Der Schöne und die Beats - "Shindy" Michael Schindler - E-Book

Der Schöne und die Beats E-Book

"Shindy" Michael Schindler

4,8
15,99 €

Beschreibung

Vom Hate zum Hype zum modernen Klassiker: Shindy ist ein Phänomen. Sein Weg führte ihn aus der schwäbischen Provinz an die Spitze der deutschen Charts. Von seinen ersten Versuchen als Rapper arbeitete er sich hoch, bis er schließlich von Bushido unter Vertrag genommen wurde. Mittlerweile ist er ein Superstar der deutschen Hip-Hop-Szene. Mit dem Skandalsong "Stress ohne Grund" beherrschte er wochenlang die Schlagzeilen der Republik. Mit nur zwei Alben revolutionierte er anschließend den Deutschrap, erklärte die Ignoranz zum Prinzip und verkörperte mit seinem Mix aus Style und Sound den Prototyp eines modernen Popstars. Seine Alben stürmten nicht nur die Chartspitze, sie erreichten Goldstatus und er wurde zum Vorbild einer ganzen Generation. In seiner Autobiografie Der Schöne und die Beats gewährt Shindy zum ersten Mal einen Blick hinter die Fassade: Wie steinig war der Weg nach oben, wie lebt es sich als gefeierter Star der Deutschrap-Szene und wer ist eigentlich der Mensch Michael Schindler hinter dem Phänomen Shindy. Mit einem Nachwort von Arafat Abou-Chaker.

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Seitenzahl: 350

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[email protected]
Originalausgabe
4. Auflage 2016
© 2016 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Antje Steinhäuser/Dennis Sand
Umschlaggestaltung: Okan Boyraz
Umschlagabbildung: Sascha HEKS Haubold
Layout, Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
ISBN Print 978-3-86883-832-9
ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-136-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-137-1
Weitere Infos zum Thema:
www.rivaverlag.de

Alles, was ich in diesem Buch erzähle, habe ich tatsächlich so erlebt. Da ich mit meiner Geschichte jedoch niemandem schaden möchte, habe ich einen großen Teil der Namen durch Pseudonyme ersetzt und auch einige Details abgeändert.

Inhalt

Intro11.04.2012, Berlin
Kapitel 1Peter Pan
Kapitel 2Freier Fall nach oben
Kapitel 3Nie wieder arbeiten
OutroBerlin, Präsidentensuite des »Waldorf Astoria«, 2016
Nachwort von Arafat Abou-Chaker
Danke

Intro11.04.2012, Berlin

Ein Ende ist immer auch ein Anfang, aber was versteht man schon von Anfängen, wenn man glaubt, am Ende zu sein? »Pack alles ein, Bruder«, rief Kay und schmiss mir eine Packung Mülltüten rüber. Er war extrem nervös und starrte dauernd aus dem Fenster.

Ich schaute mich in seiner kleinen Wohnung um. An den Wänden hingen neun Goldplatten, drei weitere waren an die Wand gelehnt. Es gab einen Tisch, auf dem ein Fernseher stand, und ein Bett. Mehr war hier nicht.

»Was soll ich denn einpacken, Dicka?«

»Alles, was wichtig ist«, sagte er und starrte wieder aus dem Fenster. Es war weit nach Mitternacht. Ich schaute mich noch einmal um, nahm dann die Goldenen Schallplatten und steckte sie in jeweils eine Mülltüte.

»Fertig«, sagte ich.

»Bruder, mein Vater müsste jeden Moment hier sein. Bitte, bitte geh noch mal runter und schau, ob da keine Araber stehen.«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass dich irgendjemand hier abstechen wird.«

Kay starrte weiter aus dem Fenster und spielte nervös an seiner Snapback rum.

»Du hast keine Ahnung.«

Ich ging vor die Haustür und zündete mir eine Kippe an. Richtiges Dreckswetter. Ich sah mich um. Die Straße war komplett leer. Vom Ku’damm hörte man ein paar besoffene Kinder rumgrölen und ein schwules Pärchen lief auf der anderen Straßenseite durch den Regen. Mehr war nicht los. Ich war mir nicht sicher, ob Kay nicht einfach paranoid geworden war in den letzten Wochen. Zu viele Partys, zu viele Abstürze. Aber was, wenn er recht hatte? In den letzten Wochen war so viel verschiedenes Zeug auf mich eingestürzt, dass ich keine Ahnung mehr hatte, was ich überhaupt noch glauben sollte.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Kay war zu diesem Zeitpunkt mein engster Freund. Und er stand gerade an seinem Fenster, starrte panisch auf die Straße und fürchtete um sein Leben. Ich sah mich noch einmal um. An der Straßenecke standen tatsächlich zwei Typen. Ich konnte sie nicht erkennen. Sie trugen Hoodies und hatten die Kapuzen aufgesetzt. Sie schauten in meine Richtung. Nach ein paar Sekunden zogen sie weiter.

»Ich werde hier noch paranoid«, dachte ich mir und griff nach meinem Handy. Kay rief an.

»Alles cool da unten?«

»Ja, Dicka, alles cool. Chill.«

»Oh Mann, Olli hätte schon längst da sein müssen.«

Ich schaute auf die Hauptstraße und sah einen Sportwagen um die Ecke biegen.

»Ich glaube, er kommt gerade«, sagte ich und legte auf.

Der schwarze Porsche hielt direkt vor mir, mitten auf dem Gehweg. Olli stieg aus. Kays Stiefvater. Seine grauen Haare waren komplett zurückgegelt. »Yo, Shindy, mein Lieber. Alles gut? Wo ist Kenneth, geht’s ihm gut?«

»Jaja, cool.«

Wir gingen zusammen hoch in die Wohnung.

»Na, endlich bist du mal da«, begrüßte Kay ihn. »Lass mal Sachen zusammenpacken und abhauen.« Wir griffen uns die Mülltüten mit den Goldenen Schallplatten und legten sie in meinen alten Audi A3, drei quetschten wir bei Olli in den Porsche auf die Rückbank. Wo noch Platz war, packten wir Müllsäcke voller Klamotten hin. Ich verstand nicht, warum wir hier drei Stunden auf ihn gewartet hatten. Er sollte uns helfen, Kays Sachen zu transportieren, und kam in seinem Porsche ohne Rücksitz und ohne Kofferraum an.

Andererseits hätte Kay auch gar keine Sachen gehabt, die man hätte transportieren können, aber das war mir in diesem Moment einfach egal.

