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Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt Felizitas Puche ihre persönlichen Erlebnisse der Nachkriegszeit Revue passieren zu lassen. 1926 als Felizitas Reimann geboren und aufgewachsen in Glatz, nach einer unbeschwerten Jugend 1946 aus ihrer Heimat vertrieben und gestrandet in den Nachkriegswirren Westdeutschlands, musste Felizitas bereits in jungen Jahren viele Hindernisse überwinden. Ihre dabei gesammelten Erinnerungen und Erlebnisse zeichnen ein detailliertes Bild über das bemerkenswerte Schicksal einer jungen Frau, ihrer nie enden wollenden Stärke und über die systematische Vertreibung und Flucht ihrer deutschen Leidensgenoss*innen aus den ehemaligen Ostgebieten nach 1945. Felizitas Puche geb. Reimann nimmt uns mit in einen fast vergessenen Teil der deutschen Geschichte und zeigt uns hautnah, wie sich das Leben von Millionen von Menschen nach der deutschen Kriegsniederlage brutal veränderte und wie Gewalt, Willkür und Demütigungen Einzug in ihren Alltag hielten.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Vorwort
1. Die letzten Tage des Krieges
2. Plündern und verwüsten
3. Selbstlose Nächstenliebe
4. Die Russen kommen
5. Das neue Versteck
6. Am Ende unserer Kräfte
7. Einquartierte Offiziere
8. Arbeitsdienst für das große Sowjetreich
9. Damerius
10. Villa Einigkeit
11. Familie Kazmierczak I
12. Verlassene Kinder
13. Unmenschliche Schikanen
14. Fremde im eigenen Haus
15. Familie Kazmierczak ΙΙ
16. Endgültige Vertreibung aus Glatz
17. Flucht gen Westen in Viehwagons
18. Zurück in die Schule
19. Klosterinternat St. Angela
20. Studium zur Volksschullehrerin
21. Beginn eines neuen Lebens
22. Weise Worte
Danksagung
Anfang 1945, der zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu und eine grausame Zeit der Unterdrückung und Vertreibung hält in den weitläufigen Ostgebieten des Deutschen Reiches Einzug.
Felizitas Reimann ist gerade einmal 18 Jahre alt, als die Rote Armee zusammen mit der polnischen Miliz barbarisch in ihre geliebte Heimat Glatz einfällt.
Dieses Buch berichtet von ihren damaligen Erlebnissen und gibt dabei ein sehr persönliches historisches Zeugnis eines gesellschaftlich fast verdrängten Teils der deutschen Geschichte wieder.
Basis dieses Buches sind vier besprochene Audiokassetten, welche von der Protagonistin selbst eingesprochen wurden. Durch ihren frühen Tod im Jahr 2000 beinhalten weitere Quellen mündlich überlieferte Geschichten der Familie, verschriftliche Erinnerungen, sowie zeitgeschichtliche Dokumente, wie Briefe oder amtliche Unterlagen.
Felizitas teils sehr persönlichen Erzählungen reichen von der Besatzung der Grafschaft Glatz, über eine beschwerliche Flucht gen Westen, bis hin zu einem schweren Neustart im zerstörten Deutschland der Nachkriegszeit. Ihre zusammengetragenen Erinnerungen wurden hierbei lediglich verschriftlich und zu Gunsten des Leseflusses minimal korrigiert. Es fand keine Veränderung oder Verdichtung beim Niederschreiben statt. All die Geschehnisse, von denen in den folgenden Kapiteln berichtet wird, haben in ihrer Grausamkeit, aber auch Schönheit, genauso stattgefunden.
Sprache und Ausführung der Berichte sind im gesellschaftlichen, sowie politischen Zeitrahmen der Geschehnisse und mit Rücksicht auf persönlich erlebte Erfahrungen zu betrachten.
Dieses Buch soll an die Geschichte von Felizitas Reimann und ihrer Familie erinnern. Es soll dem Vergessen entgegenwirken und ist den Menschen gewidmet, die selbst Opfer der damaligen Geschehnisse wurden.
Auch knapp 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollten wir ihre Geschichten nicht vergessen.
In den letzten Kriegstagen des zweiten Weltkrieges war es in meiner geliebten Heimatstadt Glatz ein schauerliches Dasein. Von den breiten Hauptstraßen außerhalb der Stadtmauern bis hin zu den kleinsten Gassen der Altstadt wurde die gesamte Umgebung zunehmest von einer zähen, schier nicht enden wollenden Masse deutscher Soldaten überflutet. Der Großteil dieser Männer schien abgerissen, äußerlich mitgenommen, zerlumpt und physisch komplett am Ende. Man sah, dass sie einfach kaputt waren. Diese Männer wollten Nichts, als dem blutrünstigen und um sich schlagenden Monster namens Krieg endlich entfliehen. Sie rannten weg von der Front, raus aus Glatz und weg von den Russen, die ihnen dicht auf den Fersen waren.
Beim Anblick der Soldaten fiel mir schnell auf, dass relativ wenige Männer zu Fuß durch die Gegend streiften. Die Meisten dieser armen Seelen bewegten sich motorisiert fort. Sie zogen mit Pkws, Lastwagen und vielen, vielen Panzern durch die Straßen. Panzer haben mich bereits als Jugendliche vor dem Ausbruch des Krieges immer besonders stark beeindruckt. Nur mit Mühe erkannte man in diesen Tagen diese angsteinflößenden Stahlkolosse in den Straßen von Glatz. Über und über behangen mit Soldaten, wirkten die Panzer nicht wie Panzer, sondern eher wie überdimensionale Weinrispen, welche dicht bestückt waren mit zerfetzen Trauben aus heruntergekommenen Soldaten. Auch wenn man es versucht hätte mit aufzuspringen, auf den Panzern war kein einziger Fuß mehr unterzukriegen. Diese bizarre Gebilde schoben sich nun langsam und schwermütig stetig Stück für Stück über das Kopfsteinpflaster Richtung Stadtgrenze. In diesem Tagen schien es uns, als ob der Strom von Soldaten und ihrer Maschinen niemals enden wollte.
