Der letzte Abschlag - Gerhard Nattler - E-Book

Der letzte Abschlag E-Book

Gerhard Nattler

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Beschreibung

Ein früher Morgen im Mai auf dem Golfplatz Schwarze Heide. Am Abschlag der Bahn 13 findet der Platzwart bei seiner morgendlichen Kontrollfahrt ein verlassenes Golfbag. Driver und Blut am Abschlag. Eisen 7 fehlt. Er verständigt Hauptkommissar Albert Berendtsen, den er als Mitglied des Clubs kennt. Der Tote wird im Hardtbergsee gefunden. Es handelt sich um Ludwig Heilmann, einen Mann mit Einfluss, Geld und Plänen. Bei den Untersuchungen stoßen Berendtsen und sein Kollege Hallstein hinter der ruhigen Kulisse des Golfclubs auf ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Lügen und verdeckten Beziehungen. Je näher die Ermittler der Wahrheit kommen, desto deutlicher wird: Das Spiel war längst entschieden.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gerhard Nattler

Der letzte Abschlag

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 34

Impressum neobooks

Kapitel 1

Berendtsen begutachtete das weiße Golfbag mit der schwarzen Aufschrift Callaway, das rechts in der Hecke hinter dem Zugang zu Abschlag 13 lag. Nachdenklich schob er sich ein Gummibärchen zwischen die Zähne.

»Du hast recht, Werner«, stimmte er dem Platzwart zu. »Ohne Eisen 7 war er niemals auf dem Platz. Ein Siebener hat jeder mit. Nun erzähle mal langsam, vollständig und der Reihe nach und von Anfang an«, versuchte Berendtsen den Platzwart des Golfplatzes Schwarze Heide zu beruhigen. »Wann genau bist du auf dem Platz angekommen?«

Berendtsen war noch nicht lange im Club. Aber er hatte den Mann als liebenswürdigen, aufmerksamen Freund der Natur und des Golfsports kennengelernt. Wie er von anderen Mitgliedern erfahren hatte, war er von Anfang an dabei. Er war ein Urgestein des Clubs.

Seit über dreißig Jahren kümmerte er sich um Platzpflege, Maschinen, Abschläge, Bälle, Cartverwaltung und all die kleinen Dinge, die nur auffallen, wenn sie fehlen, wie die Bürsten an der Cleaning Station. Er kannte jeden Strauch, jeden Maulwurfshügel, jede Unebenheit in der Rasenstruktur, jeden Spieler vom Ansehen und viele beim Namen.

Wieschermann war mittelgroß, gedrungen, mit kräftigen Händen und wettergegerbtem Gesicht. Seine Haltung war stets leicht vorgebeugt, als würde er von Rückenschmerzen geplagt. Wurde er jedoch nicht, denn er bewegte sich flüssig und ohne Beschwerden. Berendtsen erkannte ihn schon von weitem an seiner zügigen Fahrweise, sei es mit dem Cart oder der Pritsche. Er trug immer eine olivgrüne Arbeitsjacke und die Schirmmütze mit dem Vereinslogo und seine dicken Schuhe.

Diese Mütze lüftete er bedächtig und musste sich mit dem Handrücken einzelne Schweißperlen von der Stirn wischen, obwohl die Luft noch frisch war, der Tau auf dem morgendlichen Grün glänzte und er noch nicht mit dem anstrengenden Teil seines Tagewerks recht begonnen hatte. Er lehnte sich an seine Pritsche und legte den Arm auf die Klappe. Er sah Berendtsen mit ernstem Blick an.

»Um sieben Uhr habe ich die Garage aufgeschlossen, meine Pritsche herausgesetzt und die für heute georderten Golfcarts bereitgestellt. Dabei ist mir direkt aufgefallen, dass die Ladestation für Cart Nummer zwei nicht besetzt war. Das hat mich gewundert, denn um neunzehn Uhr sollten die Wagen wieder im Schuppen stehen. Es war Heilmanns Cart. Er hatte mich gestern über WhatsApp gebeten, ein Cart herauszusetzen. Ich bin mit meiner Pritsche zur Driving Range gefahren, habe die Bälle kontrolliert und das Ausgabeterminal für die Bälle freigeschaltet. Anschließend habe ich meine morgendliche Inspektion des Platzes begonnen und die Abschlagsmarken versetzt, wo es nötig war. Dabei habe ich hier in der Hecke am Abschlag 13 dieses Golfbag liegen sehen. Ich habe mich umgeschaut und gerufen – nichts. Am Abschlag lag ein Driver verkeilt in den Boden gedrückt, aber niemand war auszumachen. Ich habe nach dem Wagen Ausschau gehalten. Kein Cart weit und breit. Als ich den Driver aufheben wollte, sah ich Blut darauf und drumherum auf dem Boden. Das Tee lag darin. Es war nicht gesteckt. Da habe ich begriffen, was los ist. Dieser Anblick sorgte für einen Schlag in meine Magengrube. Da habe ich dich angerufen.«

»Hast du irgendetwas verändert?«

»Nichts.«

»Gestern hatte er das Cart geordert?«

»Ja gestern. Normalerweise muss es einen Tag vorher angefordert werden, aber da er mich persönlich gebeten hatte, habe ich es für ihn herausgestellt. Ich habe die Säge auf die Pritsche geladen. Da kam er auf den Platz. Er hat mich gesehen, aber nichts gesagt. Nur kurz genickt. Er ist im Caddyhaus verschwunden. Das hat mich gewundert, denn er hat dort keinen Spint. Als er eine Weile später herauskam, war ich schon dabei, auf dem Weg zum ersten Abschlag die Zweige des Apfelbaums hochzubinden, weil dort niemand mehr recht vorbeigehen konnte, geschweige mit einem Cart vorbeifahren. Ich ließ ihn vorbei, er brummte kurz »Danke« und machte sich an den Abschlag. Kein Smalltalk – nichts. Als ich meine Sachen zusammengepackt habe, habe ich das Cart am Bunker stehen sehen und er hat geharkt. Er war offensichtlich nicht in Form. Oder er hat den Wind nicht bedacht. Gestern Abend tat sich Wind auf, der heute Morgen erst abflauen soll, wie ich auf der Wetter-App gesehen habe. Er ist schon etwas weniger geworden, aber bei einem Schlag muss er noch berücksichtigt werden. Er kann es sonst besser. Sein Auto habe ich heute Morgen auf dem für ihn reservierten Parkplatz erkannt. Frontscheibe und Dach waren feucht. Ich dachte, er sei am gestrigen Abend im Vereinsheim versackt. Das kommt manchmal vor. Dann lässt er sein Auto stehen und holt es am nächsten Tag ab. Das machen viele so. Aber im Vereinsheim war er mit Sicherheit nicht. Ohne seine Ausrüstung? Niemals! Ich werde den Wirt gleich fragen. Er kommt um elf.«

