verweigerte.
Den Spendern von Pralinen und Schokoladen, die anscheinend kistenweise angeliefert wurden, dankte man im Namen derer, die sie letztlich erhalten würden, nämlich der Armen und Alten von Wien. Mutter arbeitete über den »Altwienerbund« ohne Unterlaß daran, das Leben dieser Benachteiligten zu verbessern. Es war die wichtigste ihrer vielen karitativen Aktivitäten. Die Armen und Alten waren für die Schokolade wirklich dankbar. Ich mochte Schokolade ungefähr so wie Lebertran, mit dem ich ständig zwangsbeglückt wurde. Hob man mich auf die Knie irgendeines Gratulanten, mußte ich mir fast immer eine Praline in den Mund stopfen lassen. Kein Mensch hat je gefragt, ob ich Schokolade überhaupt mochte.
Vater war durch nichts zu erschüttern. Einmal kam eine Kiste Obst von seinem eigenen Schwager. Dieser Onkel war unter anderem Obstexporteur in der Südtiroler Stadt Bozen. Obwohl seit dem Ende des Ersten Weltkrieges italienisch, wurde Südtirol von Österreich noch immer mit finanziellen Unterstützungen bedacht. Subventionen gab es auch für Wirtschaftszweige in österreichischem Besitz oder unter österreichischer Leitung. Dazu gehörte der Obstanbau. Aus Sorge, die Gabe aus Südtirol könnte deshalb falsch interpretiert werden, selbst wenn sie von einem nahen Verwandten kam, ließ Papa die Kiste an seinen darüber etwas verstimmten Schwager zurückschicken. Mit der Zeit fand ich mich damit ab, daß kein Zeichen des guten Willens je bei mir ankommen würde, außer den verhaßten Pralinen.
Eines Tages wurde ich zu den Ställen im Augarten beordert. Als Fräulein Alice und ich ankamen, gab mir einer der Stallburschen eine Karte mit der Aufschrift »Für Kurti«. Die Unterschrift war mir unbekannt. Dann bat mich der Bursche, die Augen zu schließen, und führte mich um eine Ecke. »Mach die Augen auf!«, schrie er dort und zeigte mir mit theatralischer Geste ein wunderschönes Pony, das an eine glänzende Kutsche angeschirrt war. Fräulein Alice war ebenso sprachlos wie ich. Nie mit Geschenken verwöhnt, überstieg so etwas meine Vorstellungskraft. Wir gingen um die »Erscheinung« herum. Ich berührte den Wagen. Er war fest und echt, keine Spur von Erscheinung. Obwohl außer mir vor Freude, überraschte mich doch, daß Vater hier nachgegeben hatte. Wir gaben dem Pony Karotten zu fressen und zermarterten uns den Kopf nach einem passenden Namen. Auch Mutter wußte nicht, wer der Spender war. Da aber ohne Vaters Erlaubnis nichts in den Augarten geliefert wurde, stimmte sie in unseren Jubel ein.
Am nächsten Tag wurde dieses großartigste aller braun-weißen Scheckponys ausgeführt. Es stolzierte vor uns und schüttelte die Mähne. Wir saßen in der wunderschönen, buttergelben Kutsche mit der schokoladefarbenen Verkleidung. Das dazupassende braune Dach über den beigefarben gepolsterten Ledersitzen war geöffnet worden. Bewundernde Blicke flogen uns zu. Der Stallbursche an den Zügeln nahm auf dem Weg zu meiner Schule absichtlich einen langen Umweg. Als wir ankamen, läutete gerade die Schulglocke und ich entging mit knapper Not einer Eintragung wegen Zuspätkommens. Einer aber kam wirklich zu spät: der hinkende, schnaufende Sicherheitsbeamte, mein Leibwächter.
Alle meine Freunde durften auf dem Schulgelände herumkutschiert werden. Schließlich kamen wir später als üblich zuhause an. Vater traf eben vom Ministerium ein, als wir unseren auffälligen Auftritt hatten. Fräulein Alice und ich hielten seinen höchst überraschten Blick zunächst für Bewunderung. Aber das Donnergrollen folgte auf dem Fuße. Wortlos machte er kehrt und stürmte, jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, in unsere Wohnung hinauf. Ich schaute Fräulein Alice an, die nichts sagte, auch wenn man ihr die Unsicherheit ansah. Ich wurde auf mein Zimmer gebracht. Obwohl Fräulein Alice die Tür hinter sich schloß, hätte man taub sein müssen, um die folgende Szene nicht zu hören.
»Was zum Teufel versucht ihr zu tun? Wollt ihr mich ruinieren? Was habt ihr euch gedacht, so ein Geschenk anzunehmen? Wo auch immer dieses Pony und die Kutsche hergekommen sind, schickt das sofort zurück!«
Dann knallte eine Tür. Vater war immer schon ein Türenknaller gewesen. Glücklicherweise hatten alle unsere Wohnungen solide Türrahmen. Fräulein Alices wußte fortan um die Besonderheiten unseres Familientemperaments.
Die strahlend gelb-braune Kutsche und das Pony mit dem glänzenden Fell verloren sich aus meinen Augen, wenn auch nicht aus dem Sinn. Die Sache wurde nie wieder erwähnt. Nur einer war erleichtert: mein beamteter Leibwächter.
Am 30. Jänner 1933 war in Deutschland Hitler an die Macht gelangt.