Meine Heimatstadt Glatz wurde also binnen weniger Tage überrollt von fliehenden deutschem Militär und das Einzige, was wir Bewohner tun konnten, war hilflos dabei zusehen.
Naja, ein bisschen mehr als nur zuzusehen, taten wir Bewohner von Glatz dann doch. Ordentlich aufgereiht standen an diesen fürchterlichen Tagen viele Zivilisten am Straßenrand und versuchten den vorbeiziehenden Soldaten Zigaretten, geschmierte Brötchen oder Bierflaschen zuzustecken. Wir wollten den armen Männern helfen und die meisten nahmen diese kleinen Gesten der Hilfsbereitschaft auch bereitwillig an. Die Männer griffen bei dem angebotenen Wegproviant ohne zu zögern zu, aber zu wirklichen zwischenmenschlichen Interaktionen waren die erschöpften Soldaten nicht mehr imstande. Monoton dreinblickend und schon fast mechanisch schoben sie ihre Arme aus, nahmen die kleinen Geschenke an sich und fuhren weiter. Es war gespenstisch. Die jungen Soldaten zeigten kein Interesse mehr an ihrer Umwelt. Sie sprachen nicht mit uns und sie sprachen auch nicht untereinander. So viele Männer liefen an uns vorbei und doch hörte man kein einziges Wort von ihnen. Der Krieg hatte die Männer in untote Wesen verwandelt. Untote Wesen, die fremdbestimmt und apathisch mit letzter Kraft ihre zerschossenen Füße über den Boden schliffen.
Ein Gedanke vereinte die Soldaten damals bei ihrer beschwerlichen Flucht: „Bloß weg, bloß weg vom Russen!“. Auch wir Stadtbewohner teilten diesen Gedanken. Wir alle wussten, dass mit dem bevorstehenden Kriegsende auch der Russe vor unseren Stadtmauern stehen würde. Seit Wochen schon scharrte die Rote Armee mit den Hufen. Auch wenn in Glatz bisher selbst kein Schuss gefallen war, hörte man doch jeden Tag den fernen Kanonendonner der Sowjets näherkommen. Man spürte die Front immer deutlicher und neuerdings kreisten sogar immer öfters Flugzeuge stotternd über den Dächern der Stadt. Die ganze Situation war fürchterlich.
In der Zivilbevölkerung von Glatz ging neben immer größer werdenden Ängsten, unter manchen Einwohnern folgende Parole um: „Glatz wird verteidigt!”. Glatz besitzt seit Jahrhunderten eine große Festungsanlage, die für die Verteidigung der Stadt und für den Verlauf des Krieges naturgemäß wichtig war. Von 1937-1945 war dort das Infanterieregiment Nr. 38 unter der Leitung verschiedener Führungen stationiert. Unter ihnen gab es einen Festungskommandanten, der Glatz in diesen letzten Kriegstagen um jeden Preis verteidigen wollte. Die Verteidigung der Stadt mit Hilfe der Festung stellte von Anfang an ein schon fast wahnwitziges Unterfangen da. Die Russen standen schon fast vor den Stadtmauern und sie rückten jeden Tag unter donnergrollenden Kanonenschüssen Stück für Stück etwas näher. Viele Bewohner der Stadt sträubten sich, blind in ein letztes und doch so sinnloses Gefecht zu rennen.
Der katholische Pfarrer von Glatz, Pfarrer Monse, vertrat dieselbe Einstellung. Warum sollten wir uns verfeuern lassen, wenn die Lage doch sowieso schon so aussichtlos und der Krieg schon verloren war? Pfarrer Monse versuchte den leitenden Festungskommandanten mehrfach zur Vernunft zu bringen. Trotz aller Bemühungen war die Lage aussichtslos. Der Kommandant war davon besessen, Glatz bis zum letzten Mann zu verteidigen, egal welche Opfer dafür erbracht werden müssten. Er wollte Glatz nicht ohne Kampf übergeben. Jeder wusste, dass der Krieg am 8. Mai zu Ende sein würde und trotzdem wurden, nach Befehl des Kommandanten, noch bis in die letzten Tagen des Krieges große Panzersperren um die Stadt errichtet. Der Kommandant wollte einfach nicht aufgeben. In seiner Vorstellung war er dazu verpflichtet Glatz bis zum Äußersten zu verteidigen. Ob diese verheerende Entscheidung aus seiner jahrelangen ideologischen Verblendung heraus gefällt wurde oder ob er die Scherben seiner militärischen Laufbahn nicht akzeptieren wollte, es ist nur eines sicher, durch die Befehle eines einzigen fanatischen Mannes haben in diesen Tagen viele weitere unschuldige Menschen sinnlos zu unserem Herrn zurückgefunden.
Trotz der täglichen Angst und Ungewissheit fand sich an manchen Tagen auch ein gewisser Alltag im umzingelten Glatz ein. So gingen zum Beispiel meine Familie und ich jeden Abend im Mai in die Maiandacht. Was an Bevölkerung bis jetzt noch mutig in Glatz ausharrte, das ging regelmäßig in die Messe. Was blieb uns denn sonst auch anderes übrig, als in dieser von angstdurchtränkten Situation zu Gott zu beten? Wir haben zum Herrgott gefleht und gebetet, er möchte uns doch beschützen vor diesen Russen und auch den sturen Festungskommandanten zur Einsicht kommen lassen.