»Das lasse lieber mich machen. Halte du dich bitte aus jeder Untersuchung heraus.«

»Ich wollte ja nur helfen.«

»Bist du mal den Platz abgefahren?«

»Bisher nicht. Als ich das Blut sah, überkam mich ein Schaudern. Da bist du mir eingefallen. Ich habe mich in die Karre gesetzt und dich angerufen. Du warst flott hier.«

»Ich war gerade ins Auto gestiegen, um ins Präsidium zu fahren.« Berendtsen betrachtete noch einmal den Blutfleck. Es war nicht klein.

»Was sollen wir nun machen? Sollen wir gemeinsam das Gelände abfahren?«

Berendtsen sah auf seine Uhr. Dann langte er nach seinem Handy in der Innentasche des Jacketts.

»Weißt du, Werner, ich bin bei der Mordkommission. Solange wir nicht wissen, was passiert ist, kann ich keine amtliche Ermittlung anstellen. Ich werde meinen Freund Willi Schmidt von der Spurensicherung anrufen und ihn bitten, inoffiziell mit ein oder zwei Leuten herzukommen und die Spuren zu untersuchen. Es muss zuerst festgestellt werden, ob es sich um menschliches Blut handelt. Es könnte auch von einem Tier sein, das ihn angegriffen hat, zum Beispiel ein Hund vom Hof dort drüben, der ihn gebissen hat und dem er dann mit dem Schläger eins übergezogen hat. Jemand hat es gesehen und ihn zum Arzt gefahren. Das erklärt auch, warum das Cart nicht mehr hier steht.

»Das glaubst du selbst nicht! Dann hätten sie das Bag mitgenommen.«

»Das muss nicht sein. Aber nein. Ich glaube es auch nicht. Aber es muss geprüft werden.«

Berendtsen wählte und erwischte Schmidt im Auto. Er erklärte kurz die Lage. Willi sagte unkomplizierte Hilfe zu.

Ein zweiter Anruf ging an seinen Nachbarn, Franz Roloff, den Chefredakteur der Ruhrzeitung. Dieser hatte einen cleveren Mitarbeiter, der gut mit seiner Drohne umzugehen wusste und stets sehr präzise Aufnahmen machte. Er hatte Berendtsen bereits an anderen Tatorten mit Aufnahmen versorgt.

»Gibt es einen neuen Fall, über den die Ruhrzeitung berichten muss? Du weißt, dass …«

»Noch ist es kein Fall, Franz«, unterbrach Berendtsen ihn. »Deshalb kann ich kein Suchkommando anfordern. Wir vermissen eine Person auf dem Gelände des Golfplatzes in der Schwarzen Heide. Achim kann uns mit seiner Drohne bestimmt helfen. Er weiß, wo das ist. Er hat im letzten Jahr über das Seniorenturnier berichtet. Wann könnte er hier sein?«

»Ich schicke ihn sofort los. Er kommt von der Hardt und ist in fünf Minuten einsatzbereit. Aber du hältst mich auf dem Laufenden! Die Leser erwarten von der Ruhrzeitung …«

»Natürlich. Wir empfangen ihn vorne auf dem Parkplatz.«

»Eine Drohne! Genau! Gute Idee, Albert. Am besten, wir fahren die Fairways entlang zum Parkplatz. Vielleicht finden wir Hinweise.«

»Nimm du den Mann in Empfang. Er heißt Fuchs und kommt mit einem weißen Wagen mit blauer Schrift ›Ruhrzeitung‹. Ich sehe mir inzwischen die Umgebung hier an und gebe Acht, dass niemand etwas verändert. Wenn unser Mann von der Spurensicherung kommt, schicke ihn mit seinem Kastenwagen hierher. Er braucht das ganze Programm.«

Berendtsen sah sich um. Ein Hase suchte das Weite. Krähen räumten Teile der Grasnarbe ab und suchten darunter nach Delikatessen. Über das Fairway war heute noch niemand gegangen. Fußspuren hätten im Tau sichtbar sein müssen. Also waren Wagen und Schläger gestern zuletzt bewegt worden.

Verdächtig war die Sache schon, dachte er. Aufmerksam ging er die Hecke entlang. Dabei filmte er mit seinem Handy seinen Weg. Er fand eine Lücke und ging auf der anderen, der öffentlichen Seite den Weg zurück. Der Weg war sandig, mit festgefahrenen Fahrrillen und mit Pferdeäpfeln und Abdrücken von Hufen übersät. Deutlich waren Hufspuren von mindestens zwei Pferden auszumachen, die kürzlich hier unterwegs gewesen sein mussten. Die Hecke ragte dicht und unregelmäßig auf den Weg hinaus, darunter lagen Blätter, trockene Ästchen und der übliche Müll, den der Wind von den Feldern und den Spazierwegen herangetragen hatte.

Nichts Auffälliges. Das Einzige, das ihm dann doch ins Auge stieß, war ein kleines weißes Schnipsel, versteckt unter altem Laub. Direkt am Eingang zur Bahn. Er nutzte die kleine Pinzette, die in seinem Schweizer Taschenmesser steckte und nahm es auf. Er betrachtete es von beiden Seiten. Es schien ihm ein Stückchen eines Klettverschlusses zu sein. Eine Seite war weiß und glatt, eine angeraut und schwarz. Ein Stückchen eines Golfhandschuhs? Leider hatte er keinen Polyethylenbeutel mit. Er zog ein sauberes Papiertaschentuch aus dem Päckchen und verpackte das Teil. Er verstaute es in seiner Tasche. Dabei knisterte die Plastiktüte. Er gönnte sich einige Gummibärchen.

Berendtsen folgte einer Fahrzeugspur auf dem Sandweg, die von der Breite und den Reifen her zu einem Golfcart gehören konnten. Sie waren von den Pferden verwischt, aber noch immer gut bis zu einem querenden Schotterweg zu verfolgen. Er machte einige Aufnahmen. Der Verlauf der Spuren war ab diesem Schotterweg nicht mehr auszumachen.

