Der schlechtgefesselte Prometheus und andere Novellen - Andre Gide - E-Book
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Der schlechtgefesselte Prometheus und andere Novellen E-Book

André Gide

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Beschreibung

Diese Sammlung enthält: "Der schlechtgefesselte Prometheus": Prometheus findet sich im modernen Paris wieder, dessen Herrscher der Bankier Zeus ist, befreit von den Ketten, die ihn fesseln. Prometheus ist nicht allein, ein Adler ist bei ihm - ein Symbol für Gewissen, Moral und schöpferisches Feuer. "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" : Diese Geschichte basiert auf dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die Geschichte beginnt damit, dass der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrt, nicht reumütig, sondern hungrig, arm und frustriert, weil er sein Ziel nicht erreicht hat. Er tritt in einen Dialog mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem älteren Bruder. "Die enge Pforte": Die Geschichte spielt in einer französischen Stadt an der Nordküste. Jerome und Alissa, Cousins, gehen als 10- bis 11-Jährige ein stillschweigendes Versprechen unsterblicher Zuneigung füreinander ein. Als Reaktion auf die Untreue ihrer Mutter und aufgrund eines intensiven religiösen Eindrucks entwickelt Alissa jedoch eine Ablehnung der menschlichen Liebe. Der Traktat vom Erlebnis des Narkissos El Hadj oder Der Traktat vom falschen Propheten Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andre Gide

Der schlechtgefesselte Prometheus und andere Novellen

Übersetzer: Franz Blei
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens
Der schlechtgefesselte Prometheus
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
Der Traktat vom Erlebnis des Narkissos
El Hadj oder Der Traktat vom falschen Propheten
Die enge Pforte

Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens

Inhaltsverzeichnis
Für Francis Jammes.

Die Begierde ist wie eine glänzende Flamme, und was sie berührt hat, ist nur noch Asche — ein leichter Staub, den ein wenig Wind verweht — lasst uns also nur denken an das, was ewig ist.

Calderon (Das Leben ein Traum).

Diese Bücher werden nicht die sehr wahren Berichte über uns selber sein, — sondern vielmehr unsere traurigen Begierden, die Wünsche nach anderen Lebensformen, die auf ewig versagt sind, und alle unmöglichen Gesten. Hier schreibe ich einen Traum auf, der mein Denken zu sehr störte und ein Dasein erforderte. Ein Traum des Glücks hat mich dies Frühjahr ermattet; es hat mich nach vollkommenerem Erblühen meiner selber verlangt. Es hat mich verlangt, glücklich zu sein, als brauche ich sonst nichts zu sein — als triumphiere nicht stets über uns die Vergangenheit, — als wäre nicht das Leben geschaffen aus der Gewohnheit seines Trübsinns, und  als wäre nicht das Morgen die Folge des Gestern — als kehrte hier nicht heute schon meine Seele, kaum von ihrem Traum befreit, zu ihren herkömmlichen Studien zurück.

Und jedes Buch ist nur noch eine hinausgeschobene Versuchung.

Wahrlich, nicht die lästigen Gesetze der Menschen, noch die Furcht, noch die Scham, noch der Gewissensbiss, noch die Achtung vor mir und meinen Träumen, noch du, trauriger Tod, noch der Schrecken jenseits des Grabes sollen mich hindern, mich mit dem zu vereinen, was ich begehre; nichts, nichts als der Stolz, da ich weiss, dass etwas so stark ist, mich noch stärker zu fühlen und es zu besiegen.— Aber die Freude an so hochmütigem Siege — ist so süss noch nicht, ist so gut nicht, wie euch nachgeben, Begierden, und sich ohne Schlacht besiegen lassen.

Als dies Jahr der Frühling kam, quälte mich seine Anmut; und da mir Begierden die Einsamkeit schmerzlich machten, zog ich am Morgen in die Felder hinaus. Den ganzen Tag durch strahlte die Sonne auf die Ebene; ich ging hin: träumend vom Glück. Sicherlich gibt es, dachte ich, andere Lande als diese entzauberten Heiden, wo ich die Seele auf die Weide führte. Wann werde ich, meinen grämlichen Gedanken fern, jede Freude in der Sonne einherführen können, und im Vergessen des Gestern und sovieler unnötiger Religionen das Glück umarmen, das kommen wird, stark, ohne Bedenken und ohne Furcht? Und ich wagte an diesem Abend nicht, nach Hause zu gehen, da ich mir zuviele neue Sorgen vorzustellen vermochte: ich schritt zu den Wäldern, in denen sich schon einst und so oft meine Einsamkeit verloren hatte. — Die Nacht kam, und der Mondschein. Der Wald wurde ruhig und füllte sich mit wunderbaren Schatten; der Wind rauschte; die Vögel der Nacht erwachten. Ich trat in eine tiefe Allee, wo der Sand mir zu Füssen leuchtete, und diese Weisse, der ich folgte, führte mich. Zwischen den geräumigeren Zweigen sah man, wenn der Wind die Bäume bewegte, die ungreifbare Gestalt der Nebel schweben; und da inmitten der Nacht der Tau von den Blättern rieselte, begann der Wald, als sich die Düfte erhoben hatten, Liebe zu atmen. Unter dem Kraut erzitterte es; jede Form suchte, fand, schuf die Harmonie : die grossen Blüten wiegten sich, und der befruchtende Staub schwebte leichter als der Nebel. Eine geheime und bewusstlose Freude liess sich fühlen, wie sie unter den Zweigen brauste. Ich wartete. Die Nachtvögel weinten. Dann verstummte alles; es war die Sammlung vor dem Tagesgrauen; die Freude wurde heiter und meine Einsamkeit verloren unter der bleichen, beratenden Nacht.

Qualquiera ventio que sopla.

Ein leichter Staub, den ein wenig Wind verweht.

I.