Viele Menschen flohen schon aus Glatz, bevor die Russen überhaupt einen Fuß auf den Stadtgrund setzen konnten. Sie waren nicht willig durch sowjetische Bomben zu sterben oder später von einem russischen Gewehr aus nächster Nähe erschossen zu werden. Durch unsere Straße fluteten ganze Ströme von Flüchtlingen in die umliegenden Dörfer. Man sah viele verängstigte Frauen mit kleinen Kindern und Babys auf den Armen. Sie schoben Kinderwagen und Leiterwagen mit Betten drin und Fahrräder vor sich her. Sie liefen um ihr Leben und was sie aus ihrem alten Dasein noch mitnehmen konnten, schleppten sie mit bloßen Händen hinter sich her. Es war grausig mit anzusehen.
Meine Familie stellte sich zu anfangs gar nicht die Frage, ob wir flüchten sollten. Mein Vater hatte einen großen Installateurbetrieb, meine Mutter ein gutlaufendes Geschäft für Haushaltswaren und unsere drei Mietshäuser konnten wir auch nicht so einfach alleine lassen. Ich kenne eigentlich keinen Geschäftsmann oder privilegierten Menschen aus Glatz, welcher viel Besitz hatte und trotz allem einfach so geflüchtet ist. Es war für alle Glatzer eine ganz schauerliche Angelegenheit. Wir wurden vor die Wahl gestellt. Alles zurücklassen oder blind darauf vertrauen, dass schon alles mit den einmarschierenden, russischen Truppen gut gehen werde. Was sollte man tun? Es konnte sich ja zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen, wie verheerend diese Geschichte für die Meisten von uns enden würde.
Am 8. Mai selbst, dem Tag der Kapitulation und späteren Befreiung Deutschlands, wurde es dann hektisch in Glatz. Es ging immer noch die Parole in der Stadt um: „Glatz wird um jeden Preis verteidigt!”. Vorsorglich schaffte meine Familie sämtliches Fluchtgepäck in den Keller. Unser sogenanntes Fluchtgepäck bestand aus vollgestopften Rucksäcken und Bettpaketen. Bettpakete waren Federbetten zusammengerollt in enge Würste, die über die festgepackten Rucksäcke gelegt wurden. Wir hatten auch sogenannte Fliehtaschen. Fliehtaschen waren große Taschen aus festem Stoff genäht, die man sich schräg über den Körper hängte, sodass rechts und links weiterer Stauraum für kleinere Gepäckstücke entstand. Man hat halt gesehen, dass man möglichst viel auf einem minimalen Raum eingepackt hat und alles am Körper mitnahm, was man tragen konnte. Unser ganzes Fluchtgepäck wurde also am Tag des 8. Mai von uns vorsorglich in den Keller geschafft. Wie erwartet, wurde dann auch kurze Zeit später von den Behörden die Meldung durchgegeben: „Die Bevölkerung zum Schutz in die Keller!”. Wenn uns solche offiziellen Meldungen der Luftschutzkommission erreichten, sträubten meine Tante Illala und ich uns vehement mit der restlichen Familie hinunter in die dunklen Kellergewölbe zu steigen. Um in unsere Kellerräume zu gelangen, musste man erst durch einen kleinen Durchgang gehen. Über diesem Gang lag eine Grotte mit einer Lourdes Mutter Gottes. Tante Illala und ich haben uns, statt den anderen zu folgen, dann immer diese Mutter Gottes als Schutz vor den fallenden Bomben auserkoren. Bei einem Fliegeralarm oder Angriff haben wir uns also nicht mit den anderen Familienmitgliedern in die Kellerräume begeben, sondern haben uns immer unter die Mutter Gottes gestellt und gebetet. Wir waren der festen Überzeugung: „Wenn dieses Haus zusammenfällt, dann wollen wir gleich erschlagen werden und wollen nicht in diesen dunklen und kalten Kellerräumen verschüttet sein.”.
Die Keller unter unserem Haus bestanden aus einem wirren Netz von gut erhaltenen, aber auch teilweise baufälligen Gewölbegängen und -räumen, welche noch aus der Zeit des alten Fritz stammten. Es war ein verschachteltes System, das bis hoch in die Festung führte. Mein Vater konnte damals noch mit meinem Großvater fast bis in die Festung hinauf wandern. Das war aber schon lange her, und um eine gewisse Sicherheit für die Bewohner unserer Mietshäuser zu gewährleisten, mauerte mein Großvater viele der Gänge zu. So entstanden für jeden unserer Mieter ein bis zwei eigene Kellerräume. In diesen dunklen Räumen wurden dann über die Jahre verschiedenste Alltagsdinge gelagert, von Heizkohle über Eingemachtes bis hin zu eigenem Sauerkraut. So weit so gut. Um Waren zu lagern, waren die Keller perfekt, aber um sich dort drin vor Bomben zu verstecken? Die Räume hatten keine Fenster oder einen Zugang nach draußen und damit zu frischer Luft oder Tageslicht. Natürlich wären wir bei Fliegeralarm unter dem Haus deutlich sicherer gewesen als auf der Straße oder unter der Lourdes Mutter Gottes, aber zu welchem Preis? Die Luftschutzkommission hatte damals verbreitet: „Die Kellergänge sind aus so großen Steinquadern gebaut, die fallen niemals zusammen, aber im Falle einer Verschüttung kommt ihr hier lebend auch nie wieder raus.”. Wenn die ganze Häuserzeile über unseren Köpfen zusammengestürzt wäre, wären wir im Keller am Leben geblieben, aber nie wieder rausgekommen. Die Keller wären ein furchtbarer Tod auf Raten gewesen. Solch ein Ende wollten Tanta Illala und ich nicht erleben und so taten wir uns entschlossen zusammen: „In diese Gewölbe gehen wir nicht!”. Ich habe mir das immer furchtbar vorgestellt in diesen modrigen Kellergängen zu ersticken. Also lieber wollte ich unter der Mutter Gottes erschlagen werden und direkt sterben, als noch tage- oder gar wochenlang in einem dieser stickigen Kellerräume vor mich hinzuvegetieren.