Am 4. März 1933 wurde dem österreichischen Parlament ein für die Sozialdemokraten wichtiger Gesetzesentwurf vorgelegt. Der Parlamentspräsident hat kein Stimmrecht, seine beiden Stellvertreter jedoch schon. Es gab eine Pattsituation. Auf Anraten seines Parteikollegen Otto Bauer legte der Präsident, der Sozialdemokrat Karl Renner, sein Amt nieder. So würde das Amt an den Christlichsozialen Rudolf Ramek weitergereicht werden, und die Sozialdemokraten hätten zwei Stimmen mehr gehabt. Um das zu verhindern, trat auch Ramek zurück. Um nicht zum Spielball zwischen den zwei anderen Parteien zu werden, trat nun auch Sepp Straffner, Großdeutscher und zweiter Stellvertreter Renners, zurück. Dadurch hatte sich das Parlament de facto selbst aufgelöst.
Diese Verfassungskrise wurde durch Bundeskanzler Dollfuß gelöst. Er setzte die außer Kraft gesetzten kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetze von 1917 wieder ein. Wenn man Hitlers Machtergreifung, seine öffentlich geäußerten Ansichten über Österreich, wie sie in »Mein Kampf« zu finden sind, und die fast permanente Pattsituation im Parlament, die durch die fast vollständige Unfähigkeit der Parteien, sich auch bei den einfachsten Dingen zu einigen, bedingt war, berücksichtigt, war das eine glückliche Wendung für Bundeskanzler Dollfuß. Er glaubte nun in der Lage zu sein, wenigstens einige der gravierendsten Mißstände im Parlament beseitigen zu können. Zunächst wurde Ende März 1933 der Schutzbund, die sozialdemokratische Miliz, verboten, am 6. Mai die Kommunistische Partei und schließlich am 19. Juni die NSDAP.
Am 27. Mai 1933 verfügte Nazi-Deutschland eine Sondersteuer von tausend Reichsmark für jede Ausreise nach Österreich. Da die deutschen Feriengäste immer rund sechzig Prozent aller nach Österreich reisenden Touristen gestellt hatten, konnten die augenblicklich eintretenden Folgen, vor allem in den wirtschaftlich weitgehend auf den Fremdenverkehr angewiesenen Bundesländern Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Kärnten, nur katastrophal sein. Genau das war beabsichtigt: die Sabotage der österreichischen Wirtschaft. Gleichzeitig mit der »Tausend-Mark-Sperre« überschwemmte eine Flut von Nazi-Terror die kleine Republik. Jeder verfügbare Sprengkörper wurde verwendet. Den ganzen Sommer hindurch fand man unzählige Verstecke mit Sprengmaterial. Doch die Bomben gingen weiter hoch, mit bis zu 125 Attentaten pro Monat. Das Land wurde systematisch durch Attentate auf Kraftwerke, Umspannwerke, Bahnhöfe, Brücken, Amtsgebäude und Polizeiposten geschwächt. Es gab auch einfachere Arten der Sabotage, wie das Durchtrennen von Telefonleitungen. Züge wurden oft gestört: Ein Teil der Oberleitung wurde beschädigt oder zerstört, oder es wurden Felsbrocken auf die Gleise gelegt. Es gab mehrere Attentatsversuche auf den Bundeskanzler, den Vizekanzler und den Justizminister.
Der Vertrag von St. Germain erlaubte Österreich, ein stehendes Heer zu unterhalten, doch eines mit nicht mehr als 30 000 Soldaten. Das war vollkommen unzureichend für die Verteidigung und Sicherung eines Gebiets von 84 175 km2. Es gab unzählige Möglichkeiten, Unruhe zu stiften und die Polizei in die Irre zu führen.
Auf der Suche nach wohlgesinnten Nachbarn setzte sich Bundeskanzler Dollfuß der Augusthitze Italiens aus. Dort wurde ihm der Empfang zuteil, auf den er gehofft hatte. Mussolini hatte für Hitler wenig übrig und versicherte Österreich seiner Unterstützung. Zusätzlich war da noch Österreichs Nützlichkeit als Pufferstaat. Die Aussicht auf deutsche Truppen am Brenner konnte für den italienischen Diktator nicht erstrebenswert sein.
Anfang Februar 1934 explodierten an nur einem Tag vierzig Bomben. Auf Regierungsmitglieder und andere österreichische Patrioten wurden Anschläge auch mittels Briefbomben verübt.
Der 12. Februar 1934 begann für uns mit der Meldung einer Explosion in unserer Innsbrucker Wohnung. Durch den Briefschlitz war eine Bombe hineingeworfen worden. Aber das war die weitaus unwichtigste aller schlechten Nachrichten an diesem Schicksalstag. Als hätte das Land mit dem Naziterror nicht genug zu tun gehabt, begann der ebenso kurze wie überaus blutige Bürgerkrieg zwischen militanten Sozialdemokraten und den von der Heimwehr unterstützten Ordnungskräften der Regierung.
Emil Fey, der Vizekanzler und Sicherheitsminister, hatte eine Durchsuchung des Hauptquartiers der Sozialdemokratischen Partei in Linz nach Waffen angeordnet. Während der Durchsuchung kam es zu einer Schießerei. Später wurden in Wien Kraftwerke beschädigt und Telefonleitungen gekappt. Der verbotene Schutzbund erhob sich. In Wien wurden mehrere Polizisten durch Heckenschützen umgebracht, was das Pulverfaß zur Explosion brachte, und so eskalierten die Kämpfe. Bundeskanzler Dollfuß beorderte Truppen in den Karl-Marx-Hof in Wien. Als militärisches Hauptquartier des Aufstands war der Gemeindebau schon lange vorher von allen verlassen worden, die nicht zum Schutzbund gehörten. Die Schlacht wütete. Endlich, nach drei Tagen, beruhigte sich die Situation.