Der Morgen kam. Mit Blüten beladen, trat Lukas aus dem Wald hervor, nachttrunken noch und ein wenig starr von der Morgenfrische; er setzte sich auf die Böschung des Waldrands, um des Aufgangs der Sonne zu warten. Vor ihm dehnte sich eine feuchte Wiese, bunt durchwirkt mit Blumen und dunstig vom Wasser und blank. Lukas erwartete das ganze Glück, zuversichtlich und des Glaubens, es werde kommen, wie sich ein Bienenschwarm niederlässt, und für ihn habe alles sich schon auf den Weg gemacht. Die Morgenröte erzitterte vor unendlicher Freude, und der Frühling entsprang auf einen Ruf des Lächelns. Singen erscholl, und es erschien ein Reigen junger Mädchen. Ausgelassen und vom Grase benetzt, das Haar noch gelöst von der Nacht her, pflückten sie alle Blumen, und indem sie den Rock wie zum Korbe hohen, liessen sie ihre nackten Füsse tanzen. Dann stiegen sie, von ihren Reigen rasch ermüdet, die Wiese hinab, zu den Quellen, sich dort zu baden, zu spiegeln und für die Freuden des Tages zu rüsten. — Als sie sich verliessen, vergass eine jede ihre Gefährtinnen. Rahel allein kam zurück, nachdenklich; sie nahm die gefallenen Blumen wieder auf und bückte sich, als wolle sie neue pflücken, um nicht zu sehen, wie Lukas nahte. Sie pflückte Butterblumen, Salbei und Margeriten und alle Blumen der Weide. Lukas brachte den Fingerhut aus den Schluchten und violette Hyazinthen. Er war Rahel ganz nahe; jetzt flocht sie die Blumen. Lukas wollte seine Blumen zu ihrem Kranze tun, aber er wagte es nicht; und plötzlich warf er sie ihr zu Füssen und sagte: Dies sind düstere Blumen aus den Wäldern, und ich habe sie im Schatten gepflückt, — für euch, denn ihr erschienet; ich hatte die ganze Nacht durch gesucht. Ihr seid schön wie der Frühling dieses Jahres, und ihr seid jünger noch als ich. Und heute Morgen habe ich eure Fusse nackt gesehen. Ihr wäret mit euren Gefährtinnen, und ich wagte mich nicht zu nähern; jetzt seid ihr die einzige. Nehmt meine Blumen und kommt, ich bitte euch; lasst uns uns reizende. Freuden lehren.

Rahel lächelte aufmerksam; Lukas hatte sie bei der Hand genommen, und so gingen sie gemeinsam nach Hause.

Der Tag verstrich mit Spielen und Lachen. Abends kehrte Lukas allein zurück. Die Nacht kam; schlummerlos für ihn; oft verliess er sein zu heisses Bett und ging in seinem Zimmer umher oder neigte sich aus dem offenen Fenster. Ihn verlangte, jünger zu sein und von grösserer Schönheit, denn er dachte, zwischen zwei Wesen habe die Liebe den Glanz ihrer Leiber. — Die ganze Nacht begehrte Lukas Rahel. Am Morgen lief er zu ihr.

Eine Fliederallee führte zu ihrer Wohnung, dann kam ein Garten voll Rosen, umschlossen von einem niederen Gitter; von Anfang anhörte Lukas Rahel singen. Er blieb bis zum Abend, dann kam er am folgenden Tage wieder; — jeden Tag kam er wieder; beim Erwachen brach er auf; Rahel wartete lächelnd im Garten.

Tage vergingen; Lukas wagte nichts; Rahel gab sich zuerst. — Eines Morgens, als er sie nicht unter der gewohnten Hagebuche gefunden hatte, entschloss sich Lukas, in ihr Zimmer hinaufzusteigen. Rahel sass auf dem Bett, die Haare gelöst, fast nackt, bedeckt nur mit einem Schal, der schon fast ganz herabgeglitten war; sicherlich wartete sie. Lukas kam, errötete, lächelte — aber da er ihre köstlichen Beine so zart gesehen hatte, fühlte er eine Zerbrechlichkeit darin, und er kniete nieder vor ihr und küsste ihr die feinen Fusse; dann legte er ihr den Schal wieder um.

Lukas verlangte es nach der Liebe, aber ihn schreckte der fleischliche Besitz wie etwas Verdorbenes. Traurige Erziehung, die wir erfuhren, die uns schluchzend und herzenszerrissen oder aber grämlich und einsiedlerisch die doch so glorreich heitere Lust vorausfühlen liess! Wir werden Gott nicht mehr bitten, uns zum Glück zu erheben. — Aber nein! nicht so war Lukas; denn es ist eine Sucht, des Hohnes wert, stets sich gleich zu machen, wen man erfindet. — Lukas also ergriff Besitz von dieser Frau.

Wie soll ich jetzt ihre Freude schildern — es sei denn, ich erzähle rings um sie von der Natur, die gleich war, ebenso freudig, die teil nahm. Ihre Gedanken waren nicht mehr wichtig: da sie sich nur noch damit beschäftigten, glücklich zu sein, waren ihre Fragen Wünsche, waren Befriedigungen die Antworten. Sie erfuhren die Vertraulichkeiten des Fleisches, und ihre Intimität wurde heimlicher von Tag zu Tag.

Eines Abends, da er sie seiner Gewohnheit nach verlassen wollte, sagte sie: Weshalb gehst du? willst du einer Liebe halber fort, gut — so geh — ich bin nicht eifersüchtig. Sonst bleibe — komm: mein Lager lädt dich ein.

Von da an blieb er jede Nacht.

Die Luft war lauer geworden, die Nacht so schön, dass sie das Fenster nicht mehr schlössen: sie schliefen so unter dem Mond — und da ein Rosenstrauch voller Blüten aufstieg, das Fenster umrankte, so hatten sie seine Zweige gefangen genommen: der Duft der Rosen mischte sich dem der Sträusse im Zimmer. Der Liehe willen schliefen sie sehr spät ein; ihr Erwachen war wie das des Rausches — sehr spät, noch müde von der Nacht. Sie wuschen sich in einer klaren Quelle, die aus dem Garten floss, und Lukas sah zu, wenn Rahel, nackt, unter den Blättern, badete. — Dann brachen sie zum Spaziergang auf.

Oft erwarteten sie den Abend, im Grase sitzend und ohne etwas zu tun; sie sahen der Sonne zu, wie sie sank; dann, wenn die Stunde endlich milder wurde, kehrten sie langsam zur Wohnung zurück. Das Meer war nicht fern; bei starken Fluten vernahm man Nachts, leise, das Rollen der Wogen. Bisweilen stiegen sie bis zum Strande hin-ah; es ging durch ein enges und gewundenes Tal ohne Bach; Stechginster wuchs dort und Pfriemkraut, und der Wind jagte den Sand hindurch; dann tat der Strand sich auf: es war eine Bucht ohne Barken und Schiffe; doch das Meer war ruhig dort. Fast gegenüber sah man auf der gebogenen Küste, die in der Ferne eine Insel zu bilden schien, an eben diesem Punkt bemerkte man etwas wie das prunkvolle Gitter eines Parkes; Abends leuchtete es wie Gold. — Bald fand Rahel im Sand keine Muscheln mehr; sie langweilten sich vor dem Meer.