»Ich fahre vor«, sagte Olli. »Wir treffen uns dann in Ulm.«

Kay und ich stiegen in mein Auto und rasten mit 190 Sachen über die Autobahn von Berlin Richtung Süden. Er therapierte mich die ganze Fahrt über. »Dicka, das war die beste Entscheidung unseres Lebens. Wir mussten das machen, wir mussten da weg. Wir lassen uns nicht ficken, Bruder. Niemand fickt uns.«

Ich nahm einen Schluck Red Bull, eine Zigarette und schaute auf die Straße. Es regnete immer noch. Ich überlegte, ob ich das Autoradio anmachen sollte. Einfach nur um den Redefluss von Kay etwas zu übertönen. Ich schaute ihn an. Er presste sich in den Beifahrersitz. Man merkte, wie es in ihm arbeitete.

»Ich bin kein Sklave.«

»Bist du auch nicht.«

Nach einer Stunde war er wieder etwas ruhiger geworden.

»Jetzt gibt es kein Zurück mehr«, sagte Kay.

Er hatte recht. Berlin war jetzt Geschichte.

Im Morgengrauen klingelte Kays Handy. Er hielt mir das Display hin: »Ari ruft an. Halt mal bei der nächsten Tanke«. Ich fuhr rechts ran, er stieg aus und rief Arafat zurück. Bevor er die Anruftaste drückte, bat er um mein Handy. Er wollte das Gespräch aufzeichnen. Ich bekam nicht mit, was die beiden besprachen. Ich hörte Ari nur durch das Telefon schreien, dass die halbe Raststätte davon wach wurde. Nach einiger Zeit stieg Kay wieder in den Wagen.

»Und?«, fragte ich.

»Ich habe alles aufgezeichnet. Es gibt jetzt kein Zurück mehr.« Er wiederholte das wie ein Mantra.

»Fahr weiter.«

Ein paar Minuten später klingelte sein Handy wieder. Bushido rief an. Die beiden telefonierten bestimmt eine Stunde. Es war ein relativ ruhiges Gespräch. Aber es endete ebenfalls damit, dass Bushido ins Telefon schrie.

»Weißt du was, du Bastard? Du bist einfach nur ein Bastard.« Dann legte er auf.

Wir näherten uns Ulm. Es war schon wieder hell draußen und der Regen hatte aufgehört. Dort setzte ich Kay in einer Gasse in der Innenstadt ab.

»Danke, Bruder. Ich melde mich, pass auf dich auf«, sagte er. »Wir lassen uns von niemandem ficken.«

»Okay, du auch, Dicka.«

»Mach dir keine Gedanken, ich habe jemanden, der uns hilft. Das wird alles wieder.«

Ich glaube, er sagte das mehr zu sich selbst als zu mir. Ich nahm einen letzten Zug von meiner Kippe, schnipste sie aus dem Fenster und warf einen Blick auf die Tankanzeige. Ich hatte nicht mal genug Geld in der Tasche, um noch einmal zu tanken. Ich hoffte, dass ich die Strecke bis nach Stuttgart noch schaffen würde. Bis nach Stuttgart. Bis nach Hause. Weiter konnte ich im Moment nicht denken. Ich hatte keine Ahnung, wie es jetzt für mich weitergehen sollte.

Mein Handy vibrierte Ich zog es aus meiner Jeans und öffnete die SMS, die ich bekommen hatte. Sie war von Bushido. »Ich hätte dir mehr zugetraut, als dass du gehst, ohne Danke zu sagen.« Bushido war richtig enttäuscht, das merkte man seiner SMS an.

Kapitel 1Peter Pan

Jede Geschichte hat ihren Anfang und meine Geschichte beginnt, wie sie auch enden wird: mit Zigaretten, Alkohol und Musik. Ich verbrachte die meiste Zeit meiner Kindheit in der Gaststätte meiner Großeltern. Als Opa meine Oma, meine Mutter und meinen Onkel aus Griechenland nachholte, führten sie zunächst ein Hotel inklusive Gasthaus. Das Hotel Funk am Bahnhof von Bietigheim-Bissingen, einem 40 000-Seelen-Ort nördlich von Stuttgart. Das lief richtig gut und so hatten sie schnell etwas Geld zusammen und kauften sich ein altes Fachwerkhaus im Stadtteil Bissingen. Sie zogen in der ersten Etage ein, die Zimmer im zweiten Stock vermieteten sie und im Erdgeschoss eröffneten sie eine Gastwirtschaft. Das »Bruddler«. Warum das so hieß, weiß keiner. Meine Großeltern konnten noch kein einziges Wort Deutsch, aber das war den Gästen hier vollkommen egal. Sie wussten, sie bekamen ihr Bier mit Liebe auf den Tisch gestellt, und die Stimmung war auch so immer bestens.

Meine Mutter half schon als Kind mit, wo sie nur konnte. Als sie 16 wurde, fing sie an, hinter dem Tresen auszuhelfen. Sie kam jeden Tag nach der Schule und blieb bis zum späten Abend. So lernte sie Jahre später auch meinen Vater kennen. Er war Fabrikarbeiter und kam immer freitagabends, um mit seinen Freunden ein Feierabendbier zu trinken. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Und irgendwann kam er nicht mehr nur freitags, sondern auch samstags und sonntags. Als meine Oma mitbekam, dass die beiden miteinander anbändelten, wurde sie richtig sauer. Sie verbot meiner Mutter, mit meinem Vater zu sprechen, was die Sache natürlich noch viel schlimmer machte. Hinzu kam, dass mein Vater ein sehr guter Freund meines Onkels war, was ihn für meine Mutter noch interessanter machte. Verbotener Apfel und so. Opa war das ganz egal. Er war der entspannteste Typ, den man sich nur vorstellen kann. Seine Geduld ließ ihn über allem schweben, nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Er guckte mir manchmal stundenlang zu, wie ich Buchstaben ausmalte, und machte mir sogar Komplimente dafür. Opa meinte es einfach nur gut mit jedem und so auch mit meiner Mutter, als die Sache mit meinem Vater anfing »Ja, was soll ich denn jetzt machen?«, fragte er nur und zuckte mit den Schultern. »Ihr macht doch eh, was ihr wollt!«