Im Mai 1934, als Optimisten meinten, eine zaghafte Beruhigung der Lage zu erkennen, trat George Messersmith seinen Posten als neuer US-Gesandter in Wien an, einen Dienst, der äußerst kurz geworden wäre, hätte man im Hotel Bristol, wo er vorerst Quartier nahm, nicht rechtzeitig einen Sprengsatz entdeckt, mächtig genug, um das ganze Haus in die Luft zu jagen.
Dieser Sommer 1934 war besonders heiß. Wer immer konnte, entfloh der brütenden Hitze in der Stadt. Am 25. Juli fuhr Mutter mit ein paar Freunden ins Strombad bei Klosterneuburg, für uns Buben ein ganz besonderes Ereignis. Nach dem Mittagessen wurde sie zum Telefon gerufen. In der Annahme, daß es Vater sei, folgte ich ihr hinaus. Während sie zuhörte, verfinsterte sich ihre Miene zusehends, und nach ein paar kaum hörbaren Worten legte sie blaß und still den Hörer auf, nahm wortlos meine Hand und führte mich zurück zu unserer Gesellschaft. Dort erklärte sie, in Wien dringend gebraucht zu werden. Daß sie soeben vom Mord an Bundeskanzler Dollfuß erfahren hatte, verschwieg sie uns. Wir sollten bleiben und uns gut unterhalten. Der Chauffeur werde später zurückkommen und uns abholen. Sie umarmte mich und ermahnte mich, brav zu sein, als hätte ich nicht gewußt, daß ich mich vor Gästen niemals schlecht benehmen durfte. Mit einem sehr unguten Gefühl sah ich sie wegfahren.
Gegen Abend brachte uns das Auto zurück in die Stadt, wo ich als letzter zuhause abgesetzt wurde. Schon in der Nähe des Augartens standen auffällig viele Polizisten am Straßenrand, im Park selbst und in der Auffahrt zum Palais dann auch Soldaten. Irgend etwas war los. Da standen bewaffnete Männer in Bereitschaft, die ungeschickt versuchten, ihre Waffen vor mir zu verbergen. Der Chauffeur fuhr an unserem Eingang vorbei an ein anderes Ende des Gebäudes. Ich erfuhr, daß ich für diese Nacht bei den Davids, unseren Nachbarn, bleiben sollte. So etwas war noch nie passiert. Und von meinen besonders netten Gastgebern erfuhr ich auch keinen Grund. Ich bekam mein Abendessen und wurde ins Bett gesteckt. Trotz meiner Empörung, wie ein Kleinkind behandelt zu werden, schlief ich wie ein solches, kein Wunder nach dem langen Tag am Wasser und der Aufregung über was auch immer geschehen war.
Später in der Nacht wachte ich durch laute, ungewohnte Geräusche auf. In einiger Entfernung sah ich Lichtpunkte, die sich eigenartig durch die Dunkelheit bewegten, und hörte kleine Explosionen. Außerdem waren Schreie zu hören. Vor dem Fensterbrett kniend erkannte ich, daß hinter den Lichtkegeln Männer mit Taschenlampen standen und daß die Knallerei Schüsse waren. Das schnell Spuckende mußte ein Maschinengewehr sein, die anderen wahrscheinlich Pistolen und Gewehre. Außerdem hörte ich splitterndes Glas und das Zwitschern von Kugeln, die an festen Oberflächen abprallten. Mit dem Gewehrfeuer vermischten sich gebrüllte Befehle. Aus aufgeschnappten Gesprächsfetzen folgerte ich, daß entweder die »Hakenkreuzler« oder die »Roten« für den Lärm da draußen verantwortlich waren. Wer auch immer, in einer ernsteren Situation war ich noch nie gewesen. Der Pulverrauch drang bis in mein Schlafzimmer. Das hier war etwas ganz anderes als die Schlachten, in die ich meine Zinnsoldaten geschickt hatte. Plötzlich merkte ich, daß sich unter meinem Fenster etwas bewegte. Ich blinzelte ins Dunkle und hielt den Atem an. Sollte ich schnell jemanden holen? Es wäre leicht für einen von »denen«, über eine Leiter in mein Zimmer zu steigen und uns alle umzubringen. Als es für kurze Zeit still wurde, hörte ich ganz in der Nähe ein unterdrücktes Stöhnen, gefolgt von einer ohrenbetäubenden Explosion. Der Kampf hatte wieder begonnen.
Die Zeit meiner Wache am Fenster schien mir wie eine Ewigkeit. Irgendwann wurde ich so müde, daß ich mich auf mein Bett setzte. Die Kämpfe schienen sich auf das entgegengesetzte Ende des Gebäudes zu konzentrieren, dort, wo unsere Wohnung lag. Bis jetzt war niemand in mein Zimmer gekommen. Ich war sehr versucht, nachzuschauen, ob es den Davids gut ging, erinnerte mich aber, daß meine Mutter mich nachmittags ermahnt hatte, ein »braver Bub« zu sein. Also blieb ich, wo ich war, und schlief schließlich doch ein.
