4,99 €
Während seiner dreißigjährigen Tätigkeit hatte Jugendanwalt Hansueli Gürber mit rund sechstausend jungen Männern und Frauen zu tun und für alle stets um die beste Lösung gerungen. Oft war diese unkonventionell. So auch im Fall "Carlos", der durch einen Fernsehbericht an die breite Öffentlichkeit gelangt war und für einen Sturm der Entrüstung sorgte. Das machte den kurz vor seiner Pensionierung stehenden Jugendanwalt zu einer Person des öffentlichen Interesses, und dies nicht im positiven Sinn. Damals ging allerdings vergessen, wie erfolgreich Hansueli Gürber während seiner Tätigkeit bei der Wiedereingliederung von - zum Teil - schwerstkriminellen Jugendlichen war. Das Erfolgsrezept? Er interessierte sich wahrhaftig für die Lebensgeschichten der jungen Menschen. Dafür zollten ihm seine Klienten Respekt und Vertrauen; auch dann noch, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gab und er sie in Untersuchungshaft oder in geschlossene Heime bringen musste. Hansueli Gürbers Ziel war es gerade auch in diesen Fällen, den oft belasteten Biografien krimineller Jugendlichen eine Richtungsänderung zu geben. Zum Schutz der Jugendlichen selbst - vor allem aber auch zum Schutz der Gesellschaft. Wie er das schaffte, davon erzählt dieses Buch. Und man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um zu begreifen, dass er nicht nur sein ganzes Herzblut investierte, sondern auch einiges zu sagen hat.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2016
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe
© 2016 Wörterseh Verlag, Gockhausen
Lektorat: René Staubli, Zollikon Korrektorat: Andrea Leuthold und Lydia Zeller, Zürich Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, Holzkirchen Fotos Umschlag: Gian Marco Castelberg / 13 Photo Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. Roth Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-069-3 E-Book ISBN 978-3-03763-604-6
www.woerterseh.ch
Über das Buch und die Autorin
Zu diesem Buch
Mit Statements der fünf Kinder zu ihrem Vater
1: »Positiv unangenehm«
2: »Ein Biest«
3: »Wut im Ranzen«
Mit Einschätzungen zu Gürbers Arbeit
4: »Klassischer Mitläufer«
5: »Kein Lämmchen«
6: »Mitgegangen, mitgefangen«
Mit Einschätzungen zu Gürbers Arbeit
7: »Ich drehte durch«
8: »Nicht systemkompatibel«
9: »Krumme Dinge«
Der Verrat – Magazin-Artikel zum Fall »Carlos« von Mathias Ninck
Konsequenzen
Anhang
Mit einer Kurzbiografie Gürbers, Statistiken und einem Glossar
Dank
Während seiner dreißigjährigen Tätigkeit hatte Jugendanwalt Hansueli Gürber mit rund sechstausend jungen Männern und Frauen zu tun und für alle stets um die beste Lösung gerungen. Oft war diese unkonventionell. So auch im Fall »Carlos«, der durch einen Fernsehbericht an die breite Öffentlichkeit gelangt war und für einen Sturm der Entrüstung sorgte. Das machte den kurz vor seiner Pensionierung stehenden Jugendanwalt zu einer Person des öffentlichen Interesses, und dies nicht im positiven Sinn. Damals ging allerdings vergessen, wie erfolgreich Hansueli Gürber während seiner Tätigkeit bei der Wiedereingliederung von – zum Teil – schwerstkriminellen Jugendlichen war. Das Erfolgsrezept? Er interessierte sich wahrhaftig für die Lebensgeschichten der jungen Menschen. Dafür zollten ihm seine Klienten Respekt und Vertrauen; auch dann noch, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gab und er sie in Untersuchungshaft oder in geschlossene Heime bringen musste.
Hansueli Gürbers Ziel war es gerade auch in diesen Fällen, den oft belasteten Biografien krimineller Jugendlichen eine Richtungsänderung zu geben. Zum Schutz der Jugendlichen selbst – vor allem aber auch zum Schutz der Gesellschaft. Wie er das schaffte, davon erzählt dieses Buch. Und man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um zu begreifen, dass er nicht nur sein ganzes Herzblut investierte, sondern auch einiges zu sagen hat.
Als Jugendanwalt agierte Hansueli Gürber zwar auf der Seite des Staates, setzte sich aber immer derart für »seine« kriminellen Jugendlichen ein, als wäre er ihr Verteidiger. Das konnte er, weil er die zum Teil schweren Taten klar missbilligte, nie aber die Jugendlichen ablehnte, die sie begangen hatten.