Meine Oma sah das ganz anders. Sie wäre in der Lage gewesen, meine Mutter zwangszuverheiraten, nur damit sie einen griechischen Schwiegersohn bekam. Irgendwann eskalierte der Konflikt zwischen ihr und meiner Mutter so sehr, dass meine Mutter mit meinem Vater durchbrannte. Sie nahmen sich eine gemeinsame Wohnung in einer anderen Stadt. Ein halbes Jahr dauerte das. Absolute Funkstille. Bis Oma meiner Mutter über drei Ecken ausrichten ließ, dass sie die Beziehung jetzt akzeptieren würde. Hauptsache, Mama würde zurück nach Hause kommen. Von da an war alles wieder okay. Kurz darauf heirateten meine Eltern und Oma fand das in Ordnung. Das »Bruddler« war Teil unserer Familiengeschichte. Später wurde es dann zu unserem Familienmittelpunkt. Meine Mutter half meinen Großeltern bei dem ganzen Papierkram und ging für sie im Großhandel einkaufen. In der Mittagspause kamen mein Cousin und meine Cousine zum Essen vorbei. Und ich, ich hing jede freie Minute dort rum.

Neben unserer Familie kamen nur Stammgäste ins »Bruddler«. Wir kannten jeden Einzelnen. Wenn ich von der Schule zurückkam und da saß mal ein Fremder, wurde ich direkt skeptisch und fragte Oma, was der Unbekannte denn hier will. Im zweiten Stock vermieteten meine Großeltern einzelne Zimmer. Eigentlich waren die als Unterkünfte für Bauarbeiter gedacht, die gerade auf Montage waren und billige Zimmer brauchten. Es gab da eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad, das sich alle Bewohner teilen mussten. Aber aus irgendeinem Grund mieteten sich dort Männer ein, die gar nicht wieder ausziehen wollten. Und die hingen dann eben den ganzen Tag unten in der Gaststätte rum.

Da gab es Branko, einen großen dicken Jugoslawen mit einer riesigen Säufernase. Der hat mir jedes Mal Erdnüsse geschenkt, wenn er mich gesehen hat. Und Oskar. Ich glaube, Oskar war Frührentner. Er kam immer in einem langen blauen Mantel und bekam von seiner Frau ein ganz strikt eingeteiltes Taschengeld. Pro Tag hatte er zehn Mark zur Verfügung. Das reichte genau für eine Packung Zigaretten, zwei Bier und zwei Schnäpse. Alle liebten Oskar, weil er immer so fröhlich war. Aber wenn Oskar sein Taschengeld aufgebraucht hatte, exte er seinen letzten Schnaps, wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und stand auf. »Jetzt isch nix mehr zu hole«, sagte er und verabschiedete sich. Die anderen wollten Oskar immer überreden, dass er noch etwas länger bleibt, und dann luden sie ihn noch auf eine Runde Schnaps ein. »I sags euch gloi, zurückzahle kann i euch nix«, warnte er die anderen immer überkorrekt vor. Aber das war denen total egal. Hauptsache, Oskar blieb noch für eine Runde.

Und es gab Ivo, einen weiteren Jugoslawen. Er war spindeldürr und ziemlich klein geraten. Ivo wollte immer gegen mich Billard spielen. Wenn ich an meinem Tisch saß, kam er rüber zu mir. »Habe Luscht und Zeit?«, fragte er mich dann mit seinem breiten Akzent. Das fragte er mich jeden Tag in genau diesem Wortlaut. Ich habe diesen Satz bestimmt Tausende Male von Ivo gehört. Ich verstand nicht, warum er das jedes Mal machte. Mann, ich war fünf Jahre alt. Als hätte ein Fünfjähriger irgendwelche wichtigen Termine, die ihn am Billardspielen hindern würden. Ivo war kein besonders guter Spieler, aber er nahm das sehr ernst. Er war voll konzentriert und hätte mich niemals gewinnen lassen. Manchmal gewann ich aber trotzdem. Dann hat er sich wahnsinnig aufgeregt, weil er gegen einen verfickten Fünfjährigen verloren hatte und alle anderen ihn auslachten. Opa gab ihm dann immer einen Beruhigungsschnaps aus.

Eines Tages ging Ivo in seine Heimat zurück. Am Anfang schrieb er uns noch regelmäßig Postkarten. Irgendwann hörten wir gar nichts mehr von ihm. Und noch ein paar Monate später erzählte uns Oma, dass Ivo gestorben war. Sie hatte das von irgendwelchen Freunden von Freunden von Verwandten von ihm gehört. Wir waren alle ziemlich traurig. Auch wenn Ivo ein komischer Vogel war, er gehörte doch zur Familie.

Zwei Jahre später war Ivo plötzlich wieder da. Er stand bei meiner Oma vor der Haustür. Mit exakt denselben Klamotten, die er immer getragen hatte. Mit exakt demselben verrosteten Fahrrad, dass er immer dabei gehabt hatte. Er stand da einfach in der Einfahrt und starrte auf die Gaststätte.

»Oma«, sagte ich. »Der tote Ivo steht da draußen.«

»Das kann nicht sein, der ist tot.«

»Oma, er steht doch da.«

»Der steht da nicht. Ich hab’s doch gehört. Der ist in Jugoslawien gestorben.«

Ich schaute noch mal aus dem Fenster. Er stand weiterhin da und bewegte sich nicht. Er starrte nur die Gaststätte an. Ich ging auf ihn zu.

»Ivo, bist du’s?«

»Challo, Michael.«

»Sag mal, was machst du denn hier?«

Man merkte ihm an, dass er richtig gerührt war, wieder hier zu sein.

»Mama besuchen«, sagte er.

Meine Oma konnte es gar nicht glauben, dass er wieder da war. Es hatte in Jugoslawien wohl nicht so geklappt, wie er sich das vorgestellt hatte. Und dann ist er einfach zurückgekommen und wieder in sein altes Zimmer im »Bruddler« eingezogen. Tot war er jedenfalls nicht. Und meine Oma kochte ihm aus Freude, dass er wieder da war, sein Lieblingsgericht. Käsespätzle.

Oma

Meine Oma war mein absoluter Lieblingsmensch. Und ich auch ihrer. Das hat sie mir immer gesagt, ob wir allein waren oder nicht. Auch wenn ihre anderen Enkel da waren. Über all die Jahre hinweg. Immer wenn wir allein waren, kam sie und nahm mich in den Arm. »Mein Schatz, du bist mein ganzer Stolz. Ich liebe dich mehr als alle anderen Menschen. Ich liebe dich mehr als deine Mutter und mehr als deinen Bruder.« Ich glaube, das begann schon, als ich geboren wurde. Meine Oma bestand darauf, dass ich den Namen ihres Vaters trage. Michalis. Sie einigte sich mit meinen Eltern dann darauf, dass wir ihn zumindest eindeutschten und Michael daraus machten.