Bei Tagesanbruch holte mich einer der Diener und brachte mich zu meinen Eltern, die in einer anderen Wohnung im Augarten die Nacht durchwacht hatten. Von ihnen erst erfuhr ich, daß Bundeskanzler Dollfuß von den Hakenkreuzlern umgebracht worden war. Ein erstes Attentat hatten sie schon im vergangenen Oktober versucht, jetzt war es ihnen gelungen.
Im Augarten-Palais herrschte Hochbetrieb. Jedermann war mit irgend etwas beschäftigt. Mein Fräulein Alice, der es endlich gelungen war, quer durch Wien bis zu uns durchzudringen, half bei der Einrichtung eines Übergangsquartiers. Ich nutzte die Gelegenheit und stahl mich aus der Wohnung der Davids. Eine Armee von Wachposten mit der Waffe im Anschlag umringte das Areal. Aber die Pockennarben der Einschüsse an der Fassade und der herumliegende Schutt waren unübersehbare Spuren der Kämpfe. Etliche Arbeiter waren mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Aus ihren Gesprächen entnahm ich, daß Polizei und Militär bis zum Morgengrauen mit den Hakenkreuzlern gekämpft hatten. Als einer der Arbeiter mir zu Vorsicht riet, kehrte ich zu unserer Wohnung zurück, auch um Fräulein Alice nicht zu beunruhigen. Für mich waren Hakenkreuzler, Braunhemden und Nazis für alles Böse verantwortlich. Zudem warfen die Ereignisse des vorigen Tages eine ganz neue Frage auf: Wenn sie Dollfuß, den die Polizei und das Heer beschützt hatten, ermorden konnten, wer war dann noch sicher? Für einen Achtjährigen ein bißchen viel auf einmal, und das war erst der Anfang.
Die Arbeiter schufteten rund um die Uhr. Binnen kurzem war von dem Werk der Terroristen keine Spur mehr zu sehen, die Einschußlöcher aufgefüllt, die Räume frisch ausgemalt, die Fensterscheiben ersetzt, Porzellanscherben und zerbrochenes Kristall aufgekehrt, die zersplitterten Möbel weggebracht. Auf das kleinste Detail war geachtet worden. Riesige Sträuße weißer Lilien säumten das Foyer, und Rosen quollen aus den schweren Bleikristallvasen im großen Salon. Vaters Bibliothek ging im Blumenschmuck unter. Diese Pracht hatte einen prosaischen Grund, man hoffte, durch den Blumenduft den Pulvergestank zu überdecken, der noch überall in der Luft hing. Von einer Schale voll Trauben und Feigen auf dem Eßtisch bis zu den frisch gestrichenen zitronengelben Wänden, alles sollte Normalität bezeugen. Genau genommen sah die Wohnung besser aus als zuvor.
Trotzdem wußte ich, als ich mit meinen Eltern von Zimmer zu Zimmer ging, daß nichts »normal« war und es auch nie wieder sein würde. Die materiellen Schäden waren zu ersetzen, nicht aber die mit den jetzt verschwundenen Sachen verbundenen Erinnerungen, der bemalte Kleiderkasten, die Nachttische und Lampen, all das flüsterte mir zu und machte mich taub. Aber ich behielt diese Gedanken für mich. Obwohl es Vater äußerlich gut ging, spürte ich Mutters Unbehagen. Sicher ging es ihr nicht um die vielen zerstörten Sachen. An materiellem Besitz hing sie nie besonders, trauerte ihm nicht nach. Ihre Unruhe zeigte sich auf andere Art. Leise Geräusche erschreckten sie plötzlich, sie griff in der Öffentlichkeit öfter nach meiner Hand, Menschenmengen beunruhigten sie. Ihre Augen gingen unstet von einem zum anderen, als ob sie versuchte, jemanden oder etwas zu erkennen. Für mich war am ärgsten, nicht mehr im offenen Auto, dem »Landauer«, meinem Lieblingsverkehrsmittel, durch die Stadt fahren zu dürfen. Ich betete, daß diese lästige Beschützungsphase bald vorübergehen möge.
Diese Nacht wurde nie mehr erwähnt. Das wurde uns dadurch leichter, daß wir unsere frisch reparierte Wohnung nicht mehr lang benützen würden. Man hielt es nach dem Geschehenen für problematisch, daß jedermann so leicht an die Residenz des Bundeskanzlers – das war Vater ja jetzt –, herankam. So wurden wir in das ehemalige Kriegsministerium »verfrachtet«, das riesige, auf mich um so mächtiger und abweisender wirkende Regierungsgebäude an der Ringstraße.
Vater sorgte sich weiter um die Sicherung der österreichischen Unabhängigkeit. In der dritten Augustwoche 1934 fuhr er das erste Mal als Bundeskanzler nach Italien, um Mussolini daran zu erinnern, daß Österreich auf seine Unterstützung vertraute.
Kaum drei Wochen später stand der Bundeskanzler vor den Repräsentanten des Völkerbundes in Genf, beschrieb kurz die geographische und historische Position seines Landes in Europa und betonte einmal öfter die Bedeutung eines unabhängigen Österreich. Er bat um Verständnis für die Reaktion der Bundesregierung auf die Krisen des 12. Februar, den Putschversuch des Schutzbundes, und des 25. Juli, die Ermordung von Dollfuß. Er machte deutlich, daß er keine Rache hege gegen die »Feinde von gestern«. Österreich wolle nur in Frieden seinem Schicksal folgen. Wer aber versuche, die österreichische Wirtschaft zu schädigen, würde bestraft, sagte er. Schließlich gestand er zu, daß die derzeitige Regierungsform Österreichs, der »Ständestaat«, Demokratien wie England oder Frankreich, fremd sein möge. Diese Art Demokratie aber sei in Österreich noch sehr jung und ebenso fremd. Das zentrale Thema, unabhängig von der Regierungsform, sei jetzt die Unabhängigkeit des Landes.