Er ging zurück und schaute sich auf dem Abschlag um. Er las auf der Anzeigetafel die Angaben zum Fairway: PAR 4, 346 Meter. Auf dem Weg zur Bank bewunderte er kurz die wunderschöne Rotbuche. In dem Bewuchs unten am Stamm blitzte es weiß. Ein Golfball, wie seine durch das ständige Suchen geschulten Augen erkannten. Er nahm ihn ebenfalls mit einem Taschentuch auf und betrachtete ihn. Callaway. Passt zum Golfbag, dachte er. Heilmann hatte sich einen Callaway geleistet.

Er setzte sich und ließ diesen vermutlichen Tatort auf sich wirken. Dass es ein Tatort war, glaubte er inzwischen. Dass es ein Tötungsdelikt war, wollte er nicht hoffen. Aber seinen Erfahrungen nach, würde es darauf hinauslaufen.

Die vier Windräder fielen ihm als erstes auf. Hören konnte man sie hier nicht. Es herrschte Stille. Beim Spiel über die Löcher sechs bis acht konnte man das tiefe Rauschen der Generatoren hören. Dort wunderte er sich immer wieder, wie mächtig diese Growiane sind. Hinten in weiter Ferne ragten die drei Schornsteine des Scholvener Kraftwerks in die Höhe. VEBA-Öl hieß es früher, ging ihm durch den Kopf. Dann kam BP und jetzt gehört es zu Uniper, glaubte er.

Kapitel 2

Wieschermanns Pritsche näherte sich mit dem Reporter auf dem Beifahrersitz. Fuchs hatte den Koffer mit seiner Drohne hinten auf der Ladefläche abgelegt.

»Hallo Herr Kommissar Berendtsen, was kann ich für Sie tun? Der Chef meinte, Sie brauchen Hilfe.«

Berendtsen begrüßte den alten Bekannten mit kräftigem Handschlag.

»Moin Herr Fuchs. Schön, dass sie so schnell kommen konnten. Ich benötige einen Rundumflug. Wir suchen einen Mann, dessen Spiel offenbar gestört worden ist. Wir haben auf dem Green menschliches Blut festgestellt, aber niemanden gefunden. Er war mit einem Golfcart unterwegs, das ebenfalls nicht aufzufinden ist. Ich denke, Sie können das Problem lösen.«

Fuchs packte seine Tasche aus und steckte die Drohne zusammen. Er forderte den Kommissar auf, sich hinter ihn zu stellen. So konnte Berendtsen auf sein Schaltpult und den Bildschirm sehen. Wieschermann stellte sich hinter die andere Schulter.

Die Drohne hob ab. Wenn der Anlass nicht so unangenehm gewesen wäre, hätte Berendtsen die Bilder sicherlich mehr genossen, aber jetzt verfolgte er jede Bewegung mit größter Anspannung. Zunächst steuerte Fuchs die Drohne hin und zurück in Abschnitten über die Anlage. Berendtsen kannte sie, aber aus der Luft sahen sie fantastisch aus. Die weiten grünen Flächen boten ein wunderbares Bild gepflegter Natur. Die Familie der Kanadischen Grauenten watschelte gemütlich hinter­einander am Ufer des Teiches auf der Bahn 4. Niemand war zu sehen. Auf dem Parkplatz am Vereinsheim fand sich ein erstes Auto ein.

»Das ist Hermann Geiger, ein echter Frühputter. Er kommt für eine kurze Runde und fährt auf dem Rückweg an der Bäckerei vorbei für die Brötchen zum Frühstück.«

Berendtsen erkannte seinen schwarzen BMW. Heilmanns Wagen stand unberührt am selben Platz neben dem Vereinsheim.

»Wie hoch fliegt das Gerät?«, erkundigte sich Berendtsen.

Auf der Anzeige war zwölf Meter zu lesen.

»In welchem Umkreis können Sie es einsetzen?«

»Es soll drei Kilometer schaffen, aber ich habe es noch nie ausprobiert. Soll ich einen größeren Radius abfliegen?«

»Bitte gern. So weit wie Sie es vertreten können, Herr Fuchs. Irgendwo müssen Mann und Cart zu finden sein.«

»Ich gehe auf dreißig Meter. Dann ist das Sichtfeld größer. Es ist dann alles kleiner, aber das Gefährt müsste allemal auszumachen sein, Herr Kommissar.«

Die Drohne stieg an. Der Ausblick war famos.

»Dort schein ein Sportplatz zu sein mit Parkplatz. Steuern Sie bitte den Parkplatz neben dem Sportplatz an. Geht das so weit hinaus?«

»Natürlich«, strunzte Fuchs voller Stolz. »Kein Problem. Das liegt in der normalen Reichweite. Es handelt sich bei dem Areal nicht um einen Sportplatz. Es ist der Start- und Landeplatz des Vereins der Freunde des Modellflugs.«

Berendtsen verfolgte den Flug. Er war schon auf dem Rückweg.

»Da! Ich glaube, wir haben Erfolg.«

Fuchs flog näher heran und senkte die Drohne ab. Zusätzlich zoomte er mit der Kamera das Objekt heran. Es war eindeutig das Golfcart auszumachen.

»Können sie einige Aufnahmen machen und gleich auf mein Handy schicken?«

»Das kann ich machen, wenn wir gelandet sind. Aber lassen Sie uns vorher noch einmal mit der Wärme­bildkamera versuchen, den Mann zu finden.«

»Wärmebildkamera? Das Teil ist voll ausgestattet, nehme ich an.«

»Genau. Halbe Sachen werden bei der Ruhrzeitung nicht geduldet.«

Außer einer Nutria, die vom Bach zum Teich an der achten Bahn hinüberwechselte und einigen Enten war nichts Interessantes auszumachen.«

Das Fluggerät landete punktgenau auf der Ladefläche des Pickups.

»Hervorragend, ganz hervorragend, Herr Fuchs. Vielen Dank für die Mühe.«

»Nichts zu danken, Herr Kommissar. Beim nächsten Mal bekomme ich wieder einen Tipp von Ihnen. So wäscht auch bei der Kriminalpolizei eine Hand die andere«, lachte Fuchs.