Daniel Dunkel, Chefredaktor der »Schweizer Familie«
© Thomas Züger
URSULA EICHENBERGER, geb. 1968, studierte Geschichte und Non-Profit-Management, schrieb für verschiedene Medien wie »Neue Zürcher Zeitung«, »SonntagsZeitung«, »Weltwoche« und war bis 2006 Redaktorin beim »Tages-Anzeiger« mit Schwerpunkt Sozial- und Gesellschaftsthemen. Seither ist sie für Stiftungen und Non-Profit-Organisationen wie Unicef Schweiz tätig und schreibt Bücher. Für den Wörterseh Verlag realisierte sie bereits den Bestseller »Geboren als Frau – Glücklich als Mann«. Mit Hansueli Gürber hatte sie als Journalistin immer wieder zu tun und war von seinem beruflichen Engagement stets sehr beeindruckt. Ursula Eichenberger lebt in Zürich.
Marco lässt im Tankstellenshop zwei Päckchen Kaugummi mitlaufen; Anna zerdeppert mit Steinen eine Straßenlampe; in der Garderobe stiehlt Stefan das Portemonnaie aus Theas Jacke; Miro nimmt Luca in den Schwitzkasten und verlangt fürs Loslassen fünf Franken: Fast alle Jugendlichen begehen einmal eine strafbare Handlung. Meistens handelt es sich jedoch um Bagatelldelikte, bei denen weder die Polizei noch die Jugendbehörden einschreiten müssen. Es gibt aber auch Straftaten, bei denen kein Auge zugedrückt werden kann. »Zwei Verletzte nach Angriff mit Messer am Züri-Fäscht«; »Raubserie eines jungen Mannes« – eine Häufung solcher Schlagzeilen lässt vermuten, die Jugend sei gewalttätiger geworden.
Erhebungen des Bundesamts für Statistik belegen indessen, dass die Anzahl verurteilter Jugendlicher seit dem Jahr 2009 um über vierzig Prozent zurückgegangen ist. Diese Statistiken sind allerdings mit Vorsicht zu interpretieren, denn die Anzahl Verurteilungen lässt nicht definitiv darauf schließen, wie kriminell Jugendliche tatsächlich sind. Dazu fehlt eine absolute Messlatte. Einerseits beeinflusst das Anzeigeverhalten die Anzahl der Verurteilten, andererseits die Strenge beziehungsweise Milde der Richter.
Hansueli Gürber hatte als Leiter der Jugendanwaltschaften Horgen und Zürich während dreißig Jahren mit rund 6000 straffälligen Jugendlichen zu tun. Der bekannteste unter ihnen sorgte unter dem Pseudonym »Carlos« weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufregung.
Seinen Anfang hatte der Fall »Carlos« mit der Reporter-Sendung Der Jugendanwalt genommen, ausgestrahlt im Schweizer Fernsehen SRF am 25. August 2013. Der Ankündigungstext zur Sendung des Filmemachers Hanspeter Bäni klang harmlos: »Hansueli Gürber ist seit sieben Jahren Leiter der Jugendanwaltschaft der Stadt Zürich. Dem 62-Jährigen, der aussieht wie ein Alt-Hippie, liegen die Jugendlichen am Herzen. Auch die, die schon einiges auf dem Kerbholz haben. Gürber geht immer wieder eigene Wege, nicht nur beruflich, auch privat.« Damit war nebst den gut hundert Reptilien, die er in seinem Privathaus hält, die Tatsache gemeint, dass er während achtzehn Jahren parallel mit zwei Frauen in zwei Familien mit insgesamt fünf Kindern lebte, woraus er kein Geheimnis machte.
Im Film stellte Hansueli Gürber eine der beiden maßgeschneiderten, besonders aufwendigen Sondertherapien aus seiner langjährigen Berufstätigkeit als Jugendanwalt vor. Er hatte sich für »Carlos« entschieden, denn er stufte die Entwicklung des Siebzehnjährigen als Erfolgsgeschichte ein: Nach 34 Verurteilungen lebte »Carlos« damals seit vierzehn Monaten deliktfrei. Das angeordnete Sondersetting umfasste eine Wohnung, in welcher der junge Mann mit einer persönlichen Betreuerin wohnte, einen Privatlehrer sowie regelmäßige Trainingsstunden beim mehrfachen Thaibox-Weltmeister Shemsi Beqiri. Monatliche Kosten: 29 200 Franken.
Es folgte ein Sturm der Entrüstung. Wurde hier ein Straftäter verhätschelt? Wurden Steuergelder verschwendet? Über Monate debattierten Politiker, Fachleute und Medien über die Kosten von Sondersettings und den Sinn von verordnetem Thaibox-Training. SVP und BDP forderten eine Parlamentarische Untersuchungskommission, Hansueli Gürber erhielt Morddrohungen, in seinem Briefkasten lagen anonyme Schreiben mit schwersten Vorwürfen, im Netz fegte ein Shitstorm über ihn hinweg, sein Haus musste von der Polizei bewacht werden. Das Sondersetting wurde abgebrochen, »Carlos« ins Gefängnis verfrachtet, ein weniger teures Sondersetting beschlossen, auch dieses abgebrochen, der Jugendliche schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt.