Bevor noch der September zu Ende ging, lag eine gemeinsame Erklärung Englands, Frankreichs und Italiens vor, mit der die Unabhängigkeit Österreichs bekräftigt wurde.
In seinem Wunsch nach Sicherheit war Österreich aber keinesfalls allein. Das zeigte der Wien Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Gömbös. Anfang November, weniger als zwei Wochen später, und nach weiteren Gesprächen mit Mussolini, reiste der Bundeskanzler nach Budapest. Der Bau einer »Feuermauer« zwischen Österreich und Deutschland war das Erfordernis der Stunde.
Erst nach 1900 als Kriegsministerium für die Doppelmonarchie errichtet, füllte das Gebäude einen ganzen Häuserblock. Die Räume dort sind fünfeinhalb Meter hoch. Vor unserer Wohnung war einer jener Marmorgänge, die das riesige Haus durchschnitten, breit genug, um Fahrrad- oder Rollschuhfahren zu können, ohne an Vaters Ordonnanzen auch nur anzustreifen, dem stämmigen Defregger und dem ebenso ansehnlichen Gsaller. Sogar für meinen aufgeweckten neuen vierbeinigen Freund Purzel blieb Platz. Die Eltern hatten endlich dieser von mir lang ersehnten Erweiterung unserer Familie zugestimmt. Nichts hätte mich glücklicher machen können. Purzel war sogar noch besser als eine kleine Schwester oder ein kleiner Bruder, denn da hätte ich doch ziemlich lange warten müssen, bis die zu einer »Gesellschaft« für mich geworden wären. Von Anfang an war klar, daß diesem schwarzen Pudel nicht bewußt war, ein Hund zu sein. Er hielt sich für einen von uns, als Hund verkleidet. Obwohl noch als Welpe ins Haus gekommen, war er schon stubenrein, vermutlich Mutters Bedingung. Ich war ein sehr glücklicher kleiner Bub.
Riesige Fenster boten aus unserer Wohnung Ausblick auf den Stubenring. An sonnigen Tagen war das Gebäude von Licht durchflutet und lud zu Erkundungen ein. Hatte ich die Wiesen und Gärten des Augartens mit dem innerstädtischen Kriegsministerium, wie es immer noch genannt wurde, getauscht, so gab es doch einen Ausgleich: Das Gebäude und seine Höfe galten als »sicher« für mich, ich durfte dort nach Belieben tun und lassen. So durchstreifte ich ständig das höhlenartige Gebilde, mit Purzel als einzigem Begleiter. An dunklen Wintertagen, wenn die enormen Räume voll einsamer, bedrohlicher Schatten schienen, wandte ich mich meinen Legionen von Spielzeugsoldaten zu – Infanterie und Kavallerie aus allen Teilen Europas, Dragonern in ihren roten Uniformen mit gelben Epauletten, weißen Hosen und hessischen Stiefeln, blau gewandeten kaiserlichen Offizieren mit purpurroter Schärpe, säbeltragenden Unteroffizieren und auch britischen Grenadieren und Füsilieren mit ihren Bärenfellmützen. Sie alle hatten würdige Gegner aus allen Waffengattungen der napoleonischen Armeen. Sogar die gußeisernen Russen fanden ihre Verwendung.
Wurde ich ihrer überdrüssig, beschäftigte ich mich mit meinen Briefmarken, die ich aus aller Herren Länder sammelte. Das größte Juwel, ein für mich völlig unerwarteter Zugewinn, war ein kompletter Satz italienischer Erstausgaben, ein Geschenk Benito Mussolinis. Bevor ich das Paket aufmachen durfte, wurde mir feierlich die Einzigartigkeit des Anlasses nähergebracht. Einmal mußte Vater über seinen Schatten springen, denn ein Geschenk des Duce für ein Kind abzulehnen, wäre einer Beleidigung gleichkommen.
Manchmal fragte ich mich, ob meine Eltern je realisierten, daß »geh in dein Zimmer« für mich gar keine Strafe bedeutete, denn dort hatte ich meinen Hund, meine Zinnsoldaten und die Briefmarkensammlung. An einem sonnigen Tag – Purzel war zum Tierarzt gebracht worden – durchstreifte ich allein das riesige Gebäude. Am Anfang eines Korridors beginnend, öffnete ich Tür um Tür, sah große und kleine Salons, Besprechungsräume, verschiedene Büros, Kammern, Kästen und einen schönen Ballsaal in Neo-Rokoko. Hinter der nächsten Tür, ob des unerwarteten Besuchers überrascht und nicht wirklich erfreut, hob Handelsminister Fritz Stockinger den Blick zu mir. Er war wohl etwas erschrocken, und seine Reaktion hatte bedauerliche Folgen. Seine abrupte Bewegung schreckte ein Perserkätzchen auf, das ruhig auf einem Tisch gelegen hatte, mit einem Satz sprang es auf den mit Unterlagen und Dokumenten bedeckten Ministerschreibtisch und warf ein großes Tintenfaß um. Minister Stockinger saß wie gelähmt und blickte auf den blauen Tintenstrom, der sich immer mehr ausbreitete. Einen Fluch unterdrückend, zog er sein Taschentuch heraus, um die Flut einzudämmen, griff mit der anderen Hand nach dem Papierkorb und hielt ihn unter die Tischkante, von der jetzt die Tinte herunterrann. Ich erstarrte und sah schweigend zu. Mit nicht ganz unerwarteter Geistesgegenwart – einer Gabe, die ihm schon nützlich gewesen war, als er das erste Attentat auf Dollfuß im Oktober 1933 verhindert und den Attentäter überwältigt hatte – hob er mit hochrotem Kopf das Kätzchen auf und bewegte sich auf das halboffene Fenster zu. Sein Gesicht sah jetzt aus wie das eines Mannes mit einem viel zu engen Kragen.