»Wir sollten nur aufpassen, dass wir dabei nicht unser beider Hände schmutzig machen.«

Sie hörten den Wagen der Spurensicherung. Willi fuhr selbst. Er hatte seine Mitarbeiterin Frau Ostermann mitgebracht. Sie trug bereits ihren weißen Overall. Nach einem kurzen Smalltalk führte Berendtsen die beiden gleich zu dem Blutfleck. Er drückte Willi den ein­gewickelten Golfball und das Stück Klettverschluss in die Hand und zeigte ihm die Stellen, wo er beides aufgelesen hatte.

Alle warteten gespannt. Fuchs verstaute inzwischen seine Drohne wieder in dem schwarzen Koffer.

Nach wenigen Minuten bestätigte Frau Ostermann, dass der Flecken »definitiv auf menschliches Blut zurückzuführen ist«.

»Gibt es für mich noch etwas zu tun?«, fragte Fuchs. Als rasender Reporter hatte er es immer eilig. Das kannte Berendtsen von früherer Zusammenarbeit.

»Nein. Wir haben alles. Denken Sie daran, mir die Fotos zu schicken?«

»Das mache ich selbstverständlich, Herr Kommissar.« Er nahm Berendtsen ein wenig beiseite. »Darf ich die Erkenntnisse für einen kurzen Artikel benutzen?«, fragte er dezent.

»Sie können schreiben, dass auf dem Golfplatz ein Mann vermisst wird, den man gestern Nachmittag zuletzt mit seinem Golfcart gesehen hatte, dieser Wagen inzwischen gefunden wurde, aber aus ermitt­lungs­taktischen Gründen der Standort nicht preisgegeben werden dürfe. Die Spurensicherung habe menschliches Blut auf dem Rasen gefunden. Sie können meinetwegen auch ein Luftbild des Tatortes veröffentlichen, wenn Sie möchten.«

Fuchs war begeistert. Er hatte seine exklusive Story.

»Rufen Sie mich an, wenn der Fundort zur Veröffentlichung freigegeben wird?«

»Natürlich. Kein Thema.«

Kapitel 3

Berendtsen rief Frau Uschi Bremer, seine Sekretärin, an und erklärte so kurz wie möglich und so ausführlich wie nötig die Situation.

»Leider war Heilmann bisher nicht aufzufinden. Daher benötige ich kurzfristig einen Suchtrupp und möglichst einen Spürhund, vielleicht unseren Amigo. Gibt es ihn noch?«

»Ich habe nichts anderes gehört. Aber der alte Hundeführer ist in Pension. Er besucht seinen Freund Amigo noch zuweilen, aber er führt ihn nicht mehr. Das macht jetzt eine Frau Bleker. Sie kommt mit dem Hund gut klar. Ich werde sie zusammen mit der Truppe schicken. Wie viele Leute benötigen Sie schätzungsweise und wo sind Sie genau, Chef?«

»Gahlener Straße 44. Ich schicke die Koordinaten. Es ist nicht schwer zu finden. Der Platz ist überschaubar. Es gibt keine großen Verstecke. Ich denke fünf Leute reichen.«

»Die Herren Frank und Feil werden noch vor Ort sein. Dazu schicke ich einstweilen noch zwei Streifen mit je zwei Leuten. Sie sind dann in wenigen Minuten vor Ort. Wenn die sechs nicht reichen, rufen Sie mich an. Frau Bleker kommt mit dem Hund gleich von zuhause aus.«

»Okay.« Berendtsen legte auf. Während Willi und Frau Oppermann das Gelände nach weiteren Spuren absuchten, machte er sich auf den Weg zum Vereinshaus. Unterwegs kam er an der ersten Bahn vorüber, wartete auf dem Weg, beobachtete mit Bewunderung Herrn Geigers Können und sprach ihn an, nachdem er die Bahn beendet hatte. Er stellte sich vor, zeigte seinen Ausweis.

»Herr Geiger, es gibt leider Grund zu der Annahme, dass auf dem Platz eine Person zu Schaden gekommen ist. Deshalb befindet sich momentan die Spurensicherung der Polizei auf dem Platz. Ich möchte Sie bitten, heute auf ihr normales Spiel zu verzichten, um deren Arbeit nicht zu stören oder Spuren zu verwischen.«

»Was ist passiert?«

Berendtsen erklärte kurz das Geschehen.

»Darf ich jetzt nicht weiterspielen, Herr Kommissar?«

»Sie können gern die Bahnen zwei bis vier spielen und dann über die siebzehn und achtzehn oder über die Kurzbahn zurück. Ich denke, es sollte für einmal möglich sein.«

»Selbstverständlich.« Er zuckte mit den Schultern. »Was soll ich machen …?«

»Danke für Ihr Verständnis. Herr Geiger, Sie sind normalerweise immer morgens und nur morgens hier auf dem Platz?«

»Fast immer. Manchmal auch nachmittags.«

»Gestern waren Sie nachmittags nicht hier?«

»Nein.«

»Sie haben demzufolge nichts bemerkt, was für die Polizei relevant sein könnte?«

»Nein. Was hätte ich bemerken können?«

»Streit?«

»Nein. Ich war gestern sehr früh hier. Als ich ging, ist mir niemand aufgefallen. Ich habe wohl jemanden auf der Driving Range bemerkt, aber ich habe nicht gesehen, wer es war. Geht es morgen normal weiter?«

»Das denke ich. Die Leute arbeiten sehr gründlich, aber auch flott. Das müssen sie schon in unserem eigenen Interesse, denn wir können nicht ewig auf die forensischen Ergebnisse warten.«

Wenig erfreut über die Einschränkung versprach der Mann nochmals, den Anweisungen zu folgen und setzte sein Spiel auf der Kurzbahn fort.

Das Clubhaus war noch geschlossen. Ab neun Uhr wurde das Sekretariat geöffnet. Berendtsen sah auf die Uhr: noch fünf Minuten. Da erschien auch schon die Sekretärin und schloss auf.

»Guten Morgen Herr Berendtsen, schon so früh unterwegs? Treten Sie ein. Was kann ich für Sie tun?«

Obwohl die beiden gut bekannt waren, zeigte Berendtsen seinen Ausweis. »Ich bin heute einmal dienstlich hier, Frau Grothe. Wir müssen die Mitglieder benachrichtigen, dass heute aufgrund eines Vorfalls der Platz vorerst, vielleicht bis heute Mittag oder Nachmittag, gesperrt ist. Es tut mir leid.«

»Was sagen Sie?«

»Ja. Der Platz bleibt für die nächsten Stunden geschlossen. Außerdem benötige ich eine Liste aller Leute, die gestern am Nachmittag den Platz gebucht haben.«

»Herr Geiger ist schon auf dem Platz. Soll ich ihn anrufen?«

»Ich habe ihn schon getroffen. Er weiß Bescheid.

