Der Notarzt 335 - Arztroman - Karin Graf - E-Book

Der Notarzt 335 - Arztroman E-Book

Karin Graf

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Beschreibung

Das Lächeln eines Engels Wie der kleine Moritz die Mitarbeiter der Notaufnahme verzauberte In seinem Kindergarten hat es der fünfjährige Moritz nicht leicht. Irgendwie ist er anders als die anderen Kinder, und für seine Erzieherin ist der Fall schnell klar. "Moritz ist zurückblieben", erklärt sie Aida, der Mutter des Jungen. "Sie sollten sich lieber rechtzeitig nach einer Schule für geistig behinderte Kinder umsehen." Aida tut es in der Seele weh, zu sehen, wie ihr Junge von seinem Umfeld verspottet und gemieden wird. Und trotzdem kann sie momentan nichts an dieser Situation ändern, denn in ihrem Wohnort gibt es nur diesen einzigen Kindergarten, und einen Umzug kann sie sich einfach nicht leisten. Doch dann kommt ein furchtbarer Tag, schlimmer als jeder vorangegangene: Moritz verunglückt während eines Ausflugs schwer. Ob er durchkommen wird, ist ungewiss. Ein Hubschrauber bringt den verletzten Fünfjährigen in die Frankfurter Sauerbruch-Klinik. Hier tun die Ärzte alles, um diesen Kampf um Leben und Tod zu gewinnen - und währenddessen gewinnt Moritz die Herzen seiner Helfer mit einem einzigen Lächeln ... Was ist es, das an Moritz anders ist? Wie kann er im Kindergarten als dumm gelten, wenn seine Mutter doch so oft den Eindruck hat, dass er sogar außerordentlich intelligent ist? Und vor allem: Wie geht es mit dem Jungen nach seinem schweren Unfall weiter? Antworten auf all diese Fragen erhalten Sie in Band 335 der Bastei-Erfolgsserie "Der Notarzt.

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Seitenzahl: 114

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Inhalt

Cover

Impressum

Das Lächeln eines Engels

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Tatyana Domnicheva / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 9-783-7325-7586-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Das Lächeln eines Engels

Wie der kleine Moritz die Mitarbeiter der Notaufnahme verzauberte

Karin Graf

In seinem Kindergarten hat es der fünfjährige Moritz nicht leicht. Irgendwie ist er anders als die anderen Kinder, und für seine Erzieherin ist der Fall schnell klar. „Moritz ist zurückblieben“, erklärt sie Aida, der Mutter des Jungen. „Sie sollten sich lieber rechtzeitig nach einer Schule für geistig behinderte Kinder umsehen.“

Aida tut es in der Seele weh, zu sehen, wie ihr Junge von seinem Umfeld verspottet und gemieden wird. Und trotzdem kann sie momentan nichts an dieser Situation ändern, denn in ihrem Wohnort gibt es nur diesen einzigen Kindergarten, und einen Umzug kann sie sich einfach nicht leisten.

Doch dann kommt ein furchtbarer Tag, schlimmer als jeder vorangegangene: Moritz verunglückt während eines Ausflugs schwer. Ob er durchkommen wird, ist ungewiss.

Ein Hubschrauber bringt den verletzten Fünfjährigen in die Frankfurter Sauerbruch-Klinik. Hier tun die Ärzte alles, um diesen Kampf um Leben und Tod zu gewinnen – und währenddessen gewinnt Moritz die Herzen seiner Helfer mit einem einzigen Lächeln …

„Schau mal, Peter! Dort vorne ist dieses neue, riesige Kaufhaus, das erst vor einer Woche eröffnet wurde. Sportort. Dort bekommst du bestimmt, was du suchst.“

Es war Samstagabend, eine halbe Stunde vor Ladenschluss und bereits dunkel, als Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme an der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, und die Kinder- und Jugendpsychologin Lea König noch rasch ein paar Besorgungen machen wollten.