»Bitte, tun Sie ihm nichts!«, schrie ich auf.
Er drehte sich zu mir. »Willst du das Vieh? Da hast du’s. Und raus hier, sofort!«
Ich dankte hastig, flüchtete mit dem Kätzchen in unsere Wohnung, und nachdem ich das Tier beruhigt hatte, überlegte ich, wie meine Eltern diesen Zwischenfall aufnehmen würden.
»Denk an Purzel, Kurti. Hunde und Katzen sind keine natürlichen Freunde«, erklärte mir Mutter beim Mittagessen, »so wurden sie einfach geschaffen. Den Frieden zwischen ihnen zu erhalten, grenzt ans Unmögliche.«
»Bitte laß es mich versuchen, Mutter. Minister Stockinger ist so blau angelaufen wie diese Zwetschken, so böse war er. Er hat Pinpin fast aus dem Fenster geworfen.«
»Schatz, Minister Stockinger hätte das bestimmt nicht getan. Wenn man ihn nicht ärgert, ist er sehr nett«, seufzte sie. »Na gut, aber es ist deine Sache, wie Purzel und Pinpin getrennt werden, ganz egal, wie du das machst. Klar?«
Nach einer Umarmung, die so stürmisch war, daß sie fast vom Sessel gefallen wäre, lief ich weg, um alles zu arrangieren. Zuerst die Wohnräume. Purzel war der Ranghöhere, ich konnte ihn nicht einfach aus meinem Zimmer verbannen, um für den Emporkömmling Platz zu machen. Pinpin mußte in die Küche und Liesl Gesellschaft leisten. Die mochte Tiere.
»Was? Eine Katze in meiner Küche? Auf keinen Fall! Ich mag Hunde. Wenn man einem Hund sagt, er soll sich in die Ecke setzen, dann gehorcht er. Eine Katze tut, was sie gerade mag. Nein!«
Aber auf mein inständiges Flehen und Betteln gab sie schließlich nach. Pinpin bekam, wenn auch widerwillig, Asyl in der Küche. Leider war das Arrangement aber nicht der erwartete Erfolg, denn jedesmal, wenn Liesl die Tür öffnete, rannte das Kätzchen hinaus. Waren wir in Hörweite, dann hatten einer von Papas Ordonnanzen und ich Einfangdienst. Außerdem hatte Pinpin eine Leidenschaft für Mutters blaßgelbe Seidenvorhänge, an denen sich in Höchstgeschwindigkeit hinaufklettern ließ. Mein Glück war, daß die ganz neuen Muster, die Pinpins Krallen in dem weichen Stoff hinterließen, meiner Mutter nicht gleich auffielen.
Nachdem Gsaller und Defregger mein Kätzchen eher tolerierten als Liesl, wurde Pinpin in ihr »stofffreies« Dienstzimmer übersiedelt. Aber auch das hielt nicht lang. Am nächsten Tag, als ich gerade mit Pinpins Milch hereinkam, ließ Defregger unabsichtlich das Dienstbuch auf den Boden fallen. Der laute Knall erschreckte das Kätzchen, das durch die angelehnte Tür entwich. »Pfui! Komm zurück!«, schrie ich, bei einer Katze ein denkbar nutzloser Befehl. Schnell stellte ich die Milch ab, die dabei überschwappte und über meine Kleidung und den Schreibtisch zu Boden rann. Dann hörte ich: »Fangt diese Katze ein!« Es war Mutter. Ihren Tonfall mit »ungehalten« zu beschreiben, wäre eine Untertreibung gewesen. Wäre sie dafür schnell genug gewesen, sie hätte wohl selbst das Kätzchen aus dem Fenster geworfen. Zurück im Salon, hörte ich das bekannte Geräusch: sis-sis-sis. Über die Vorhänge hinauf, hatte sich Pinpin auf der gelbseidenen Karniese in Sicherheit gebracht. Jetzt sah auch Mama die Bescherung. Ich erhielt eine förmliche Verwarnung. Also mußte doch der Hund delogiert werden. Etwas entmutigt und mit nur wenig Vertrauen in diese Lösung nahm ich das Kätzchen in mein Zimmer. Aber Küche hin oder her, Purzel hielt weiter vor meiner Tür Wache, was mich diese immer nur einen Spaltbreit zu öffnen und mich seitlich hindurchzuquetschen zwang. Von meinem Zimmer der Fassade entlang über das Fenstersims in den angrenzenden Salon zu gelangen, auch das überlegte ich, wäre mit Sicherheit der sprichwörtliche Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Im übrigen war Purzels Verhalten komisch, fast schon bizarr: Er bellte nicht und kratzte nicht an der Tür. Er lag nur davor.