»Was ist passiert?«

»Kennen Sie Herrn Ludwig Heilmann?«

»Natürlich. Er gehört zu unserem Vorstand. Sein Wagen steht auf dem Parkplatz und stand offensichtlich die ganze Nacht dort. Was ist mit ihm?«

»Können Sie mir sagen, wann er gestern den Platz gebucht hat. Ein Cart hat er auch geordert.«

Sie sah in ihrem Rechner nach. Halb vier hat er eingecheckt. Er war mit dem Cart 2 unterwegs.«

»Bucht er immer das Cart?«

»Nein. Ich habe ihn immer mit seinem Elektro-Caddy gesehen. Es könnte sein, dass das Teil defekt war. Er hatte bereits früher Probleme damit.«

»Tragen konnte er sein Bag nicht. Bei der Ausstattung, die ich in seinem Bag ausgemacht habe, war er über mindestens fünfzehn Kilo schwer. Der Callaway allein bringt schon einiges auf die Waage.«

»Ja, das stimmt. Er schleppte immer alles mit. Er hatte gestern sogar den Schirm mit, obwohl es nach Regen wirklich nicht aussah.«

»Wann kann ich mit der Liste rechnen?«

»Ich kann die Spieler sofort herausfiltern. Es dauert wenige Minuten. Sie haben sicher noch hier zu tun.«

»Natürlich. Zunächst brauche ich ein Schild, dass der Platz gesperrt ist.«

»Es steht in der Cart-Garage. Gleich rechts. Soll ich mitkommen oder reicht es, wenn ich Ihnen den Schlüssel gebe? Aber wollen Sie mir nicht sagen, was passiert ist?«

»Wir vermissen Herrn Heilmann. Wir haben seinen Driver und sein Bag am Abschlag zur Bahn 13 gefunden … und Blut.«

Sie war entsetzt.

Sie reichte ihm stumm den Schlüssel. »Wiedersehen macht Freude!«, musste sie aber dennoch loswerden.

»Ansonsten … hier ist meine Karte. Sie haben meine Privatnummer im System, aber hier sind auch die vom Präsidium. Meine Sekretärin heißt Bremer, Uschi Bremer. Ihr können Sie alles anvertrauen. Bei ihr geht nichts verloren.«

Das Schild und die zugehörigen Gummigewichte hatte er bald gefunden und stellte es hinter dem Parkplatz des Vorstands auf. Während er noch hantierte, griffen Frank und Feil ein. »Guten Morgen, Herr Kommissar Berendtsen. Lassen Sie uns mal ran.«

Frank hielt die Stange, während Feil schraubte.

»Wir sollen jemanden suchen«, sprach ihn ein Polizeimeister von hinten an. »Wo sollen wir anfangen?«

Berendtsen drehte sich erschrocken um.

Er stellte sich und seinen Kollegen vor. »Der Hund kommt sofort. Frau Keller ist mit Amigo schon auf dem Parkplatz.«

Sie erschien mit dem Hund an einer kurzen Leine. Berendtsen führte sie zur besagten Stelle.

Die Polizisten verteilten sich unter Anleitung von Feil und Frank auf die Bahnen zwölf und dreizehn, Amigo nahm direkt die Fährte auf und machte sich schleunigst auf den Weg. Feil sollte sie begleiten. Berendtsen kam kaum hinterher. Dass an der Kreuzung die Wagenspuren zu Ende waren, kümmerte ihn in keiner Weise. Er lief um die Absperrung für Fahrzeuge herum und hastete den Weg zum Hardtbergsee entlang. Nach einigen hundert Metern wurde der Hund eilig und lief gezielt auf den Bewuchs des Sees zu, dem man ansehen konnte, dass dort jemand das Gestrüpp beiseitegetreten hatte. Schleifspuren durch das Schilf bis ans Ufer des Sees waren eindeutig auszumachen. Die Führerin hielt den Hund zurück. Amigo hatte die Leiche gefunden. Er bekam seine Streicheleinheiten und sein Leckerli.

Berendtsen bahnte sich parallel zu der Schleifspur einen zweiten Zugang zum See, um vorhandene Abdrücke nicht zu verwischen. »Das ist Ludwig Heilmann. Er ist mir persönlich bekannt«, bestätigte Berendtsen offiziell die Identität des Toten. »Wir brauchen das ganze Programm.«

Er wählte, während er auf den Weg zurückstapfte.

»Hallo Uschi, ich bin’s wieder. Wir haben den Mann gefunden. Im Hardtbergsee. Wir brauchen das volle Programm samt einem Taucher. Er liegt zwar nur einen halben Meter tief, aber der Grund muss abgesucht werden.«

»Frau Dr. Rother habe ich informiert« bemerkte Uschi, die die Prozeduren kannte. Sie wartet auf ihren Abruf. Ich werde sie losschicken. Ist der Abtransport geregelt?«

»Ach nein. Kümmern Sie sich bitte darum.«

»Wie heißt der Mann genau? Heilmann?«

»Ludwig Heilmann, Architekt und Bauunternehmer in Dorsten. Adresse weiß ich nicht. Sein Firmengelände befindet sich irgendwo im Industriegebiet Nord.«

»Hat der Mann Angehörige, die Sie benachrichtigen wollen? Muss ich nach Adressen suchen?«

»Die kann ich hier über den Verein erfahren.« »Bankverbindungen und das übrige Programm?«

»Das komplette Programm. Danke. Sie machen das prima!«

»Ich weiß, Chef«, antwortete sie stets auf dieses Lob. »Ich habe Hallstein informiert. Er ist auf dem Weg.«

»Wunderbar. Uschi, Sie sind die Beste.«

Berendtsen ließ einen der Männer kommen und beauftragte ihn, den Fundort im Auge zu behalten. »Ich werde die Spurensicherung vorbeischicken. Die Leute sollen sich den Tatort und den Weg genau anschauen. Vorher geht niemand hier den Pfad entlang.«

»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Haupt­kommissar Berendtsen. Ich gebe Acht, das nichts zertreten wird und er nicht wegläuft.«

Frau Keller machte sich auf den Weg zurück. Berendtsen stattete dem Golfcart einen Besuch ab. Es war das viersitzige Cart. Die hinteren Sitze waren zu einer Ladefläche umgeklappt und voller Blut. Es war eindeutig, dass Heilmann hiermit transportiert worden war. Eine dünne Jacke und die Kappe lagen auf dem Boden. Blut auf den Sitzen und am Lenkrad. Es war abgewischt, aber der Täter hatte sich offensichtlich keine besondere Mühe bei der Reinigung gegeben. Er benachrichtigte Willi. Der hatte inzwischen seine Truppe geordert.