Die Straße war dick mit graubraunem Schneematsch überzogen, es war klirrend kalt, und zu allem Überfluss hatte vor ein paar Minuten auch noch ein unangenehmer Schneeregen eingesetzt.

Trotz des wenig erfreulichen Wetters und der späten Stunde waren immer noch viele Leute in der großen Einkaufsstraße der Frankfurter City unterwegs. Besonders vor dem neuen, luxuriös gestalteten Sporttempel drängten sich die Menschenmassen.

„Dort kommen wir doch niemals rein, Schatz. Schau dir die lange Schlange an. Die haben die großen Türen schon dichtgemacht und lassen die Leute nur einzeln hinein. Ich habe wirklich keine Lust darauf, mich dort anzustellen“, maulte der Notarzt.

Er schleppte mehrere Einkaufstaschen in beiden Händen, seine Füße fühlten sich wie zwei sehr gut abgehangene, tiefgekühlte Steaks an, und vorhin war auch noch eine kleine Dachlawine über ihn gekommen.

Der Schnee, der ihm dabei hinten in den Kragen geraten war, schmolz jetzt auf seinem Rücken, und die nasse Wolle seines Pullovers kribbelte unangenehm auf seiner nackten Haut. Dementsprechend übel war seine Laune.

„Fahren wir nach Hause, ich mag nicht mehr!“

„Unsinn, da gehen wir noch rein!“, widersprach Lea energisch. „Seit Wochen jammerst du nun schon darüber, dass deine Sportschuhe, die du bei der Arbeit trägst, demnächst auseinanderfallen. Wer weiß, wann wir wieder einmal die Zeit dazu finden, einkaufen zu gehen. Also vorwärts, mein Lieber, und keine Widerrede. Hinterher bist du bestimmt froh, dass das endlich erledigt ist.“

Sie drängte ihn gnadenlos in Richtung Eingang.

„Das ist doch kein Zustand, dass du dir die Schuhsohlen jeden zweiten Tag mit Superkleber festkleben musst. Lass mich nur machen, Schatz. Wenn wir erst einmal drinnen sind, remple ich ein paar Leute zur Seite, stürme in die Schuhabteilung, kralle mir ein Paar weiße Sneakers in deiner Größe, und schon können wir wieder gehen.“

„Ja, klar!“, unkte Peter. „Nachdem wir eine Stunde lang in der Schlange vor der Kasse angestanden ha…“ Peter trat in eine tiefe Schneematschpfütze. „Na großartig!“ Jetzt hatte er auch noch Schmelzwasser im Schuh. Aber drauf kam es jetzt ja wohl auch nicht mehr an, denn seine Laune war ohnehin schon auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Noch schlimmer konnte es nicht mehr werden.

„Aha, deswegen also die vielen Leute.“ Lea zeigte auf die großen Schriftzüge, die an sämtlichen Schaufenstern angebracht waren.

Heute zum letzten Mal unser großer Eröffnungsrabatt! Minus fünfzig Prozent auf jeden Einkauf!, riefen die beleuchteten Neonbuchstaben blinkend in die Dunkelheit und tauchten im Sekundenrhythmus die mürrischen Gesichter der Wartenden in grelle, bunte Farben.

Peter lachte verächtlich auf.

„Sehr großzügig! Ich wette, keiner von denen hat das Kleingedruckte unten gelesen. Da! Siehst du? Auf ein Produkt Ihrer Wahl, steht da noch drunter. Nicht beleuchtet natürlich. Das bedeutet, wir werden doppelt so lange an der Kasse anstehen.“

„Warum?“

Der Notarzt verstellte seine Stimme zu einem weinerlichen Lamento.

„Draußen auf den Schaufenstern stand aber, dass man fünfzig Prozent Rabatt auf jeden Einkauf bekommt! Wieso haben Sie mir dann den vollen Preis berechnet?“

Er wechselte zu einem salbungsvollen Säuseln.