Nicht fern lag auch ein Dorf, aber sie gingen wegen der Armen nicht oft hindurch.

Wenn es regnete, oder wenn sie aus Saumseligkeit nicht einmal in die Wiesen gingen, bat Rahel, ausgestreckt, während Lukas ihr zu Füssen sass, ihr eine Geschichte zu erzählen: Sprich, sagte sie, ich höre jetzt zu; höre nicht auf, wenn ich schlummere: erzähle mir von den Gärten im Frühling — du weisst wohl, und jenen hohen Terrassen.

Und Lukas erzählte von den Terrassen, von den Kastanien in Reihen, von den Gärten, die über der Ebene hängen: — am Morgen kamen die kleinen Mädchen dorthin, um zu spielen und ihren Reigen zu tanzen, und die Sonne lag noch so niedrig über der Ebene, dass die Bäume keinen Schatten gaben.

Ein wenig später traten grosse, ruhige junge Mädchen zwischen die Beete und wanden Kränze — wie du es tatest, Rahel. Gegen Mittag kamen Paare hinzu — und als die Sonne über die Bäume gestiegen war, machte das undurchsichtige Gewölbe der Zweige die Allee, so schien es, frischer; die darin spazieren gingen, sprachen nur noch mit leiser Stimme zu einander. Ein wenig später, als sie weniger geblendet war, begann man die Ebene zu sehen, auf der der Sommer ausgegossen schien. Spaziergänger stützten sich auf, lehnten sich gegen die Balustraden; Gruppen von Frauen setzten sich, die einen spulten Wollgarn ab, das andere zu Handarbeiten verwendeten. Stunden verstrichen. Es kamen die Schüler, als die Schulen zu Ende waren; Kinder spielten mit Kugeln. Der Abend sank herab; die Spaziergänger wurden einsam; doch ein paar, die noch beisammen waren, sprachen bereits vom Tage wie von etwas Beendetem. Der Schatten der Terrasse stieg auf die Ebene nieder, und ganz am Ende des Horizontes erschien am klaren Himmel, sehr fein und rein, der Mond. — Ich bin gekommen, die Nacht auf der verlassenen Terrasse zu irren..... — Lukas verstummte und sah Rahel an, die beim Tonfall der Worte entschlummert war. Sie machten noch einen längeren Spaziergang; es war um das Ende des Frühlings. Als sie den Hügel überschritten hatten, an dem ihr Haus gelegen war, fanden sie auf dem entgegengesetzten Hang in halber Höhe einen Kanal. Eine Pappelreihe lief an ihm hin; ein aufgeböschter Weg folgte ihm; dahinter senkte der Boden sich weiter. Da sie auf einer Brücke den Kanal hatten überschreiten können, trieb sie die brennende Sonne, dem Rande des Wassers zu folgen. Aus dem Tal stieg in Wogen eine Glut empor; die Luft zitterte auf den Feldern; in der Ferne erstäubte eine grosse Strasse, wenn ein Karren auf ihr hinfuhr; sie sahen den Sommer auf der Ebene. Der Weg, die Bäume, der Kanal folgten beharrlich den Windungen des Hügels; sie folgten also dem Kanal auf dem Ufer; an das andere Ufer trat ein kleiner Wald heran. — Das war alles. So gingen sie sehr lange weiter; aber da sie sahen, dass es ins Unbestimmte so fortging, kehrten sie, als sie genug hatten, zurück.

II.

Gnädige Frau — Ihnen werde ich diese Geschichte erzählen. Sie wissen, unsere traurige Liebe hat sich auf der Heide verirrt, und eben Sie beklagten sich einstmals, dass es mir soviel Mühe machte zu lächeln. Diese Geschichte ist für Sie: ich habe darin gesucht, was die Liebe gibt; wenn ich nichts gefunden als Langeweile, so bin ich schuld: Sie hatten mich verlehrt, glücklich zu sein. — Wie die Freude in einem Buche kurz ist, und wie schnell sie erzählt ist; wie alltäglich ein Lächeln ist, ohne Laster und Melancholie! Und dann, was geht uns die Liebe der andern an, die Liebe, die für sie das Glück ausmacht.2 — Um so schlimmer für sie! Lukas und Rahel liebten sich; um der Einheit meiner Erzählung willen taten sie sogar nichts anderes; sie lernten nichts von der Langenweile kennen, als eben die des Glücke. — Das Pflücken der Blumen war ihre einförmige Beschäftigung. Sie schoben die Begierde nicht um einer ferneren Verfolgung willen von sich; und sie kosteten wenig von der Sehnsucht des Harrens. Sie kannten jene Geste nicht, die eben das zurück-stösst, was man umarmen möchte — wie wir es taten, ah! gnädige Frau — aus Furcht vor dem Besitz, und aus Liebe zum Pathetischen. — Sie pflückten alsbald jede wünschbare Blume, ohne Sorge darum, dass sie in ihren warmen Händen allzu rasch verwelkt sein musste. — Glücklich, die ihnen gleich ohne Bewusstheit werden lieben können! Sie würden kaum davon müde; — denn nicht so sehr die Liebe, und nicht so sehr die Sünde, wie die Reue darüber ermüdet. Daher hatten sie diese Gewohnheit angenommen, auf den Wassern der Vergangenheit ihre schwimmenden Handlungen wenig anzusehen; und ihre eigene Freude kam ihnen aus der Unkenntnis des Trübsinns; sie erinnerten sich nur der Küsse und der Besitznahmen, die man wiederholen kann. Da kam ein Moment, in dem sich ihrer beider Leben wahrhaft verschmolz. Es war zur Sommersonnenwende; in der rein blauen Luft zeigten über ihnen die hohen Zweige souveräne Schlankheit.

Sommer! Sommer! Einer Hymne gleich müsste man das singen. — Fünf Uhr; — ich hin aufgestanden; da graut der Tag, und ich hin durch die Felder hinausgezogen. — Wüssten sie, was alles an frischem Tau auf dem Grase liegt, an kaltem Wasser, in dem die fröstelnden Fusse des Morgens baden werden; wüssten sie von den Strahlen auf den Feldern, und von der Betäubung der Ebene; wüssten sie von dem Empfang des Lächelns, den die Morgenröte dem bereitet, der im Gras zu ihr hinabsteigt — sie blieben nicht schlafen, denke ich mir —, aber Lukas und Rahel sind schlaff von den Küssen der Nacht, und diese Liebesschlaffheit hat an Lächeln ihnen vielleicht in die Träume mehr gelegt, als der Tagesanbruch auf die Felder legt.