»Ich habe mir den Platz angesehen, Albert. Hältst du es für erforderlich, das gesamte Areal abzusichern?«

»Du nicht?«

»Das kannst du nicht machen. Wenn wir die Bahn vorher, die Zwölf abriegeln, wird es genügen. Hinterher erübrigt sich, weiter vorne werden wir nichts Relevantes finden.«

»Okay. Wenn du meinst, lasse ich den Platz freigeben.«

»Hallo Albert.« Hallstein kam aus Richtung Golfplatz auf ihn zu. »Du bist schon fleißig bei der Arbeit, wie ich sehe. Ich habe gerade Frau Keller gesprochen. Sie hat mir kurz einen Überblick verschafft über den Fundort und den Standort des Transportmittels. Den Tatort habe ich auch schon inspiziert. Willis Leute sind an der Arbeit. Wer ist die Person in Uniform, die über die Bahn läuft?«

»Uschi hat zwei Leute über Frank und Feil besorgt. Es sind zwei ihrer Kollegen. Der eine steht am Ufer und passt auf, ›dass die Leiche nicht wegläuft‹, wie er sich ausdrückte.«

»Da hat er viel zu tun«, grinste Hallstein. »Ich hoffe, er gibt sich Mühe.«

Berendtsen blickte ihn kopfschüttelnd und streng an.

Berendtsen, bei dem auch nach so vielen Jahren seiner Ermittlungsarbeiten immer noch ein Leichenfund Beklemmungen auslöste, fand die Bemerkung nicht angebracht, aber die heutige Generation der Ermittler kannte diese Betroffenheit nicht. Vielleicht stellte sie sich erst später ein. Wann er selbst zum ersten Mal ein ungutes Gefühl beim Tod einer Person gehabt hatte, wusste er noch genau. Es war in Hamburg beim Anblick der Mutter einer toten Prostituierten, die einem Freier zum Opfer gefallen und in einem schäbigen Apartment am Hafen in Hamburg aufgefunden worden war. Die Mutter war ahnungslos über den Beruf ihrer Tochter gewesen.

Er hatte sie im Treppenhaus eines Altbaus angetroffen. Eine kleine, schmale Gestalt mit grauem Dutt, die in einem zu großen Wollmantel auf der halben Treppe stand. Ihre Hand, voller Arbeitsspuren, ruhte auf dem Treppengeländer, in der anderen hielt sie eine Einkaufstasche aus Stoff, in der er ein Brot in einer Papiertüte und Margarine erkannte und zwei Äpfel. Er hatte sie in Ihre Wohnung gebeten und sie in der Küche auf einen Stuhl gesetzt. Sie hatte die Nachricht stumm aufgenommen. Keine Nachfrage, nur ein leises Zittern um den Mund, das stärker wurde, je länger sie schwieg. Dann hatte sie leise geflüstert: »Sie wollte doch Friseurin werden.«

Dieser Satz hatte sich ihm eingeprägt wie ein Dorn.

Seit dieser Zeit dachte er immer an das private Umfeld seiner Opfer. Hier fragte er sich, wie Heilmanns Frau Margot den Tod aufnehmen würde. Er kannte sie von Ansehen bei einer Mitglieder-Versammlung des Golf-Clubs. Eine von der aufgetakelten Frisur bis zu den Füßen durchgestylte agile Mittfünfzigerin, eine energische Person, elegant und üppig ausgestattet sowohl mit den Hilfsmitteln von Bayer Leverkusen und Allergan als auch bei ihren über eine stramme Korsage in annehmbaren Proportionen gehaltene Figur. Sie trug an jenem Abend ein blaues Kostüm und passende tiefblaue Schuhe, die ihr ein wenig zu eng waren, und reichlich teures Geschmeide. Berendtsen hielt sie für die Triebfeder des Unternehmens ihres Mannes und die Triebfeder für seine Kandidatur zur Wahl in den Vorstand des Vereins. Er hatte sie bisher nie spielen sehen.

Die Kommissare hatten inzwischen den Tatort erreicht. Alle Zugänge waren abgeriegelt, auch die Bahn zwölf. Willis Leute waren dabei, jeden Grashalm umzudrehen. Selbst das Heuerhaus war abgesperrt.

Hallstein sah sich interessiert um. Er war noch niemals auf einem Golfplatz gewesen.

»Es scheint eine Heidenarbeit zu werden, alle Leute zu befragen, die gestern hier auf dem Platz waren«, meinte er. »Sollen wir uns gleich ans Werk begeben?«

»Dazu müssen wir sie erst einmal zusammentrommeln. Ich denke, das können wir im ersten Anlauf Frau Müller machen lassen.« Berendtsen bemerkte den Schlüssel in seiner Tasche.

»Wir müssen zum Clubhaus. Wo ist Herr Wieschermann?«

»Wer ist das?«

»Der Platzwart. Er fährt mit einer Pritsche durch die Gegend.«

»Der dort drüben vielleicht?«

»Berendtsen winkte ihm. »Wenn man vom Teufel spricht …«

Wieschermann brachte sie zurück zum Clubhaus. Hallstein hatte es sich auf der Ladefläche zwischen Eimern, Harken, Besen, Kantenschneidern und einer Werkzeugkiste bequem gemacht.«

Eine Vierergruppe und ein Ehepaar warteten auf die Kommissare, um ihren Unmut über die Absperrung kundzutun.

Berendtsen gab den Platz bis auf die beiden Bahnen zwölf und dreizehn frei, nicht ohne sie vorher nach den Beobachtungen zu den Tagen vorher zu befragen. Sie waren nicht auf dem Platz gewesen und hatten auch einige Tage vorher keine Unregelmäßigkeiten bemerkt.

Er gab den Schlüssel zurück und erhielt im Gegenzug die Liste der Leute, die am letzten Nachmittag auf dem Platz unterwegs waren. Er bat sie, das Schild »Platz gesperrt« auf Bahn zwölf und dreizehn zu ändern. Sie war erfreut, dass sie dem Unmut der Spieler entgehen konnte, denn es gab bereits erste Reklamationen. Die meisten spielten ohnehin nur neun Löcher.