Trotz der Sturheit meiner Tante und mir halfen wir fleißig, bei jedem Befehl all das Fluchtgepäck unserer Familie in die Keller zu schleppen. Kaum hatten wir jedoch das ganze Gepäck im Keller, hieß es meistens von oberster Stelle schon wieder: „Glatz wird doch nicht verteidigt!”. Also das ganze Gepäck wieder aus dem Keller raus und hoch in die Wohnung. So ging das an diesem 8. Mai bestimmt fünf Mal hintereinander. Wir wussten nicht, wird Glatz nun verteidigt oder nicht? Zum Schluss sind die anderen Familienmitglieder auch nicht mehr mit runter in die Kellerräume. Nicht weil sie keine Angst mehr hatten, sondern weil es einfach viel zu anstrengend war. Jede Stunde kam ein anderer Befehl von oben. Fluchtgepäck runtertragen, Fluchtgepäck hochtragen, psychisch und physisch war es eine Tortur. Letztendlich gaben alle diese sinnlose Prozedur auf und niemand stürzte mehr die Treppen in die Kellerräume hinunter. Die ganze Familie war also nun wieder vereint und bangte jetzt in ihrem ach so friedlich scheinenden Wohnzimmer um ihr Leben. Die Angst war dieselbe, nur der Räumlichkeiten waren andere.
8. Mai 1945. Die Russen kamen immer näher. Ein letztes Mal besuchte meine Familie und ich die Maiandacht. Die Messe in unserer schönen Stadtkirche war an diesem Tag eine erschütternde und hatte nichts mehr mit einem normalen katholischen Gottesdienst zu tun. Ich weiß nicht mehr, welcher Geistliche sie gehalten hat, vielleicht war es Pfarrer Monse selbst, aber ich weiß es nicht mehr sicher. Die Kirche war voll, und wir alle flehten erneut, in einem uns bereits schrecklich gewordenen Automatismus, um den Schutz der Mutter Gottes. Wir wussten, in der Nacht dieses 8. Mai um 12 Uhr nachts würde dieser schreckliche Krieg endlich ein Ende finden. Die letzten Barrikaden gegen die sowjetische Armee würden fallen und die deutsche Armee endgültig verlieren. In uns vermischte sich Zuversicht mit Ungewissheit. Was stand uns Deutschen nun bevor?
Am Abend des 8. Mai bin ich mit unserer Köchin Ilse dann ein letztes Mal hinunter in die Innenstadt von Glatz gegangen. Das Stadtbild strahlte eine unheimliche Atmosphäre aus und war kaum wieder zu erkennen. Vor und während des Krieges waren oben in der Festung in Glatz viele Gefangene untergebracht gewesen. Darunter waren alle möglichen Menschen. Politische Gefangene, Franzosen, Russen, deutsche Militärgefangene und viele mehr wurden dort oben in den Kerkerräumen der Festung gegen ihren Willen festgehalten. Da die deutschen Soldaten bereits entweder aus der Stadt geflohen oder zu beschäftigt waren mit den Vorbereitungen der letzten Verteidigung, strömten genau diese Gefangenen aus der Festung hinunter in die Innenstadt. Keiner bewachte sie mehr und so nutzen sie ihre Chance. Die alte Festung war nicht der einzige Ort in Glatz, wo Menschen festgehalten worden waren. Hinter der Schwedeldorferstraße stand ein weiteres großes Gefangenenlager speziell nur für Polen. Dieses Lager war ebenfalls bereits geöffnet beziehungsweise aufgelöst worden. Hunderte von gefangenen Männern schleppten sich in der Stadt herum oder sammelten sich in großen Gruppen auf dem Ring in der Innenstadt. Sie waren genauso planlos und überfordert wie die Bewohner von Glatz selbst. Wo sollten sie hin? In der Stadt bleiben und den Russen in die Hände fallen oder doch lieber fliehen und die Gefahren einer Flucht in einem fremden Land auf sich nehmen? Es war bereits abends so halb zehn bis zehn und dunkel, als unsere Köchin Ilse und ich nun in der geisterhaften Innenstadt ankamen. Eine fürchterliche Angst kroch in unsere Glieder. Überall standen die Männer aus den Gefängnissen. Sie machten einen düsteren und unheimlich bedrohlichen Eindruck im Schein der schwach leuchtenden Straßenlaternen. Wir sahen zu, dass wir wieder schnell nach Hause kamen und liefen sicherheitshalber um jede Männergruppe einen großen Bogen. Die Häftlinge sahen zwar für uns bedrohlich aus, aber tatsächlich hat uns keiner der Männer auch nur ein Haar gekrümmt. Vermutlich hatten sie jedes Recht dazu, unheimlich auf ihre Umwelt zu wirken. Wer weiß, was ihnen alles in den deutschen Lagern angetan worden war.
Die entscheidende Nacht vom 8. zum 9. Mai haben meine Familie und ich dann kaum mit Schlafen, sondern mehr mit Beten und Unruhe rumbekommen. Früh, so um fünf bis halb sechs, drang dann plötzlich ein lautes Pferdegetrappel durch die Straßen. Alle Bewohner unseres Viertels schoben vorsichtig ihre Gardinen zur Seite und schielten vorsichtig nach draußen. Der Lärm wurde immer lauter. Nach einer gewissen Zeit konnten wir dann die Umrisse eines einzelnen Reiters erblicken. Pferd und Reiter schienen zielstrebig und tobten wie Verrückte im gestreckten Galopp an unserem Haus vorbei. An den leuchtenden Sowjetsternen auf den Satteltaschen erkannten wir sofort, dass es sich um einen Russen handeln musste. Warum der Mann in dieser Nacht mit seinem Pferd durch die Straßen von Glatz jagte? Das weiß ich auch nicht, aber so verhielt sich mein aller erster Kontakt mit den Russen.