Doch eines Morgens zogen sie aus; sie suchten jenes selbe Tal auf und den Kanal, dem sie eines Frühlingstages folgten; aber da sie den Hügel, statt ihn zu überschreiten, umgangen hatten, kamen sie zu einem Ort, wo der Kanal sich einem breiten Fluss anschloss; der Kanal diente zum Tauen; sie überschritten das Wasser auf einer Schleuse und folgten dem Leinpfad, mit dem Kanal zur Rechten, zur Linken dem Fluss. Auf dem anderen Ufer des Flusses war auch eine Strasse. Und diese fünf parallelen Wege zogen sich in dem engen Tal, soweit sie sehen konnten, hin. Ihr Spaziergang war an diesem Tage ziemlich lang, aber nicht interessant zu erzählen.

Sie wollten den Strand noch einmal sehen; sie stiegen wieder durch die Schlucht hinab; sie setzten sich vor das Meer. Die Wellen eines kürzlichen Sturms hatten Muscheln, Trümmer und losgerissene Algenfetzen auf den Strand geworfen; die noch schwellenden Wogen betäubten durch ein beständiges Brausen. Und Rahel verspürte plötzlich eine Unruhe : sie fühlte, Lukas begann zu denken. Es wehte ein kälterer Wind; ein Schauder erfasste sie; sie standen auf. — Lukas ging vorauf, zu schnell, ein wenig deklamatorisch; ein Balken lag da, zerschlagen und schwarz, ein unbekannter Grundpfahl, das Fragment eines Schiffes, Holz von den Inseln . . . und alle beide blieben davor stehen. Dann sah Lukas aufs Meer hinaus; Rahel stützte sich aus Bedürfnis, aus Instinkt auf Lukas und neigte den Kopf gegen seine Schulter, denn sie fühlte wirr in ihm die Angst und den Durst nach Abenteuern. Sie blieben stehen. Die Sonne ging, versank jenseits der Bucht, hinter der Enge, wo man zwischen den Landzungen fern die unendliche Linie des Meeres entfliehen sah.

Und indes die Sonne niedertauchte, da begannen ihnen gegenüber wie auf einer Insel die Gitter des unbekannten Parks, getroffen von den sterbenden Strahlen, auf unerklärliche und fast übernatürliche Weise zu leuchten; wenigstens zeigte es sich ihnen an dem, dass sie einander nichts davon sagten; jeder Gitterstab schien, eher aus Stahl als aus Gold, von selber, von innen heraus oder kraft einer äussersten Glätte zu leuchten; das sonderbarste aber war, dass man hinter dem Gitter, wenn man auch nicht hätte sagen können, was, zu sehen vermeinte. Lukas und Rahel fühlten beide, dass der andere nicht davon zu reden wagte.

Auf dem Rückweg fand Rahel im Lande ein Tintenfischei, ungeheuer, schwarz, elastisch und von solcher wie absichtlichen Bizarrerie der Form, dass sie sie als für sich wichtig erachteten und eine Ursache für sie suchten.

Die Erinnerung an diesen Tag hinterliess in ihnen eine vage Unruhe, und weil sie oft unwillkürlich dieses Parkes gedachten, der vergittert vor dem Meere stand, so beschlossen sie, angelockt, voll von Fragen, und da sie übrigens keine Barke hatten, um sie hinzuführen, eines Morgens aufzubrechen, an der Küste entlangzuziehen und zu gehen, bis sie ihn gefunden hätten.

Sie standen vor dem Tagesgrauen auf und machten sich auf den Weg; es war noch grau und frisch; sie schritten aus wie ernste Pilger, schweigsam, beschäftigt, denn sie hatten ein anderes Ziel als sich, und ihre wiedererwachte Neugier hinterliess in ihnen etwas wie das Gefühl einer Aufgabe. — Aber wir wollen nicht zuviel davon sagen, gnädige Frau, denn hier gefallen sie uns beinahe. — Um so schlimmer! dies eine Mal zogen sie hin, ohne sich um die Hitze des Tages zu kümmern, geleitet von einem Gedanken — denn es war kein Verlangen mehr. Und Rahel beklagte sich nicht über den rollenden Kies des Weges, noch den weichenden Sand, in dem die Fusse versanken, wenn man auftrat — bald am Strande entlang, bald quer über Felder —; einmal folgten sie der Böschung eines Flusses stromaufwärts, bis sie eine Brücke fanden — dann ging es wieder talab — dann von neuem quer über Felder. — Ah! da endlich kamen sie fast zu der Mauer, es war der Park; und um den Zutritt besser zu hindern, war das Wasser vom Meer in einem aus Stein gebauten Graben herbeigeleitet, und es schlug an den Fuss der Mauer und schien sich um sie zu schliessen, und diese Mauer sprang als ein Deich in das Meer hinaus, also dass man von dieser Seite nichts als ein Vorgebirge aus Kalkstein sah. Sie gingen weiter. Der Graben hörte auf. Da folgten sie auf ihrem Marsch der Mauer. Die Sonne war drückend; der Weg vor ihnen zog sich in die Ferne; — es war die Stunde, in der die Mauern der Gärten keinen Schatten werfen. Sie sahen, fast unter dem Efeu und ganz versteckt, ein kleines, geschlossenes Tor. Unmerklich drehte sich die Mauer, und die Sonne, die sich gleichfalls drehte, indes der Tag zur Neige ging, schien ihnen zu folgen. Über die Mauer neigten sich Zweige, aber ohne Gesten. Aus dem Innern des Parks entsprang etwas wie ein dauernder Klang des Lachens, aber oft geben Wasserstrahlen den Klang sogar von Worten. Plötzlich standen sie wieder vor dem Meer. Da wurden sie von grosser Traurigkeit erfasst, und sie setzten sich ein wenig, ehe sie sich wieder auf den Heimweg machten. Vor ihnen sprang wie auf der anderen Seite ein Vorgebirge aus Stein ins Meer und setzte die Mauer fort, deren Fuss das Meer in unüber-springbarem Graben bespülte. Und die Trauer durchdrang sie, erfüllte sie und trat zugleich durch jede engste Lücke ein. Vor allem waren sie von dem Ausflug, und weil er vergeblich gewesen war, müde. — Jetzt verschwand die Sonne hinter dem Park; sie gingen im wachsenden Schatten der Mauer; ihnen war ein wenig, als enthalte er ein Geheimnis. Ihnen schien, als hörten sie Momente lang ein Geräusch wie vom Spiel der Finger auf den Scheiben, aber da dies Geräusch aufhörte, sobald sie stehen blieben, meinten sie, es sei von der Betäubung ihres Gehens verursacht. Es war schon lange Nacht, als sie nach Hause kamen.