Ich verbrachte jede freie Minute bei meiner Oma. Mein Bruder hatte nie Bock auf dieses Rentnergelaber. Er war zwei Jahre jünger als ich und hat so gut es ging vermieden, bei unseren Großeltern zu chillen. Ich hingegen habe das geliebt. Immer wenn ich gerade nichts zu tun hatte, bin ich zu Oma gegangen und habe Kakao getrunken, später dann Kaffee. Sie hat mir dann zweitausendmal dieselbe Geschichte erzählt, wie sie damals aus Griechenland kam, wie sie sich mit meinem Opa die Gaststätte aufbaute. Sie erzählte mir von den glorreichen Zeiten des »Bruddler«. Von früher, als es noch so eine richtige Kneipenkultur gab. Da war jeden Tag mies full house. Da war noch die Renate-Generation am Zug, wie meine Oma sagte. Deutsche Frauen mit Dauerwelle und ihre Macker, die sich jeden Tag zum Saufen in der Kneipe getroffen haben. Wilde Nächte, die darin gipfelten, dass sich irgendwelche Typen besoffen mit ihren Billardqueues die Fresse einschlugen. »Einmal«, erzählte Oma dann, »einmal wollte uns jemand das »Bruddler« abkaufen. Für 1,2 Millionen Mark. Das war Mitte der Neunziger. Und ich sagte Nein. Wenn, dann für zwei Millionen. Ich wusste aber, dass der Laden niemals mehr als eine Million Mark wert war.«

»Aber warum hast du es dann nicht verkauft, Oma?«, fragte ich sie, obwohl ich die Antwort längst kannte. »Da steckte mein ganzes Leben drin. Ich weiß doch nicht, was ich ohne diese Gaststätte machen soll.« Ich liebte diese Geschichten. Sie wurden mir nie langweilig.

Wenn ich bei ihr war, hat Oma immer versucht, mir ganz simple Dinge beizubringen, die sie für wichtiger hielt als alles, was ich in der Schule lernte. »Achte darauf, dass du kein Fachidiot wirst«, sagte sie immer. »Auch wenn du einen Bereich hast, der dich ganz besonders interessiert. Du darfst dann nicht verblöden. Im Idealfall bist du in allem, was du machst, der Beste.«

»Ich weiß, Oma.«

Sie schaute mich an und strich mir durch die Haare.

»Aber das muss nicht sein. Wichtig ist: Wenn du irgendwas ernsthaft machst, musst du in diesen Bereichen der Beste sein. In anderen Dingen reicht es, wenn du einfach nur gut oder okay bist.«

Oma war nur zweimal wirklich sauer auf mich. Das erste Mal war wegen einer Pizza. Oma liebte es nämlich, uns ihre Pizza zu machen, die wir über alles liebten. Sie hat den Teig komplett selber hergestellt und immer alles mit ganz frischen Zutaten belegt. Ihr machte das richtig Spaß. Sie freute sich, wenn es uns allen schmeckte und meine Freunde sie für ihre Kochkünste lobten. Aber Oma hatte nur einen ganz einfachen Ofen. Ihre Cousine hingegen, die hatte einen richtigen Stein­ofen. Wir nannten sie alle Tante Maria. Sie war etwa genauso alt wie Oma. Einmal waren wir bei Tante Maria eingeladen und sie machte uns eine selbst gebackene Pizza in diesem Steinofen, und die war wirklich unglaublich lecker. Der Boden war einfach perfekt.

»Und schmeckt es dir, Junge?«, fragte mich Tante Maria.

»Ganz ehrlich? Das ist die beste Pizza, die ich in meinem ganzen Leben gegessen habe.«

Meine Oma saß daneben und war tödlichst beleidigt. Ich merkte, wie sie so richtig verbergen wollte, wie wütend sie war. Als wir nach Hause gingen, habe ich sie extra noch weiter damit aufgezogen. »Boah Oma, ich kann die Pizza von Tante Maria einfach nicht vergessen. So leckere Pizza habe ich noch nie gegessen.«

Am Anfang hat Oma noch versucht, sich zu rechtfertigen. »Na ja, die hat ja auch einen Steinofen. Wenn ich auch einen hätte, wäre mein Boden auch knuspriger. Ist ja ganz normal.« Aber irgendwann war da nur noch Wut.

Sie war so sauer, dass sie mir zwei Jahre lang keine Pizza mehr gemacht hat. Immer wenn ich sie fragte, sagte sie, ich soll doch zu Tante Maria gehen.

Das zweite Mal, dass sie sauer auf mich war, war viel schlimmer. Ich kam eines Tages mit Ohrringen nach Hause. An diesem Tag ist für sie eine Welt zusammengebrochen. Sie saß weinend an ihrem Tisch und sagte solche Dinge wie: »Du bist nicht länger mein Enkel.« Meine Mutter schrie derweil durch das ganze Haus und schmiss alles gegen meinen Kopf, was sie in die Hände bekam. Am schlimmsten trafen mich der Telefonhörer und der riesige Salzstreuer. Alles andere war Pipifax. Meine Mutter sperrte mich dann in mein Zimmer ein und wollte mich erst wieder rauslassen, wenn ich die Ohrstecker rausnehme. Es spielte sich ein richtiges Familiendrama ab. Nach sechs Stunden hielt ich es nicht mehr aus und bat sie, meine Zimmertür aufzuschließen und mir die Ohrringe rauszunehmen. Das tat sie absichtlich so grob und unvorsichtig, dass es mir richtig wehtat. Eine halbe Stunde später war natürlich alles wieder vergessen und ich durfte das Enkelkind meiner Oma sein.

Und trotz dieser kleinen Steitereien, die wir hatten, hat Oma mich über alles geliebt. Sie hat mir all die Jahre über eingetrichtert, dass ich der schönste Mensch der Welt bin. Natürlich verbrachte ich gerne Zeit mit ihr. Wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man der übelste King ist, auch wenn man gerade alles im Leben verkackt, dann glaubt man das auch irgendwann. Ich wusste, egal was ich anstellte, es gibt eine Person auf diesem Planeten, die trotzdem denkt, dass ich der Beste bin. Und das war Oma.