Frau Dr. Rother erschien. »Wohin?«, fragte sie knapp, nachdem sie beide Kommissare per Handschlag begrüßt hatte.

»Zunächst biete ich Ihnen eine Tasse Kaffee an, Frau Doktor. Die Sekretärin wird uns eine Tasse spendieren. Die Leiche liegt noch im Wasser, aber ein Taucher und der Bestatter ist unterwegs.

Frau Grothe war so freundlich. Sie brühte drei Cappuccini auf und ließ die Kommissare im Nebenraum des Bistros Platz nehmen.

»Haben Sie schon Erkenntnisse über die Tat?«

»Wenig.«

Als Grothe wieder auf ihrem Posten an der Rezeption war, erklärte Berendtsen Hallstein und Rother die Geschehnisse am frühen Morgen, als Wieschermann das Blut entdeckt und ihn benachrichtigt hatte.«

Die Sekretärin kam zurück und meldete neue Polizeikräfte an. Berendtsen setzte die Tassen zusammen und stellte sie auf der Rezeption ab.

Hallstein und Berendtsen fuhren mit Dr. Rother und wiesen den Weg zum Fundort. Der Taucher und die vier Polizisten, die die Leiche bergen sollten, fuhren hinterher.

Vom Weg aus bahnten sich die Leute einen Pfad durch das Schilf. Berendtsen hielt sich zurück. Er kannte die Stelle. Der Polizist bemerkte: »Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Kommissar Berendtsen.«

Willi war mit seiner Arbeit fertig.

Der Taucher zwängte sich in seinen Neopren-Anzug und watete durch das Schilf in den See. Drei Leute von der Spurensicherung hielten sich in einer Art hochgeschlossener, wasserdichter Latzhose, die ihnen bis unter die Achseln reichte, bereit und warteten auf ein Zeichen des Tauchers. Die beiden Leute vom Bestatter in ihren schwarzen Anzügen waren von der Gahlener Straße in den Weg eingebogen und hatten den Leichenwagen rückwärts an der Schranke abgestellt und den Untersatz mit dem Zinksarg in Stellung gebracht.

Die Leute in den Anglerhosen bargen den Leichnam, bahnten sich einen Weg durch das Schilf und das Gestrüpp und legten ihn wassertriefend auf die Bahre. Die Leiche war bekleidet mit grüner Hose und weißem Poloshirt, aus denen immer noch fortlaufend Wasser heraustropfte.

»Jacke und Kappe liegen im Golfcart«, erklärte Berendt­sen.

Frau Rother kniete neben dem Leichnam und nahm eine erste Bewertung vor. Alle warteten stumm. Zwei Fahrradfahrer näherten sich aus Richtung Campingplatz. Sie wurden von Feil zur Umkehr bewogen.

Rother erhob sich nachdenklich.

»Er wurde zweifelsfrei mit einem stumpfen Gegenstand von hinten erschlagen. Ein Eisen 7 könnte, wie Sie schon vermuteten, dafür infrage kommen. Die Schädeldecke wurde zerbrochen. Ich gehe nach erster Einschätzung davon aus, dass er bereits tot war, als er ins Wasser geworfen wurde, aber Genaueres …« Weiter kam sie nicht.

» … wenn ich ihn auf dem Tisch habe«, ergänzten Berendtsen und Hallstein einstimmig.

»Außerdem gibt es an der Schläfe eine Wunde, die offensichtlich von dem Fall auf den Driver herrührt. Dieser kleine Abdruck hier … scheint auf das Tee hinzudeuten, das Sie mir neben dem Schläger gezeigt haben, Herr Berendtsen. Diese Delle wird von einem Golfball herrühren. Zur Tatzeit will ich mich nicht festlegen. Das Wasser ist hier flach und die Temperatur schwankt stark je nach Sonneneinstrahlung. Gestern Abend war es recht sonnig und das Sonnenlicht scheint bis auf die Wasseroberfläche. Also … nur als Anhaltspunkt für Ihre Ermittlungen: Der Tod wird zwischen achtzehn und zwanzig Uhr eingetreten sein.«

Berendtsen nickte zustimmend. »Das deckt sich mit den bisherigen Erkenntnissen. Er hat um halb fünf abgeschlagen und hätte für zwölf Bahnen zwei bis zweieinhalb Stunden Zeit gebraucht. Das ist für seine Verhältnisse viel, aber er scheint nicht in Form gewesen zu sein. Dann war es neunzehn Uhr, als er auf seinen Mörder traf. Könnte passen.«

Der Taucher meldete sich. Er stand bis zur Hüfte im Wasser, winkte und hielt zwischen Daumen und Zeigefinger einen Golfschläger. Er hatte ihn in Wurfweite hinten im See entdeckt. Er tastete sich Schritt für Schritt vorsichtig ans Ufer.

Willi betrachtete den Schläger ausführlich. Es war das vermisste Siebener Eisen.

»Blut. Eindeutig. Keine Fingerabdrücke sichtbar. Aber das heißt nicht, dass wir nichts finden, Albert.«

»Haben wir sein Handy?«

»Bisher nicht.«

Berendtsen schickte den Taucher noch einmal los.

»Kann ich den Abtransport freigeben?«, fragte er in die Runde.

»Natürlich. Keine Einwände.«

Er winkte die Mitarbeiter heran, die sich bisher abseits des Geschehens bereitgestellt hatten. Die Anwesenden verstummten, als die Männer ihre Arbeit aufnahmen. Sie breiteten den Leichensack auf dem Boden aus, legten den Toten darauf und zogen den Reißverschluss zu. Dieses Geräusch und das Knistern des dunkelgrauen Plastiksacks waren immer gleich und gingen Berendtsen durch Mark und Bein. Danach betteten sie den Leichnam in den Zinksarg, hievten ihn auf den fahrbaren Untersatz und trans­portierten ihn über den Sandweg zum Wagen. Sie öffneten die Doppeltür, ließen den Sarg auf den kleinen Rollen hineingleiten und schlossen die Türen, in deren Fenster Bilder von weißen Palmenzweigen eingeätzt waren.

Langsam setzte sich der schwarze Wagen in Bewegung.