Gürber musste das Dossier abgeben, Ende August 2014 ging er in Pension, acht Monate später wurde Justizdirektor Martin Graf aus dem Zürcher Regierungsrat abgewählt. »Keine Frage«, räumt Hansueli Gürber ein, »dass ich ›Carlos‹ in diesen Film miteinbezogen habe, war ein schwerwiegender Fehler, mit dem ich vor allem ›Carlos‹ geschadet habe.« Mehr darf er zu den Vorfällen nicht sagen, andernfalls würde er das Amtsgeheimnis verletzen und sich strafbar machen. Seinen Antrag auf eine teilweise Entbindung vom Amtsgeheimnis für dieses Buch wies die Justizdirektion im Frühling 2015 ab.
So laut Hansueli Gürbers Karriere endete, so leise hatte sie begonnen. Als er 1986 vom Erwachsenen- ins Jugendstrafrecht wechselte, habe dieses noch in »einer Art Dornröschenschlaf« gelegen: »Ziemlich unbehelligt von der Öffentlichkeit und von den Medien, konnten wir unserer Arbeit nachgehen. Wir wurden zwar nicht ganz ernst genommen, aber man ließ uns gewähren.« Erst nach und nach setzte sich in der Öffentlichkeit das Bewusstsein durch, dass in der Jugendstrafrechtspflege nicht nur »etwas seltsame Juristen« am Werk waren, sondern Spezialisten aus verschiedenen Fachbereichen.
In seiner Amtstätigkeit hat Hansueli Gürber Tausende von Stunden mit straffälligen Jugendlichen verbracht und sich auf jeden in der ihm eigenen engagierten und authentischen Art eingelassen. Dabei unterschied er stets zwischen dem Menschen und seinen Verfehlungen. Er verabscheute schwere Taten, jedoch keinen der Jugendlichen, die sie begangen hatten. Vielmehr interessierte er sich für ihre Lebensgeschichten und suchte in vertrackten Situationen oft nach unkonventionellen Lösungen. Die Jugendlichen reagierten mit Respekt und Vertrauen – auch wenn er harte Maßnahmen aussprach und sie in U-Haft, ins Heim oder gar hinter Gitter brachte. »Guten Morgen, Herr Gürber«, stand beispielsweise in einem Brief aus dem Bezirksgefängnis, »wenn sie bei mir vorbeikommen, bitte wenn es geht bringen sie mir 5 Pack Zigaretten. Es würde mich sehr freuen und paar Schokoladen. Wenn ich draußen bin, bezahl ich die Sachen, wenn es sein muss. Also Herr Gürber, bis bald, ich hoffe, dass es ihnen gut geht.«
Gürber scheute weder Mühe noch Aufwand, war rund um die Uhr und auch an Wochenenden erreichbar, chauffierte seine Klienten in Heime und Therapiestationen, auch wenn diese weit entfernt lagen, und schonte seine Kräfte nicht. Daran änderte auch ein Beinahe-Herzinfarkt mit notfallmäßiger Bypass-Operation nichts. Sein Ziel war es, dem Leben krimineller Jugendlicher eine Richtungsänderung zu geben, in ihrer jungen und oft belasteten Biografie eine Weiche zu stellen. »In diesen Jahren kann man noch formen, man hat den Lehm in der Hand. Und wenn man ihn richtig knetet, kommt es gut.« Wie er das machte, erzählt er in den Gesprächen in diesem Buch.
Mit vielen Jugendlichen verbindet ihn eine lange, intensive Geschichte. »Wenn ich ihre Namen höre, beginnt es in meinem Kopf zu rattern, und es macht klick.« Von einigen erzählen auch die folgenden Seiten. Gemeinsam haben wir neun seiner ehemaligen Klientinnen und Klienten getroffen. Mit manchen hatte Hansueli Gürber noch kurz vor seiner Pensionierung zu tun, andere hatte er viele Jahre nicht mehr gesehen. Das Setting war immer dasselbe: Wir verabredeten uns im Zürcher Kreis 5 auf einer Bank auf dem Platz an der Ecke Langstraße/Josefstraße; das Gespräch führten wir in einem nahen Sitzungszimmer. Die meisten unserer Gesprächspartner erschienen pünktlich, oft mit einem Lächeln im Gesicht, wenn sie »ihren« ehemaligen Jugendanwalt entdeckten.
Deutlich schwieriger war es, jene Personen für eine Einschätzung von Gürbers Arbeit zu gewinnen, die dem Jugendanwalt kritisch gegenüberstanden. Marcel Riesen-Kupper, Chef der Oberjugendanwaltschaft, erbat sich eine Woche Bedenkzeit und winkte dann ab. Ex-Regierungsrat Martin Graf (Grüne) schrieb per E-Mail: »Ich will nicht mit einem Zitat im Buch erscheinen.« Seine Abwahl als Justizdirektor im Frühling 2015 hatte er auch Gürber angelastet.