Fußball

Mit fünf Jahren wollte ich unbedingt Fußball spielen. Es gab zwei Vereine in der Gegend. Den FSV 08 Bissingen und den SpVgg Bissingen. Ich wollte zum FSV, weil der Verein ganz in der Nähe von unserer Gaststätte war. Also ging ich mit meiner Mutter hin, um mich anzumelden.

»Wie alt ist er?«, fragte der Trainer sie.

»Fünf.«

»Dann kann er nicht mitmachen.«

»Warum denn nicht?«, fragte ich beleidigt.

Der Trainer schaute zu mir runter.

»Du bist zu jung. Wir haben keine Altersklasse, in der du spielen kannst.«

»Ich will aber mitspielen.«

Er schaute meine Mutter an, die nur mit den Schultern zuckte.

»Wenn er unbedingt will, kann er bei den Großen mittrainieren. Und sobald er sechs ist, kommt er zu den Bambinis in die Mannschaft.«

»Ja, so machen wir das«, nahm ich meiner Mutter die Entscheidung ab. Ich habe mich übelst gefreut. Ich war richtig aufgeregt und konnte das erste Training überhaupt nicht abwarten. Meine Mutter fuhr mich zum Sportplatz, ich war eine halbe Stunde zu früh, ging in die Kabine und zog mir meine Fußballsachen an. Das Trikot war mir mindestens zwei Nummern zu groß, aber das störte mich nicht. Es fühlte sich an wie eine Uniform. Als ich da saß und mir meine Schuhe anzog, merkte ich, wie mich die anderen Kinder, die nach und nach reinkamen, anguckten. Die waren alle ein oder zwei Jahre älter als ich. Sie sagten nichts, aber man merkte an ihren Blicken, dass sie sich fragten, was der kleine Pisser hier verloren hatte.

Das Training lief dann allerdings nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

»So«, sagte der Trainer. »Jetzt kannst du mal beweisen, was du kannst, Kleiner. Lauf mal vier Runden um den Platz.«

Vier Runden? Mann, ich hatte vor ein paar Jahren erst gelernt, wie man überhaupt läuft, und jetzt sollte ich mehr als einen Kilometer durchziehen? Keine Chance. Ich brach nach einer Runde ab. Ich war total am Ende. Der Trainer schaute mich skeptisch an. Die anderen Kinder schüttelten den Kopf.

»Na gut, dann üben wir mal Passen«, sagte er und teilte mir einen Partner zu. Wir sollten uns den Ball hin- und herschießen. Ich bekam es überhaupt nicht hin. Ich schoss immer meterweit an dem anderen Jungen vorbei. Irgendwann beschwerte der sich beim Trainer über mich. Er hatte keinen Bock mehr, mit mir zu spielen.

»Okay Michael, dann ein neuer Anlauf. Torschießen. Das wirst du gut hinbekommen. Nimm den Ball und trag ihn zur Mittellinie.«

»Was ist die Mittellinie?«, fragte ich. Woher soll ein Fünfjähriger das auch wissen.

»Die lange Linie in der Mitte. Und dann schieß den Ball von da auf das Tor.«

Ich nahm den Ball, ich legte ihn auf die Mittellinie. Ich sah das Tor, das ewig weit entfernt stand, visierte es an, nahm etwas Anlauf, so wie die Fußballer im Fernsehen, und schoss. Der Ball rollte ein paar Meter und blieb dann liegen. Er war nicht mal in die Nähe des Tores gekommen. Ich guckte meinen Trainer fragend an und hörte, wie die anderen Kinder anfingen zu lachen.

»Okay, okay. Ich sehe schon, das läuft noch nicht ganz so gut. Setz dich am besten Mal an den Rand und schau den anderen zu. Dann lernst du am besten.«

Ich setzte mich an den Spielfeldrand und war todtraurig. Nach einer Stunde holte mich meine Mutter wieder ab.

»Und? War es gut?«

»Nein!«

»Nein? Was ist denn passiert?«

»Nichts. Ich will da nie wieder hin, Mama. Nie wieder! Ich will zu dem anderen Verein.«

Mit fünf Jahren hatte ich dann meinen ersten Transfer vom FSV 08 zur SpVgg Bissingen. Von diesem Tag an habe ich den FSV abgrundtief gehasst. Ich wünschte ihnen den Abstieg in die tiefste Liga, die es nur gab. Auch wenn es für Kinderfußball noch überhaupt keine Ligen gab.

Bei der SpVgg lief es dann besser. Ich habe mich über die Jahre in allen Positionen außer Torwart versucht. Erst war ich rechter Verteidiger, dann spielte ich Rechtsaußen und irgendwann fand ich die perfekte Position für mich. Ich wurde Mittelstürmer. Und ich war original der faulste Mittelstürmer, den es jemals gab. Ich habe das so im Ronaldo-Style durchgezogen. Und ich meine den echten, richtigen, fetten Ronaldo. Ich stand an der 16er-Linie, wartete, bis der Ball kam, und köpfte ihn einfach rein. Das war mein Fußball-Lifestyle. Ich bin wirklich gerne hingegangen. Wenn am Wochenende irgendwelche Turniere anstanden, war das für mich immer richtiger Jackpot. Am besten war es, wenn die gleich über zwei Tage gingen. Ein Tag war auch noch okay. Aber wenn gar nichts anstand, hat mich das angekotzt. Je früher es losging, desto besser. Für mich konnte der Treffpunkt auch um 5 Uhr festgelegt werden. Ich war pünktlich da. Und ich habe keinen einzigen Termin ausgelassen. Selbst wenn ich einmal krank war und nicht zur Schule ging, versuchte ich, meine Mutter zu überreden, dass ich trotzdem Fußball spielen konnte: »Aber Mama, Training kann ich schon machen.«

Kunst

Ich war zu diesem Zeitpunkt aber auch voll auf meinem Kunstfilm. Einer der Tische in der Gaststätte war fest für mich reserviert. Da lagen meine Malutensilien rum: Wasserfarben, Holzstifte, Filzstifte, Wachsmalfarben, Papier. Der halbe Tisch war vollgestellt, und alle Utensilien waren vom Allerfeinsten. Malen war meine ganz große Leidenschaft. Das war mehr als nur ein Hobby für mich. Ich habe das ernst genommen und mir richtig viel Mühe gegeben. Einmal habe ich ein Bild aus einem Disney-Film nachgemalt, wo ein Typ gerade einen Drachen tötet. Da habe ich sechs Wochen drangesessen. Ich war schon als Kleinkind extrem perfektionistisch. Wenn ich ein Bild fertig hatte, schenkte ich es meiner Mutter oder meiner Oma. Über das Lob, das ich bekam, freute ich mich mindestens genauso wie über das fertige Werk.