Zwei Tage später war die Hölle los. Mutter war auf dem Weg in ein Altersheim, und ich sollte sie begleiten. Als sie »Kurti, wir gehen in fünf Minuten« rief, lag mein Anzug, von Fräulein Alice vorbereitet, auf meinem Bett, und ich spielte gerade die Schlacht von Aspern und Eßling auf dem Boden meines Zimmers nach. Ich sprang auf und griff nach meinen Sachen, hüpfte herum und war in kürzester Zeit angezogen. Mutter würde mich im Auto kämmen müssen. Im vagen Bewußtsein, etwas vergessen zu haben, riß ich die Tür auf. Davor lag Purzel, der geduldig auf diese Gelegenheit gewartet hatte. Bevor ich »raus« schreien konnte, war er schon auf halbem Weg zu seinem Ziel, der dösenden Pinpin. Unmittelbare Gefahr spürend, sprang diese vom Bett zur Kommode, zielte auf die Tür und schoß kometenhaft hinaus, Purzel hinterher. Die wilde Jagd ging durch das Vorzimmer, vorbei an beiden Salons und durch die offenstehende Eingangstür hinaus auf den Gang, wo dann der stämmige Gsaller dem lauten und bald um eine Ecke verschwindenden Duo nachrannte. Im Geiste sah ich schon einen triumphierenden Purzel mit der kleinen, leblosen Pinpin im Maul.
In einer Ecke des Ganges fand ich die Tiere wieder. Pinpin setzte gerade zum Sprung ihres Lebens an. Von dem wild knurrenden Purzel bedroht, der zwanzigmal so groß war, mag sie gefürchtet haben, gleich zu einer Hundevorspeise zu werden. Ein offenes Fenster schien die Rettung. Im Bruchteil einer Sekunde sprang sie hinaus und landete auf dem Glasdach der darunterliegenden Einfahrt. Gsaller, inzwischen nachgekommen, kam zu einem schnellen, aber verhängnisvollen Entschluß. »Sie sitzt nur so da«, rief er mir über die Schulter zu und sprang der Katze auf das Glasdach nach. Dieses hatte zwar Pinpin getragen, unter dem Gewicht des schweren Mannes brach es natürlich durch und beide, Gsaller und die Katze, landeten im Splitterregen auf dem Asphalt. Zum Glück im Unglück standen dort weder Autos noch Fahrer noch irgend jemand sonst herum. Das vollkommen unverletzte Kätzchen schoß in Panik auf die Straße hinaus und sprang an einer Dame hinauf, deren Seidenkleid dabei nicht ganz heil blieb, während die Trägerin einen Schock erlitt. Ein Wachebeamter, der zu Hilfe geeilt war, übernahm Pinpin, ein anderer machte sich auf die Suche nach Riechsalz für die Passantin und nach einem Rettungswagen für Gsaller, der in ein Krankenhaus gebracht werden mußte. Viel später als geplant und sehr kleinlaut begleitete ich Mutter in ihr Altersheim.
Mama hatte die bemerkenswerte Eigenschaft, in schwierigsten Situationen Ruhe zu bewahren. Wie eben jetzt. Sehr wohl beschäftigte mich für den Rest des Tages der Gedanke an Vaters Reaktion. Seine Lippen schienen geradezu zu verschwinden, erzählte mir Liesl beim Frühstück am nächsten Morgen, als er die Zeitungsüberschrift las: »Schuschnigg-Wildkatze greift Dame vor dem Kriegsministerium an.« Was konnte das Schlimmste sein, das mir jetzt bevorstand? Oder was das Beste? Es kam ziemlich auf dasselbe heraus. Mein Taschengeld war wohl dahin, bis folgendes bezahlt war: das Kleid der Dame, Gsallers Krankenhauskosten und das Glasdach über der Einfahrt. Dafür würde ich den Rest meines Lebens brauchen. Ein düsterer Gedanke folgte dem anderen. Schließlich kam die Vorladung, kurz vor meiner Schlafenszeit. Ich ging in den Salon. Papa saß. Ich stand, auf wackeligen Beinen.
»Kurti, ist dir klar, daß du deine Pflichten vernachlässigt hast?«
»Jawohl, Papa.«
»Ist dir klar, welche ernsten Konsequenzen das gehabt hat?«
»Ja, Papa. Es tut mir sehr leid. Es tut mir so leid, daß sich Gsaller weh getan hat, und es tut mir so leid, daß das Kleid der Dame beschädigt ist, und es tut mir leid, daß das Glasdach kaputt ist. Es tut mir sehr, sehr leid, daß das in die Zeitung gekommen ist.«
Papa runzelte die Stirn, als ich die Zeitung erwähnte. Er schien weich zu werden.
»Komm her, mein Sohn.«
Er streckte die Arme aus und hob mich auf den Schoß. Eine willkommene Wendung. Er erklärte mir, daß es nicht fair gewesen sei, Pinpin im selben Haushalt mit einem Hund zu halten, besonders mit einem so großen und starken wie Purzel einer geworden sei, und daß Klettern für ein Kätzchen ganz natürlich sei. Wir müßten nun das tun, was für Pinpin das Beste sei. Sie komme in den Zoo, um mit all den anderen wilden Katzen zu leben, und dort könne ich sie, sooft ich wolle, besuchen. Meine Erleichterung war groß. Pinpin würde also glücklich und in Sicherheit sein. Ganz egal, was Mutter dachte, Minister Stockinger hätte Pinpin ja doch aus dem Fenster geworfen.