Durchgehend anders klang es bei den ehemaligen Klientinnen und Klienten. Ein junger Mann schrieb: »Guten Tag Herr Gürber, ich bin sehr erfreut, von Ihnen zu hören. Hatte schon ein paar mal an Sie gedacht. Wie geht es Ihnen? Hoffentlich gut. Natürlich stehe ich Ihnen bei der Erstellung des Buches zur Verfügung, denn meine Entwicklung ist Ihnen zu verdanken.«
Ursula Eichenberger, im Juni 2016
Es regnete in Strömen. Der fünfzehnjährige Hansueli fuhr in Zürich Albisrieden auf seinem Velosolex durch die Nacht, kniff die Augen zusammen, sah kaum etwas. Plötzlich ein Schlag, ein Rumpeln; er hatte die Fußgängerin nicht gesehen, die nun am Boden lag. Mit klopfendem Herzen zog er sie von der Straße aufs Trottoir und stellte erleichtert fest, dass sie nur leicht verletzt war. Doch er kam nicht darum herum, die Polizei zu rufen, die den Unfall aufnehmen musste. Einige Wochen später zitierte ihn ein Jugendanwalt in sein Büro und wollte wissen, ob er zu jenen Burschen zähle, die mit ihrem Töffli durchs Quartier rasen, um den Mädchen Eindruck zu machen. »So ein Schwachsinn«, sagt Gürber fünfzig Jahre später und schüttelt den Kopf, »es weiß doch jeder Trottel, dass man mit einem Solex bei keinem Mädchen punktet!«
Als er zwanzig Jahre später selber Jugendanwalt wurde, wollte er wissen, was in den Köpfen und Herzen junger Menschen vor sich geht. Äußerlich gesehen, blieb er immer ein bisschen einer von ihnen: ausgebeulte Jeans, verwaschenes T-Shirt, Bart, lange Haare, Fransen. Riefen die Konventionen danach, wechselte er das farbige T-Shirt hin und wieder gegen ein weißes aus und schlüpfte auch mal murrend in ein Jackett. Bis heute glimmt oft eine Zigarette in seiner Hand, und häufig ist er auf seinem großen Töff unterwegs, den er in Zürich mitunter an Orten abstellt, wo nach seiner Rückkehr ein 120-Franken-Strafzettel am Lenker baumelt.
Zu Hause betreibt er eine Kakerlaken- und Mäusezucht, um seine große Leidenschaft zu füttern: die beiden Boas, die in der ehemaligen Sauna hausen, und die übrigen hundert Reptilien. Bis zur Pensionierung als Leitender Jugendanwalt der Stadt Zürich Anfang September 2014 hing in seinem Büro der Plastikschädel eines afrikanischen Elefanten; im Wartezimmer stand ein Terrarium mit Schlangen.
Damals war Kiffen angesagt. Es war eine heimliche Sache. Zwei-, dreimal habe auch ich mitgemacht.
Es gab noch eine andere Geschichte: Ich spielte intensiv Handball, war ein guter Torhüter und hätte durchaus in höheren Ligen mithalten können, wenn ich nicht mit sechzehn Jahren zu wachsen aufgehört hätte. So blieb ich zu klein. Aber ich liebte diesen kampfbetonten und auch etwas schlitzohrigen Sport. Einmal waren wir in Amsterdam an einem Turnier. Amsterdam ist ja eine sehr spannende Stadt, vor allem der Rotlichtbezirk faszinierte uns. Es ging dann weiter nach Rotterdam, das uns im Vergleich extrem stier vorkam. Wir langweilten uns, und irgendwann begannen wir mit Ladendiebstählen. Wir kamen wie in einen Rausch und waren einen ganzen Nachmittag lang unterwegs.
Vor allem Kleider, und zwar stinkfrech. Wir zogen in der Umkleidekabine eine neue Jeans an, darüber unsere alte Hose, und verließen so den Laden. Selbst wenn die neue Jeans zu lang war und unten rausschaute, blieben wir cool. Noch heute erschrecke ich ob unserer Dreistigkeit.
Aus unserem Frust, unserer Langeweile. Wir machten einfach immer weiter. Alle Bedenken waren weg. Hätte man uns geschnappt, wären wir in der Kiste gelandet. Wenn so etwas einmal passiert, ist man aber noch lange kein Verbrecher. Hinterher war uns überhaupt nicht mehr wohl, wir hatten ein furchtbar schlechtes Gewissen, und es war auch das letzte Mal, dass ich so etwas tat. Für meine späteren Berufe als Bezirksanwalt, Bezirksrichter und Jugendanwalt war es aber eine gute Erfahrung. Eben zu wissen, dass nicht jeder, der einmal klaut, grad zu einem Verbrecher wird. Und dass fast alle Jugendlichen, die solche Straftaten begehen, damit von selber wieder aufhören, auch wenn sie nie erwischt worden sind.