„Das gilt nur für ein Produkt. Die fünfzig Prozent habe ich Ihnen schon von dem Kaugummi abgezogen.“ – „Und wieso nicht von der teuren Thermounterwäsche? Dann hätte es sich wenigstens gelohnt.“ – „Das hätten Sie gleich sagen müssen. Jetzt ist es leider zu spät.“

„Ja, wahrscheinlich wird es sich genau so abspielen“, erwiderte Lea lachend. Sie zog Peter unbarmherzig vorwärts, als die Schlange weiterrückte. „Aber wir können dann ja den Trick versuchen, den Heidi immer anwendet, wenn sie irgendwo zu lange warten muss.“

„Und was für ein Trick wäre das?“

„Sie fängt immer ganz schrecklich zu husten an und jammert lautstark, dass die verdammte Tuberkulose sie eines Tages noch umbringen wird. Neulich hat sie sich im Supermarkt sogar ein bisschen Ketchup in die Mundwinkel geschmiert, damit es noch echter aussieht.“

Sie lachte laut auf.

„Einmal hat sie sich ihren Poncho unter den Pullover gesteckt, ganz furchtbar zu stöhnen angefangen und behauptet, die Wehen hätten eingesetzt. Wenn ich mit Heidi einkaufen gehe, kommen wir immer sofort dran.“

Trotz seiner miesen Laune, des kratzigen Wollpullovers und der eiskalten, nassen Füße musste Peter nun doch lachen.

„Typisch Heidi. Ihr ist wirklich nichts zu peinlich. He! Moment mal!“, protestierte er, als er und Lea von einem sehr fülligen Paar im mittleren Alter grob angerempelt und von ihren Plätzen in der Schlange verdrängt wurden.

„Lass sie, Schatz“, warnte Lea ihn, als der Notarzt seinen Platz zurückerobern wollte. „Bei solchen Leuten kann man nie wissen, wie sie reagieren. Und du hast doch sicher keine Lust auf einen üblen Streit oder gar eine Schlägerei, oder?“

„Eher nicht“, grummelte Peter. Die beiden hatten es doch tatsächlich geschafft, dass seine Laune nun doch noch tiefer gesunken war.

Er wollte nur noch nach Hause. Die Schuhe und die nassen Socken ausziehen, sich den kratzigen Pullover vom Leib reißen, die Heizung bis zum Anschlag aufdrehen und es sich mit einem heißen Tee und einem Buch auf der Couch gemütlich machen.

Aber er wollte nicht schon wieder jammern. Also ignorierte er tapfer den triumphierenden Blick der dicken Frau, die auf ihren starken und mutigen Freund oder Ehemann mächtig stolz zu sein schien.

Als sie die elektronische Schranke passiert hatte, die offensichtlich dazu installiert worden war, um die Kunden zu zählen, konnte sie es sich nicht verkneifen, sich noch einmal umzudrehen und Peter ein verächtliches „Na, du Loser!“ zuzurufen.

„Wirklich sehr nette Leute!“, zischte er missmutig. „Und für solche Typen renne ich mir in der Notaufnahme ein Paar Schuhe pro Halbjahr zuschanden.“

Er hängte sich die Einkaufstaschen über die Schulter und steckte seine rot gefrorenen Hände tief in die Manteltaschen.

„Diese zwei Clowns werden wahrscheinlich auch irgendwann einmal auf meinem OP-Tisch landen. Er mit einer zerbrochenen Bierflasche im Kleinhirn und sie mit einer total vergammelten Fettleber. Soll ich sie dann auch schubsen?“

„Reg dich nicht auf, Schatz“, beschwichtigte ihn die Psychologin. „Einen so miesen Charakter zu haben, ist schon Strafe genug.“ Sie schob ihn vor sich, weil sie merkte, dass er jetzt nichts lieber täte, als still und heimlich die Flucht zu ergreifen. „Schau mal, wir haben es geschafft. Los, du bist dran.“

Peter wartete eine Sekunde, bis die elektronische Schranke sich für ihn öffnete, ging höchst widerwillig durch und blieb dann auf der Seite stehen, um auf Lea zu warten.