Purzel war wieder in meinem Zimmer. Gsaller hatte sich nichts gebrochen, nur das Handgelenk verstaucht, und er mußte ein bißchen genäht werden. Alles in allem hätte es viel schlimmer ausgehen können.
Einer der spektakuläreren Räume des Kriegsministeriums war der große Neo-Rokoko-Ballsaal. Marmorwände, ein schöner, hoher Plafond mit schweren Lustern, vergoldete, mit rotem Samt tapezierte Möbel, dazwischen dekorative Spiegel. In der Mitte stand ein immer perfekt gestimmter Konzertflügel. Mutter sorgte dafür, daß dieser Saal nicht ungenützt blieb. Jeder Maestro und jede Diva der Zeit wurde eingeladen, dort aufzutreten. Es waren die schönsten Abende für meine Eltern. Meine Erfahrungen mit dem Ballsaal waren vergleichsweise banal. Die Kinderfeste, die für mich und meine Freunde ausgerichtet wurden, fanden ebendort statt. Wenn Mutter ihre nie nachlassende Energie und ihren Erfindungsreichtum für diese Arrangements verwendete, blieben die Ergebnisse immer im Gedächtnis haften. Die Feste zu Nikolo, im Fasching oder zu Geburtstagen waren voll klug ausgedachter und phantasievoller Spiele. Es gab so viel »Kracherl«, Zitronen- oder Orangenlimonade, und Torten, daß uns manchmal davon übel wurde.
Am liebsten aber waren meinen Freunden und mir die Nachmittage mit den Märchentanten. Das waren Schauspielerinnen, die ihre beste Zeit bereits hinter sich hatten. Stundenlang hingen wir an ihren Lippen. Ihre Stoffe schienen unerschöpflich zu sein: Die Schandtaten von Max und Moritz mit der Witwe Bolte von Wilhelm Busch, die phantastischen Märchen der Gebrüder Grimm und vieles mehr. Diese Darbietungen waren so lebendig und fesselnd, daß wir den vergifteten Apfel förmlich zu riechen meinten, in den Schneewittchen biß, und vor Kälte zitterten, wenn Hänsel und Gretel durch den Wald schlichen. Wir lebten jede Minute bei jedem Abenteuer mit.
Die unangenehme Erinnerung an die eine Nikolofeier – die Episode mit der blauen Bank – trat endlich in den Hintergrund. Mutter durchkämmte das Reservoir an Soldaten außer Dienst mit schauspielerischem Talent, um den perfekten Nikolo und Krampus zu finden. Wurden die beiden angekündigt, trat Stille im Ballsaal ein und Dutzende Augenpaare richteten sich, manche fiebernd, auf die Tür. Herein kam der heilige Nikolaus, prächtig unter seiner Mitra, im goldenen Ornat, mit langem, rauschendem Bart. Im Rhythmus seines würdigen Ganges klopfte er mit seinem schweren, juwelenbesetzten Stab auf den Boden. In der Mitte des Raumes hielt die majestätische Erscheinung an und schaute jedem von uns nachdenklich ins Gesicht, wie um zu entscheiden, welche der zuckenden, aufgeregten kleinen Seelen aus den Fängen des Teufels gerissen werden könne. Dann drehte er sich wortlos zum Eingang um und hob, ähnlich Moses in der Wüste, beide Arme, senkte sie plötzlich wieder und warf seinen Stab auf den Boden des Saales. Es folgte ein markerschütternder Schrei vom Gang her und Krampus, der Teufel, sprang herein. Jeder im Zimmer zuckte unwillkürlich zusammen. Ein feuerspeiender, kinderfressender Drache hätte uns nicht mehr erschrecken können. In einer Hand hielt der Bösewicht eine Handvoll Ruten, in der anderen die »Ketten der Hölle«. Er drehte sich um sich selbst und sprang herum, seine dunklen Hörner glänzten im Licht des Lusters, sein langer Schweif peitschte den Boden. Von Kopf bis Fuß war er schwarz gekleidet, in einem halblangen Umhang mit hohem, steifem Kragen. Aus dem leichenblassen Antlitz blitzten uns kohlebemalte Augen entgegen. Die einzige Farbe in seinem Gesicht war der breite, rote Mund, aus dem ein fürchterliches Lachen nach dem anderen gellte. Die grauenvolle Erscheinung ließ uns in unseren Sitzen erstarren. Das Gerassel der Ketten begleitete jede seiner Bewegungen. Nur ab und zu hörte er auf, um einem von uns aufs Kinn zu klopfen. Natürlich wußten wir, daß er nicht echt war. Das wußten wir schon, bevor er hereinkam. Doch wenn das Böse ein Gesicht hatte, dann sahen wir es jetzt. Mit verächtlichen und drohenden Bemerkungen stieg er im Saal herum. »Ich hab gehört, daß du in der Schule kein braver Bub warst? – Du gehorchst also deiner Mutter nicht immer, kleines Mädchen?«
Endlich verbannte ihn der heilige Nikolaus in die Ecke, wo er hockend knurrte und uns anblitzte. Der Nikolo verteilte Obst, Geschenke und Nüsse. Es folgten noch die Torten, das Eis und was immer sonst Liesl zwei Tage lang für uns hergerichtet hatte. Schließlich gab es noch jede Menge Spiele.