Am folgenden Tage sagte Rahel, während sie ruhte : Erzähle mir vom Tagesanbruch des Sommers, da mich hier meine Trägheit bei dir festhält. Lukas begann:

Es war im Sommer, aber vor Tagesanbruch; die Vögel sangen noch nicht: der Wald erwachte kaum. — O! keinen Wald, sagte sie; eine Allee. Der Tag bricht an, und wenn die Vögel noch nicht singen, so liegt es an dem zu tiefen Tal, wo die Nacht noch verspätet weilt; aber schon bleicht Helle den Gipfel der Hügel. — Auf diese höhere Stelle, fuhr Lukas fort, wagten sich zwei Reiter zu, und auf das Hochland, das überschaut; die ganze Nacht waren sie dem Tal gefolgt. Sie waren schweigsam und ernst, denn sie waren lange im Schatten geritten, und die hohen Eichen der Allee dehnten über ihnen ihre Zweige. Ihre Pferde stiegen langsam die ganz gerade abgedachte Strasse empor. Während sie stiegen, wuchs rings um sie das Licht. Auf dem Hochland erschien der Tag. —Auf dem Hochland dehnte sich eine zweite Allee, geräumiger, die die erste schnitt und dem Kamm des Hügels folgte. Die beiden Reiter hielten an. Der eine sprach : Wir wollen uns trennen, mein Bruder: nicht dieselbe Strasse ruft uns beide — und mein genügender Mut weiss mit deinem zur Hülfe nichts zu beginnen. Wo der eine gilt, ist der andere unnütz. — Und der andere sprach: Leb wohl, mein Bruder. — Dann wandten sie sich den Rücken, und ein jeder zog zu einsamen Eroberungen davon. — Da erwachten alle Vögel. Unter den Blättern schwirrten Liebesverfolgungen, und Insektenjagden in der Luft; man hörte Bienenvölker, und auf den Rasen taten sich die neuen Honigblüten auf. Köstliches Gemurmel erhob sich. Weiterhin, wo der Boden wich, sah man nur noch Blätter; weiter unten, im weniger finsteren Tal die schwebenden Wipfel der Bäume; und noch weiter unten einen Nebel. O! wie hätten wir uns geneigt, um die Hirsche zur Tränke niedersteigen zu sehen. — Und die beiden Reiter? fragte Rahel. — Ah! lassen wir sie, sagte Lukas — beschäftigen wir uns mit der Allee. — Dorthin kam gegen Mittag eine Gesellschaft junger Frauen; beim Gehen hielten sie sich an den Händen gefasst, wie du mit deinen Gefährtinnen; sie lachten; dann kamen Männer, gekleidet in Seide und frivole Goldgehänge; und alle setzten sich und plauderten miteinander.

Der Tag verging; sie waren verstummt, und der Schatten auf dem Moos war gewachsen: sie standen auf und zogen davon, um die Sonne untergehen zu sehen. Und die Allee erfüllte sich mit Unruhe und Gemurmel, alles rüstete sich zum Entschlafen; — dann verstummte alles; es war Abend, und die Zweige wiegten sich; die grauen Stämme erschienen geheimnisvoll im Schatten; es erhöh sich der Schrei eines Dämmervogels. Da sah man in der beginnenden Nacht zwei Reiter heimkehren : sie ritten aufeinander zu, weil sie den Strassen folgten, und ihre Pferde waren wie nach einer grossen Ermattung. Sie selber waren gebeugt, um der vergeblichen Aufgabe willen noch ernster als am Morgen. Und als sie ohne ein Wort zusammengetroffen waren, stiegen sie die Allee wieder nieder, die den Hügel wieder niederstieg, und sie versanken in der Nacht unter den Zweigen. — Wozu da aufbrechen, Lukas — sagte Rahel; wozu nützt es, sich auf den Weg zu machen? Bist du nicht mein ganzes Leben? — Aber du, Rahel, sagte Lukas — bist nicht das ganze meine. Es gibt sehr viele Dinge noch.

III.

Gnädige. Frau, diese Geschichte langweilt mich. Sie wissen ja, wenn ich Sätze haute, so geschah es für die anderen und nicht für mich. Ich habe eine Beziehung der Jahreszeiten zur Seele erzählen wollen; es galt, bis zum Herbst zu kommen: ich gehe keine begonnene Aufgabe, welche es auch sei, gern auf.

Zwei Seelen begegnen sich eines Tages, und weil sie beide Blumen pflückten, haben sie sich für gleich gehalten. Sie haben sich an den Händen gefasst, des Glaubens, sie setzten den Weg fort. Die Folge des Vergangenen trennt sie. Die Hände lassen sich los, und siehe da! kraft der Vergangenheit wird eine jede den Weg allein fortsetzen. Es ist eine notwendige Trennung, denn einzig eine ähnliche Vergangenheit kann die Seelen ähnlich machen. Alles ist für die Seelen kontinuierlich. — Es gibt ihrer, Sie wissen es, gnädige Frau, wir wissen es, die werden parallel dahinziehen und sich nicht nahekommen können. — Lukas also und Rahel verliessen sich; einen einzigen Tag, einen einzigen Moment des Sommers hatten sich ihre Linien vereint — ein einziger Berührungspunkt — und schon jetzt blickten sie nach verschiedenen Seiten.

Auf dem Lande sitzend, nah bei den Wellen, blickte Lukas aufs Meer hinaus und Rahel zurück auf die Landschaft. Sie suchten monatelang die Liehe, die sich löst, noch einmal zu fassen, aber es war Genuss ohne Überraschung; es war etwas Ausgeschöpftes, und Lukas war glücklich, wenn er an Aufbruch dachte. Rahel hielt ihn nicht zurück. — Wenn sie noch wieder zusammen hinauszogen, gingen sie einher und sannen — ich wollte sagen: sie gingen nachdenklich; ein jeder blickte vor sich hin, statt den anderen soviel anzusehen. Lukas dachte nicht mehr an die Liebe, aber ihre Liebe hinterliess in ihnen etwas wie die Erinnerung an eine grosse Susse und wie den Duft der schönen, verwelkten Blumen — alles, was von den Kränzen blieb —, aber ohne Trauer, ohne Trauer.

