Der schlechtgefesselte Prometheus - Andre Gide - E-Book
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André Gide

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Beschreibung

In dieser Geschichte konzentriert sich der Autor auf den Verfall der Gesellschaft und den Niedergang der Kultur. Die Handlung des Romans ist ungewöhnlich: Prometheus findet sich im modernen Paris wieder, dessen Herrscher der Bankier Zeus ist, befreit von den Ketten, die ihn fesseln. Prometheus ist nicht allein, ein Adler ist bei ihm - ein Symbol für Gewissen, Moral und schöpferisches Feuer. Im Finale des Buches wird Prometheus gefangen genommen, tötet den Adler, isst ihn und wird zu einem selbstgefälligen Mittelmaß.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andre Gide

Der schlechtgefesselte Prometheus

Übersetzer: Franz Blei
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Chronik einer Privatmoral
Geschichte vom Kellner und vom Müllionär
Geschichte des Damokles
Geschichte des Kokles
Prometheus spricht
Geschichte vom Adler
Die Gefangenschaft des Prometheus
Er muss wachsen und ich muss abnehmen
Ein Kapitel in Erwartung des folgenden Kapitels
Die Petitio Principii
Fortsetzung der Rede Prometheus
Ende der Rede Prometheus'
Die Krankheit des Damokles
Interview des Müllionärs
Die letzten Tage Damokles'
Die Beerdigung
Geschichte des Tityr
Epilog

Im August des Jahres 189., nachmittags um zwei Uhr, ereignete sich dieser sonderbare Vorfall:

Auf dem Boulevard, der von der Madeleine zur Oper führt, wurde ein dicker Herr mittleren Alters, durch nichts sonst merkwürdig als durch seine ungewöhnliche Korpulenz, von einem mageren Herrn angehalten, der ihm lächelnd und jedenfalls, glaube ich, ohne an was Böses zu denken, ein Taschentuch übergab, das der Dicke hatte fallen lassen. Dieser dankte ohne viel Redensarten und wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich plötzlich zu dem Magern neigte, wie um eine Auskunft bittend, die dieser ihm geben sollte; denn der dicke Herr zog sofort Tintenfass und Feder aus der Tasche und reichte beides mit einem Briefumschlag, den er bishin in der Hand gehalten hatte, dem Mageren. Die Vorübergehenden konnten sehen, wie dieser alsbald eine Adresse auf den Umschlag schrieb. – Hier aber beginnt das Sonderbare der Geschichte, das gleichwohl keine Zeitung gebracht hat: Der magere Herr, der Feder und Tinte zurückgab, hatte noch nicht Zeit für ein lächelndes Adieu gehabt, als der Dicke ihm zum Zeichen des Dankes eine Ohrfeige versetzte. Worauf er in einen Wagen stieg und verschwand, bevor auch nur einer der Zuschauer (darunter ich selbst) sich von der Überraschung erholt hatte noch einem eingefallen wäre, den Menschen festzuhalten.

Ich weiss seit dem, dass es Zeus, der Bankier, war.

Der magere Herr war durch die Aufmerksamkeit der Menge sichtlich geniert und beteuerte, dass er die Ohrfeige kaum gespürt hätte – dabei lief ihm das Blut aus den Nasenlöchern und von einer zerrissenen Lippe. Er bat, man möchte ihn in Ruhe lassen, um alles nur in Ruhe lassen, worauf die Spaziergänger sich zerstreuten. Der Leser möge erlauben, dass wir uns jetzt nicht weiter mit einem beschäftigen, den er in der Folge noch genügend oft wiedersehen wird.

Chronik einer Privatmoral

Inhaltsverzeichnis
I

Ich will nicht von der öffentlichen Moral sprechen, weil es keine gibt – doch bei dieser Gelegenheit eine Anekdote:

Als Prometheus auf der Höhe des Kaukasus heraus bekommen hatte, dass ihn die Ketten, Klammern, Zwangsjacken, Brustwehren und andre Skrupel, überhaupt alles, steif machte, richtete er sich, um die Lage zu wechseln, auf der linken Seite in die Höhe, streckte seinen rechten Arm und stieg zwischen vier und fünf Uhr im Herbst auf den Boulevard herunter, der von der Madeleine zur Oper führt.

Verschiedene Pariser Berühmtheiten jagten an ihm vorbei. Wo gehen die hin? fragte er sich und, nachdem er sich in einem Café vor einem Bock niedergelassen, den Kellner: »Kellner, wo gehen die hin?«

Geschichte vom Kellner und vom Müllionär

Inhaltsverzeichnis

Wenn der Herr sie wie ich jeden Tag wieder zurückkommen sähe, sagte der Kellner, könnte er ebensogut fragen woher sie kommen. Das ist nämlich ganz alles eins, weil sie jeden Tag wieder zurückkommen. Ich sage mir: sie kommen zurück, weil sie nicht gefunden haben. Jetzt wird mich der Herr fragen: was suchen sie? weil der Herr wissen möchte, was ich darauf antworte. Und so fragte Prometheus: Was suchen sie?

Und der Kellner: Weil sie nicht dort bleiben, so ist es das Glück nicht. Der Herr mag mir glauben oder nicht – und er kam ganz nah und flüsterte: – Was die suchen, das ist ihre Persönlichkeit; – der Herr sind nicht von hier?

Nein, sagte Prometheus.

Übrigens, das sieht man, sagte der Kellner; ja: Persönlichkeit; das, was wir hier Idiosynkrasie nennen. Ich zum Beispiel, wie Sie mich da sehen, Sie würden schwören, ich sei ein Kellner. Aber kein Gedanke! Das bin ich nur so – aus Liebhaberei. Sie mögen mir glauben oder nicht; ich habe ein inneres Leben: ich beobachte. Es gibt nichts Interessanteres als die Persönlichkeiten; und dann die Beziehungen unter den Persönlichkeiten. Das ist hier in diesem Restaurant sehr gut eingerichtet, mit diesen Tischen für drei. Ich erkläre Ihnen den ganzen Betrieb sofort. Sie speisen doch bald, nicht? Man stellt Ihnen ...

Prometheus war ein bisschen müde. Der Kellner fuhr fort: Ja, diese Tische für drei, das ist es, was ich ausserordentlich bequem finde: drei Herren kommen; man stellt sie einander vor (natürlich nur wenn sie es wünschen), denn in meinem Restaurant muss man vor dem Diner seinen Namen angeben; und dann, was man macht: um so schlimmer, wenn man sich täuscht. Dann setzt man sich (ich nicht); man unterhält sich (ich natürlich nicht) – aber ich stelle den Kontakt her; ich höre zu; ich forsche aus; ich dirigiere die Konversation. Am Ende des Diners kenne ich drei innere Wesen, drei Persönlichkeiten! Jene kennen nichts. Ich, Sie verstehen doch, ich höre, ich mache die Beziehung; jene gehen auf die Beziehung ein. – Sie werden mich fragen, was mir das einbringt? – Ganz und gar nichts. Es ist mein Vergnügen, Beziehungen zu schaffen ... O! nicht für mich ..., nein, so wie, möchte man sagen, etwas, das man gratis abgibt, eine Gratistätigkeit, eine Gratishandlung!