Meine Großeltern versorgten mich die ganze Zeit mit gerösteten Mandeln und Sinalco-Cola. Undercover, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich Cola trinke. Manchmal setzte sich auch Opa zu mir und brachte mir Buchstaben bei. Er wollte unbedingt, dass ich auch Griechisch lerne. Also malten wir das deutsche und das griechische Alphabet. Wenn wir fertig waren, sind wir spazieren gegangen. Immer wenn die Sonne schien, ging Opa mit mir zum Entenfüttern und dann zum Eismann. Ganz egal, ob es Sommer oder Winter war. Wenn die Sonne schien und ich die Buchstaben gut hinbekam, spendierte er mir ein Eis.

Aber die richtigen Bilder waren mir viel wichtiger als die Buchstaben. Alle, die diese Bilder sahen, meinten, ich hätte ein übertriebenes Talent. Ich wollte aus diesem Talent etwas machen und nervte meine Mutter, dass sie mich irgendwie fördern soll.

»Wie soll ich dich denn fördern?«, fragte sie.

»Weiß ich nicht, Mama. Du bist erwachsen.«

Ich therapierte sie damit jeden Tag. Irgendwann wurde es ihr zu viel und sie meldete mich einfach an einer Kunstschule an. Als ich ankam, saßen da nur Erwachsene. Und ich war gerade mal zehn Jahre alt. Die meisten Typen, die da waren, wollten irgendwann mal auf eine richtige Kunsthochschule, und sie packten die Bilder, die sie zeichneten, in ihre Bewerbungsmappen. Oder es waren irgendwelche Hippies, die einen Esoterik-Film schoben und dachten, sie würden über die Kunst auch etwas über sich selber lernen. Trotzdem nahmen mich da alle richtig ernst. Wir haben jede Woche eine neue Aufgabe bekommen, und wenn die zu schwer für mich war, gab mir der Kunstlehrer eine Light-Version. Ich lernte, was ein Goldener Schnitt ist, wie man einen Speckstein schleift, wie man Menschen porträtiert und wie sich Ästhetik definiert. Von diesem Moment an hatte ich immer einen besonderen Blick auf meine Umwelt. Ich versuchte zu erkennen, was schön ist und warum ich diese Dinge schön finde. Das hat meine ganze Wahrnehmung der Welt verändert.

Ich fing an, alles als Kunst zu verstehen. Auch Filme. Und dann fing ich an, Bücher und Drehbücher zu schreiben. Mein erstes Filmprojekt hieß Der Mann ohne Schatten. Ich wusste, dass es schon ein Buch mit diesem Titel gab, aber es war mir völlig egal. Mein Drehbuch würde eh besser werden, dachte ich. Wir waren mit meinen Eltern gerade für ein paar Tage im Urlaub. Es war Winter und wir wohnten in einem Hotel im Schwarzwald. Ich habe da meinen kleinen Bruder richtig hart therapiert. Ich sagte ihm, dass er die Szenen, die ich aufschreiben will, nachspielen müsste, damit ich es mir richtig vorstellen könnte. Mein Bruder war zwei Jahre jünger als ich und machte natürlich alles, was ich von ihm verlangte. Wir gingen dann in den Wald und ich gab ihm Anweisungen, wie er über den Bach zu springen habe.

»Ich habe Hunger«, fing er irgendwann an zu jammern.

»Mann, halt die Klappe. Ich schreibe doch gerade mein Drehbuch«, sagte ich und ließ ihn noch mal durch den Schnee springen.

»Aber mir ist voll kalt.«

»Ey, verstehst du es nicht? Ich mache hier Kunst«, sagte ich meinem Bruder und zitierte irgendwie meinen Kunstlehrer. »Kunst ist größer als unsere Befindlichkeiten. Also mach weiter.«

Mein Bruder verstand nicht, was ich sagte, ich tat es eigentlich selber nicht, aber für ihn klang es überzeugend. Er machte weiter und war für den Rest unseres Urlaubs übelst erkältet. Meine Mutter motzte mich richtig an. Weil ich ohne meinen Bruder aber mein Drehbuch nicht zu Ende schreiben konnte, vertrieb ich mir die Zeit mit Malen. Meine Mutter hatte mir so ein Malen-nach-Zahlen-Set gekauft. Eigentlich war das idiotensicher. Eine Nummer bedeutete eine Farbe. Rot war 1, Gelb war 2 und so weiter. Man musste nur die nummerierten Kästchen ausmalen. Aber ich fand, dass in die Kästchen andere Farben gehörten.

»Du malst das falsch«, kommentierte mein Bruder.

»Mann, halt die Klappe!«, sagte ich. »Du kannst nicht mal malen.«

»Doch, in die 1 musst du Rot reinmalen.«

»Da gehört kein Rot hin.«

»Da ist aber eine 1!«

»Ja, weil der Typ, der das gedruckt hat, keine Ahnung hat. Glaube mir«, sagte ich. »Ich studiere Kunst.« Das war mein Totschlagargument.

»Und jetzt geh mal wieder ins Bett und simulier weiter deine Erkältung.«

»Ich bin wirklich krank!«

»Ja, ja.«

Musik

Und dann war da noch die größte Kunst, die ich mir nur vorstellen konnte. Die Musik. Genauer gesagt, war da Michael Jackson. Er war der große Held meiner Kindheit. Ich hatte damals eine Kassette, auf der nur ein einziger Song von ihm drauf war. We are the World. Auf beiden Seiten war nur dieser eine Song drauf. Und ich habe sie mir dauernd angehört. Egal, wo ich war. Zu Hause oder unterwegs. Ich hatte immer meinen Walkman dabei und ich hatte immer We are the World im Ohr. Ich konnte noch kein Wort Englisch, aber das Lied kannte ich auswendig. Wenn die Kassette durch war, habe ich sie umgedreht und weitergehört, umgedreht und weitergehört. Ich brauchte nicht mehr als dieses eine Lied. Ich habe es gefressen.