Außer dem vorbeihaschenden Geräusch von klappernden Pferdehufen auf steinigen Pflasterbelag, lagen die Straßen totenstill im Morgengrauen. Es war keine Menschenseele zu sehen, niemand traute sich raus. Nach dieser ersten russischen Kavallerie bog etwas später dann ein Auto in unsere Straße. Bei seinem Anblick blieb mir fast die Spucke weg und meine gefühlte Reaktion schwankte zwischen Ekel und Verwunderung hin und her. Quer über dem Kühler des dunkeln Autos hing eine blutige, frisch geschlachtete Schweinehälfte. Es war eine richtige, echte Schweinehälfte auf einem Autokühler. Wir fanden das alle sehr komisch. Warum band man die Hälfte eines Schweines voller Stolz an ein Auto und fuhr damit durch die Straßen einer Stadt? Wie wir nachher erfuhren, sollte das tote Tier eine Anspielung auf Hitler sein und sollte bedeuten: „Das Schwein ist tot!”. Naja, also das ist heute in meinen Augen immer noch ein bisschen primitiv gedacht. So eine blöde Sache ein Schwein aufs Auto zu binden, aber naja die Russen waren in dieser Weise nun mal etwas primitiv.
Dem russischen Reiter und der hitlerischen Schweinehälfte folgten über den Tag verteilt größere Truppen der roten Armee. Sie alle zogen mit viel Tamtam durch die Straßen, aber richtig Quartier nahmen sie nirgendwo. Nach anfänglichen Befürchtungen bereiteten der Stadt die polnischen Häftlinge sogar erstmal mehr Probleme als die Russen. Über die Tage hinweg ergossen sich die polnischen Gefangenen wie ein tobender Strom die Schwedeldorferstraße hinunter und schlugen alle Geschäfte kaputt. Sie plünderten, demolierten und zerstörten mit einer Wut, die ich noch nie in meinem Leben so gesehen hatte. Zur Verwunderung meiner Familie wurde unser Geschäft nicht zerschlagen oder gar geplündert. Nicht unsere Schaufensterscheibe und auch nicht unsere Ladentür wurden nur angefasst, aber die anderen Geschäfte in der Straße wurden alle zerstört. Warum das so war, werde ich euch an einer anderen Stelle erklären. Meine Familie und ich haben dieses Chaos also vom Fenster aus beobachten können. Ob´s der Fleischer war, der Schuster, die Lederwaren, sogar Miederwaren gegenüber von Mitschke wurden von den polnischen Häftlingen beschädigt. Überall wurden die Schaufenstertüren eingeschlagen, die Ladentüren eingetreten und die Schaufenster zerschmettert. Die Polen krochen überall rein. Dort, wo noch vorsichtshalber schützende Holzstreben vor den Geschäften angebracht waren, da krochen sie auch durch und kamen raus, beladen mit Würsten und Fleischstücken. Ich sah einen Polen, der aus einem Hutgeschäft kam und mindestens fünf oder sechs Hüte auf seinem Kopf trug. Einer kam aus einem Schuhgeschäft und hatte, ich weiß nicht, wie viele Schuhe aneinandergebunden und über der Schulter hängen. Die Polen plünderten und verwüsteten also alle Geschäfte in Glatz. Nur unser Geschäft wurde heil gelassen.
Warum genau das Geschäft meiner Familie als einziger Laden in Glatz vor den Plündereien und Verwüstungen der Gefangenen verschont wurde, dass möchte ich euch nun kurz erklären.
Mein Vater Willi und meine Mutter Magarete sind sehr selbstlose und mutige Menschen gewesen. Da wir einen sehr großen Betrieb hatten, bekam mein Vater vor und während des Krieges leihweise immer sehr viele Gefangene aus den Häftlingslagern zum Arbeiten. Wir brauchten diese Männer, da viele unserer eigenen Gesellen im wehrpflichtigen Alter waren und somit von der Armee eingezogen wurden. Es fehlte uns ständig an Arbeitskraft. Wenn mein Vater also große Aufträge abzuschließen hatte, bekam er, als Ausgleich für seine eigenen verhinderten Arbeiter, Gefangene zum Arbeiten.
Mein Vater hatte oft viele große staatliche Arbeiten abzuschließen. Es gab oft Aufträge für Kanalisationen bei Zollhäusern oder bei staatlichen Fabriken, wo sehr viel durch Landgräben geschachtet werden musste und genau diese Arbeiten verrichteten dann die Gefangenen. Mein Vater nahm den Zwangsarbeitern oft viel zu Essen mit und versuchte sie so gut zu behandeln, wie es eben möglich war. Er schleppte immer reichlich Brot, Zigaretten und Würste mit auf die Baustellen. Zwangsarbeitern zu helfen oder sie nur annähernd menschlich zu behandeln, war natürlich alles strengstens verboten. Mein Vater interessierte das aber kein Stück. Wenn er sich mal wieder zu sehr aus dem Fenster gelehnt hatte, trat mitunter einer seiner einflussreichen Freunde an ihn heran und sagte: „Du Willi, lass das sein! Du stehst schon wieder mit einem Fuß im Konzentrationslager. Dein Name befindet sich schon wieder ganz oben auf der Liste. Halte dich ein paar Wochen zurück, sonst landest du noch zu Kriegsende irgendwo im KZ!”.