Ich hatte schon vorher im Gymnasium eine »Klau-Phase« gehabt. Damals aßen wir nicht mehr in der Kantine zu Mittag, sondern kauften uns etwas in einem Laden. Irgendwann hielt einer einen Salami in die Luft und ließ ihn in die Jackentasche gleiten. Weg war er. Bezahlt wurde nicht. Ab dann war klar: Gingen wir in diesen Laden, klauten wir etwas, das gehörte fest dazu. Manchmal war es ein Glace, das wir gleich zwischen den Gestellen verschlangen, andere Dinge ließen wir mitgehen. Als einer von uns erwischt wurde, hörten wir alle sofort auf. Übrigens ist der Erwischte später freisinniger Gemeinderat geworden.
* 1998, Kantonsschülerin, jüngere Tochter aus Hansueli Gürbers außerehelicher Beziehung
»Mein Vater wirkt immer selbstsicher und bestimmt. Oft muss er gar nicht viel machen, um sich durchzusetzen. Man nimmt Dinge, die von ihm kommen, leicht an und hinterfragt wenig. Seine autoritäre Seite verpackt er in Charme. Vielleicht ist das auch ein Schutz. Denn er fühlt sich schnell angegriffen und zurückgewiesen. Wenn man mit ihm diskutiert und gegensätzliche Standpunkte vertritt, macht er zwar kleine Zugeständnisse, doch dann kommt meistens gleich auch das große Aber.
Wir sprechen selten über Persönliches, reden eher über Fakten, über die Schule, Politik oder Theater. Das einzige Persönliche, worüber wir immer wieder diskutieren, ist sein Rauchen. Bereits im Kindergarten lernte ich, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist. Ich sprach ihn unzählige Male darauf an, und immer wieder versprach er mir, damit aufzuhören. Dass er sein Versprechen nie gehalten hat, ist schlimm für mich.
Als ich acht Jahre alt war, hatte er eine Bypass-Operation. Danach war vieles anders. Damals wurde ihm bewusst, dass er etwas versäumt hatte mit seiner zweiten Familie. Ab da sahen wir ihn häufiger. Heute habe ich eine ganz eigene Beziehung zu ihm. Wir haben zum Beispiel ein gemeinsames Schauspielhaus-Abo.« //
Das Gymnasium war für mich tatsächlich keine einfache Zeit. Bereits durch die Probezeit rutschte ich mit der Minimalnote, und daran sollte sich während der ganzen sechseinhalb Jahre nichts ändern; ich war immer knapp genügend. Schließlich kam es zu Hause zu einer stillschweigenden Abmachung. Ich hörte auf, meine Noten bekannt zu geben, damit keine permanente Unruhe aufkam. Mein Vater, selber Lehrer, akzeptierte das. Mir war aber absolut klar, dass ich auf keinen Fall ins Provisorium rutschen durfte, denn ich erlangte mit dieser Regelung eine große Selbständigkeit und mit zunehmendem Alter auch Freiheiten, die ich nicht aufs Spiel setzen wollte. Unter diesem Druck, für den ich meinem Vater durchaus dankbar bin, überstand ich die Zeit im Gymnasium und schaffte die Matur. Aber ich wurde wohl auch ein Stück weit zu einem Einzelkämpfer.
Es gab eine Zeit, in der ich mehrere Male mit dem Tod konfrontiert war. Zuerst erkrankte meine Gotte mit dreißig Jahren an Brustkrebs. Der Tumor war so spät diagnostiziert worden, dass ihr die Ärzte nur noch zwei Jahre gaben. Die Voraussage bewahrheitete sich fast auf den Tag genau. Ihre Krankheit trug sie mit Stärke und Zuversicht. Ich kann mich nicht erinnern, sie auch nur einmal klagen gehört zu haben. Zur selben Zeit erkrankte auch eine Nachbarin in unserem Haus an Krebs. Bis zum letzten Tag durfte niemand in ihrer Umgebung vom Sterben sprechen, sie wollte das einfach nicht wahrhaben. Kurz darauf starb auch meine Großmutter. Sie verbrachte die letzten zwei Wochen bei uns und lag in meinem Bett – ganz ruhig. Sie konnte nicht mehr sprechen, zeigte aber mit den Augen ihre Dankbarkeit, wenn wir ihr Wasser einflößten und den Belag von der Zunge entfernten. Die Leidenszeit und das Sterben dieser drei Frauen waren für mich als Zwölfjährigen belastend und eindrücklich zugleich. Ich stellte fest, dass die Ruhe, mit der vor allem meine Gotte langsam dem Tod entgegenging, wertvoll für mich war. Ich glaube, dass es etwas vom Wichtigsten und Schönsten ist, wenn wir unseren Kindern und unserer Umgebung mitgeben können, in Würde und Vertrauen zu sterben.