Genau in dem Augenblick, als Lea die Schranke passierte, ertönte ein gewaltiger, ohrenbetäubender Knall, und dichter, beißender Rauch erfüllte die Luft.

Die Leute schrien gellend auf, manche warfen sich flach auf den Boden, manche rannten in Panik planlos herum. Einer kroch sogar in das Biwak, das zur Dekoration, mit einem künstlichen Lagerfeuer davor, in der Eingangshalle aufgebaut war, und zog den Reißverschluss hinter sich zu.

Lea blieb wie erstarrt stehen. All die schlimmen Bilder, die neuerdings so oft in den Nachrichten zu sehen waren, schossen ihr durch den Kopf. Die oft gehörte Mahnung, nach Möglichkeit größere Menschenansammlungen zu meiden, kam ihr in den Sinn

Zu spät, dachte sie nur, schloss ergeben die Augen und wartete auf einen möglichst gnädigen Tod.

Peter zögerte nicht lange. Er ließ die Taschen fallen, packte Lea um die Mitte, drängte sie in die Ecke neben der Tür und drückte sich fest gegen sie, um sie mit seinem Körper zu schützen.

„Ein … ein Terroranschlag?“, fiepte die Psychologin mit bebender Stimme. „Bist du verletzt, Schatz?“

„Nein. Zumindest spüre ich nichts.“ Peter drehte den Kopf zur Seite und schaute sich flüchtig um. „Ich kann auch sonst niemanden sehen, der verletzt zu sein scheint. Kein bisschen Blut. Nirgends. Es herrscht nur Panik. Vielleicht hat die Bombe nicht richtig funktioniert.“

„Was ist das denn?“

„Was meinst du?“ Peter folgte Leas Blick, der jetzt starr nach oben gerichtet war. Er sah, dass der Rauch von oben kam. Die Quelle des Übels schien direkt über ihnen zu sein. Vielleicht war der Sprengsatz dort oben montiert worden?

„Weg da! Schnell!“ Er packte Lea am Arm und wollte sie mit sich nach draußen zerren, doch da war es auch schon zu spät. Ein weiterer Knall ertönte, Funken regneten auf sie herab, und dann kam etwas über die beiden, dem sie beim besten Willen nicht mehr ausweichen konnten.

***

In dem kleinen Dorf Unterzwischenbrunn im schönen Allgäu, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, ging eben der unterhaltsame Teil des bunten Abends zu Ende, mit dem der Kindergarten Struwwelpeter sein fünfzigjähriges Bestehen feierte.

Jedes Einzelne der zweiunddreißig Kinder hatte irgendetwas zum Besten gegeben. Johanna Oberreiter, die fünfjährige Tochter des einzigen Gastwirts im Dorf, hatte ein Gedicht aufgesagt.

Dass sie bei dem Vierzeiler genau viermal hängen geblieben und auf eine Souffleuse angewiesen gewesen war, das hatte dem lautstarken Beifall am Ende keinen Abbruch getan.

Drei kleine Mädchen, die einmal wöchentlich eine Ballettschule in der nächsten Kleinstadt besuchten, hatten einen ziemlich wackeligen Tanz vorgeführt. Aus Schwanensee hatte er sein sollen. Die drei kleinen Schwäne hatten sich redlich Mühe gegeben, dabei jedoch herumgehampelt wie kopflose Hühner. Dennoch hatte das Publikum vor Begeisterung getobt.

Enzo, dessen Eltern die einzige Einkaufsmöglichkeit in Unterzwischenbrunn gehörte – ein Tante-Emma-Laden, in dem man von der Weißwurst bis hin zur Briefmarke so ziemlich alles bekam –, hatte stolz einen Handstand auf der provisorischen Bühne produziert, ein Rad geschlagen und ein paar Purzelbäume gemacht.