Meine Geschwister Günter, Ingobert und ich haben das als Kinder alles damals gar nicht so mitbekommen. Obwohl ich schon 17 Jahre alt war und bei der Vertreibung dann 18, erfuhr ich erst später im Westen von den mutigen Taten meiner Eltern. Meine Mutter und mein Vater wollten uns wahrscheinlich schützen und weihten uns nie richtig in ihre Machenschaften ein. Die einzigen Berührungspunkte mit Zwangsarbeitern hatten wir Kinder, wenn es darum ging die Lastwagen voller Geschirr vor unserem Geschäft abzuladen. Zur Erklärung, durch den Krieg wurde viel Geschirr aus den Porzellanfabriken Oberschlesiens ins hintere Land verlagert. Als die Front immer näherkam, da hieß es fast täglich: „Ein Waggon Geschirr ist am Bahnhof und der muss geholt werden!”. Für diese Arbeit forderte mein Vater dann vom polnischen Gefangenlager vier bis sechs Arbeiter an. Die Polen trafen meistens zügig nach der Anforderung bei uns im Laden ein und trotzdem hieß es nur: „Feechen runterkommen, Geschirr abladen!”. Die ganze Familie und Belegschaft musste helfen den vollgepackten Transporter zu entladen. Sogar mein kleiner Bruder Ingobert, der zu dieser Zeit wirklich noch sehr jung war, watschelte bepackt mit teurem Porzellan im Lager herum. In meiner jugendlichen Naivität und Trotz beschwerte ich mich oft über das Tragen der schweren Geschirrkörbe und muckte auf. Ich sträubte mich mit allen Gliedern und fragte oft genervt meine Mutter: „Warum muss ich jetzt von meiner Schularbeit weggehen und helfen? Das sehe ich gar nicht ein! Dafür haben wir doch die Gefangenen angefordert!”. Wenn meine Mutter solche Sätze aus meinem Mund hörte, wurde sie immer fürchterlich wütend. Ich verstand nicht wieso, bis sie eines Tages an mich herantrat: „Jetzt gehst du mal in die Küche unten und guckst dir die polnischen Arbeiter mal genau an!”.
Meine Familie wohnte in einem sehr großen Haus mit einer geräumigen Zentralküche. Unsere Köchin Ilse bekochte das ganze Haus, was zu Bestzeiten schonmal 18 bis 19 Personen bedeutete. Wir bewirtschafteten vor dem Krieg Lehrlinge in Logis und im Krieg viele Flüchtlingen aus Oberschlesien. Die Flüchtlinge, die wir aufnahmen, waren Verwandte und weitläufige Verwandte unserer Familie, sodass unser Haus immer voll belegt war. Die Köchin Ilse kochte also für das ganze Haus regelmäßig das Mittagessen. Das Frühstück und Abendbrot bereiteten meine Familie selbst in der kleinen Wohnküche unserer privaten Wohnung im Obergeschoss zu. Wie meine Mutter also befohlen hatte, ging ich eines Tages in die große Zentralküche unserer Köchin Ilse und besuchte die polnischen Gefangenen. Als ich die knarrende Küchentür öffnete, konnte man mir wahrscheinlich meinen plötzlich aufkommenden Schock im Gesicht stehen sehen. In einer düsteren Ecke stand ein schwerer Holztisch und um ihn herum, saßen brav aufgereiht nebeneinander eine Handvoll polnischer Männer. In ihren knochigen Händen und vor ihren eingefallenen Gesichtern befand sich überall Essen. Sie wurden mit allem, was sie sich wünschten, bewirtet. Der Duft von frisch aufgebrühten Kaffee und Tee, belegten Broten und heißer Suppe durchströmte den Raum. Zögernd trat ich in dieses unwirkliche Szenario ein. Die matten Blicke dieser auf den Küchenbänken kauernden, armen Gestalten durchdrungen mich. Nach dieser Begegnung habe ich mich nie wieder bei meiner Mutter über das Geschirrschleppen beschwert. Die polnischen Zwangsarbeiter sahen alle so abgemagert aus, als ob sie die Schwindsucht im höchsten Gerade hätten. Ihre Wangenknochen ragten weit über ihr Gesicht hinaus und ihr ganzer Körperbau schien so instabil, dass ich befürchtete ein harmloser Windstoß könnte sie bereits zu Boden zwingen. Diese armen Männer waren völlig heruntergekommen, weggetreten und in einem fürchterlichen gesundheitlichen Zustand. Keiner der Gefangenen musste im Geschäft Reimann einen einzigen Finger krumm machen. Wenn sie zu uns zum Arbeiten geschickt wurden, versuchten wir sie wieder aufzupäppeln und ihnen wenigstens ein paar Stunden einen menschlichen Umgang zu bieten.
Abgesehen von den polnischen Zwangsarbeitern hatten wir auch einen Gefangenen aus Frankreich in unserem Haus. Einmal in der Woche kam der gelernten Klempner namens Pierre zu uns und half meinem Vater bei allen möglichen Arbeiten. Pierre kam jeden Donnerstag und zwischen meinen Eltern und ihm entstand eine Art Freundschaft. Es war als Deutscher eigentlich verboten, Gefangene in die eigene Privatwohnung zu lassen. Meine Eltern interessierte dieses Gesetz der Nazis aber nicht, und so nahm Pierre oft gemeinsam mit uns oben in der Wohnküche sein Mittagessen zu sich. Bei Kriegsende vertraute meine Familie Pierre sogar unsere kostbaren Uhren und Wertgegenstände an, die er dann im französischen Gefangenenlager vor den Russen versteckte. Nach einer gewissen Zeit jedoch brachte er uns unser teures Hab und Gut wieder zu uns zurück und entschuldigte sich niedergeschmettert: „Die Russen plündern uns auch. Ich kann dafür nicht mehr geradestehen. Ich weiß nicht, ob ich es euch erhalten kann und ich will nicht, dass es mir gestohlen wird!”. Pierre gab uns alles bis aufs letzte Gramm wieder zurück. Er vertraute uns und wir vertrauten ihm. Dieses Credo galt ausnahmslos für alle Häftlinge, die je einen Fuß in unser Geschäft gesetzt hatten.
Die Gefangenen, die bei uns eingesetzt wurden, merkten sich all diese Dinge. Sie vergaßen nie die guten Taten meiner Eltern. Ihnen haben wir zu verdanken, dass unser Geschäft damals bei den Plünderungen als einziges völlig unbeschädigt blieb. In einem Gefangenenlager spricht sich schnell rum, welche Deutschen gut und welche böse sind. So ist kein einziger Gefangener, egal welcher Nationalität an unser Geschäft rangegangen. Sie kannten den Namen Reimann und was er bedeutete. Nach der Vertreibung und unserer gezwungenen Flucht aus Glatz, brachte uns unser heiles Geschäft auch nichts mehr, aber in diesem speziellen Moment war es eine sehr schöne Geste der Gefangenen.