Michael Jackson war für mich ein Phänomen. Er sang perfekt, er tanzte perfekt und er fasste sich dauernd in den Schritt. Er war jemand, für den scheinbar nicht die gleichen Gesetze galten wie für normale Menschen. Ich sah Videos, wie er bei einem Liveauftritt einfach über die Bühne glitt. Er schien das Gesetz der Schwerkraft mit seinem Moonwalk außer Kraft zu setzen. Und das Allerverrückteste: Michael Jackson war schwarz. Und irgendwann war er dann weiß. Einfach so. Ich glaubte, dass dieser Mann die Personifizierung der Kunst schlechthin war. Und dann hörte ich das erste Mal den Song Beat It. Das Gitarrenriff am Anfang hat mich so fasziniert, dass ich sofort zu meiner Mutter lief.

»Mama, ich brauche eine Gitarre.«

»Vergiss es!«

»Nein wirklich, ich brauche sie unbedingt!«

»Nein! Du bist schon im Fußballverein, du bist in der Kunstschule und du wolltest unbedingt deinen Schwimmkurs haben. Mehr gibt es nicht.«

Stimmt. Irgendwie kam ich vor ein paar Monaten auf die Idee, dass ich einen Schwimmkurs machen müsste, damit ich das Seepferdchen und andere Abzeichen bekam. Aber die Gitarre war eigentlich viel, viel spannender für mich.

»Mama, ich will lieber die Gitarre haben als den Schwimmkurs.«

»Zu spät!«

Ich war richtig traurig und setzte mich zu meiner Oma in die Gaststätte.

»Was ist los, mein Schatz?«

»Mama will mir keine Gitarre kaufen.«

»Was willst du denn mit einer Gitarre?«

»Oma, ich will Musiker werden. So wie Michael Jackson.«

»Aber Michael Jackson singt doch und spielt nicht Gitarre.«

»In dem einen Lied aber schon, und ich weiß, ich könnte das auch. Ich will auch auf einer Bühne stehen und so wie Micheal Jackson sein, Oma. Aber das geht nicht, wenn ich keine Gitarre habe.«

Meine Oma ließ sich das durch den Kopf gehen. Nach ein paar Minuten kam sie zu mir und sagte, dass sie mir eine Gitarre kaufen und mir sogar den Unterricht bezahlen würde. Ohne Worte, diese Frau.

Als Zehnjähriger war mein Leben damit komplett durchgetaktet. Montags und donnerstags hatte ich Fußballtraining, dienstags hatte ich Gitarrenunterricht, mittwochs bin ich schwimmen gegangen, freitags war mein Kunstkurs und am Wochenende standen Fußballturniere an. Und trotzdem war ich noch immer verdammt gut in der Schule. Nach der vierten Klasse hatte ich einen 1,4-Durchschnitt und wechselte aufs Gymnasium. Ich wollte meine Eltern einfach stolz machen, weil ich wusste, wie wichtig ihnen die Schule war. Und mir war das auch wichtig. Ich dachte damals, dass ich entweder Künstler oder Musiker werden wollte, es aber trotzdem nicht verkehrt wäre, wenn man einen Plan B hat. Und Plan B war für mich, Chef werden. Ich wusste noch nicht genau, von was ich Chef werden wollte, aber ich fand es blöd, wenn mich irgendjemand herumkommandierte. Ich wusste, wer Chef werden will, muss studieren, und wer studieren will, braucht gute Noten. Aber es lief nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Nach meinem ersten Tag auf dem Gymnasium kam ich voll enttäuscht in die Gaststätte.

»Was ist los, mein Schatz? War es nicht gut?«, fragte Oma.

»Nee, nicht so.«

»Warum, was ist passiert?«

»Die haben uns gar nichts beigebracht. Und wir haben nicht mal Hausaufgaben gekriegt.«

»Das war ja auch erst dein allerallererster Tag.«

»Gut, aber wenn die schon so anfangen, wie soll ich jemals Chef werden? Vielleicht sollte ich die Schule wechseln.«

Meine Mutter redete mir das am Abend ganz schnell wieder aus. Und das Leistungsdenken, das ich zu diesem Zeitpunkt noch hatte, sollte ich auch sehr schnell wieder verlieren.

Up In Smoke

Das Jahr 2001 sollte für mich alles verändern. Es war das Jahr, in dem ich die Up-In-Smoke-Tour-Kassette bekam. Ich war 13 Jahre alt und noch immer voll auf meinem Michael-Jackson-Film. Ich chillte bei meinem Cousin im Zimmer und sah dort eine VHS-Kassette rumliegen. Ich schaute sie mir genauer an. Da war ein schwarzes Cover mit einem überdimensionalen grünen Hanfblatt in der Mitte und vier Köpfen, die um das Blatt herum angeordnet waren. Ich hatte keine Ahnung, wer die Typen sein sollten, aber Mann, da war einfach ein riesiges Hanfblatt auf dem Cover!

»Was ist das denn?«, fragte ich meinen Cousin.

»Ach, so ein Konzert.«

Ich schaute mir die Kassette an. Da klebte ein FSK-16-Sticker drauf.

»Was denn für ein Konzert?«

»Hip-Hop. Da laufen ein paar nackte Frauen rum und so.«

»Boah, geil.« Ich hatte zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Ahnung, was Hip-Hop überhaupt sein sollte.

Ich schaute mir die Kassettenhülle von allen Seiten an. Ich brauchte unbedingt dieses Videotape.

»Kann ich mir die mal ausleihen?«

Mein Cousin schaute mich an.

»Bist du nicht ein bisschen jung dafür?«

»Quatsch«, sagte ich, so cool es irgendwie ging.

»Na gut, aber bring sie mir wieder.«

Ich behandelte die Kassette wie ein Heiligtum. Ich wollte sie mir nicht einfach so angucken. Ich wollte das richtig auskosten. Also versteckte ich das Tape in meinem Zimmer und wartete bis Montagabend. Es war der einzige Abend in der Woche, in dem mein Bruder und ich für ein paar Stunden sturmfrei hatten. Mein Vater arbeitete in der Spätschicht und kam erst um 22.15 Uhr nach Hause. Und meine Mutter machte eine Umschulung. Früher musste immer Opa auf uns aufpassen, dann hat er sich immer Walker, Texas Ranger reingezogen. Als ich älter wurde, ließen meine Eltern uns die paar Stunden aber einfach so allein. Und das war die perfekte Gelegenheit, mir endlich dieses Tape reinzuziehen.