An gewissen Tagen gingen sie so, matt und wortlos, dahin. Um der prachtvollen Farben willen, die die herbstlichen Blätter angenommen hatten, und in den Wassern eines so schönen Spiegelbildes liebten sie vor allem die schlafenden Wasser, und sie gingen langsam an ihren Ufern einher. Die Wälder waren glorreich und klangvoll: im Fallen enthüllten die Blätter den Horizont. Lukas dachte ans unermessliche Lehen. — Ich sage das, weil ich daran denke; ich glaube, er musste daran denken. — Lukas und Rahel langweilen mich, gnädige Frau, was soll ich noch von ihnen sagen?

Sie wollten noch einmal hingehen, den Park mit den wunderbaren Gittern zu sehen. Sie fanden auf dem Wege die Mauern entlang jenes kleine versteckte Tor, das früher fest verschlossen war — jetzt offen; sie traten ein; — es war ein verlassener Park.

Nichts vermöchte die Pracht der Alleen zu malen. Der Herbst bestreute die Wiesen, und Äste waren zerbrochen; Kraut hatte die Wege überzogen, blühendes Kraut, Gräser; da drinnen gingen sie schweigend einher, an den Büschen voll roter Beeren hin, in denen Rotkehlchen zwitscherten. Ich liebe die Pracht des Herbstes. — Steinbänke standen da, Statuen; dann erhob sich ein grosses Haus mit geschlossenen Läden und vermauerten Türen. — Im Garten verweilte die Erinnerung an die Feste; zu reife Früchte hingen an den Spalieren. — Als der Abend sich senkte, brachen sie wieder auf. . . . .

.....Erzähle mir vom Herbst, sagte Rahel. Der Herbst, nahm Lukas auf, ah! das ist der ganze Wald und der braune Teich am Saum. Dorthin kommen die Hirsche, und das Jagdhorn hallt: Hallahi! Hallahi! Die Meute bellt; die Hirsche retten sich. Lass uns unter den grossen Wäldern einhergehen. — Die Jagd stürmt herbei; — sie ist vorüber; — hast du die Zelter gesehen? Der Schall des Jagdhorns verzieht sich, verzieht sich in die Walder. — Lass uns noch einmal den ruhigen Teich ansehen, auf den der Abend niedersinkt. —

Deine Geschichte ist stumpfsinnig, sagte Rahel; man sagt nicht mehr: Zelter; und ich liebe den Spektakel nicht. Lass uns schlafen.— Da liess Lukas sie, denn er war noch nicht schläfrig.

Sie verliessen sich bald darauf; ein Abschied ohne Tränen und ohne Lächeln; ruhig und ganz von selber; ihre Geschichte war erfüllt. — Sie dachten an die neuen Dinge.

Auch hierher ist jetzt der Herbst gekommen, gnädige Frau; es regnet, die Wälder sind tot, und der Winter ist im Anzug. Ich denke an Sie; meine Seele ist brennend und beruhigt; ich sitze am Feuer; neben mir stehen meine Bücher; ich bin allein, ich sinne, ich lausche. — Werden wir, wie ehedem, noch einmal unsere schöne Liebe voller Geheimnis beginnen? — Ich bin glücklich; ich lebe; ich habe hohe Gedanken.

Ich habe Ihnen diese Geschichte, die uns langweilt, auserzählt; grosse Aufgaben rufen uns jetzt. Ich weiss, auf dem Meer, auf dem Ozean des Lebens, warten glorreiche Schiffbrüche — und verlorene Schiffer und zu entdeckende Inseln. — Aber wir bleiben, über die Bücher gebeugt, und unsere Begierden gehen auf gewissere Handlungen. Eben das, ich weiss es, macht uns freudiger als die anderen Menschen. — Bisweilen jedoch, ermüdet von zu beharrlichem Studium, steige ich zu den Wäldern nieder, durch den Regen hin, und ich will sehen, wie der Herbst verendet. — Und ich weiss, nachher, an gewissen Abenden, wenn ich von solchem Spaziergang nach Hause kam, habe ich mich nahe ans Feuer gesetzt, wie trunken vom Glück des Lebens und beinahe schluchzend vor Trunkenheit, da ich in meinem Gedanken ernsthafte Taten fühlte, die zu vollbringen waren. — Ich werde handeln! ich werde handeln; ich lebe. Vor den anderen all werden wir die grossen schweigsamen Werke lieben. Das Gedicht soll es sein, und die Geschichte und das Drama; wir werden uns über das Leben beugen — wie Sie es ja taten, meine Schwester, nachdenklich und sorgend. Jetzt geh ich fort, aber denken Sie, denken Sie an das Glück der Reise.....

Und doch, ich hätte gern — der Winter ist da — diese Erzählung gemeinsam verlängert. Eines Abends wären wir allein nach einer Stadt in Holland aufgebrochen; der Schnee hätte alle Strassen gefüllt; auf den gefrorenen Kanälen hätte man das Eis gefegt. Sie wären lange Schlittschuh gelaufen, mit mir, bis in das Land hinaus; wir wären in den Feldern gewesen, wo man den Schnee sich bilden sieht, er erstreckt sich unendlich weiss; es tut gut, die eisige Luft zu fühlen. — Die Nacht kommt, aber in ihr leuchtet der Schnee; wir gehn nach Hause. Jetzt wären Sie hei mir im Zimmer; Feuer; die Vorhänge geschlossen, und alle unsre Gedanken. — Da sagten Sie mir, meine Schwester:

Keine Dinge sind es wert, dass sie unseren Weg ablenken; sie alle wollen wir im Vorbeigehen umarmen; doch unser Ziel liegt ferner als sie — also wollen wir uns nicht vergreifen; — diese Dinge schreiten und entschwinden; unser Ziel sei unbeweglich — und wir wollen schreiten, um es zu erreichen. Ah! wehe jenen stumpfen Seelen, die die Hindernisse für Ziele halten. Es gibt keine Ziele; die Dinge sind weder Ziele noch Hindernisse — nein, nicht einmal Hindernisse; man braucht sie nur zu umgehen. Unser einziges Ziel ist Gott; wir werden ihn nicht aus den Augen verlieren, denn man sieht ihn durch jedes Ding. Schon jetzt wollen wir auf ihn zuschreiten; in einer Allee, die einzig dank uns prachtvoll ist, mit den Werken der Kunst zur Rechten, mit den Landschaften zur Linken und dem Weg, dem wir folgen müssen, vor uns; — und jetzt wollen wir uns, nicht wahr? schöne und freudige Seelen schaffen. Denn allein unsre Tränen lassen um uns Traurigkeiten keimen. —

Und ihr, Gegenstände unsrer Begierden, gleicht den vergänglichen Konkreszenzen, die, sobald die Finger sie drücken, nichts in ihnen als Asche lassen. — Qualquiera ventio que sopla.