Der Einsatz und die selbstlose Hilfe meiner Familie war nicht nur den Zwangsarbeitern und Gefangenen bekannt. Meine Eltern haben im Krieg vielen Verfolgten und auch Juden weitergeholfen. Mein Vater Willi war ein sehr kluger und einflussreicher Mann. Er war Obermeister der ganzen Grafschaft Glatz, was ja schon darauf schließen lässt, dass er ein intelligenter Mann war, der sein Handwerk verstand. Er war aber auch in etlichen Ausschusssitzungen und etlichen Vorständen von der Sparkasse bis zur Kreishandwerkerschaft und wo nicht noch überall. Durch diese ganzen hohen Stellungen konnte er etliche einflussreiche Freunde sein nennen und pflegte sehr gute Kontakte in alle möglichen Richtungen hin.
Wenn meine Eltern mal wieder einen Verfolgten oder Juden im Haus versteckten, verlief die Prozedur für uns Kinder immer gleich ab. Wenn ich ins Geschäft kam, zeigte meine Mutter dann nur mit dem Daumen zu Tür und ich wusste direkt Bescheid. Damals war es noch nicht Sitte, dass die Eltern den Kindern Erklärungen abgaben. Manchmal kam ich also ins Geschäft und ich durfte mich im Laden aufhalten und manchmal kam ich rein, und musste nach dem Daumen zu urteilen sofort verschwinden. Das habe ich dann auch ohne Diskussionen getan, denn wir wussten, wir durften nicht lange fragen warum, wieso und weshalb. Das war nicht Sitte bei uns damals. Erst später im Westen habe ich mal meine Mutter gefragt: „Sag mal Mutti, warum musste ich den ab und zu einfach verschwinden?”. Und erst hier im Westen hat sie mir erzählt, dass sie dann immer hinten im Kontor, im Büro oder hinter dem Geschäft entweder Juden sitzen hatten oder irgendwelche Naziverfolgte. Selbstlos versteckten meine Eltern sie und versuchten ihnen zu helfen.
Ich weiß nicht, ob ich heute, wenn ich mir das so nachträglich überlege, ob ich heute den Mut dazu hätte oder ihr hättet ihn, so etwas zu tun. Wenn mein Vater nicht so einflussreiche Freunde gehabt hätte, die ihn immer auf gewisse Gefahren aufmerksam gemacht hätten, wie zum Beispiel: „Gegen dich liegt eine Anzeige vor, halt dich zurück!”, und die dann ihren Einfluss auch gelten gemacht hätten, wäre das alles für meine Eltern vielleicht ganz anders ausgegangen. Es war doch immer ein sehr großes Risiko für alle Bewohner des Hauses und vor allem für meine Mutter und meinen Vater. Meine Eltern hatten die Verantwortung für uns Kinder und das Geschäft. Sie hatten Großeltern zu versorgen und wenn mein Vater oder meine Mutter im KZ gelandet wären, es wäre nicht auszudenken gewesen. Trotz allem haben meine Eltern nicht den Kopf in den Sand gesteckt und haben viel für die Verfolgten und für die Gefangenen getan. Was ich ihnen besonders hoch anrechne, ist, dass sie sich niemals mit ihren Taten gerühmt haben. Niemals! Und wenn ich hier im Westen, als ich selbst erwachsen und verheiratet war, sie nicht nach manchen gefragt hätte, sie hätten es mir von sich selbst aus auch nicht erzählt. Meine Eltern prallten einfach nicht mit ihren Taten. Meine Familie ging zum Beispiel jeden Sonntag in die Kirche. Ein Sonntag ohne Kirche wäre für uns nicht denkbar gewesen. Mein Vater und meine Mutter waren aber keine Leute, die dauernd vom Herr Gott redeten und sich als besonders fromm vorkamen. Weder hingen sie dauernd den Geistlichen hinterher, noch rannten sie dauernd ins Pfarrhaus und pflegten mit allen möglichen Geistlichen Bekanntschaft. Vor allem rühmten sie sich nicht mit einer übertriebenen Gutherzigkeit. Da wurde einfach nicht drüber gesprochen. Aber ich meine diese Art von Nächstenliebe, die sie damals getätigt haben, ist wie in der Bibel beschrieben: „Die eine Hand soll nicht wissen, was die andere tut.”. Das haben meine Eltern praktiziert und ich bin überzeugt, der Herr Gott hat sie dafür belohnt. Ich bewundere meine Eltern heute hauptsächlich aufgrund ihrer Zurückhaltung und dass sie sich nie mit etwas irgendwie gerühmt haben. Sie hätten hier im Westen, wo ihnen nichts mehr passieren konnte, gut damit herumprahlen können, was sie den Naziverfolgten und Juden Gutes getan haben. Sie haben dies aber nie getan.
Glatz füllte sich allmählich immer mehr mit Angehörigen der roten Armee. Es war interessant anzusehen, dass die sowjetischen Soldaten nicht nur den Deutschen gegenüber keinen Respekt zeigten, sondern auch die befreiten Polen wie den letzten Dreck behandelten. Wenn man in den Straßen einem Russen begegnete, ritten sie meistens auf Pferden. Wenn sie hoch auf ihrem Ross einen Polen entdeckten, der gerade vom Plündern kam und vollbepackt mit Schuhen oder Stiefeln durch die Gassen taumelte, da hielten die Russen neben dem Polen an und rissen ihm all seine Beute wieder aus den Händen. Die Russen nahmen sich selbst die Stiefel und Schuhe und ritten einfach weiter. Nicht dass sie gedacht hätten: „Die armen polnischen Gefangenen! Die Schuhe und Stiefel stehen ihnen ja zu. Die waren doch so lange gefangen hier in Deutschland!”. Nein, sie nahmen den Polen alles weg. Sie sahen das Leiden der Polen nicht und gönnten ihnen nicht einmal die stinkenden, abgetragenen Stiefel der Deutschen.