Ein kleines Theaterstück war aufgeführt worden, ein Chor hatte ein mehr oder weniger melodiöses Liedchen gesungen. Kurz und gut: Jedes Kind hatte seine drei Minuten im Rampenlicht bekommen.

Jedes – außer Moritz.

Der fünfjährige Moritz Lewinsky war zwar wie geplant gleich nach der Balletteinlage auf die Bühne gekommen, um den Suppenkasper aufzusagen, den die Kindergartenleiterin Christine mit ihm eingeübt hatte. Die ebenso einstudierte Verbeugung, die hatte er gemacht, war dann jedoch ohne Suppenkasper wieder abgetreten. Mit einer höflichen Verbeugung.

Aida, seiner Mutter, die wohlweislich in der letzten Reihe Platz genommen hatte, wurde das Herz schwer. Wieder einmal hatte Moritz sich verweigert. Wie schon so oft. Eigentlich wie fast immer in letzter Zeit.

„Ich habe es Ihnen ja gesagt, Frau Prokop, der ist nicht ganz richtig im Kopf“, hörte sie die alte Frau Weninger in der vorderen Reihe ihrer Sitznachbarin zuraunen.

Sie selbst hatte keine Sitznachbarn. Die beiden Stühle links und rechts von Aida waren frei geblieben. Niemand wollte neben ihr sitzen.

Obwohl sie eine durchaus kontaktfreudige und freundliche junge Frau war, war es ihr in den zwei Jahren, die sie und ihr kleiner Sohn nun schon hier lebten, nicht gelungen, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden.

Es war ein Fehler gewesen, von der Stadt in dieses kleine Nest überzusiedeln. Das hatte sie bereits nach wenigen Wochen eingesehen, doch da waren schon alle Brücken hinter ihr abgebrochen, und es war zu spät gewesen, den Fehler zu korrigieren.

Nachdem ihr Mann – Moritz‘ Vater – vor drei Jahren völlig unvermittelt an einem Anaphylaktischen Schock nach einem Bienenstich gestorben war, hatte sie gedacht, sie könnten auf dem Land billiger leben und besser über die Runden kommen.

Und es war ja tatsächlich so, dass sie von den nicht gerade fürstlichen Honoraren, die Aida für die deutsche Übersetzung von englischen Büchern bekam, hier ganz gut leben konnten. Viel besser als in der Stadt.

Sie hatte sogar ein kleines Haus mieten können. Für nur dreihundert Euro Monatsmiete. Dafür hätte sie in München nicht einmal eine Rumpelkammer bekommen.

Woran sie dabei jedoch nicht gedacht hatte, war die Dynamik, die in einem so kleinen Dorf, in dem jeder jeden schon von Geburt an kannte, herrschte.

Hier dauerte es wohl mindestens drei Generationen lang, bis man nicht mehr „Die Fremde, die Zugereiste, die, die nicht hierhergehört“ genannt wurde.

Vermutlich hätte sie ihren vollständigen Lebenslauf gleich am ersten Tag bei Frau Pribil, der schlimmsten Dorftratsche, abgeben sollen.

Da sie das versäumt hatte, wurde jetzt heftig darüber spekuliert, warum sie sich hier in der Abgeschiedenheit versteckte. Ob sie vielleicht was auf dem Kerbholz hatte, von wem das ledige Kind war, wovon sie lebte und ob sie wohl gar von ganz auswärts kam, weil sie so einen komischen Namen hatte.

Tja, Aida – diesen Namen hatte sie ihrer verstorbenen Mutter zu verdanken. Die war eine fanatische Opernliebhaberin gewesen, und die Oper Aida hatte sie immer besucht, wenn diese irgendwo in der Nähe auf dem Programm gestanden hatte.