»Was ist das?«, fragte mein Bruder.

»Verpiss dich mal, dafür bist du noch zu klein«, sagte ich und schob ihn weg.

Ich war richtig aufgeregt. Und von dem ersten Moment an richtig geflasht. Die Up In Smoke Tour war ein Konzert-Video mit Auftritten von Dr. Dre, Eminem, Ice Cube und Snoop Dogg.

Bevor ich dieses Videotape sah, wusste ich nicht, was Hip-Hop war. Ich wusste nicht, wer diese Typen waren. Ich kannte den Track Next Episode von Snoop Dog und Dre, weil der mal auf MTV lief und mein Cousin das ständig hörte, aber ich hatte keine Ahnung, dass man das Rap nannte, was die da machten. Aber als ich das Video sah, war ich sofort infiziert. Ich konnte es einfach nicht glauben. Alter, die hatten da Drogen. Und sie zeigten das einfach. Sie kifften vor laufender Kamera. Die hingen mit 40 Ollen im Hotel rum. Und die waren alle halb nackt. Mit 40 Ollen! Wie krass ist das? In diesem Moment begriff ich sofort intuitiv, was Hip-Hop bedeutet. Hip-Hop bedeutet einfach das zu tun, worauf man Lust hat. Für mich zumindest.

Mir war klar: Ich wollte sein wie die.

Und das war der Beginn von allem. Das Tape hatte für mich dieselbe Bedeutung wie ein paar Jahre vorher die Michael-Jackson-Kassette in meinem Walkman. Nur waren die Nachwirkungen viel extremer. Das Tape war so ziemlich die größte Inspiration meines Lebens. Und mein Cousin sollte die VHS nie wieder zurückbekommen. Sie war ab sofort mein heiliger Gral. Noch Jahre später war es ein Ritual, die Up-In-Smoke-Tour-Kassette rauszuholen, wenn meine Jungs kamen, und sie einfach im Hintergrund laufen zu lassen, während wir chillten. Ich habe dieses Tape gefressen.

Ich fing an, Texte zu schreiben. Ich habe mir extra ein kleines, schwarz eingebundenes Notizbuch und einen schwarzen Stift gekauft. Der erste Reim, den ich hatte, der mich so richtig zufrieden machte, war »Ewigkeit« auf »Wenigkeit«. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, warum ich das so gut fand. Ich verstand nicht, warum es so viel besser klang als »Wein« auf »Schein«. Heute weiß ich, dass das ein dreisilbiger, nicht assoziativer Reim ist. Damals spürte ich nur, dass es ästhetischer klingt. Besser halt. Ich arbeitete daran wie ein Besessener. Jeden Abend vor dem Schlafengehen saß ich vor meinem Buch, wie so ein Spasti, und suchte die besten Reime. Ich wollte unbedingt diesen Ewigkeit-Wenigkeit-Effekt wieder hinbekommen.

Irgendwann war ich mir mit den Reimen halbwegs sicher und ging einen Schritt weiter. Ich versuchte, ganze Songs zu schreiben. Ich trommelte mir dazu mit einem Stift den Beat, aber das war keine allzu elegante Lösung. Dann ging ich ins Internet und lud mir Instrumentals von Alben runter. Das war schon etwas besser, hat mich auf Dauer aber auch nicht wirklich befriedigt. So war es irgendwie zwar mein Text, aber durch den fremden Beat hatte ich das Gefühl, es wäre trotzdem nicht mein Song. Ich musste noch einen Schritt weitergehen.

Und dann fing ich an, Beats selbst zu bauen. Zunächst habe ich mir ein Programm im Internet runtergeladen. Es hieß HipHop-eJay, da gab es vorgefertigte Loops, die man miteinander kombinieren konnte. Allerdings konnte ich nichts selber einspielen. Nach drei Stunden hatte ich alle Kombinationsmöglichkeiten durch und das Programm somit durchgezockt. Ich brauchte eine bessere Software. Ich überredete meine Oma, dass sie mir den Magix Music Maker kaufte. Das Programm war wesentlich besser, ich konnte jetzt einzelne Spuren selber aufnehmen und sie dann miteinander kombinieren. Das Problem war nur, dass ich nichts hatte, womit ich irgendwas hätte aufnehmen können. Nur das Keyboard von meinem Bruder. Also musste ich improvisieren. Ich nahm mir mein billiges Headset und riss das Mikrofon ab, klebte es auf das Keyboard, klimperte etwas herum und drückte Aufnahme. Schon hatte ich meine erste Spur. Dann nahm ich die nächste auf. Den Bass. Die Drums konnte man in dem Programm virtuell einspielen. Und irgendwann hatte ich einfach meinen allerersten Beat. Ich wusste nicht, wie ich ihn als MP3 konvertieren konnte. Er war einfach auf meinem Computer drauf. Also nahm ich ein altes, analoges Tonbandgerät von meiner Oma, spielte den Beat am Computer ab und zeichnete ihn analog auf, sodass ich ihn auf Kassette hatte.

Irgendwann hatte ich da etwas, von dem ich dachte, das ist vorzeigbar. Das hat einen ganzen Tag gedauert. Es war nicht mal ein ganzer ausproduzierter Beat. Es war nur ein Loop. Eine Wiederholung von ein paar Takten. Eine ewige Schleife. Ich war richtig stolz und rief meine Mutter.

»Mama, ich hatte heute einen Durchbruch.«

»Was für einen Durchbruch?«

»Ich kann jetzt selber Musik machen.«

»Wie du kannst Musik machen? Mit wem? Mit welchem Instrument?«

»Na, allein. Nur so. Mit meinem Computer. Da ist alles drin.«

»Wie soll das gehen? Mit dem Computer.«

Ich öffnete den Music Maker, drückte auf Play und der Loop ging los.

»Hörst du? Und jetzt kommen die Drums dazu.«

Sie hörte sich das eine Minute an. Dann guckte sie mich an.

»Was soll das denn sein?«

»Na, ein Beat! Mama! Das ist Hip-Hop!«

»Was denn für ein Beat? Es ist doch immer nur das Gleiche.«

Ich war fassungslos. Wie konnte sie das nicht verstehen? Ich habe da gerade zum ersten Mal den Grundbaustein für einen Song gelegt. Wenn man so will: Kunst geschaffen. Und sie sagte, es wäre immer das Gleiche.

»Ich kann damit nichts anfangen«, sagte sie und verließ das Zimmer.