Ja, mit zwei Jahren kam ich vor der Geburt meiner Schwester für drei Monate in ein Kinderheim, weil ich den Keuchhusten hatte und eine Gefährdung für sie war. Dort galt damals die Regel, dass Eltern ihre Kinder nicht besuchen sollten. Man fürchtete schwierige Abschiede und Heimweh. Das Resultat war, dass ich meine Eltern nach drei Monaten kaum mehr erkannte. Zu Hause traute ich mich nicht mehr allein über die Schwelle meines Kinderzimmers, weil es im Heim verboten war, das Zimmer selbständig zu verlassen. Erst viele Jahre später wurden mir die drastischen Auswirkungen dieses Heimaufenthaltes bewusst: dass ich zum Beispiel in Panik geriet, wenn meine Eltern uns Kinder während eines Einkaufs kurz im Auto warten ließen – ich befürchtete, sie würden den Laden durch die Hintertür verlassen. Dass ich als Zehnjähriger mit einem Beinbruch im Spital das ganze Personal nervte, weil ich immerzu weinte. Dass mich auch sonst Trennungen und Abschiede verzweifeln ließen. Und dass ich bis zur sechsten Klasse Bettnässer war, dürfte seinen Grund wohl ebenfalls in diesem frühkindlichen Erlebnis haben. In meinem Berufsleben war ich dankbar für diese Erfahrungen, weil ich wusste, dass solche Ereignisse lange Zeit nachwirken können. Das half mir, Jugendliche mit ähnlichen oder noch viel schlimmeren Erlebnissen zu verstehen und ihnen Wege aus ihrer verkorksten Situation aufzuzeigen.
Ja, sogar stark. Die Jungen im westlichen Europa hatten die Achtung vor der älteren Generation verloren, sie forderten eine friedliche und gerechtere Welt und vor allem eine freiheitlichere. Die Überzeugung, solche Veränderungen herbeiführen zu können, war riesig. Sie mutet aus heutiger Sicht etwas naiv an, aber damals herrschte eine Aufbruchstimmung, der ich mich weder entziehen wollte noch konnte. Dass etwas Revolutionäres kommen würde, war für viele klar. Wir diskutierten bereits die Frage, wie sich die Schweizer Armee im Falle einer Revolution verhalten würde. Es kam dann zum Glück nicht ganz so weit, aber die 68er-Bewegung bewirkte in unserem Zusammenleben viel. Sie brachte zwar nicht den Weltfrieden, nicht eine gerechtere Verteilung des Reichtums, aber viele Fortschritte im täglichen Zusammenleben. Mit ihr gewann die Frauenbewegung an Kraft, viele gesellschaftliche Normen wie Kleidervorschriften oder die angebrachte Verhaltensweise für Sonntage, für den Umgang mit dem anderen Geschlecht sowie jenen mit Autoritäten wurden mit List und Lust und Freude verletzt und schließlich zu einem großen Teil eliminiert. Wir erlangten so eine noch nie da gewesene, faszinierende Freiheit, von der die nachfolgenden Generationen ganz selbstverständlich profitierten.
Ja, aber immer mit etwas Abstand. Ich erinnere mich, dass ich einmal an einer Werbeveranstaltung der neu entstandenen Gruppe Kritische Juristen Zürich teilnahm. Es sprach ein etwa vierzigjähriger langhaariger Mann, der mir wie ein Guru vorkam. Klar und deutlich sagte er, dass die Gruppe nicht bereit sei, mit neuen Mitgliedern grundsätzliche Fragen nochmals zu diskutieren. Das war für mich Grund genug, nicht mehr hinzugehen, denn ich wollte alles diskutieren und reflektieren und keinerlei Schranken vor mir haben. Und links ist man ja wohl auch, wenn man nicht versteht und nicht akzeptieren will, dass einige bei uns in einem Monat Millionen verdienen und andere, die auch voll arbeiten, nur so viel, dass es gerade zum Leben reicht.
* 1988, Optikerin, Mutter von vier Kindern, ältere Tochter aus Hansueli Gürbers außerehelicher Beziehung
»Von uns fünf Kindern haben drei geklaut, unter anderen ich. Wir haben einige Male wirklich viel geboten. Papi hat aber immer super reagiert. Als ich erwischt wurde, sagte er: ›Mist, dies muss das letzte Mal sein, dass du so etwas tust; aber du wirst sehen, das sind wichtige Erfahrungen im Leben.‹ Der Vater meines ersten Kindes war ein Klient meines Vaters.
Vor einigen Jahren war ich mit meinem Vater in Afrika. Das war eine super Erfahrung. Ich hatte lange einen Freund, der meinem ersten Kind ein großer, liebevoller Bruder war. Kurz vor der Reise lernte ich einen anderen Mann kennen, der heute mein Ehemann ist. Darüber sprach ich mit meinem Vater, und es war mir eine große Hilfe. Papi und er mögen sich sehr, auch mein Mann hat eine große Selbstsicherheit und eine gewisse Überheblichkeit. An unserer Hochzeit hat Papi ihm eine riesige Liebeserklärung gemacht.