Erhebt euch, Winde ihr meines Denkens — die ihr diese Asche verstreuen werdet.

Sommer 1893 Yport und La Roque.

Der schlechtgefesselte Prometheus

Inhaltsverzeichnis
Chronik einer Privatmoral
Geschichte vom Kellner und vom Müllionär
Geschichte des Damokles
Geschichte des Kokles
Prometheus spricht
Geschichte vom Adler
Die Gefangenschaft des Prometheus
Er muss wachsen und ich muss abnehmen
Ein Kapitel in Erwartung des folgenden Kapitels
Die Petitio Principii
Fortsetzung der Rede Prometheus
Ende der Rede Prometheus'
Die Krankheit des Damokles
Interview des Müllionärs
Die letzten Tage Damokles'
Die Beerdigung
Geschichte des Tityr
Epilog

Im August des Jahres 189., nachmittags um zwei Uhr, ereignete sich dieser sonderbare Vorfall:

Auf dem Boulevard, der von der Madeleine zur Oper führt, wurde ein dicker Herr mittleren Alters, durch nichts sonst merkwürdig als durch seine ungewöhnliche Korpulenz, von einem mageren Herrn angehalten, der ihm lächelnd und jedenfalls, glaube ich, ohne an was Böses zu denken, ein Taschentuch übergab, das der Dicke hatte fallen lassen. Dieser dankte ohne viel Redensarten und wollte seinen Weg fortsetzen, als er sich plötzlich zu dem Magern neigte, wie um eine Auskunft bittend, die dieser ihm geben sollte; denn der dicke Herr zog sofort Tintenfass und Feder aus der Tasche und reichte beides mit einem Briefumschlag, den er bishin in der Hand gehalten hatte, dem Mageren. Die Vorübergehenden konnten sehen, wie dieser alsbald eine Adresse auf den Umschlag schrieb. – Hier aber beginnt das Sonderbare der Geschichte, das gleichwohl keine Zeitung gebracht hat: Der magere Herr, der Feder und Tinte zurückgab, hatte noch nicht Zeit für ein lächelndes Adieu gehabt, als der Dicke ihm zum Zeichen des Dankes eine Ohrfeige versetzte. Worauf er in einen Wagen stieg und verschwand, bevor auch nur einer der Zuschauer (darunter ich selbst) sich von der Überraschung erholt hatte noch einem eingefallen wäre, den Menschen festzuhalten.

Ich weiss seit dem, dass es Zeus, der Bankier, war.

Der magere Herr war durch die Aufmerksamkeit der Menge sichtlich geniert und beteuerte, dass er die Ohrfeige kaum gespürt hätte – dabei lief ihm das Blut aus den Nasenlöchern und von einer zerrissenen Lippe. Er bat, man möchte ihn in Ruhe lassen, um alles nur in Ruhe lassen, worauf die Spaziergänger sich zerstreuten. Der Leser möge erlauben, dass wir uns jetzt nicht weiter mit einem beschäftigen, den er in der Folge noch genügend oft wiedersehen wird.

Chronik einer Privatmoral

Inhaltsverzeichnis
I

Ich will nicht von der öffentlichen Moral sprechen, weil es keine gibt – doch bei dieser Gelegenheit eine Anekdote:

Als Prometheus auf der Höhe des Kaukasus heraus bekommen hatte, dass ihn die Ketten, Klammern, Zwangsjacken, Brustwehren und andre Skrupel, überhaupt alles, steif machte, richtete er sich, um die Lage zu wechseln, auf der linken Seite in die Höhe, streckte seinen rechten Arm und stieg zwischen vier und fünf Uhr im Herbst auf den Boulevard herunter, der von der Madeleine zur Oper führt.

Verschiedene Pariser Berühmtheiten jagten an ihm vorbei. Wo gehen die hin? fragte er sich und, nachdem er sich in einem Café vor einem Bock niedergelassen, den Kellner: »Kellner, wo gehen die hin?«

Geschichte vom Kellner und vom Müllionär

Inhaltsverzeichnis

Wenn der Herr sie wie ich jeden Tag wieder zurückkommen sähe, sagte der Kellner, könnte er ebensogut fragen woher sie kommen. Das ist nämlich ganz alles eins, weil sie jeden Tag wieder zurückkommen. Ich sage mir: sie kommen zurück, weil sie nicht gefunden haben. Jetzt wird mich der Herr fragen: was suchen sie? weil der Herr wissen möchte, was ich darauf antworte. Und so fragte Prometheus: Was suchen sie?

Und der Kellner: Weil sie nicht dort bleiben, so ist es das Glück nicht. Der Herr mag mir glauben oder nicht – und er kam ganz nah und flüsterte: – Was die suchen, das ist ihre Persönlichkeit; – der Herr sind nicht von hier?

Nein, sagte Prometheus.

Übrigens, das sieht man, sagte der Kellner; ja: Persönlichkeit; das, was wir hier Idiosynkrasie nennen. Ich zum Beispiel, wie Sie mich da sehen, Sie würden schwören, ich sei ein Kellner. Aber kein Gedanke! Das bin ich nur so – aus Liebhaberei. Sie mögen mir glauben oder nicht; ich habe ein inneres Leben: ich beobachte. Es gibt nichts Interessanteres als die Persönlichkeiten; und dann die Beziehungen unter den Persönlichkeiten. Das ist hier in diesem Restaurant sehr gut eingerichtet, mit diesen Tischen für drei. Ich erkläre Ihnen den ganzen Betrieb sofort. Sie speisen doch bald, nicht? Man stellt Ihnen ...

Prometheus war ein bisschen müde. Der Kellner fuhr fort: Ja, diese Tische für drei, das ist es, was ich ausserordentlich bequem finde: drei Herren kommen; man stellt sie einander vor (natürlich nur wenn sie es wünschen), denn in meinem Restaurant muss man vor dem Diner seinen Namen angeben; und dann, was man macht: um so schlimmer, wenn man sich täuscht. Dann setzt man sich (ich nicht); man unterhält sich (ich natürlich nicht) – aber ich stelle den Kontakt her; ich höre zu; ich forsche aus; ich dirigiere die Konversation. Am Ende des Diners kenne ich drei innere Wesen, drei Persönlichkeiten! Jene kennen nichts. Ich, Sie verstehen doch, ich höre, ich mache die Beziehung; jene gehen auf die Beziehung ein. – Sie werden mich fragen, was mir das einbringt? – Ganz und gar nichts. Es ist mein Vergnügen, Beziehungen zu schaffen ... O! nicht für mich ..., nein, so wie, möchte man sagen, etwas, das man gratis abgibt, eine Gratistätigkeit, eine Gratishandlung!