»Wir müssen die Witwe benachrichtigen. Die Adresse erfahren wir im Sekretariat.«

Kapitel 4

Heilmann mit ihrem Mann und den zwei Kindern lebte, war nicht weit, aber Berendtsen fühlte sich, als wäre er auf dem Weg zu einer schweren Klausur. Dieser Gang war für ihn immer unangenehm, weil er wusste, dass er einer Familie eine zerstörende Nachricht überbringen musste. Dieses Gefühl war mit den Jahren stärker geworden. Vielleicht weil er immer an den Tag erinnert wurde, an dem seine Irmgard die Nachricht bekommen hatte, dass er mit einer Schusswunde ins Krankenhaus gebracht worden war. Plötzlich und unerwartet.

Berendtsen hielt den Wagen einige Meter vor dem großen schmiedeeisernen Tor an.

Er sah die Villa vor sich, eine Villa in klassizistischem Stil mit Anbauten aus neuerer Zeit. Sie stand auf einem großzügigen Grundstück, eingefasst von einer Eiben­hecke, Rhododendren und sorgsam gestutzten Buchsbaumkugeln. Die weiße Villa wirkte nicht nur teuer, sondern auch, wie der Garten, sehr gepflegt. Nur die schmalen Beete mit Rosenstöcken links und rechts neben dem Eingang waren offensichtlich zertreten worden. Auf zwei Balkonen waren Markisen herausgefahren. Im Garten waren vier geschlossene Garagen zu sehen. In der weiteren Umgebung glaubte er, einen Tennisplatz zu erkennen.

Berendtsen schwieg. Wie würde diese Frau ihm begegnen, die er als herrschaftlich und dominant eingestuft hatte.

Hallstein kannte das Gemüt seines Kollegen. Er begleitete ihn und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.

»Du schaffst das schon«, meinte er damit, sagte aber nichts.

Berendtsen fuhr weiter vor. Das Tor öffnete sich. Die Kommissare stiegen aus. An der Haustür nahm sie eine ältere Dame in Empfang. Eine Haushälterin in dunklem, knielangen Kleid mit weißer Schürze nahm die Visitenkarten entgegen, verschwand für eine Minute, kam zurück und führte die Kommissare durch einen hell gefliesten Flur in ein Büro im neueren Anbau. Das Zimmer war durch zwei bodentiefe Fenster von hellem Licht durchflutet, die den Blick auf einen gepflegte Garten mit einer langen Galerie von weiteren Rosenstöcken lenkten. Das Mobiliar erinnerte an den alten Teil des Hauses.

Mahagonischreibtisch, Bücherwand, Bilder, Perserteppich, Fischgrätparkett.

Margot Heilmann hatte sich von ihrem Bürostuhl erhoben und begrüßte sie. Berendtsen war überrascht. Im Gegensatz zu dem Erscheinungsbild auf der Versammlung trug sie hier eine helle Jeans mit grünem Poloshirt und einfache Sandalen aus braunem Leder. Sie war ungeschminkt. Lediglich Lippenstift hatte sie aufgelegt. Ihr üppiges Haar war nicht hochgesteckt, sondern fiel durch eine Spange gehalten locker in den Nacken. Sie bot dem Besuch in einer geschäftsmäßigen Art einen Platz an einem kleinen runden Nussbaumtisch an, auf dem einige kleine Flaschen mit Wasser, Cola und Apfelsaft standen, und setzte sich zu ihnen.

»Was führt sie zu mir?«, fragte sie freundlich. »Ich glaube, wir kennen uns aus dem Club. Wir wurden uns nicht vorgestellt, aber jemand hatte mir geflüstert, dass wir einen waschechten Mordermittler als neues Mitglied im Club haben.«

Berendtsen war unsicher. Er wusste nicht, wie er der Frau begegnen sollte. Sie machte den dominanten Eindruck, den er erwartet hatte, aber sie war zugleich sehr freundlich und unverbindlich. Sie war völlig verschieden von der mondänen Gestalt, die er im Club erlebt hatte. Sie erschien als eine Frau, die Geschäft und Familie im Griff hatte. Aber nicht mit Strenge, eher mit Liebe. Dieser Frau musste er eine schreckliche Nachricht überbringen.

»Das stimmt. Ich bin Kriminalhauptkommissar vom Polizeipräsidium in Recklinghausen. Dies ist mein Kollege, Hauptkommissar Hallstein.«

Die Kommissare wiesen sich aus.

Nach einer Pause, in der sie auf das Anliegen des Kommissars wartete, begann er: »Und leider bin ich in dieser Angelegenheit zu Ihnen gekommen, Frau Heilmann.«

»So?«, fragte sie mit einer Unheil ahnenden Miene.

»Es geht um Ihren Mann.«

»Der ist leider nicht zuhause«, startete sie mit schnellen, hastigen Worten. »Er wollte sich auswärts eine Baustelle ansehen und ist früh los. Wissen Sie, Herr Kommissar …« Sie brach ab. Ihre Augen verengten sich. Die Stirn wurde kraus. Was sie bisher geahnt hatte, schien Gewissheit zu werden.

»Ich habe eine schlechte Nachricht für sie. Ihr Mann wurde heute Morgen tot aufgefunden.«

Frau Heilmann richtete sich auf und zog den Kopf ein wenig zurück. Ihr Körper war angespannt. Ihre Augen weiteten sich. Sie blickte die Männer ungläubig an. Dann schluckte sie und sagte mit trockener Stimme: »Tot aufgefunden? Wo?«

»Im … In der Nähe des Golfplatzes.«

Berendtsen schraubte eine Flasche Wasser auf, die auf dem Tisch stand und füllte ein Glas zur Hälfte. Er gab es ihr in die Hand.

»Sind Sie sicher?«

Die Kommissare nickten bedächtig. »Es tut uns sehr leid.«

»Und Sie sind von der Mordkommission? Soll das heißen … ist er …?«

»Wir gehen von Fremdverschulen aus«, sagte Hallstein. »Er wurde mit seinem Eisen 7 erschlagen. Hinterrücks. Er hatte keine Chance.«

Berendtsen hatte für einen Moment den Eindruck, er müsse einen Notruf absetzen, aber die Frau fing sich.

»Danke.« Sie trank aus. »Was genau ist passiert?«

Berendtsen schilderte die Ereignisse des Morgens. Dabei präzisierte er die Fundstelle im Hardtbergsee.

»Im See? Hinter dem Golfplatz?«

Berendtsen nickte. »Ja.«