Mein Vater ist dominant, ordnet sich nicht gern unter, hat gern die Kontrolle und auch das Sagen. Ich würde ihn auch als etwas egoistisch bezeichnen, aber nicht auf eine böse Art. Doch vor allem ist er ein sehr interessierter, liebevoller Mensch.« //
Zuerst hatte ich keine Ahnung, was ich studieren könnte. Mein Vater riet mir immer, »zur Sicherheit« Lehrer zu werden. Also schrieb ich mich für das Sekundarlehrerstudium mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung ein. Nach einigen Wochen merkte ich aber, dass weder mein Talent noch mein Interesse am Lehrerberuf groß genug waren. Während einer Chemievorlesung floh ich mit einem Kollegen ins Sekretariat, um zu sehen, was für Studienrichtungen es sonst noch gab. Nach Durchsicht der Listen kamen eigentlich nur Nationalökonomie und Rechtswissenschaften infrage. Weil mich die Wirtschaft nie sonderlich interessiert hatte, wurde ich halt Jurist.
Nun ja. Ich stellte mir zwar immer liebevoll den Studienplan zusammen, hatte aber mit den Vorlesungen nicht besonders viel am Hut. Wirklich häufig tauchte ich an der Uni nicht auf, ich hatte mehr Lust, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Bei einem Gemüsehändler war ich als Rüster und Chauffeur tätig; später als Auslieferer und Blätterteighersteller in einer großen Bäckerei. Beides waren harte Jobs. Arbeitsbeginn war morgens um drei oder fünf Uhr. Einen fünfzig Kilo schweren Kartoffelsack herumzuschleppen, würde ich heute nicht mehr schaffen. Aber ich genoss es, endlich mein eigenes Geld zu haben. Die andern Arbeiter waren fast ausschließlich Spanier und Italiener, die sich wohl ihr ganzes Leben so abrackern mussten. Die Zusammenarbeit mit ihnen war schön und eindrücklich. Jedenfalls war mir danach immer bewusst, wie privilegiert ich war. Daneben hatte ich genügend Zeit, mich in Cafés mit Freunden und Kollegen zu treffen. Wir verschlangen alles, was an Zeitungen und Zeitschriften auflag, und waren politisch immer auf dem neuesten Stand. Erst in den letzten eineinhalb Jahren vor den Prüfungen lernte ich fast jeden Tag in der Zentralbibliothek. Letztlich schloss ich das Studium erfolgreich ab.
Vorerst liebäugelte ich damit, eine Dissertation zu schreiben. Ich wollte die Praxis der Kantone bei der Gewährung der bedingten Entlassung von Gefangenen vergleichen. Deshalb bewarb ich mich für ein Praktikum in der Strafanstalt Regensdorf, bekam es und arbeitete als Hilfsaufseher. An den ersten Tag erinnere ich mich noch ganz genau. Die Strafanstalt war ja schon damals ziemlich alt. Am Ende eines langen Ganges mit den Büros des Direktors, seines Adjunkten, der Sozialarbeiter und der sonstigen Verwaltungsmitarbeitenden gelangte man durch eine Tür direkt in den Zellenbau. Als diese erstmals hinter mir zufiel, wurde mir bewusst, dass ich mich jetzt inmitten von rund 300 Straftätern befand, auch von Mördern und Räubern. Ich weiß noch, was mir in jenem Moment durch den Kopf ging: »Jetzt musst du aufpassen, wer hinter dir hergeht.«
Ich habe in der Strafanstalt viele liebenswürdige Menschen kennen gelernt. Dass man auch jene, die schwerste Verbrechen begangen haben, nicht nur auf die Tat reduzieren kann, habe ich dort zur Genüge erfahren. Nach sechs Monaten war mein Stage beendet, ich war dann aber noch während drei Jahren als Rechtsberater der Insassen tätig. Einmal in der Woche fuhr ich nach der Arbeit am Gericht in die Strafanstalt und suchte die Gefangenen auf, die sich bei mir angemeldet hatten. Dabei ging es längst nicht immer nur um rechtliche Fragen, sondern häufig auch um private Probleme oder grundsätzlich darum, überhaupt mit einer außenstehenden Person reden zu können. Einzelne Klienten sah ich regelmäßig, stellte mit der Zeit auch meinerseits Fragen und erfuhr so einiges über das Leben im Gefängnis aus Sicht der Gefangenen. Bei der Arbeit in der Strafanstalt habe ich in Sachen Umgang mit Menschen wohl am meisten gelernt.
Die Heroinzeit war angebrochen, der Zürcher Platzspitz wurde zum Zentrum der Drogensüchtigen, und so hatte ich mich als Bezirksanwalt vor allem mit Drogendelikten zu befassen, also mit Diebstahl, Raub und Drogenhandel. Da ging es um deutlich mehr als nur ums Strafen, nämlich um Resozialisierung. Mit solchen Maßnahmen beschäftigte ich mich gern.