Prometheus schien ein wenig ermüdet. Der Kellner fuhr fort: Eine Gratishandlung! Sagt Ihnen das nichts, gar nichts? – Mir scheint das ganz ausserordentlich. Ich habe lange gedacht, das sei es, was den Menschen vom Tiere unterscheidet – eine Gratistätigkeit. Ich nannte den Menschen: das Tier, das einer Gratistätigkeit fähig; – aber später habe ich das Gegenteil gedacht: dass er das einzige Wesen ist, unfähig etwas umsonst zu tun; – umsonst! denken Sie mal; ohne Vernunft – ja, gut, das gebe ich Ihnen zu – aber ohne Grund: dazu ist er unfähig! Unfähig! Übrigens fing mir das an langweilig zu werden. Ich sagte mir immer: warum macht er das? warum macht er dies? ... Ich will trotzdem nicht behaupten, dass ich Determinist bin ... übrigens, dabei fällt mir eine Anekdote ein:

Ich habe einen Freund, Herr; der ist, Sie werdens nicht glauben, Müllionär. Intelligent ist er auch. Der sagte sich: etwas tun umsonst? wie das? Sie müssen nicht vergessen, nicht um eine Tätigkeit, die nichts einbringt, handelt es sich, denn ohne das ... nein, eine umsonst! ein Akt, der durch nichts motiviert ist. Verstehen Sie? Nicht Interesse, nicht Leidenschaft, Nichts. Die interesselose uninteressierte Tat, geboren aus sich selber. Ohne Zweck, ohne Meister. Die freie Tat, die Autochtontat.

Wie? machte Prometheus.

Passen Sie gut auf, sagte der Kellner. Mein Freund kommt eines Morgens den Boulevard herunter, mit einem fünfhundert Franksschein in einem Couvert und einer bereitgehaltenen Ohrfeige in der Hand.

Es handelt sich darum, einen zu finden ohne ihn sich auszusuchen. Also, auf der Strasse lässt er sein Taschentuch fallen und zu dem, der es aufhebt (der gutmütig ist, weil er es aufhebt) sagt der Müllionär: – Entschuldigen Sie, mein Herr, sollten Sie vielleicht jemanden kennen?

Der andere: Ja, Mehrere.

Der Müllionär: Dann haben Sie, hoffe ich, die Güte und schreiben seinen Namen auf diesen Umschlag; hier ist Tisch, Tinte, Feder ... Der andere schreibt als ein Gutmütiger; dann: Bitte, möchten Sie mir jetzt erklären ...?

Der Müllionär antwortet: – Das ist ein Prinzip; dann (ich vergass zu erwähnen, dass er sehr stark ist) haut er ihm die Ohrfeige ins Gesicht, die er in der Hand trug, ruft einen Fiaker an und verschwindet.

Verstehen Sie? Zwei einfach geschenkte Taten auf einmal! Dieser fünfhundert Franksschein an eine Adresse, die er nicht gewählt hat und diese Ohrfeige, für einen, der sie sich ganz allein gewählt hat, indem er ihm das Taschentuch aufhob. Sagen Sie, ist das nicht etwa gratis und geschenkt?

Und die Relation! die Beziehung! Ich wette, Sie beachten die Beziehung nicht genügend; während nämlich die Tat umsonst ist, ist sie auch wie wir hier sagen: reversibel, heimfällig; so nämlich: der eine, der 500 Franks für eine Ohrfeige bekommen, der andere, der eine Ohrfeige für 500 Franks erhalten hat ... und dann: weiss man nichts weiter ... man geht auseinander, verliert sich. – Denken Sie doch! Eine Leistung absolut umsonst! Es gibt nichts, das demoralisierender wäre. – Aber der Herr beginnt Hunger zu bekommen; ich bitte vielmals um Entschuldigung; man kommt so ins Plaudern ... Möchten mir der Herr gefälligst seinen Namen sagen, – wegen der Vorstellung ... – Prometheus, sagte Prometheus einfach.

Prometheus! Ich sagte ja gleich, der Herr sind nicht von hier ... und Beschäftigung, wenn ich bitten darf?

Keine, sagte Prometheus.

Ach nein, sagte der Kellner mit einem süssen Lächeln. – Nein. Man braucht ja den Herrn bloss anzusehen, um zu wissen, dass er sich mit etwas beschäftigt.

Das ist so lang her, stammelte Prometheus.

Um so schlimmer, um so schlimmer, sagte der Kellner. Übrigens möge sich der Herr beruhigen. Ich stelle, wenn man will, mit dem Namen vor, aber nie mit der Beschäftigung. – Und die Ihre, mein Herr ... was beliebten Sie zu machen?

Zündhölzer, murmelte Prometheus errötend.

Das Schweigen, das nun folgte, war etwas peinlich. Der Kellner sah ein, dass er unrecht hatte, so auf seiner Frage zu bestehen, Prometheus fühlte, dass er nicht recht tat, darauf zu antworten.

Im Tone des Tröstens fing der Kellner an: Nun, der Herr machen ja keine mehr ... Aber etwas muss ich doch einschreiben, ich kann doch nicht einfach schreiben: Prometheus Punkt. Der Herr hat doch gewiss eine Profession, eine Spezialität ... oder weiss doch wenigstens etwas zu machen ...

Nichts, erklärte Prometheus.

Dann schreiben wir: Schriftsteller. – Nun, wenn es dem Herrn gefällig ist, in den Speisesaal einzutreten? ich serviere nicht draussen. Und er schrie hinein: Einen Tisch für Drei! Einen! ... Durch zwei Türen traten zwei Herren ein. Man sah, wie sie dem Kellner ihre Namen nannten. Aber da die Vorstellung nicht verlangt wurde, setzten sie sich ohne das. Und als sie sassen:

II

Meine Herren, begann der eine, ich bin in dieses Restaurant, in dem das Essen elend ist, einzig wegen der Unterhaltung gekommen. Ich habe ein Grauen vor einsamen Mahlzeiten und darum behagt mir dieses System des Tisches für Drei sehr, denn zu zweit würde man vielleicht zu streiten anfangen ... Aber Sie machen ein sehr schweigsames Gesicht?

Ganz gegen meinen Willen, entgegnete Prometheus.

Darf ich fortfahren?