Nach den sowjetischen Fußsoldaten mit ihren Pferden trafen Stück für Stück die restliche russische Armee in Glatz ein. Am ersten Tag der Besetzung kam eine meiner Tanten voller Panik zu uns gelaufen. Sie kam vom Haus meiner Großeltern Anders und forderte uns auf, wir sollten schnellstmöglich die Großmutter Agnes holen. Der Großvater Bernhard war acht Tage vor Kriegsende, am 22.04.1945, gestorben und so blieb unserer Großmutter schutzlos und allein im großen Haus in der Herdenstraße zurück. Meine Großmutter hatte die Wassersucht, war gebrechlich und konnte sich allein nicht mehr gegen die gewaltgeladenen Plünderungen der Russen wehren. Wir mussten also alles daran setzten, sie schnellstmöglich zu uns zu bekommen.
Die Plünderungen und Verwüstungen der Russen wüteten in den ersten Tagen der Stadtübernahme besonders schlimm. Die sowjetischen Soldaten waren aufgebracht und aufgrund der aufgestellten deutschen Panzersperren vor den Stadttoren, schäumten sie vor Wut fast über. Unser deutscher Festungskommandant wollte Glatz ja um alle Mittel verteidigen, aber er stürzte uns nur noch mehr ins Verderben. Die Russen hatten mit Widerstand nicht gerechnet und waren sichtlich verärgert darüber. Bevor sie in die Stadt stürmten, erschossen sie an den Panzersperren am Bahnhof kurz vor Mitternacht noch einen jungen Soldaten. Dieser junge Mensch hatte ihnen nichts getan. Ihm war befohlen worden, er solle dort stehen und als deutscher Soldat befolgte er seine Befehle pflichtbewusst. Da der Waffenstillstand ja erst um 12 Uhr Mitternacht in Kraft treten sollte, rührte er sich auch nach dem Gebären der Sowjets nicht von seinem Posten. Die Russen haben diesen jungen Deutschen einfach so erschossen und damit ein weiteres hoffnungsvolles Leben einfach so sinnlos und kaltblütig kurz vor Kriegsende ausgelöscht.
Vor dem russischen Einmarsch ließ unser Festungskommandant zusätzlich zu den Panzersperren, auch noch die große Neißebrü-cke, die vom Hauptbahnhof bis zur Stadt führte, sprengen. Das war natürlich Wahnsinn! Man kann nicht, wenn nachts um 12 Uhr der Krieg zu Ende ist, nachmittags eine Hauptverkehrsbrücke sprengen. Das hielt doch nicht mehr die Russen auf! Die sowjetische Armee konnte auch so in die Stadt, sie hatten es nun eben ein bisschen weiter. Für die Russen war eine gesprengte Brücke nur eine Verzögerung von einer halben Stunde und ein kleines Ärgernis, sonst Nichts. Sie mussten eben außen rumlaufen, aber ihr Ziel erreichten sie trotzdem. Hätten die Deutschen das Schnapslager, welches die Russen später eindrucksvoll leerten, in die Luft gesprengt, das wäre gescheiter gewesen. Die Russen waren schon nüchtern nicht gerade angenehm, aber betrunkene Russen waren einfach nicht auszuhalten. Der Festungskommandant hatte uns nach seiner „glorreichen Verteidigung von Glatz” also nicht nur wütende Russen geschenkt, sondern wütende und betrunkene Russen. Es war furchtbar, wie die Sowjets sich schon am ersten Tag der Besetzung aufführten.
Als Reaktion auf die gesprengte Neißebrücke, wurde Glatz nach der russischen Übernahme einige Tage nicht nur inoffizielle, sondern sogar offiziell zum Plündern freigegeben. Was da los war, das kann man eigentlich mit Worten gar nicht beschreiben. Als die große Plünderung und Vergewaltigung los ging, wurde in meiner Familie nur eins fieberhaft überlegt: „Wo schaffen wir unsere Frauen hin?”. Meine Mutter sagte, sie selbst versteckt sich nicht. Sie hatte schließlich die Großeltern da, die Verwandten aus Neiße, die Verwandten aus Oberschlesien, die andere Großmutter mit der Wassersucht, die Tante Mena, die Tante Illala und meinen kleinen Bruder Ingobert. Sie fühlte sich für sie verantwortlich, wollte für sie alle sorgen und sich nicht verkriechen. Ich, als junges Mädchen, sollte jedoch schnellstmöglich versteckt werden. Aber wohin?
Nach langer Diskussion beschloss man, mich aufs Dach zu schicken. Wir hatten ein hohes vierstöckiges Mietshaus mit einem flachen Dach. Heute ist unser Haus eine alte Bruchbude, aber in den 40er Jahren, da war das ein gut gepflegtes und hübsches Bürgerhaus. Ich wurde also aufs Dach geschafft. Oben auf dem Dach, nach vorne hinaus, war noch ein kleiner Giebel über die ganze Breite des Hauses angebaut. In diesem Giebel waren allerhand Sachen versteckt, altes Gerümpel, alte Stühle, Dachlatten und was sich alles so ansammelte. Aus diesem Gerümpel baute ich mir im Giebelstock einen großen Haufen als Versteck. Ich trug alles zusammen und hinten konstruierte ich mir einen engen Gang, der bis in das Versteck führte. Von diesen Tagen an habe ich mich hauptsächlich auf dem Dach aufgehalten.
Es war sehr warmes und schönes Wetter, obwohl es erst Mai war. Ich musste den ganzen Tag auf dem Dach flach liegen, denn wenn ich mich aufgerichtet hätte, hätte man mich von den