Ja, das klingt vielleicht seltsam, aber bei Drogenabhängigen geht es immer um ganz grundsätzliche Fragen, um Sinnfragen. Weshalb soll einer die Hände von den Drogen lassen, wenn er in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht?
Zu den anstrengendsten und belastendsten gehörte die »Brandtour«. Man war eine Woche lang auf Pikett und musste Tag und Nacht ausrücken: bei Unfällen, Kapitalverbrechen, außergewöhnlichen Todesfällen und Selbsttötungen. Es gibt viele Orte in Zürich, die für mich seither mit eindrücklichen und meist traurigen Geschichten verbunden sind. Beispielsweise die Wohnung, in der ein alter Pianist allein im Bett eines natürlichen Todes gestorben war, an den Wänden verblichene Zeitungsartikel aus seinen längst vergangenen erfolgreichen Tagen. Ich erinnere mich an die Spuren eines Mannes, der sich in einem Keller zweimal erfolglos umzubringen versuchte, ehe es ihm schließlich durch Erhängen gelang. Ich sehe auch noch die junge Frau vor mir, die sich zu den Klängen eines schönen, aber traurigen Liedes in ihrer Wohnung das Leben genommen hatte. Und ich erinnere mich an die Stelle, an der ein junger Mann bei einem Motorradunfall ums Leben kam, weil ihn ein abbiegender Autolenker übersehen hatte, der sein Kollege war. Ja, bei dieser Arbeit stand ich mitten in Auseinandersetzungen und mitten im Leben.
Moritz Leuenberger, der damals Zürcher SP-Gemeinderat und Nationalrat war, fragte mich an, ob ich mich als Kandidat fürs Bezirksgericht aufstellen lasse. Der Entscheid fiel mir ehrlich gesagt nicht leicht. Andererseits war mir klar, dass ich nicht immer Bezirksanwalt bleiben wollte. Und ob ich nochmals für einen Richterposten angefragt würde, war ja nicht sicher. So stellte ich mich zur Verfügung und wurde gewählt.
Das Richterdasein bringt zwar viel Sozialprestige mit sich, aber es war – rückblickend gesehen – nicht mein Ding. Ich versuchte zwei Jahre lang, mich zu arrangieren, wurde aber nicht wirklich glücklich. Richter üben eine stark ritualisierte Arbeit aus. Sie sitzen oben, die Angeklagten unten. Die Weichen sind vor der Verhandlung meist schon gestellt. Mir liegt eher die Vermittlerrolle, die ich schon zu Kinderzeiten mochte, wenn ich bei Streitereien zwischen meinen Eltern und den Geschwistern schlichten konnte. Um eine Lösung zu ringen, machte mir immer Freude. Mir war es stets wichtig, einen Job zu haben, der mich als Menschen ganzheitlich forderte.
Natürlich stellte ich mir damals die Frage, ob ich den Abbruch meiner klassischen juristischen Karriere eines Tages bereuen würde. Andererseits hatte ich mir während meiner Tätigkeit in Regensdorf, als ich Gefangene an die Gerichtsverhandlungen vor Obergericht begleitet hatte, geschworen, nie Oberrichter zu werden. Mir war die Distanz zwischen Richtern und Angeklagten zu groß. Ich wusste, dass mich die Tätigkeit als Jugendanwalt wieder in die Niederungen des menschlichen Alltags und damit ins Leben zurückführen würde. So entschloss ich mich 1985 zum Wechsel. Und ich habe ihn 29 Jahre lang nicht eine Sekunde bereut.
* 1983, Tierpfleger, Sozialpädagoge, jüngster Sohn aus Hansueli Gürbers Ehe
»98 Prozent meiner Kollegen waren Stammgäste meines Vaters. In meiner Klasse waren drei Schweizer, die anderen kamen aus Italien oder vom Balkan. Meine Kollegen hatten größten Respekt vor meinem Vater. Er nimmt jeden so, wie er ist. Er respektiert die Person unabhängig von ihrem Handeln. Viele meiner Kollegen haben großen ›Seich‹ gemacht, hatten das Herz aber auf dem rechten Fleck. Das erkannte mein Vater und förderte sie.
Ich selbst produzierte auch immer wieder mal Zwischenfälle und musste auch vor Jugendgericht antraben. Mein Vater war mein Anwalt. Ich hatte mein Töffli frisiert und vom Statthalter eine Buße erhalten, weil er davon ausgegangen war, kein Jugendstrafrecht anwenden zu müssen. Mein Vater erhob Einsprache, weil er klar anderer Meinung war und forderte, dass ich für die Übertretung nur mit einem Verweis zu bestrafen sei. Das sah das Gericht dann auch so.
